Lade Inhalt...

Berlin erzählt als Ort allgegenwärtiger Geschichte(n) in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Darstellung von Geschichte(n) über die Film-Figuren in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“

2. Die Engel Damiel und Cassiel
2.1 Der alte Mann „Homer“
2.2 Peter Falk

3. Walter Benjamins „Engel der Geschichte“

4. Wenders Film als Vorlage für die Berlin-Erzählung „Rest Esplanade“ von Annett Gröschner

Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Nachdem es im Seminar „Die erzählte Stadt. Berlin in Literatur und Film nach 1989“ ganz allgemein um Berlin als erzählten Stadtraum ging, möchte ich mich nun in dieser Arbeit auf den Aspekt „Berlin erzählt als Ort allgegenwärtiger Geschichte“ in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“ konzentrieren.

Weshalb Wim Wenders sich eine Stadt zum Thema seines Film genommen hat und weshalb diese Stadt Berlin ist, erläutert er im Treatment zu seinem Film.

So habe Wenders Zeit seines Lebens versucht, dieses Land, also das noch geteilte Deutschland, über Berlin zu verstehen. Seinen Blick auf die Stadt bezeichnet er als den von einem, der lange abwesend war aus Deutschland, und der, was sein „Deutschsein“ ausmache, immer nur in dieser Stadt wiedererkennen wolle und könne. So waren ihm seine Besuche in Berlin stets die wahren „Deutschlanderlebnisse“, „weil hier jene Geschichte physisch und emotional anwesend ist, die woanders in der Bundesrepublik immer nur als Verleugnung oder als Abwesenheit erlebt werden konnte“.[1]

Aus diesem Grund bezeichnet Wenders Berlin auch als einen „historischen Ort der Wahrheit“.[2]

Allerdings hatte Wenders nicht vor, die reale Geschichte Berlins oder gar die Geschichte Deutschlands zu erzählen, und so findet im Film „natürlich nicht GESCHICHTE statt, sondern höchstens EINE, obwohl natürlich auch in einer GESCHICHTE GESCHICHTE vorkommen kann, Bilder und Spuren von vergangener Geschichte.“[3]

Vielmehr hat Wenders sich die Frage gestellt, wie man diese Stadt erzählen, d.h. ihr beikommen kann.

Um die geteilte Stadt in ihrer Gänze einfangen (erzählen) zu können, wählte Wenders den Himmel Berlins, der das Einzige sei, was den beiden Städten noch gemeinsam ist, einmal von ihrer gemeinsamen Vergangenheit abgesehen.

Somit steht der Filmtitel bereits programmatisch für die formale bzw. die filmische

Vorgehensweise.

Des weiteren hat Wenders versucht, erzählerisch in die Stadt einzudringen, und sich dafür auf die Suche nach geeigneten Figuren gemacht, um in die Facetten und eben auch in die Geschichte der Stadt - und also auch in ihre Nazi-Vergangenheit - hineinzugelangen.

Ich werde im Folgenden einige exemplarische Erzähl-Figuren herausgreifen, um an diesen aufzuzeigen, wie Wenders sie nutzt, um anhand dieser die Idee von einem Neben- und Übereinander heutiger und vergangener Welten bzw. Geschichten in Berlin darzustellen. Dass dies ein Anliegen von Wenders war, unterstreicht dieser in seinem Film-Treatment: Hinter der heutigen Stadt, „dazwischen“ und „darüber“, erheben sich noch, wie in der Zeit eingefroren, die Schutthalden, Trümmer, abgebrannten Häuserfassaden der gestrigen Stadt, schattenhaft und mitunter nur schwach sichtbar, aber doch immer noch geisterhaft anwesend.“[4]

1. Die Darstellung von Geschichte(n) über die Film-Figuren in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“

In Wenders „Himmel über Berlin“ kommen sowohl menschliche, als auch außer- und übermenschliche Figuren vor: So gibt es die in Berlin lebenden Menschen, den ewigen Erzähler „Homer“, verschiedenen Engelsfiguren, und zu guter letzt in der Figur des Peter Falk einen Menschen, der früher einmal ein Engel war und sich eines Tages gegen das Engelsein entschieden hat.

Insbesondere die Engelsfiguren spielen im Film eine zentrale Rolle; dabei sind diese nicht (unbedingt / einfach) als religiöse Engel zu verstehen, sondern vielmehr als eine Chiffre, d.h. eine Art geheimes, für etwas stehendes Zeichen.

Wenders beschreibt im Film-Treatment, wie er zu den verschiedenen Engeln gekommen ist, die seinen Film bevölkern: „Das kam aus vielen Quellen, zur gleichen Zeit. Da waren [...] Rilkes Duineser Elegien. Dann waren da [...] die Bilder von Paul Klee. Walter Benjamins Engel der Geschichte [...] Da war eines Tages mitten in Berlin ein Gewahrwerden jener goldglänzenden Figur, des „Friedensengels“, der sich aus einem kriegerischen Siegesengel zum Pazifisten gemausert hat [...] da waren, immer schon, Kindheitsbilder von Engeln als unsichtbaren, ständig anwesenden Beobachtern [...].“[5]

Man könnte auch mit Jochen Schmidt sagen, daß Wenders aus den Engeln mythologische Metaphern geschaffen hat, d.h. er hat die Engel aus der religiös ernstgenommenen Tradition herausgenommen und sie so geändert, daß sie unserem modernen Denken und Empfinden entsprechen.[6]

Wenn der Film religiös sei, dann höchstens hinsichtlich seiner radikalen Kritik der Rationalität, so Roger Willemsen in einem Fernseh-Interview mit Wim Wenders.[7]

Wenders selbst definiert seine Engel als Metaphern für das in uns, was wir uns von der eigenen Kindheit erhalten haben. Er wolle mit den Engeln zur Sprache bringen, dass wir als Erwachsene dieselbe Person sind, die wir als Kind einmal waren und dass wir mit diesem Kind in uns durchaus in Kontakt treten können. Wenn wir dieses Kind in uns walten lassen, so seien wir in Kontakt mit den Engeln.[8]

Man kann diesen Kontakt des Erwachsen zu seiner Kindheit auch als Kontakt des gegenwärtigen Menschen zu seiner Vergangenheit bzw. zu seiner eigenen Geschichte verstehen, was Wenders durchaus als wünschenswert erscheint.

