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Persönlichkeit und Paarbeziehung

Autonomie und Verbundenheit in Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Magisterarbeit 2008 187 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ZUSAMMENFASSUNG

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

EINLEITUNG

I. THEORETISCHER TEIL

1 EINE ENTWICKLUNGSTHEORETISCHE SICHTWEISE AUF PAARBEZIEHUNGEN IM JUGEND- UND JUNGEN ERWACHSENENALTER
1.1 Entwicklung von Paarbeziehungen
1.2 Autonomieentwicklung
1.2.1 Gleichgewicht von Autonomie und Verbundenheit in jugendlichen Paarbeziehungen
1.2.2 Autonome Konfliktbewältigung unter Aufrechterhaltung der Verbundenheit in Paarbeziehungen
1.3 Zusammenfassung

2 DIE BINDUNGSTHEORIE ALS AUSGANGSPUNKT FÜR DAS VERSTÄNDNIS VON AUTONOMIE UND VERBUNDENHEIT IN PAARBEZIEHUNGEN
2.1 Einfluss von Bindungserfahrungen im Kindes- und Jugendalter auf spätere Beziehungsrepräsentation
2.2 Bindungen als Paarbeziehungen
2.2.1 Das komplexe Wirkungsgefüge zwischen Commitment und Beziehungsstabilität unter Einbeziehung von Bindungssicherheit und Beziehungszufriedenheit
2.2.2 Autonomie und Verbundenheit in Paarbindungen
2.3 Zusammenfassung

3 PERSÖNLICHKEIT UND PARTNERSCHAFT
3.1 Persönlichkeit
3.2 Einfluss von Paarbeziehung auf Persönlichkeit
3.3 Einfluss von Persönlichkeit auf Paarbeziehung
3.3.1 Big Five
3.3.2 Depressivität
3.3.3 Selbstwert
3.4 Zusammenfassung

II. EMPIRISCHER TEIL

4 METHODE
4.1 Fragestellungen und Hypothesen
4.2 Stichprobe
4.3 Datenerhebung
4.3.1 Fragebogen
4.3.2 Close Peer Relationship Interview
4.4 Indikatoren
4.4.1 Die Skalen des Fragebogens
4.4.2 Die Skalen des Close Peer Relationship Interviews
4.5 Verfahren der Datenanalyse

5 ERGEBNISSE
5.1 Einführende Analysen
5.1.1 Statistische Kennwerte
5.1.2 Beziehungsdauer als mögliche Störvariable
5.1.3 Testung der Ähnlichkeitsthese
5.2 Der Zusammenhang zwischen Autonomie und Verbundenheit (Fragestellung 1+2)
5.2.1 Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie im Fragebogen
5.2.2 Zusammenhänge zwischen Verbundenheit und Autonomie im CPRI
5.3 Der Zusammenhang zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit (Fragestellung 3)
5.3.1 Zusammenhänge zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit im Fragebogen
5.3.2 Zusammenhänge zwischen den Big Five und Autonomie sowie Verbundenheit im CPRI
5.4 Selbstwert und Depressivität im Zusammenhang mit Autonomie sowie Verbundenheit (Fragestellung 4+5)
5.4.1 Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwert und Depressivität und den Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit im Fragebogen... 109
5.4.2 Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Selbstwert und Depressivität und den Faktoren für Autonomie sowie Verbundenheit im CPRI
5.5 Depressivität und ihr Zusammenhang mit Autonomie und Verbundenheit zwischen den Partnern (Fragestellung 6)
5.5.1 Zusammenhänge von Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern im Fragebogen
5.5.2 Zusammenhänge von Depressivität und Autonomie sowie Verbundenheit zwischen den Partnern im CPRI
5.6 Geschlecht und Kohorte als Moderatoren (Fragestellung 7)

6 DISKUSSION
6.1 Diskussion der Befunde zur Interkorrelation der Kriterien
6.2 Diskussion der Befunde zu den Big Five
6.3 Diskussion der Befunde zu Selbstwert und Depressivität
6.4 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Geschlechtsunterschiede
6.5 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Kohortenunterschiede
6.6 Diskussion der Befunde im Hinblick auf Unterschiede in den Erhebungsmethoden
6.7 Abschließende Evaluation

7 AUSBLICK

8 LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Developmental Relationship Scale Levels (Übernommen aus Selman & Schultz, 1998; nach einer Übersetzung von Kathrin Beckh)

Abbildung 2: Vergleich der unterschiedlichen methodischen Zugänge für ausgewählte Indikatoren

Abbildung 3: Die Skalen der Prädiktoren aus dem Fragebogen

Abbildung 4: Die Skalen der Kriterien aus dem Fragebogen

Abbildung 5: Aggregierte Skalen für Autonomie im Fragebogen

Abbildung 6: Aggregierte Skalen für Verbundenheit im Fragebogen

Abbildung 7: Die Skalen der Kriterien aus dem CPRI

Abbildung 8: Boxplot zur Darstellungen der Mittelwertsunterschiede zwischen den Geschlechtern für die Variable Verträglichkeit

Abbildung 9: Boxplot zur Darstellung der Mittelwertsunterschied zwischen den Geschlechtern für die Variable Neurotizismus

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Faktorenmatrix mit drei Faktoren: Komprimierung der Autonomie-Skalen des Fragebogens

Tabelle 2: Faktorenmatrix mit drei Faktoren: Komprimierung der Verbundenheits-Skalen des Fragebogens

Tabelle 3: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 4: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 5: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 6: Statistische Kennwerte der Prädiktoren für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 7: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 8: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 9: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 10: Statistische Kennwerte der Kriterien des Fragebogen für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 11: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen Jugendlichen 83 Tabelle 12: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 13: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen/em>

Tabelle 14: Statistische Kennwerte der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 15: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gesamtstichprobe

Tabelle 16: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gruppe der Jugendlichen

Tabelle 17: Testung der Ähnlichkeitsthese in der Gruppe der jungen Erwachsenen

Tabelle 18: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer

Tabelle 19: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen

Tabelle 20: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 21: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 22: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 23: Interkorrelationen der Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 24: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gesamtstichprobe

Tabelle 25: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der Jugendlichen

Tabelle 26: Interkorrelation der Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der jungen Erwachsenen

Tabelle 27: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der Männer

Tabelle 28: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der Frauen

Tabelle 29: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 30: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 31: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 32: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI für die Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 33: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI auf Paarebene in der Gesamtsstichprobe

Tabelle 34: Interkorrelationen der Kriterien des CPRI auf Paarebene in der Gruppe der jungen Erwachsenen

Tabelle 35: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer

Tabelle 36: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen

Tabelle 37: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 38: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 39: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 40: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Männer

Tabelle 41: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Frauen

Tabelle 42: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 43: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 44: Zusammenhänge zwischen den Big Five und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 45: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Männer

Tabelle 46: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der Frauen

Tabelle 47: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in

der Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 48: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in

der Gruppe der männlichen jungen Erwachsene

Tabelle 49: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 50: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des Fragebogen in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 51: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Männer

Tabelle 52: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der Frauen

Tabelle 53: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen Jugendlichen

Tabelle 54: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der männlichen jungen Erwachsenen

Tabelle 55: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der weiblichen Jugendlichen

Tabelle 56: Zusammenhänge zwischen Selbstwert sowie Depressivität und den Kriterien des CPRI in der Gruppe der weiblichen jungen Erwachsenen

Tabelle 57: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gesamtsstichprobe

Tabelle 58: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der Jugendlichen

Tabelle 59: Zusammenhänge zwischen Depressivität und den Kriterien des Fragebogen auf Paarebene in der Gruppe der jungen Erwachsenen

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage nach Zusammenhängen zwischen Persönlich-keitsmerkmalen und Autonomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Den theoretischen Hintergrund dafür bilden sowohl entwicklungs-und individuationstheoretische Ansätze als auch die Bindungstheorie. Über Individuati-onsprozesse werden die Entwicklungsverläufe von Paarbeziehungen, beginnend mit den noch ungeübten neugierigen aber durchaus stark emotionalen ersten Gehversuchen im Bereich Paarbeziehung im Jugendalter bis hin zum jungen Erwachsenenalter, in dem die Beziehungen dann von stärkerer Gegenseitigkeit und Intimität geprägt sind, charakterisiert. In den jugendli-chen Paarbeziehungen sind Konflikte zwischen Autonomie und Verbundenheit nicht selten. Meist werden diese durch eine Balance der beiden Konstrukte vor allem auf Verhaltensebene gelöst. Junge Erwachsene hingegen sind bereits stärker in der Lage Autonomie und Verbun-denheit in ein interdependentes Verhältnis zu setzen. Die klassische Bindungstheorie bildet den Ausgangspunkt für das Verständnis von Bindungen als Paarbeziehungen. So kann ange-nommen werden, dass die in der Kindheit angeeigneten Bindungsmuster auf spätere Paarbe-ziehungen übertragen werden. Auf dieser Basis werden zentrale Faktoren der Beziehungsqua-lität in den Liebesbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch empirische Befunde verdeutlicht.

Das besondere Interesse der vorliegenden Arbeit gilt den Zusammenhängen zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen Big Five, Selbstwert und Depressivität und den Faktoren für Auto-nomie sowie Verbundenheit in Paarbeziehungen. An der durch die DFG geförderten Münch-ner Studie nahmen 60 Paare teil. Für die vorliegende Arbeit werden sowohl Fragebogen- als auch Interviewdaten herangezogen. Es werden Testungen auf Individualebene und Paarebene durchgeführt. Als bedeutendste Prädiktoren für Autonomie und Verbundenheit in Liebesbe-ziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen sich die Konstrukte Neurotizis-mus sowie Selbstwert und Depressivität. Zwischen den Alterskohorten lassen sich deutlich die durch die Theorie erwarteten Differenzen beobachten, so dass in den Paarbeziehungen der Jugendlichen wesentlich weniger wechselseitige Prozesse zu beobachten sind und die jungen Erwachsenen größere Verbundenheit zeigen, indem sich die Partner in diesen Beziehungen bereits stärker öffnen und gegenseitig Gedanken sowie Gefühle anvertrauen. Geschlechtsspe-zifisch lässt sich sagen, dass sich für beide Geschlechter Verbundenheit als zentraler Angel-punkt in der Beziehung ausmachen lässt, denn auf diesem Gebiet zeigen sich die meisten Wechselwirkungen. Für die Frauen jedoch scheinen darüber hinaus Ängste und Unsicherhei-ten von zentraler Bedeutung in den Paarbeziehungen zu sein. Das Close Peer Relationship Interview (Selman & Schultz, 1990) hat sich, erstmalig in einer deutschen Studie angewendet, bewährt und kann die Ergebnisse der Fragebogenanalysen zumeist untermauern sowie ergän-zen.

