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Der mediale Umgang mit dem Dritten Reich in den 50er Jahren - am Beispiel der Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus der Münchner Illustrierten von 1956

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Auseinandersetzung mit dem dritten Reich im Kontext der 50er Jahre

3. „Nachts, wenn der Teufel kam“ – eine Artikelserie zum Fall Bruno Lüdke
3.1 Die Münchner Illustrierte und der Autor Will Berthold
3.2 Die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich in der Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir enthüllen den größten Mordfall der Kriminalgeschichte, die ‚Geheime Reichssache Lüdke‘“, schreibt die Münchner Illustrierte in ihrer 41. Ausgabe vom 13. Oktober 1956. Gleichzeitig verspricht sie in ihrer Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“ schonungslose Aufklärung über den „größten Massenmörder der Kriminalgeschichte – geschehen in Deutschland, in den Jahren 1924 bis 1943“. Gestützt auf Akten der „Geheimen Reichssache Lüdke“ präsentiert der Autor Will Berthold dem Leser den Fall des angeblichen Massenmör- ders Bruno Lüdke, der allein deswegen bis dato unbekannt war, weil „seine Taten nicht in das Bild vom ‚Ordnungsstaat Deutschland‘ passten, weil er, der Verbrecher, die Polizei zwei Jahrzehnte hindurch an der Nase herumgeführt hatte. Die Machthaber des Dritten Reiches unterdrückten die Wahrheit“ (MI 41, S. 15-16).

Bruno Lüdke war ein vermeintlicher Massenmörder, der zwischen 1924 und 1943 53 (zeit- weise 84) Menschen umgebracht haben soll. Er wurde 1943 gefasst und gestand den Akten zur Folge ihm sämtliche zur Last gelegten Morde. Bruno Lüdke wurde jedoch nie rechtskräf- tig verurteilt, sondern 1944 in Wien still und heimlich „liquidiert“. Der Fall Bruno Lüdke wurde 1956 durch die Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und manifestierte, zusammen mit dem auf der Artikelserie basierenden Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1958) von Robert Siodmak, das Bild vom Massenmör- der Lüdke in der Öffentlichkeit. Tatsächlich steht heute fest, dass Bruno Lüdke nach krimina- listischen Erkenntnissen unschuldig ist (Regener 2001: 10-11).

Die Auseinandersetzung mit dem Fall Lüdke in der Münchner Illustrierten bildet den Rahmen dieser Arbeit. Medien konzentrieren sich in vielen Belangen auf die Bedürfnisse und Geistes- haltung seiner Konsumenten, versuchen diese aufzunehmen, zu transportieren und schließlich zu befriedigen. Im Folgenden soll die Rezeption der Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“ exemplarisch klären, welches Geschichtsbild konstruiert und wie sich damit auseinan- dergesetzt wurde. Was ist das inhärent charakteristische bei dieser Auseinandersetzung? Folg- lich bedarf es zunächst einer Untersuchung der gesellschaftlichen und politischen Auseinan- dersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit und den 50er Jahren. Darauf aufbauend soll geklärt werden, ob die Darstellung und die Auseinandersetzung mit dem Nati- onalsozialismus in dieser Artikelserie als symptomatisch für den Umgang mit der nationalso- zialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik der 50er Jahre bezeichnet werden kann.

Die wissenschaftliche Grundlage meiner Ausführungen zum historischen Kontext der Nach- kriegszeit und der 50er Jahre bilden vor allem die Historiker Norbert Frei und Peter Stein- bach. Zu den Illustrierten im Allgemeinen und der Münchner Illustrierten im Speziellen stütze ich mich auf die Medienwissenschaftlerin Petra Löffler und den Rezensenten Wilmot Haacke. Sodann bildet die Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus der Münchner Illustrierten die thematische Grundlage meiner Untersuchung unterstützt durch wissenschaftliche Ausfüh- rungen der Kultur- und Medienwissenschaftlerin Susanne Regner.

