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Entspannungsübungen und Bewegungsbalancen zur Konzentrationsförderung am Beispiel der Edu-Kinestetik in der Grundschule

Examensarbeit 2009 51 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Förderung des Konzentrationsverhaltens
2.1 Darstellung des Handlungsbedarfs
2.2 Legitimation anhand der Richtlinien und Lehrpläne des Landes NRW

3 Kinesiologie
3.1 Begriffsdefinitionen
3.2 BRAIN-GYM®, oder Edu-Kinestetik
3.2.1 Bedeutung und Ziele
3.2.2 Methode
3.3 Die drei Dimensionen des Lernens
3.3.1 Die Lateralität
3.3.2 Die Zentrierung
3.3.3 Die Fokussierung

4 Methodische entwicklung eines konzepts zur praktischen durchführung der BRAIN-GYM®-Übungen in der klasse 4a
4.1 Die Sensibilisierungsphase zur BRAIN-GYM®
4.2 Die Hinführungsphase zur BRAIN-GYM®
4.3 Die Durchführungsphase zur BRAIN-GYM®
4.3.1 Zur Bedeutung der Transparenz der BRAIN-GYM®
4.3.2 Zur Erläuterung und Entstehung der BRAIN-GYM®-Übungen
4.3.3 Zur Bedeutung der Beurteilungen zur BRAIN-GYM®
4.4 Die Vertiefungsphase zur BRAIN-GYM®

5 Reflektierte Auseinandersetzung mit den ausgewählten Übungen
5.1 Gesamtauswertung zur Beurteilung der BRAIN-GYM®
5.2 Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Abbildungsverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Der Wandel der Gesellschaft und die damit verbundenen Veränderungen in der Lebenswelt der Kinder sind enorm. Die Schnelllebigkeit in unserer heutigen Zeit, der zunehmende Leistungsdruck und auch die tägliche Reiz- und Informationsflut sind nur einige Faktoren, die sich negativ auf die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler auswirken. Lehrkräfte stehen damit vor schwierigen Problemen und zunehmende Erschöpfung, Frustration und Resignation auf der Lehrer-, wie auch der Schülerseite sind das Ergebnis. Mit dieser Arbeit möchte ich Perspektiven vermitteln und Möglichkeiten aufzeigen, wie mit diesen Einschränkungen positiv verändernd umgegangen werden kann. Wie können Entspannung und Ruhe im Unterricht wiederhergestellt, neue Aufnahmebereitschaft geschaffen, Aufmerksamkeit und Konzentration mit dem ganzen Körper erlebt und erfahren werden?

Einen weiteren mitbestimmenden Faktor stellt die steigende Bewegungsarmut in der Veränderung der Lebenswelt und der Verhaltensweisen von Kindern dar. Durch die zunehmende Technisierung hat die Bewegung der Kinder von heute erheblich abgenommen mit Folgen, auf die in der Schule Rücksicht genommen werden muss. Ehemals selbstverständlichen Fertigkeiten wie Werfen, Fangen, Balancieren u. ä. sollten daher neue Aufmerksamkeit zuteil werden. Vielen Kindern fällt das Werfen, Fangen und Klettern schwer, wohingegen die Handhabung mit dem Computer mittlerweile für sie ‚kinderleicht’ ist. Die Bewegung stellt aber eine sehr wichtige Rolle im Entwicklungsprozess der Kinder dar, denn die bestehende Wechselwirkung zwischen Motorik, Kognition und Wahrnehmung ist längst erkannt. Was gilt es zu tun, um diese Missstände zu beseitigen und den Lernschwierigkeiten entgegenzutreten? Gibt es Möglichkeiten die Lernfähigkeit auf eine kindliche und natürliche Weise zu verbessern?

Aufgrund ihrer Zugänglichkeit stehen die ausgewählten Übungen aus dem Bereich der Edu-Kinestetik nach Dennison (2006) exemplarisch für viele Entspannungs- und Bewegungsübungen.

Wer in der Schule bereits als Kind Möglichkeiten zum Stressabbau und zur Konzentrationsförderung erlernt und den Nutzen erkennt, wird sich auch als Erwachsener viel leichter entspannen können und Möglichkeiten zur Stressreduzierung anwenden. Kindern sollte daher die Möglichkeit gegeben werden mit entsprechenden Übungen die ihnen das Lernen erleichtern vertraut zu werden, um eine ausgewogene Balance zwischen Anspannung und Entspannung zu finden.

