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Literarische Funktionen des Essens in Philip Roths 'Portnoy’s Complaint'

Seminararbeit 2008 19 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Philip Roths Portnoy’s Complaint – Eine Einleitung

II Soziale Funktionen des Essens

III Literarische Funktionen des Essens
1. Das Essen als Fundament familiärer Machtverhältnisse
2. Essensregeln im jüdischen Kontext
3. Emanzipationsversuche des Erzählers

III Resümee

IV Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Philip Roths Portnoy’s Complaint – Eine Einleitung

Als Philip Roth 1969 den Roman Portnoy’s Complaint veröffentlichte, löste er in den USA, deren gesellschaftliche Situation gerade von den Ereignissen der Studentenproteste geprägt war, einen massiven Skandal aus. Insbesondere die freimütige Thematisierung der Sexualität durch den Erzähler erregte Empörung, doch auch die Darstellung jüdischer Figuren und von Frauen brachte dem Autor den Vorwurf des Sexismus und Antisemitismus ein.

Philip Roth, der 1933 in Newark, New Jersey geboren wurde, gilt heute als einer der renommiertesten US-amerikanischen Autoren. Er wurde bereits zwei Mal mit dem National Book Award ausgezeichnet und erhielt darüber hinaus unter anderem auch den prestigereichsten Literaturpreis der USA, den Pulitzer Prize.[1]

Zu seinen bekanntesten Werken zählen neben Portnoy’s Complaint (1969) unter anderem die Romane Goodbye, Columbus (1959), American Pastoral (1997), The Human Stain (2000) oder Everyman (2006).

Die vorliegende Arbeit setzt sich das Ziel, den Roman Portnoy’s Complaint auf den in der bisherigen Forschungsliteratur wenig beachteten Aspekt der literarischen Funktionalisierung des Essens hin näher zu beleuchten. Den Ausgangspunkt der Analyse soll dabei die Frage nach dem Zusammenhang von Essen und Macht bilden, da dem Essen im Text, wie gezeigt werden soll, eine entscheidende Rolle in der Konstruktion der familiären Machtverhältnisse zukommt.

Daher soll am Beginn der Analyse ein kurzer Abriss relevanter soziologischer Untersuchungen stehen, die der sozialen Dimension des Essens nachgehen. Es soll dabei gezeigt werden, dass das Essen ein wesentliches Mittel der sozialen Kommunikation darstellt, das soziale Grenzen markiert, Zugehörigkeiten festschreibt und auch innerhalb sozialer Systeme die Rollen der Individuen maßgeblich bestimmt.

Die im engeren Sinn textbezogene Analyse soll dann diese empirischen Forschungsergebnisse auf Philip Roths Portnoy’s Complaint anzuwenden versuchen. Das Essen soll daher zunächst im Kontext der familiären Machtverhältnisse beleuchtet werden, die sich einerseits auf die mit dem Essen verbundenen Verantwortlichkeiten und Autoritäten stützen, andererseits aber auch über das Essen repräsentiert werden.

Im Anschluss daran soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich in einem jüdischen Kontext traditionell bedeutsame Funktionen des Essens in der Konstruktion von Identität im Text nachweisen lassen. Die Rolle der Figur der Mutter wird auch in diesem Zusammenhang, wie für die eingangs gestellte Frage nach der Machtkonzeption, von besonderem Interesse sein, da die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze, wie deutlich gemacht werden soll, von ihr gefordert und sichergestellt wird.

Schließlich soll der Fokus dann auf den Ich-Erzähler und dessen Versuche der Emanzipation gelenkt werden, die als ein wesentliches Motiv des Romans verstanden werden können. Auch hier soll der Versuch unternommen werden, zu klären, inwieweit das Essen für diesen Entwicklungsprozess des Protagonisten relevant ist.

Das abschließende Resümee soll dann die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung nochmals kurz zusammenfassen und einen Ausblick auf weiterführende Fragestellungen bieten, die im Zuge dieser Untersuchung aufgeworfen wurden.

