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Erzählen gegen das Vergessen - Über die erzählende Reflexion von Geschichte in Uwe Johnsons „Jahrestage“ und Einar Schleefs „Gertrud“

Masterarbeit 2009 73 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Poetisierte Geschichtsschreibung und historiographischer Roman
2.1 Geschichte(n): Literatur und Geschichtsschreibung
2.2 Das Romaneske an der Geschichtsschreibung
2.3 Der historiographisch orientierte Roman
2.4 Oral historyund Mentalitätengeschichte

3. Literarische Erinnerungskultur zwischen Erkenntnisgewinn und Neuperspektivierung
3.1 Literatur als Beitrag zum kollektiven Gedächnis
3.2 Sinnfindung durch Erkenntnisgewinn
3.3 Sinnfindung durch Neuperspektivierung

4. Das narrative Programm des Schoah-Gedächtnisses
4.1 Die Poetik moderner Literatur
4.2 Schreiben nach Auschwitz: Ein Widerspruch?
4.3 Die Betroffenheit der Nachgeborenen-Generation

5. Reflexion von Geschichte in Uwe JohnsonsJahrestage
5.1 Erzählsituation: „Schreib mir zehn Worte für mich, Genosse Schriftsteller“
5.2 Poetisierte oral history: „[A]ber du warst doch dabei, wenn in einem Moment Geschichte gemacht wurde“
5.3 Ewige Wiederkehr des Gleichen: „Wie oft noch“
5.4 Erinnerung als Voraussetzung für das Erzählen von Geschichte: „Wenn ich die Erinnerung will, kann ich sie nicht sehen“
5.5 Experimentelle Geschichtsschreibung mithilfe von Fiktionalität: „Geschichte ist ein Entwurf“

6. Reflexion von Geschichte in Einar SchleefsGertrud
6.1 Erzählsituation: „Wenn ich das aufschreibe, wird es nicht wieder in Details zerfallen“
6.2 Poetisierteoral history:„Mich quälen Daten, Geschichten“
6.3 Ewige Wiederkehr des Gleichen: „Die Umstände verändern sich, es bleibt ewig dasselbe“
6.4 Erinnerung als Voraussetzung für das Erzählen von Geschichte: „Mich erinnern, was bringt das, flennen, jeden Tag“
6.5 Experimentelle Geschichtsschreibung mithilfe von Fiktionalität: „Wie ist es und wie könnte es sein“

7. Schluss

8. Bibliographie

„Es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus heißt. Ein
Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff,
sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind
aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.
Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz
der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten
vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die
unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die
Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken
und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht
vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und
so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann.
Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den
Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel
wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm“.
(Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

„Auf daß erkenne das künftige Geschlecht, die Kinder, die geboren

werden, daß sie aufstehen und erzählen ihren Kindern“.

(Psalm 78,6 - Text auf dem Jüdischen Mahnmal der Gedenkstätte Buchenwald)

1. Einleitung

Im Vorwort des Sammelbands „Literatur als Erinnerung“1 weist der Herausgeber Bodo Plachta auf ein hochaktuelles Phänomen hin, wenn er von einem „'Höhepunkt' unserer gegenwärtigen Erinne-rungskultur“2 spricht. Tatsächlich ist gerade in Deutschland der Erinnerung insbesondere an die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts mit fortschreitender Zeit ein immer bedeutenderer kultureller Stellenwert zuteil geworden. Ob durch die Neuerrichtung und Pflege von Gedenkstät-ten, Museen und Archiven oder durch die vermehrten Forderungen nach Symposien bzw. histori-schen Forschungsprojekten – die Erinnerung an Geschichte konstituierende Ereignisse ist zwei-felsohne mittlerweile ein wichtiger Parameter des modernen Selbstverständnisses.

Im Folgenden soll nun erörtert werden, inwiefern literarische Werke einen Teil zu diesem großräu-mig angelegten Erinnerungsdiskurs beitragen und ihn gegebenenfalls komplettieren können. Diese Arbeit fragt danach, wie die Geschichte – im Sinne von Historie – in den Roman gelangt, sie fragt nach Schnittstellen und Wechselwirkungen zwischen Geschichtsschreibung und literarischer Fikti-on und sie fragt nach dem Beitrag, den Literatur hinsichtlich der Aufarbeitung von jüngster Ge-schichte im Zeichen einer generationsübergreifenden Erhaltung von Erinnerung zu leisten ]vermag. Die hier vorgenommene Beschäftigung mit Literatur, Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur orientiert sich einerseits an der interdisziplinären Ausrichtung der Komparatistik, indem Berüh-rungspunkte zwischen Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Kulturwissenschaft be-leuchtet werden. Der erste Teil der Arbeit widmet sich daher den theoretischen Gegebenheiten, die bei der Untersuchung dieser Einflussbereiche wirksam werden. Andererseits soll hier auch das vergleichende Moment der Komparatistik zur Anwendung kommen, weswegen die theoretischen Überlegungen zum Thema Literatur, Geschichte und Erinnerung im zweiten Teil anhand eines Vergleichs von Uwe Johnsons vierbändigem Romanepos Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl3 (ersch. 1970-1983) und Einar Schleefs zweibändigem4 Monumentalmonolog Gertrud5 (ersch. 1980-1984) veranschaulicht werden sollen.

Die Kritik hat in der Vergangenheit schon mehrfach auf einen Vergleich zwischen Jahrestage und Gertrud angespielt6, doch bis dato ist keine differenzierte Analyse bezüglich Gemeinsamkeiten und Unterschieden erschienen. Dies mag damit zusammenhängen, dass Gertrud insgesamt von der Forschung bisher nur wenig Beachtung geschenkt worden ist. Einschlägige Schriften zu Schleefs Werk sind an einer Hand abzählbar. Dabei ist Einar Schleef (1944-2001) bei weitem kein unbe-schriebenes Blatt. Er machte sich nicht nur als Autor verdient, sondern war auch – gleichsam als eine Art Universalkünstler – auf den Gebieten Theater7, bildende Kunst und Photographie äußerst produktiv.

Über Uwe Johnson (1934-1984) dagegen ist schon viel geschrieben worden; seine Popularität ver-dankt er in erster Linie seinem finalen Romanprojekt Jahrestage. Dies ist auch der Grund dafür, warum die Jahrestage in dieser Arbeit die Rolle des Referenztextes übernehmen.