Einleitung

Die Wissenschaft hat eine Vielzahl von Modellen, Hypothesen und Theorien hervorgebracht, die zur Beschreibung und Untersuchung von Paarbeziehungen herangezogen werden können. Diese Theorien beschäftigen sich zum Beispiel damit, weshalb Menschen Ehen oder ver-gleichbar enge Formen von Bindungen mit anderen Menschen eingehen oder warum zufrie-denstellende Liebesbeziehungen zu den zentralsten Lebenszielen der meisten Menschen gehö-ren. In den Modellen zur Paarbeziehung wird überdies die Frage erörtert, welche Gründe zu einem Scheitern von romantischen Beziehungen beitragen und warum die Menschen sich nach einer überwundenen Trennung dennoch auf eine erneute Paarbeziehung mit einem ande-ren Menschen einlassen.

Der soziobiologische Forschungsansatz geht davon aus, dass bestimmte soziobiologische Ur-sachen, wie zum Beispiel die lange Betreuung und Fürsorge der Kinder dafür verantwortlich sind, dass sich Menschen in enge, andauernde und meist monogame romantische Beziehun-gen begeben. Durch die Bewusstwerdung, dass nur durch das Eingehen sozialer Beziehungen und der intensiven Pflege der Kinder die erfolgreiche Reproduktion gewährleistet werden kann, werden Prozesse der Kommunikations- und Kooperationskompetenzen gefördert, die die Grundlage für das Gelingen einer Paarbeziehung bilden (Lösel & Bender, 2003, S.46-49).

Auch beim strukturell-funktionalen Ansatz wird die Paarbeziehung unter einem eher funktio-nellen Blickwinkeln betrachtet. Die reproduktive Fitness steht hier jedoch weniger im Mittel-punkt. Vielmehr bildet die Familie eine Funktion der sozialen Gesellschaft. Dabei richten sich die Familienstruktur und das Familienleben nach den Bedürfnissen der Gesellschaft, die sich im Laufe der Historie wandeln und kulturell verschieden sind (Lösel & Bender, 2003, S.50).

Zu den bedeutendsten Theorien der Partnerschaft gehören die Austausch- und Investitionsthe-orien. Diese Theorien beschreiben Partnerschaften als ein ständiges Abwägen von Kosten und Nutzen (Mikula, 1992). Jenes ökonomische Verhaltensmodell wird durch das Geben und Nehmen in der Paarbeziehung symbolisiert. Je mehr beide Partner ihre Bedürfnisse als befrie-digt ansehen, desto glücklicher sind sie in der Beziehung. Das Gefühl der Zufriedenheit ent-steht dabei vorwiegend dadurch, dass die Verhaltenweisen des Partners eine Art Belohnung darstellen. Im Gegenzug dazu werden auch Investitionen gefordert. Als solche werden die Auseinandersetzungen mit dem Partner sowie mit seinen Gefühlen und Ängsten oder auch physische Aufwendungen in der Beziehung bezeichnet (Thibaut & Kelly, 1959).

Vergleichbar mit den austauschtheoretischen Sichtweisen sind familienökonomische Theorien der Ansicht, dass Menschen enge Beziehungen eingehen, um ihren persönlichen Nutzen zu vergrößern. Zentral für diese Theorie ist der Begriff „commodities“ – er steht für Güter, die erst durch eine enge und stabile Bindung entstehen. Unterstützung, Anerkennung, Liebe oder

auch zwischenmenschliche Kontakte können etwa als „commodities“ bezeichnet werden (Lö-sel & Bender, 2003, S.54).

Einen großen Wert auf Interaktionen in der Beziehung sowie auf Kommunikation zwischen den Partnern und Konfliktbewältigungsstrategien legen lern- und verhaltenstheoretische An-sätze. Beziehungsstabilität und -qualität sollen danach in erster Linie durch das Miteinander der beiden Partner bestimmt werden. So gibt es Verhaltensweisen, die der Beziehung dienlich sind, und solche, sie werden als dysfunktional bezeichnet, die die Beziehung belasten (Lösel & Bender, 2003, S.57-60).

Daran anschließend lohnt es sich die Belastungs- und Bewältigungs-Modelle zu erwähnen. Diese Modelle gehen davon aus, dass Paare in der Lage sind Konflikte und schwierige Situa-tionen aktiv zu bewältigen und ihre Entwicklung wirksam zu gestalten (Lösel & Bender, 2003, S.63-65).

Ein zentraler Aspekt für die vorliegende Arbeit wird der bindungstheoretische Ansatz sein. Dieser geht davon aus, dass Bindungserfahrungen in der Kindheit den Ausgangspunkt für die Gestaltung von Paarbeziehungen im späteren Leben bilden (Lösel & Bender, 2003, S.61-62).

Die Ähnlichkeitsthese findet in der Partnerschaftsforschung großen Anklang. Sie sagt voraus, dass Menschen eher mit solchen Personen eine enge Beziehung eingehen, die ihnen sowohl physisch als auch psychisch und ebenso in sozialen Merkmalen ähnlich sind (Mikula & Stroebe, 1991). Diese Annahme wird in den verschiedensten Paartheorien integriert und gilt deshalb nicht als eigener Theorieansatz. Der Ähnlichkeitsthese steht die Komplementari-tätsthese gegenüber, die besagt, dass sich Gegensätze anziehen und eine Paarbeziehung ein Ort der wechselseitigen Ergänzung ist. Winch (1985) ist der Überzeugung, dass bei der Part-nerwahl die Ähnlichkeit entscheidend ist. Auf der Suche nach einem potentiellen Partner wird nach Übereinstimmungen in Interessen und Werten gesucht. Bei andauernder Beziehung al-lerdings steht eine wechselseitige Erweiterung im Vordergrund und trägt maßgeblich zur Be-dürfnisbefriedigung in der Beziehung bei (Winch, 1958). Es sei allerdings darauf hingewie-sen, dass dieses Komplementaritätsmodell wissenschaftlich zu wenig bestätigt ist. Es wird kritisiert, dass komplementäre Strukturen vermutlich nur in solchen Beziehungen zu finden sind, in denen sich die Partner ähnlich genug sind und das gegenseitige Ergänzen zur indivi-duellen Charakteristik der beiden Partner gehört. (Lösel & Bender, 2003, S.55-57).

Erstrebenswert ist im Allgemeinen eine Integration aller Theorien der Paarbeziehung, denn keine der vorgestellten Theorien allein kann einen umfassenden und ausreichenden Blick auf das Phänomen der Paarbeziehungen liefern. Auch in der vorliegenden Arbeit soll der Versuch einer Integration gemacht werden. So werden außer bindungstheoretischen Ansätzen ebenso entwicklungstheoretische Ansätze berücksichtigt, die Paarbeziehungen im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter betrachten und vergleichen. Verhaltenstheoretische Ansätze und Belastungs-Bewältigungs-Modelle finden ihre Berücksichtigung, wenn es um Autonomieent-

wicklung und dabei insbesondere um Konfliktbewältigung in Liebesbeziehungen geht. Die Betrachtungsweisen der Austausch- und Investitionstheorien finden sich wieder, indem sich diese Arbeit mit Fürsorge, Commitment und Verbundenheit in Liebesbeziehungen beschäf-tigt.

Besondere Aufmerksamkeit wird in der hiesigen Untersuchung den Persönlichkeitsmerkma-len der Big Five sowie dem Selbstwert und Depressivität zuteil, die entscheidenden Einfluss auf Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen haben können. So treffen in einer Lie-besbeziehung zwei Personen mit ihren individuellen Persönlichkeitsmerkmalen aufeinander, woraus sich vielfältige Wechselwirkungen zwischen den Charaktereigenschaften beider Part­ner und ihrer Beziehung entwickeln (Neyer, 2003). Es wird angenommen, dass sowohl die Persönlichkeit des einzelnen Partners Einfluss auf die Gestaltung der gemeinsamen Paarbe-ziehung hat, als auch, dass dyadische Interaktionen mit Veränderungen in den Persönlich-keitsmerkmalen beider Partner einhergehen (Neyer, 2003). Die in der vorliegenden Arbeit untersuchten fünf Persönlichkeitskonstrukte der Big Five Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Neurotizismus und Offenheit werden genetisch bedingt als eher stabile Per-sönlichkeitsmerkmale betrachtet (McCrae & Costa, 1995). Wohingegen der Selbstwert eines Menschen durch Umwelteinflüsse stärker veränderbar ist (Asendorpf, 2003). Einig sind sich die Forscher darin, dass mit fortschreitendem Erwachsenwerden die Stabilität von Persönlich-keitsmerkmalen zunimmt (McGue et al., 1993). Für Liebesbeziehungen kann gesagt werden, dass diese mit wachsender Stabilität von Persönlichkeitsmerkmalen fester und konstanter werden (Asendorpf, 2002).