II. Soziale Funktionen des Essens

In soziologischen Untersuchungen konnte wiederholt nachgewiesen werden, dass das Essen ein wesentlicher kultureller Akt ist, der gesellschaftliche Machtstrukturen deutlich widerspiegelt sowie an ihrer Herstellung partizipiert, andererseits aber auch als wesentliches Medium sozialer Kommunikation dient.

Beardsworth weist in seiner umfassenden Untersuchung darauf hin, dass soziale Grenzen bestimmter Gruppen wie einer Familie nachhaltig über das Essen verhandelt werden können, da das Essen als eine wirkungsvolle Sprache gesehen werden kann, soziale Beziehungen zum Ausdruck zu bringen. Auf Mary Douglas’ Studie Bezug nehmend, argumentiert er diese Funktion des Essens insbesondere mit der strukturierten Form seiner Aufnahme. Durch diese strukturierte und repetitive Form wird das gemeinsame Mahl zu einem Mittel, Zugehörigkeit zu erfahren und zu symbolisieren.[2]

Demzufolge kann auch nach Mary Douglas’ Erfahrungsbericht
klar zwischen dem Essen und dem Trinken unterschieden werden. Während das Trinken als weniger strukturierter Akt auch weniger soziale Nähe der an dem Vorgang beteiligten Personen impliziert, steht die Teilnahme am gemeinsamen Essen nur den Familienangehörigen oder sehr engen FreundInnen offen, da es eine enge Form der Zugehörigkeit zum Ausdruck bringt.[3]

Doch auch innerhalb der Familie dient das Essen oft dazu, soziale Differenzierungen zu schaffen, die in erster Linie auf die gesellschaftlich verankerten Geschlechterrollen abzielen. Die enge Verbindung der Frauen mit der Nahrungszubereitung wirkt sich dabei in vielen Fällen zu deren Nachteil aus. Beardsworth zeigt dies anhand mehrerer empirischer Studien auf, die – in verschiedenen Ländern und sozialen Milieus durchgeführt – belegen, dass Frauen zwar primär für die Nahrungszubereitung verantwortlich gemacht werden, zugleich aber beim Nahrungskonsum traditionell benachteiligt werden.[4]

Zu einem bemerkenswerten Ergebnis führte in diesem Zusammenhang eine Studie von Charles und Kerr, die Familien mit Vorschulkindern zum Gegenstand hatte. Die Studie zeigte nicht nur die enorme Bedeutung, die die adäquate Nahrungszubereitung aus Sicht der für diese verantwortlich gemachten Frauen im Sinne eines „proper meal“ besitzt, das als Fundament einer „proper family“ gesehen wird, sondern stellte auch die Frage nach der Entscheidungsmacht über das Essen, die den für die Nahrungszubereitung verantwortlich gemachten Frauen zuteil wird.[5]

Die Verantwortlichkeit der Frauen für die Nahrungszubereitung, so stellte sich dabei heraus, ging jedoch mit keinerlei Autorität über das Essen einher. Die interviewten Frauen gaben vielmehr an, dass sich ihre Entscheidungen primär an den Wünschen und geschmacklichen Präferenzen ihrer Ehemänner orientierten, welchen deutlich mehr Beachtung geschenkt wurde als den eigenen Wünschen und jenen der Kinder.[6]

[...]


[1] Vgl. Zu diesen und den folgenden Angaben zum Autor: Roth, Philip: Portnoy’s Complaint. London: 2005, Verlagsinformationen im Peritext.

[2] Vgl. Beardsworth, Alan und Teresa Keil: Sociology on the Menu. An Invitation to the Study of Food and Society. New York: 1997, S. 74.

[3] Vgl. ebd., S. 74-75.

[4] Vgl. ebd., S. 77-87.

[5] Vgl. Ebd., S. 78.

[6] Vgl. Ebd., S. 79.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640324439
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126548
Institution / Hochschule
Universität Wien – Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Literarische Funktionen Essens Philip Roths Portnoy’s Complaint

Autor

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