So wie sich die Lebensläufe beider Autoren ähneln, finden sich auch in ihren Veröffentlichungen einschlägige Gemeinsamkeiten. Ohne die Lebensumstände für die Bedeutung beider Werke zu sehr hervorheben zu wollen, muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass sowohl Schleef als auch Johnson als Bürger der DDR die künstlerische freie Entfaltung aufgrund der kompromiss-losen ideologieverhafteten Kulturpolitik des Regimes versagt geblieben ist – ein Umstand, der bei-de in letzter Konsequenz zur Flucht trieb.

Es spiegeln sich jedoch nicht nur Teile der schmerzlich empfundenen DDR-Lebenswirklichkeit im Schaffen der beiden Schriftsteller wieder, sondern es werden immer auch Rückgriffe vollzogen, in denen deutsche Vergangenheit bis zum Zweiten Weltkrieg und darüber hinaus zum Gegenstand der Reflexion gemacht wird. Aus der unmittelbaren Erfahrung der SED-Diktatur nach Hitlers Regime entsteht so die Notwendigkeit, den Katastrophenzusammenhang Geschichte in bewusster Abgren-zung zur Historiographie literarisch-kritisch aufzuarbeiten.

2. Poetisierte Geschichtsschreibung und historiographischer Roman

2.1 Geschichte(n): Literatur und Geschichtsschreibung

Vor über 2000 Jahren wurde die eindeutige erkenntnistheoretische Unterscheidung zwischen dich- terischem und literarischem Diskurs nicht hinterfragt. Aristoteles weist in seiner Poetik auf einen basalen Unterschied hin, wenn er erklärt, dass „der Geschichtsschreiber und der Dichter [...] sich nicht dadurch voneinander [unterscheiden], daß sich der eine in Versen und der andere in Prosa mitteilt – man könnte ja auch das Werk Herodots in Verse kleiden, und es wäre [...] um nichts weniger ein Geschichtswerk [...]; sie unterscheiden sich vielmehr dadurch, daß der eine das wirklich Geschehe-ne mitteilt, der andere, was geschehen könnte“.8

Mit Aufkommen der Moderne relativierte sich diese strenge Grenzziehung zwischen historiogra-phischer Realität und literarischer Fiktion in zunehmendem Maße und es begannen sich gegensei-tige Überlappungen und Beeinflussungen abzuzeichnen. So nennt denn auch Eberhard Lämmert in Bezug auf die letzten 200 Jahre das „Verhältnis von Geschichtsschreibung und Roman [...] ein[en] Wechsel von Annäherung und Abstoßung“.9 War der Roman zuvor gern aufgrund seines Hangs zum Fabulieren hinter die Historiographie zurückgestellt worden, so verschafft sich mittlerweile schon vereinzelt die Ansicht Akzeptanz, dass allein der Roman imstande sei, aus überlieferten Nachrichten ein vollständiges und vor allem plastisches Panoramabild vergangener Zustände ent-stehen zu lassen.

Derart revolutionäre Ideen wurzeln in einem neuen methodischen Denkansatz der Geschichtsbe-trachtung. Anders als bei der im Zeitalter der Aufklärung vorherrschenden generalisierenden Ge-schichtsbetrachtung, betonte man seit der Französischen Revolution verstärkt die Prozesshaftigkeit von Geschichte. Es wurde Wert darauf gelegt, sich von einem gegenwärtigen Standpunkt aus mit der Vergangenheit zu befassen, um sie unter sich immer anders bietenden Blickwinkeln „neu [...] sehen, [...] ordnen und [...] interpretieren“10 zu können. Der Vergangenheit kommt mit ihrer Neu-betrachtung als Einflusssphäre der Gegenwart damit eine vorher ungekannte Aktualität zu, denn das aufgekommene „Entwicklungsdenken erlaubt, die Wirkungen der Vergangenheit auf die Ge-genwart und die der Gegenwart auf die Zukunft zu projizieren“.11

Die Neuartigkeit des Verlaufs und die Folgen der Französischen Revolution hatten schlicht nach einer innovativen Auseinandersetzung mit Geschichte verlangt. Mit dem Sprengen der engen Grenzen des generalisierend-teleologisch ausgerichteten aufklärerischen Ansatzes begann der his-torische Diskurs auch auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Bereiche Ein-fluss zu nehmen. So ist schon über die Zeit des 19. Jahrhunderts nachzuweisen, „daß sich zahlreiche Bewegungen zwischen den Formen ergeben, die die Grenzen zwischen fiktionaler Literatur und Historiographie durchlässig machen, ja sie geradezu zugunsten eines Prozesses des (historischen) Erkennens [...] auf-zulösen scheinen und damit ein Denken und Schreiben vorweg nehmen, wie es die (Post)Moderne kennzeichnet“.12

Es kann nun nicht behauptet werden, dass es gar keine Grenzlinien zwischen Historie und Fiktion mehr gäbe, denn – darauf macht Lützeler aufmerksam – es existiert ein unschlagbares Kriterium, das den fundamentalen Hiatus benennt: „Romanaussagen als von vornherein fiktionale sind nicht falsifizierbar“.13 Dennoch ist die Tatsache nicht zu unterschätzen, dass sich die oben zitierten Be-wegungen zu regelrechten Amalgamierungen zwischen der modernen Geschichtswissenschaft und der gleichzeitigen Romanliteratur ausgeweitet und einer Fülle von hybriden Formen zur Existenz verholfen haben.

Allein schon die Mehrdeutigkeit des Wortes Geschichte weist auf das unlösliche Ineinandergreifen der Einzelfaktoren der Ereigniskette Geschehnis – erzählerische Repräsentation des Geschehnis-ses hin: „Geschichte bezeichnet demnach [...] sowohl die res gestae als auch die historia rerum gestarum “.14

2.2 Das Romaneske an der Geschichtsschreibung

Die Idee15, die Geschichtsschreibung auf die ihr immanenten Romancharakteristika zu untersu- chen, d.h. die Überzeugung von der „'objektive[n]' Rekonstruierbarkeit der 'Fakten' in Frage zu stellen, die narrative Ebene der Historiographie (als ein Text, der die Wirklichkeit nach seinen eigenen Gesetzen strukturiert, filtert und modifiziert) in den Vordergrund zu rücken und damit eine erkenntnistheoretische sowie gestalterische Nähe zwischen Historiker und Romancier [zu] im-plizieren“,16 ist schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisbar. In Jean-Jacques Rousseaus päd-agogischem Hauptwerk E mile, ou de l'éducation (ersch. 1762) beispielsweise heißt es über die Fakten, mit denen sich der Geschichtsschreiber auseinander zu setzen hat: „[l]ls changent de forme dans la tête de l'historien, ils se moulent sur ses intérêts, ils prennent la teinte de ses préjugés. Qui est-ce qui sait mettre exactement le lecteur au lieu de la scène pour voir un événement tel qu'il s'est passé?“17

