Lade Inhalt...

Entfremdung und Verblendung

Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in Lesart der kritischen Theorie

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wenn man keine Eigenschaften hat: Ulrich als Spiegelbild der Moderne

3. Der moderne Mensch: reduziert auf seine Funktion

4. Seinesgleichen und Parallelaktion: Katharsis zwischen den Stühlen

5. Von der Unmöglichkeit des Möglichen – Kritik liquidiert nicht das System

7. Literaturverzeichnis

„Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, dass er sich für besser hält als die anderen und seine Kritik der Gesellschaft missbraucht als Ideologie für sein privates Interesse.“

*

„ Der Gedanke wartet darauf, dass eines Tages die Erinnerung ans Versäumte ihn aufweckt und ihn in die Lehre verwandelt.“

– Theodor W. Adorno, Minima Moralia..

1. Einleitung

Robert Musils Roman der Mann ohne Eigenschaften (M.o.E.) zeichnet wie kein anderer deutschsprachiger Roman seines Formats und seiner Zeit ein vielschichtiges Bild der Moderne. Diese gestaltet sich komplex, sachbezogen und ausdifferenziert. So ausdifferenziert, dass für den Protagonisten, Ulrich, Eigenschaftslosigkeit als erstrebenswertes und lebbares Attribut erscheint. Nur im Zustand der Eigenschaftslosigkeit, so meint er, könne man die Vielheit der Welt erfassen und erfahren und somit Vor- und Nachteile ihrer fragmentarischen Bestandteile bewerten. Diese Grundhypothese der Eigenschaftlosigkeit – ergänzt durch verschiedene Ideenkonstrukte und Utopieversatzstücke – soll als Moralfundament und Handlungsmaxime seines Lebens gereichen. Und wirklich: Er allein vermag die gesellschaftlichen Normen und Zwänge, die Handeln und Sein der übrigen Romanfiguren bestimmen, als eben solche zu entlarven, „er entscheidet sich gegen ein Leben des Wahns und der Verblendung[1] “. Ihre Individualität, ihre gefestigte Persönlichkeit, ihre vernünftigen Ansichten und Träume, erscheinen aus der Perspektive Ulrichs als Farce. Das Leben wird zum Vexierbild eines Lebens: Obschon es ein reales Leben ist, muss man es zunächst, wie Ulrich, mit einer bestimmten Technik anblicken, nämlich eigenschaftslos, damit man es in seiner Ganzheit erkennt. Kann dieses Kunststück aber wirklich gelingen? Kann man in einer Welt, die ihrem Wesen nach ihr eigenes Wesen verkennt, dadurch, dass man sich von ihr distanziert, dem wahren Wesen der Welt, dem wahren Leben, näher rücken? Seinesgleichen führt bei Musil in den anderen Zustand – jener mündet in den Weltkrieg. Ulrichs Ansinnen, durch Verbindung und Kombination bereits bestehender, geltender Denkmodelle und Wirklichkeiten, die Welt so zu ändern, dass ein „rechtes Leben“ (255) möglich ist, versinkt im Morast der Etappe von Verdun. War das Scheitern bereits in der Diegese des Romans angelegt?

Mit Hilfe der kritischen Theorie, jener Frankfurter Denkschule der Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, lässt sich Ulrichs Scheitern ohne große Verrenkung als zwangsläufig erklären. Indem er sich nämlich für die Konstruktion seines „rechten Lebens“ jener Ideen bedient, die das im Umkehrschluss für Ulrich „unrechte Leben“ hervorbrachten, verhält er sich schon affirmativ zur Welt und jenem Unrecht, welches das moderne Leben manifestiert.

Obschon die kritische Theorie in der akademischen Welt in Ungnade gefallen ist und flächendeckend durch die modischere Systemtheorie ersetzt wird, scheint ihre Erklärung des Scheiterns logisch. In dieser Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, zu erfassen, welche Ziele die Protagonisten verfolgen, was sie daran hindert, diese Ziele zu realisieren – kurzum: Verblendungszusammenhänge sollen benannt und aufgedeckt werden.

