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Identitätskonstruktionen in 'Spieltrieb' von Juli Zeh

Diplomarbeit 2009 64 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Identitätsbegriff als integrativer Ansatz
2.1 Identität in der Spätmoderne
2.2 Rollentheorie
2.3 Kommunikation und Interaktion
2.4 Austauschtheorie
2.5 Individualpsychologie
2.6 Determinismus
2.7 Trieb

3 Interpretation
3.1 Ada
3.2 Alev

4 Schlussbemerkung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Text „Nichts ist schlimmer als Unversehrtheit“ hatte sich Juli Zeh um den Ingeborg-Bachmann-Preis 2004 beworben. Dieser Auszug aus Spieltrieb provozierte diametrale Einschätzungen in der Jury. Die ORF-Zusammenfassung der Kommentare ist überschrieben mit „Juli Zeh spaltet die Jury“1. Man könnte es treffender nicht sagen. Da meint Ursula März, die Erzählung habe einen „trivialen Kern“ und Heinrich Detering findet, „dass der Text auf allen Ebenen entweder frappierend clichéelastig oder überanstrengt ist“. Martin Ebel hält dagegen, es gäbe „recht Subtiles und gut Gemachtes zu bemerken“. Burkhard Spinnen würde den literarischen Realismus neu an Juli Zehs Werk festmachen und ihm imponiert ihre „intellektuelle Sinnlichkeit“ und „Risikofreude“. Nun sei dahingestellt, ob Juli Zeh in der Wahl dieses Auszuges eine glückliche Hand hatte, aber auch in den Kritiken im Feuilleton der großen Zeitungen spiegelt sich eine deutliche Zustimmung oder Ablehnung. Ulrich Greiner in der ZEIT hält Juli Zeh für „eine ganz ungewöhnlich begabte Schriftstellerin“ und meint sie „zeichnet mit Witz und Verstand ein helles Bild unseres dunklen Zeitalters“.2 Uwe Wittstock in der Welt beklagt, „dass sie es mit diesem hochfliegenden literarischen Vorhaben gar nicht so ernst meint, und dass die langen, überhitzten Reflexionen ihrer Figuren letztlich eher als Symptome der Epoche und nicht an deren Analysen zu verstehen sind“. Vor allem empfindet er es als Zumutung, „weshalb ein Leser unter diesen Voraussetzungen über hunderte von Seiten hinweg den weitgehend unoriginellen, wenig erhellenden Gedanken dieser Figuren folgen sollte“ und erachtet sie als „letztlich viel zu weitschweifig“.3 Festzuhalten bleibt, dass Juli Zehs Werk Gräben aufreißt, aus denen heraus sich ihre Anhänger4 und Gegner einen Kampf um Deutungshoheit liefern. In der Auseinandersetzung über seine Interpretation wird auch mit befremdenden Einschätzungen und persönlichen Verunglimpfungen gekämpft. Stefan Gärtner von Titanic hält Zeh für eine „apokalyptisch altkluge Angeberin und Schwallmadame“.5 Diese Art von Kritik gibt mehr über den Kritiker preis als über die Kritisierte.

Ein Unbehagen bleibt zurück bei dieser Zusammenschau. Oft werden höchst subjektive Statements als ernstzunehmende kritische Beiträge angeboten, denen man sich je nach Gusto anschließen kann. Selten findet man Begründungen, denen man anmerkt, dass sich der Beurteiler um Objektivität bemüht. Es ist verständlich, dass bei der Bewertung von Literatur letztendlich immer subjektive Kriterien durchschlagen, aber dennoch sollte idealtypisch Nachvollziehbarkeit angestrebt werden.

Wenn man fiktionale Literatur als Darstellung von innerem Erleben und äußerem Verhalten definiert, beschreibt man damit deren mögliche Form und Funktion. Mit der Festlegung auf diese Vorstellung von Literatur ist auch die Ausrichtung meiner Arbeit bestimmt. Sie wird sich am Erkenntnisinteresse der Psychologie als Wissenschaft orientieren, da diese den gleichen Gegenstand wie die Literatur hat: das innere Erleben und äußere Verhalten des Menschen.6

