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Die erzählte Wirklichkeit - Hilfsmittel zur Interpretation erzählender Texte

Anmerkungen zu den Redeformen der Figuren- und Erzählerrede, zum Erzählverhalten, zur Erzählform und zur Zeitgestaltung in erzählenden Texten

Wissenschaftlicher Aufsatz 2013 64 Seiten

Didaktik - Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik

Leseprobe

Inhalt

1. Die erzählte Wirklichkeit: Anmerkungen zur Figuren- und Erzählerrede
1.1 Erzählerrede (Erzählerbericht)
1.2 Figurenrede: gesprochene Rede
1.3 Figurenrede: die vier Möglichkeiten der stummen Rede
1.3.1 Figurenrede: die stumme erlebte Rede
1.3.2 Figurenrede: der stumme innere Monolog
1.3.3 Figurenrede: die stumme psycho-narration
1.3.4 Figurenrede: der stumme Bewusstseinsstrom

2. Die erzählte Wirklichkeit: Anmerkungen zum auktorialen, personalen und neutralen Erzählverhalten in der Ich- und der Er-Erzählform
2.1 Ich-Erzählform
2.1.1 auktoriales Erzählverhalten
2.1.2 personales Erzählverhalten
2.1.3 neutrales Erzählverhalten
2.2 Er-Erzählform
2.2.1 auktoriales Erzählverhalten
2.2.2 personales Erzählverhalten
2.2.3 neutrales Erzählverhalten

3. Die erzählte Wirklichkeit: Anmerkungen zur erzählten Zeit
3.1 Zeiten in Storms Schimmelreiter
3.2 Erzählzeit vs. erzählte Zeit
3.3 linearer Ablauf der erzählten Zeit
3.3.1 zeitdeckendes Erzählen
3.3.2 zeitraffendes Erzählen
3.3.3 zeitdehnendes Erzählen
3.4 nicht-linearer Ablauf der erzählten Zeit
3.4.1 Rückwendung
3.4.2 Vorausdeutung
Quellennachweise zur Figuren- und Erzählerrede
Quellennachweise zu Erzählverhalten und Erzählform
Quellennachweise zur erzählten Zeit
Drei graphische Überblicke zu Erzähl- und Redeformen

Die erzählte Wirklichkeit:

Anmerkungen

zu den Redeformen der Figuren- und Erzählerrede,

zum Erzählverhalten, zur Erzählform und

zur Zeitgestaltung in erzählenden Texten

Da die erzählte Wirklichkeit eines Erzähltextes im Wesentlichen aus einem erzählten Geschehen besteht, bei dem erzählte und erzählende Figuren an einem erzählten Ort zu einer erzählten Zeit als Handelnde beteiligt sind, habe ich in meinem Unterricht von den möglichen „Aspekten erzählender Prosa“ (J. Vogt) die folgenden, für eine Interpretation der fiktiven Welt wichtigen Bauelemente besonders beachtet.

1. Die erzählte Wirklichkeit: Anmerkungen zur Figuren- und Erzählerrede

1.1 Erzählerrede (Erzählerbericht)

Erzählte Figuren/ Personen werden konturiert durch Figuren- oder Erzählerrede.

Erzählerrede ist die Darbietungsform all der Bestandteile eines Erzähltextes, die nicht Figuren- oder Personenrede sind. Sie wird auch Erzählerbericht genannt und dient als „Hilfsbegriff für alle Sprachformen“, die nicht als Äußerungen einer erzählten Figur/ Person, sondern als „unverstellte Verlautbarung der Erzählfunktion darge-boten werden“.1

Der Erzählerbericht ist „Rekapitulation eines Geschehensablaufs“, er stellt Vorgänge und Handlungen fest und neigt zur Raffung. Jochen Vogt unterscheidet Bericht i.e.S. und Bericht i.w.S., letzteren nennt er auch Redebericht; dieser registriere „das Faktum“ der Figurenrede, ohne auf den Inhalt näher einzugehen und „ohne der Figur das Wort zu erteilen.“2

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* „ Dann kam Frau Permaneder auf das Leben zu sprechen, nahm es von seiner wichtigsten Seite und stellte Betrachtungen an über Vergangenheit und Zukunft, obgleich über die Zukunft fast gar nichts zu sagen war.“3 Frau Permaneder hieß zu Anfang des Romans Tony Buddenbrook („mit der hübschen Oberlippe“), dann Grünlich, danach Permaneder und nimmt jetzt mit anderen weiblichen Familien-mitgliedern Abschied von Gerda, die nach Amsterdam zurück zieht, sechs Monate nach Hannos Tod in der Hansestadt. Auch wenn man in den Augen von Tonys Tochter Erika „Ergebenheit in ein fehlgeschlagenes Leben“ lesen kann, hat ihre Mutter doch vorher zumindest über die Vergangenheit etwas Richtiges gesagt, nämlich Gerda sei „mit Thomas gekommen, vor einundzwanzig Jahren, und wir haben sie alle geliebt, obgleich wir ihr wohl immer widerwärtig waren.“4

* „Deutschlin gab das zu.“ ist ein solcher knapper Redebericht aus dem unten ausführlicher wiedergegebenen Scheunengespräch in Thomas Manns Dr. Faustus, mit dem der Ich-Erzähler, Dr. phil. Serenus Zeitblom, die Diskussion gliedert und rafft; oder: „ … dem wurde nun widersprochen; Hubmeyer und Schappeler (i. e. andere Studenten aus Halle) widersprachen dem, und auch Teutleben war nicht einverstanden.“9

* Als formelhaftes Beispiel knappen Redeberichts nennt Eberhard Lämmert den Einzelsatz: „Er berichtete kurz, was geschehen war.“5

1.2 Figurenrede: gesprochene Rede

Figurenrede sind die Bestandteile eines Erzähltextes, in denen die erzählte Welt, das Innere und das außerhalb der Figuren/ Personen Befindliche nicht durch Erzählerrede, sondern durch Äußerungen einer oder mehrerer Figuren/ Personen dargestellt wird.

Dabei kann man zwischen gesprochener und stummer Rede unterscheiden. Direkte und indirekte Rede zählen zur gesprochenen Rede.