Das erste Kapitel dieser Arbeit widmet sich Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwach-senenalter vor dem Hintergrund entwicklungs- und individuationstheoretischer Ansätze. Diese bilden die Basis zur Darstellung der Autonomieentwicklung im Jugendalter, Charakterisie-rung von Paarbeziehungen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie Dokumentation von Konfliktbewältigungsstrategien in den jungen Liebesbeziehungen zur Schaffung einer Balance zwischen Verbundenheit und Autonomie. Kapitel 2 wendet sich den Konstrukten Autonomie und Verbundenheit unter einem bindungstheoretischen Blickwinkel zu. Ausge-hend von der klassischen Bindungstheorie (Bowlby, 1999, 2006) und den von Ainsworth et al. (1987) identifizierten Bindungsstilen in der Kindheit werden die Bindungsrepräsentationen im Jugend- und Erwachsenenalter dargestellt. Darüber hinaus werden die Stabilität der in der Kindheit erworbenen Bindungsmuster und ihr Einfluss auf spätere Paarbeziehungen hinter-fragt. Durch empirische Befunde im Forschungsbereich der Partnerschaftsbindung werden zentrale Faktoren einer Liebesbeziehung erläutert – den Aspekten Nähe und Autonomie gilt besondere Aufmerksamkeit. Ausgehend von einer kurzen Darstellung zur Persönlichkeitsent-wicklung werden im dritten Kapitel eine Vielzahl empirischer Befunde im Bereich Persön-lichkeit und Paarbeziehung – allgemein und im speziellen Kontext von Autonomie und Inti-mität - erläutert. Diese bilden die Grundlage der im vierten Kapitel formulierten Fragestellun-

gen und Hypothesen. In diesem Abschnitt werden außerdem Angaben zu Stichprobe, Daten-erhebung und Verfahren der Datenanalyse gemacht. Nach der Darstellung der Ergebnisse (Kapitel 5) werden diese vor dem Hintergrund der in der Theorie dargestellten Aspekte sowie erläuterten empirischen Befunde vorangegangener Studien diskutiert (Kapitel 6). Außerdem werden Stärken aber auch Begrenztheiten der vorliegenden Untersuchung aufgezeigt. Ab-schließend erfolgt ein Resümee sowie Ausblick auf mögliche zukünftige Studien (Kapitel 7).

Dass die vorliegende Arbeit den geforderten Rahmen einer Magisterarbeit in gewisser Hin-sicht übersteigt, ist durchaus nicht unerkannt geblieben. Aufgrund des persönlichen Engage­ments bei der Kodierung der Close Peer Relationship Interviews (CPRI, Selman & Schultz, 1990) jedoch, wurde bei mir ein intensives Interesse geweckt dieses in Deutschland bislang relativ unerforschte Intensivinterview einer ausführlicheren und vergleichenden Analyse zu unterziehen. Deshalb habe ich mich bewusst für den umfangreicheren und umfassenderen Rahmen dieser Untersuchung entschieden, in der Hoffnung damit unter anderem einen klä-renden Beitrag leisten zu können, inwieweit erhebungsökonomisch vorteilhaftere schriftliche Befragungen mit den durch das CPRI erhobenen Indikatoren korrespondieren.*

I. Theoretischer Teil

Den Einstieg in die Thematik bildet die entwicklungstheoretische Sichtweise auf die Entwick-lung von Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. So findet sich zu Beginn des ersten Kapitels ein definitorischer Überblick zu den Begriffen Jugend und junge Erwach-sene, gefolgt von entwicklungspsychologischen Theorien der Adoleszenz. Anschließend wer-den Paarbeziehungen des Jugend- und jungen Erwachsenenalters charakterisiert und vergli-chen. Dies bildet die Grundlage für die Darstellung der Autonomieentwicklung in der Jugend und seiner Wichtigkeit für das Gelingen von Liebesbeziehungen. Es wird aufgezeigt, inwie-fern und wodurch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Lage sind in ihren jungen Liebesbeziehungen ihre autonomen Bedürfnisse zu befriedigen und trotzdem die Verbunden-heit zum Partner in Konfliktsituationen aufrecht zu erhalten. Das angestrebte Ausbalancieren von Autonomie und Verbundenheit bildet den Übergang zum zweiten Kapitel, in dem es um eine bindungstheoretische Sicht auf Liebesbeziehungen geht. Die klassische Bindungstheorie nach Bowlby bildet den Ausgangs- und Angelpunkt, von dem aus Verbundenheit und Auto-nomie in Paarbeziehungen betrachtet werden soll. Eingangs werden in einem kurzen Über-blick die Bindungsstile der Kindheit dargestellt, gefolgt von einer Erläuterung der typischen Bindungsrepräsentationen für das Jugend- und junge Erwachsenenalter und Überlegungen zu Kontinuität und Veränderungen von Bindungsmustern über die Lebensspanne hinweg. Darauf basierend werden anschließend empirische Befunde dargestellt, die aufzeigen inwiefern Er-fahrungen mit Bindungspersonen in der Kindheit einen Einfluss auf die Gestaltung von späte-ren Liebesbeziehungen haben. Besondere Beachtung gilt dann der Thematik Bindungen als Paarbeziehungen, von der aus sich der Blickwinkel von der ursprünglichen Bindungstheorie stärker löst und auf die grundlegenden Merkmale von Paarbeziehungen gelenkt wird: Bezie-hungsqualität, Commitment, Beziehungsstabilität, Bindungssicherheit und Beziehungszufrie-denheit sowie Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen. Im Bereich Autonomie und Verbundenheit wird auf die für die vorliegende Arbeit wichtige Problematik des Vermei-dens von Nähe und den Zusammenhang zwischen Autonomie und Verbundenheit eingegan-gen. Zentrum des Theorieteils und gleichzeitig die Überleitung zum empirischen Teil der Ar-beit bildet im dritten Kapitel eine ausführliche Darstellung gegenwärtiger Befunde über den Zusammenhang von Persönlichkeit und Partnerschaft. Ausgehend von einer kurzen Darstel-lung zur Entwicklung von Persönlichkeitsmerkmalen und deren Stabilität, wird unterschieden zwischen dem Einfluss von Paarbeziehungen auf Persönlichkeitsvariablen und vice versa dem Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf Liebesbeziehungen. Die vorliegende Arbeit kon-zentriert sich auf die Persönlichkeitskonstrukte der Big Five (Neurotizismus, Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit) sowie Selbstwert und Depressivität. Auf der Grundlage dieser Betrachtungen werden im darauffolgenden empirischen Teil der Magister-arbeit die Fragestellungen konkretisiert und Hypothesen formuliert.

1 Eine entwicklungstheoretische Sichtweise auf Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter

„Jugendliche“ und „junge Erwachsene“ – eine Begriffsdefinition

Soziologen betrachten den Begriff Jugend innerhalb eines sozialen Gruppengefüges. Sie un-terschieden die sozialen Gruppen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Psychologen verwen-den vorrangig die Bezeichnung Adoleszenz. Diese Formulierung ist vor allem im amerikani-schen Sprachraum sehr gebräuchlich und es wird differenziert zwischen Früh-, Mittel- und Spätadoleszenz. Biologen wiederum verwenden hingegen stärker den Begriff Pubertät, der sich auf biologische Veränderungen, die in dieser Altersspanne ablaufen, konzentriert (Fend, 2003). Einig sind sich Soziologen, Entwicklungspsychologen und Pädagogen darin, dass man mit dem Begriff Jugend im Allgemeinen einen Lebensabschnitt bezeichnet, der mit der kör-perlichen Reifung beginnt und vor dem Eintritt ins Erwachsenenalter endet (Ewert, 1983, S.11-12).

„Jugend [...] ist die Verhaltensphase des Menschen, in der er nicht mehr die Rolle des Kindes spielt und in der er noch nicht die Rolle des Erwachsenen als vollgültigen Träger der sozialen Institutionen, also z.B. der Familie, der Öffentlichkeit und politischen Ord-nung, der Rechts- und Wirtschaftsordnung usw. übernommen hat“ (Schelsky, 1957, S.16).

Der Psychoanalytiker Peter Blos charakterisiert die eigentliche Jugendphase damit, dass vor allem die Frage nach dem „Wer bin ich?“ in dieser Zeit im Mittelpunkt steht. Die libidinösen Energien, welche bislang auf die Eltern gerichtet waren, wenden sich mehr und mehr nach innen und gegengeschlechtlichen Partnern zu. Zentral in seiner Theorie der Adoleszenz sind die neuen sexuellen Impulse, mit denen der Jugendliche konfrontiert ist. Auf die Thematik der entwicklungspsychologischen Theorien der Adoleszenz wird sich der anschließende Ab-schnitt gesondert konzentrieren, da er für die vorliegende Arbeit ein zentraler Aspekt sein dürfte (Fend, 2003).

Ungeklärt bleibt, wann genau der Eintritt ins Erwachsenenalter von statten geht. Der Beginn der Jugend mit Einsetzen der biologischen Reife hat sich im Allgemeinen bewährt. Dadurch, dass dieser körperliche Reifungsprozess aber immer früher beginnt, wird die Jugendphase stärker ausgedehnt, weshalb es üblich ist den Übergang vom Jugendalter zum Erwachsenenal-ter als junges Erwachsenenalter zu bezeichnen (Ewert, 1983, S.16).

Das junge Erwachsenenalter, auch als Spätadoleszenz bezeichnet, beginnt im Allgemeinen etwa mit Vollendung des 17. Lebensjahres und dauert bis in die Mitte der Zwanziger an. Wann genau dieser Lebensabschnitt endet und man vom Erwachsenen sprechen kann, ist mit konkreten Altersgrenzen nicht zu definieren. Als soziale Normierungen lassen sich zum Bei-spiel Wahlalter, Strafmündigkeit oder Wehrpflicht anführen. Entwicklungspsychologisch

eigt sich jedoch, dass vor allem eine veränderte Selbstsicht sowie Unabhängigkeit, Verant-wortung und Reife den Erwachsenenstatus rechtfertigen (Ewert, 1983, S.16).

Peter Blos beschreibt den Lebensabschnitt des jungen Erwachsenen als Zeit der Identitätsar-beit. Immer stärker ist der einst Jugendliche nun in der Lage sein reales Ich zu definieren und sich auf die konkrete Lebensplanung zu konzentrieren; dazu gehören Zukunftsvorstellungen und -pläne und auch das Eingehen verantwortungsbewusster Paarbeziehungen (Fend, 2003).