Die Literatur hat die Freiheit der Fiktion und kann über menschliches Erleben und Verhalten hinausgehen. In Spieltrieb ist dies aber nicht der Fall. Das Interesse am fast identischen Gegenstand ergibt sich für die Literatur und die Psychologie aus folgender Voraussetzung. Die menschliche Existenz spielt sich einerseits im individuellen Erleben einer Eigenwelt ab, einer Welt die bestimmt ist von bewussten und unbewussten Motivationen, Emotionen und Kognitionen. Andererseits bewegen wir uns als Individuen in einer biologischen und sozialen Außenwelt. Zwischen beiden Welten steht der Einzelne in einem Austauschverhältnis. Die Bedeutung dieses Austauschprozesses für die Interpretation des Romans zu klären, ist das Ziel meiner Arbeit. Mit diesem Ansatz ist auch ihre inhaltliche und formale Struktur vorgegeben. Es geht also im Folgenden um den Versuch, Einblicke in die Innenwelt der Charaktere des Romans zu gewinnen, dieses Bemühen wird durch die vorwiegend auktoriale Erzählsituation unterstützt bzw. erst möglich gemacht, und es geht um die Art der Austauschbeziehungen, die die Charaktere mit ihrer Außenwelt eingehen.

In einem Interview auf der Documenta 2007 meint Juli Zeh auf die Frage, „Was bedeutet Literatur für Sie persönlich?“7, dass zwischen der eigenen Wirklichkeit und der fiktional erzeugten „nicht wirklich“ ein Unterschied besteht. Also sollte ihr Roman auch den Kategorien zugänglich sein, nach denen wir unsere soziale Wirklichkeit konstruieren. Auch die fiktionalen Charaktere befinden sich in Handlungszusammenhängen, die denen möglicher Alltagserfahrungen der Leser gleichen. Natürlich können sie unserer Wirklichkeit sehr fern sein, aber ein Autor muss sich ihrer bedienen, um sich einem Publikum kohärent zu vermitteln. Es ist mit diesem Verständnis von literarischer Wirklichkeit legitim, sozialpsychologische Kategorien zur Interpretation eines Textes einzusetzen und ihn damit auf eine besondere Art zugänglich zu machen. Auch dies möchte ich in meiner Arbeit nachweisen.

Im Folgenden werden zunächst die theoretischen Grundlagen durch die Klärung sozialpsychologischer Begriffe gelegt. Diese beziehen sich auf formale als auch inhaltliche Aspekte von Austauschbeziehungen. Die so präzisierten Kategorien werden dann exemplarisch bei der Besprechung der wichtigsten Charaktere verwendet.

2 Der Identitätsbegriff als integrativer Ansatz

Der Begriff Identität wird inflationär verwendet. Damit läuft er Gefahr, als analytischer Terminus für die Interpretation von Texten unbrauchbar zu werden. Dennoch ist er aus folgenden Gründen eine sinnvolle Zugangsmöglichkeit zu Literatur. Es gibt gute Gründe, sich [...] für eine intensive Beschäftigung mit dem Identitätsthema zu entscheiden. Es enthält ein hohes zeitdiagnostisches Potential. Die gesellschaftliche Verbreitung, die dieses Thema erfahren hat, kann nicht als Indikator für ein gesichertes Terrain gesellschaftlichen Wissens gedeutet werden, sondern als Reak-tion auf Umbruch- Befreiungs- und Verlusterfahrungen. Es wird deshalb soviel von Identität gesprochen und geschrieben, weil innerhalb der gesellschaftlichen Durchschnittserfahrung nicht mehr selbstverständlich ist, was Identität ausmacht.8

Diese Einschätzung deckt sich mit der von Ulrich Greiner, der, wie eingangs erwähnt, den Roman für eine intelligente Reflexion des Zeitgeistes hält.

Des Weiteren integriert der Identitätsbegriff jene wissenschaftliche Modelle zur Erklärung von sozialem Verhalten, die sich für die Analyse von Literatur eignen. So kann z.B. die Theorie sozialer Rollen Erwartungshaltungen von Charakteren thematisieren und die damit verbundenen normativen Wirkungen für die Interpretation aufbereiten. Da sich Menschen, als auch Figuren, in einem Roman durch Rollenverhalten eine soziale Identität verschaffen, ist die Rollentheorie unverzichtbarer Bestandteil eines interpretatorischen Zugangs. Sie wird durch kommunikationstheoretische und sozialpsychologische Ansätze ergänzt.