Die Nähe zwischen Historiker und Romancier resultiert aus ihren wichtigsten Berührungspunkten: Beide unterliegen beim Abfassen von Texten einer gewissen subjektiven Komponente, beide ge-ben ihrem Stoff beim Niederschreiben eine Form und beide sind in der Regel bemüht um die Her-stellung eines Erzählzusammenhangs. Diese Feststellung bedeutet für die Arbeit des Historikers, dass auch seine Fakten einer (unbewussten) Auswahl, Anordnung und dadurch zwangsläufig einer impliziten Bewertung unterliegen. Fakt ist, dass beide unterschiedliche Mittel beim Erzählen in-strumentalisieren, doch es gilt ebenso, dass beide erzählen.

Der amerikanische Literatur- und Geschichtswissenschaftler Hayden White (geb. 1928) hat mit seinen Überlegungen zur Metaebene der Geschichtsschreibung bedeutend dazu beigetragen, das „klassische Oppositionspaar der res fictae und der res factae18 einander anzunähern:

„Novelists might be dealing only with imaginary events whereas historians are dealing with real ones, but the process of fusing events, whether imaginary or real, into a comprehensive totality capable of serving as the object of represen­tation, is a poetic process. Here the historians must utilize precisely the same tropological strategies, the same modali­ties of representing relationships in words, that the poet or novelist uses. [...] These fragments have to be put together to make a whole of a particular, not general, kind. And they are put together in the same ways that novelists use to put together figments of their imaginations“.19

Whites bahnbrechender Neuansatz besteht in der Behauptung, dass jede Geschichtsschreibung poetologischen Darstellungsweisen unterliegt. Er zeigt, dass eine systematische Engführung von Literatur und Historiographie da möglich wird, wo Untersuchungsmethoden der Literaturtheorie und Sprachwissenschaft auf ein historiographisches Werk angewendet werden können. Der Histo-riker bediene sich bei seinen Erklärungsstrategien, zu denen White auch das „emplotment“, also „the encodation of the facts [...] as components of specific kinds of plot structures“20, gerechnet haben will, verschiedener fiktionaler Darstellungsweisen, nämlich dem Romantischen, dem Komi-schen, dem Tragischen und dem Satirischen.21

White fordert darüber hinaus „senitivity to alternative linguistic protoclos, cast in the modes of metaphor, metonymy, synecdoche, and irony“22, da diese rhetorischen Figuren jeder gelungenen Geschichtsdarstellung zugrunde lägen.

Legt White seinen Schwerpunkt auf den formal-ästhetischen Aspekt der Rhetorizität von Ge-schichtsschreibung, so ist an anderer Stelle verstärkt auf ein genuin fiktionales Moment von histo-riographischen Texten hingewiesen worden. Jauss bringt es auf den Punkt, wenn er der modernen Historiographie abverlangt, den ihr inhärenten Fiktionalisierungsprozess anzuerkennen. Dieser sei „immer schon am Werk, weil das ereignishafte Was eines historischen Geschehens immer schon durch das perspektivische Wann seiner Wahrnehmung oder Rekonstruktion, aber auch durch das Wie seiner Darstellung und Deutung bedingt ist“.23

2.3 Der historiographisch orientierte Roman

Die Beschäftigung mit dem Romanesken an der Geschichtsschreibung mündet in die Frage nach der Möglichkeit eines Umkehrschlusses: Warum sollte es nicht auch möglich sein, in fiktionaler Literatur ein wirklichkeitsgetreues Abbild des historisch-kulturellen Hintergrundes einer bestimm-ten Epoche zu erblicken und der Literatur spezifische Erkenntnisleistungen im Hinblick auf die Geschichte zuzuschreiben?

Fest steht, dass fiktionale Literatur immer schon vorgeformt ist durch den außerliterarischen Kon-text, in dem sie entsteht. Weitere Hintergründe für die Vermischung von Fiktion und Historie im zeitgeschichtlichen Roman24 sind in der das 18. und 19. Jahrhundert bestimmenden Debatte über den möglicherweise schlechten Einfluss des Romans auf das Lesepublikum zu suchen. Dem Ro­man wurde vorgeworfen, mit erfundenen Fabeln den Rezipienten von der ihn umgebenden Wirk-lichkeit und ihren Moralvorstellungen zu entfremden. Um diese Kritik zu entkräften, bemühten sich die Schriftsteller zunehmends um eine realistischere Darstellung des Erzählstoffs. Zudem ist zu dieser Zeit ein gesteigertes Interesse an historischen Themen nachzuweisen, was unter anderem durch die bereits angedeutete aufkeimende Problematik der Unzulänglichkeit der Geschichts-schreibung, die die Auswirkungen der Französischen Revolution nicht angemessen verarbeiten konnte, bedingt wurde.25

Natürlich wird aus einem fiktionalem Text noch längst kein Stück Historiographie, nur weil die Handlung in der Vergangenheit angesiedelt ist und sich um das dreht, was als geschichtliches Er-eignis Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Vielmehr ist fiktionales Erzählen von Ge-schichte „eine Art 'Parallelaktion' oder auch ein Kontrastprogramm zur Wirklichkeit. Produktionsästhetisch betrachtet heißt dies [...], dass der Erzähler [...] Elemente der Wirklichkeit nutzt: Daten, Orte, Fakten, Figuren, Äußerungen, Ereignis-se, Zusammenhänge aller Art dienen, mehr oder weniger bearbeitet, verfremdet, verkleidet, als Bausteine eines Ge-bäudes, das als Ganzes dann nicht mehr in der historischen Wirklichkeit, sondern eben in einer imaginären Parallel-welt steht“.26