Werner Graf und Klaus Laermann haben mit ihrer Arbeit auf diesem Gebiet maßgebliche Arbeit geleistet und ihnen gelang es, Parallelen zwischen Musils Romanwelt und den Theoriemodellen der Frankfurter Schule aufzudecken. Dies scheint freilich nicht ihr primäres Ziel gewesen zu sein. Mutmaßlich ging es beiden in erster Linie darum, durch Anwendung des Geistes der kritischen Theorie auf das Werk einen literarischen Erkenntnisgewinn zu erzielen – was ihnen auch gelungen ist. Die kritische Theorie war das Fundament, auf das sie ihre Interpretation aufsetzten. In einer Zeit, in der die kritische Theorie im wissenschaftlichen Diskurs eine marginale Rolle spielt, scheint das umgekehrte Vorgehen sinnvoll: Der Versuch, mit der Romanwelt als Fundament, die Wirkkraft der kritischen Theorie zu erfassen.

Dass diese unkonventionelle Herangehensweise mit ihrem umgekehrten Erkenntnisinteresse schließlich auch literarischen Erkenntnisgewinn erzielen könnte, ist anzunehmen und wäre wünschenswert. Der Versuch, dies zu tun, kann freilich in diesem Rahmen keinen exegetischen, sondern vielmehr einen kursorischen Charakter haben. Dennoch sollte er gewagt werden: Anhand der Figur Ulrichs sollen – mit Unterstützung Grafs und Laermanns – einzelne Aussagen und Textpassagen aus Werken der kritischen Theorie, insbesondere der Minima Moralia aber auch aus den Soziologischen Exkursen des Institutes für Sozialforschung und anderer, bewertet und in die Romanwelt situiert werden.

2. Wenn man keine Eigenschaften hat: Ulrich als Spiegelbild der Moderne

Wer den Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil im Geiste der kritischen Theorie liest, der interpretiert ihn auch im Geist der kritischen Theorie. Dies bedeutet, dass man als Leser voraussetzt, dass Musil einen Roman geschrieben hat, der aktiv die Zustände in der Gesellschaft kritisiert – oder sie zumindest derart deutlich darstellt, dass eine Kritik implizit im Text angelegt ist. Dies legte jedenfalls schon der Titel des Werkes nah. Ein Mann ohne Eigenschaften scheint keine unbedingt erstrebenswerte und auch nicht positiv konnotierte Eigenschaft zu sein, so man denn überhaupt von einer solchen sprechen kann. Laermann ist hier zuzustimmen, wenn er betont, dass „unter Eigenschaftslosigkeit nicht das Fehlen von Angaben über die Person des Helden zu verstehen ist[2] “. Stattdessen führt er den Begriff Merkmale ein, um die im Roman gemachten Angaben über Ulrichs Person zu benennen. Jene sind es, die Ulrich in der Kartei des Polizeiapparates kategorisierbar und somit wieder erkennbar machen; sie sind Kennzeichen.

Trotz seiner Eigenschaftslosigkeit werden zahlreiche Angaben zu Ulrichs Person gemacht und das, was man eigentlich einer eigenschaftslosen Person zuschreiben würde, nämlich, dass sie sich zu nichts verhalten darf, wäre, wie Larmann betont, nicht darstellbar. Ulrich hat eine Geschichte und eine darstellbare Haltung zur Welt. Er wohnt etwa in einem Schloss: Es besitzt „drei Stile übereinander“ (20) und nach eingehender Beschäftigung mit Kunstzeitschriften „kam er zu der Entscheidung, dass er den Ausbau seiner Persönlichkeit doch lieber selbst in die Hand nehmen wolle“ (20). Der Ausbau des Anwesens wird mit dem Ausbau von Ulrichs Persönlichkeit gleichgesetzt. Es wird also nicht zwischen menschlichen und materiellen Kennzeichen unterschieden – eine bemerkenswerte Tatsache, die unmittelbar an die Rhetorik der kritischen Theorie erinnert: „Die Form des Individuums selber ist die einer Gesellschaft, die sich am Leben erhält durch die Vermittlung des freien Marktes, wo freie, unabhängige Wirtschaftssubjekte zusammenkommen[3] “. Ulrich nimmt also vorweg, was Soziologen heute als allgemeingültig definieren – nicht nur solche, die an die kritische Theorie glauben: Der Mensch ist dem Markt ausgesetzt und dieses Ausgesetzt-Sein hat dem Menschen Teile seiner Identität genommen, die durch Markt- und Konsummechanismen ersetzt werden. Dies drückt sich auch in besagtem Kapitel aus, in dem die Wohnsituation Ulrichs geschildert wird.

