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Das Asperger-Syndrom

Beeinträchtigung sozialer Handlungskompetenz

Diplomarbeit 2009 100 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

I. TEIL
1. Zum Begriffsverständnis Autismus
1.1 Das Spektrum autistischer Störungen
1.2 Diagnoseverfahren - Epidemiologie – Komorbidität
1.3 Die Außenseiterrolle des Asperger-Syndrom

II. TEIL
2. Das autistische Gehirn aus Sicht der Neurowissenschaft
2.1 Neurokognitive Entwicklungsstörung bei Autismus
2.2 Die neurobiologische Entdeckung der Spiegelneuronen
2.3 Autismus ein Resonanzproblem?
2.4 Autismus- eine Extremform des männlichen Gehirns ?

III. TEIL
3. Intuitive Psychologie
3.1 Gefühle erkennen und verstehen
3.2 Emotionen als Lebensregulation
3.3 Die Essenz der emotionalen Kompetenz
4. Soziale Kognition
4.1 Soziale Verhaltensweise und Entfaltung bei Autismus
4.2 Die vorzeitige Entfaltung intersubjektiver Kommunikation
5. Theory of Mind
5.1 Die Entstehung von Bedeutungen
5.2 Handlungseinschränkung bei Autismus

IV. TEIL
6. Förderung sozialer Fertigkeiten
6. 1 Bewältigungsstrategien zur Entfaltung von Empathie
6. 2 Curriculum zum Aufbau sozial- elementarer Fertigkeiten
6.2.1 Aufmerksamkeit durch Blickkontakt erweitern
6.2.2 Imitation und Sprachverständnis
6.3. Vom einfachen Sprachverständnis zur erweiterten Kommunikation
6.4 Theory of Mind-Training
6.4.1 Soziale Geschichten
6.4.2 Weitere emotionale Trainer

Schlussbetrachtung

Einleitung

Das Geheimnis, mit allen Menschen in Frieden zu leben besteht in der Kunst, jeden seiner Individualität nach zu verstehen. Friedrich Ludwig Jahn (1778- 1852), dt. Pädagoge

Das Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus, wird dem Spektrum autistischer Störungen zugeordnet. In dem weitläufigen Spektrum, das der Autismus impliziert, bestehen einige Missverständnisse, wie unterschiedlich die tiefgreifende Entwicklungsstörung ausgeprägt sein kann. Viele Mitmenschen gehen von der Annahme aus, dass die Menschen mit dem Asperger-Syndrom nur „Ich-bezogen“ fühlen und denken und keinerlei Interesse an ihrem sozialen Umfeld zeigen. Diese Autisten werden strikt kategorisiert, stigmatisiert, ohne Näheres über ihre Psyche, ihr Wesen, über die tiefgreifende Entwicklungsstörung, zu wissen. Dabei wird oftmals nicht berücksichtigt, dass es auch hierbei, wie unter allen Menschen, nuancierte Unterschiede in deren Individualität gibt. Gerade solche Menschen, die nicht der „Norm“ entsprechen, sondern einen besonderen Charakter besitzen, können unser Interesse wecken, mehr über ihr Leben und ihre Wahrnehmung zu erfahren. Wie fühlen und denken diese Menschen, und wie empfinden sie zwischenmenschliche Beziehungen?

Meine Wissbegierde bezüglich des Asperger-Syndroms ist während der letzten acht Jahre entstanden, in denen ich in diesem Bereich tätig bin.

Der Asperger-Autist, der mir schon damals durch seine facettenreiche Art an Verhaltensweisen besonders ins Auge gefallen ist, fasziniert durch seine ungewöhnliche sprachliche Artikulation, die teilweise bizarr, andererseits so ausdrucksstark und originell ist.

In der Zeit meiner Tätigkeit ist mir bewusst geworden, dass gerade diese Menschen, die die Fähigkeit besitzen, sich teilweise zu reflektieren, sehr wohl ihre Schwächen erkennen und oftmals unvorstellbar unter ihren zwischenmenschlichen Einschränkungen leiden.

In der Praxis zeigt sich sehr deutlich, dass die Verständnisfragen des Asperger-Autisten, die vor allem das soziale Umfeld betreffen, oftmals schwer zu beantworten sind. Trotz eines angemessenen Werkzeuges, der Sprache, die diesen Menschen zur Verfügung steht, scheint es aus der beruflichen Erkenntnis, dass der Asperger-Autist unzufriedener in seinem Hier und Jetzt lebt als Menschen mit schweren Autismusformen.

So geht KEHRER davon aus, dass oftmals die weniger Intelligenten einen durchaus zufriedenen Eindruck machen (vgl. KEHRER, 1995, S. 41).

Diese Arbeit soll verdeutlichen, wie es pädagogisch möglich ist, die soziale Beeinträchtigung des Asperger-Autisten angemessen in Hinsicht auf ein soziales Umfeld zu unterstützen.

An welchen Entwicklungsvorstufen mangelt es, dass der Mensch mit dem Asperger-Syndrom keine ausreichende „Theory of Mind1 “ zu entwickeln vermag? Welche wesentlichen Entwicklungsschritte der ersten Lebensjahre müssen dementsprechend vollbracht werden, um emotionale Kompetenz und zwischenmenschlichen Kontakt zu entfalten? Welche präventiven Maßnahmen müssen bei dem autistischen Menschen ergriffen w]erden, so dass diese in der sozialen Interaktion gestärkt werden? Ist es überhaupt möglich, dass der Asperger-Autist in einem Ausmaß eine „Theory of Mind“ entwickelt, wie es bei normalen Entwicklungsverlauf bei „gesunden“ Kindern gegeben ist? Wie weit muss pädagogisch vorzeitig eingegriffen werden, um das Möglichste an Förderung herauszuholen? Welche neurophysiologischen Schäden rufen in einem Gehirn dermaßen Veränderungen vor, dass neuropsychologisch autistische Funktionsstörungen und Symptomatiken zum Vorschein treten?

Den neuropsychologischen und neuropathologischen Entwicklungskomponenten des Asperger-Syndroms wird ein wesentlicher Aspekt gewidmet. Erläutert wird, welche Faktoren für eine gesunde Entwicklung in der Kindheit ausschlaggebend sind, so dass in den ersten Lebensjahren eine präventive Unterstützung für diese Menschen geboten werden kann.

Die Dringlichkeit einer intensiven Unterstützung lässt sich daran erkennen, dass sich der autistische Mensch sehr instabil zeigt, wenn es um einen intakten, emotionalen Entwicklungsverlauf geht. Es ist mehrheitlich nachgewiesen worden, dass Menschen mit autistischen Störungen in ihrer emotionalen Entfaltung deutliche Rückstände oder massive Beeinträchtigungen in vielen kognitiv-sozialen Bereichen aufweisen.