In der Tat wird der Rezipient in den meisten Fällen kaum dazu in der Lage sein festzustellen, in-wiefern es sich bei der vorliegenden Lektüre um reine Erfindung handelt oder um ein Ereignis, das sich real ereignet hat. Wie bei der Analyse der hier behandelten Beispielromane noch konkretisiert werden soll, ist „eine solche Überprüfung und Entscheidung [...] für [die] Lektüre irrelevant, gar hinderlich“.27 Anhand der zur Verfügung stehenden historischen Fakten schafft der Romanautor unter Zuhilfenahme der Phantasie vielmehr so etwas wie „repräsentative Lebensläufe“.28 Dass die-se Biographien29 so nicht gelebt worden sind, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, denn wichtig für die Glaubhaftigkeit ist in diesem Falle allein das Kriterium der Wahrscheinlichkeit, ein Begriff, der „hinfort die gemeinsame Zone der Dichtung und der Geschichtsschreibung bilden wird. [...] Gleichviel, ob der moder-ne Romancier erzählt, was sich ereignet haben könnte, oder ob der moderne Historiker von dem berichtet, was sich tatsächlich ereignet hat: sie sind beide auf die Mittel der Fiktion angewiesen, sobald das Erzählen beginnt – wenn der Romancier >>Bilder der Vergangenheit<< entwerfen oder >>Sittengemälde seiner Zeit<< schreiben will und wenn der His-toriker durch den Zeitabstand genötigt wird, eine vergangene Wirklichkeit aus der diffusen Fülle ihrer Quellen in ver-kürzenden Aussagen zu rekonstruieren“.30

Das Motto dieses auf dem Möglichkeitsprinzip basierenden Verfahrens lautet dementsprechend nicht „Geschichten erzählen anhand von Fakten“, sondern „Geschichte erzählen durch Geschich-ten“.31 Ein biographisch inspirierter Erzählansatz eines Romans eignet sich dabei hervorragend als am Wahrscheinlichkeitskriterium orientierte Schnittstelle zwischen Historie und Fiktion.

Auch die Romane der Nachkriegszeit bilden mit der Schilderung eines ganz persönlichen Schick-sals Anklänge an die Autobiographie aus, da gerade diese Form es möglich macht, „die Geschichte gegenwärtig zu halten, obwohl das ungeheuerliche Geschehen nur von einzelnen, möglichen Ge-schichten aus unterschiedlicher Perspektive ausgeleuchtet wird“.32 Selbst wenn das Ausblenden des fiktionalen Anteils bei biographischen Romanen irgendwie realisierbar wäre, so entstünde kein authentischeres Detailbild der Vergangenheit als wenn man die fiktionalen Momente als Kompo-nenten eines zeitgenössischen Bewusstseins akzeptiert, das von Erinnerungstücken, Selbstreflexi-on sowie (kollektivem) Wissen beeinflusst wurde. Durch die Berücksichtigung dieser Faktoren trägt der moderne historisch orientierte Roman33 der Erkenntnis von der Undarstellbarkeit einer geschichtlichen Totalität Rechnung, wird jedoch dadurch der Komplexität historischer Prozesse in mancher Hinsicht gerechter als die Historiographie.

Formal wirkt sich diese Tatsache in „konstitutiven Elemente[n] des Disparaten, des Fremden und der Aufzeichnung von Möglichkeiten, der „Entfabelung“, der eingeschalteten Reflexion, der Beto-nung von Diskontinuität“34 aus. Wie auch die Analyse von Jahrestage und Gertrud zeigen wird, geht es nicht mehr darum, eine stringent fortlaufende Geschichte zu erzählen, sondern darum, einen Streifzug durch das Bewusstsein des Protagonisten zu simulieren.

2.4 Oral history und Mentalitätengeschichte

Indem viele Romane Geschichte auf die Art thematisieren, dass sie Biographien anhand von Eck-daten der Geschichtsschreibung fingieren, d.h. objektive Tatsachen neben subjektive Erfahrung stellen, wird ihnen nachgesagt, sich damit in die Tradition der so genannten oral history zu stellen. Dahinter verbirgt sich eine Methode der Geschichtswissenschaft, die vorsieht, in mündlichen In­terviews Aussagen von ganz normalen Menschen als Zeitzeugnisse zu registrieren. Es handelt sich um Durchschnittsmenschen, die ihre Erlebnisse und Erfahrungen, ja ihre gelebte Geschichte für gewöhnlich nicht über schriftliche Hinterlassenschaften an die nachfolgenden Generationen wei-terzugeben pflegen.

Im Zuge der klaren Trennung von Geschichtsschreibung und Roman sah sich jede Gattung ihrem besonderen Aufgabenfeld und damit auch Methodenkatalog verpflichtet. Während die Geschichts-schreibung sich aus einem autoritativen Anspruch heraus um eine besonders unpersönliche und neutrale Faktenvermittlung bemühte, die es anhand von Quellen zu belegen galt, ging es beim Ro­man darum, einen durch den Erzähler stark eingegrenzten und subjektiv gefärbten Ausschnitt von Welt zu vermitteln. Mit diesen Formalien war zugleich auch der Inhalt beider Gattungen festge-legt:

„Der Roman erzählte zumeist von einem eng umgrenzten Kreis von Figuren in der Welt, er war interessiert am Beson-deren, Alltäglichen, während die Historiographie ein weiteres Umfeld [...] in ihren Blick nahm. [...] Sie beschäftigte sich aus einer Vogelperspektive, die insbesondere das Herausragende bzw. das in Dokumenten Bezeugte wahrnahm, vorzugsweise mit Staatshandlungen, den großen Veränderungen wie den Kriegen, Revolutionen und dergleichen, wäh-rend der Roman in das Alltagsleben hineingehen und Figuren wie Handlungen imaginativ ausgestalten konnte“.35

Hier handelt es sich um ein Phänomen, das schon Thomas Macaulay im Jahr 1828 kritisiert hat: Historiker schrieben nur über die Geschichte der Großen, der Kriege und Revolutionen – und zwar in einer für den Leser höchst unattraktiven Weise. Ohne Feingefühl dafür, dass gerade kulturge-schichtliche Einzelheiten den nachfolgenden Generationen ein vollständiges Bild von der Lebens-weise der Vorfahren zu liefern imstande sind, ignorieren sie die Gewohnheiten der Durchschnitts-bürger. Ein guter Historiker dagegen sei derjenige, der auch darzustellen weiß, was hauptsächlich die Romanautoren für sich beanspruchen, nämlich „the character and spirit of an age [...] in minia-ture“.36 Er „considers no anecdote, no peculiarity of manner, no familiar saying as too insignificant for his notice“37 und nährt sich so dem Romancier an, der für gewöhnlich auch alltägliche Men-schen und Begebenheiten zu Wort kommen lässt.