Die Kinesiologie hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese körpereigene Energie zu aktivieren und ein harmonisches Fließen von Energie zu erreichen. Dabei greift sie unter anderem auf altbewährte Atem- und Bewegungsübungen aus dem alten China zurück, die helfen sollen den Körper und damit den Energiefluss zu aktivieren (vgl. Bäcker/Decker 1998, S. 20). Die konzeptionelle Entwicklung sowie die methodische Herangehensweise an die Übungen werden in Kapitel 4 dargestellt. Die sogenannten BRAIN-GYM ® -Übungen finden langfristige Integration in den schulischen Alltag der Kinder, um sowohl Lernblockaden und Lernschwierigkeiten abzubauen beziehungsweise vorzubeugen als auch unterstützend Unruhezustände und mangelnder Konzentration entgegen zu wirken. Darüber hinaus zielen die BRAIN-GYM ® -Übungen darauf ab, die Schüler und Schülerinnen für den selbst bestimmenden Einsatz dieser Bewegungs- beziehungsweise Entspannungsübungen zu sensibilisieren.

So wichtig die Auseinandersetzung mit dem Lernstoff, so notwendig Sach- und Fachwissen sind: Bewusstsein und Handeln braucht eine Basis des Erlebens und Verstehens mit dem ganzen Körper. Nur so können Kinder eine positive Beziehung zur Schule und zum Lernen aufbauen, denn je mehr Sinneskanäle beim Lernen verwendet werden, desto leichter werden Informationen gespeichert und lassen sich Erinnerungen wieder abrufen. Vester (2001, S.93) spricht von einem Netzwerk des Lernens, womit er unter anderem meint, dass Aufmerksamkeit, Erinnern, Assoziationen, Motivation, Erfolgserlebnisse und viele andere miteinander als Netzwerk in unserem Organismus in Verbindung stehen. Eine bewusste Haltung der Wertschätzung von Ruhe und Konzentration im Klassenzimmer im Zusammenhang mit Übungen, die das Lernen erleichtern, können daher ein Beitrag zu einem freundlichen Miteinander in der Klasse und einer angstfreien Lernatmosphäre sein.

Die vorliegende Arbeit setzt sich aus drei Haupteilen zusammen.

1. Zu Anfang erfolgt die Darstellung des Handlungsbedarfs durch die Schilderung der Problemsituation exemplarisch in der Klasse 4a. Es schließt sich die Legitimation durch die Richtlinien und Lehrpläne für Grundschulen in Nord-Rhein-Westfalen an. Zudem wird der organisatorische Rahmenplan der durchgeführten Konzeptentwicklung – angelehnt an Dr. Paul Dennison – vorgestellt.
2. Im zweiten Teil werden die methodische Konzeptentwicklung und eine exemplarische Auswahl der BRAIN-GYM ® -Übungen mit ersten Bewertungen durch die Kinder dargelegt.
3. Abgeschlossen wird die Arbeit durch die wichtigsten Evaluationsbefunde und eigene Erkenntnisse, die während der praktischen Durchführung gesammelt wurden. Es wird sowohl die Wirksamkeit der edu-kinestetischen Übungen diskutiert als auch ein Ausblick über die zukünftige Konzeptentwicklung an dieser Schule gegeben.

2 Förderung des Konzentrationsverhaltens

2.1 Darstellung des Handlungsbedarfs

Die Darstellung des Handlungsbedarfs im Hinblick auf die Anbahnung gesteigerter Konzentrationsfähigkeit wird hier anhand der Problemschilderung exemplarisch durch die Klasse 4a aufgeführt und durch empirische Erkenntnisse aus der Literatur gestützt.

In der Klasse 4a der Grundschule xxx lernen insgesamt 19 Kinder, davon 11 Mädchen und 8 Jungen. Die Klasse besteht aus Kindern unterschiedlicher Herkunftsländer und weist demnach Schülerinnen und Schüler mit folgenden Migrationshintergründen auf: Es gibt einen Schüler aus dem Libanon, eine Schülerin aus dem Kosovo und einen italienischen Schüler. Neben den deutschen Kindern gibt es zudem drei polnische und zwei türkische Kinder.

