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Die Vereinigung südostasiatischer Nationen

Ein Beispiel für einen eigenständigen regionalen Sicherheitskomplex?

Studienarbeit 2008 16 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Theorie des Regionalen Sicherheitskomplexes

III. Analyse der ASEAN-Region
a. Regionale Akteure
b. Beziehungen zwischen den regionalen Akteuren
c. Merkmale der regionalen Struktur

IV. Die ASEAN – ein eigenständiger regionaler Sicherheitskomplex?

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die ,,Association of Southeast Asian Nations“[1] hat ihre Auffassung von Sicherheit in den verschiedenen Erklärungen und Verträgen seit ihrer Gründung im Jahre 1967 nur vage formuliert und lässt infolgedessen einen großen Spielraum für wissenschaftliche Interpre­tationen.

Barry Buzan und Ole Wæver gehen in ihrem Werk ,,Regions and Power“ davon aus, dass sich in Asien nach dem Zweiten Weltkrieg drei regionale Sicherheitskomplexe[2] etablierten und diese während des gesamten Kalten Krieges existierten. Sie unterteilen den ,,Asian Supercomplex“ in den ,,South Asian RSC“, ,,Southeast Asian RSC“ und den ,,Northeast Asian RSC“.[3] Dem ,,South Asian RSC“ gehörten zur Zeit des Ost-West-Konflik­tes die Länder Indien, Pakistan, Bangladesch, Sri Lanka und Bhutan an. Zum ,,Southeast Asian RSC“ zählen Buzan und Wæver die Philippinen, Thailand, Kambod­scha, Laos, Vietnam, Malaysia, Singapur, Indonesien und Brunei. In diesem regionalen Sicherheitskomplex unterscheiden sie zwischen dem ,,kommunistischen Lager“ (Vietnam, Laos, Kambodscha) und dem ,,antikommunistischen Lager“ (ASEAN-Gruppe).[4] Die Staa­ten China, Japan, Taiwan, Nord- und Südkorea ordnen sie dann dem ,,Northeast Asian RSC“ zu. Die spezielle Rolle der ,,Isolator-/Pufferstaaten“ zwischen den regionalen Si­cherheitskomplexen nehmen ihrer Meinung nach Nepal, die Mongolei, Afghanistan und Myanmar ein.[5] Allerdings waren alle drei asiatischen RSC während des gesamten Kalten Krieges nicht autark, sondern wurden stark vom globalen System beeinflusst.[6]

Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung der Theorie des Regionalen Sicherheitskomp­lexes für die ASEAN-Region darzustellen und kritisch zu hinterfragen. Ausgehend von einer kurzen Darstellung der Merkmale des Regionalen Sicherheitskomp­lex-Ansatzes soll eine Betrachtung der ASEAN-Region im Zeitraum des Ost-West-Konf­liktes vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu den ASEAN-Beschlüssen von Singapur 1992 möglich werden. Die Kategorien der Analyse bilden die regionalen Akteure, die Be­ziehungen zwi­schen ih­nen und die strukturellen Merkmale der Region. Abschließend wird die Frage zu klären sein, inwieweit die südostasiatischen Nationen in diesem Zeit­raum ei­nen eigenständigen regionalen Sicherheitskomplex dargestellt haben.

II. Die Theorie des Regionalen Sicherheitskomplexes

Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes erhielten Regionen, die zuvor aufgrund der pri­mären Betrachtung des globalen Systems fast vergessen waren, eine verstärkte Aufmerk­samkeit in den wissenschaftlichen Analysen der Internationalen Beziehungen.[7] Schon 1983 hatte Barry Buzan in seinem Werk ,,People, States and Fear“ die Grundlagen für die Theo­rie des Regionalen Sicherheitskomplexes gelegt.[8] Ursprünglich entstammte dieser Theoriean­satz der neorealistischen Tradition, wurde aber in den folgenden Jahren durch die Mitarbeit von Ole Wæver und Jaap de Wilde durch uni­versalistische, institu­tionalistische und konstruktivistische Elemente erweitert.[9] Ziel der Theorie von Buzan, Waever und de Wilde ist es, eine Region mit Hilfe des regionalen Sicherheitskomplexes, der als Analyse­rahmen fungiert, systematisch zu erfassen.[10]

