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Idealismus und Fatalismus in Dantons Tod

Referat (Ausarbeitung) 2003 3 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Jelena Vukadinovic

Ausarbeitung zum Referat :“ Idealismus und Fatalismus in Dantons Tod

Büchner lässt seinen Protagonisten an dem gleichen „grässlichen“ Fatalismus der Geschichte leiden, von dem er sich nach eigener Aussage „zernichtet fühlt“. Besonders ersichtlich wird das in Dantons Aussage: „Es ist ein Gefühl des Bleibens in mir, was mir sagt: es wird morgen sein wie heute, und übermorgen und weiter hinaus ist alles wie eben“. Hier erkennt Danton, dass es kein einmaliges Hier und Jetzt gibt, alles ist nur eine Wiederholung des ewig gleichen Vorgangs.

Weiterhin erkennt er auch die, für einen Revolutionär vernichtende, Wahrheit, dass nicht er und seines gleichen die Revolution geschaffen haben, sondern umgekehrt: „Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eignen Kinder.“ Daraus folgt, dass der Lauf der Geschichte, in diesem Fall durch die Revolution dargestellt, sich immer verselbstständigt, ungeachtet des menschlichen Eingreifens und des Wunsch des Menschen die Vorgänge nach seinem Willen zu steuern. Besonders explizit wird diese Idee in Dantons Überlegungen bezüglich der Septembermorde: „Was ist das, was in uns hurt, lügt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nicht, nichts wir selbst! Die Schwerter, mit denen Geister kämpfen, man sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen. Jetzt bin ich ruhig." Erst nachdem er erkennt, dass er nichts gegen den Lauf der Geschichte und des vorgezeichneten Schicksals unternehmen konnte und kann und sich damit abfindet, dass er und andere führenden Revolutionäre nicht die Drahtzieher sind sonder Marionetten, kann er vermeintlich Ruhe finden. Als Individuum muss er sich daher den Zwängen und Notwendigkeiten der Geschichte beugen, wer sich dagegen auflehnt ist zum Scheitern verurteilt. Eigenes Handeln, zu dem ihn seiner Anhänger während des Stücks zu überreden versuchen, erkennt er also als sinnlos, was zu seiner lebensüberdrüssigen Einstellung führt

Des Weiteren zeigt Danton Tendenzen zum Nihilismus, so z.B. in seinem Gespräch mit Philippeau, der ihm erklären will, dass Ruhe im Gott ist, dem Danton aber widerspricht, dass die Ruhe im ‚Nichts’ sei. „Im Nichts. Versenke dich in was Ruhigers als das Nichts, und wenn die höchste Ruhe Gott ist, ist nicht das Nichts Gott? Aber ich bin ein Atheist. Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer! - Die Schöpfung hat sich so breit gemacht, da ist nichts leer, alles voll Gewimmels. Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault. - Das lautet verrückt, es ist aber doch was Wahres daran.“

Er sieht sich in einer Welt ohne Sinn, die zwangsläufig auch ohne Gott ist und auch seine letzten Worte deuten auf Nihilismus hin: „Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott“. Als Nihilist muss Danton letztendlich zwangsläufig in Opposition zu Idealismus stehen, denn wer an Nichts glaubt, kann auch nicht an Ideale glauben.

Die Gestalten von Danton auf der einen, und Robespierre und seinen Jakobinern auf der anderen Seite, können auch als Gegensätze von Nihilismus und Idealismus gedeutet werden. Die Jakobiner sind, wie besonders in St. Justs Rede ersichtlich, bereit alles, auch menschliche Regungen, höheren Zielen wie der Revolution und den Idealen zu opfern. In seinem Idealismus bedient sich St Just einer besonders ungeschickten Analogie: „Die Revolution ist wie die Töchter des Pelias: sie zerstückt die Menschheit, um sie zu verjüngen. Die Menschheit wird aus dem Blutkessel wie die Erde aus den Wellen der Sündflut mit urkräftigen Gliedern sich erheben, als wäre sie zum ersten Male geschaffen.“ Pelias ist jedoch nicht auferstanden sondern blieb zerstückelt

Des Weitern zeigt das Drama auf, dass sich Ideale und Ideen im Laufe der Revolution zu Ideologien gewandelt haben. So hat z.B. Mercier zu dem Ideal der Gleichheit und der Verkündung der revolutionären Ideen durch die Jakobiner folgendes zu sagen:

„Nicht wahr, Lacroix, die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen

Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine

republikanisiert! Da klatschen die Galerien, und die Römer reiben sich die Hände; aber sie hören nicht, dass jedes dieser Worte das Röcheln

eines Opfers ist. Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. - Blickt um euch, das alles habt ihr

gesprochen; es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte. Diese

Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordnen

Reden. Ihr bautet eure Systeme, wie Bajazet seine Pyramiden, aus

Menschenköpfen.“

Es entsteht der Eindruck, dass man übersteigerten Idealismus als etwas verstehen kann, was zu Unmenschlichkeit und Gefühlskälte ausartet. Dies wird insbesondere an Robespierre sichtbar.

Das Stück kann also als ein Angriff Büchners sowohl auf den Idealismus der französischen Revolution aufgefasst werden, als auch auf den literarischen Idealismus seiner Zeit. Dem Idealismus der französischen Revolution setzt er das Bedürfnis nach einer materiellen Revolte entgegen, denn egal welchen der Lager das Volk gerade zugeneigt ist, seine Not bleibt immer die gleiche. Gegen den literarischen Idealismus seiner Zeit geht er insofern an, in dem er Dantons Todessehnsucht konzipiert. Ein tragischer Held des klassizistischen Idealismus lehnt sich auf und versucht gegen den Untergang zu kämpfen, während Büchners Danton im großen und ganzen passiv und Schicksalsergeben bleibt, sich sogar den Tod wünscht

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Details

Seiten
3
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640314959
Dateigröße
335 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v126106
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Schlagworte
Dantons Tod Büchner

Autor

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Titel: Idealismus und Fatalismus in Dantons Tod