2. Die Engel Damiel und Cassiel

Im Vordergrund der Handlung stehen, neben der Stadt Berlin, die beiden Engel Damiel und Cassiel. Sie bewohnen sozsagen den Himmel über Berlin und haben, wie die in dieser Stadt lebenden Menschen, bereits ene Art Vorgeschichte. So schreibt Wenders wiederum in seinem Film-Treatment: „Als Gott, unendlich enttäuscht, anstalten machte, sich für immer von der Erde abzuwenden und die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen, begab es sich, daß einige seiner Engel ihm widersprachen und sich für die Sache der Menschen einsetzten [...] Gott, erzürnt über ihre Widerrede, verbannte sie an den damals furchtbarsten Ort der Welt: Berlin. Und dann wandte er sich ab.“[9]

Dies habe sich laut Wenders gegen Ende des Zweiten Weltkrieges begeben. Seitdem seien diese gefallenen Engel des „zweiten Engelsturzes“ in dieser Stadt gefangen, ohne Aussicht auf Erlösung oder Rückkehr in den Himmel. Sie sind also von Gott dazu verflucht worden, ewig nichts zu sein als Zuschauer, Zeugen, ohne auch nur im Geringsten auf die Menschen einwirken oder in den Lauf der Geschichte eingreifen zu können.[10] Allerdings taucht diese Vorgeschichte so explizit im Film selbst nicht auf, da sich dort die Anwesenheit der Engel ganz von selbst erklären soll.

Somit sind die beiden Engel Damiel und Cassiel nur noch Zaungäste all dessen, was geschieht, unsichtbar für die Menschen, dabei doch selber alles sehend. So streunen sie seit nunmehr 40 Jahren in Berlin umher, wobei jeder von ihnen seine „Route“ hat, die er immer wieder begeht, und „seine“ Menschen, die ihm ans Herz gewachsen sind.“[11]

Zugleich können die beiden Engel, gleichsam wie ihre anderen Artgenossen, die Entwicklung der Stadt über die Zeiten hinweg sehen: Sie waren bereits bei der Schöpfung der Welt anwesend und haben also auch den Zweiten Weltkrieg und die darauf folgende Teilung Berlins miterlebt. Diese Erinnerungen, insbesondere die an den Untergangs Berlins 1945, die sie zumnindest mit den älteren Menschen in der Stadt teilen, werden im Film immer wieder eingeblendet.

So können die Engel parallel zum Alltagsleben immer auch die Schatten der Berliner Vergangenheit bzw. Geschichte – und mit ihnen die Zuschauer - sehen.

Dazu Wenders: „[Die Engel] sehen nicht nur die heutige Welt, so wie sie sich den Menschen darbietet. Sie sehen die Stadt auch gleichzeitig noch so, wie sie sich darbot, als Gott die Erde hinter sich ließ und seine Engel verstoßen wurden, zu Beginn des Jahres 1945.“[12]

[...]


[1] Wenders, Wim: Der Himmel über Berlin. Ein Treatment, S. 94

[2] Wenders zitiert hier aus dem Programm zur Ausstellung „Mythos Berlin – Wahrnehmungsgeschichte einer industriellen Metropole“, herausgegeben von Ulrich Baehr

[3] Wenders, Wim: Der Himmel über Berlin. Ein Treatment, S. 97

[4] ebd., S. 94

[5] Wender, Wim: Der Himmel über Berlin. Ein Treatment, S. 97

[6] Jochen Schmidt hat für die Faust-Inszenierung am DT Berlin den Aufsatz „Alter Ego“ verfaßt; dort vertritt er die These, daß Goethe den Teufel so geändert (nämlich psychologisiert) habe, daß er dem modernen Denken und Empfinden entspricht: „So wurde aus dem religiös ernstgenommenen Teufel der Tradition die mythologische Metapher einer psychischen und zeitgenössischen Disposition.“

[7] In dem Interview, das auf der Zusatz-DVD von „Der Himmel über Berlin“ zu sehen ist, Roger Willemsen weiter: „So sagt der Film, daß was es sich lohnt zu wissen jenseits dessen ist, was wir über Informationsvermittlung wissenswert über die Welt finden, weil er expansiv denkt über Glaube, Ahnen, Fühlen, über Metaphysisches nachdenkt.“

[8] Wim Wenders im Interview mit Roger Willemsen, siehe Zusatz-DVD

[9] Wenders, Wim: Der Himmel über Berlin. Ein Treatment, S. 99

[10] vgl. ebd.

[11] vgl ebd., S. 100

[12] ebd.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640323289
ISBN (Buch)
9783640321308
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126375
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Die Erzählte Stadt: Berlin in Literatur und Film nach 1989
Note
1,7
Schlagworte
Berlin FIlm Himmel Erzählte Stadt Engel Peter Falk Benjamin Walter Benjamin Groschner Wenders Wim Wenders

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Berlin erzählt als Ort allgegenwärtiger Geschichte(n) in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“