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Der Völkermord in Ruanda 1994 - ein Resultat der malthusianischen Falle?

Seminararbeit 2009 20 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die genuine Irrationalität des Menschen

2. Chronologie des Genozids seit der Unabhängigkeit

3. Die Theorie von Thomas Robert Malthus
3.1 Das Bevölkerungsgesetz
3.2 Die Transferierbarkeit der Theorie auf Ruanda

4. Die politische Instrumentalisierung der Ethnie
4.1 Das schicksalhafte Vermächtnis der Kolonialmächte
4.2 Instrumentalisierte Differenzen

5. Soziale Ursachen
5.1 Ökologie, Bevölkerungswachstum und das Nahrungsproblem
5.2 Soziale Ungleichheit
5.3 Vergiftetes soziales Klima

6. Malthus’ Theorie und Ruandas Realität

Anhang

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Die genuine Irrationalität des Menschen

Descartes, Voltaire, Rousseau, Kant – die Liste der Philosophen und aufklärerischen Denker, welche die Vernunft des Menschen pointieren, ist lang. Viel länger ist bedauerlicherweise die Liste jener Taten, die noch weit über das hinausgehen, was Thomas Hobbes mit dem menschlichen Naturzustand eines „Krieges aller gegen alle“ beschrieb.

Das Jahr 1994 spiegelte gleich beide menschliche Facetten wider: Zum einen wurde in Südafrika die Apartheid überwunden und im Zuge dessen Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident des Landes vereidigt, zum anderen fand in Ruanda ein Genozid statt, bei dem die Welt ohne nennenswerte Intervention zusah, wie innerhalb weniger Wochen circa

800.000 Menschen ums Leben kamen. „Sie töteten, töteten und töteten, bis sie vom Töten müde geworden. Das Blut spritzte, floss am Boden als rote Schlammasse. Es waren so viele Leichen, dass du die deines eigenen Sohnes nicht hättest herausangeln können. Am Abend gingen sie dann nach Hause.“[1] – so berichtete ein Überlebender eines Massakers in der Kirche von Gishamvu im Mai 1994.

Selbst wenn er rational kaum erklärbar scheint, ist es wichtig, die Ursachen des Genozids zu verstehen, um das Wissen in der Hand zu haben, derartige Vorkommnisse in Zukunft verhindern zu können. Die vorliegende Arbeit widmet sich ebenfalls der Frage nach den Ursachen, wobei im Zentrum die Überlegung steht, inwiefern die Theorie von Thomas Robert Malthus hierfür zur kausalen Erklärung herangezogen werden kann. Zuerst sollen jedoch die Ereignisse im Überblick chronologisch seit der Unabhängigkeit Ruandas dargestellt werden. Dann folgt die Skizzierung der Theorie Malthus’, wobei der Schwerpunkt auf der Darstellung des Bevölkerungsgesetzes und seiner Transferierbarkeit auf Ruanda liegt. Im nächsten Punkt werden weitere Faktoren, diesmal auf politischer Ebene, herangezogen, wobei es hier vor allem um die Relikte der Kolonialzeit und dessen Wirken bis tief in die Gegenwart geht sowie um ethnische Differenzen, die politisch instrumentalisiert wurden. Auch wenn es der primäre Anspruch der Arbeit ist, auf die sozialen Ursachen des Genozids einzugehen, darf der Teil zu den politischen Faktoren auf keinen Fall vernachlässigt werden, da sich gerade hier durch die Nutzung sozialer Gegebenheiten seitens der Machthaber eine interessante Überschneidung von Politik und Gesellschaft ergibt. Auf weitere soziale Aspekte wird im darauf folgenden Punkt eingegangen. Hier soll auf die aus den ökologischen, bevölkerungsdynamischen, ungleichheitsdeterminierenden sowie das soziale Klima bestimmenden multikausalen Ursachen im gesellschaftlichen Gefüge eingegangen werden. In diesem Zusammenhang wird ein Zwischenfazit bezüglich Malthus’ Aktualität gezogen. Dann folgt das endgültige Fazit, in dem konstatiert wird, ob der Genozid wirklich ein Resultat der malthusianischen Falle war und welche weiteren Ursachen für die Erklärung der wohl genuin im Menschen angelegten Irrationalität, die sich exemplarisch am Genozid in Ruanda 1994 manifestierte, zutreffen.