Um soziale Defizite besser verstehen zu können, ist es von enormer Bedeutung, den Zusammenhang zwischen Hirnentwicklung und psychosozialer Entfaltung nachzuweisen.

Eine „Joint Attention“2, eine gemeinsam geteilte Aufmerksamkeit, entwickelt sich unter normalen Bedingungen zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat und ist ein wesentlicher Entwicklungsschritt. Darunter ist eine triadische Koordination verstanden, somit eine Aufmerksamkeit, die zwischen dem Kind, einer anderen Person und einem Objekt oder Ereignis entsteht.

Die geteilte Aufmerksamkeit sieht REMSCHMIDT als eine in früher Kindheit entstehende Eignung, sich selbst zu arrangieren. Diese trägt im weiteren Verlauf zu einer sozialen und kognitiven Entfaltung bei (vgl. REMSCHMIDT et al., 2006, S. 63). Als ein weiteres Defizit kann die Imitation und die Spiegelung gesehen werden. Säuglinge erkennen und imitieren Gesichter schon ab einem Alter von zwei bis drei Wochen. Das Imitieren erweist sich insofern als besonders bedeutsam, da es eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung einer „Theory of Mind“ ist. Säuglinge im vierten Monat wenden ihren Blick in fremden Situationen der Mutter zu und imitieren ihre Gesichtsmimik. Von enormer Bedeutung ist hier das Spiegelneuron, das so genannte „mirror neuron system“ (ebd., S. 64). Die Beeinträchtigung zur Imitation zählt zu den am engsten mit der frühen Störung verknüpften Symptomen der autistischen Störung. Es wird angenommen, dass es zu einem Ausfall oder einem Defekt des Spiegelneuronen-Netzwerkes kommt (ebd., S. 65).

Im ersten Teil der Arbeit sollen das Asperger-Syndrom, sein Erscheinungsbild und seine vielfältigen Erkenntnisse dargestellt werden. Des Weiteren soll kurz auf die derzeit aktuellsten Kriterienkataloge, den ICD-10 und den DSM-VI eingegangen werden und ebenso eine fachkundige Diagnose miteinbeziehen. Die Fallbeispiele zweier konträrer Asperger-Autisten sollen verdeutlichen, wie der Mensch mit dem Asperger-Syndrom seine soziale Gefühlswelt erlebt.

Im zweiten Teil wird das Asperger-Syndrom aus neurowissenschaftlicher Sicht dargestellt. Es soll die Funktion der Spiegelneurone verdeutlicht werden, die maßgeblich an einer erfolgreichen Imitation beteiligt sind. Da das Asperger-Syndrom vorwiegend bei Männern diagnostiziert wird, soll an dieser Stelle eruiert werden, ob die These von BARON-COHEN gerechtfertigt ist, das autistische Gehirn als männliche Domäne zu bezeichnen.

Die Quintessenz der Arbeit ist dem dritten Teil gewidmet. Dieser Abschnitt wird vorerst die intuitive Psychologie beschreiben und was diese bedeutet hinsichtlich im Umgang mit unseren Mitmenschen. Folgend wird wesentliches über die emotionale Welt erwähnt, ihre kognitive Entwicklung und Bedeutung für uns, wie auch der Zugang zu anderen Menschen beschrieben wird. Die Sichtweise auf das Asperger-Syndrom wird vorerst durch den normalen Entwicklungsverlauf bestimmt. Eine tiefgreifende Entwicklungsstörung kann nur verstanden werden, wenn einzelne Entwicklungsstadien einer gesunden Entwicklung ins Auge gefasst

werden. Anhand dieser Erkenntnisse soll dann eine Entwicklungsverzögerung verdeutlicht und dementsprechend kompensiert werden.

Erst wenn die frühkindlichen Entwicklungsetappen problemlos durchschritten werden, kann sich zur Gänze eine „Theory of Mind“ entfalten. Es soll auf den Grund gegangen werden, wo und in welchen Entwicklungsphasen sich die wesentlichen Defizite im Aufbau einer „Theory of Mind“ beim Menschen mit dem Asperger-Syndrom bemerkbar machen.

Aufbauend auf diesem Hintergrundwissen, wird der vierte und letzte Teil Maßnahmen aufzeigen, die in Bezug auf das Mitmenschliche stehen. Wie und wodurch sind sozial-elementare Fertigkeiten zu vermitteln? Und in wie weit ist es bei frühzeitiger präventiver Intervention möglich, die gesellschaftlichen Dispositionen auszugleichen?

I. TEIL

1. Zum Begriffsverständnis des Autismus

In jedermann ist etwas Kostbares,

das in keinem anderen ist.

( Martin Buber)

1.1 Das Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom oder „High-functioning-autism“3 (HFA) wird zu dem Autismusspektrum gezählt. Alleine in Deutschland leben ca. 400.000 Menschen, die durch dieses Syndrom in geringer bis schwerwiegender Form betroffen sind (FRANK, 2008, S. 7).

Pate des Begriffs „Asperger“ ist der Wiener Pädiater Hans ASPERGER. 1944 beschrieb er unter dem Titel „Die autistischen Psychopathen im Kindesalter“ das später nach ihm benannte Syndrom. Er gilt bis heute als einer der Pioniere der europäischen Kinder- und Jugendpsychiatrie (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S. 9).

Erst seit Anfang der 90er Jahre geht die Forschung diesem Erscheinungsbild mit großer Vehemenz nach, obwohl Asperger es schon 1944 als „autistische Psychopathie“ beschrieben hat. Der Begriff „Psychopath“, der heute als abwertend deklariert wird, stand damals generell für eine Persönlichkeitsstörung. So beschrieb Asperger mit einer akribischen Genauigkeit die Schwierigkeiten dieser Kinder. Nach seinen Beobachtungen waren die soziale Reife sowie das soziale Verständnis verzögert, so dass die Kinder in jeder Entwicklungsstufe ein eigenartiges Benehmen zeigten. Es bestehen Schwierigkeiten, sich anzufreunden, sowie Beeinträchtigungen der verbalen wie nonverbalen Sprache. ASPERGER erkannte u. a. die Emotions-, Gefühls- und Empathiebeeinträchtigung (vgl. ATTWOOD, 2008, S. 16). Nach KUTSCHER neigen Menschen mit dem Asperger-Syndrom zum Rückzug, wobei ein Blickkontakt auffallend gemieden wird. Unter zunehmender Beunruhigung neigt der Asperger-Autist zu repetitiven4 Verhaltensweisen. Qualitative Unterschiede zeigen sich oft in der zeitweiligen Fähigkeit zur Kontaktaufnahme, vor allem auf einem höheren Niveau der materiellen und sprachlichen Tätigkeit. Immerhin beweisen diese Kinder eindeutig eine grundsätzliche Orientierung am sozialen Umfeld, wodurch das schrittweise Lernen von Gefühlsdifferenzen entstehen kann (vgl. KUTSCHER-Autismus- Reader).