Bei vielen dieser Kinder sind Konzentrationsschwäche und eine verstärkte motorische Unruhe zu beobachten. Einige Schüler dieser Klasse zeigen sich verhalternsauffällig und müssen häufig ermahnt werden. Diese Kinder tragen oftmals ein Bündel an überschüssiger Energie mit sich, lassen sich demnach leicht ablenken, zappeln auf ihren Stühlen oder sind geneigt, während des Unterrichts permanent mit einer Sache beziehungsweise einem Gegenstand herum zu spielen. Nach Liebertz (2002, S. 85) gehören Abgelenkt-Sein und mangelnde Konzentration in den pädagogischen Beratungsdiensten zu den am häufigsten genanten Erziehungs- und Schulproblemen.

Nach eigenen Erfahrungen haben Konzentration und Entspannung jedoch nur dann eine Chance, wenn Kinder und Jugendliche einen Wahrnehmungsfilter entwickelt haben, der ihnen hilft, das wichtige vom Unwichtigen, das Sinnvolle vom Nutzlosen, das Informative vom Ablenkenden zu trennen. Manchen Kindern dieser Klasse fällt es jedoch im 4. Schuljahr noch immer schwer, sich an gemeinsam vereinbarte Regeln zu halten. Diese Kinder zeigen sich insbesondere auffällig in ihrem Konzentrationsverhalten, da sie sich ihrer Altersgruppe nicht adäquat, sondern nur über eine sehr geringe Zeitspanne konzentrieren können. Sie äußern ihre innere Unzufriedenheit meist damit, indem sie verstärkt den Blickkontakt ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen suchen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Somit werden andere Kinder dieser Klasse, die in der Regel konzentriert arbeiten können, abgelenkt beziehungsweise in ihrer Arbeit gestört und es entsteht Unruhe. Auf die ständige Ermahnung, sich zu konzentrieren, reagieren die Kinder meist mit Hilflosigkeit. Das Wort „Konzentration“ wird sowohl in der Schule als auch zu Hause oftmals ganz selbstverständlich benutzt. Nur was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff?

Nach einer Umfrage in der Klasse 4a, erhielt ich die verschiedensten Antworten: „Nachdenken“, „sich etwas merken“, „sich intensiv beschäftigen“, „nicht ablenken lassen“, „Gehirn trainieren“, „aufmerksam sein“. Es wird deutlich, dass eine bloße Ermahnung diese Spannbreite an mentalen Leistungen nicht auszulösen vermag.

Es geht vielmehr darum, einerseits neue Aufnahmebereitschaft und Aufmerksamkeit unter Einbeziehung möglichst vieler Sinne, d.h. mit Kopf, Herz und Hand bei den Kindern auszulösen. Andererseits ist hier die Beobachtungsgabe der Lehrkraft gefragt: Wann und wo kann sich dieses Kind am besten konzentrieren, wie kann ich als Lehrkraft ihm dabei helfen? Ziel dieser Konzeptentwicklung ist es daher, herauszufinden, ob durch bestimmte Bewegungsübungen der Edu-Kinestetik signifikante Verbesserungen im Hinblick auf eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit zu verzeichnen sind. Es gilt dabei zu berücksichtigen, dass der Untersuchungszeitraum sechs Wochen (Montag – Freitag) beträgt. Erste Erfolge im Hinblick auf eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit innerhalb dieses Untersuchungszeitraums sind daher als prozesshaft zu betrachten und können im Rahmen dieser Arbeit lediglich angebahnt werden. Schwerpunktmäßig werden die Erfolge im Hinblick auf eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit der Kinder langfristig betrachtet.

Petermann/Petermann (1991, S. 15) weisen darauf hin, dass zunehmend mehr Kinder, insbesondere aggressive Kinder, unter einer ständigen physischen und psychischen Anspannung leiden. In der Klasse 4a äußert sich diese Anspannung einzelner Schülerinnen und Schüler durch motorische Unruhe und Konzentrationsschwäche, die jedes zielgerichtete Arbeiten ihrerseits erschwert. Konzentrationsschwäche macht sich meist in Form von störenden Nebengedanken oder ablenkenden Gefühlen bemerkbar.

