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Humanabfälle

Zur Anwendbarkeit des Müllbegriffs auf Körpersubstanzen und dem Umgang mit 'Humanabfällen'

Hausarbeit 2009 27 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1. »Abfälle von humanen Teilen«

2. Humanabfälle und Thompsons Modell der Güterverteilung
1. Versuch einer Einordnung
2. Anwendbarkeit des objektiven Wertbegriffs auf Humanabfälle

3. Austritt und Amputation
1. Dislokalisation als Hilfvariable
2. Artefakte und Biofakte

4. Verwendung von Humanabfällen
1. Analogisierung der Werturteile in das Körperinnere

5. »Homo materia« und die Frage nach der Zugehörigkeit
1. Humanabfälle als Ausdruck der Diffusion von Innen und Außen

6. Entsorgung

7. Fazit

8. Literatur

»1996: JournalistInnen hatten entdeckt, dass in einer Zürcher Kehrichtanlage Plazenten aus zwei Spitälern mit Tierabfällen vermischt und später zu Tiermehl weiterverarbeitet wurden. Noch später gelangten diese Plazenten in die Münder und Mägen von FleischfresserInnen, weshalb man damals auch von Kannibalismus sprach«.1

1. Einleitung

Im Folgenden sollen Überlegungen zur Wertkategorie ›Müll‹ aus kulturwissenschaftlicher Perspektive auf ihre Implikationen hinsichtlich des biophysiologischen Abfalls des menschlichen Körpers überprüft werden. Dabei sollen, neben einer Einordnung von Humanabfällen2 in Michael Thompsons Modell des Güterumlaufs (mit Hinführung auf die Problematik einer solchen Analogie) und Gedanken über ihre Entstehung und Verwendung, auch die juristische Betrachtungsweise und die Reglementierung der Entsorgungspraxis Beachtung finden.

Auffällig ist, dass in der deutschsprachigen Literatur zur Fragmentierung des Körpers hauptsächlich der symbolische Umgang mit und Repräsentation von Körperteilen sowie (Zer)Störung des Körperbildes als Topoi in bildender Kunst, Literatur und Sprache im Fokus stehen. Wo es um reelle Fragmentierungen von Körpern geht, verläuft die Darstellung oft entlang der Kausalität und der Kompensation, d.h. Ethologie des Verlusts3 in der Medizin und Prothetisierung des Körpers als wissenstheoretischer Telos der Menschheit4. Die subjektzentrierte Betrachtung der Ursachen und Folgen von Fragmentierung umgeht dabei das Objekt, das im Vorgang der Absonderung von Körpern entsteht. Eine adäquate Adressierung abgesonderter Körpersubstanzen und abgetrennter Körperteile selbst als Gegenstand kultureller Praxis steht dagegen noch aus. Die Konfrontation mit der Tatsache, das unsere Kultur nach wie vor an menschlichen, biologischen ›Resten‹ und ›Rückständen‹ wirkt, die normalerweise der Sichtbarkeit entzogen oder mit ethischer ›Unberührbarkeit‹ gedacht werden, mag ein Grund dafür sein.

1.1. »Abfälle von humanen Teilen«

»Where there is dirt, there is system.5 Dirt is the by-product of a systematic ordering and classification of matter, in so far as ordering involves rejecting inappropriate elements.«6

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht, kann es keine eindeutige Definition des Mülls geben. Müll – hier: Abfall – wird im Weiteren als diskursiver Effekt einer kollektiven Aushandlung und Etablierung von Werturteilen verstanden. Er ist damit einzig und allein ein Kulturphänomen. Es heißt, die Natur kenne keinen Abfall. Dennoch hinterlassen nicht zuletzt die Lebensprozesse des menschlichen Körpers (etwa Stoffwechsel- und Verfallsvorgänge) oder Einwirkungen auf ihn (z.B. medizinische Operationen) Objekte und Stoffe, denen wir als Kulturwesen keinen Wert beimessen, die unter Umständen sogar ent wertend wirken, als Schmutz. Objekte, denen wir eine verunreinigende Wirkung attestieren und zu deren Beseitigung oder Verhüllung wir ganze Industrien betreiben. Die Natur kennt keinen Abfall, doch sie liefert ihn uns. Der Körper produziert ihn täglich. Neben den Verdauungsausscheidungen, Schweiß, Haaren, Haut, Nägeln, Schleim und Eiter, Wundsekret und Blut d.h. relativ flüchtigen, sich erneuernden und ständig oder häufig aus uns austretenden Substanzen können dies auch die unwiederbringlichen Teile des Körpers sein, die wir meist lieber bei uns behielten – Zähne, innere Organe, Gliedmaßen und wieder – je nach Kontext – Haare.

