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'Vor dem Gesetz' - Jacques Derridas Kafka-Lektüre

Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Der Text

I Hinführung: Kafka, ′postmodern′

II Derridas Lektüre von "Vor dem Gesetz"
II.1 Die Schrift und die différance
II.2 "Dekonstruktion" – eine Negativitätsästhetik
II.3 Zur Methodik
II.4 Die Kerngedanken – rote Fäden in Derridas Text
II.4.1 Der "axiomatische Konsens" – das ′Gesetz der Literatur′
II.4.2 Allgemeinheit des Gesetzes der Literatur vs. Individualität des literarischen Textes, Allgemeines vs. Besonderes
II.4.3 Gesetz und Narration
II.4.4 Die differánce
II.4.5 Die Selbstreferenzialität der Erzählung
II.4.6 Die Rolle des Titels und des Anfangs
II.4.7 "Vor dem Gesetz" als Prototyp von Literatur

III Zur Bewertung

Literaturverzeichnis

0 Der Text

VOR DEM GESETZ

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich,« sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor ins Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schluß sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.«Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle streben doch nach dem Gesetz,« sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«

(Franz Kafka: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen. München/Leipzig 1919 (recte 1920), S.49-56)

I Hinführung: Kafka, ′postmodern′

Am Beispiel Kafka als einem von der Literaturwissenschaft exzessiv beackerten Feld können sich in einer Synopse der vorliegenden Forschungsarbeiten zu einem bestimmten Text besonders deutlich die unterschiedlichen Ansätze und Methoden zeigen, wie sie im Rahmen der die jeweilige Zeit prägenden Paradigmen verortet sind, und ihre Grenzen, die gerade beim Sich-Abmühen an Kafka deutlich werden. "Vor dem Gesetz", ein besonders häufig traktierter Text, kann dazu als Musterbeispiel dienen.[1]

Der hermeneutischen Tradition verpflichtete Interpretationen stiften "von einer dominant gesetzten Ebene kulturell gesicherten Wissens der Biographie, der Geschichte, der Epoche, der literarischen Gattung usw." eine (meist religiöse oder im weitesten Sinn existenzphilosophische) Gesamtdeutung.[2] Bereits in den 1970-ern rückte aber das Unbestimmbare in Kafkas Texten in den Mittelpunkt des interpretativen Interesses und wurde ausdrücklich thematisiert. Statt Rätsel auflösen zu wollen, kam die Kafka-Forschung zu der Einsicht, dass die Unbestimmbarkeit weniger auf der Referenzebene des Textes liegt als vielmehr in seiner eigenen Struktur. Damit geriet der Interpretationsprozess selbst in den Fokus. Es lag nahe, "Vor dem Gesetz" (und die Exegese dieses Textes im Romankontext des "Proceß", wo er als so genannte ‘Türhüterlegende’ auftritt) dabei als Gleichnis für Verstehen und Deuten im Allgemeinen zu lesen, den Text zugleich als Illustration und Konstruktion deutungstheoretischer Einsichten. "[P]ostmoderne[...] Theorieansätze", wie sie Klaus-Michael Bogdal nennt, spitzen diese Beobachtungen zu und bestreiten "radikal eine substantiierbare Sinnhaftigkeit".[3] Sie unternehmen keine Anstrengungen mehr, einen Sinn aus dem Text herauszudestillieren: seine Rätselhaftigkeit wird als selbstverständlich akzeptiert, ja geradezu zelebriert. Bedeutungen sind nach diesen Ansätzen nichts Festes, sondern in ständigem Fluss; die Struktur, die Topographie ist in andauernder Bewegung und wird von einem "sich ständig transformierende[n] Sinn"[4] durchlaufen.

Jaques Derrida ist einer der Vordenker in diese Richtung. An seiner Arbeit "Préjugés" zu "Vor dem Gesetz" wird der Paradigmenwechsel von 'Sinnsuche' zu 'Sinnbestreitung' in der literaturtheoretischen Praxis besonders deutlich, sein Text über Kafkas Text ist zu einem Musterbeispiel für so genanntes ′dekonstruktives′ Lesen und Textverständnis und dessen Selbstentwicklung aus einem Primärtext geraten.

II Derridas Lektüre von "Vor dem Gesetz"

II.1 Die Schrift und die différance

Um Derridas Kafka-Lektüre nachvollziehen zu können, sollen zuerst die zentralen philosophisch-semiotischen Theoreme zusammengefasst werden, die sie fundieren.

Deren Zentrum bilden die Begriffe ′Schrift′ und ′ différance ′. Derridas Konzeption der Schrift radikalisiert und transformiert den Begriff der langue beim Begründer der modernen (strukturalen) Linguistik, Ferdinand de Saussure. Für Saussure hat die parole, die gesprochene Sprache, Vorrang vor der langue, dem Sprachsystem, das die parole aktualisiert. In der parole verweist ein Subjekt mittels eines Zeichens, eines Signifikanten, auf ein Bezeichnetes, ein Signifikat. Da die gesprochene Sprache aber flüchtig ist, ein Zeichen jedoch immer wiederholbar sein muss, spricht Derrida vom Schriftcharakter des Signifikanten, vom Primat der Schrift, in der die Zeichen fixiert sind: in jedem Zeichensystem muss, damit er funktionieren kann, ein gleichsam Schriftliches existieren.