Im Vergleich zu KANNER, der ungebunden von ASPERGER zu einer ähnlichen Diagnose kam, blieb die Pionierarbeit von ASPERGER ca. vierzig Jahre unauffällig. Zurückzuführen ist dies darauf, dass ASPERGER seinen Bericht auf Deutsch verfasste und deswegen vorerst nur im deutschen Sprachraum bekannt blieb. 1981 kommt es durch die Leistung von Lorna WING, die das Resultat von Hans Asperger weiterführt, zu einer intensiveren Auseinandersetzung hinsichtlich dieses Phänomens. WING verweist trotz Anerkennung der Arbeiten von Asperger auf eine Revision5 des Begriffes „autistische Psychopathie“. Grund dafür sieht WING in der beeinträchtigten sowie instabilen Affektivität des Syndroms. Der von WING bevorzugte Begriff Asperger-Syndrom soll vorbeugend dafür stehen, damit die Ähnlichkeit mit antisozialen Verhaltensweisen verhindert werden kann (TSCHÖPE, 2005, S. 39).

Wing sieht die autistische Störung als Grundstörung, die verschiedene Verhaltensausprägungen aufweist. Sie sieht ein autistisches Kontinuum unabhängig von Diagnosekriterien. Es wird als „Triade der sozialen Beeinträchtigung“ bezeichnet (vgl. MÜLLER, 2007, S. 15). Diese Triade beinhaltet folgende Bereiche:

„ Das soziale Erkennen („social recognition“) meint das Verständnis dafür, dass andere Menschen interessante Partner sind, mit denen es sich lohnt, in Kontakt zu treten. Die soziale Kommunikation („social communication“) beinhaltet den Einsatz und das Verständnis von sozialen Zeichen sowie die Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen und Ideen auszutauschen. Der Bereich der sozialen Vorstellungen („social imagination and understanding“) bezieht sich auf das bedeutungshaltige Imitieren von anderen Menschen und darauf, zu verstehen, dass andere Personen eigene Absichten verfolgen“ (MÜLLER, 2007, S. 15).

Die Beeinträchtigung durch dieses Syndrom wird 1994 in den anerkannten Diagnosesystemen ICD- 10 und DSM-IV festgelegt und neben anderen Komorbiditäten6 als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“ definiert.

Gemäss POUSTKA et al. (2004) sind autistische Störungen vielschichtige Phänomene. In dem ICD–10 werden diese spezifischen Verhaltensbeeinträchtigungen innerhalb des Komplexes der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen beschrieben. Der Begriff „tiefgreifend“ fasst eine Gruppe von Störungen zusammen (ICD-10, F84), welche höchstwahrscheinlich genetische Ursachen haben, von Geburt an vorliegen oder in den ersten Lebensjahren auftreten und persistieren7.

Die Störungen sind Folge einer devianten, nicht nur verzögerten Entwicklung und betreffen viele Verhaltensbereiche.

1.2 Das Spektrum autistischer Störungen

Das Spektrum autistischer Störungen beinhaltet unterschiedliche Störungsbilder und versucht, die individuellen und sehr verschiedenen Erscheinungsformen zu umschreiben.

Die verschiedenen Formen des Autismus weisen folgende Gemeinsamkeiten auf: eingeschränkte soziale Interaktion, bedingte Kommunikation (v.a. nonverbal), repetitive Verhaltensmuster (Stereotypien). Je nach Intensität der Ausprägung werden betroffene Personen innerhalb des Spektrums zugeordnet. Dabei ist der Übergang vom frühkindlichen Autismus zum Asperger-Syndrom fließend. Die Diagnose Autismus hat lange Zeit aufgrund der heterogenen Symptomatik des vielfältigen Spektrums große Schwierigkeiten bereitet und ist bis dato noch nicht zur Gänze geklärt.

Der Autismus in seinem Erscheinungsbild existiert nach derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnissen in einer sehr heterogenen Form. Was das kognitive Funktionspotenzial anbelangt zeigen Menschen mit dieser Entwicklungsstörung Leistungen, die von einer geringen bis sehr hohen Kognition ausgehen (vgl. STADLER, 2008, S. 19).

Nach der Idee eines autistischen Kontinuums unterscheiden sich Individuen im autistischen Spektrum hinsichtlich ihrer autistischen Symptomatik grundsätzlich nicht qualitativ, sondern vielmehr nur quantitativ, somit das Ausmaß an Schweregrad betreffend. Dafür spricht eine zunehmende Anzahl an empirischen Arbeiten, u.a. jene von LORD (vgl. POUSTKA, 2004, S. 12).

Im Rahmen psychologischer Forschungen werden autistische Störungen in Untergruppen geteilt (vgl. MÜLLER, 2007 S. 17).

Eine Einteilung erfolgt gemäß der intellektuellen Leistungsfähigkeit:

„Menschen mit Low-functioning Autismus zeigen bei Intelligenztests Leistungen unter einem IQ- Wert von 70, was nach den Kriterien des DSM-IV (1996) einer zusätzlich zum Autismus zu diagnostizierenden geistigen Behinderung entspricht. Bei Personen mit High-functioning Autismus liegt der IQ bei 70 und darüber.“(MÜLLER, 2007, S. 17)

Dem Asperger-Autisten wird im Allgemeinen ein höheres Intelligenzniveau unterstellt als jenen Menschen, die vom Kanner-Autismus betroffen sind (ebd., S. 20).

Um einen gemeinsamen Zusammenhang der unterschiedlichen autistischen Syndrome zu verstehen, ist es hilfreich, sie als Punkte in einem „autistischen“ Kontinuum zu begreifen.

KANNER war durch und durch pessimistisch und sah nur wenig Entwicklungsmöglichkeiten für die Autisten. Hans ASPERGER sah durchaus Perspektiven, gerade aufgrund ihrer ungewöhnlichen und originellen Sichtweise von Dingen und aufgrund ihrer Akribie für Details. Er sah auch mögliche Vorteile bei ihren sehr spezifischen Interessen. Das faszinierte Hans ASPERGER offensichtlich mehr als Leo KANNER. (vgl. PICKARTZ, 2002, S. 40).

1.3 Diagnoseverfahren – Epidemiologie - Komorbidität

Trotz intensiver medizinischer Forschungsprojekte zur Autismusdiagnose gibt es kein zuverlässiges Prüfverfahren, wie z.B. Blut- oder Urintests oder Scans, welches eine Diagnose sichert. Eine Diagnose muss anhand der Verhaltenssymptome und deskriptiven Merkmalen erschlossen werden (vgl. DODD, 2007, S. 148). Dafür liegen zwei international anerkannte Klassifikationssysteme vor, in dem die autistischen Störungen verortet werden: Die „International Classification of Diseases“ (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation und das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-IV) der American Psychiatric Association.