Doch kann man überhaupt Ausscheidungen und Körperteile unter einem Begriff – dazu ausgerechnet als ›Abfall‹ - diskutieren? Der Versuch neutraler Bezeichnung scheitert am Gegenstand. Ganze Körperteile sind keine Ausscheidungen, bestimmte Substanzen jedoch weder das eine noch das andere. Die deutsche Entsorgungsgesetzgebung jedenfalls trennt sie als Abfallarten gründlich in ›hausmüllähnliche‹ und ›Körperteile und Organabfälle‹. Genauer betrachtet, handelt es sich um eine nicht exakt definierte Trennung - die ethischen Instanzen zur Selektion des ›Menschlichen‹ im Müll sollen hier aber erst später aufgegriffen und jegliche menschlichen Körperabfälle unter dem Begriff Humanabfälle behandelt werden. Ich beziehe mich dabei auf die Konstellation, in der der Substanzträger lebt und seiner Körpersubstanz gegenübertreten kann, nicht auf postmortale Fragmente.

2. Humanabfälle und Thompsons Modell der Güterverteilung

Nach Michael Thompson7 wird man den Objekten der Kategorie ›Müll‹ - aufgrund ihres permanenten Wertwandels und ihres dynamischen Charakters hinsichtlich ihrer Benutzung durch Menschen – analytisch überhaupt nur habhaft, indem man sie in eine Betrachtung des Güterumlaufs integriert. Zwischen die Kategorien von Vergänglichem

(Wertabnahme) und Dauerhaftem (Wertzunahme) setzt Thompson die Müllkategorie an – das nach objektiven Kriterien, nämlich dem Marktwert, Wertlose.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

in: Thompson 2003: 132.

2.1. Versuch einer Einordnung

Eine prinzipielle Verortung des Körpers als Summe seiner Teile im Bereich des Vergänglichen lediglich aufgrund seines Verfalls und Todes ist unzureichend: Fragmente haben durchaus ihre Eigendynamik, die unterschieden ist vom zusammenhängenden Ganzen – denken wir an Reliquien. Der physiologische Abbau sagt noch nichts über die Bewertung des Körperteils. Wenn Walter Benjamin sagte, das Leben sei aus Sicht des Todes nur »Produktion der Leiche«8, so darf man wohl hinzufügen, dass die ›werdenden Toten‹ sich vor ihrer Fertigstellung oft bereits vieler Körperteile entledigen und diese auf unterschiedlichste Weise und unter zahlreichen ›kleinen Abschieden‹ vor der Leichenwerdung bewahren. Des Weiteren ist es nur die halbe Wahrheit, Humanabfälle mit Verfallsvorgängen (z.B. Verwesung oder Verdauung) gleichzusetzen. Karzinöses Gewebe etwa entsteht nicht durch Verwesung, sondern durch die Lebenseigenschaft schlechthin – Wachstum. Es ist nichtsdestoweniger als Schmutz konnotiert.

Humanabfälle sind in dem Modell meines Erachtens schwierig unterzubringen. Thompson selbst bezeichnet körperliche Ausscheidungen als »die extremste Form des Mülls«9 und erkennt die Definitionsschwierigkeiten, die einem bei der Unterscheidung von Exkrementen, Blut oder Schleim von Tränen, Milch und Sperma begegnen. Bestimmte Körperteile, wie Zähne, Haut oder Haare, die in ihren normalen Funktionen nicht als ›schmutzig‹ empfunden werden, durchlaufen die Kategorie des Vergänglichen – sie nutzen sich ab oder verbrauchen sich bevor sie zu Abfall werden. Sie sind uns nützlich und bedeuten uns etwas als ästhetische und identifikatorische Komponenten unseres Selbst.

Sind hingegen Gliedmaßen und Organe einschließlich Blut etwas Dauerhaftes? Sie haben eine absolute Lebensdauer. Andererseits sind sie unentbehrlich und unsichtbar. Ihr Wert stagniert vielleicht oder er steigt mit zunehmendem Alter. Um so radikaler ist ihre plötzliche Entwertung und Müllwerdung (z.B. durch chirurgische Eingriffe oder Krankheiten), ein Wechsel vom Dauerhaften (?) in die Kategorie des Vergänglichen oder gar direkt in die Müllkategorie, was Thompson zufolge unmöglich ist. Organe und Körperteile haben die Eigenschaft, bereits vor ihrer Müllwerdung unsichtbar oder nur als Oberfläche wahrnehmbar zu sein. Wir können sie kaum separat denken, sondern nur als imaginierte Teile unseres Leibes. Oft erfahren wir sie erst im Krankheitsfall sinnlich. Entgegen Thompsons Paradigma der Unsichtbarmachung von Müll werden sie erst als Müll vollends sinnlich erfahrbar, sobald sie außerhalb unserer Körperlichkeit, also sichtbar sind.