Die erlebte Rede, der innere Monolog, psycho-narration und der Bewusst-seinsstrom gehören der stummen Rede an. Zur Verdeutlichung habe ich noch den Redebericht eingefügt, der ja, wenn man es nicht so eng sieht, auch, unter dem Oberbegriff des Erzählerberichtes, eine nicht gesprochene Rede berichtet: meine Schüler haben das als hilfreich angesehen.

Bei der direkten Figurenrede handelt es sich immer um zeitdeckendes Erzählen, die erzählte Zeit (Rededauer in der Realität) und die Erzählzeit (Dauer der Rede-wiedergabe) sind identisch.

Dieses Zeitverhältnis findet sich idealiter natürlich nur in dramatischen Texten, es begegnet aber, stellenweise, auch in epischen.

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Arno Holz (1863-1929) und Johannes Schlaf (1862-1941) schildern so in einem Gespräch zwischen den Studenten Olaf und Jens die letzten Minuten ihres bei einem Duell schwer verletzten Kommilitonen Martin:

* „Du!“ „Was denn?!“ „Er liegt so auffallend still?“ „Ja! … Und … Herrgott! Sieh mal!!! Seine Nase ist – so spitz? Und … die – Augen …“

Olaf hatte sich schnell über Martin gebückt. Um seinen Mund lag jetzt ein krampfiges Lächeln. Die Arme lagen lang über das zerwühlte Bett hin. Das scharfe spitzige Gesicht, auf welches jetzt schräg die Sonne fiel, war wachsbleich.

„Man … man spürt – den Puls gar nicht – mehr …“ „Was??“ „Ach … Er … er ist ja – tot?!“ “W…??“ „Tot!!“ „Tot?? Du meinst … tot???“

Die Worte blieben Jens in der Kehle stecken. Er zitterte. „Tot?“

Es war, als ob er an dem Wort kaute.

„Es … es … ich will … die Wirtin …“ „Lass!“

Olaf hatte sich tief über die Leiche gebeugt. Er drückte ihr die Augen zu…. Eine Minute war vergangen. Sie hatten nicht gewagt, sich anzusehen.“6

* „Die Alte stand vor ihm, schwieg und sah ihn fragend an. Es war ein winziges, dürres Weib von sechzig Jahren mit stechenden, boshaften, kleinen Augen, mit einer kleinen, spitzen Nase und glatt gekämmtem Haar. Ihre hellblonden, erst wenig ergrauten Haare waren mit Öl fett geschmiert. Um ihren dünnen, langen Hals hatte sie irgend ein schmutziges Flanelltuch gewickelt; an ihren Schultern hing, trotz der furchtbaren Hitze, eine zerfetzte, fadenscheinige Kazawejka (i. e. Pelzjacke) herunter. Die Alte hustete und räusperte sich alle Augenblicke. Der junge Mann musste sie wohl irgendwie sonderbar angesehen haben, denn in ihren kleinen Augen blitzte einen Augenblick das frühere Misstrauen auf.

„Ich bin der Student Raskolnikow und war vor einem Monat bei Ihnen“, beeilte sich der junge Mann zu erklären, indem er sich bemühte, freundlicher zu sein.

„Ich weiß es, Väterchen, ich weiß es ganz gut, dass Sie da gewesen sind“, erwiderte die Alte, ohne jedoch ihren forschenden Blick von seinem Gesicht abzuwenden.

„Ich bin … ja, ich bin, sehen Sie, heute wegen einer ähnlichen Angelegenheit wiedergekommen“, fuhr Raskolnikow fort, durch ihr Misstrauen ein wenig aus der Fassung gebracht und verwundert.“7

Der Dialog spricht für eine personale Erzählweise, in seinem Verlauf einigen sich beide auf den Preis für „eine alte, abgenutzte Silberuhr“, und Raskolnikow prägt sich die Räumlichkeit für seinen geplanten Raubmord ein. „Die Alte streckte die Hand aus, um ihm die Uhr abzugeben. Er nahm sie und ärgerte sich so, dass er schon nach Hause gehen wollte; aber bald bedachte er sich anders. Wo sollte er die Uhr versetzen? Übrigens hatte er hier noch etwas anderes vor!“8

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Bei der indirekten Rede wird eine Figurenrede nicht mehr, wie bei der direkten, mit Anführungszeichen wörtlich ‚zitiert’, sondern der allwissende Erzähler referiert sie mit mehr oder weniger Anlehnung an den originalen Wortlaut. Dabei tritt die auswählende Funktion des Erzählers sehr stark hervor, neben der distanzierenden Wiedergabe im Konjunktiv kann er von ihm für wichtig gehaltene Redeteile ausführlich reproduzieren, andere kurz zusammenfassen oder ganz auslassen. D. h. die indirekte Rede kann im Gegensatz zur direkten mehr oder weniger stark gerafft werden.

Neben der Möglichkeit der Raffung hat der Erzähler mit indirekter Rede auch die der Gliederung, wie das Beispiel aus Manns Doktor Faustus zeigt, wo Adrian Leverkühn, sein Freund Serenus Zeitblom und andere Hallenser Studenten „in einem Scheunengespräch vor Einschlafen“ über das Wesen des Staates diskutieren:

* „Ich glaube, es war Matthäus Arzt, der sagte: „Das war echt, Leverkühn. Die Steigerung war gut. Erst sagst du „Sie“ zu uns, dann bringst du ein „ihr“ zustande, und ganz zuletzt kommt das „wir“, daran zerbrichst du dir fast die Zunge, das gewinnst du dir am allerschwersten ab, du hartgesottener Individualist.“

Den Namen wollte Adrian nicht annehmen. Das sei ganz falsch, sagte er, er sei gar kein Individualist, er bejahe durchaus die Gemeinschaft.

„Theoretisch vielleicht“, erwiderte Arzt, „mit Ausschluss Adrian Leverkühns, von oben herab.“ Über die Jugend spreche er auch von oben herab, so als ob er nicht dazu gehöre, und sei unfähig, sich einzuschließen und einzufügen, denn was die Demut betreffe, von der wisse er wohl freilich nicht allzu viel.

Es sei doch hier nicht die Rede von Demut gewesen, parierte Adrian, sondern im Gegenteil von selbstbewusstem Lebensgefühl. Und Deutschlin stellte den Antrag, dass man Leverkühn zu Ende reden lassen solle.