Angelehnt an Liebertz (2002, S. 87) treten sie vor allem dann auf, wenn Kinder:

- unter psychischer Anspannung leiden (zum Beispiel Konflikte mit den Eltern, Freunden, Erziehern oder Lehrern)
- unter physischer Anspannung leiden (zum Beispiel Bewegungsmangel, Müdigkeit, Hunger, Durst oder Schmerzen)
- von äußeren Bedingungen abgelenkt werden (zum Beispiel Kälte, Hitze, Unordnung oder starker Lärm)

Durch eigene Beobachtungen habe ich feststellen können, dass einige Kinder in der Klasse 4a mit oben genannten Problemen belastet sind, was sowohl negative Auswirkungen auf ihr Sozial- und Leistungsverhalten als auch auf ihre Persönlichkeitsentwicklung hat. Bäcker und Decker besagen, dass 80% der leistungsschwachen Schülerinnen und Schüler unter emotionalem Stress leiden. Auslöser seien vor allem familiäre Verhältnisse, emotionale Belastungen und Überforderung (vgl. 1998, S. 27). Heitmeyer (1992, S. 3) bestätigt die Ursachen, indem er sowohl die gefühlsarme Erziehung in vielen Elternhäusern, die Reizüberflutung durch die Massenmedien als auch ein gestörtes Selbstwertgefühl und die zunehmende Bewegungsarmut nennt.

Im schulischen Alltag kommen regelmäßig Kinder auf mich zu, die über Müdigkeit, Erschöpfung sowie Kopf- und Bauchschmerzen klagen. Diese typischen körperlichen Stresssymptome von Kindern und Jugendlichen resultieren aus einem Zustand von Dauerstress. Symptome der verhaltensbezogenen Ebene demonstrieren die Überbelastung der Kinder in körperlicher Unruhe. Dazu gehören unter anderem sowohl motorische Überaktivität oder Hektik, Konzentrations- und Leistungsstörungen, als auch Veränderungen im Sozialverhalten (vgl. Krenke/Lohaus 2007, S. 14f). Auch innere Unruhe und Überforderung von Außen wie beispielsweise Lärm und Hektik äußern sich bei Kindern oftmals in hyperaktivem, hektischem und sprunghaftem Verhalten (vgl. Bäcker/Decker 2002, S. 27).

Um die Situation der Kinder zu verbessern, sollte die Schule über ihre Unterrichtsinhalte und Methoden hinaus auf diese Probleme eingehen. Neben der ursprünglich im Schulprogramm festgeschriebenen erhöhten täglichen Bewegungszeit, die alleinig noch keine Hilfe gebracht hat, sollen im Rahmen dieser Arbeit und darüber hinaus Bewegungsbalancen und Entspannungsübungen aus dem Bereich der Edu-Kinestetik ein Element schulischer Arbeit sein, das an den Problemen der Kinder ansetzt und auf lange Sicht hilft, sowohl die Konzentration und Gesundheit der Schülerinnen und Schüler zu stärken als auch aggressive Spannungen abzubauen beziehungsweise solchen vorzubeugen.

Die Edu-Kinestetik ist eine alternative Methode, die bei der Ursache der Probleme ansetzt und durch bewusst aktivierende beziehungsweise zur Ruhe führende Übungen die Schülerinnen und Schüler befähigt, vorhandene Unruhezustände abzubauen und innerlich ruhig zu werden. So kann diese Methode beispielsweise das aufmerksame Zuhören fördern. Diese zeitweilige bewusste Konzentration auf die innere Welt kann den Kindern eine Sicherheit geben, die ihnen hilft, sich in der äußeren Welt zu orientieren.

Entspannungsübungen und Bewegungsbalancen im Hinblick auf die Förderung von Konzentration stehen in enger Wechselbeziehung zueinander. Die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten BRAIN-GYM ® -Übungen zielen zum Einen auf die Persönlichkeitsentwicklung des einzelnen ab, um äußere Reize bewusst beiseite zu lassen und den eigenen Körper, die Gefühle und den Atem wahrzunehmen. Zum Anderen üben sie einen positiven Einfluss auf das menschliche Miteinander aus, denn das Wahrnehmen der eigenen Gefühle stellt eine Voraussetzung für das Mitfühlen mit anderen dar. Darüber hinaus leisten die genannten Übungen einen Beitrag, die Beziehungen zwischen Lehrerinnen beziehungsweise Lehrern und Schülerinnen beziehungsweise Schülern positiver zu gestalten. Forschungsergebnisse zeigen, dass entspannte Menschen sich besser konzentrieren können und aufnahmefähiger sind (vgl. Vester 2001, S. 67).

