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Ungleiche Entwicklung im Kapitalismus: spatio-temporal fixes

Welche Entwicklungen lassen sich angesichts der spatio-temporal fixes in einer glokalisierten Ökonomie aufzeigen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einführung

1. Raum-zeitliche Mobilisierung und Fixierung und ihre Widersprüche
1.1 Überschuss an Arbeit und an Kapital
1.2 Der Begriff ´fix´ als doppelte und widersprüchliche Bedeutung
1.3 Dynamik der raum-zeitlichen Transformationen

2. Vermitteln deinstitutionelle Arrangements für das Drängen nach Macht über Raum
2.1 Instrumente der Macht – Zugangsverweigerung zum Kapitalmarkt
2.2 Oligopole Produktions- und Verkaufskontrolle und die Finanzsystem

3. Akkumulation durch Enteignung
3.1 Marx allgemeine Theorie der Kapitalakkumulation
3.1.1 Marx “ursprünglichen Akkumulation”
3.2 Neue Mechanismen der Akkumulation durch Enteignung

4. Fazit und Ausblick

Literaturangaben

Einführung

Die glokalisierte Ökonomie läßt sich nicht nur in einer Kapitalmobilität und einer Kapitalfixierung, sondern auch in einer horizontalen und vertikalen sozialen Mobilität der Akteure darstellen, wobei die Erwerbslosigkeit und weitere soziale Ausschlussmechanismen die Folgen sind. Der Prozess der raum-zeitlichen Mobilisierung und Fixierung, der so genannte ´spatio-temporal fix´, stellt einen chronischen und ungleichen Ausdruck der kapitalistischen Akkumulation dar.[1]

Ausgehend von den Forschungen von Harvey[2] und Zeller[3] untersucht die vorliegende Arbeit die Fragestellung, welche Entwicklungen sich Angesichts der spatio-temporal fixes in einer glokalisierten Ökonomie aufzeigen lassen. Der erste Teil der Hausarbeit beschäftigt sich mit der raum-zeitlichen Mobilisierung und der Fixierung, anhand der Überschüsse an Arbeit und an Kapital, dem Begriff ´fix´ als doppelte und widersprüchliche Bedeutung und der Dynamik der raum-zeitlichen Transformationen. Im zweiten Teil werden die vermittelnden, institutionellen Arrangements für das Drängen nach Macht über Raum untersucht. Den Instrumenten der Macht und der Zugangsverweigerung zum Kapitalmarkt, den oligopolen Produktions- und Verkaufskontrollen und deren Finanzsysteme widmet sich dieses Kapitel detaillierter. Im dritten Teil behandele ich die Akkumulation durch Enteignung, anhand der marxschen allgemeinen Theorie der Kapitalakkumulation und marxschen ´ursprünglichen Akkumulation´ und den neuen Mechanismen der Akkumulation durch Enteignung. Das Fazit und der Ausblick schließen die Hausarbeit ab.

1. Raum-zeitliche Mobilisierung und Fixierung und ihre Widersprüche

1.1 Überschuss an Arbeit und an Kapital

Die Überschüsse an Arbeit und an Kapital werden (a) durch eine „zeitliche Verschiebung mittels Investitionen in langfristige Kapitalprojekte oder sozialer Ausgaben“[4] absorbiert oder (b) „durch eine räumliche Verlagerung mittels Erschließung neuer Absatzmärkte, Produktions- kapazitäten und Produktionsressourcen, sowie neuer Beschäftigungsfelder und sozialer Einrichtungen an anderen Orten“[5] mobilisiert und fixiert. Auch eine Kombinationen aus zeitlicher Verschiebung mittels Investitionen (a) und einer räumlichen Verlagerung (b) ist möglich.[6]

Die notwendige materielle Infrastruktur[7] der Produktion und der Konsumption entscheidet über die zukünftige Entwicklung der Akkumulationsdynamik. Somit entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der materielle Infrastruktur der Produktion und der Konsumtion und der Akkumulationsdynamik.[8]

Die Fixierung der Überakkumulation wird durch Finanz- und/oder staatliche Institutionen, die über die erforderlichen Kredite[9] verfügen, vermittelt und als Äquivalent zum überakkumulierten Kapital betrachtet. Um die Wirtschaft zu beleben, kann das überakkumulierte Kapital abgezweigt werden, wobei direkte, stabilisierende Schuldentilgungen oder indirekte ebenfalls stabilisierende höhere Steuereinnahmen die Staatsschulden verringern können. Destabilisierend wirkt die Fixierung in der gebauten Umwelt, in der Entwertung von Kapital und in den wachsenden Schwierigkeiten die Staatsschulden zu bedienen.[10]

1.2. Der Begriff ´fix´ als doppelte und widersprüchliche Bedeutung

Der spatio-temporal fix ist eine Metapher für die Lösungen der kapitalistischen Krisen durch die zeitliche Verschiebung und die geographische Expansion.[11]

