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Serenus Zeitblom - Protagonist in Thomas Manns "Doktor Faustus"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Serenus Zeitblom
2. 1 Biographischer Überblick
2. 2 Die Funktion von Serenus Zeitblom im Roman
2. 3 Die Sprache Zeitbloms
2. 4 Das Verhältnis zwischen Leverkühn und Zeitblom
2. 5 Thomas Mann und Serenus Zeitblom

3. Schlussbemerkungen

4. Bibliographie:
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit wird ein Protagonist des Romans Doktor Faustus von Thomas Mann unter verschiedenen Gesichtspunkten näher betrachtet.

Das Alterswerk oder auch die nach Thomas Mann selbst ernannte „Lebensbeichte“[1] begann der Autor mit 67 Jahren im Exil in Kalifornien zu schreiben. Es kostete ihn viel Kraft und Anstrengung, selbst sagte er dazu, dass seine Krebserkrankung

„dem Werk zur Last zu legen [ist], das wie kein anderes an mir gezehrt und meine innersten Kräfte in Anspruch genommen hat“[2] Der 700seitige Roman wuchs schließlich zu einem Konstrukt von überlappenden Zeitebenen, Anspielungen und montierten Persönlichkeiten und Sachverhalten an.

Der Erzähler Serenus Zeitblom übernimmt in diesem Werk eine Schnittstellenfunktion, er fügt Zeitstränge und Handlungsebenen zusammen, fungiert als Biograph, übernimmt die Rolle des humanistischer Bildungsbürgertums im Roman und soll nicht zuletzt laut Thomas Mann für die „Durchheiterung des düsteren Stoffes“[3] sorgen.

Ziel dieser Arbeit ist es nun, die Biographie, die Funktionen, das Wesen und die Sprache des Erzählers Serenus Zeitblom klar herauszustellen, sowie seine Beziehung zu Adrian Leverkühn zu analysieren.

2. Serenus Zeitblom

2. 1 Biographischer Überblick

Im zweiten Kapitel des Romans erfolgt eine kurze Beschreibung der Familienverhältnisse von Zeitblom, sowie ein Vorgriff auf seinen späteren Werdegang. Zeitblom selbst begründet die Knappheit der Ausführungen über seinen Lebensweg und die „sonderbare Verzögerung“[4] dieser mit seiner stetig vorherrschenden Bescheidenheit und der Zurücknahme seiner Person. „Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht meine Person in den Vordergrund zu schieben“.[5]

Serenus Zeitblom wird 1883 als ältestes von vier Kindern in Kaisersaschern an der Saale, einer vom Autor fiktiv gewählten Stadt, geboren. Auch Adrian Leverkühn verbringt dort einen Großteil seiner Kindheit und Jugend. Dies und die Bekanntschaft der beiden Familien sind die Basis für die Freundschaft der beiden Charaktere. Trotz der Konfessionsunterschiede, Leverkühns Familie ist im Gegensatz zu den Zeitbloms protestantisch, stehen beide Familien in einer engen Beziehung zueinander.

Während des Verfassens der Biographie ist Zeitblom 60 Jahre alt, da die Gegenwart des Romans 1943 spielt.[6]

Der Erzähler stammt aus einer bürgerlichen, katholischen Familie, der Vater Wolgemut Zeitblom führt eine Apotheke, „die bedeutendste am Platze“.[7] Seine Mutter bezeichnet er als „eine fromme Tochter der Kirche.“[8]

Der Erzähler betont, dass er eine „gesunde, human temperierte, auf das Harmonische und Vernünftige gerichtete Natur“[9] habe und deutet im weiteren Verlauf an, dass er eine Beziehung zu den schönen Künsten pflegt, speziell zur Musik. Er spielt die Viola d` amore, eine Geige mit sechs Seiten. Diese Notiz gibt dem Leser bereits hier ein Bild von Zeitblom, denn diese Geige ist ein veraltetes Instrument, leise und wenig expressiv, wie ihr Benutzer. Thomas Mann wählte das Streichinstrument demzufolge nicht zufällig, sondern um das Wesen Zeitbloms bereits zu Romanbeginn geschickt zu kennzeichnen.