„Es war weiter nichts“, sagte dieser. „Man ging hier von dem Gedanken aus …“

So geht es über zehn Seiten, bis Zeitblom, der Ich-Erzähler, schreiben kann: „Ich gebe die Reden dieser jungen Leute so wieder, wie sie gehalten wurden, in ihren Ausdrücken, die einem gelehrten Jargon angehörten, dessen Gespreiztheit ihnen nicht im mindesten zum Bewusstsein kam … man hätte es auch einfacher sagen können, aber dann wäre es nicht ihre geisteswissenschaftliche Sprache gewesen.“

Doch dann mischt sich der stämmige Konrad Deutschlin wieder ein, bis der Chargierte (i. e. einer der drei Vorsitzenden einer studentischen Verbindung) Bawo-rinski zum Schlafen mahnt, … „und dann ertönten die ersten Schnarchlaute in unserer Scheune, befriedete Kundgebungen der Anheimgabe ans Vegetative.“9

* Mit personalem Erzählverhalten in direkter Rede endet auch der Roman Raskol-nikow: „Ich habe –„ , begann Raskolnikow. „Trinken Sie Wasser!“ Raskolnikow wehrte mit der Hand ab: er mochte kein Wasser … Dann sprach er leise, langsam, aber deutlich:

„Ich habe die alte Beamtenwitwe und ihre Schwester Lisaweta mit dem Beil ermordet und beraubt. Ich bin ihr Mörder! …“

Ilja Petrowitsch sperrte den Mund auf. Von allen Seiten kam man herbeigelaufen.

Raskolnikow wiederholte das Geständnis - - - - „ 10 Der Epilog mit den Kapiteln 40 und 41 spielt in „Sibirien … am Ufer eines breiten Flusses“ in einer Stadt mit Festung. „In diesem Gefängnis sitzt schon seit neun Monaten der zur Zwangsarbeit verschickte Verbrecher zweiter Klasse Rodjon Raskolnikow. …“10

1.3 Figurenrede: die vier Möglichkeiten der stummen Rede

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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1.3.1 Figurenrede: die stumme erlebte Rede

Die erlebte Rede ist grammatisch vom Erzählerbericht nicht zu unterscheiden. Sie steht zwischen Erzählerbericht/ Erzählerrede und innerem Monolog. Die Darstellung des Geschehens erfolgt aus der Innensicht einer erzählten Figur. Jochen Vogt hat einige Hinweise gegeben, woran man erlebte Rede erkennen kann. Er zählt dazu deiktische (i. e. hinweisende) Zeit- und Raumadverbien (z. B. morgen, hier, nun u. a.), affektive/ argumentative Interjektionen (z. B. gewiss, jedoch), emphatische Ausrufe (z. B. ach!), subjektive Modalverben (z. B. sie hatte den Baum zu putzen), explizite (i. e. ausführlich dargestellte, erklärte) Gedankenankündigung (z. B. dachte sie) u. a.13 Diese Gedankenankündigung k a n n stehen, muss aber nicht, wie aus dem Kafka-Beispiel ersichtlich. Die erlebte Rede als Wiedergabe der bestimmten Denkweise einer Person steht im Indikativ der dritten Person und meist im sog. epischen Präteritum, welches damit eine atemporale Funktion annimmt.

* „Plötzlich … fiel ihm ein, er wolle seine Mutter besuchen.“ (mit dem Konj. I endet die oratio obliqua, mit dem Tempus- und Moduswechsel ohne Inquit-Formel beginnt die erlebte Rede:) „Nun war schon das Frühjahr fast zu Ende und damit das dritte Jahr, seitdem er sie nicht gesehen hatte. Sie hatte ihn damals gebeten, an seinem Geburtstag zu ihr zu kommen, er hatte auch trotz manchen Hindernissen dieser Bitte entsprochen und ihr sogar das Versprechen gegeben, jeden Geburtstag bei ihr zu verbringen, ein Versprechen, das er allerdings schon zweimal nicht gehalten hatte. Dafür wollte er aber jetzt nicht erst bis zu seinem Geburtstag warten, obwohl dieser schon in vierzehn Tagen war, sondern sofort fahren. Er sagte sich zwar …“ (an dieser Stelle fährt Kafka nach dem Verbum dicendi „sagte“ nicht mit der oratio obliqua fort, sondern mit einem Inhaltssatz: „dass kein besonderer Grund vorlag …“)14

Die an dem deiktischen temporalen Adverb ‚nun’ erkennbare erlebte Rede stammt aus einem der im Anhang von Franz Kafkas (1883-1924) Roman Der Prozess wiedergegebenen unveröffentlichten Kapitel mit der Überschrift „Fahrt zur Mutter“. Der Roman selbst beginnt so: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet …“

* „In tiefer Stille und sacht lastender Schwüle lag er auf dem Rücken und blickte in 2 das Dunkel empor.
3 Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen Augen zerrisse, 4 wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte und eine unermesslich 5 tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte … „Ich werde leben!“ sagte Thomas 6 Buddenbrook beinahe laut und fühlte, wie seine Brust dabei vor innerlichem 7 Schluchzen erzitterte. „Dies ist es, dass ich leben werde! Es wird leben … und 8 dass dieses Es nicht ich bin, das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, 9 den der Tod berichtigen wird. So ist es, so ist es! … Warum?“ Und bei dieser 10 Frage schlug die Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er wusste 11 und verstand wieder nicht das geringste mehr und ließ sich tiefer in die Kissen 12 zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem bisschen Wahrheit, das 13 er soeben hatte erschauen dürfen.
14 Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu beten, dass es 15 noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit gefalteten Händen, 16 ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte schauen …
17 Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und 18 wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst. Der Tod war ein 19 Glück, so tief, dass es nur in begnadeten Augenblicken, wie diesem, ganz zu 20 ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglichen peinlichen Irrgang, 21 die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung von den widrigsten Banden 22 und Schranken – einen beklagenswerten Unglücksfall machte er wieder gut. ( …)
23 War nicht jeder Mensch ein Missgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in eine 24 peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis! Schranken und 25 Bande überall! Durch das Gitterfenster seiner Individualität starrt der Mensch 26 hoffnungslos auf die Ringmauern der äußeren Umstände, bis der Tod kommt und 27 ihn zur Heimkehr und Freiheit ruft …
28 … Ich trage den Kein, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen Befähigungen und 29 Betätigungen der Welt in mir … (…)
30 Er weinte, presste das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und wie im 31 Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins in der Welt an 32 schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen.“15