Zudem hat die Verwendung kinesiologischer Methoden in Form der Edu-Kinestetik und BRAIN-GYM ® bereits in vielen Schulen Anwendung gefunden. Sie sind teilweise bundesweit Bausteine in Schulprogrammen und Fortbildungen. Ebenfalls gab der Landkreis Darmstadt/Dieburg zum Schuljahresbeginn 2005/2006 einen Elternratgeber heraus, der den Eltern empfiehlt bei Schulproblemen der Kinder eine kinesiologische Einrichtung aufzusuchen (vgl. Gwup, 2006).

Die vorgestellten Übungen sind Mosaiksteine, die durch weitere Schritte zur Humanisierung der Schulwelt ergänzt werden müssen. Sie verfolgen nicht das Ziel, Konflikte und Probleme im Schulalltag zu verdecken oder zu harmonisieren, sie können jedoch helfen, diese klarer zu erkennen und fair auszutragen. Der Erfolg dieser Arbeit, mehr Ruhe, Entspannung und Konzentration ist nicht über Nacht zu erwarten, er stellt sich vielmehr nach und nach durch viele kleine Schritte ein.

2.2 Legitimation anhand der Richtlinien und Lehrpläne des Landes NRW

Die Förderung der Lernentwicklung sowie ein erziehender Unterricht sind wesentliche Forderungen der Richtlinien und Lehrpläne Nord-Rhein-Westfalens für die Grundschule. Daher wird im Folgenden aus den Richtlinien und Lehrplänen (2008, S. 14) zitiert:

„Die Aufgabe der Schule ist es, individuelles und gemeinsames Lernen zu initiieren und zu arrangieren. (…) Durch eine herausfordernde und zugleich unterstützende, angstfreie Atmosphäre können die Kinder Leistungsbereitschaft, Anstrengungsbereitschaft und Ausdauer, Zuversicht und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Dabei gilt es, die natürliche Lernfreude zu erhalten und zu fördern. Der Unterricht fördert die Fähigkeit und die Bereitschaft, das eigene Lernen bewusst und zielgerichtet zu gestalten und mit anderen zusammenzuarbeiten. (…) Indem (…) auch das Lernen selbst zum Thema wird, gewinnen Kinder Verständnis für ihre Lernwege. Sie lernen erfolgsversprechende Methoden anzuwenden, sie erwerben und setzen Lernstrategien problemlösend ein (…)“.

Des Weiteren wird im Hinblick auf einen erziehenden Unterricht folgendes betont:

„(…) Aufgabe der Lehrkraft ist es, die Kinder zu solidarischem Handeln in sozialer Verantwortung, zu Toleranz und Achtung der Menschenrechte (…), zu einem friedlichen Miteinander in der Einen Welt (…) zu erziehen“ (a. a. O. 2008, S.14f).

Ausgehend von den Richtlinien und Lehrplänen wird hervorgehoben, dass „Schlüsselqualifikationen als grundlegende Kompetenzen und Einstellungen angebahnt“ werden sollen, „die den Kindern die individuelle Gestaltung ihres Lebens und selbständiges, lebensbegleitendes Lernen dauerhaft“ ermöglichen (vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen, 2008, S. 15).

Nachstehend werden die verschiedenen Bereiche der Lehrerhandlungsfelder, die in das Konzept einbezogen werden, erläutert. Die Schwerpunkte liegen hierbei auf Unterricht planen und durchführen, Unterricht evaluieren sowie Erziehen. Weitere Aktionsfelder der Lehrerfunktionen sind beobachtende, beratende und innovierende Tätigkeiten. Auch dem Aspekt der individuellen Förderung wird in dieser Konzeptentwicklung nachgekommen: Indem die Kinder in ihrem Konzentrationsverhalten geschult werden, eröffnen sich ihnen neue Möglichkeiten und Perspektiven, das Lernen zu erleichtern.