Die Form der oral history nun macht sich zum Programm, was Macaulay in seinem kulturge-schichtlichen Ansatz bereits antizipiert hatte. Sie legt aber nicht nur Wert auf das Hervorbringen eines romantauglichen Lokal- und Zeitkolorits, sondern auch darauf, die subjektive Erfahrung als Realität anzuerkennen und damit jeden Menschen als Subjekt der Geschichte ernst zu nehmen. Eine weitere Besonderheit dieser Art der Erhebung geschichtlicher Information liegt in der Mög-lichkeit, zu einer „kommunikativen Geschichtswissenschaft“38 zu gelangen, die ein Weitergeben von Geschichte im erzieherischen Kontext lebendiger gestaltet. Es wächst das Gespür dafür, dass oral history eine Ergänzung, wenn nicht gar eine Korrektur39 der Geschichtsschreibung von oben leistet, in der Menschen nur als statistische Größen und nicht als Personen mit Gefühlen und sub-jektiven Erfahrungen auftreten. Das Prinzip der oral history wird die Geschichtsschreibung künf-tig in zunehmenden Maße mitbestimmen, ein Umstand, der auch auf den mit Geschichte arbeiten-den Roman zurückwirken wird.

Methodik und Zielsetzung der oral history weisen Parallelen zu den Ansätzen mentalitätenge-schichtlicher Forschungen auf, da sie sich vom „Primat des Politischen [entfernt] hin zu einer Ge-schichte, die für ihre Analyse [...] auch Mentalitäten und Bewußtsein der die Gesellschaft konstitu-ierenden Gruppen“40 berücksichtigt. Der Gegenstandsbereich dieser häufig mit dem französischen Begriff histoire des mentalités41 bezeichneten Disziplin konzentriert sich auf die Dispositionen, die innerhalb der kollektiven Wirklichkeitserfahrungen der Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunk-ten vorherrschend waren. Damit hat sie sich der Untersuchung von „Prozesse[n] kultureller Sinn-gebung, Selbst- und Weltbilder[n] vergangener Epochen und d[er] historische[n] Variabilität von Einstellungen, Denkweisen, Kollektivvorstellungen und Gefühlen“42 verschrieben. Ausschlagge-bend für den hier zu untersuchenden Gegenstand der literarischen Geschichtsdarstellung und -re-flexion ist die Tatsache, dass die Mentalitätengeschichte laut Nünning

„die Ebene der perzipierten Wirklichkeit gegenüber der faktischen Ereignis- und Sozialgeschichte aufwertet und auch der Wahrnehmung von Wirklichkeit historische 'Realität' zuspricht. Die histoire des mentalités hat entscheidend dazu beigetragen, die Denkstrukturen, Einstellungen und Wahrnehmungen der Zeitgenossen als historischen Forschungsge-genstand zu etablieren“43,

mit dem Resultat, „die Schwelle des Geschichtsfähigen nach 'unten', in Richtung der anonymen Massen abzusenken“.44

3. Literarische Erinnerungskultur zwischen Erkenntnisgewinn und Neuperspektivie-rung

3.1 Literatur als Beitrag zum kollektiven Gedächtnis

Wie sich gezeigt hat, stellt sich bei der Beschäftigung mit Historiographie und ihren Einflussberei-chen zwangsläufig auch immer die Frage nach den Bestimmungsmerkmalen von (kollektiven) Er-innerungsprozessen, denn „Geschichtsschreibung [...] und Gedächtnis sind von jeher diskursiv miteinander verbunden“.45 Die Erinnerung bildet als Grundvoraussetzung von Überlieferung einen wichtigen Sockel für jegliche Form der Übermittlung und Weitergabe geschichtlicher Erfahrung. Aleida Assmann unterscheidet bei ihren gedächtnistheoretischen Überlegungen grundsätzlich zwi-schen einer memoria ars und einer memoria vis46. Während das mit ars überschriebene Gedächt-niskonzept das mechanische Speicherverfahren meint, das etwa beim Auswendiglernen von Wis-sen zum Einsatz kommt, untersteht dem Begriff vis die Bedeutung des Erinnerungsprozesses. Auch wenn beide Techniken dem Muster „Einlagerung und Rückholung“47 dienlich sind, gibt es einen fundamentalen Unterschied, der in der Zeitdimension begründet liegt. Während die Zeit beim Speichervorgang eine nur untergeordnete Rolle spielt, ist beim Erinnern eine Verschiebung zwischen dem was einst eingelagert worden ist und dem, was rekonstruiert werden soll, evident. Anders als für das Speichern gilt für die Erinnerung:

„Das Erinnern verfährt grundsätzlich rekonstruktiv; es geht von der Gegenwart aus, und damit kommt es unweigerlich zu einer Verschiebung, Verformung, Entstellung, Umwertung, Erneuerung des Erinnerten zum Zeitpunkt seiner Rück-rufung. [...] Das Wort »vis« weist darauf hin, daß [...] das Gedächtnis nicht als ein schützender Behälter, sondern als eine immanente Kraft, als eine Energie mit eigener Gesetzlichkeit aufzufassen ist“.48

Dementsprechend hat sich ein gesellschaftlicher Konsens bezüglich einer Abgrenzung der Begriffe Gedächtnis und Erinnerung herausgebildet: Die Erinnerung setzt sich zusammen aus persönlichen Erfahrungen, die zudem auch noch dem Gesetz des zeitlichen Transformationsprozesses unterlie-gen. Das Gedächtnis dagegen steht für Kenntnisse, die sich jedes Individuum aneignen kann und bei denen es darauf ankommt, einen zeitlich begründeten Reibungsverlust zwischen input und out­put zu überwinden.