Dieser leicht gekürzte Textauszug aus dem fünften Kapitel des 10. Teiles der Buddenbrooks. Verfall einer Familie von Thomas Mann (1875-1955) handelt von den Sorgen, die sich der Senator Thomas Buddenbrook um seine Ehe macht, weil die Leute sich wohl einig sind, „dass Gerda Buddenbrook in ihrem Verhältnis zu Herrn Leutnant von Throta gelinde gesagt die Grenzen des Sittsamen überschritt“ und es wohl nicht anders sein könne, „als dass die schöne Gerda ihren alternden Mann nun ein wenig betröge.“ Während er sich bemüht, nicht den Eifersüchtigen zu spielen (wegen der Leute), stößt er auf ein fast vergessenes Buch und darin auf das Kapitel „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“. Davon in den Zustand „eines schweren, dunklen, trunkenen und gedankenlosen Überwältigtseins“ versetzt, erwacht er nachts nach kurzem Schlaf; der Text beginnt mit Erzählerrede bis Z. 5 („enthüllte“). Die folgende direkte Rede steht mit einer Inquit-Formel und endet mit dem Fragezeichen in Z. 9 nach „warum“. Die Zeilen 10 -16 sind Erzählerbericht, der vermittelt, was in Thomas vor sich geht (Innensicht), die Prädikatskerne „durfte schauen“, „erschien“, „fühlte“ und besaß“ (Zeilen 16, 17, 18) sehe ich als Gedankenankündigung des auktorialen Erzählers für die erlebte Rede, die mit „der Tod war ein Glück“ beginnt – eigentlich ist auch die Frage „was war der Tod“ (Z. 17) schon ein narrated monologue. Der erstreckt sich bis in die Fragesätze Z. 23 und 24. Die drei folgenden emphatischen Ausrufe kann ich nicht eindeutig als erlebte Rede bestimmen; es könnte eine sein, jedenfalls leiten die Ausrufe den Wechsel ein von der erlebten zur sich daran anschließenden direkten Rede. Hatte Thomas davor noch von sich in der dritten Person („dieser sein Leib“) gesprochen, wechselt er jetzt in Z. 28 zum Ich der ersten Person („ich trage den Keim“) und zum Praesens („Was soll mir ein Sohn? Ich brauche keinen Sohn!“). Ab Z. 30 („er weinte“) folgt dann wieder der Erzählerbericht über die weiteren Folgen seiner Schopenhauerlektüre.

Ich will ja meine Leser nicht verwirren, aber um bei der Wahrheit zu bleiben: wenn einer meiner Schüler geschrieben hätte, hinter den ‚Gitterfenstern seiner Individualität’ (Z. 25) lauere ein Widerspruch zu meiner Sicht, hätte ich dem zugestimmt.

Denn: die grammatische Form der 1. Pers. Ind. Praes. erlaubt es dem Interpreten zu sagen, dieser Passus, der sich wie eine direkte Rede anhört, bloß dass eine Inquit-Formel fehlt, und der ja durch den Tempuswechsel vom Präteritum zum Präsens die erlebte Rede beendet, kann ebenso ein innerer Monolog sein. Man könnte sogar diesen stillen Monolog, dieses Selbstgespräch, als Bewusstseinsstrom verstehen, denn es handelt sich ja nicht um eine gesprochene Rede, sondern um den Fluss der Gedanken, die dem Senator Buddenbrook durch den Kopf gehen. Allerdings gibt dieser sich die Mühe, seinen Bewusstseinsinhalt in einem die syntaktischen Regeln der Grammatik beachtenden elaborierten Code zu formulieren.16

1.3.2 Figurenrede: der stumme innere Monolog

Der innere Monolog als reine Gedankenwiedergabe einer erzählten Figur ist eine Art inneres Selbstgespräch. Der Sprechende ist ein Ich, das von sich selbst normalerweise in der ersten Person Singular Präsens spricht. Der Leser eines solchen stummen Monologs befindet sich also von den ersten Zeilen an im Bewusst-seinszentrum des Protagonisten.

Der Narrator kann allerdings die Ich-Aussage des Helden auf verschiedene Weise umgehen. Das „Ich“ kann in ein „man“ oder „der Mensch“ eingekleidet sein; das „Ich“ kann dem Ich gegenübertreten und es mit „Du“ anreden; das „Ich“ kann aber auch in einem Kollektiv aufgehen (1. Person Plural, ggf. auch 3. Person Plural); statt des Personalpronomens „wir“ bzw. „sie“ kann auch ein Indefinitpronomen verwendet werden, z. B. „man“. Allerdings sind solche Stellen oft nur aus dem Kontext als Monolog zu erschließen wie bei Döblin: „man riss das Pflaster am Rosenthaler Platz auf.“ - hier spricht Döblin im Erzählerbericht von den Arbeitern, im Folgesatz „man mischt sich unter die andern … da merkst du nichts“ verwendet er den inneren Monolog, um das Ich des Franz Biberkopf in einer unausgesprochenen Rede ohne Hörer sprechen zu lassen (vgl. meine Analyse dieser Döblin-Stelle auf S. 20).

Ich muss an dieser Stelle, nach meinen Erläuterungen zur erlebten Rede und bevor ich Beispiele für die folgende Redeform bringe, eingehen auf einen „besonderen“ inneren Monolog, nämlich den inneren Monolog bei Hermann Broch (1886–1951). Als sein Hauptwerk wird allgemein Der Tod des Vergil (1945) an-gesehen, ein Roman mit einer spärlichen Handlung, die lediglich die letzten 18 Stunden im Leben des Schöpfers der „Aeneis“ umfasst, nämlich die Zeit von seiner Ankunft in Brundisium bis zu seinem Tod am nächsten Tag. Über diesen Roman liest man:

„Durch die konsequente Verwendung des inneren Monologs, archetypischer Figuren und einer lyrisch-visionären, bisweilen rhetorisch überlasteten Sprache bei einer formal strengen Komposition des gesamten Werkes, zählt der Vergil, wie Thomas Mann urteilte, zu den „ungewöhnlichsten und gründlichsten Experimente (n),

das je mit dem flexiblen Medium des Romans unternommen wurde.“17

Ich habe mir den Text daraufhin zugelegt, der Kommentierten Werkausgabe des Suhrkamp-Verlages sind Kommentare Brochs und des Herausgebers, P. M. Lützeler

(Germanistikprofessor an der Washington University in St. Louis/ USA), beigefügt.