Die Raumproduktion kennzeichnet sich durch die Organisierung neuer territorialer Arbeitsteilungen, durch horizontale und vertikale Produktionsketten, durch die Erschließung neuer und billigerer Ressourcenkomplexe, sowie durch neue dynamische Räume und die Durchdringung bereits bestehender sozialer Formationen durch kapitalistische Sozialbeziehungen und institutionelle Arrangements. Derartige geographische Expansionen, Umstrukturierungen und Rekonstruktionen kennzeichnen den spatio-temporal fix.[12]

Am Ort gebundenes Kapital verhindert eine räumliche Mobilisierung und Fixierung in eine andere Region. Dieses gilt auch für soziale Ausgaben, wenn diese durch staatliche Verpflichtungen immobilisiert werden. Jedoch stellt diese Immobilität keine Garantie für den Erhalt von Arbeitsplätzen dar.[13] Ein Teil des fixen Kapitals ist geographisch mobil , wie z.B. Maschinen, die nicht an Standorte gebunden sind. So sind Flugzeuge geographisch mobil, die Flughäfen meistens nicht.[14]

Laut Harvey erzeugt das Kapital eine physische Landschaft, nur um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder zerstören zu müssen. Diese

„schöpferische Zerstörung" [15] stellt sich in aktuellen, sowie historischen Darstellungen, die die Konsequenzen im Sozial- und im Umweltbereich aufzeigen und die Entwicklung der „physischen und sozialen Landschaft“ [16] des Kapitalismus prägen.[17]

Die Deindustrialisierung[18] bring den dynamischen Abzug des Kapitals mit sich. Das nicht verlagerte Kapital, so Harvey weiter, ist direkt der Kapitalentwertung ausgesetzt und muss deshalb periodisch immer wieder mobilisiert und fixiert werden, um nicht an Wert zu verlieren und als Finanzierungskapital eine profitable Anlagemöglichkeit zu bietet.[19]

Überakkumulation kann mobilisiert und fixiert werden, aber die Märkte müssen über die erforderlichen finanziellen Mittel in Form von Gold, Devisenreserven oder handelbaren Waren verfügen. Auf diese Weise können Waren als Überschüsse exportiert werden. Dafür fließen Geldmittel oder andere Waren im Austausch zurück. Das Problem der Überakkumulation wird nur temporär gelöst, da die Überakkumulation an Waren nur in Kreditform, in Geldform oder in eine andere Warenform umgewandelt wird.[20]

Verfügt eine Region über keine finanziellen Reserven oder über keine geeigneten Waren, so müssen diese mit Hilfe von Krediten oder mit Unterstützungszahlungen ausgestaltet werden. Im letzteren Fall wird in einer anderen Region das Geld geliehen, damit die ´nicht-liquiden´ Regionen die produzierten Überschüsse kaufen können. Bei ungleicher geographischer Entwicklung funktioniert die „Zuflucht“ [21] in das Kreditsystem (insbesondere für die Kreditgeber). Spekulatives oder fiktives Kapital wird häufig auf diese Weise fixiert. Die Folgen stellen sich in ökonomischen, ökologischen und sozialen Abwertungen der verschuldeten Regionen dar.[22]

In der jüngerer Vergangenheit haben erfolgreiche Schwellenländer in kürzerer Zeit ein spatio-temporal fix für ihr überakkumuliertes Kapital finden können. Es wurde nicht nur Finanzkapital exportiert. Die Schwellenländer traten als globale Zulieferer im vertikalen und horizontalen Produktionsketten für das multinationales Kapital auf, wobei sie Modernisierungskapital mobilisieren und fixieren.[23]

China, das Überschüsse in Form ausländischer Direktinvestitionen aus Japan, Korea und Taiwan absorbiert, verdrängt mit einer enormen Geschwindigkeit eben diese Länder aus vielen Produktions- und Exportbereichen (insbesondere in den arbeitsintensiven Bereichen und in den Bereich der kapitalintensiverer Produktion). Die chinesische Wirtschaft agiert in Süd- und Ostasien, in Lateinamerika (besonders in Brasilien, Mexiko und Chile), in Osteuropa und in Afrika.[24]

So bemerkt Harvey treffend:

„Die Geschwindigkeit, mit der sich ehemalige Importländer - wie z.B. Südkorea, Singapur, Taiwan und jetzt sogar China - zu exportierenden Ländern entwickelten, war ziemlich hoch im Vergleich zu den langsameren Rhythmen früherer Perioden.“ [25]

Der spatio-temporal fix mobilisieren und fixieren auch eine Entwertung und eine Zerstörung. Dieses stellt sich, z. B.: in der US- Finanzinstitutionen in den Jahren 1997/98 gegenüber Ost- und Südostasien dar.[26]

Das Resultat dieser widersprüchlichen Dynamik der raum-zeitlichen Transformationenen kann zu ernsthaften Abwertungskrisen oder geopolitischen Konfrontationen in Form von Handels- und Währungskriegen und zu militärischen Auseinandersetzungen führen, wenn ein „intensivierender, harter, internationaler Wettbewerb bei Überakkumulationsströmungen“ [27] mobilisiert und fixiert wird.[28]

[...]