2.1 Identität in der Spätmoderne

Identität bezeichnet einerseits die Einzigartigkeit einer Person, also die Merkmale, die sie objektiv von anderen unterscheiden und andererseits das subjektive Gefühl eines Selbst.9 Man kann diese Unterscheidung an den Begriffen Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung festmachen und so auf die mögliche Diskrepanz hinweisen, die sich bei diesen Prozessen ergeben kann. Sie bezieht sich damit auf die Vorstellung eines Fremdbildes, d.h. auf die Einschätzung des Einzelnen durch andere und auf die Vorstellung eines Selbstbildes, also auf „ein relativ beständiges, aber änderbares System von Erwartungen, Beurteilungen, Überzeugungen, Gefühlen und Wunschvorstellungen bezüglich der eigenen körperlichen, psychologischen und sozialen Merkmale.“10

Die Definition des Identitätsbegriffs kann sich auf die psychosoziale Entwicklung eines Einzelnen als auch prinzipiell auf menschliches Verhalten in seinen vielen Ausprägungen beziehen. Für die Analyse der adoleszenten Protagonistin Ada würde sich der entwicklungstheoretische Ansatz von Erik H. Erikson anbieten. Er definiert Identität wie folgt:

Das bewußte Gefühl, eine persönliche Identität zu besitzen, beruht auf zwei gleichzeitigen Beobachtungen: die unmittelbare Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, daß auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen.11

Er teilt den Ablauf des Lebens eines Menschen in bestimmte bedeutsame Segmente und schlägt ein kontinuierliches Stufenmodell vor, welches jeder Phase eine charakteristische psychosoziale Krise zuordnet. Die jeweilige Krise ist definiert durch den Konflikt zwischen Gelingen und Misslingen der besonderen Aufgabe, dem sich das Individuum ausgesetzt sieht.12 Folgende Gegensatzpaare kennzeichnen die Lebensabschnitte, die für die jugendlichen Charaktere in Spieltrieb relevant sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zentral für die Interpretation ist die fünfte Phase:

Jugendliche befinden sich in einer Phase tiefgreifender biologischer, psychischer und sozialer Veränderungen. Sie erleben, daß sie keine Kinder mehr sind, ohne daß bereits deutlich wird, was sie nun sind oder sein werden. ))Wer bin ich eigentlich?«, ist die Frage, die sich den Jugendlichen stellt. Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität. Sie müssen lernen, daß sie trotz aller Veränderungen, trotz der verschiedenen Lebensbereiche, in denen sie sich befinden (z.B. als Schüler oder Berufstätiger, als Sohn oder junger Mann, als Tochter oder junge Frau), stets sie ))selbst« sind. Gelingt es nicht, die verschiedenen Facetten des Selbst zur personalen Identität zu integrieren, spricht Erikson von Identitätsdiffusion. Solchen Personen mißlingt die Einordnung in die reale Welt. Sie verstecken sich vielleicht hinter Intoleranz oder Aggressivität oder sie fliehen in Sucht oder Suicid. Man könnte sagen: Wer nicht weiß, wer er ist, der weiß auch nicht, wohin er gehört.13

Die Protagonisten Ada und Alev entsprechen fast durchgängig nicht dem Bild, das man von Jugendlichen ihres Alters hat. Adas intellektuelle Möglichkeiten übersteigen bei weitem das Potential, das man bei einer 14-15-Jährigen erwartet. Alev ist durch sein bewegtes Leben gezeichnet und setzt seine Überlegenheit in ein perfides Spiel um. Beide kann man mit den Eriksonschen Kategorien nur ungenau erfassen.

Dies gelingt eher durch den Ansatz von Heiner Keupp u.a. in ihrer Darstellung von „Identitätskonstruktionen“14. Dieser Zugang versucht, der Identitätsarbeit des Einzelnen in der modernen Lebenswelt zu entsprechen. Damit bietet er das analytische Inventar, mit dem man sich in angemessener Weise den von Juli Zeh entfalteten Wirklichkeiten nähern kann.

Keupps Vorgehen konzentriert sich auf die Voraussetzungen, die es dem Individuum ermöglichen, in einer fragmentierten und widersprüchlichen Welt eine für sich stimmige Passung zu finden. Damit werden Konzepte zur Verfügung gestellt, die auch den Mikro-Bereich von Verhalten für Interpretation zugänglich machen. Er geht von folgendem Gedanken aus:

Die universelle Notwendigkeit zur individuellen Identitätskonstruktion verweist auf das menschliche Grundbedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Es soll dem anthropologisch als Mängelwesen bestimmbaren Subjekt eine Selbstverortung ermöglichen, liefert eine individuelle Sinnbestimmung, soll den individuellen Bedürfnissen sozial akzeptable Formen der Befriedigung eröffnen. Identität bildet ein selbstreflexives Scharnier zwischen der inneren und der äußeren Welt. Genau in dieser Funktion wird der Doppelcharakter von Identität sichtbar: Sie soll das unverwechselbar Individuelle, aber auch das sozial Akzeptable darstellbar machen.15