Broch führt da aus, die Darstellung dieser Sachverhalte (des Ablebens des Vergil) habe „notwendigerweise zum inneren Monolog geführt, allerdings zu einem in der dritten Person, da ein Sterbensprozess nicht in der ersten ausgedrückt zu werden vermag.“18 Allerdings betont Broch, seine Schreibmethode unterscheide „sich … grundlegend von der Joyceschen; sie muss es um so mehr tun, als das Joycesche Genie sich nicht nachahmen lässt.“19

Ich will Brochs Aussage nicht anzweifeln, muss aber dazu anmerken: das ist wohl ein Brochscher, aber kein innerer Monolog, wie ich ihn als stummen Monolog, ohne Hörer, in der Ich-Form und im Präsens meinen Schülern vermittelt habe (in Überein-stimmung mit der aktuellen Fachliteratur, vgl. Anm.20)

Ich will meine Behauptung belegen:

* „Stahlblau und leicht, bewegt von einem leisen, kaum merklichen Gegenwind, waren die Wellen des adriatischen Meeres dem kaiserlichen Geschwader entgegen- geströmt, als dieses … dem Hafen Brundisium zusteuerte, und jetzt, … da war das Wasser beinahe spiegelglatt geworden … Von den sieben hochbordigen Fahrzeugen, die in entwickelter Kiellinie aufeinander folgten, gehörten bloß das erste und das letzte, beides schlanke, rammspornige Penteren, der Kriegsflotte an … und das mittlere, prächtigste, goldglänzend sein bronzebeschlagener Bug, goldglänzend die ringtragenden Löwenköpfe unter der Reling, buntbewimpelt die Wanten, trug unter Purpursegeln feierlich und groß das Zelt des Cäsars. Doch auf dem unmittelbar hinterdrein folgenden Schiffe befand sich der Dichter der Äneis, und das Zeichen des Todes stand auf seine Stirne geschrieben.

Der Seekrankheit ausgeliefert, von ihrem ständig drohenden Ausbruch in Spannung gehalten, hatte er den ganzen Tag hindurch nicht gewagt sich zu rühren … So lag er da, der Dichter der Äneis, er, Publius Vergilius Maro, er lag da mit herabgemindertem Bewusstsein, beinahe beschämt ob seiner Hilflosigkeit, beinahe erbost ob solchen Schicksals, und er starrte in das perlmutternde Rund der Himmels-schale: Warum nur hatte er dem Drängen des Augustus nachgegeben? Warum nur hatte er Athen verlassen? Hingeschwunden war nun die Hoffnung, es werde der heitere heilige Himmel Homers hold die Fertigstellung der Äneis begünstigen … oh, hingeschwunden war die Hoffnung auf das Wunder der Erkenntnis und auf die Heilung in der Erkenntnis. Warum hatte er darauf verzichtet? Freiwillig? Nein!“21

So beginnt der Tod des Vergil. Der Erzähler berichtet nicht von sich selbst, sondern von einer anderen Person, die nicht als Ich auftritt, sondern in der 3. Pers. Singular als Er seekrank und leidend auf einem Lager liegt, er verwendet also die typische Er-Erzählform. Da Vergils Perspektive durch seine Lage arg eingeschränkt ist, kann er auch Einzelheiten in seiner entfernten Umgebung nicht wahrnehmen wie die leichte Dünung, das Aussehen der Schiffe, er hört und sieht praktisch nur, was unmittelbar um ihn herum zu bemerken ist.

Es liegt hier ein auktoriales Erzählverhalten vor, erzählte Zeit und erzählte Orte werden dem Leser im Erzählerbericht vermittelt. Besonders deutlich wird das an dem Satz „das Zeichen des Todes stand an seine Stirne geschrieben“. Das kann nur ein allwissender, ein auktorialer Erzähler wissen.

Der Satz ist natürlich, im Sinne der Lämmertschen „Hineinnahme von Zukunft in den Erzählzusammenhang“ und als Vergils Tod vorwegnehmend, eine Voraus-deutung.

Nach dem Doppelpunkt erlaubt der Erzähler einen Einblick in das Bewusstsein des reflektierenden Vergil. „Warum nur hatte er dem Drängen des Augustus nachgege-ben?“ ist schlicht gesagt ein Gedankenbericht in erlebter Rede.

Die Erzählweise des Vergil -Romanes ist wechselnd, oft überschneiden sich aukto-rialer Erzählerbericht und erlebte Rede so, dass eine Unterscheidung schwierig ist. Mitunter ist der Erzählerbericht derart subjektiv gesteigert, dass er mit dem stummen (!!) monologisierenden Vergilbewusstsein fast verschmilzt:

Im Kapitel „Feuer – Der Abstieg“ stößt Vergil einen Schrei aus: „Endlich“ „ver-mochte er … das Längstgewusste, Längsterlittene, Längstvernommene zu erhaschen, und es entrang sich ihm wie ein winziger, unzulänglicher, niemals erreichender Ausdruck für das äonengroß Unausdrückbare, entrang sich ihm in einem Atemzug, in einem Seufzer, in einem Schrei: „Die Äneis verbrennen!“

Hatten sich Worte in seinem Munde geformt? Er wusste es kaum, er wusste es nicht und war trotzdem nicht erstaunt, als ein Widerhall kam, fast eine Antwort: „Du riefst?!“, so tönte es zart und vertraut, fast heimatlich aus einem Nirgendwo … geschlossenen Auges lag er, und er rührte sich nicht. Und er wusste auch nicht, wie lange dies so währte. Aber dann war es ihm, als formten sich wieder Worte in seinem Mund … Wiederum wusste er nicht, ob er es laut gesprochen hatte …“22

Manchmal weiß man nicht, ob Vergil wach ist oder träumt:

„- oh Plotia, weiß ich noch deinen Namen? In deinen Haaren wohnte die Nacht, sternenübersät, sehnsuchterahnend, lichtverheißend, und ich, über ihre Nächtlichkeit gebeugt, trunken des glitzernd süßen Nachtatems, ich bin nicht in sie versunken! Oh, verlorenes Sein …“23