Beide derzeit gültigen Klassifikationssysteme zählen das Asperger-Syndrom zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S. 18). Aus folgenden diagnostischen Kriterien kann entnommen werden, dass sich beide diagnostischen Systeme weitgehend gleichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle (vgl. REMSCHMIDT,2006, S. 19).

Beide diagnostischen Systeme machen darauf aufmerksam, dass die Störung von allen anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen separiert werden muss. Dies bedeutet, dass Kriterien einer anderen Entwicklungsstörung hierbei nicht erfüllt werden dürfen. Im Vergleich zum frühkindlichen Autismus ist der Mensch mit Asperger-Syndrom weniger auffällig in seinem Beziehungsverhalten. Anomalien zeigen sich erst später, besonders dann, wenn Anforderungen an soziale Eingliederungskompetenzen wie z.B. in Kindergarten und Schule bestehen. Trotz der frühzeitig beginnenden Sprache, die originelle Neologismen8 aufweist, bleibt die Artikulation in gewisser Weise gestört (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S. 20). Gerade bei einem intelligenteren Kind tauchen die tatsächlichen Schwierigkeiten erst nach der Sprachentwicklung auf. Dies kann daran liegen, dass es nicht in angemessener Weise fähig ist, interaktiv zu kommunizieren. Es lässt eine konfuse Form an Redewendungen erkennen, die z.B. aus Geschichten oder Filmen übernommen wurde und als erzwungenermaßen adaptiert gesehen werden kann.

Die Menschen mit höheren Funktionen verstehen die Sprache wortwörtlich, exakt. Latente Bedeutungen, nonverbale Sprache und logische Handlungen aus ihr zu ziehen bleibt oft nebulös (vgl. MAUREEN et al, 2005, S. 21). Ein typisches Sprachverhalten, wie bei dem frühkindlichen Autismus die Echolalie9, fehlt bei dem Asperger-Syndrom. Hier zeigen sich dafür oftmals Auffälligkeiten in der Tonlage; bemerkbar wird dies an einer monotonen Stimme, die eine geringe Modulation10 aufweist (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S. 20). Die Emotionalität lässt auf ein disharmonisches Gemüt schließen. Es besteht weder ein Gefühl für persönliche Distanz noch für irgendeine Form von Ironie. Trotz ihrer Fähigkeit zu tieferen Gefühlsempfindungen weisen Asperger-Autisten einen divergierenden Charakter auf (ebd., S. 21). Nach TENTAM geht das Asperger-Syndrom mit einem hohen Sprachniveau einher, welches jedoch die Unfähigkeit sich sozialen Kontexten anzupassen und sich auf Bedürfnisse des Anderen einzustellen, betont (ebd., S. 24).

Zur weiteren Diagnose dient die Vorgeschichte einer Entwicklung, eine Exploration und die Verhaltensbeobachtung. Letztere sollte sich möglichst auf verschiedene Situationen erstrecken (REMSCHMIDT, 2008, S. 51). Für eine ausführliche Diagnose, wie auch für weitere therapeutische Maßnahmen, ist eine detaillierte psychologische Begutachtung unter neuropsychologischen Aspekten unersetzlich. Zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr sind Kinder mit höheren intellektuellen Leistungen oder kognitiv unbeeinträchtigte Kinder mit frühkindlichem Autismus von denen mit dem Asperger-Syndrom nur schwer abzugrenzen (vgl. HERPERTZ-DAHLMANN et al., 2008, S. 615).

Eine der schwierigsten Abgrenzung aus differenzialdiagnostischer Sicht ist diejenige des „High-functioning-Autismus“. Auf Grund der Ähnlichkeit kann letztlich nur durch die Vorgeschichte und den Verlauf der Störung, Bezug genommen werden. Als unterstützende Diagnose des Asperger-Syndroms kann die Marburger Beurteilungsskala ihre Anwendung finden. GILLBERG plädiert dafür, in einigen Fällen abhängig vom jeweiligen Zeitpunkt alternierend die Diagnose Autismus oder Asperger-Syndrom zu stellen. Demnach ist keine klare Differenzialdiagnose möglich. Nach KLIN können diese beiden Syndrome differenziert werden in elf neuropsychologische Bereiche, die sich auf nonverbale Lernstörungen beziehen. Als gute Prädiktoren11 zur Diagnose des Asperger-Syndroms gelten:

- Defizite in der Feinmotorik
- Defizite in der visuellen Integration
- Defizite in der visuellen Raumwahrnehmung
- Defizite in der nonverbalen Konzeptbildung
- Defizite in der Grobmotorik
- Defizite des visuellen Gedächtnisses

Weitere fünf Faktoren zeigten sich in Bezug eines Asperger-Syndroms zum „High-functioning-Autismus“ als gute Prädiktoren:

- Störung der Artikulation
- Störung des verbalen Ausdrucks
- Störung der auditiven Wahrnehmung
- Störung des Wortschatzes
- Störung des verbalen Gedächtnisses

Weiterhin ist unklar, inwieweit das Asperger-Syndrom von der schizoiden Persönlichkeit im Kindesalter abzugrenzen ist. Einige dieser Menschen weisen Zwangsstörungen auf, wobei hier eine zuverlässige Differenzialdiagnose möglich ist, was aber bei einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung nicht immer der Fall ist. Das Asperger-Syndrom lässt sich bezüglich der schizophrenen Erkrankung durch die andersartige Symptomatik, deren Verlauf und Vorgeschichte determinieren, da hierbei weder Wahnvorstellungen noch Halluzinationen bestehen (vgl. HERPERTZ-DAHLMANN et al., 2008, S. 615f.).

Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus liegen zum Asperger-Syndrom nur geringe epidemiologische Studien vor, da dieses Syndrom erst 1992 als eigene Kategorie in die ICD-10 und 1994 in das DSM-IV aufgenommen wurde (ebd., S. 603). Nach FOMBONNE und TIDMARSCH kann die epidemiologische Untersuchung des Asperger-Syndroms in zwei Kategorien unterteilt werden: in solche, die ausschließlich der Prävalenz nachgehen und in jene, die die Prävalenz des Asperger-Syndroms mit anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen untersuchen. Die einzige Untersuchung zur Prävalenz des Asperger-Syndroms stammt von EHLERS und GILLBERG und weist einige Kritikpunkte auf, wie z.B., dass zu geringe Stichproben gemacht wurden oder die Durchführung eines Screenings12 durch Lehrer etc. Diese Untersuchung erfolgt in zwei Phasen und bezieht sich auf eine Stichprobe von 1519 Kindern im Alter von 7 bis 16 Jahren. (vgl. REMSCHMIDT et. al, 2006, S. 26).