Zeitblom studiert nach der Schulzeit die klassischen Sprachen an den Universitäten in Gießen und Jena. Später wechselt er nach Leipzig und Halle, da der zwei Jahre jüngere Leverkühn dort zu studieren beginnt. Nach dem Ablegen des Staatsexamens begibt er sich auf eine eineinhalbjährige Studienreise nach Italien und Griechenland. Anschließend bekommt er eine Anstellung an dem Gymnasium seiner Heimatstadt und lehrt dort Latein, Griechisch und Geschichte. Inzwischen heiratet er, seinem puren „Ordnungsbedürfnis und [dem] Wunsch nach sittlicher Einfügung ins Menschenleben“[10] nach Helene, geb. Ölhafen. Mit ihr hat er drei Kinder, die Tochter Helene und zwei Söhne.

An Ostern 1913 wechselt er in den bayrischen Schuldienst und unterrichtet in Freising zum einen als Gymnasialprofessor, zum anderen als Dozent an der theologischen Fakultät mehr als zwei Jahrzehnte lang. Dieser Umzug hängt zusammen mit Leverkühn, welcher sich im bayrischen Pfeiffering zurückzieht.

Im ersten Weltkrieg dient Zeitblom als einziger seines Bekanntenkreises als Rittmeister, 1915 jedoch erkrankt er an einer Infektion und kommt nach einem Aufenthalt in einem Erholungsheim im Taunus wieder nach Freising, um an seinem „alten Ort der Aufrechterhaltung des Bildungswesens“[11] zu dienen.

Um 1934 lässt er sich in den Ruhestand versetzen und beginnt am 23. Mai 1943, drei Jahre nach Leverkühns Tod, mit dem Schreiben der Biographie. Zeitblom fängt am gleichen Tag zu schreiben an wie Thomas Mann.[12] Hier wird der erste enge Zusammenhang zwischen Mann und Zeitblom deutlich. 1945 beendet Zeitblom die Arbeit an der Biographie zeitgleich mit dem Ende des zweiten Weltkrieges.

2. 2 Die Funktion von Serenus Zeitblom im Roman

Serenus Zeitblom verfasst auf den ersten Blick die Biographie seines langjährigen Freundes Adrian Leverkühn. Er schreibt über dessen Leben, steht demzufolge über dem Stoff. Aber dieser Stoff steht im nah, seine innere Beteiligung daran ist sehr stark, demzufolge steht er ebenso im Stoff. Für ihn als Romangestalt ist der Gegenstand lebendige Gegenwart, in deren Problematik er involviert ist. Zeitblom ist deswegen von seinem Stoff unmittelbar ergriffen, er fühlt sich verpflichtet zu Rechtfertigungen und Stellungnahmen. Dies führt zu einer Darstellung in dramatischer Bewegtheit.[13]

Serenus Zeitblom wird zunächst als pensionierter, einflussloser, sonderbarer und biederer Biograph dargestellt. Dieser Eindruck manifestiert sich in den ersten Kapiteln. Im weiteren Verlauf jedoch wird deutlich, dass sich allein auf seinen Bericht der Leseeindruck von Leverkühns Leben, Umgebung und seinem konfliktreichen Künstlerdasein gründet. Zeitblom wächst von der vorerst einflusslosen Randfigur zu einem zweiten Helden[14], denn in ihm steckt ein kenntnisreicher Kunstkritiker, ein zynischer Beobachter und nicht zuletzt ein wahrer Schriftsteller.

Schon früh traf Thomas Mann die Entscheidung, einen Erzähler einzuschalten, dieser besitzt nach Mann im Roman drei Funktionen.

Zunächst ist Zeitblom als „Medium des Freundes“[15] ein fiktiver Biograph. In der „Entstehung des Doktor Faustus“ schreibt Mann dazu: „ Das Dämonische durch ein exemplarisch undämonisches Mittel gehen zu lassen, eine humanistisch fromme und schlichte, liebend verschreckte Seele mit seiner Darstellung zu beauftragen, war an sich eine komische Idee, gewissermaßen entlastend, denn es erlaubt mir, die Erregung durch alles Direkte, Persönliche, Bekenntnishafte, das der unheimlichen Konzeption zu Grunde lag, ins Indirekte zu schieben [...].“[16] Zeitblom ist somit eine Entlastung für den Autor, denn dessen eigene Ansichten, insbesondere bezüglich der nationalsozialistischen Geschehnisse, werden durch Zeitblom als Mittler transportiert und somit nicht direkt auf den Autor bezogen.