Ein Zeichen, bemerkt schon Saussure, hat eine wesentlich paradoxe Struktur: es beinhaltet eine Gegenwart, die es nicht selbst ist, es schiebt die Präsenz der das Zeichen aussendenden Subjektivität und der Wirklichkeit des Bezeichneten räumlich und zeitlich auf. Die Vorstellung der Beziehung eines Signifikanten auf ein Signifikat und ein Subjekt, die jenseits des Zeichensystems liegen und dort präsent sind, lehnt Derrida aber als von der (präsenz)metaphysischen Tradition inauguriert ab. Er versucht die Paradoxie des Zeichens zu erklären, indem er im Zeichenmodell den Signifikanten privilegiert. Dieser steht nach Derrida innerhalb eines immanenten Verweisungszusammenhangs von weiteren Signifikanten; seine Bedeutung konstituiert sich allein in seiner Abhängigkeit von seinen Nebenzeichen, durch seine Stellung, durch seine Beziehung zu allen ihn umgebenden Zeichen. So entsteht ein Netz aus Signifikanten als Struktur ohne Zentrum. Bedeutung tritt nur innerhalb dieses Netzes hervor, nicht durch Verweis auf ein Innen im Sinne eines Audsdrucks (einer Subjektivität, einer subjektiven Intention) oder auf ein Außen im Sinne einer Referenz oder äußeren Realität. Das Ganze der Textur aus Signifikanten nennt Derrida ′Schrift′ (Schrift ist also bei ihm kein empirischer Titel).

Da ein Zeichen also seine Bedeutung nur durch die Differenzialität des Zeichensystems erhält, aber in verschiedenen Kontexten auftritt, kann ihm keine feste Bedeutung, kein konstantes Signifikat zugeordnet werden: seine Bedeutung differiert ständig – jede Iteration ist Alteration.

Was nun die Differenzen zwischen den Signifikanten stiftet, wird mit dem Neologismus "différance" bezeichnet. Die différance muss unter zwei Aspekten gesehen werden: halb aktivisch, halb passivisch. Sie bezeichnet zum einen das movens der Differenzierung, das, was die Bedeutung räumlich und zeitlich aufschiebt, die generative Tätigkeit des Differenzierens. Zum anderen ist die différance auch die Unterscheidung, Andersheit und Nicht-Identität der Signifikanten untereinander in einem System sowie eines Signifikanten, sobald er in einem anderen Kontext auftaucht: also das, was sie resultativ erzeugt.[5] Dieses Prinzip – ein ursprüngliches Ereignis, ohne dass es Ursprung wäre – liegt jenseits der Sprache, ist nur in Paradoxien zu umreißen (Derrida zieht eine Parallele zur negativen Theologie) und nur von den Effekten her zu verstehen.

II.2 "Dekonstruktion" – eine Negativitätsästhetik

Gegen Festschreibungen in ein fixes System will Derrida das in der différance gründende ′Spiel der Differenzen′ perpetuieren und Bedeutungen vervielfältigen, verschieben und transformieren, um die Festlegungen der traditionellen Metaphysik auf Präsenzen zu destabilisieren. Dieses Verfahren bezeichnet er als ′Dekonstruktion′.

Vom Gesichtspunkt der philosophischen Ästhetik aus kann dieses Paradigma – um die Klassifizierung als 'Methode' zu vermeiden – als eine Negativitätsästhetik betrachtet werden.[6] In einem dekonstruktiven Rahmen lässt sich die Besonderheit der Kunst als Sich-Besondern und die ästhetische Wirkung als Widerspruch, Zurückweisung und Negation konzipieren. Eine ästhetische Erfahrung besteht demnach in einem Verstehensversuch und seinem Scheitern, sie ist antiteleologisch.

Der Grund dafür liegt in der Struktur des sprachlichen Zeichens. Illustrieren lässt sich die dekonstruktive Auffassung davon mit Paul Valérys Diktum vom "Zaudern zwischen Laut und Bedeutung": die Signifikantenbildung subvertiert sich selbst wegen eines Materialüberschusses – das (literarische) Sprachmaterial ist mehr als Signifikant.

[...]


[1] siehe für neuere Ansätze: Klaus Michael Bogdal: (ed.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen zu Kafkas "Vor dem Gesetz". Opladen 1993.

Ein von Oliver Jahraus und Stefan Neuhaus herausgegebenes Reclam-Bändchen hat sich eine andere kurze Erzählung vorgenommen: "Kafkas 'Urteil' und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart 2002.

[2] Bogdal: "Das Urteil kommt nicht mit einemmal". Symptomale Lektüre und historische Diskursanalyse von Kafkas 'Vor dem Gesetz'. In: id. (ed.): Neue Literaturtheorien in der Praxis, S.43-63 (S.48).

[3] ibid., S.76.

[4] ibid., S.48.

[5] "Die différance ist das systematische Spiel der Differenzen, der Spuren von Differenzen, der Verräumlichung, mittels derer sich die Elemente aufeinander beziehen. Diese Verräumlichung ist die zugleich aktive und passive Herstellung der Intervalle, ohne die die ′vollen′ Ausdrücke nicht bezeichnen, nicht funktionieren würden (das a der différance weist auf jene Unentschiedenheit in bezug auf die Aktivität und Passivität hin [...])." (Jacques Derrida: Semiologie und Grammatologie. In: Postmoderne und Dekonstruktion, S.140-164 (S.151).)

[6] Die folgenden Ausführungen dazu nach Christoph Menke: Die Souveränität der Kunst. Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida. Frankfurt/M. 1988.

Details

Seiten
22
Jahr
1996
ISBN (eBook)
9783640308293
ISBN (Buch)
9783656448044
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125138
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Gesetz Kafka-Lektüre Kafka Derrida différance Differenz Poststrukturalismus Postmoderne neue Literaturtheorien Vor dem Gesetz

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Titel: 'Vor dem Gesetz' - Jacques Derridas Kafka-Lektüre