Da das Tempus des inneren Monologs das Präsens ist, handelt es sich hier um eine seiner seltenen Epiphanien. An vielen Stellen beginnt Vergil sich mit dem Kosmos zu identifizieren, er durchlebt eine Art Metamorphose:

„Eingesenkt sein Geist ins Vorträumen, eingesenkt Geist wie Körper in das Schiff seines Seins, hingebreitet über die weiten Erdflächen, er selber Berg, selber Feld, selber Erde, selber das Schiff, er selber der Ozean, lauschend in die Nacht des Innen und Außen … nun wusste er die Antwort: er lauschte dem Sterben.“24

Die körperliche Verwandlung Vergils läuft dann aber in der Entwicklungsgeschichte rückwärts, er macht, psychologisch gesehen, eine Regression durch:

Nachdem „die Plotia Teil seiner selbst geworden, ohne geblieben zu sein, … und das Tier in sich tragend, das Tier von innen sehend, hörte er der Tiere stumme Sprache, hörte er mit ihnen, hörte er in ihrem Sprechen, hörte er in sich das stumme Weiterklingen des Sphärenliedes, war es vordem … ein Erkennen wölfischer, füchsiger, katziger, papageiiger, pferdiger, haiiger Wesenheiten, so eröffnete sich jetzt hiezu das tierisch Eigenschaftslose in noch ungeborener und erst werdender, noch ungeformter Eigenschaft25

… Er aber, entkleidet des Tierischen, entkleidet des Pflanzlichen, war aus Lehm und Erde und Stein gebaut, bergehoch … … … …

ahnend sah er das Licht hinter dem Schilde des Himmelsgewölbes, er sah es, da der Stern des Morgens, von seinem Scheitel berührt, sich als Auge in seine felsige Stirn eingesenkt hatte, als drittes Auge über den beiden anderen, die steinerblindet im Stein saßen, über ihnen als sehendes Auge, unterscheidungsbegabt und göttlich, dennoch Menschenauge.“26

Es fällt mir schwer, in dieser in der 3. Person Präteritum erzählten ‚Astromor-phisierung’ Vergils noch einen auktorialen Erzählerbericht, geschweige denn eine erlebte Rede zu erkennen, denn das Einauge - „er bestand nur mehr aus Auge, aus dem Auge in seiner Stirn“27 - kann ja, da stumm, nicht reden.

Ich halte fest, dass ich in Der Tod des Vergil viel auktorialen Erzählerbericht gefunden habe, desgleichen meist erlebte Rede und Dialoge mit direkter Rede im Zusammenhang mit dem Erscheinen des Augustus:

„Unanzweifelbar sichtbar war der Augustus … und er sagte: „Da du dich nicht zu mir hast bemühen wollen, ist es an mir, dich aufzusuchen, sei mir auf italienischem Boden gegrüßt.“ Sonderbar war es, dass nunmehr Rede und Gegenrede einander abwechseln sollten …“28

Der ‚echte’ innere Monolog findet sich im Vergil äußerst selten, wenn, dann nur in seinen Träumen.

Deshalb wiederhole ich noch einmal, von welcher Definition des inneren Monologs ich bei meiner Darlegung ausgegangen bin:

„Kennzeichen für den inneren Monolog sind die Ich-Rede und Präsens bzw. Perfekt als Redetempus.“29

* „Porphyrij Petrowitsch ging hinaus, um Tee zu bestellen.

In wildem Sturm jagten die Gedanken Raskolnikows durch den Kopf. Er war schrecklich erregt.

„Sie glauben nicht einmal, ihre Gedanken verheimlichen zu müssen, sie machen gar keine Umstände! Wie kamst du denn dazu, mit Nikodim Phomitsch über mich zu sprechen? Du kennst mich gar nicht. Also verheimlichen sie es gar nicht mehr, dass sie wie Spürhunde hinter mir her sind. Ganz ungeniert spucken sie mir ins Gesicht!“ bebte er vor Wut. „Nun, so greift nur offen zu und spielt mit mir nicht, wie die Katze mit der Maus. Das ist doch unhöflich, Porphyrij Petrowitsch, das lasse ich mir denn doch vielleicht nicht gefallen! …“ Er holte mühsam Atem.

„Wie wär’s aber, wenn mir das alles nur so schiene! Vielleicht ist dies nur ein Wahn und ich täusche mich nur in allem, ärgere mich ohne Grund und aus Unerfahrenheit, verstehe meine gemeine Rolle nicht zu Ende zu spielen. Vielleicht war alles ohne Absicht gesprochen. … Vielleicht ist es aber auch gut; nervöse Rolle! Ach, wie reizbar ich bin! … Er untersucht und kitzelt mich. Wird mich zu überlisten suchen. Wozu bin ich nur hergekommen?“

Alles das fuhr ihm wie ein Blitz durch den Kopf während der Abwesenheit von Porphyrij Petrowitsch. Dieser war aber in wenigen Augenblicken wieder zurück.“30

Der kurze Textausschnitt aus dem Roman Raskolnikow von Fjodor M. Dosto-jewskij (1821-1881) ist ein Beispiel für zeitdehnendes Erzählen. Der auktoriale Erzähler überschreitet die erzählte durch die Erzählzeit. Die Vor-Lese-Zeit (frz. temps de lecture) dieser Gedankengänge, die durch den Kopf des jungen Doppelmörders jagen, weil er insgeheim ahnt, dass der Untersuchungsrichter Porphyrij von seiner Tat an der Pfandleiherin Aljona Iwanowna weiß, ist wesentlich länger (im Buch eine ganze Seite) als die Zeit, die dieser braucht, „um Tee zu bestellen“.

Der den Handlungsschritt begleitende Bewusstseinsvorgang des Jurastudenten, der dreizehn Stufen aus seinem Dachgeschoss hinabgestiegen war, um die Axt zu stehlen, und 730 Schritte gegangen, um damit die Pfandleiherin und ihre Schwester zu erschlagen, beginnt und endet mit den Anführungszeichen nach und vor der Erzählerrede. Diese kann nicht als Inquit-Formel verstanden werden, auch nicht der auktoriale Hinweis auf den mühsamen Atem. Die 1. Pers. Praes. Ind. und das Fehlen eines der möglichen Verba sentiendi (Verben des Denkens) zeigen, trotz der Anführungszeichen in meiner Textausgabe, dass hier ein innerer Monolog vorliegt.