Entwicklungspsychologische Theorien der Adoleszenz

Eine Vielzahl von Theorien und Anschauungen existieren über den Verlauf der Adoleszenz. Zum einen gibt es die sogenannten Katastrophentheorien, die davon ausgehen, dass der Ein-tritt ins Jugendalter mit einem kompletten Bruch vorangegangener kindlicher psychischer Strukturen einhergeht und dass die Adoleszenz ein Lebensabschnitt der Rebellion im Gefüge dramatischer Gefühle ist, die mit einem Neubeginn durch ein reflektiertes und gereiftes Selbst endet (Ewert, 1983, S.26).

Ein bedeutender Vertreter dieser Ansichten ist Stanley Hall. Er beschreibt den Jugendlichen als kräftiger, ausdauernder und widerstandfähiger als in seiner vorangegangenen Kindheit. Die Interessen der Jugendlichen suchen vor allem das Ziel möglichst unähnlich zu denen der Eltern zu sein. Hall betont, dass gleichsam mit den Sturm- und Drangperioden der Adoleszen-ten, Werte wie Religion, Moral, Sympathie oder ästhetisches Empfinden hingegen nur wenig entwickelt sind (Ewert, 1983, S.29).

Oswald Krob schildert den Beginn der adoleszenten Phase mit einer Wendung nach innen, die von Selbstreflexion und dem Bedürfnis nach Ablösung von den Eltern charakterisiert ist. Dar-an schließt sich eine Phase der Reifezeit an, in der neue Erkenntnisse getroffen werden, wel-che in der darauf folgenden Phase im Alltag erprobt werden, so dass das Jugendalter anschlie-ßend mit einer erneuten Wendung nach Außen abgeschlossen wird. Eine sehr ähnliche Theo-rie findet sich bei Arnold Gesell, der analog dazu von einer anfänglichen Innenwendung schreibt, welche in einer Gegenbewegung mündet - in einem neuen Selbst mit Vertrauen und Interesse an der eigenen Person und an seiner Außenwelt (Ewert, 1983, S. 32-36).

Den Katastrophentheorien, welche davon ausgehen, dass die Jugendlichen den Einflüssen der Umwelt ausgeliefert sind, so dass keinerlei bewusstes Einwirken auf die eigene Entwicklung möglich ist, stehen Theorien gegenüber, welche die Plastizität der menschlichen Psyche in den Mittelpunkt stellen und das Individuum als Gestalter seiner Umwelt wahrnehmen. Im Gegensatz zu den Katastrophentheorien gehen diese Theorien von einem stetigen Übergang von Kindheit ins Jugendalter aus. Jene kulturanthropologischen Ansichten haben einen neuen Forschungstrend ausgelöst, welcher sich mit den Wechselwirkungen zwischen dem Indivi-duum und seiner Umwelt beschäftigt (Ewert, 1983, S. 47-50).

Eine Integration dieser zwei Sichtweisen findet sich zum Beispiel bei dem Erziehungswissen-schaftler Thomas Ziehe, der sowohl psychoanalytische Ansätze als auch moderne Sozialisati-onsbedingungen in seine Theorie einbezieht. Im Mittelpunkt stehen für ihn die gesunde Ablö-sung von den Eltern und die daraus folgende Möglichkeit zum Aufbau eines autonomen Selbst. Ziehe kritisiert die nahezu symbiotische Beziehung zwischen Eltern und Kind in der heutigen Zeit sowie, dass das Kind zur Quelle der Bedürfnisbefriedigung für die Eltern wird, was es dem Jugendlichen in der Adoleszenz erschwert von dem narzisstisch geprägten Ich-Ideal, welches durch die Eltern vermittelt wird, zu einem reifen und unabhängigen Realitäts-Ich zu gelangen (Fend, 2003).

„Dem reifenden Ich wird auf längere Sicht kein Ausruhen vor dem narzisstischen An-spruch gegönnt, es soll Agent des Ich-Ideals werden, soll Erfolge vorzeigen. Andernfalls setzt die Strafe der Depression ein, das Gefühl der Ich-Leere, der Ich-Verarmung, der selbstdestruktiven Verhaltensunmöglichkeit“ (Ziehe, 1975, S.78).

Ziehe plädiert deshalb für eine stärkere Strukturierung der Erwachsenenrolle und betont die Wichtigkeit zwischen den Lebenswelten von Eltern und Kindern deutlich zu trennen (Fend, 2003).

Gerade diese moderne Theorie der Adoleszenz betont die Wichtigkeit der Autonomieentwick-lung im Jugendalter, auf der in dieser Arbeit eingroßer Schwerpunkt liegt. Eine gesunde Ab-lösung von den Eltern während der Adoleszenz und die Entdeckung des eigenen realistischen Ichs bilden unter anderem auch die Grundlage für die Entwicklung einer zufriedenen gesun-den Persönlichkeit und im weiteren Sinne auch für das Gelingen einer Paarbeziehung und ein interdependentes Verhältnis zum Partner, welches durch ein Gleichgewicht von Autonomie und Verbundenheit gekennzeichnet ist. Dieser Gedanke wird in einem der folgenden Kapitel erneut aufgegriffen und intensiver betrachtet.

1.1 Entwicklung von Paarbeziehungen

In den wissenschaftlichen Untersuchungen zur Entwicklung von Beziehungen stößt man im-mer wieder auf Lücken. Viele empirische Untersuchungen gibt es zum Beispiel zu Eltern-Kind-Interaktionen im Säuglingsalter. Welche Merkmale dieser Interaktion jedoch im frühen Erwachsenenalter kennzeichnen, darüber weiß die Forschung bislang wenig. Ebenso existiert viel Untersuchungsmaterial zu Freundschaften im Kindesalter; Freundschaften im mittleren Erwachsenenalter blieben bisher jedoch weitgehend unerforscht. Eine Entwicklung von Paar-beziehungen über die gesamte Lebensspanne hinweg nachzuzeichnen ist aus diesen Gründen nicht unproblematisch (Fingerman & Lang, 2004). Wichtig ist, so sind die Autoren der An-sicht, bei der Untersuchung von Liebesbeziehungen individuelle Veränderungen der einzelnen Partner, Veränderungen der Beziehung selbst und des sozialen Kontextes zu beobachten.

Paarbeziehungen zeichnen sich im Allgemeinen durch folgende Kriterien aus (Bierhoff & Schmohr, 2004):

1. Die Partner fühlen sich zueinander hingezogen.
2. Der Wille zur gegenseitigen Öffnungsbereitschaft ist vorhanden.
3. Die Einsicht in die persönlichen Gefühle des Partners ist gewährleistet.
4. Die Einzigartigkeit der Beziehung wird betont.
5. Die Partner orientieren sich selbstlos und uneigennützig aneinander.

Der Soziologe John Alan Lee (1973) entwarf zur Veranschaulichung des Begriffes „Liebe“ und den Vorstellungen von Paarbeziehungen ein Modell, das sechs Liebesstile beinhaltet. Er betont, dass diese Liebesstile veränderbar sind, auch wenn im Allgemeinen angenommen werden kann, dass ein gewählter Stil über längere Zeit bestand hat. Der Liebesstil „Eros“ um-schreibt die romantische Liebe, bei der Attraktivität und sexuelle Leidenschaft eine große Rolle spielen. „Ludus“ definiert die spielerische Liebe, in der lange Beziehungen vermieden werden und die sexuelle Befriedigung im Vordergrund steht. „Storge“, welche sich am besten mit freundschaftlicher Liebe übersetzen lässt, zeigt eine innige Freundschaft mit gegenseiti-gem Interesse und Vertrauen sowie Toleranz. Als „Mania“ beschreibt Lee (1973) die extreme Variante der romantischen Liebe, welche von Inbesitznahme und Eifersucht geprägt ist. Die Beziehung mit dem Zweck nicht einsam zu sein wird vom Autor als „Pragma“ bezeichnet. Der sechste Liebesstil „Agape“ ist die altruistische Liebe, die uneigennützig ist und in der Kompromisse zum Wohl des Partners eingegangen werden (Bierhoff & Schmohr, 2004). Auf diese sechs Liebesstile wird im Laufe der Arbeit immer wieder Bezug genommen.

Je nach Entwicklungsstand gibt es verschiedene Möglichkeiten Liebesbeziehungen einzuge-hen. Das Aufnehmen von Paarbeziehungen ist deshalb eine Entwicklungsaufgabe. Wie diese Aufgabe gemeistert wird, ist unter anderem abhängig vom Alter (Bierhoff & Schmohr, 2004). In der frühen Jugend liegt die Betonung meist auf dem Erleben von leidenschaftlicher Liebe. Diese Vorliebe verändert sich mit fortschreitendem Alter hin zu einer eher freundschaftlichen und gemeinschaftlichen Liebe im späten Erwachsenenalter (Shackelford & Buss, 1997). So zeigen zum Beispiel junge Menschen, welche unverheiratet sind und keine Kinder haben, höhere Werte in den Liebesstilen „Ludus“ und „Mania“, als ältere und verheiratete Paare (Bierhoff & Schmohr, 2004).

Ein Vergleich zwischen Paarbeziehungen im Jugendalter und im jungen Erwachsenenalter

Einer der Gründe, warum es relativ wenig empirische Studien über die Paarbeziehungen von Jugendlichen gibt ist, dass diese Beziehungen oft weniger intensiv und langlebig sind (Fei-ring, 1996). Die Jugendzeit ist eine Zeit, in der der Adoleszent lernt wie er sich in Liebesbe-ziehungen verhält und wie er mit dem Partner interagiert. Es wird gelernt, dass der Partner

eine unterstützende und fürsorgende Funktion haben kann und die Erfahrungen aus diesen ersten Partnerschaften in der Jugendzeit werden weitergetragen in spätere Beziehungen (Fur­man & Wehner, 1997).