Das methodische Problem bei der Untersuchung von Entwicklungsländern (im Prinzip gilt das für jeden Kulturkreis) liegt im Ethnozentrismus, einer auf das eigene Volk zentrierten Sichtweise, die stets nur die eigene Kultur zum Bewertungsmaßstab für die Beurteilung anderer Kulturen macht. Eine spezielle Form dessen ist der Eurozentrismus, der fremde Kulturen nach der Annäherung an die eigene als höchsten Maßstab betrachtete Kultur bewertet. Ein weiteres Problem ist der Begriff der Ethnie. Will man den Genozid unter Rückgriff auf den Begriff des ethnischen Konfliktes erklären, ergibt sich in der Konsequenz dessen, dass die Existenz von Ethnien apriorisch vorausgesetzt wird und „ […] dem Bedürfnis entgegenkommt, nicht nur die eigene Welt, sondern auch den Rest der Welt durch Akte der Grenzziehung, die Gleiches und Anderes klar und zuverlässig scheidet, in eine binäre Ordnung zu bringen.“[1] Mit dem Begriff der Ethnie wird daher nicht nur besonders vorsichtig umgegangen, sondern darüber hinaus wird auf ihn gleichfalls besonders eingegangen. Selbst wenn man jedoch die kritische Meinung des Autors teilt und Ethnien als letztlich nur konstruiert betrachtet, muss aufgrund der sozialen Tatsachen des Konfliktes vorerst von deren faktischer Existenz ausgegangen werden.

2. Chronologie des Genozids seit der Unabhängigkeit

Ruandas Bevölkerung besteht im Wesentlichen aus zwei großen Gruppen. Diese sind die Hutu mit einem Anteil von 85% an der Gesamtbevölkerung ebenso wie die Tutsi, die mit einem Anteil von 15% die Minderheit darstellen. Es existiert zwar noch eine weitere Gruppe, die Twa, welche aufgrund ihrer marginalen Bedeutung für den Genozid hier jedoch nicht weiter thematisiert wird.

Ruanda wurde 1962 unabhängig. Bereits im Vorfeld der näher rückenden Unabhängigkeit kämpften die Hutu darum, die Dominanz der Tutsi zugunsten eigener Vorherrschaft zu brechen. Es kam im Zuge dessen zu kleineren Übergriffen beider Seiten, die jedoch bald in einer verhängnisvollen Spirale aus gegenseitigen Vergeltungsschlägen kulminierten.[2] Letztendlich siegten die Hutu und töteten 1963 circa 20.000 Tutsi.[3] In Folge dessen flüchteten etwa eine Million Ruander, die meisten von ihnen Tutsi, in Nachbarländer.

1973 kam der Hutu-General Habyarimana durch einen Putsch an die Macht und beendete die Gewaltakte. Unter seiner Führung ging es dem Land 15 Jahre lang relativ gut[1], bis ein Wirtschaftsabschwung sowie ökologische Probleme seine Macht gefährdeten. So kam es Habyarimana wohl durchaus gelegen, dass Tutsi aus Uganda im Oktober 1990 in den Norden Ruandas eindrangen, denn in Folge dessen hatte er einen Vorwand, um Tutsi verhaften zu können.[2] Die Massenmorde von Tutsi an Hutu in Burundi mögen außerdem eine Rolle bei der sich weiter drehenden Spirale aus Gewalt und Vergeltung gespielt haben. Das Friedensabkommen von Arusha 1993 sollte durch eine Teilung der Macht und ebenso die Bildung einer Mehrparteienregierung die Gewalt beenden. Das Abkommen wurde allerdings von Habyarimana nahe stehenden Geschäftsleuten hintergangen, die circa 581.000 Macheten importierten, die sie mit klarer Intention an Hutu verteilen ließen[3]. Jene Macheten und darüber hinaus mit Nägeln bestückte Keulen wurden zu den primitiven, wenngleich auch äußerst tödlichen Symbolen eines ausufernden Aktes inhumaner Brutalität.

Eine weitere Zuspitzung erfolgte im April 1994, als die ruandische Präsidentenmaschine auf dem Flugplatz der Hauptstadt abgeschossen wurde. Es ist bis heute nicht genau geklärt, wer für diesen Anschlag verantwortlich ist, allerdings kann man mit recht hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es Hutu-Extremisten waren, denn es schien ihr Plan zu sein, nach Ausschaltung der gemäßigten Regierung selbst die Macht zu übernehmen.[4] Die treibenden Kräfte waren zunächst extremistische Kräfte aus der Armee, welche durch die Errichtung von Straßensperren sowie Verteilung von Waffen an Zivilisten eine organisierte Verfolgung der Tutsi betrieben. Wenn diese Zuflucht in öffentlichen Gebäuden suchten, kam es oft zu Massakern mit hunderten oder tausenden Toten. Gemäßigte Hutu, welche dies verhindern wollten, wurden bedroht oder ebenfalls umgebracht. Darüber hinaus kam es zu zahlreichen Verstümmelungen und Vergewaltigungen der Opfer.