Der Begriff des kollektiven Gedächtnisses verbindet die Parameter Erinnerung und Gedächtnis auf komplexe Art und Weise. Er ist einerseits „Sammelbegriff für alles Wissen, das im spezifischen In-teraktionsrahmen einer Gesellschaft Handeln und Erleben steuert“49, andererseits aber auch „Fun-dus und Rahmen für einzelne memoriale Akte und Einträge“.50 Eine solche Verschränkung resul-tiert letztlich in der Herausbildung eines „Spannungsfeld[s] zwischen subjektiver Erfahrung, wis-senschaftlich objektivierter Geschichte und kultureller Kommemoration“.51

Seit Literatur- und Kulturwissenschaftler dem gedächtniskulturellen Diskurs in gesteigertem Maße Beachtung schenken, wird auch der Literatur innerhalb dieses kulturellen Erinnerungsprozesses eine Schlüsselfunktion zuerkannt. Man hat festgestellt, dass die Literatur einen wichtigen Beitrag zum überindividuellen Gedächtnis leistet, weil sie als komplexes Repräsentations- und Reflexions-medium kulturelle Prozesse zur Darstellung bringen kann. Dabei ist Entstehung und Wirkung von kollektiven Gedächtnissen innerhalb der Literatur auf zweierlei verschiedenen Ebenen angesiedelt: einer textexternen und einer textinternen Ebene. Romane geben demnach erstens implizit darüber Auskunft, warum der Autor gerade diesen Stoff zu dieser Zeit auf diese Weise bearbeitet hat; ein Fragenkatalog, der künftigen Generationen Hintergrundinformationen über die Gedächtniskultur der Schriftstellergegenwart liefern kann. Zweitens offeriert die Ebene der Romanwirklichkeit die Möglichkeit, Historisches als lebendige Geschichte darzustellen, und somit einen Beitrag zum kol-lektiven Gedächtnis zu leisten, indem Vergangenes (neu) thematisiert wird.

Literatur, und damit auch der Roman, inszeniert also häufig außerliterarische Gedächtnisprozesse und -probleme. Dies gilt insbesondere für den Roman, der sich der Reflexion von Zeitgeschichte verschrieben hat. Astrid Erll und Ansgar Nünning bringen das Verhältnis von Literatur und Ge-dächtnis wie folgt auf den Punkt:

„Literarische Werke sind erstens bezogen auf außerliterarische Gedächtnisse, stellen zweitens deren Inhalte und Funk-tionsweisen im Medium der Fiktion dar und können drittens individuelle Gedächtnisse und Erinnerungskulturen mit-prägen“.52

Welche sinnstiftenden Funktionen die Literatur bei der Beschäftigung mit Geschichte im Hinblick auf den Erinnerungs- und Gedächtnisdiskurs im einzelnen hat, soll im folgenden Kapitel näher be-leuchtet werden.

3.2 Sinnfindung durch Erkenntnisgewinn

Da moderne Romane Geschichte vermehrt in Anlehnung an das oral history -Prinzip kommunizie-ren, ist festzustellen, dass der Umgang mit Geschichte innerhalb eines fiktionalen Rahmens noch immer auf ein reges Interesse stößt. Dass dahinter die Idee bloßer Wissensvermittlung steckt, darf bezweifelt werden, hätte doch der Romancier aus diesem Anspruch heraus ebenso gut ein Ge-schichtsbuch abfassen können.

Rolf Schörken argumentiert, dass es historischer Dichtung immer nur zweitrangig um den Aspekt gehe, eine bestimmte Epoche lebendig zu machen: „Echte Dichter haben auch in ihren Schöpfun-gen, die Historie zum Gegenstand hatten, immer nur Zeitgenössisches aussagen wollen, ihr Ver-hältnis zur eigenen Zeit, ihr erlebtes Erkennen“ und – hier zitiert Schörken Lion Feuchtwanger – „wieviel von der Vergangenheit in der eigenen Zeit atmet“.53

Durch den Umweg über das, was gegenwärtig schon Geschichte ist, etabliert der Roman eine un-gewöhnliche und daher womöglich aufmerksamere Sichtweise auf das Hier und Jetzt. So werden nicht selten Parallelen aufgedeckt zwischen dem, was die Zeitgenossen einst erfahren haben und dem, was die Menschen heute bewegt. Daher wundert es kaum, wenn „[d]ie Schiene, die der his-torische Roman besonders häufig benutzt, um Vergangenheit und Gegenwart einander anzunähern, [...] die Ähnlichkeit menschlichen Wesens und Verhaltens zu allen Zeiten“54 ist. Eine Hauptfunkti- on der narrativen Strukturierung von geschichtlichen Ereignissen und Handlungsabläufen besteht demnach darin, ihnen Bedeutung vor dem Horizont gegenwärtiger Ereignisse zu verleihen:

„Narrative Psychologen und zahlreiche Historiker sind der Auffassung, daß die Erzählung oder Narrativierung ein grundlegender Vorgang ist, durch den bereits die Menschen der Vergangenheit ihre Welt verstanden und in ihr handel-ten, und daß dies noch für die Menschen der Gegenwart gilt. [...] Narratives Denken kann als ein Vehikel dafür ange-sehen werden, eine Kluft zu überbrücken, nämlich die Kluft zwischen dem Wunsch zu wissen, was in der Vergangen-heit geschah, und dem Wunsch, die Bedeutung dieser vergangenen Ereignisse für die Gegenwart zu kennen“.55

Indem geschichtlich orientierte Narration die drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zu-kunft unter einheitsstiftenden Gesichtspunkten miteinander in Beziehung setzt, trägt sie auch ihren Teil zur Prägung eines Geschichtsbewusstseins von Individuen bei, denn „[h]istorisch-narrative Konstrukte setzen den Erzähler und womöglich die [...] Zuhörerschaft [...] in ein Verhältnis zu den thematisierten Erfahrungen, Erwartungen und Entwicklungen“.56

Um mit Ebersbach zu sprechen, kann Literatur mit dieser ergänzenden Funktion auch zur gegen-wärtigen Aufarbeitung des Trümmerhaufens Geschichte, der durch scheinbar ewige Wiederholung gekennzeichnet ist, etwas beitragen – auch wenn dieses Feld nicht zu ihren eigentlichen Aufgaben gerechnet werden darf. Jedoch gilt: „Was Dokumentationen, Akten, Statistiken, Berichte von Zeit-zeugen, Enthüllungsstorys und dergleichen nicht zur Sprache bringen, das mag in der Literatur, das kann nur in der Literatur zur Sprache kommen “.57

Durch den Prozess der Weitergabe von Erfahrungen von einer Generation zur nächsten stiftet der Faktor Erinnerung nicht nur Kontinuität, sondern stellt auch Identität her, indem er gesellschaftli-che Sinn- und Selbstdeutungsmuster aktualisiert. Mit dieser einerseits einheitsstiftend-identitäts-vermittelnden Funktion sowie der Abhängigkeit von den erinnerungsspezifischen Eigenschaften wie Vergessen, Einbildung und „Abrufsituation“58 auf der anderen Seite muss die Erinnerung von vornherein als ein janusköpfiges Gebilde wahrgenommen werden.