Doch der Ausbau seiner Persönlichkeit mittels des Ausbaus des Hauses musste, folgt man der kritischen Theorie, ohnehin scheitern: „Wie es mit dem Privatleben bestellt ist“, heißt es in der Minima Moralia, „zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen[4] “. Adorno führt weiter aus: „Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein[5].“ Zudem betont Adorno, dass man dieser Unmöglichkeit zu wohnen bestenfalls durch ein „unverbindliches, suspendiertes“ Verhalten begegnen könne. „Es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“ Anhand dieser Formulierung eröffnet Adorno seine Dialektik des Wohnens. Die Kunst eines angemessenen Lebens bestünde nämlich „darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, dass das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, dass die Fülle der Konsumgüter potenziell so groß geworden ist, dass kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; dass man aber dennoch Eigentum haben muss[6] “.

Auch Ulrich sieht sich diesem Widerspruch ausgesetzt, wenngleich er ihn nicht als materialistischen Widerspruch des Besitzens oder Nicht-Besitzens wahrnimmt, sondern als Widerspruch der Einrichtungspraxis: “ ‚Sage mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist’ „ (20) ist die Forderung, nach der sich Ulrichs Einrichtungspläne richten. Er will jemand sein aber erkennt schnell, dass die Vielfalt der Möglichkeiten des Wohnens und Einrichtens eine Entscheidung praktisch unmöglich macht und er „begann zu träumen statt sich zu entschließen“. Wohnen muss auch Ulrich, wie Adorno weiß, dennoch. Deshalb beauftragt er seine Lieferanten damit, den Ausbau vorzunehmen. Stile und Kunstrichtungen unterwerfen sich hier dem Postulat der Modernität: Der Ausbau wird vorgenommen, „wie ihn sich Möbel-, Teppich- und Installationsfirmen vorgestellt hatten, die auf ihrem Gebiete führen.“ (21)

Ulrich hat versucht, in der modernen Welt sich einen Platz zu schaffen, eine Nische zu finden, die es ihm ermöglicht sich auszudrücken – einen Ort, der Ausdruck seiner Individualität ist. Da es eine solche Lokalität aber nicht geben kann, lässt Ulrich sich diesen Ort vom Markt schaffen. Dass er auf dem Weg dorthin jedoch selbst versuchte Hand an zu legen, ist gleichbedeutend mit einem Bewusstwerdungsprozess: Er begreift, wie es um das Wohnen in der Welt bestellt ist – man kann darüber keine eigenen Entscheidungen treffen. Exakt wie Musil es formuliert, ist diese Episode eine exakte Konstruktion dessen, was Adorno später die negative Dialektik der Aufklärung nennen sollte. Obschon sie den Menschen die Möglichkeit gab, sich zeitweise individuell zu entfalten, bedeutet sie in ihrer Spätphase, dass es nichts individuelles mehr geben kann. „Die trockene Weißheit, die nichts unter der Sonne gelten lässt, weil die Steine des sinnlosen Spieles ausgespielt, die großen Gedanken alle schon gedacht[7] “, zudem hat die Aufklärung, wie es eine Seite weiter heißt, schließlich die „Menschen zur Konformität gezwungen[8] “. So wird also auch Ulrich durch seinen Wohnstil ein gezwungener Konformist – und damit ein in der Moderne arrivierter Mensch.