Aufgrund der sich oft natürlich ergebenden Geschlechtertrennung in der Kindheit werden die Jugendlichen in der Adoleszenz zum ersten Mal mit den Vorstellungen und dem Verhalten des gegengeschlechtlichen Partners konfrontiert. Dies sind komplexe Entwicklungsaufgaben, die es zu bewältigen gilt. Die ersten Interaktionen und Beziehungen sind heikle Experimente für die Neulinge im Bereich der Paarbeziehungen (Furman & Wehner, 1997).

„Compared to adults, adolescents are novices in the romantic arena, and they spend much of their teenage years exploring the various facets of romantic life and developing their identities as romantic partners“ (Furman & Simon, 1999, S. 85).

Sobald der Jugendliche sich in das neue Feld der Liebesbeziehungen „eingelebt“ hat, werden sich größere Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Partnerschaften entwickeln. Die Beziehungen werden gegenseitiger und die Fähigkeit die Sichtweise des Partners zu über-nehmen wird erlernt (Selman, 1980).

Zu Beginn der Adoleszenz sind die Jugendlichen überdies noch stark mit der Frage beschäf-tigt, wer sie selbst eigentlich sind. Die Frage, ob sie attraktiv sind und ob ihre Freundin oder ihr Freund es ist, sind sehr zentral. So spielt der Peerdruck in dieser Zeit oft eine große Rolle (Furman & Wehner, 1997). In der mittleren Adoleszenz nimmt dieser dann etwas ab und ob-wohl solche Ansichten noch immer sehr wichtig sind, ist es nicht mehr so entscheidend, ob die Partnerin oder der Partner beim Freundeskreis derartig angesehen ist (Brown et al., 1989).

Es wird erwartet, dass Werte wie Verbundenheit und Fürsorge erst in der späten Adoleszenz und im Erwachsenenalter wichtiger für die Paarbeziehungen werden. Die Dauer eine Bezie-hung spielt bei dieser Entwicklung also augenscheinlich eine bedeutende Rolle. So wird Nähe auch in jungen Beziehungen schon gesucht, aber das Bedürfnis nach Sicherheit und Zuflucht sowie das Vertrauen, dass der Partner als sicherer Hafen dienen kann, wachsen mit der Dauer der Beziehung (Hazan & Zeifman, 1994).

Auch wenn Beziehungen im Jugendalter im Allgemeinen eher von kurzer Dauer sind, so be-legen empirische Befunde doch eindrucksvoll, dass die frühen Paarbeziehungen relevant für die Entwicklung in der Adoleszenz und darüber hinaus sind (Miller & Benson, 1999). Jugend-liche in Liebesbeziehungen berichten zum Beispiel von einer erhöhten Anzahl an Konflikten, mit denen sie konfrontiert sind und die sie bewältigen müssen (Laursin, 1995). Joyner und Udry (2000) berichten davon, dass Jugendliche mit romantischen Erfahrungen häufiger zu depressiven Verstimmungen neigen, wobei dies ein Produkt der Trennungserfahrungen dieser Zeit sein wird und nicht eine Auswirkung der Beziehungen per se. Andererseits können posi-

tive Erfahrungen in jugendlichen Liebesbeziehungen den Selbstwert stärken und auch zukünf-tig zu einem längerfristig stärkeren Selbstkonzept führen (Collins, 2003).

Eine Studie von Shulman und Kipnis (2001), die Paarbeziehungen im Jugendalter denen im jungen Erwachsenenalter gegenüberstellt, zeigt auf, dass Attribute wie Kameradschaft oder Vergnügen eher jugendlichen Beziehungen zugeordnet werden können. Paarbeziehungen von jungen Erwachsenen werden hingegen eher mit den Begriffen Stabilität, Freundschaft oder Idealisierung gekennzeichnet. Beziehungen im Jugendalter werden als turbulent und proble-matisch beschrieben, wohingegen bei reiferen Beziehungen die unterstützende Funktion des Partners und das aufgebaute Vertrauen betont wird. Paarbeziehungen im Jugendalter scheinen eine starke und aufwühlende emotionale Erfahrung zu sein. Beziehungen im jungen Erwach-senenalter wirken gegenseitig, ausgeglichen und kompromissbereiter (Shulman & Kipnis, 2001).

„Our suggestion is that only at a later stage do relationships develop into an attachment that is beyond the short-lived, emotionally laden experiences of closeness and is able to provide support, comfort, and caregiving“ (Shulman & Kipnis, 2001, S.348).

Diese Befunde belegen die theoretischen Annahmen bezüglich der Unterschiede zwischen Paarbeziehungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter. Auch in dem methodischen Teil der vorliegenden Arbeit werden Hypothesen, basierend auf den in diesem Kapitel angeführten theoretischen Annahmen sowie empirischen Befunden, formuliert und getestet.

1.2 Autonomieentwicklung

Der Prozess der Ablösung im Jugendalter wird durch vielerlei Begriffe konzeptualisiert. Zum einen wird von Autonomie („autonomy“) im Sinne der Selbstregulation und Selbstbestim-mung gesprochen. Zum anderen findet sich auch der Terminus Unabhängigkeit („independen­ce“) in der Literatur wieder, welcher als Selbstvertrauen und die Fähigkeit für sich selbst zu sorgen definiert werden kann. Umstritten ist der Ausdruck Abtrennung („detachment“), da er sowohl negativ als auch positiv verknüpft werden kann. So kann Abtrennung ein notwendiger und wertvoller Schritt sein in Richtung Unabhängigkeit und Autonomie. Ebenso kann Ab-grenzung auch ein Inbegriff von Verlust und Abspaltung sein (Ryan & Lynch, 1989).

Aus entwicklungstheoretischer Sichtweise stellt eine gelungene Autonomieentwicklung im Jugendalter die Basis für das Entstehen und Stabilisieren einer zufriedenen und gesunden Per-sönlichkeit dar (Hofer, 2002). Steinberg (1999) unterscheidet zwischen drei Arten von Auto-nomie: (1) Emotionale Autonomie als Abgrenzung von den Eltern und dem Schaffen von emotionalen Freiräumen sowie der Deidealisierung der Eltern. (2) Verhaltensautonomie im Sinne der eigenen Kompetenzwahrnehmung zum Auswählen von bestimmten Strategien um erwünschte Ziele zu erreichen und die meisten Alltagssituationen ohne die Hilfe der Eltern

bewältigen zu können. Und schließlich (3) Kognitive Autonomie, welche mit der Bildung per-sönlicher Werte, Wünsche und Meinungen einhergeht. Hofer (2002) geht davon aus, dass kognitive Autonomie, entgegen den beiden erstgenannten, welche sich in der frühen und mitt-leren Adoleszenz entwickeln sollten, vor allem eine Aufgabe der Spätadoleszenz und des frü-hen Erwachsenenalters ist. Ziel ist dann, eigene Vorstellungen und Pläne zu entwickeln, was der junge Erwachsene mit seinem Leben anfangen möchte und innerhalb dieses Bewusstwer-dungs-Prozesses die Ausbildung von moralischen, politischen und religiösen Überzeugungen (Hofer, 2002).

Nachdem die psychoanalytischen Konflikttheorien bereits zu Anfang dieser Arbeit erwähnt wurden, spielen sie auch bei der Autonomieentwicklung im Jugendalter eine große Rolle. Sie gehen davon aus, dass die Veränderung der Konzentration der libidinösen Energien von den Eltern auf gegengeschlechtliche Partner mit einer erhöhten Anzahl konfliktgeladener Interak-tionen zwischen Eltern und Jugendlichen einhergehen (Hofer, 2002). In der empirischen For-schung konnte dafür allerdings kein Hinweis gefunden werden (vgl. Steinberg, 2001). Viel-mehr zeigen auch hier bindungstheoretische Ansätze, wie bedeutend die Aufrechterhaltung der Bindung zu ihren Eltern während der Autonomieentwicklung für die Jugendlichen ist (Ryan & Lynch, 1989). Hauser et al. (1991) vertreten die Ansicht, dass Jugendliche eine ge-lungene Autonomieentwicklung erfahren können, wenn ihnen von Seiten der Eltern der Zu-gang zur sicheren Familienbasis gewährt und gleichzeitig autonomes Verhalten befürwortet und gefördert wird. Auch individuationstheoretische Ansätze versuchen die beiden Konstruk-te Autonomie und Verbundenheit in den Ablösungsprozess des Jugendalters gleichermaßen einzubinden.

„Auf der Individualebene wird angenommen, dass Jugendliche in ihrer Beziehung zu den Eltern nach zunehmender Autonomie bei gleichbleibender Verbundenheit streben und dass Eltern bei ebenfalls gleichbleibender Verbundenheit ihre Kontrolle lockern. Auf der Beziehungsebene wird ausgesagt, das Eltern und Jugendliche ihr Beziehungsschema von einem unilateralen, komplementären, zu einem symmetrischen und reziproken verän-dern“ (Hofer, 2002, S.7).

Empirische Befunde können diese Theorien vom Einklang von Autonomie und Verbunden-heit sehr gut stützen. Youniss und Smollar (1985) zeigen, dass Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen trotz erhöhter Autonomiebestrebungen von Seiten der Jugendlichen durch eine hohe gegenseitige Verbundenheit gekennzeichnet sind.

Ein Misslingen des Individuisierungsprozess kann zu Aggressionen, Launenhaftigkeit und andere negative Emotionalitäten sowie Lernstörungen und Schwierigkeiten beim Treffen von Entscheidungen führen. Der Autor warnt davor, dass es immer, wenn der Ablösungsprozess gestört und der Jugendliche keine eigene soziale, persönliche und sexuelle Identität während dieser Zeit entwickeln kann, zu einer grundlegenden Störung im Entwicklungsprozess kommt

und dass dadurch ungelöste emotionale Abhängigkeiten zu andauernden Persönlichkeits-merkmalen werden.