Die zweite Funktion besteht darin, dass der Erzähler Zeitblom eine „Durchheiterung des düsteren Stoffes“[17] erzielen soll. Der Inhalt des Romans wird dadurch für den Leser erträglicher. Genau heißt dies, dass durch Zeitbloms relativ nüchterne und für den Verstand erfassbare Erzählweise der Leser die irrationalen, dämonischen Züge im Buch versteht und lernt damit umzugehen. Als Beispiele sind hier die mysteriösen Arztbesuche und der Teufelspakt zu nennen, welche für den Verstand des Lesers irrational sind, ihn zweifeln lassen würden, doch durch Zeitbloms Erzählweise relativiert werden und nicht mehr so abstrus wirken.

Die dritte Funktion besteht schließlich darin, dass der Autor die Möglichkeit gewinnt, seine Erzählung auf doppelter Zeitebene spielen zu lassen. Zeitblom ist nicht nur Biograph, sondern auch eine aktiv am Romangeschehen beteiligte Romanfigur. Thomas Mann kann durch Zeitblom die Zeit, von der er schreibt, mit der Zeit, in der er schreibt, in Beziehung setzen lassen.[18] Ohne Zeitblom könnte Thomas Mann das Leben Leverkühns, welches schon 1940 endet, nicht mit den gegenwärtigen Ereignissen in Deutschland, den Schrecken des Nationalsozialismus, in Verbindung setzen.

Zeitblom ist als Erzähler die Schnittstelle verschiedener Ebenen, vor allem verschiedener Romanebenen. Der Untertitel Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde lässt den Leser vermuten, dass es sich um eine Biographie und einen Künstlerroman handelt. Dies allerdings ist nur ein Teil des Romans, denn er ist gleichzeitig ein Deutschlandroman[19] und ein Gesellschaftsroman[20]. Der Deutschlandroman beschäftigt sich vor allem mit den Diskussionen im Kridwiß- Kreis und den Disputen während einer Wanderung von Zeitblom, Leverkühn und Kommilitonen in der Studienzeit. Ebenfalls fallen in diese Kategorie die Beschreibungen von Kaisersaschern. Der Gesellschaftsroman zeigt sich in der Studienzeit Leverkühns in Halle und Leipzig, sowie in der Münchner Gesellschaft, in welcher die Freunde verkehren. Durch den Deutschland- und Gesellschaftsroman soll die Entwicklung Deutschlands zum Nationalsozialismus erklärt werden. Der Teufelspakt und das dazugehörige Faust- Motiv ziehen sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, deswegen kann der Roman auch als Faustroman bezeichnet werden. Der Teufel tritt an verschieden Stellen immer wieder auf, als Fremdenführer in Leipzig, welcher Leverkühn zu Esmeralda bringt, oder als Dozent Schleppfuß.[21]

[...]


[1] Hage (1976) S. 92

[2] Mann (2002) S. 681

[3] Mann (2002) S. 697

[4] Mann (2008) Kap II. S.11

[5] Mann (2008) Kap I. S. 7

[6] Mann (2008) Kap. I. S. 7

[7] Mann (2008) Kap II. S. 12

[8] ebd.

[9] Mann (2008) Kap. I. S. 8

[10] Mann (2008) Kap. II. S. 15

[11] Mann (2008) Kap. XXXI. S. 416

[12] Mann (2002) S. 696

[13] Metzler (1960) S. 18

[14] Hermanns (1976) S.291

[15] Mann (2002) S. 697

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] Metzler (1960) S. 6

[19] Neumann (2001) S. 143

[20] Hasselbach (1994) S.79

[21] Kurzke (1985) S. 276- 278

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640333394
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127018
Schlagworte
Serenus Zeitblom Protagonist Thomas Manns Doktor Faustus

Autor

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Titel: Serenus Zeitblom - Protagonist in Thomas Manns "Doktor Faustus"