Wer sind aber nun die bestimmenden Akteure im regionalen Sicherheitskomp­lex? Grundsätzlich sind nach Buzan Staaten die primären Akteure, jedoch können auch nichtstaatliche Akteure auf den Sicherheitskomplex Einfluss nehmen.[11] Die Staaten werden erstens in Bezug auf ihre Größe, geographische Lage, Ge­schichte, Ideologien, politische Zusammensetzung und Kultur unterschieden.[12] Aus diesen Merkmalen ergeben sich dann für Bu­zan verschiedene Typen von Staaten, wie dem ,,nation-state, state-na­tion, part-nation-state, multination-state“[13]. Eine zweite Kategori­sierung der Akteure ergibt sich für Buzan aus der Betrachtung der Machtverhältnisse, wobei sie grund­sätzlich zwischen ,,starken“ und ,,schwachen“ Staaten unterscheiden.[14] Infolgedessen erge­ben sich erneut unterschiedliche Arten von Staaten. Ein Staat, der in der Lage ist, überall auf der Welt politisch und militärisch einzugreifen, wird dementsprechend als ,,Supermacht“ be­zeichnet.[15] Akteure, die da­gegen nur in begrenzten Regionen eine ent­schei­dende Rolle spie­len, werden als ,,Regionalmächte“ bezeichnet. Mächte, die zwischen der ,,Supermacht“ und den ,,Regionalmächten“ stehen und auf lange Sicht durch ihre guten ökonomischen und militärischen Voraussetzungen den Sprung zur Supermacht schaffen können, werden als ,,Großmächte“ bezeichnet. Aber die souveränen Nationalstaaten sind nicht autark von der Struktur des inter­nationalen Systems, sondern sind in die globalen Si­cherheitsdependenzen eingebunden. Dies bringt Buzan zur der Annahme, dass das internationalen System von dem Grundprinzip der Anarchie, was für sie nicht Chaos, son­dern die Abwe­senheit einer über­geordneten Regierung bedeutet, geprägt ist.[16]

Sind infolge der Anarchie nun auch die Beziehungen zwischen den Akteuren von einem anar­chischen Zustand gekennzeichnet? Die Interaktionen zwischen den Mitgliedern beruhen auf dem von Buzan so bezeichneten ,,Freund-Feind-Schema“. Unter Freundschaft versteht Buzan: ,,[…] relationships ranging from genuine friendship to expectations of protection or support.“[17] Feindschaft dagegen ist für ihn: ,,[…] relationships set by suspi­cion and fear.“[18] So können die Beziehungen der Mitglieder zwischen verschiedenen Stu­fen, die von Chaos bis zur Integration reichen, variieren.[19] Außer­dem zeichnen sich die Beziehungen dadurch aus, dass es innerhalb des Sicherheits­komple­xes mehr Interdepen­denzen gibt als außerhalb.[20] Ein weiteres wichtiges Element in den Beziehungen der handeln­den Akteure ist die ,,Securitization“. Sie ist die ,,politische Konstruktion einer Si­cherheitsfrage“[21] und be­schreibt die Gefahr, die ein Sachverhalt für verschiedene Subsys­teme des Staates darstellt. Nach der Theorie des Regionalen Sicher­heitskomplexes gibt es militärische, gesellschaftli­che, wirt­schaftliche, politische und öko­logische Subsysteme (Sektoren).[22] Diese Aufteilung ermög­licht es dem Akteur, die Gefahr genauer zu erkennen und entsprechend zu handeln. Man kann aber erst von ,,Securitization“ sprechen, wenn die Sicherheitsfrage eine be­stimmte Grenze bei den Teilnehmern überschritten hat.[23] Im Mittel­punkt der Beziehungen der Akteure steht also die Sicher­heit, die das Überleben eines Staates angesichts einer lebens­bedrohlichen Gefahr darstellt.[24]