Im Rahmen des selbständigen Unterrichts im Fach Deutsch werden die Kinder an Entspannungsübungen und Bewegungsbalancen, der sog. BRAIN-GYM ® aus dem Bereich der Edu-Kinestetik, herangeführt. An die Phase des Kennen Lernens der BRAIN-GYM ® -Übungen schließt sich eine erste Beurteilungsphase durch Befragungen der Kinder anhand festgelegter Kriterien an (vgl. Kap. 4.4). Im Sinne der Evaluation findet eine unmittelbare Auswertung dieser Beurteilungen durch eine Präsentation seitens der Lehramtsanwärterin statt. Darüber hinaus werden die BRAIN-GYM ® -Übungen im fächerübergreifenden Unterricht mehrfach im Rahmen einer Doppelstunde im Fach Sport aufgegriffen. In diesen Einheiten erproben und vertiefen die Kinder die kennen gelernten Übungen in Partner- beziehungsweise Kleingruppenarbeit eigenständig. Schließlich entwickeln die Schülerinnen und Schüler zunehmende Fachkompetenz für ihre jeweilige BRAIN-GYM ® -Übung, so dass Expertenteams festgelegt werden. Dabei übernehmen die einzelnen Kinder sowohl die Position des Beratenden und Helfenden, als auch die Position des Hilfen Annehmenden und Tipps Umsetzenden.

Im Hinblick auf die Forderungen der Richtlinien und Lehrplänen für die Grundschule in Nord-Rhein-Westfalen (2008) entwickeln die Schülerinnen und Schüler hiermit übergreifende Kompetenzen. Durch die zielgerichtete Auseinandersetzung mit den BRAIN-GYM ® -Übungen durch die anschließende Vermittlung dieser Übungen an Mitschüler nutzen sie die Ergebnisse ihrer eigenen Lernprozesse in neuen Lebens- und Lernsituationen. So lernen sie einerseits, fachliches Wissen und eigene Kenntnisse zu vermitteln, andererseits neue Erkenntnisse mit vorhandenen Kenntnissen und Mustern zu vergleichen, um zu neuen Bewertungen und Einschätzungen zu kommen (vgl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder des Landes Nordrhein-Westfalen, 2008, S. 13).

Die Anwendung dieses Konzepts der BRAIN-GYM ® -Übungen ist ein Beitrag zum Schulprogramm an dieser Grundschule, das zum jetzigen Zeitpunkt in den schulischen Alltag Integrierung findet und zukünftig weiterentwickelt wird. Eine nähere Schilderung im Hinblick auf die Weiterentwicklung dieses Konzepts wird im Ausblick dieser Arbeit gegeben (siehe Kapitel 5). Abschließend wird angemerkt, dass die Eltern der Schülerinnen und Schüler der Klasse 4a über die BRAIN-GYM ® -Übungen informiert werden. In Form eines Elternbriefes erhalten sie damit sowohl Transparenz zu dieser Konzeptentwicklung als auch die Möglichkeit Rückfragen einzuholen.

3 Kinesiologie

Es folgen zunächst einige wichtige Definitionen aus dem Bereich der Kinesiologie. Was wird genau unter dem Begriff Angewandte Kinesiologie verstanden? Welche Rolle spielt dabei die Edu-Kinestetik und wie definiert sich dieser Begriff? Wofür eignen sich die sogenannten BRAIN-GYM ® -Übungen? Im vorliegenden Kapitel werden derartige Fragen diskutiert.

3.1 Begriffsdefinitionen

Der Ursprung des Wortes Kinesiologie geht auf die beiden griechischen Wörter „kinesis“ (=Bewegung des menschlichen Körpers) und „logos“ (= Lehre), also Lehre von der Bewegung zurück (Gattiker 2001, S. 21).

Die Begriffprägung A ngewandte Kinesiologie kann auf Dr. George Goodheart, einem amerikanischen Chiropraktiker aus Detroit, zurückgeführt werden. Sie entstand Anfang des letzten Jahrhunderts, nachdem Goodheart sich mit der Erforschung eines Zusammenhangs von Stress und Muskeln im menschlichen Körper befasste (vgl. Decker 1999, S. 93). Inzwischen hat sich dafür der Begriff Kinesiologie eingebürgert.