Leider wird durch die Vielfalt, die das Asperger-Syndrom impliziert, die Diagnose sehr heterogen und somit willkürlich festgestellt. Einerseits wird dieses Syndrom mit Begabung bis hin zur Genialität assoziiert und unterliegt somit einer positiven Konnotation. Andererseits geht der „High-functioning-Autismus“ mit einer verminderten Intelligenz einher, die Verhaltensweisen wie eine Abnabelung von der Umwelt mit sich bringt oder sogenannte „Inselbegabungen“ aufweist und sein Gesamtbild eher negativen Konnotationen unterliegt (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S. 84). Die Diagnose Asperger-Syndrom scheint vorerst legitimer als die des Autismus. Trotz allem zählt diese leichte Form des Autismus zu den autistischen Störungen, die mit vehementen sozialen Defiziten und zahlreichen anderen Beeinträchtigungen verbunden ist(ebd., S.85).

1.4 Die Außenseiterrolle

Der Mensch mit dem Asperger-Syndrom leidet oftmals unter seiner Introspektion, unter seiner permanenten Selbstbeobachtung. Seine Andersartigkeit ist diesem Mensch durchaus bewusst. Letztendlich kann sie zu einem täglichen Kampf werden, in dem die Mühe darin besteht, so zu sein wie die Anderen.

KEHRER zufolge sind intelligente Autisten sehr wohl in der Lage zu erkennen, dass sie anders sind als die Norm. Einige leiden unter diesem Umstand und können dies auch umschreiben (vgl. KEHRER, 1995, S. 40).

Jim SINCLAIR beanstandet in seinem Essay, dass es in unserer „normalen Welt“ an Offenheit für autistische Menschen fehlt. Ohne Unterstützung der Außenwelt jedoch werden Autisten eine Anpassung nicht schaffen. Diese Tragik ist nicht durch das Erscheinungsbild Autismus determiniert, sondern dadurch, was mit ihnen passiert. Nicht dass sie existieren ist hier das Manko, sondern jenes, dass in unserer Welt kein Platz für Autisten ist (vgl. SLOTTA, 2002, S. 30).

Weiterhin kann dies zur Folge haben, dass sich diese Menschen von ihrem Umfeld ausgegrenzt fühlen und sich zurückziehen. In Folge dessen können Minderwertigkeitskomplexe entstehen, gefolgt von einer Depression bis hin zur völligen Isolation.

Um das Wahrnehmen der eigenen Existenz eines Asperger-Autisten in unserer Welt besser zu verstehen, sollen hier zwei divergierende Exempel vorgestellt werden. Hiermit soll verdeutlicht werden, wie viel Energieaufwand es bedarf, die eigene Frustration zu verarbeiten und erkennen zu müssen, dass trotz aller Bemühungen das Anders-Sein oftmals nicht toleriert wird. Zöller berichtet in seinem Buch „Autismus und Körpersprache“ Störungen der Signalverarbeitung zwischen Kopf und Körper:

ZÖLLER fühlt sich als Autist, dennoch ist er sich der Diagnose Autismus nicht sicher, obwohl die geläufigen Diagnosekriterien auf ihn zutreffen. So berichtet er, dass durchaus autistisches Verhalten zu erkennen ist. Dieses Verhalten resultiert aus einer Hirnschädigung, die sich auf eine postnatale Entwicklung zurückführen lässt.

Es zeigt sich massiv in Wahrnehmungsverarbeitungsdefiziten und zwar dadurch, dass alle Sinne gehemmt sind. ZÖLLER meint selbst, dass seine Entfaltung dermaßen unterbunden ist und sein Dasein bis an den heutigen Tag als absolute Beschwernis empfunden wird. In weiterer Zeit folgt ein enormer Zuwachs, was die kognitive Hör- und Sehreiz-Leistung betrifft, jedoch kommt es in der Adoleszenz zunehmend zu Komplikationen mit der eigenen Körperempfindung.

ZÖLLER zieht in Erwägung, dass er heute, im Vergleich zu früher, diese Wahrnehmung bewusster erlebt. Er stellt fest, dass es immer Zeiten gab, in denen er sich unbrauchbar und unnütz vorkam und diesbezüglich innerlich immensen Druck verspürte, den er gerne abgebaut hätte (vgl. ZÖLLER, 2001, S. 16):

„Vielleicht habe ich mich nie in meinem Körper richtig wohl gefühlt. Meine Störungen beim Hören und Sehen kann ich akzeptieren. Ich weiß, dass ich mehr hören kann als andere Menschen, und ich weiß, dass die Bilder, die ich mit den Augen aufnehme, oft nicht der Realität entsprechen. Das kann man alles kompensieren. Je älter man wird und je mehr man erfahren hat, desto besser funktioniert die Kompensation, die allerdings anstrengend bleibt. Aber wenn man sich in seinem Körper nicht zuhause fühlt, wird man zum Scheusal, das die Umwelt drangsaliert und terrorisiert.

Autistisch zu sein, wäre für mich weniger schlimm, wenn wenigstens ein Sinn in Ordnung wäre und mir richtige Informationen vermittelte. Dann könnte ich alle fehlerhaften Informationen an dieser einen Information messen“ (zit. ZÖLLER, 2001, S. 16).

Aber nicht immer ist das der Fall. Es gibt auch sehr extravagante Asperger, die sich ihrer schillernden Einzigartigkeit bewusst sind.

Herr M. ist 32 Jahre alt und arbeitet seit kurzem als Zahntechniker. Seit seiner Diagnose „Asperger-Syndrom“ widmet er sich einem Teil seines Lebens dieser Beeinträchtigung.

Er liebt Deutschland und die Sprache und besuchte bereits eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Asperger-Syndrom in Hamburg. Herr M. hat viele Interessen, die er in einem Interview verrät.

Eines seiner Leidenschaften ist der Instrumentenbau, da ein Talent für Holzbearbeitung und Konstruktion vorliegt. Herr M. legt gerne selbst Hand an, wenn es um das Musizieren mit Saiten- und Schlaginstrumenten geht. In einer Band konnte er sich schon unter Beweis stellen.

Leider hat sich Herr M. mit der Ausdrucksweise der Band nicht identifizieren können (FRANK, 2008, S.11): „Ich passte einfach nicht zu ihrem Jargon oder zu irgendeinem anderen Jargon. Ich bin ziemlich waghalsig in der Musik oder sonst auch mit allem, was ich tue. Die Band, in der ich spielte (das gilt für alle Bandes, in denen ich gespielt habe), hat sich auf eine bereits vordefinierte Stilart begrenzt. Ich meine jedoch, dass es nicht kreativ ist, sich an vorgefertigte Normen zu halten. Eine Stärke, die mir der Autismus verschafft hat, ist, dass ich mich nicht an vorgefertigte Ideen halte. Ich denke selber und das auf hohem Niveau. Aber mit einer durchschnittlichen Intelligenz verringert sich der Anteil ähnlicher und verstehender Menschen drastisch“ (zit. in: FRANK, 2008, S. 11).