Wie erfolgt nun die Zuordnung eines Staates zum Sicherheitskomplex, und ist der regionale Sicherheitskomplex Wandlungen unterworfen? Ob ein Staat sich zu einem RSC zugehörig fühlt, ist von verschiedenen Einflüssen wie ,,Kultur, Ge­schichte, religiösen Tradi­tionen und kollektiven Identitäten“[25] abhängig. Grundsätzlich aber kann ein Staat, mit Ausnahme von ,,insulator states“, nur einem Sicherheitskomplex angehören.[26] Gerade durch die geographische Nähe schließen sich Staaten zu­sammen, da Sicherheitsfragen in einer Region voneinander abhängen und auf geringeren Distanzen stärkere Gefahren entfalten als auf langen geographischen Entfernungen.[27] Außerdem unterscheidet Buzan Sicher­heitskomplexe in die drei verschiedenen Typen Standard-Sicherheitskomplexes, Zentrier­ten-Sicherheitskomplexes und Superkomplex.[28] Eine weitere zentrale Aussage des Ansat­zes ist, dass regionale Sicherheitskomplexes nicht statisch sind, son­dern durch Interaktio­nen der Akteure oder durch externe Transforma­tion in ihrer Struktur geändert werden kön­nen.[29] Fremde Mächte können einen Sicherheits­komplex durch ,,overlay“ (wenn eine Super­macht/Großmacht die Region komplett über­deckt) oder durch ,,penetration“ (wenn die Einmischung der Supermacht/Großmacht nur vorüberge­hend ist) be­einflussen.[30]

[...]


[1] Im weiteren Verlauf wird ,,Association of Southeast Asian Nations“ mit ASEAN abgekürzt.

[2] Regionaler Sicherheitskomplex wird zum Teil mit RSC (Regional Security Comp­lex) abgekürzt.

[3] Vgl. Barry Buzan/ Ole Wæver: Regions and Power. The Structure of International Security, Cambridge 2003, S. 93-143, hier S. 98.

[4] Vgl. ebd., S. 134.

[5] Vgl. ebd., S. 97-100.

[6] Vgl. ebd., S. 96.

[7] Vgl. Andrew Hurrell: One World? Many Worlds? The Place of Regions in the Study of International So­ciety, in: International Affairs 83 (2007) 1, S. 131.

[8] Vgl. Barry Buzan: People, States and Fear. The National Security Problem in International Relations, 1. Auflage, Brigh­ton 1983.

[9] Vgl. Matthias Heise: Die Renaissance der Regionen. Neue Ansätze in den Theorie der Internationalen Bezie­hungen: Regionaler Sicherheitskomplex und Regionale Ordnungen, Bern u.a. 2008, S. 69.

[10] Vgl. Barry Buzan/ Ole Wæver/ Jaap de Wilde: Security. A New Framework for Analysis, Boulder/ London 1998, S. 9, in: Google Scholar, <http://scholar.google.de/scholar?hl=de&lr=&cluster=2195167382902086360> am 26.7.2008.

Es werden in der Analyse vier verschiedene Ebenen unterschieden: innerstaatliche Ebene, regionale Ebene, interregionale Ebene und globale Ebene, vgl. dazu: Barry Buzan: People, States and Fear, op. cit., S. 225f.

[11] Vgl. Barry Buzan: People, States and Fear, An Agenda for International Security Studies in the Post-Cold War Era, 2. Auflage, New York 1991, S. 58.

[12] Vgl. ebd., Kapitel 2 , hier S. 153.

[13] Ebd., S. 72-75.

[14] Vgl. ebd., 96-107.

[15] Vgl. zur Kategorisierung nach ,,Supermacht“, Großmacht“ und ,,Regionalmacht“: Barry Buzan/ Ole Wæ­ver: Regions and Power, op. cit., S. 34-37.

[16] Vgl. Barry Buzan: People, States and Fear, op. cit., S. 146-153, hier S. 148.

[17] Ebd., S. 189.

[18] Ebd., S. 190.

[19] Vgl. ebd., S. 218.

[20] Vgl. Matthias Heise: Die Renaissance der Regionen, op. cit., S. 49.

[21] Ebd., S. 52.

[22] Vgl. Barry Buzan/ Ole Wæver/ Jaap de Wilde, Security, op. cit., S. 22f.

[23] Vgl. Matthias Heise: Die Renaissance der Regionen, op. cit., S. 59

[24] Vgl. Barry Buzan/ Ole Wæver/ Jaap de Wilde, Security, op. cit., S. 24.

[25] Vgl. Matthias Heise: Die Renaissance der Regionen, op. cit., S. 68.

[26] Vgl. Barry Buzan/ Ole Wæver: Regions and Power, op. cit., S. 41.

[27] Vgl. Matthias Heise: Die Renaissance der Regionen, op. cit., S. 61.

[28] Vgl. Barry Buzan/ Ole Wæver: Regions and Power, op. cit., S. 55ff.

[29] Vgl. ebd., S. 53.

[30] Vgl. ebd., S. 61ff.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640312504
ISBN (Buch)
9783640316427
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125519
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Vereinigung Nationen Beispiel Sicherheitskomplex

Autor

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