Eine beeindruckende Studie, die die Frage nach den Konsequenzen einer gestörten Autono-mieentwicklung im Jugendalter stellt und sich damit beschäftigt, welche Folgen zu erwarten sind, wenn ein Einklang von Autonomie und Verbundenheit in den Interaktion mit den Eltern nicht aufrecht erhalten werden kann, findet sich bei Allen et al. (1994). In ihrer Untersuchun-gen wurden depressive Jugendliche im Altern von 14 Jahren und ihre Familien getestet. Die Messungen beinhalteten Selbstberichte, halbstrukturierte Interviews und eine Interaktionsauf-gabe. Es handelt sich um eine Langzeitstudie über drei Jahre hinweg. Ausgewertet wurden die Interaktionen mittels des „Autonomy and Relatedness Coding System“ (Allen et al., 1994), bei dem auf zehn verschiedenen Skalen Autonomie und Verbundenheit förderndes sowie Au-tonomie und Verbundenheit verhinderndes Verhalten bewertet werden. Die Befunde deuten an, dass depressive Verstimmungen in den Jugendlichen im Zusammenhang stehen mit einem Misslingen des Individuisierungsprozesses in der Adoleszenz. Wesentlicher Prädiktor scheint das Vermeiden und Verhindern von Autonomie von Seiten der Jugendlichen gegenüber der Mutter zu sein. Es zeigt sich, dass nicht das Fehlen von Verbundenheit depressive Stimmun-gen in den Jugendlichen hervorruft, sondern das Fehlen von Autonomie in der Beziehung zwischen den Eltern und den Adoleszenten (Allen et al., 1994).

In welchem Zusammenhang Depressivität und Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen, wird in einem späteren Kapitel dieser Arbeit gesondert betrachtet und im empirischen Teil untersucht.

1.2.1 Gleichgewicht von Autonomie und Verbundenheit in jugendlichen Paarbeziehungen

Wie das vorangegangene Kapitel gezeigt hat, ist die Phase der Adoleszenz jene Zeit, in der der Jugendliche die Ablösung von den Eltern sucht und seine eigenen Wertvorstellungen ge-neriert und erprobt. Die Entwicklung zu einem autonomen Selbst vollzieht sich gleichzeitig mit dem Erleben und Erkunden der ersten Liebesbeziehungen. So spielt das Bedürfnis nach Autonomie vor allem in den jungen Beziehungen der Jugendlichen eine starke Rolle und führt nicht selten zu Konflikten, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Unabhängig-keit und der Sehnsucht nach Nähe und Zusammensein sowie auch den ersten sexuellen Erfah-rungen mit der Partnerin oder dem Partner. Erst mit Andauern der Beziehung oder im jungen Erwachsenen gelingt es mehr und mehr ein Gleichgewicht zwischen Autonomie und Verbun-denheit herzustellen und dieses in eine interdependente Beziehungsstruktur zu integrieren (Hazan & Zeifman, 1994).

Eine Studie von Goldsmith (1990) untersucht qualitative Veränderungen in den Liebesbezie-hungen von Jugendlichen im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Verbundenheit. Es wurden zehn Paare ausführlich interviewt. Kriterium war, dass diese mindestens zehn Monate zusammen sein mussten. Jeder der beiden Partner wurde gebeten die momentane Beziehung zu rekonstruieren und über Zeiten zu berichten, in denen das Bedürfnis nach Autonomie zu einem Konflikt in der Beziehung führte.

Der erste Konflikt im Zwiespalt zwischen Autonomie und Verbundenheit bahnt sich bei eini-gen Paaren bereits vor der eigentlichen Beziehung an. Die Jugendlichen beschreiben Unsi-cherheiten, ob sie eine Liebesbeziehung eingehen sollen oder nicht. Sie begründen dies damit, dass eine Beziehung einen gewissen Autonomieverlust mit sich bringen würde. Beim Ent-schluss gegen die Liebesbeziehung wiederum fürchten sie den Mangel an Verbundenheit. Die Lösung des Konfliktes führt bei den Jugendlichen über das genauere Kennenlernen der poten-tiellen Partnerin beziehungsweise des potentiellen Partners. Danach findet ein erneutes Ab-wägen statt, ob sich eine Beziehung lohnt (Goldsmith 1990).

Während der jugendlichen Beziehungen kommt es häufig zu dem Konflikt sich weiterhin mit anderen Mädchen oder Jungen zu treffen und gleichzeitig eine feste Beziehung zum eigentli-chen Partner aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Die Verbundenheit wird in der aktuellen Beziehung gesucht. Es ist schwierig auf Autonomie zu verzichten und gleichzeitig ist das Be-dürfnis vorhanden zu vergleichen, ob andere Personen eher für eine Paarbeziehung in Frage kämen (Goldsmith, 1990). In diesem Zwiespalt zwischen Distanz und Nähe zeigt sich sehr deutlich das jugendliche Ausprobieren und Ertesten der ersten Paarbeziehungen. Das partner-schaftliche Verhalten ist charakterisiert durch Unsicherheit und dem Suchen nach dem eige-nen Stil eine Liebesbeziehung zu gestalten.

Über das Aushandeln von Freiräumen wird in den Interviews ebenfalls berichtet. Es wird dar-über reflektiert, ob und wie wichtig die Beziehung ist. Auf dieser Grundlage wird entschieden wie viel Zeit die Partner gemeinsam verbringen und was sie getrennt voneinander unterneh-men. Das Schaffen von autonomen Freiräumen ist ein wichtiges Thema in den jugendlichen Beziehungen (Goldsmith, 1990). Die Befunde veranschaulichen, dass die Konstrukte Auto-nomie und Verbundenheit von den Jugendlichen noch stark getrennt voneinander wahrge-nommen werden. Ein Gleichgewicht soll erreicht werden, indem die beiden Konstrukte auf der Verhaltensebene quasi gegeneinander abgewogen werden. Von einer Integration der bei-den Elemente und einer Entwicklung hin zu einem interdependenten Beziehungsmuster ist in den frühen Phasen der jugendlichen Liebesbeziehung wenig zu erkennen. Die Resultate bestä-tigen damit die theoretischen Annahmen über die Gestaltung von Paarbeziehungen im Ju-gendalter.

Goldsmith (1990) erläutert, dass es nicht zu einer wirklichen Konfliktlösung des Zwiespaltes von Autonomie und Verbundenheit bei den untersuchten Pärchen kommt. Durch Fairness und Toleranz wird versucht ihr dasselbe in der Partnerschaft zuzugestehen wie ihm und anders-

Autonomie und Verbundenheit - theoretischer Rahmen 15

herum. Dadurch soll ein Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach Autonomie und der Sehnsucht nach Nähe geschaffen werden.

1.2.2 Autonome Konfliktbewältigung unter Aufrechterhaltung der Verbundenheit in Paarbeziehungen

Um Verbundenheit und Autonomie in Paarbeziehungen in Balance zu halten ist das Verhalten in der Interaktion mit dem Partner sehr wichtig. Durch die Kommunikation mit ihm besteht die Möglichkeit eigene Vorstellungen und Meinungen zu vertreten. Dennoch sollte aber eben-so darauf geachtet werden den Vorstellungen des Partners mit Respekt und Kompromissbe-reitschaft zu begegnen.

In der vorliegenden Arbeit wird das Konstrukt Autonomie unter anderem dadurch gemessen, wie der Befragte auf Konflikte und Probleme in der Beziehung reagiert. Werden Auseinan-dersetzungen mit Schreien oder gar Schlagen „gelöst“, offenbart dies wenig autonomes Ver-halten und Verständnis. Ist die Person stattdessen zum Dialog bereit und hat die Fähigkeit sich in seinen Gegenüber hineinzuversetzen sowie den Willen Kompromisse einzugehen, zeigt dies ein stärkeres und gesünderes Ausmaß an Autonomie und deutet auf das Vermögen hin Verbundenheit in den Prozess der Auseinandersetzung zu integrieren.

Die meisten empirischen Untersuchungen, die sich mit Konfliktbewältigung in jungen Paar-beziehungen befassen, tun dies in einem bindungstheoretischen Kontext. So zeigen Studien, dass sicher gebundene Personen stärker kompromissbereit sind und in Streitsituationen mit dem Partner den Dialog suchen als Personen in unsicheren oder ambivalenten Bindungen (Creasey, 2002; Pistole, 1989). Mikulincer und Nachshon (1991) bestätigen diese Befunde und veranschaulichen, dass sicher gebunden Menschen bereit sind sich dem Partner gegen-über stärker zu öffnen. Außerdem zeigen sie sich in der Konfliktlösung flexibler und rezipro-ker als ambivalent oder unsicher gebundene Personen.

Auch Persönlichkeitsmerkmale spielen beim Konfliktlöseverhalten eine bedeutende Rolle. Kobak und Duemmler (1994) fanden in ihrer Untersuchung heraus, dass sich Personen mit einer positiven Selbstsicht und mit einer ebensolchen Sicht auf andere, im übrigen Merkmale sicher gebundener Menschen, auf direkte und offene Kommunikation einlassen, in der ihnen die Sicht des Partners während des Streitsgespräch bekannt ist und berücksichtigt wird. Die-ses Verhalten bildet die Grundlage dafür, dass der Diskurs kohärent und konstruktiv abläuft. Personen in einer vermeidenden oder ambivalenten Bindung hingegen neigen dazu sich selbst und andere weniger wert zu schätzen, aufgrund ihrer frühkindlichen Erfahrung, dass ihre Be-zugs- und Bindungspersonen unkontrollierbar oder gar nicht zur Verfügung standen. Sie er-warten wenig Intimität und Verständnis von ihrem Partner und neigen deshalb dazu das Akti-vieren ihres Bindungssystems zu unterdrücken (Simpson & Rholes, 1994) und vor allem hoch

vermeidend gebundene Personen scheinen in Situationen des Stresses praktisch von ihren Gefühlen abgeschnitten zu sein (Main et al., 1985). Sie erwarten wenig Unterstützung von ihrem Partner und vermeiden deshalb die Konfrontation mit dem Konflikt, was als unsensibel, kalt und wenig unterstützend gegenüber dem Partner aufgefasst wird. Dies wiederum führt zu einem Mangel an positiven und konstruktiven Interaktionen in der Konfliktsituation (Creasey, 2002). Hoch ambivalent gebundene Personen wiederum sind in jede Streitsituation mit dem Partner der kindlichen Angst ausgesetzt, dass sie nicht wissen, ob ihr Partner unterstützend und verständig reagieren wird (Bretherton, 1985). Diese Angst, welche ein weitreichendes Gefüge von Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen und Vorstellungen über die vorhersagbare Verfügbarkeit vergangener Bezugspersonen beinhaltet, führt zu großer Ängstlichkeit, gekop-pelt mit Ärger und Feindseligkeit (Hazan & Shaver, 1987; Main et al., 1985).