[1] Zeller, Christian (2004): Ungleiche Entwicklung, globale Enteignungsökonomie und Hierarchien des Imperialismus. In: Gerlach, Olaf / Kalmring, Stefan / Kurnitz, Daniel (Hrsg.): Peripherie und globalisierter Kapitalismus. Zur Kritik der Entwicklungstheorie. Brandes & Apsel, Frankfurt/Main, S. 324 – 347. Hier S. 336.

[2] Harvey, David (2000): Die Geographie des „neuen“ Imperialismus: Akkumulation durch Enteignung. In: Zeller, Christian (Hg.): Die globale Enteignungsökonomie. Westfälisches Dampfboot,1. Aufl., Münster, S. 183 – 215.

[3] Zeller, Christian: Ungleiche Entwicklung, globale Enteignungsökonomie und Hierarchien des Imperialismus. S. 324 – 347.

[4] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 184.

[5] Ebenda, S. 184.

[6] Ebenda, S. 184.

[7] Dazu zählen: Industrieparks, Häfen und Flughäfen, Transport- und Kommunikationssysteme, Wasser- und Abwasserversorgung, Wohnräume, Krankenhäuser und Schulen sein.

[8] Ebenda, S. 184 ff; Beispiele für den Zusammenhang zwischen der Abhängigkeit zukünftiger Kapitalakkumulation und Akkumulationsdynamik ist z.B.: der Marshall- Plan für Europa (insbesondere für Deutschland) sowie Japans eigene ökonomische Stabilitätsdynamik im 20. Jahrhundert; siehe auch: Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 188.

[9] Modernisierungsprogramme in China im 21. Jahrhundert; vgl: ebenda, S. 199f.

[10] Ebenda, S. 185 f.

[11] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 186.

[12] Ebenda, S. 186.

[13] Siehe: Kapitel 2.2, Oligopole Produktionkontrolle und die Finanzsysteme, S. 10f.

[14] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 186.; vgl.: Zeller, Christian: Ungleiche Entwicklung, globale Enteignungsökonomie und Hierarchien des Imperialismus, S. 332; Flugzeugträger bilden eine Ausnahme.

[15] Ebenda, S. 186.

[16] Ebenda, S. 186.

[17] Globale Enteignungsökonomie während der so genannten `Opiumkriege` im 19. Jahrhundert durch das Britische Emperi; globaler Sklavenhandel im Zeitalter des Kolonialismus und der Früheren Industrierevolution, Überakkumulationsprozesse der japanischen Handelsüberschüsse im 20. Jahrhunderts; vgl.: Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 187f, 190, 201ff. Siehe auch: Zeller, Christian: Ungleiche Entwicklung, globale Enteignungsökonomie und Hierarchien des Imperialismus. S. 328 und S. 333f.

[18] Deindustrialisierung in Pittsburgh, Detroit und Sheffield, in Bombay der 1970er und 80er Jahre; vgl.: Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus: S. 186; Siehe auch: Zeller, Christian: Ungleiche Entwicklung, globale Enteignungsökonomie und Hierarchien des Imperialismus, S. 325f.

[19] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus: S. 186f. Hierbei spielt das Finanzierungskapital die entscheidende Rolle; Anmerkung Verfasser.

[20] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 186f.

[21] Ebenda, S. 187.

[22] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 187f. Überakkumulation auf Kreditbasis, vgl.: Britisches Empire gegenüber Argentinien im 19. Jahrhundert; in den 90er Jahren des 20. Jhr. ermöglichten USA-Darlehens den Import japanischen Waren. Aktuelle Bank- bzw. Immobilienkrisen in BRD u. USA.

[23] Harvey, David: Die Geographie des „neuen“ Imperialismus, S. 188.

[24] Ebenda, S. 188.

[25] Ebenda, S. 188.

[26] Ebenda, S. 189.

[27] Ebenda, S. 189.

[28] Ebenda, S. 189. Vgl. auch: Kapitel 2.2, Oligopole Produktions- und Verkaufskontrolle und die Finanzsysteme, S. 10.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640329533
ISBN (Buch)
9783640331383
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126807
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Sozialwissenschaften an der Technische Universität Carolo-Wilhemina zu Braunschweig / Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung GmbH, Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Kapitalismuskritik Kapitalismus spatio-temporal fixes glokalisierten Ökonomie Akkumulation durch Enteignung chronischen Überakkumulationskrisen

Autor

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Titel: Ungleiche Entwicklung im Kapitalismus: spatio-temporal fixes