2. Die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich im Kontext der 50er Jahre

Die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich ist seit 1945 ein Teil der deutschen Identität und bis heute geprägt von der Gegenwart der Vergangenheit. Von 1945 bis heute gab es eine konstante Auseinandersetzung, die sich der gesellschaftlichen und politischen Transformation stets anpasste und diese dadurch wechselseitig mit veränderte. Die Intensität, die Standpunkte, die Vorstellungen, aber auch der Stil dieser Auseinandersetzungen veränderten, schwankten und wandelten sich (Frei 2005: 7). Im folgenden Kapitel ist der Fokus primär auf die unmit- telbare Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus innerhalb der Bundesrepublik der Nachkriegszeit und der 50er Jahren gerichtet.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist zunächst etwas sehr persönliches, indivi- duelles und subjektives. Es bedeutet zu aller erst, die eigene Rolle und Interaktion mit dem Geschehenen aufzuarbeiten. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit war in diesem Zusammenhang keine Ausnahme, verlief jedoch auf mehreren Ebenen. Die erste Ebene war die bereits genannte persönliche Auseinanderset- zung jedes Einzelnen. Die zweite Ebene war gekennzeichnet durch die von den Alliierten initiierten und geführten Strafprozesse, allen voran die Nürnberger Prozesse als Sinnbild die- ser juristischen Auseinandersetzung und historischen Aufarbeitung. Grundlage dessen war aber auch der „ursprüngliche Wille der deutschen Bevölkerung zur Aufklärung und ‚Selbst- reinigung‘“ (Steinbach 1981: 21). Die Nürnberger Prozesse waren ein wichtiger Aspekt der innerdeutschen Aufarbeitung, bargen aber im öffentlichen Bewusstsein gleichzeitig die Ge- fahr der „Trennung von Täterschaft und angeblicher Mittäterschaft und damit auch die Mit- läufergesinnung, die sich darauf berufen konnte, nicht unmittelbar an Untaten beteiligt gewe- sen zu sein.“ (ebd. 1981: 27). Dennoch waren die von den Alliierten initiierten und dann auch unter deutscher Verantwortung fortgeführten Strafprozesse ein integraler Bestandteil der un- mittelbaren Auseinandersetzung in der Nachkriegszeit. Parallel verlief die, vor allem von den Amerikanern forcierte, Entnazifizierung, die unter anderem die „Entfernung“ aller „Mitglie- der der Nazipartei, die nicht nur nominell in der Partei tätig waren, aller, die den Nazismus und Militarismus aktiv unterstützt haben, und aller anderen Personen, die den alliierten Zielen feindlich gegenüberstehen“ vorsah und grundlegend in die Bildung und das öffentliche Leben eingriff (ebd. 1981: 32).

Alles in allem war die Nachkriegszeit geprägt von der rigorosen, jedoch objektiven und juris- tisch legitimierten Politik und Strafverfolgung der Alliierten, aber gleichermaßen auch von einem starken gesellschaftlichen Diskurs und Interesse. Dieser wurde gefördert und begleitet durch die sich neu entwickelnden Medien, Parteien und andere gesellschaftliche Institutionen (Frei 2005: 28-29). Der Historiker Peter Steinbach beschreibt die Rolle und den Anteil der deutschen Öffentlichkeit wie folgt: „Ohne die Beteiligung deutscher Mitarbeiter und ohne die Hilfe der sich 1945 formierenden politischen Kräfte und sozialen Gruppen konnten die alliier- ten Vorstellungen nicht verwirklicht werden.“ (Steinbach. 1981: 33). Kurz vor der Gründung der BRD 1948 erlebte die anfänglich positiv bewertete Entnazifizierungspolitik der Alliierten einen Umschwung in der Öffentlichkeit. Anlass war nicht nur eine fehlende Homogenität der alliierten Entnazifizierungspolitik in allen Besatzungszonen, sondern auch die, im Kontext des entstehenden Kalten Krieges, Veränderung der politischen Fronten. Dies führte faktisch zu einer Ungleichbehandlung der vom Entnazifizierungsprozess Betroffenen. Die Strafprozesse wurden nun oftmals nach politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Nutzen entschieden, geringe Delikte oder Verstrickungen wurden amnestiert. Diese Amnestien wurden vom Volk- smund auch als „Persilschein“ bezeichnet (Frei 2005: 30-32). In der sowjetischen Besat- zungszone wurde die Entnazifizierungspolitik und die gesellschaftliche Umgestaltung im Kontext der sozialistischen Ideologie wesentlich radikaler und außerhalb eines Rechtsstaates vollzogen. Dadurch wurde in der Deutschen Demokratischen Republik durch die Entfernung der „Nazis“ ein abgeschlossener Prozess suggeriert, demgegenüber ließ die Auseinanderset- zung in der Bundesrepublik solch ein Verständnis nicht aufkommen, da eine viel tiefer ge- hende öffentliche Debatte das Zeitgeschehen dominierte, geprägt durch das Bewusstsein: „Die Mörder lebten noch unter uns“, wie Peter Steinbach resümiert (Steinbach 1981: 37).

Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland spiegelte die Absicht wieder, einen Staat zu verwirklichen, der sich zum einen von seiner Vorgeschichte positiv abgrenzte und zum ande- ren gleichzeitig auch die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit suchte (Frei 2005: 30). Innerhalb dieser Konsolidierungsphase wurde versucht, ehemalige Nati]onalsozialisten in das politische System zu integrieren, was nicht selten zu öffentlichen Diskursen und Debatten führte, da diese Integration dem Historiker Norbert Frei nach häufig als „Schlussstrich“ be- wertet wurde (ebd. 2005: 31). Im Kontext des Kalten Krieges und in der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders wurden diese Debatten jedoch häufig von Anforderungen des Zeitge- schehens und der gesellschaftlichen Entwicklungen überlagert. Parallel dazu entstanden neue Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft, die wiederum neue Fragen aufwarfen, wel- che „Ausdruck eines Verdrängungswillens waren.“ (Steinbach 1981: 42). So wurde nun auch auf die Verbrechen Stalins und der Alliierten hingewiesen, die Frage nach positiven Aspekten der NS-Zeit gestellt oder die Legitimation der Kollektivschuld hinterfragt (ebd. 1981: 42). Der Historiker Peter Steinbach bezeichnet die Diskussion Anfang der 50er Jahre als gekenn- zeichnet durch ihre „Ambivalenz, ihre Stellung zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ (Steinbach 1981: 42). Auf der einen Seite stand der staatliche Neubeginn und die Konsolidie- rung einer demokratisch-freiheitlichen Verfassungsordnung und damit eng verbunden auch die Eingliederung in die westliche Staatengemeinschaft. Auf der anderen Seite galt es, das Millionenheer der ehemaligen Nationalsozialisten, der Mitläufer, aber auch der Flüchtlinge und der nationalsozialistischen Opfer in den neuen Staat zu integrieren. Diese „bestimmten nun allein schon aufgrund ihrer Masse die Bedingungen ihrer Integration zu einem erhebli- chen Teil selbst“, wie Norbert Frei feststellt (Frei 1996:188).

„Es ist ein Anlass zur tiefsten Beunruhigung, wie wenig dem deutschen Volke zu Bewusstsein gekommen ist, was sich da eigentlich zugetragen hat und was das Geschehene für seine, des deutschen Volkes ganze Existenz bedeutet.“, erklärte der Theologe Romano Guardini 1952 auf einer Tübinger Universitätsrede zum öffentlichen Umgang mit den Gewaltverbrechen im Nationalsozialismus (Steinbach 1981: 8). Hier wird das Bedürfnis nach einem völligen Neu- anfang und dem „Ruhenlassen der Vergangenheit“ deutlich, das in den ersten Jahren der Bun- desrepublik in einen breiten gesellschaftlichen Konsens des Schweigens mündete. Die indivi- duelle Beteiligung jedes „Volksgenossen“ an der Aufrechterhaltung des Unrechtsregimes wurde im Sinne der gesellschaftlichen Integration konsequent verdrängt, auch hinsichtlich einer prosperierenden Wirtschaft und den neuen politischen und militärischen Herausforde- rungen des Kalten Krieges (Frei 2005: 31-33).

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Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640333738
ISBN (Buch)
9783640333363
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127004
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Historisches Institut
Note
3,0
Schlagworte
Umgang Dritten Reich Jahren Beispiel Artikelserie Teufel Münchner Illustrierten

Autor

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Titel: Der mediale Umgang mit dem Dritten Reich in den 50er Jahren - am Beispiel der Artikelserie „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus der Münchner Illustrierten von 1956