Auf die Frage, wie und wann Herr M. denn von seiner Beeinträchtigung erfahren hat, entgegnet er:

„Ich ging zu einem Psychologen, um Antworten zu erhalten, ob meine Drainage meine Persönlichkeit beeinflusst hatte (als Einjähriger hatte ich zuviel Wasser im Kopf). Er machte mit mir Tests, und dann schrieb der Psychologe in seinen Bericht, dass er Asperger vermutet.

Ich habe den Kontakt mit der psychologischen Welt dann aber abgebrochen, als ich merkte, dass ihre Sprache und Einrichtung von einem Bild gesteuert war, dass den „Patienten“ als Opfer betrachtet. Opferbasiert eben. Ich respektiere das Können dieser ausgebildeten Mittelintellektuellen nicht und denke, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten unter den meinigen liegen.

Die erfinden Probleme, um dann diese Probleme zu lösen, so war das zumindest in meinem Fall. Der Einfluss der Psychologen auf unsere Kultur ist im Großen und Ganzen negativ, weil sich immer mehr Menschen als Opfer betrachten und dann auch Opfer werden. Das Ganze ist eigentlich suggestiv. Man kann bedeutend mehr Probleme lösen, wenn man ihre Existenz leugnet bzw. sie nicht als Probleme auffasst, sondern als Möglichkeiten“ (zit. in: FRANK, 2008, S. 11).

II. TEIL

2. Das autistische Gehirn aus Sicht der Neurowissenschaft

Unter Klinikern und Forschern besteht Konsens, dass sich das Asperger-Syndrom nicht anhand einer einzigen Ursache plausibel erklären lässt.

Autismus wird allein auf Verhaltensbasis diagnostiziert, da bis dato noch keine eindeutigen biologischen Hinweise, wie veränderte Genetik oder anatomische Auffälligkeiten, festgelegt werden konnten (vgl. MÜLLER, 2007, S. 13). Im Hinblick auf das Asperger-Syndrom werden genetische Faktoren, Schädigungen sowie Störungen des Gehirns und neuropsychologische Defizite diskutiert (vgl. REMSCHMIDT, 2008, S. 57). Aus der Vielzahl an Befunden wird sichtbar, dass das Asperger-Syndrom zerebrale13 Zusammenhänge aufweist. Es können strukturelle sowie funktionelle Auffälligkeiten in bestimmten Hirnarealen nachgewiesen werden. Dadurch werden gewisse Verhaltensweisen wie zwanghaftes Verhalten durch metabolische14 Veränderungen im präfrontalen Kortex oder das repetitive Benehmen dem peptidergen15 System zugeordnet. Eine geringe Aktivierung in einer Positronenemissionstomographie-Untersuchung (PET) der Strukturen, die mit dem Mentalisierungsnetzwerk assoziiert wird, gibt einen neurobiologischen Hinweis auf das Defizit der „Theory of Mind“16. Ausschlaggebend ist hier die Amygdala und die sog. Gyrus fusiformis (vgl. REMSCHMIDT et al., 2006, S. 40). Ein bedeutsames Resultat wird durch eine PET-Studie mit männlichen Asperger-Autisten belegt. Beim Lösen von vorgegebenen Aufgaben ist zu beobachten, dass eine erhöhte Durchblutung des linken Frontallappens erfolgt. Die Probanden mit dem Asperger-Syndrom zeigen eine erhöhte Durchblutung in einem völlig anderen Bereich des Frontallappens. Das Resultat zeigt unter Umständen die Fehlfunktion des Frontallappens beim Asperger-Autisten (vgl. REMSCHMIDT 2008, S. 59f.).

Bildgebende Verfahren ermöglichen es, Einsicht in die ablaufenden Prozesse des Gehirns zu gewähren. Es wird zwischen strukturell angelegten Studien, die der Erforschung der Auffälligkeiten im Aufbau des Gehirns dienen und funktionellen Studien, die eine Gehirnaktivität unter bestimmten Leistungsanforderungen misst, differenziert (vgl. KUSCH et. al, 2003, S. 22). Alle Verhaltens- und Erlebnisweisen lassen sich auf Funktionen in unserem Gehirn nachweisen. Durch moderne Forschungs- und Untersuchungsmethoden können immer mehr Messungen unserer Vorgänge im Gehirn realisiert werden. Dadurch können psychische wie physische Funktionen (Aufmerksamkeit, Denken, Sprache u.a.) zerebralen Funktionen zugeordnet werden. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass nur zwischen 25 und 50 % autistischer Kinder eine geistige Beeinträchtigung aufweisen. In manchen Aufgaben sind autistische Menschen der normalen Population überlegen. Bei simplen visuellen Aufgaben, die ein Erkennen bestimmter Details erfordern, ist die Überlegenheit zu erkennen. Bei Asperger-Autisten zeigt sich deutlich, dass die verbale Intelligenz vor der Handlungsintelligenz steht (ebd., S. 42). Im Vergleich zu Menschen mit Frühkindlichen- Autismus weist der Asperger-Autist eine enorme Einschränkung auf, wenn es um detailorientierte Aufmerksamkeit geht (ebd., S. 43).

Bisher existieren drei aktuelle Theorieansätze, die den Autismus auf neuropsychologischer Ebene zu erklären versuchen. Es handelt sich hier um drei kognitive Ansätze, die, jeweils für sich gesehen, einen wertvollen Teilbeitrag zur Erklärung des Autismus liefern: „Theory of Mind“, Defizit der Exekutivfunktionen17 (EF) und die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz18 (SZK). Eine bekannte neurologische Methode zur Überprüfung der exekutiven Funktion ist der „Turm von Hanoi“. Hierbei sind kalkulierende Zwischenschritte notwendig, um die verschiedenen Bestandteile des Turms an unterschiedlichen Stellen genauso wieder aufzubauen. Dies gelingt umso besser, je höher die Intelligenz und somit die Begabung des autistischen Menschen ist. Bei komplexeren Aufgaben zeigen auch intellektuellere Autisten unzureichend Lösungsstrategien. Exekutive Funktionen werden vom Frontalhirn gesteuert (ebd., S. 44).

Im Hinblick auf die zentrale Kohärenz sind die anatomischen Strukturen noch nicht eindeutig nachgewiesen. GILLBERG erklärt den Zusammenhang zwischen Gehirnfunktion und Verhalten beim Asperger-Syndrom durch vier unterschiedliche kognitive Modelle. Hierbei handelt es sich um das Mentalizing, der zentralen Kohärenz, der exekutiven Funktion und der Unfähigkeit, gespeichertes Wissen abzurufen. GILLBERG geht von einer Kollidierung der Defizite und dementsprechenden Veränderung in der Entwicklung aus (REMSCHMIDT et. al, 2006, S. 61). Die drei neuropsychologischen Theorien19 erklären durch ihre jeweiligen Argumentationen, wie die neuronalen Vernetzungen im Gehirn aufgebaut sind und funktionieren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die psychischen Funktionen der drei Theorien eng in Beziehung zueinander stehen (ebd., S. 51). Diese stehen nicht im Widerspruch zueinander, erklären aber verschiedene Aspekte. Eine gemeinsame Grundlage haben diese Erklärungsversuche in der Annahme einer kognitiven Primärstörung. Bei einem autistischen Menschen können wir von einem Integrationsfehler ausgehen, der einzelne psychische Funktionen unzureichend aufeinander abstimmen kann (vgl. REMSCHMIDT et al., 2006, S. 53).