Allenfalls die flüchtigen Körpersubstanzen, deren Ausscheidung und Beseitigung zur Alltagsnorm gehört, können klar in der - von Thompson als »Verschmutzung« bezeichneten - Form des direkt produzierten Mülls eingeordnet werden10. Sie sind notwendige Begleiterscheinungen unseres Stoffwechsels und trotz ihrer physiologisch wichtigen Bedeutung etwas, das man entweder bei sich behält oder schnell beseitigt. Diese Substanzen schieben sich immer wieder in unsere Wahrnehmung und Slavoj Žižek (in seinem Vergleich der Bauweisen von Toilettenschüsseln) hat die Bereitschaft einer Kultur zur Konfrontation mit ihnen als Ausdruck ihrer allgemeinen Ideologie zu sehen geglaubt11.12 Während also Stoffe, die unseren Körper lediglich temporär durchlaufen mit den verkonsumierbaren Gütern der Mülltheorie vergleichbar sind, bleibt eine Beurteilung der Organe und Gliedmaßen nach diesem Schema fragwürdig.

2.2. Anwendbarkeit des objektiven Wertbegriffs auf Humanabfälle

Thompsons Versuch einer systematischen Erfassung von Müll weist in Bezug auf den Bereich der Humanabfälle sowohl brauchbare wie auch problematische Aspekte auf. Zunächst ist ihm anzurechnen, dass er die analoge Wertdynamik von Dingen, Lebewesen und Ideen insgesamt fasst und somit anerkennt, dass nicht nur Dinge in objektiv erfassbaren Urteilsrahmen, wie etwa Warenkreisläufen, zirkulieren, sondern auch die hinter ihnen stehenden Ideen und deren menschliche Träger. Mensch, Idee und Ding sind Ursache und Wirkung von sich diskursiv be- und entwertenden Haltungen des Menschen gegenüber seiner Umwelt. Zur waren- und wissensökonomischen Analyse einer Gesellschaft sind Thompson nicht die Ist-Zustände von Objekten in einer Wertkategorie, sondern die Qualität und Quantität der Übergänge von einer Kategorie zur anderen (in der Abbildung durch Pfeile dargestellt), d.h. ihre Wertdynamik, von Bedeutung. Auf Humanabfälle bezogen lässt sich hieraus für die weiteren Überlegungen mitnehmen, dass wir abgesonderte Körperteile- und -substanzen auch als Zeichenträger betrachten müssen, deren subjektive Konnotierungen und Kontexte – es sei an das erwähnte Beispiel des Eiters und der Haare erinnert – für den Versuch objektiver Betrachtung eine Schlüsselrolle spielen müssen. Dies spiegelt sich auch in der juristischen Behandlung der Thematik wider (s.u.). Außerdem erkennt Thompson die Bedeutung der »Exzentriker«, die maßgeblich an der Umbewertung von Wertfreiem beteiligt sind, in dem sie ihr Werturteil und ihren Umgang mit dem betreffenden Objekt etablieren können. Das wirft nämlich die Frage auf, inwieweit dies entlang oder auch entgegen den ethischen Normen und der Reinlichkeitsmoral mit Körpersubstanzen möglich ist.

Hingegen müssen KulturwissenschaftlerInnen Thompsons Reduktion auf die rein ökonomische Wertlosigkeit eines Müll-Objekts (nicht nur in Bezug auf den menschlichen Körper) auf Alternativen hin befragen, denn: Erstens, ist fraglich, ob in Zeiten hochindustrialisierter Abfallwirtschaft ein Ding jemals einen Zustand absoluter Wertlosigkeit annehmen kann, da es mit abnehmendem Wert gleichzeitig als potentieller Rohstoff für die Abfall- und Aufbereitungsindustrie wieder an (zu erwartendem) Wert als Produktionsmittel und Rohmaterial gewinnt: man rechnet dort meist in Mengeneinheiten, also erhalten viele Dinge im Prinzip durch ihre bloße Materialität, durch ihr Gewicht und ihre Entsorg- und Verwertbarkeit einen industriespezifischen Tauschwert in der Abfallwirtschaft.