Das Spektrum der Funktionen von Geschichte vermittelnder Literatur erweitert sich noch um erin-nerungskulturelle Leistungen, denn sie sieht sich darüber hinaus der Aufgabe verplichtet, „die Frage nach der Zuverlässigkeit der Erinnerungen und dem Vergessenen auf[zuwerfen]. Mitunter werden Phäno-mene wie Erinnerungslücken und retrospektive Sinnstiftung zum Gegenstand von Reflexionen des erzählenden Ichs. Damit wird der Erinnerungsprozeß selbst zum Thema des Erzählens“.59

Im Zentrum des Interesses stehen dann Erinnerung und Gedächtnis an sich mit all ihren Unzuläng-lichkeiten – aber auch die Frage nach den besonderen Möglichkeiten, die sie eröffnen. Dazu ge-hört auch die Reflexion über Sinn und Zweck eines kollektiven Gedächtnisses: „Ziel des kulturel-len Gedächtnisses ist es, dem Wandel der Zeit dauerhafte, verpflichtende Erinnerungen entgegen-zusetzen, die derart mit der Fülle einer bedeutungsvollen Wahrheit angereichert sind, daß sie Kol-lektiven als Versinnbildlichung ihrer Identität erscheinen“.60

3.3 Sinnfindung durch Neuperspektivierung

Wie Birgit Neumann zeigt, erweisen sich literarische Texte im Gegensatz zu anderen kulturellen Diskursformen sogar als privilegiert beim Umgang mit Erinnerungskultur:

Erstens erinnere Literatur an gesellschaftlich Vergessenes, Verdrängtes oder Marginalisiertes, in-dem sie häufig jenen Erinnerungsgemeinschaften eine Plattform biete, deren Gedächtnisversion sich wie auch immer von der gesellschaftlich dominanten Vergangenheitsversion unterscheidet. Dadurch schafft sie die Möglichkeit, „bestehende horizontale sowie vertikale Grenzen zwischen kulturell koexistierenden Erinnerungsgemeinschaften zu transzendieren und dadurch die heteroge-ne, sogar antagonistische Erinnerungsvielfalt einer Gesamtgesellschaft anklingen zu lassen“.61 Zweitens reflektiere Literatur die Besonderheiten und Probleme der Gedächtnisbildung in dem Wissen, dass die „Narrativierung von Vergangenem [...] sich nicht als ein bloßer Akt der Repro-duktion bereits vorhandener Erinnerungen dar[stellt], sondern immer als ein [...] Prozess der Kon-struktion“.62

Drittens könne Literatur dank „ihrer Fähigkeit, inhaltliche und formale Elemente verschiedener Symbolsysteme aus ihrem ursprünglichen Kontext zu lösen und im Medium der Fiktion zu einem neuen, imaginativen Ganzen zu synthetisieren“63, Alternativwelten entwerfen, die durch Neudeu-tung und Erweiterung kritisch auf vorhandene Identitäts- und Vergangenheitsmodelle Bezug neh-men.

[...]


1 Plachta, Bodo (Hg.): Literatur als Erinnerung. Winfried Woesler zum 65. Geburtstag. Tübingen: Niemeyer 2004, S. IX-XII.

2 Ebd. S. X-XI.

3 Johnson, Uwe: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000. Ver-weise auf Johnsons Roman werden im Folgenden abgekürzt mit (JT, Band, Seite).

4 Ein dritter Teil ist wohl existent, jedoch nie veröffentlicht worden. Vgl. Wolfgang Behrens: Einar Schleef. Werk
und Person. Berlin: Theater der Zeit 2003, S. 84.

5 Schleef, Einar: Gertrud. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983 und Einar Schleef: Gertrud. Zweiter Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003. Verweise auf Schleefs Roman werden im Folgendem abgekürzt mit (GT, Band, Seite).

6 Vgl. etwa: Kn., C.: Gertrud. In: Jens, Walter u.a (Hg.): Kindlers Neues Literaturlexikon Bd. 14. München: Kind­ler 1991, S. 960-961, hier S. 961.

7 Auch Gertrud ist von Schleef unter dem Titel Gertrud. Ein Totenfest für das Theater aufbereitet worden.

8 Aristoteles: Poetik. Stuttgart: Reclam 2003, S. 29.

9 Lämmert, Eberhard: „Geschichte ist ein Entwurf“: Die neue Glaubwürdigkeit des Erzählens in der Geschichts-schreibung und im Roman. In: The German Quarterly 63 (1990), S. 5-18, hier S. 5.

10 Sieweke, Gabriele: Der Romancier als Historiker. Untersuchungen zum Verhältnis von Literatur und Geschichte in der englischen Historiographie des 19. Jahrhunderts. Frankfurt am Main: Lang 1994, S. 3.

11 Ebd. S. 3.

12 Ebd. S. 3.

13 Lützeler, Paul Michael: Fiktion in der Geschichte – Geschichte in der Fiktion. In: Borchmeyer, Dieter (Hg.): Poetik und Geschichte. Tübingen: Niemeyer 1989, S. 11-21, hier S. 16.

14 Straub, Jürgen: Geschichte erzählen, Geschichte bilden. Grundzüge einer narrativen Psychologie historischer Sinnbildung. In: Ders. (Hg.): Erzählung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstrukti-on von Zeit und Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998, 81-169, hier S. 88.

15 Vgl. etwa Macaulay, Thomas: „History“ (1828). In: Lady Trevelyan (Ed.): The works of Lord Macaulay. Com­plete in eight Volumes, Vol. 5. London: Longmans, Green and Co. 1879. S. 122-161, hier S. 158.

16 Sieweke, 1994, S. 4.

17 Rousseau, Jean-Jaques: Émile, ou de l'éducation. In: Ders.: Œuvres complètes, Bd. 1. Hrsg. v. Musset-Pathay, V.D. Paris: Dupont: 1823. S. 439.

18 Jauss, Hans Robert: Der Gebrauch der Fiktion in Formen der Anschauung und der Darstellung von Geschichte. In: Koselleck, Reinhart u.a. (Hg.): Formen der Geschichtsschreibung. München: dtv 1982, S. 415-451, hier S. 415.

19 White, Hayden: Tropics Of Discourse. Essays in cultural criticism. Baltimore u.a.: Johns Hopkins University Press 21982, S. 125.