Das hiesige Kapitel bildet damit den Übergang zu einer bindungstheoretisch geprägten Sicht-weise auf Autonomie und Verbundenheit in den Paarbeziehungen von Jugendlichen und jun-gen Erwachsenen.

1.3 Zusammenfassung

Das erste Kapitel beleuchtete die Entwicklung von Paarbeziehungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter Einbezug entwicklungstheoretischer Ansätze. Ausgehend von ei-ner begrifflichen Trennung zwischen Jugend und jungem Erwachsenenalter und der Definiti­on dieser beiden Altersabschnitte wurden Theorien zur Entwicklung in der Adoleszenz darge-stellt, die die Jugendphase als Zeit der großen Veränderungen beschreiben. Über eine Wen-dung nach Innen gelangt der Jugendliche zu einer neuen reflektierten Wahrnehmung seiner Umwelt und vor allem sich selbst, was die Grundlage zur Entwicklung eines realen Ichs bil-det. Dieses wird in der mittleren Adoleszenz erprobt und ist mit Beginn des jungen Erwach-senenalters gereift und alltagssicherer. Theorien, die den Jugendlichen der Umwelt ausgelie-fert sehen, stehen Ansichten gegenüber, welche die Plastizität der menschlichen Psyche an-nehmen und den Jugendlichen als Gestalter seiner Umwelt sehen. Moderne Theorien der Ado-leszenz betrachten eine gesunde Ablösung von den Eltern als entscheidenden Prozess des Ju-gendalters. Ein geglückter Individuisierungsprozess ist die Basis für das Entstehen und Stabi-lisieren einer zufriedenen Persönlichkeit. Es werden emotionale Autonomie, Verhaltensauto-nomie und kognitive Autonomie unterschieden. Von besonderer Bedeutung innerhalb der emotionalen Autonomie ist es, dass die Jugendlichen ohne schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern in der Lage sind sich emotionale Freiräume zu schaffen. Dafür ist eine Balance von Autonomie und Verbundenheit von Bedeutung. Für eine gesunde Individuierung ist es wich-tig, dass die Bindung zu den Eltern aufrecht erhalten wird, während der Jugendliche den Weg der Autonomieentwicklung beschreitet. Gelingt der Ablösungsprozess in der Adoleszenz nicht, sind oftmals Störungen im Entwicklungsprozess die Folge, so dass ungelöste emotiona- le Abhängigkeiten zu andauernden Persönlichkeitsmerkmalen werden. Depressive Verstim-mungen gelten als empirische belegte Folgen einer gescheiterten Ablösung.

Ebenso wie die Autonomieentwicklung ist das Eingehen von Paarbeziehungen eine Entwick-lungsaufgabe des Jugendalters. Jugendliche sind Neulinge auf dem Gebiet der romantischen Paarbeziehung. Erste zarte Bande mit dem anderen Geschlecht werden in dieser Zeit geknüpft und es wird ausgetestet wie Liebesbeziehungen funktionieren. Anfangs ist die Meinung der Peers von großer Bedeutung bei der Wahl der Partner und bei der Gestaltung einer Beziehung. Mit wachsender Erfahrung im Umgang mit romantischen Beziehungen werden diese stärker von einem eigenen Stil und der individuellen Vorstellung zur Gestaltung einer Paarbeziehung geprägt. Die Dauer einer Beziehung ist bei dieser Entwicklung ein entscheidender Faktor. So sind Beziehungen im Jugendalter von kürzerer Dauer, werden aber emotional von den Ju-gendlichen dennoch als sehr aufregend, intensiv und nicht selten konfliktbeladen erlebt. Doch kann die Wissenschaft belegen, dass in diesen jungen Liebesbeziehungen das Vergnügen und der Spaß an erster Stelle stehen und die Verbindungen eher noch als kameradschaftlich cha-rakterisiert werden können. Im jungen Erwachsenenalter zeigen sich die romantischen Bezie-hungen wesentlich reifer und gegenseitiger. Die jungen Erwachsenen lernen den Partner zu verstehen und seine Perspektive zu übernehmen und folglich auch zu berücksichtigen. Werte wie Verbundenheit und Fürsorge sind nun von größerer Bedeutung. Und auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Zuflucht wächst mit dem Alter und der Dauer der Beziehung. Empirische Studien belegen, dass Liebespartner in dieser Lebensphase als „safe haven“ und „secure base“ angesehen werden und dass die Partnerschaften als stabiler, dauerhafter, ausgeglichener und kompromissbereiter beschrieben werden.

Junge Paarbeziehungen befinden sich oftmals im Zwiespalt zwischen Autonomie und Ver-bundenheit, da die beiden Konstrukte in den ersten Beziehungserfahrungen noch nicht als integriert betrachtet und ausbalanciert werden können. So wird versucht auf Verhaltensebene eine Balance zwischen Autonomie und Intimität zu schaffen. Für den Einklang von Autono-mie und Verbundenheit auf einer höheren Ebene ist vor allem die Interaktion (insbesondere Konfliktlösestrategien), mit denen Probleme in der Beziehung angegangen werden, von Be-deutung. Empirische Studien belegen, dass sicher gebundene Personen am stärksten zu einer gegenseitigen, kompromissbereiten Problemlösung in der Paarbeziehung in der Lage sind. Die Selbstöffnung dem Partner gegenüber führt zu einem tieferen Verständnis der konträren Meinungen, was Grundlage der Perspektivübernahme ist, durch die Konflikte aktiv und kon-struktiv gelöst werden können. Weniger autonome Konfliktlösungen unter Aufrechterhaltung von Verbundenheit finden sich bei unsicher gebundenen Personen, denen es aufgrund der frühen negativen Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen schwer fällt, Vertrauen in ihre Part­ner zu haben und Verständnis vom Gegenüber zu erwarten.

2 Die Bindungstheorie als Ausgangspunkt für das Verständnis von Autonomie und Verbundenheit in Paarbeziehungen

John Bowlby konzentrierte sich auf das Band zwischen Mutter und Kind und dessen Auswir-kungen auf die Entwicklung des Kindes und schuf mit seinen Theorien die Grundzüge der Bindungstheorie. Seiner Schülerin Mary Ainsworth gelang es diese weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt der frühen bindungstheoretischen Betrachtungen steht die Frage, welchen Ein-fluss Trennungserfahrungen und Unsicherheiten im Umgang mit Bindungspersonen in der Kindheit auf die spätere Entwicklung des Menschen haben (Bowlby, 1999).

Grundaussage von Bowlbys (1999) Hypothesen ist, dass Unterschiede in den Bindungserfah-rungen in der Kindheit wesentlichen Einfluss darauf haben, ob sich eine Person psychisch gesund entwickeln kann oder nicht. Enge soziale Bindungen zu anderen Personen aufzubauen, liegt in der Natur des Menschen, so ist Bowlby (1999) der Ansicht. Über die Bindungserfah-rungen, die das Kind in der Interaktion mit seinen Bezugspersonen macht, entwickelt es inne-re Arbeitsmodelle („inner working models“) von den Bindungsfiguren und von sich selbst. Die bedeutendste Aufgabe dieser inneren Arbeitsmodelle ist es, Geschehen und Begebenhei-ten vorauszusagen, um so das eigene Verhalten den Erwartungen anzupassen (Fremmer-Bombik, 1999). Diese erlernten Bindungsmuster bleiben stabil, wenn sich Eltern gegenüber ihren Kindern gleichbleibend verhalten – das Muster prägt sich ein und das Verhalten wird dementsprechend modifiziert. Bowlby (1999) geht davon aus, dass in der Kindheit angeeigne-te Bindungsmuster auf spätere Beziehungen im Jugend- und Erwachsenenalter und damit auch auf Paarbeziehungen übertragen werden.

Bindungsstile in der Kindheit

Mary Ainsworth et al. (1978) konnten durch den „Strange Situation Test“ (Fremde-Situation-Test) drei Hauptbindungsmuster identifizieren. Main (1999) fügte später eine weitere Bin-dungsklassifikation hinzu. Der „Strange Situation Test“ untersucht bei Kleinkindern im Al-tern von 12 bis 18 Monaten wie diese auf Trennungen von der Mutter und auf deren Wieder-eintreffen reagieren. Anhand der unterschiedlichen Verhaltensweisen bei der Wiedervereini-gung von Mutter und Kind können die verschiedenen Bindungsstile diagnostiziert werden (Bowlby, 1999).

Der sichere Bindungsstil

Kinder in einer sicheren Bindung haben Vertrauen in die Verfügbarkeit ihrer Bindungsfigur. Sie sind sich der Feinfühligkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Bezugspersonen sicher, wenn sie in ängstigende Situationen geraten (Bowlby, 1999). Auch wenn die Mutter den Raum ver-lässt, empfindet das Kind diese als verfügbar und ist ermutigt von dieser sicheren Basis aus seine Umgebung zu erkunden (Fremmer-Bombik, 1999). Kehrt die Mutter zurück, wird diese freudig und mit ausgestreckten Armen empfangen. Die Kinder sind traurig über den Weggang

der Mutter, aber verlassen sich darauf bei ihrer Wiederkehr von ihr getröstet zu werden, was auch geschieht (Bowlby, 1999). Das Kind ist durch das Verhalten der Mutter in der Lage auch in bedrohlichen Situationen an die Verfügbarkeit seiner Bezugsperson zu glauben und ist zu-versichtlich über den positiven Ausgang der Lage.