Zweitens lässt sich der Wert von Körperteilen, die in erster Linie keine Waren sind, nur in wenigen Fällen in Begriffen des Marktwertes fassen. Das Beispiel der Nutzung von Plazenten in der Kosmetikindustrie ist eine wenigen Ausnahmen im Bereich des Humanabfälle (s.u.). Man kann hier anführen, dass sich ein ökonomischer Wert des betreffenden Körperteils immerhin aus den entstehenden Kosten seiner Kompensation im Falle der Absonderung ergäbe, z.B. bei Zahnprothesen. Da dieses Argument jedoch nur die prothetisierbaren Körperteile erfasst und deren Wert schlicht dem ihrer Prothesen angleicht, eignet es sich nicht zur Begründung von ausschließlich ökonomischen Maßstäben für kulturwissenschaftliche Betrachtung von Humanabfällen. Man könnte auch mit Marx von der Arbeitskraft als Ware ausgehen und den Körper als Arbeitsmittel zu deren Realisierung in nützliche Arbeit zu betrachten. Doch auch dies bringt uns in diesem Fall wenig weiter – ob das Arbeits vermögen zu einer Tätigkeit realisierbar ist, hängt vom Gesamtzustand des Körpers und der entsprechenden Befähigung des Geistes ab. Man kann daher nicht die Werte, die menschliche Arbeit in Form von Tausch- und Gebrauchswerten schafft, auf den anteiligen Wert eines an der Ausführung beteiligten Körperteils umrechnen.

Drittens schließlich setzen ethische Normen zum Schutz vor Kommerzialisierung des menschlichen Körpers der ökonomischen Bemessung von wie auch immer gestalteter Verwertung eines Körper(teil)s sehr enge Grenzen. Es gibt daher keinen Markt für Körperteile, wie z.B. für Maschinenteile. Zwar entdecken in der gegenwärtigen Finanzkrise immer mehr Menschen in finanzieller Not ihren Körper als Einnahmequelle, doch bestätigen diese Ausnahmen gerade, dass dies alles andere als salonfähig ist. Jüngst schrieb Karin Zeitvogel in einem Artikel über diesen Trend, dass »viele Spender große Scham empfänden. ›Ich hätte nie gedacht, dass ich so tief sinken könnte [...] Ich kann aber kaum noch für meine Wohnung, mein Auto, mein Essen bezahlen‹«.13 Extrahierte Körpersubstanzen fallen in eine Grauzone der Werturteile: Sie haben selten Tauschwert, spätestens nach ihrer Ausscheidung auch kaum Gebrauchswert, sie stehen nicht mehr in physischer Verbindung mit ›ihren‹ Trägern, sie gehören nicht in unser Gesichtsfeld und doch wäre ihre Gleichsetzung mit anderem Müll problematisch. Es bleibt also zu fragen, wonach sich der subjektive Wert eines Körperteils ansatzweise bemessen lässt.

[...]


1 Esther Banz. 2006.Was passiert mit dem Raucherbein?, in: Schweizer Wochenzeitung vom 20.06.2006

2 Hier verstanden als Sammelbegriff anthropogener Abfälle des Körpers, wie in »Humanabfälle von Spitälern« (WOZ, 20.06.2006). Auf die abwertende Verwendung des Wortes im Singular, ›Humanabfall‹, in Bezug auf lebende Menschen wird hier nicht weiter eingegangen.

3 z.B. Kirkup 2007.

4 z.B. Wenner in: Benthien/Wulf [Hg.] 2001.

5 Aus der Entsorgungsverordnung des Schweizer Bundesamts für Umwelt.

6 Douglas 2002: 44.

7 Thompson 2003.

8 Benjamin, Walter. 1978.Ursprung des deutschen Trauerspiels,in: Tiedemann, Rolf und Hermann Schweppenhäuser [Hrsg.]. 1978. Gesammelte Schriften. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

9 Thompson 2003: 32.

10 ders.: 133

11 Vgl. Žižek 1999: 15f.

12 Siehe dazu auch die Aufzeichnung seines Vortrags am 12.09.2008 in der ReiheGoogle Talksauf: http://www.youtube.com/watch?v=_x0eyNkNpL0 ab der achten Minute sowie Fortsetzung dieser Gedanken in der Diskussion ab 65. Minute.

13 Zeitvogel, Karin. Mit Haut und Haaren gegen die Krise. SPIEGEL Online vom 07.03.2009.

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640323012
ISBN (Buch)
9783640321100
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126307
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Wert Körper Müll Abfall Artefakt Biofakt Medizin Amputation Kultur Ausscheidungen Körpersubstanzen

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Titel: Humanabfälle