Nach sechs Wochen waren Schätzungen zufolge circa 800.000 Tutsi getötet worden, was etwa drei Viertel dieser Gruppe im Land entspricht.[5]

International wurde der genozidale Bürgerkrieg kaum beachtet und auch nicht ernst genommen. Mit einem Beschluss vom UN-Sicherheitsrat Ende April 1994 wurde ein Großteil von den ursprünglich 2.500 eingesetzten Blauhelm-Soldaten aus dem Land abgezogen.[6] Der Völkermord fand erst ein Ende, als die aus Exil-Tutsi bestehende Ruandische Patriotische Front (RPF) die extremistische Hutu-Regierung stürzen konnte.[1]

Im Folgenden soll es darum gehen, kausale Erklärungen für jene Chronologie des Grauens in Ruanda zu finden, zuerst soll dies auf Grundlage des theoretischen Modells des Briten Thomas Robert Malthus geschehen.

3. Die Theorie von Thomas Robert Malthus

Thomas Robert Malthus (1766-1834) gilt als ehr einflussreicher und bedeutender, aber ebenfalls oft missverstandener Denker. Einige, darunter William Petersen, sehen ihn als „founder of modern demography“[2]. Grundlegend für seine Theorie des Bevölkerungsgesetzes ist die Schrift „Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz oder eine Untersuchung seiner Bedeutung für die menschliche Wohlfahrt in Vergangenheit und Zukunft, nebst einer Prüfung unserer Aussichten auf eine künftige Beseitigung oder Linderung der Übel, die es verursacht“ aus dem Jahre 1798. Bevölkerungsprobleme, wie sie in Entwicklungsländern häufig bestehen, werden als malthusianisch bezeichnet, weil dessen Grundaussage, dass das Bevölkerungs- wachstum die Nahrungsmittelproduktion überfordert, hier zuzutreffen scheint.[3]

3.1 Das Bevölkerungsgesetz

Das malthusianische Bevölkerungsgesetz basiert auf zwei apriorischen Teilprinzipien. Diese beiden zusammenwirkenden sind die Entwicklung der Bevölkerung und die Entwicklung der Nahrungsproduktion. „Population, when unchecked, increases in a geometrical ratio. Subsistence increases only in an arithmetical ratio.“[4] Das auf diese Weise zustande kommende Bevölkerungsgesetz besitzt für Malthus den Rang eines Naturgesetzes, denn „Man cannot escape a law that applies to the whole of nature.“[5] Die Bevölkerung wächst also exponentiell, die Nahrungsproduktion hingegen nur linear. Malthus verdeutlicht das an folgendem Beispiel[6]: Er geht von einer Bevölkerung von 11 Millionen aus, die zunächst genug Nahrung für sich produzieren kann. In 25 Jahren verdoppelt sich die Bevölkerung, die zunächst ebenfalls ihre Nahrungsmenge verdoppeln kann. Nach weiteren 25 Jahren tritt jedoch die Differenz zwischen exponentiellem und linearem Wachstum zutage: Während es nun 44 Millionen Menschen gibt, existieren nur Nahrungsmengen für 33 Millionen von ihnen.

[...]


[1] Zayasi Kanamugere, zitiert in: Marx, Jörg: Völkermord in Rwanda. Zur Genealogie einer unheilvollen Kulturwirkung – Eine diskurshistorische Untersuchung. = Demokratie und Entwicklung Band 25. LIT Verlag, Hamburg 1997, S. 3

[1] Marx, Völkermord in Rwanda, S. 98

[2] Vgl. Diamond, Jared: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 391

[3] Vgl. ebd.

[1] Vgl. Diamond, Kollaps, S. 391

[2] Vgl.ebd., S. 392

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd., S. 394

[6] Vgl. Hasenclever, Andreas: Die Macht der Moral in der internationalen Politik. Militärische Interventionen westlicher Staaten in Somalia, Ruanda und Bosnien-Herzegowina. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2001, S. 289

[1] Vgl. Telöken, Stefan u.a.: Zur Lage der Flüchtlinge in der Welt. UNHCR-Report 1997-98, Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger, Bonn 1997, S. 21

[2] nach dem Buchtitel von Petersen, William: Malthus. Founder of modern demography. Transaction publishers, New Brunswick/New Jersey 1999

[3] Vgl. Diamond, Kollaps, S. 388

[4] Petersen, Malthus, S. 47

[5] ebd.

[6] Vgl. Malthus, Thomas Robert: Eine Abhandlung über das Bevölkerungsgesetz. Band 1, Verlag Gustav Fischer, Jena 1905, S. 21

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640311125
ISBN (Buch)
9783640310098
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125465
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Soziologie und Demographie
Note
1,3
Schlagworte
Völkermord Ruanda Resultat Falle Soziologie Entwicklungsländer Malthus

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