2.1 Funktionsbeeinträchtigung bei Autismus

Was den Autismus verursacht, ist, wie erwähnt, bis heute unklar. Fest steht, dass von einer bio-psycho-sozialen Beeinträchtigung ausgegangen werden kann. Ein genetisch manifestierter Defekt kann, durch weitere negative Umwelteinflüsse zusätzlich beeinflusst, autistische Verhaltensweisen entstehen lassen (vgl. DODD, 2007, S. 10).

Folgende Faktoren sind an der Ätiologie des Asperger-Syndroms beteiligt:

- Genetische Faktoren
- Assoziierte körperliche Erkrankungen
- Komorbide psychopathologische Störungen
- Hirnschädigungen bzw. Hirnfunktionsstörungen
- Biochemische Anomalien
- Neuropsychologische und kognitive Auffälligkeiten
- Emotionale Störungen sowie Defizite einer „Theory of Mind“ (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S. 34)

Die Störung des Autismus lässt sich grob in anatomische und psychologische Erklärungsansätze teilen, die Annahme von der „Kühlschrankmutter“ ist als veraltet und revidiert anzusehen (vgl. SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, April 2007, S. 44).

Trotz intensiver Forschung der letzten Jahrzehnte ist das Gehirn in seinen Funktionen noch lange nicht zur Gänze ergründet. Was den Autismus betrifft, liegen u. a. biologisch- neurologische Störungen zugrunde, durch die bestimmte Gehirnareale in Mitleidenschaft gezogen sind. Fest steht, dass das autistische Gehirn schon prä-, peri- oder postnatal20 durch noch nicht vollständig erforschte Ursachen in der Entwicklung beeinträchtigt und somit an einer normalen Entfaltung gehindert wird (vgl. Dodd, 2007, S. 9). Es liegt eine gestörte Funktion der Gehirnareale vor, die genetisch festgelegt oder erworben sind (vgl. KEHRER, 1995, S. 67).

Eine nosologische Einteilung des autistischen Syndroms ist schwer vorzunehmen, da die heterogenen Ursachen zu komplex sind. Die Symptomvielfalt, in der sich die Störung zu erkennen gibt, lässt keine einheitliche Sichtweise zu. Nach KEHRER ist es plausibel, die autistische Störung als hirnorganische Psychose zu verstehen (ebd., S. 67):

„Die entwicklungsneurologische Perspektive dominiert gegenwärtig in der Autismusforschung, da man sich davon verspricht, die genauen Zusammen-hänge zwischen der genetischen Prädisposition und den auslösenden Bedingungen für den Beginn und die Form der neuronalen Hirnentwicklungs störungen bei autistischen Kindern zu erkennen. Ebenso können die Studien dazu beitragen, die Zusammenhänge zu verstehen, die zwischen der Hirn- entwicklungsstörung und den neuropsychologischen Defiziten autistischer Kinder bestehen“ (KUSCH/PETERMANN, 2003, S. 60).

Die neurologischen Ursachen, die bisher mit Autismus in Zusammenhang gebracht werden, lassen darauf schließen, dass heterogene, prädisponierende Faktoren vorliegen. Vor allem betreffs der sozialen Interaktion und der symbolischen Vorstellung sind Gehirnareale und deren Funktionsmechanismen maßgeblich daran beteiligt (vgl. KUSCH/PETERMANN, 2003, S. 58). Die Forschung hat bislang plausible Erklärungen gefunden und das Asperger-Syndrom als entwicklungsneurologische Ursache deklariert, mit Auffälligkeiten in der Hirnstruktur als auch in den Gehirnfunktionen (vgl. DODD, 2007, S. 170).

Nach REMSCHMIDT besteht das Defizit des Asperger-Syndroms in einer genetisch bedingten Störung, die alle weiteren Hirnfunktionen beeinträchtigt. Eine oder mehrere genetische Aberrationen21 sind wahrscheinlich Folge von weiteren Defiziten des zentralen Nervensystems (vgl. REMSCHMIDT et al, 2006, S.).

Bei den Störungen des autistischen Spektrums kommt es zu einer Dysfunktion der zwischenmenschlichen sozialen Interaktion. Dies zeigt sich vor allem in einem geringen Empathievermögen sowie einer Beeinträchtigung der Wahrnehmungsverarbeitung, was sich in einer inkongruenten Mimik und Gestik äußert. Das hat zur Folge, dass die wahrgenommenen Eindrücke falsch interpretiert werden. Es wird hierbei angenommen, dass vermutlich die sozialen Reize nicht adäquat verarbeitet werden. In experimentellen Studien ist nachgewiesen worden, dass die Kernproblematik im Verarbeiten der sozialen Reize und der sozialen Besonderheit liegt Die neuronalen Erkenntnisse werden auf unterschiedlicher Ebene erforscht. Hierzu tragen wesentliche Bereiche wie die Neurologie, Neuroanatomie und Neurophysiologie bei.

Laut bildgebender Verfahren konnte bei autistischen Kindern eine Vergrößerung des Hirnvolumens in den Arealen des Frontal- und Temporallappens und der zerebralen Hemisphäre bestätigt werden. Aktuelle Verfahren lassen Rückschlüsse darauf zu, dass hierbei ein verschärftes Wachstum des Gehirns im ersten Lebensjahr statt findet. Dies kann ausschlaggebend dafür sein, dass sich reduzierte Verbindungen des frontalen Kortex mit anderen Gehirnregionen bemerkbar machen (vgl. NERVENARZT, Heft 3, 2008).

Aus neurowissenschaftlicher Sicht liegt die Grundstörung des Autismus in den neuronalen Strukturen der Amygdala22, des Hippocampus23, des Septum24, des Corpus Mamilliare25 an der Basis des Hirnstammes sowie des Kleinhirns. In diesen Arealen ist ein vermehrtes Hirngewicht, Störungen der Dendritendifferenzierung im limbischen System und eine reduzierte Anzahl an Purkinje-Zellen26 im Kleinhirnbereich nachgewiesen worden. Diese entsprechenden neuronalen

[...]