Der Begriff Edu-Kinestetik bezeichnet einen Teilbereich der Kinesiologie und ist der eingedeutschte Begriff für Educational Kinesiology.

Der Ursprung des Wortes Edu-Kinestetik leitet sich von dem lateinischen Wort „educere“ (heranholen) und vom griechischen Wort „kinesis“ ab und bedeutet die Erziehung der Bewegung (vgl. Bäcker/Decker 1998, S. 10). Hierbei handelt es sich um eine Verschmelzung von Kinesiologie und Lerntheorie, d. h. um eine spezifische Ausrichtung für den pädagogischen beziehungsweise schulischen Bereich (vgl. Dennison 1999, S. 22ff). Nach Dennison (2006, S. 91) bezeichnet die Edu-Kinestetik zudem „die Anwendung verschiedener kinetischer Muster (= Bewegungsmuster) auf die Erforschung der rechten und der linken Gehirnhälfte mit dem Ziel, Stress zu unterbinden und das volle Lernpotential zu verwirklichen“.

Goodheart erarbeitete 1964 ein Testverfahren, um vom Muskelzustand Rückschlüsse auf körperliche beziehungsweise seelische Zustände des Menschen beziehungsweise auf dessen Gehirnfunktionen ziehen zu können. Mit bestimmten Methoden und Bewegungen lassen sich anhand dieses Muskeltests[1] die entstandenen Blockaden wieder lösen.

Im Rahmen der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern hat der Muskeltest keine Anwendung gefunden, da er hauptsächlich zu therapeutischen Zwecken genutzt wird und ausschließlich von in diesem Bereich ausgebildeten Personen durchgeführt werden sollte. Weitere Informationen findet der interessierte Leser unter anderem bei Förder/Neuenfeld (2002, S. 136ff). Der im Hinblick auf das entwickelte Konzept relevante Teilbereich – die Edu-Kinestetik – wird im Folgenden näher erläutert.

3.2 BRAIN-GYM®, oder Edu-Kinestetik

Die Bewegungsübungen aus der Edu-Kinestetik stammen ursprünglich aus dem indischen Yoga und dem chinesischen Tai Chi. Der englische Begriff BRAIN-GYM ® bedeutet so viel wie Gehirnturnen beziehungsweise -gymnastik oder Lerngymnastik. Diese erziehende Bewegungslehre geht auf das Ehepaar Dr. Paul und Gail Dennison zurück, die in den 70er Jahren die Bewegung als das „Tor zum Lernen“ (Bäcker/Decker 2002, S. 97) erklärten und damit einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Bewegungsablauf und Persönlichkeit, zwischen Körper und Lernen herstellten. Ziel dieser Methode ist es, die im Gehirn verborgenen, nicht genutzten Potentiale und Fähigkeiten durch die bestimmten Bewegungsübungen, die BRAIN-GYM ® -Übungen, freizusetzen. Ein Lernen durch Bewegung ist somit einer der Grundsätze der Kinesiologie, um so einen optimalen Einsatz beider Gehirnhälften, den so genannten Links-Rechts-Verbindungen, anzubahnen (vgl. Bäcker/Decker 2002, S. 97).

Es gibt insgesamt etwa 30 Übungen, die besondere Wirkung auf das Lernvermögen haben. Im Hinblick auf die Durchführung des Konzepts erfolgte eine entsprechende Modifizierung der BRAIN-GYM ® -Übungen für die oben angegebenen Lerngruppe (Kap. 2.1). Demnach wurden die Übungen in ihrer Anzahl so reduziert, dass sich daraus eine gleiche Anzahl von Bewegungsbalancen einerseits beziehungsweise von Entspannungsübungen andererseits ableitete.

[...]


[1] Der Muskeltest ist das diagnostische Werkzeug der Kinesiologie. Er zeigt die Ursachen körperlicher wie seelischer Störungen an und ist die Basis jeder Therapie (vgl. Bäcker/Decker 2002, S. 21f).

Details

Seiten
51
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640322206
Dateigröße
8.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125740
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Entspannungsübungen Bewegungsbalancen Konzentrationsförderung Beispiel Edu-Kinestetik Grundschule
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Titel: Entspannungsübungen und Bewegungsbalancen zur Konzentrationsförderung am Beispiel der Edu-Kinestetik in der Grundschule