Der unsicher-vermeidende Bindungsstil

Diese Kinder haben kein Vertrauen in die Verfügbarkeit der Bezugsperson. Sie mussten die Erfahrung machen, dass ihre Bindungsfiguren nicht unterstützend und hilfsbereit sind und erwarten deshalb Zurückweisung (Bowlby, 1999). Die Kinder im Test zeigen keinerlei Beun-ruhigung, wenn die Mutter den Raum verlässt und auch bei ihrer Rückkehr wird diese kaum beachtet. Aus Angst vor Zurückweisung verhalten sich diese Kinder kühl und distanziert. Sie haben die Strategie der Vermeidung gewählt, um nicht verletzt zu werden. Sie suchen keinen Trost und keine Unterstützung bei der Bindungsfigur, da sie nicht erwarten, dass diese sich anders verhält als bisher erlebt (Ainsworth, 1978). Klinische Befunde zeigen auf, dass dieses Verhalten, ist es erst einmal etabliert und stabil, zu einer Vielzahl von Persönlichkeitsstörun-gen führen kann (Bowlby, 1999).

Der unsicher-ambivalente Bindungsstil

Das Verhalten von unsicher-ambivalent gebundenen Kindern ist nicht eindeutig. Einerseits wollen sie getröstet werden, andererseits wiederum sind sie sehr wütend über den Weggang der Mutter und weisen diese bei ihrer Rückkehr feindselig zurück (Bowlby, 1999). Das Kind ist verunsichert, ob die Bezugsperson verfügbar sein wird und tröstend reagiert, aufgrund der unbeständigen Erfahrungen im Verhalten der Bindungsfigur, die es gemacht hat (Fremmer-Bombik, 1999). Das Kind neigt schon vor dem Weggang der Mutter dazu sich an sie zu klammern und große Trennungsangst zu zeigen, da es unsicher ist, wie die Mutter nach ihrer Rückkehr reagieren wird. Dieses Verhaltensmuster wird dadurch verursacht, dass die Bezugs-personen zu einigen Zeitpunkten zugänglich und liebevoll erscheinen, zu anderen Zeitpunkten jedoch das Kind zurückweisen (Bowlby, 1999).

Der unsicher-desorganisierte Bindungsstil (zusätzliche Bindungsklassifikation durch Main (1999))

Bei diesen Kindern lässt sich beobachten, dass sie sehr große Enttäuschung und Angst über den Weggang der Mutter zeigen, diese aber nicht durch Trost bei der Mutter aufzulösen su-chen, sondern sich von ihr abwenden. Es wird vermutet, dass diese Kinder Angst vor ihrer Bezugsperson haben und sich nicht trauen bei ihr auf Mitgefühl zu hoffen. Diese These un-termauernd, werden etwa 80 Prozent misshandelter Kinder als desorganisiert eingestuft (Asendorpf & Banse, 2000). Dieser vierte Bindungsstil fungiert als Zusatzklassifikation und wird einem der drei traditionellen Bindungsstile zugeordnet.

Etwa 50 bis 80 Prozent der Kinder werden international als sicher gebunden eingestuft, 30 bis 40 Prozent als unsicher-vermeidend und drei bis 15 Prozent als unsicher-ambivalent (Gross­mann & Grossmann, 2002).

Bindungsrepräsentationen im Jugendalter

Im Jugend- und Erwachsenenalter wird die Bindungsorganisation nicht mehr, wie in der Kindheit auf der Ebene des Bindungsverhaltens gemessen, sondern es wird die Bindungsrep-räsentation erfasst. Dies geschieht mit Hilfe des Bindungsinterview Adult Attachment Inter­view (AAI) von George, Kaplan und Main (1985). Durch dieses halbstrukturierten Interview wird versucht innere Arbeitsmodelle von Bindung zu erheben, indem nach der Bindung zu den Eltern in der Kindheit gefragt wird. Es geht dabei um die Erfahrung von Trost oder Zu-rückweisung, um Nähe oder Trennung, die als Kind empfunden wurde und um die subjektive Bewertung dieser Erlebnisse (Seiffge-Krenke, 2004). Bei der Auswertung des AAI wird vor allem auf die Kohärenz von Gedanken und Gefühlen geachtet; es geht weniger darum was wirklich berichtet wird (Zimmermann et al., 1997). Das AAI wurde von George et al. (1958) eigentlich zur Erhebung der Bindungsrepräsentation bei Erwachsenen konzipiert. In jüngster Zeit wird es aber auch zur Erfassung der Bindungsrepräsentation von Jugendlichen ab 16 Jah-ren eingesetzt (Seiffge-Krenke, 2004; Zimmermann & Becker-Stoll, 2001).

Sicher gebundene Jugendliche

Bindungen und Beziehungen sind sehr wichtig für diese Jugendlichen (Allen & Hauser, 1996). Negative Erfahrungen im Umgang mit den Eltern können in ein positives Grundver-ständnis integriert werden. Es herrscht eine Balance zwischen Autonomie und Verbundenheit in den Jugendlichen (Ziegenhain, 2001), denen es nicht schwer fällt Konflikte konstruktiv zu lösen (Seiffge-Krenke, 2004).

Unsicher-distanziert gebundene Jugendliche

Bei diesen Jugendlichen finden sich wenig autonome Freiräume, aber ebenso auch nur eine schwache Verbundenheit gegenüber den Eltern. Sie erleben sich selbst als sehr abhängig von ihren Bezugspersonen und neigen dazu die Eltern als idealisiert darzustellen, wodurch es ih-nen schwer fällt negative Affekte bei anderen und vor allem auch bei sich selbst wahrzuneh-men (Becker-Stoll & Fremmer-Bombik, 1997).

Unsicher-verwickelt gebundene Jugendliche

Das Bindungssystem bleibt bei unsicher-verwickelt gebundenen Adoleszenten ständig aktiv, weshalb sie zu einem verstärkten und unproduktiven Überengagement gegenüber den Eltern neigen (Becker-Stoll & Fremmer-Bombik, 1997).

Es zeigt sich, dass für die beiden Gruppen der unsicher gebundenen Jugendlichen die Ablö-sung von den Eltern erschwert ist (Allen & Land, 1999), so dass sie gefangen in ihren frühen Bindungserfahrungen scheinen und der Individuisierungsprozess stark eingeschränkt ist, was zur Folge hat, dass der Aufbau neuer heterosexueller Paarbeziehungen blockiert ist (Seiffge-Krenke, 2004).

Bindungsrepräsentationen im Erwachsenenalter

Analog zu den Bindungsstilen im Kindesalter ermittelten George et al. (1985) folgende Bin-dungsrepräsentationen bei Erwachsenen:

Sichere Bindungsrepräsentation

Dieses Bindungsmuster wird als autonom bezeichnet. Grundlage zum Aufbau einer sicheren Bindungsrepräsentation im Erwachsenenalter ist eine sichere Bindung gegenüber den Be-zugspersonen im Kindesalter oder eine reflektierte und genaue Verarbeitung negativer Bin-dungserfahrungen aus der Kindheit. Soziale Beziehungen sind für sicher gebunden Erwachse-ne sehr wichtig und Personen mit dieser Bindungsrepräsentation können durch einen guten Zugang zu ihren eigenen Gefühlen charakterisiert werden (Fremmer-Bombik, 1999, Seiffge-Krenke, 2004). Im AAI können diese Menschen sowohl positive als auch negative Erfahrun-gen kohärent darlegen (Seiffge-Krenke, 2004; Ziegenhain, 2001).

Unsicher-vermeidende Bindungsrepräsentation

Erwachsenen, die einer unsicher-vermeidenden Bindungsrepräsentation zugeordnet werden, fällt es schwer sich im AAI an Ereignisse aus der Kindheit zu erinnern. Sie haben kaum einen Zugang zu ihren Gefühlen aus der Kindheit. Sie geben ein idealisiertes Bild von den Eltern ab, welches im Widerspruch zu den wenigen erinnerten Gegebenheiten aus der Kindheit steht, die eher von Zurückweisung und mangelnder Nähe geprägt sind. Dieser Widerspruch wird allerdings nicht erkannt (Fremmer-Bombik, 1999, Seiffge-Krenke, 2004). Unsicher-vermeidend gebunden Erwachsenen halten sich für stark und unabhängig und behaupten keine engen sozialen Beziehungen in ihrem Leben gebrauchen zu können (Fremmer-Bombik, 1999).

Unsicher-ambivalente Bindungsrepräsentation

Diese Erwachsenen wirken im AAI verwirrt und verstrickt in frühere Beziehungen. Sie sind nicht in der Lage kohärent über ihre Bindungserfahrungen in der Kindheit zu berichten, was ihnen nicht bewusst ist – so wirkten sie im Interview irritiert, widersprüchlich und sehr sub-jektiv. Ihre Aussagen über die Bezugspersonen aus der Kindheit sind zum einen ängstlich und dann doch auch wieder feindselig (Fremmer-Bombik, 1999; Seiffge-Krenke, 2004).

[...]


* Zum Sprachgebrauch dieser Arbeit: In der vorliegenden Arbeit wird häufig der Begriff „Partner“ verwendet. Kontextabhängig wird zu erkennen sein, ob es sich dabei um den männ-lichen Partner handelt, oder um eine geschlechtsneutrale Form, für die ich mich aufgrund der besseren Lesbarkeit der Arbeit entschieden habe, bei der dann weibliche wie auch männliche Partner einer Paarbeziehung gemeint sind.

Details

Seiten
187
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640318469
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126117
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Fakultät für Psychologie und Pädagogik - Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung
Note
1,0
Schlagworte
Persönlichkeit Paarbeziehung Autonomie Verbundenheit Liebesbeziehungen Jugendlichen Erwachsenen

Autor

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Titel: Persönlichkeit und Paarbeziehung