1 Siehe S. 59

2 Baron-Cohen geht davon aus, dass es sich bei der autistische Störung um eine Aufmerksamkeitsstörung handelt. Die Intentionen und Ziele einer anderen Person können nicht registriert werden. Dies führt dazu, dass diese Kinder das Verhalten anderer Personen nicht deuten können. Sie weisen eine sozial-kognitive Beeinträchtigung auf. Aus dieser Aufmerksamkeitsstörung resultiert im weiteren Verlauf der Entwicklung die Beeinträchtigung der Theory of Mind (vgl. KUSCH et. al, 2003, S. 133).

3 High-Functioning-Autismus ist ein inoffizieller Begriff für Menschen mit frühkindlichem Autismus. Je nach Definition ohne geistige Beeinträchtigung (IQ>70) oder mit mindestens durchschnittlicher Intelligenz (IQ>85) wird „Frühkindlicher- Autismus“ oder „High-Functioning- Autismus“ diagnostiziert. Menschen mit „Low-Functioning-Autismus“ weisen eine verringerte sprachliche Komplexität und Intelligenz auf. Der Begriff ist auf Wing zurückzuführen; damit wollte Wing Menschen beschreiben, die in jungen Jahren phänomenologisch ein „Kanner-Syndrom“ zeigen, jedoch im Verlauf der Entwicklung in Richtung „Asperger-Syndrom“ tendieren. (vgl. POUSTKA et. al, 2

4 Sich wiederholend (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 907)

5 Änderung nach eingehender Prüfung (z. B. in Bezug auf eine Ansicht) (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 907). 004, S. 11).

6 Unter Komorbidität wird im Allgemeinen das gleichzeitige Vorkommen unterschiedlicher, voneinander abgrenzbarer Erkrankungen bei ein und demselben Individuum verstanden (vgl. HERPERTZ-DAHLMANN et al. 2008, S. 606).

7 Bestehen bleiben, fortdauern (med.) (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 786).

8 Sprachliche Neubildung von Wörtern (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 697).

9 Umkehrung der Pronomina

10 Übergang von einer Tonart in eine andere, bedeutet die Anpassung von Tonstärke und Klangfarbe (vgl. DUDEN-Band 5, 1997, S. 526).

11 Zur Vorhersage eines Merkmals herangezogene Variable (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 649)

12 Verfahren zur Reihenuntersuchung (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 940)

13 Das Großhirn betreffend, von diesem ausgehend (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 1097)

14 durch den Stoffwechselprozess entstanden (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 512)

15 Peptid, ein bestimmtes Produkt des Eiweißabbaus (vgl. Duden, 9. Aufl., S. 779)

16 auf die Theory of Mind wird an anderer Stelle ausführlich eingegangen

17 Die exekutive Funktion (EF) findet in dieser Arbeit nur kurze Erwähnung, da dieses Thema, wie die Theory of Mind oder die zentrale Kohärenz, eine vollständige Arbeit in Anspruch nehmen würde. Das Konstrukt der EF ist ein Sammelbegriff der mentalen Funktionen. Der Begriff der EF fasst die verschiedenen Kompetenzen in der Selbststeuerung als die willentliche, zielgerichtete Handlungsplanung, kognitive Adaptionsfähigkeit (Anpassung an Umweltereignisse), Kontextunabhängigkeit und Impulskontrolle zusammen. Diese Einschränkungen der EF sind nicht spezifisch für Autisten, sondern finden sich z.B. auch bei Kindern mit dem Aufmerksamkeitsdefitzit-/Hyperaktivitätssyndrom etc. Ein Zusammenhang der EF-Defizite kann bis dato mit der autistischen Störung nicht in Verbindung gebracht werden. Auch dieses Modell vermag nicht die komplette Beeinträchtigung des Autismus zu klären. Es beschreibt die Stereotypen sowie Manierismen (ein Verhalten in gleicher Weise zeigen), jedoch nimmt es keinen Bezug auf die interaktive und kommunikative Kompetenz (vgl. FREITAG, 2008, S. 52f.).

18 Diese Theorie der schwachen zentralen Kohärenz von Frith besagt, dass menschliches Handeln für gewöhnlich von dem Bemühen gekennzeichnet ist, alle Reize, die auf uns einströmen, kontextgebunden, global, gestaltmäßig zu interpretieren. Menschen, Objekte und Situationen werden unwillkürlich, kontextspezifisch betrachtet (kohärente Gestalt). Das kognitive Muster einer schwachen Kohärenz wird als Erklärung für viele autistische Verhaltenswiesen angeführt. Als einzig kognitions-psychologisches Modell kann diese Theorie die Inselbegabung (herausragende Fähigkeiten bei generell niedriger Leistung) mancher Autisten und deren Ordnungsstreben erklären. Nach Frith sind die Kommunikations- und Interaktionsprobleme auf die schwache zentrale Kohärenz zurückzuführen. Eine geringe Integration der Wörter zu einem Ganzen kann das Sprachverständnis erschweren. Die Verarbeitung sozialer und emotionaler Stimuli erfordert eine simultane und koordinierte Integration eingegangener Information (vgl. MÜLLER, 2007 S. 36). Bei Menschen mit dem Asperger-Syndrom scheint diese Fähigkeit nicht so stark wie beim Frühkindlichen-Autismus beeinträchtigt zu sein (vgl. REMSCHMIDT et. al, 2006, S. 46).

19 Gemeint sind die „Theory of Mind“ , die Theorie der exekutive Funktion und die der zentralen Kohärenz.

20 Vor-während und nach der Geburt

21 Abweichung, Chromosomenaberrationen (vgl. Pschyrembel, 1997)

22 Die Amygdala bildet den Endpunkt z. B. von somatosensorischen Bahnen und den Ausgangspunkt z. B. orbito-frontalen Kortex eines neuronalen Netzwerkes, das als „soziales Hirn“ bezeichnet wird. Es wird vermutet, dass in diesem Bereich eine Störung vorliegt, die soziale Orientierung, motorische Imitation, gemeinsame Aufmerksamkeit und Empathie beeinträchtigen. Die Beeinträchtigungen zeigen sich in einer verringerten Neuronenanzahl und einer vergrößerten Neuronendichte (vgl. KUSCH et al., 2003, S. 62).

23 Teil des limbischen Systems

24 Scheidewand

25 Paarige Erhebung am Boden des Zwischenhirns, Schaltstelle des limbischen Systems

26 Große, pyramiden- oder birnenförmige multipolare Ganglienzellen in der mittleren Schicht der Kleinhirnrinde, deren Dendriten im Stratum moleculare enden und deren Neuriten als einzige efferente Fasern die Kleinhirnrinde verlassen

Details

Seiten
100
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640323951
ISBN (Buch)
9783640321865
Dateigröße
864 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126590
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Erziehungswissenschaft/Sonderpädagogik
Note
1,5
Schlagworte
Asperger-Syndrom Beeinträchtigung Handlungskompetenz

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Titel: Das Asperger-Syndrom