* „Dummer Bub – dummer Bub … und ich bin dagestanden - ! heiliger Himmel, es ist doch ganz egal, ob ein anderer das weiß! … ich weiß es doch, und das ist die Hauptsache! Ich spür’, dass ich jetzt wer anderer bin, als vor einer Stunde – Ich weiß, dass ich satisfaktionsunfähig bin, und darum muss ich mich totschießen … Keine ruhige Minute hätt’ ich mehr im Leben … immer hätt’ ich die Angst, dass es doch einer erfahren könnt’, so oder so … und dass mir’s einer einmal ins Gesicht sagt, was heut’ abend gescheh’n ist! – Was für ein glücklicher Mensch bin ich vor einer Stund’ gewesen … (…) Nachmittags war noch alles gut und schön, und jetzt bin ich ein verlorener Mensch und muss mich totschießen …Warum renn’ ich denn so? Es lauft mir ja nichts davon … Wieviel schlagt’s denn? … 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11 … elf, elf … ich sollt’ doch nachtmahlen geh’n! Irgendwo muss ich doch schließlich hingeh’n … ich könnt’ mich ja in irgendein Beisl setzen, wo mich kein Mensch kennt – schließlich, essen muss der Mensch, auch wenn er sich nachher gleich totschießt … Haha, der Tod ist ja kein Kinderspiel … wer hat das nur neulich gesagt? … Aber das ist ja ganz egal …“31

In der Novelle Leutnant Gustl (1900) schildert der Arzt Arthur Schnitzler (1862 -1931) die Gesellschaft im Wien der Jahrhundertwende, er verzichtet auf einen Erzähler als erkennbare Vermittlungsinstanz und bedient sich ausschließlich der personalen Ich-Form des inneren Monologs, um Gustls Gedanken und Sinneseindrücke und das erzählte Geschehen um den Leutnant wiederzugeben, nachdem der nach einem Konzert mit einem Bäckermeister in ein hitziges Wortgefecht geraten ist und sich dadurch in seiner Ehre gekränkt fühlt, so dass er, da er den nicht satisfaktionsfähigen Bürgerlichen ja nicht zum Duell fordern kann, sich zum Selbstmord entschließt.

* „Als er den Fuß auf die O’Connell Bridge setzte, puffte ein Federball aus Rauch von der Brüstung auf. Brauereischute mit Export-Stout. England. Von Seeluft wird’s sauer, hab ich mal gehört. Wäre doch interessant, mal die Brauerei zu besichtigen eines Tages, Freischein vielleicht durch Hancock. Ist ja glatt eine Welt für sich. Die Porter-Kufen, wundervoll. Aber da kommen auch Ratten rein. Saufen sich platzvoll, bis sie aussehn wie die Wasserleiche eines Schäferhunds. Stockbesoffen vom Porter. Saufen bis sies wieder auskotzen wie die Christen. Und so was trinkt man nun! Das muss man sich mal vorstellen. Ratzen: kotzen. .Nun ja, sicher, wenn wir alles wüssten. Niederblickend sah er heftig mit den Flügeln flappernde, zwischen den öden Kaimauern kreisende Möven.“32

Der innere Monolog des Protagonisten in dem Roman Ulysses (1922) von James Joyce (1882-1941) wird gehalten am 16. Juni 1904 in Dublin und beginnt nach dem ersten Punkt und endet mit dem Punkt vor „niederblickend“, dem ersten Part. Praes. des letzten Satzes.

Die Formen gesprochener und stummer Rede sind natürlich nicht auf Romane und Novellen beschränkt, sie finden sich in gedrängter Form auch in Kurzgeschichten. Ich möchte das an Der Antrag zeigen, einer Erzählung aus dem Sammelband Sieg über die Dämmerung von Gabriele Wohmann. Wie in vielen ihrer Kurzgeschichten zeigt sie hier den bürgerlichen Alltag mit seinem Ehe- und Beziehungseinerlei und forscht nach den in ihm liegenden Abgründen.

* 1 - Ohne Zweifel bin ich in einem halben Jahr aus dem Gröbsten heraus, sagte er, 2 und aus selbstbewusst gekräuselten Lippen, doppeldeutig, setzte er hinzu: Sie 3 wissen ja, was „das Gröbste“ bei mir heißt. 4 - Nein. 5 Sie unterdrückte ein Gähnen, blinzelte in die schwitzende Luft; schwere, feuchte,
6 flimmernde Decke auf ihren Körpern, die im Sand lagen.
7 Etwas beleidigt sagte er:
8 - Andere Leute würden meine Situation nämlich nicht so bezeichnen. Es geht mir
9 nicht schlecht, wie Sie wissen, aber bald wird’s mir noch besser gehen. Andere
10 Leute würden sagen: hervorragend.
11 Grob und hervorragend. Kann er lachen außer über eigene Anspielungen? Wird
12 immer zufrieden sein in und mit sich selbst. Sie wälzte sich auf die Seite, machte
13 die Augen ganz auf, betrachtete ihn mit genießerischem Unbehagen: weiß, gelb-
14 lichweiß, Kinderhaut. … Sie sah weg, aufs Meer … 33

Wohmann verzichtet in ihrem Text auf die Kennzeichnung der direkten Rede durch Anführungszeichen. Dadurch sind die Übergänge von gesprochener Rede zum inneren Monolog fließend, lediglich der Sprecherwechsel im Dialog der beiden erzählten Hauptfiguren ist durch Spiegelstriche angedeutet. Erzählt wird das Geschehen, wie ein älterer Mann, Inhaber einer Privatschule, einer Kollegin, Fräulein Mack, am Strand einen vernunftgeprägten Heiratsantrag macht, den die Frau, trotz zunächst heftiger innerer Abwehr, am Ende doch annimmt.