20 Ebd. S. 83.

21 Ebd. S. 70.

22 Ebd. S.129.

23 Jauss, 1982, S. 416.

24 Die anglo-amerikanische Literaturwissenschaft hat für derartige Romane den Begriff factions eingeführt, eine Kombination von facts und fictions.

25 Vgl. Sieweke, 1994, S. 23.

26 Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Paderborn, München: Fink 92006, S. 19-20.

27 Ebd. S. 15.

28 Windfuhr, Manfred: Erinnerung und Avantgarde. Der Erzähler Uwe Johnson. Heidelberg: Winter 2003, S. 24.

29 Über den tatsächlichen Realitätsgehalt von (Auto-)Biographien ließe sich an dieser Stelle ein eigener Diskurs er-öffnen. Dazu nur soviel: die schriftliche Fixierung der Lebensepisoden ist keine Widerspiegelung ehemaliger Er-eignisse, sondern eine Interpretation des Lebens aus gegenwärtiger Perspektive, die einer gewissen Systematisie-rung unterliegt. Diese geht immer mithilfe von Selektion, (Neu-)Anordnung und (Um-)Wertung der Details von-statten mit dem Ergebnis, dass in dem Gesagten ein Sinn konstituiert wird, der den Ereignissen an sich nicht in-newohnt.

30 Jauss, 1982, S. 418.

31 Windfuhr, 2003, S. 24.

32 Lämmert, Eberhard: Geschichten von der Geschichte. Geschichtsschreibung und Geschichtsdarstellung im Ro­man. In: Poetica 17 (1985) S. 228-254, hier S. 247.

33 Die Bezeichnung historischer Roman muss in dieser Analyse ausgeklammert werden, da sie sich reichlich un-spezifisch ausnimmt. Wie Golisch richtig feststellt, steht „[d]er Roman des 20. Jahrhunderts, der Geschichte zu seinem Thema macht, [...] nicht mehr ohne weiteres in der Traditionslinie des klassischen historischen Romans“, da das Hinzukommen von Reflexionsmustern, insbesondere bezüglich Aneignung des Gegenstands Geschichte virulent würden. Vgl.: Golisch, Stefanie: Uwe Johnson zur Einführung. Hamburg: Junius 1994, S. 36.

34 Höying, Peter: „Erzähl doch keine Geschichte“. Zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und erzählender Lite-ratur. In: Der Deutschunterricht 43,4 (1991) S. 80-89, hier S. 89.

35 Sieweke, 1994, S. 12.

36 Macaulay, 1879, S. 157.

37 Ebd. S. 158.

38 Vorländer, Herwart: Mündliches Erfragen von Geschichte. In: Ders. (Hg.): Oral History. Mündlich erfragte Ge-schichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1990, S. 7-28, hier S. 10.

39 Ebd. S. 13.

40 Ebd. S. 10.

41 Hervorgegangen war dieser Ansatz im 20. Jahrhundert aus einer Gruppe französischer Historiker, der sog. Anna-

les -Schule. Zu den wichtigsten Vertretern zählen Lucien Febvre und Marc Bloch.

42 Nünning, Ansgar: Literatur, Mentalitäten und kulturelles Gedächtnis: Grundriß, Leitbegriffe und Perspektiven ei-ner anglistischen Kulturwissenschaft. In: Ders. (Hg.): Literaturwissenschaftliche Theorien, Modelle und Metho-den. Eine Einführung. Trier: WVT 1995, S. 173-197, hier S. 183.

43 Ebd. S. 183.

44 Raulff, Ulrich: „Vorwort Mentalitäten-Geschichte“. In: Ders. (Hg.): Mentalitäten-Geschichte: Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse. Berlin: Wagenbach 1987, S. 7-17, hier S. 15.

45 Beise, Arnd: „Geschichte“. In: Pethes, Nicolas u.a. (Hg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Le-xikon. Reinbek: Rowohlt 2001. S. 220.

46 Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: Beck 1999, S. 27.

47 Ebd. S. 29.

48 Ebd. S. 29.

49 Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Ders. u.a. (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 9-19, hier S. 9.

50 Assmann, Aleida u.a.: Geschichtsvergessenheit. Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergan-genheiten nach 1945. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1999, S. 35.

51 Ebd. S. 35-36.

52 Erll, Astrid: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft: theoretische Grundlegung und Anwendungsperspek-tiven. Berlin u.a.: de Gruyter 2005, S. 17.

53 Schörken, Rolf: Begegnungen mit Geschichte. Stuttgart: Cotta 1995, S. 39.

54 Ebd. S. 41.

55 Polkinghorne, Donald E.: Narrative Psychologie und Geschichtsbewusstsein. In: Straub, Jürgen (Hg.): Erzäh-lung, Identität und historisches Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Frank­furt am Main: Suhrkamp 1998, 12-45, hier S. 40-44.

56 Straub, 1998, S. 117.

57 Ebersbach, Volker: Aufarbeitung der Geschichte – eine Aufgabe der Literatur? In: Neue deutsche Literatur 43,4 (1995) S. 210-216, hier S. 215.

58 Neumann, Birgit: Literatur als Medium kollektiver Erinnerungen und Identitäten. In: Erll, Astrid (Hg.): Literatur, Erinnerung, Identität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien. Trier: Wiss. Verl. 2003, S. 49-77, hier S. 50.

59 Gymnich, Marion: Individuelle Identität und Erinnerung. In: Erll, Astrid (Hg.): Literatur, Erinnerung, Identität. Theoriekonzeptionen und Fallstudien. Trier: Wissenschaftl. Verl. 2003, S. 29- 48, hier S. 41.

60 Neumann, 2003, S. 58.

61 Neumann, 2003, S. 67.

62 Neumann, 2003, S. 63.

63 Neumann, 2003, S. 69.

Details

Seiten
73
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640323937
ISBN (Buch)
9783640321841
Dateigröße
837 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126580
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Uwe Johnson Einar Schleef Jahrestage Gertrud Erinnerung Geschichte Historiographie Johnson Schleef Geschichtsfatalismus Aufarbeitung literarische Aufarbeitung Literatur Geschichtsdarstellung in der Literatur DDR-Autoren

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Titel: Erzählen gegen das Vergessen - Über die erzählende Reflexion von Geschichte in Uwe Johnsons „Jahrestage“ und Einar Schleefs „Gertrud“