Hiermit beschreibt er das Dilemma, in dem sich die Protagonisten von Spieltrieb befinden und aus dem der Roman seine Dynamik schöpft. Er ist bevölkert von Charakteren, bei denen man den Eindruck hat, dass sie sich den Syntheseleistungen entziehen wollen, die mit Identitätsarbeit einhergehen. Die Distanz, die Juli Zeh ihren Charakteren in der Interaktion untereinander und auch in der Beziehung zum Leser verleiht, reflektiert die „Umbruchserfahrungen in den spätmodernen Gesellschaften“16, die für Keupp zentral zum Verständnis heutiger Identitätsarbeit sind.17 Die folgenden Bedingungen kennzeichnen diesen Zustand.

a) Individuen fühlen sich „entbettet“.

Verlässliche Traditionen und Umgebungen sozialer Kontrolle haben an Verbindlichkeit verloren und damit wird die individuelle Lebensführung Sache des Einzelnen. Dies kann als Chance begriffen werden, kann aber auch erheblichen Gestaltungsdruck erzeugen. Die Erfahrung dieser Verwerfung geht einher mit dem Auseinanderdriften individueller und kollektiver Lebensmuster. Bezogen auf die Grundkompetenzen, die Heranwachsende in einer posttraditionalen Gesellschaft benötigen, bedeutet dies, dass Tugenden der Anpassung an bestehende Verhältnisse als dysfunktional für das eigene Leben empfunden werden. „Die Schnittmuster, nach denen Menschen sich biographisch entwerfen und ihr Leben verwirklichen sollten, haben ihre Prägekraft verloren.“18

b) Fragmentierung von Erfahrungen

„Die wachsende Komplexität von Lebensverhältnissen führt zu einer Fülle von Erlebnis- und Erfahrungsbezügen, die sich aber in kein Gesamtbild mehr fügen.“19 Diese zunächst unverbundenen Erfahrungen erfordern vom Einzelnen in hohem Maße Passungs- und Koordinierungsarbeit. Die dabei gewählten Strategien kennzeichnen die Merkmale, in denen sich Persönlichkeiten unterscheiden. Das Bewusstsein dieser Fragmentierung wird verstärkt durch die Wirkung von virtuellen Welten, die Möglichkeiten bieten sich in Wirklichkeiten zu bewegen, die mit der vor Ort erfahrenen Wirklichkeit konkurrieren.

c) Veränderung des Zeitempfindens.

Durch die Schnelligkeit, mit der sich technische Innovationen überholen und das damit verbundene Wissen an Sinn einbüßt, empfindet sich der Mensch beschleunigt.

Die kulturellen Folgen dieser fortschrittsabhängig zunehmenden Ver-haltensgeschwindigkeit sind erheblich. In einer dynamischen Zivilisation nimmt die Menge der Zivilisationselemente zu, die noch gegenwärtig sind, aber über die sich schon die Anmutungsqualität der Gestrigkeit oder Vorgestrigkeit gelegt hat.20

d) Pluralisierung von Lebensformen und Milieus

Insbesondere am Beispiel der Vielfalt familiärer Lebensformen werden die Umbruchserfahrungen der Moderne deutlich. Die wachsende Zahl an Stieffamilien oder Patchworkfamilien bürdet allen Betroffenen erhebliche Anpassungsleistungen auf. Dazu kommt die Zunahme an unterschiedlichen Lebensmilieus, in denen sehr unterschiedliche Werte und Normen gelten. „Diese Milieus haben kaum Berührung und Schnittmengen, und in ihnen haben sich jeweils eigene Normalitätsstandards und Erlebnisansprüche ausgebildet.“21 Damit ist es dem Einzelnen kaum möglich, gültige Vorstellungen vom €guten» und €richtigen Leben» zu formulieren.

e) Individualisierte Formen der Sinnsuche

Die großen sinnstiftenden Systeme wie Kirchen oder politische Ideologien haben an Deutungskraft verloren. Sie stehen in Konkurrenz mit der Erfahrungsvielfalt des Einzelnen, der aus einer Vielzahl anderer Sinnstifter wählen kann. Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass die Sinnsuche als solche aufgegeben wird. Man kann eher vermuten, dass sie sich als anthropologische Konstante in anderen Formen äußert.