Ganz so einfach kann man es sich bei ihm aber freilich nicht machen. Denn immerhin verfolgt er das Ziel, sich die „Verblendung bewusst zu machen[9] “, wie es Werner Graf formuliert. Schließlich ist auch diese Wohn-Episode Teil des großen Erkenntnismosaiks, dem sich Ulrich später gegenüber sieht. Was ihn jedoch ohne Frage von den anderen Akteuren im Roman unterscheidet, ist die Tatsache, dass er sich die Unlebbarkeit der alten Modelle bewusst ist und keiner Selbsttäuschung verfallen ist: „Als alles fertig war, durfte er den Kopf schütteln und sich fragen: dies ist also das Leben, das meines werden soll?“. (21)

Ulrichs Kopfschütteln ist Zeichen dafür, dass er diese Dialektik der Welt begreift. Seine Konsequenz daraus ist jedoch nicht, dass er sich die ironische Welthaltung des Erzählers zu Eigen machen würde. Nein, er wird ein Mann ohne Eigenschaften und realisiert, dass es eigentlich keine Eigenschaften mehr gibt. Als solcher Mann ohne Eigenschaften lebt er nicht nur in einem Haus ohne Eigenschaften, sondern er ist angekommen in der Welt.

3. Der moderne Mensch: reduziert auf seine Funktion

Trotz seiner Eigenschaftslosigkeit kann man Aussagen über Eigenschaften von Ulrich machen: „Ulrich war ein leidenschaftlicher Mensch“. (148) Allerdings folgt im nächsten Satzteil schon wieder die Relativierung des Vorhergegangenen: „aber man darf dabei unter Leidenschaft nicht das verstehen, was man im einzelnen die Leidenschaft nennt.“ Wenn er dann aber erregte Handlungen ausführte, war sein Verhalten „zugleich leidenschaftlich und teilnahmslos“. Auch hier bemüht Musil eine Dialektik, die an Adorno erinnern lässt: „Auf A war immer B gefolgt, ob es nun im Kampf oder in der Liebe geschah. Und so musste er wohl auch glauben, dass die persönlichen Eigenschaften, die er dabei erwarb, mehr zueinander, als zu ihm gehörten.“ Ulrich realisiert, dass alles, was er ist, ebenso gut auch ein anderer Mensch sein könnte, er ist gemacht aus Mosaiksteinen, die allen gehören. Echtheit, oder anders formuliert, Eigenheit, gibt es in der kritischen Theorie bestenfalls noch partiell, denn die „Unwahrheit steckt im Substrat der Echtheit selber, dem Individuum[10] “. Das Individuum wird zur bloßen Reflexionsform der Eigentumsverhältnisse – wenn es am Echtheitsglauben festhält. „Die Entdeckung der Echtheit als letzten Bollwerks der individualistischen Ethik ist ein Reflex der industriellen Massenproduktion“, betont Adorno in seinem Aphorismus Nummer 99. Dadurch, dass das Individuum an seiner Echtheit festhält, wird es selbst zum Erfüllungsgehilfen jener Kraft, die ihm seine Echtheit nahm.

[...]


[1] Graf, Werner: Erfahrungskonstruktion – Robert Musils Roman ’ Der Mann ohne Eigenschaften’. Verlag Volker Spiess, Berlin 1981. Seite 25.

[2] Laermann, Klaus: Eigenschaftslosigkeit, Reflexionen zu Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart, 1970, Seite 1.

[3] Horkheimer, Max, Adorno, Thoedor: Soziologische Exkurse, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt am Main, 1956, Seite 47.

[4] Adorno, Theodor: Minimalia Moralia. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Berlin, 1951, Seite 55.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Adorno, Theodor, Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981. Seite 28.

[8] A.a.O, Seite 29.

[9] Graf, Werner: Erfahrungskonstruktion – Robert Musils Roman ’ Der Mann ohne Eigenschaften’. Verlag Volker Spiess, Berlin 1981. Seite 28.

[10] Adorno, Theodor: Minimalia Moralia. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Berlin, 1951, Seite 289.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640335299
ISBN (Buch)
9783640334971
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126837
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Schlagworte
Entfremdung Verblendung Robert Musils Roman Mann Eigenschaften“ Lesart Theorie

Autor

Zurück

Titel: Entfremdung und Verblendung