Nach dem in Z. 4 gesprochenen „Nein“ geht es mit Erzählerbericht in Z. 5 weiter, er wird in Z. 7 bis in die auktoriale (!!) Redeeinleitung fortgeführt, der in Z. 8 - 10 die wörtliche Rede des Mannes folgt. Zeile 11 und 12 sind innerer Monolog, bis die junge Frau sich umdreht. Der präpositionale Ausdruck beinhaltet in seinem Oxymoron ‚genießerisches Unbehagen’ bereits eine Vorausdeutung auf das Ende, denn auch die später erzählte Nebenhandlung eines herumalbernden, aber verliebten Paares als Sichtbarmachung der geheimen Wunschvorstellung der Frau vermag ihre „kalte“ Entscheidung nicht zu beeinflussen: „Ja, sagte sie und senkte den kühlen Alpakalöffel ins Eis.“34

1.3.3 Figurenrede: die stumme psycho-narration

Psycho-narration ist im Grunde nichts anderes als der gute alte Gedankenbericht, wie ich ihn noch in meinen Münsteraner Zeiten kennengelernt habe. Allerdings erschien dann 1978 ein grundlegendes Werk von Dorrit Cohn mit dem Titel Transparent Minds. Narrative Modes for Presenting Consciousness in Fiction, und seitdem ist die englische Bezeichnung auf dem Vormarsch und hat in vielen Darstellungen den deutschen Ausdruck ‚Gedankenbericht’ offensichtlich als antiquiert verdrängt. Das ändert nichts an der Tatsache, dass beide Benennungen dasselbe meinen: einen Erzählerbericht über nicht (laut) ausgesprochene Wahrnehmungen, Gedanken, Befürchtungen, Gefühle einer erzählten Figur. Psycho-narration/ Gedankenbericht vermittelt also dem Leser das, was eine erzählte Figur nicht über die Lippen bringt, sei es, dass sie diese Bewusstseinsinhalte nicht verbalisieren will oder dazu nicht in der Lage ist oder dass das Nichtsprachliche bzw. Vorsprachliche noch im Un- oder Unterbewussten sich bewegt.

Die Redeeinleitung für den Gedankenbericht/ psycho-narration bildet nicht ein Verbum dicendi, sondern ein Verbum credendi, sentiendi oder videndi, also ein Verb der inneren Wahrnehmung. Ein solches m u s s nicht, k a n n aber stehen.

Psycho-narration ist der erlebten Rede affin, d. h. sie bedient sich derselben Tempus- und Modusformen wie diese, nämlich der 3. Person im Indikativ des Prä-teritums !!!

Ich habe mich in die Begriffserklärungen einiger einschlägiger Handbücher vertieft; ich komme zu folgendem Ergebnis:

Gedankenbericht, Gedankenwiedergabe, Empfindungsbericht und Bewusstseins-wiedergabe werden oft synonym verwendet. Auch für psycho-narration gibt es keine klar abgegrenzte Definition, der englische Ausdruck heißt ja übersetzt auch nichts anderes als: vom (auktorialen) Erzähler dargestellte Erzählung über das, was in der Seele oder im Geist einer erzählten Figur sich abspielt. Wenn die Figur noch einigermaßen geistig wach ist, wird der Cohnsche Terminus meist vermieden. Vogt will ihn daher vor allem oder nur angewendet wissen, wenn die Wahrnehmung der Kontrolle des wachen Bewusstseins entzogen ist, also für erzählte Träume, rauschhafte Halluzinationen oder visionäre Gesichte.

[...]


1) Theodor Storm, Der Schimmelreiter. Novelle, Hirschgraben: Frankfurt/M.1983, S. 8-12

2) Storm, S.103

3) Eberhard Lämmert, Bauformen des Erzählens, Metzler: Stuttgart 6. Auflage 1975, S. 23 ff.

4) Theodor Fontane, Effi Briest, Ullstein: Frankfurt/ M. 1984, S. 255

5) Edgar Neis, Struktur und Thematik der traditionellen und modernen Erzählung, Schöningh: Paderborn 1966, S. 66 f.

6) Tonio Kröger, in: Thomas Mann, Erzählungen, Deutscher Bücherbund: Stuttgart und Hamburg 1966, S. 189 f.

7) Lämmert, S. 83

8) Thomas Mann, Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil, Fischer: Frankfurt/ M. 49. Auflage 2007, S. 77 (Fischer Taschenbuch Bd. 9429)

9) Mann (2007), S. 98 - 112

10) Lämmert, S. 23

11) Jochen Vogt, Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie, Westdeutscher Verlag: Opladen 1968, S. 104

12) Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie, Fischer: Frankfurt/ M. 1960, S. 43

13) Mann (1966), S. 203

14) Mann (1966), S. 212

15) Patrick Süskind, Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders, Diogenes: Zürich, 1985, S. 8 f.

16) Süskind, S. 319 f.

17) Johann Peter Hebel, Unverhofftes Wiedersehen, in

Johann Peter Hebel, Aus dem Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Reclam: Stuttgart 1990, S. 47, (RUB Nr. 6705)

18) Wilhelm Raabe, Erzählungen, Winkler: München o. J. (1963), S. 617

19) Raabe, S. 296

20) Lämmert, S. 84

21) Süskind, S. 169

22) M. F. Dostojewski, Raskolnikows Schuld und Sühne, Paul Franke Verlag: Berlin o.J., S. 255, diese Vorkriegsausgabe ist heute nicht mehr erhältlich, man kann sich aber dennoch an diesem Krimi delektieren: unter dem Titel „Schuld und Sühne“ ist er 1960 mit 744 Seiten bei dtv erschienen

23) Christoph Ransmayr, Die letzte Welt. Roman, Fischer: Frankfurt/ M. 1991, S. 8 f. (Fischer Taschenbuch Bd. 9538)

24) Ransmayr, S. 12 f.

25) Lämmert, S. 102

26) Vogt, S. 119

27) Lämmert, S. 104

28) Heinrich von Kleist, Gesammelte Werke. Dritter Band. Erzählungen, Aufbau-Verlag Berlin 1955, S. 150–152

29) Kleist, S. 239

30) Bruno Apitz, Nackt unter Wölfen, Mitteldeutscher Verlag: Halle 1963, S. 72

31) Der Tod in Venedig, in: Mann (1966), S. 307

32) Mann (1966),S. 312

33) Mann (1966), S. 354

34) Anna Seghers, Die Toten bleiben jung. Roman, Aufbauverlag: Berlin 1983, S. 7

Details

Seiten
64
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783640884827
ISBN (Buch)
9783640884940
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125801
Note
Schlagworte
wirklichkeit hilfsmittel interpretation texte figuren- erzählerrede erzählverhalten zeit

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Titel: Die erzählte Wirklichkeit - Hilfsmittel zur Interpretation erzählender Texte