In diesen, durch Umbruchserfahrungen gekennzeichneten, Wirklichkeiten bewegen sich die Charaktere in Spieltrieb. Juli Zeh zeichnet durch deren Verhalten eine Umwelt der Spätmoderne, an der sich der Leser gedanklich reiben kann. Die Distanz, die sich in bedrückender Konsequenz als beherrschendes Lebensgefühl im Roman entfaltet, ist Teil unserer eigenen Wirklichkeiten und sollte damit zum Gegenstand unserer Betroffenheit werden.

Was nun kennzeichnet den Konstruktionsprozess von Identität? Wodurch wird er zur Herausforderung für den Einzelnen? Keupp u.a. gehen von folgenden Grundlagen aus:

a) Identitätskonstruktion besteht „in einer permanenten Verknüpfungsarbeit, die dem Subjekt hilft, sich im Strom der eigenen Erfahrungen selbst zu begreifen.“22

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

b) „Identität entsteht als Passungsprozess an der Schnittstelle von Innen und Außen.“23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

c) Identitätskonstruktion ist „Konfliktaushandlung“.24

Der Identitätsbegriff bei Keupp u.a. basiert auf einer dynamischen Konstruktion von Identität. Bestimmend ist, dass Konflikt nicht per se als destruktiv betrachtet wird, sondern dass bei dessen Verarbeitung konstruktive Selbsterfahrungen gemacht werden können, die den Einzelnen öffnen für neue Handlungen und Identitätsentwürfe. Diese Vorstellung von Identität betont, dass deren Konstruktion nicht Widerspruchsfreiheit anstrebt, sondern aus einem konfliktorientierten Spannungszustand heraus Ambiguität ertragen kann. Mit diesem Modell wird man identitätstheoretisch der komplexen Wirklichkeit des Romans gerecht.

d) Identität entsteht aus „Ressourcenarbeit“.25

Bei seiner Identitätskonstruktion greift der Einzelne auf materielles, kulturelles und soziales Kapital zurück. Letzteres entsteht in der sozialen Interaktion mit anderen im gegenseitigen Austausch von z.B. Anerkennung, Zeit und Unterstützung. Für den Zusammenhang dieser Untersuchung ist entscheidend, welche Möglichkeiten das Kapital aus Sozialbeziehungen für die eigene Identitätsarbeit öffnet.

Soziales Kapital bietet einen „Optionsraum“.

Die in meinem Netzwerk versammelten Personen bilden zugleich ein Netzwerk an möglichen Identitätsentwürfen und -projekten. Sie enthalten Vorbilder bzw. Spielvarianten biographischer Abläufe, die unter verschiedenen Aspekten eingeordnet werden können (ist ähnlich wie ich, ist ganz anders, so möchte ich sein, so möchte ich nicht werden etc.). Auch in spätmodernen Gesellschaften bietet das soziale Netzwerk einen herausragenden Anschauungsunterricht dafür, wie Identitätsentwürfe und -projekte entstehen, wie sie gelingen und wie sie scheitern können. Zum zweiten eröffnen die Netzwerke dem Subjekt Möglichkeitsräume für Identitätsentwürfe.26

Soziales Kapital ist die Grundlage für eine „soziale Relevanzstruktur“.

Die Entscheidung, welche identitätsrelevanten Perspektiven ich für meine Person zulasse, erfolgt stets in einem - oft impliziten - Aushandlungsprozeß im sozialen Netzwerk. Letzteres fungiert hierbei auch als Filter für die von den Massenmedien angebotenen <(Lebensstilpakete)) . Ob ich mich beispielsweise dafür entscheide, eine bestimmte Körpermode (ein bestimmtes Schlankheitsideal, ein bestimmtes Fitneßmodell usw.) zu einem Identitätsentwurf oder -projekt zu machen, hängt stark von der Bewertung durch signifikante Andere meines Netzwerks ab (insbesondere des Partners bzw. der Partnerin und der Peers). In sozialen Netzwerken entsteht ein (in seinen Grenzen heute oft unscharfes) Geflecht von Normalität, von <(In)) und <(Out)), von als <(cool)) bewerteter Abweichung bis hin zur mit negativer Sanktionierung verbundenen Ausgrenzung. Vor allem wird im sozialen Netzwerk etwas verhandelt, was für den gesamten Identitätsprozeß konstitutiv ist: soziale Anerkennung.27

Soziales Kapital ist eine „Bewältigungsressource“.

So fungieren soziale Netzwerke in Orientierungskrisen als Rückhalt und emotionale Stütze. Gerade wenn der Prozeß der Identitätsbildung durch innere Spannungen oder äußere Umbrüche kritisch wird, ist es eine Frage - hier - des sozialen Kapitals, über welche Möglichkeiten des <(Krisenmanagements)) ein Subjekt verfügt, weil ihm in seinem Netzwerk entsprechende Unterstützung zuteil wird oder umgekehrt entsprechende Ressourcen (Liebe, Anerkennung, Zugehörigkeit) entzogen werden.28

Bei der Interpretation von Spieltrieb sollte geklärt werden, welchen Status soziales Kapital für die Charaktere hat und für welche Zwecke sie es nutzen. Soziale Netzwerke haben gerade in modernen Gesellschaften nicht an Bedeutung verloren. Im Gegenteil, die zunehmende Vereinzelung erzeugt, wie in einer Negation ihrer selbst, Formen des gemeinschaftlichen Austauschs; die Einsamkeit am Computer löst sich in einer Vielzahl von Foren auf. Wenn es also eine evolutionäre Konstante des Menschen ist, ein Gemeinschaftswesen zu sein, welches sich im Zusammen-Sein mit anderen wohlfühlt, dann kann man davon ausgehen, dass er die Distanz, die grundsätzlich zwischen Menschen besteht und die durch die Moderne verstärkt wird, überwinden will. Die dazu notwendige Synthesearbeit konzentriert sich auf drei Fragen.

Wie gelingt es dem Einzelnen angesichts der Vielfalt von Verhaltens- möglichkeiten sich als einheitliche Persönlichkeit zu erleben? (Herstellung von Kohärenz)

Wie balanciert man als Einzelner das Bedürfnis, sich gegenüber anderen abzugrenzen mit der Notwendigkeit, sich durch andere sozial definieren zu müssen? (Verhältnis von Autonomie und Anerkennung)

Wie gelingt es dem Einzelnen, sich inhaltlich mit dem zu identifizieren, was er geschaffen hat und was er als gelungen betrachtet? (Problem der Authentizität)29

Wenn man für sich selbst diese Fragen als zentrale Probleme der eigenen Lebensführung erkennt, dann ist es von besonderem Interesse, deren Beantwortung durch die Figuren in dem von Juli Zeh inszenierten Spiel zu verfolgen. Gelingt der Versuch, existenzielle Fragen mit dem Roman als Vorlage zu prüfen und vielleicht zu beantworten, wäre viel gewonnen. Die Autorin hätte Impulse gegeben, die wohl in ihrem Sinn wären, und der Leser würde die Möglichkeiten fiktionaler Wirklichkeit für sich nutzen.

2.2 Rollentheorie

Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein literarisches Werk fiktiv ist, kommt eine Autorin nicht umhin, sich einer sozialen Realität zu bedienen, die man rollentheoretisch beschreiben kann; d.h. in einem Werk werden soziale Positionen benannt, wie z.B. die als Freund, Lehrer oder Mutter, an die bestimmte Erwartungen geknüpft werden. Die Autorin kann damit rechnen, dass ihre Leser mögliche Erwartungen an solche Positionen kennen und muss diese bei der Gestaltung eines Charakters, der eine Position besetzen wird, einbeziehen, um ihn glaubwürdig erscheinen zu lassen. Sie kann die impliziten Erwartungen des Lesers ergänzen, enttäuschen, in Frage stellen, in Konflikt mit anderen geraten lassen oder kann einen Charakter an Erwartungen zerbrechen lassen. Die Freiheit der Fiktion lässt bei einem Werk sicher eine große Gestaltungsbandbreite zu, aber letztendlich bewegt sich die Autorin immer in sozialen Verhaltensmustern, die man mit Begriffen der Rollentheorie fassen kann. Auf diese Weise ergänzt die soziologische Sichtweise die literarische Interpretation.

Wenn man sich einem Roman mit einem Katalog von rollentheoretisch fundierten Einzelfragen nähert, muss man sich der Gefahr bewusst sein, den großen Zusammenhang zu verlieren. Andererseits kann nur durch eine detaillierte Analyse erschlossen werden, wie sich die Autorin mit zentralen Themen beschäftigt. Im Folgenden sollen dazu die wesentlichen Begriffe der Rollentheorie geklärt werden.

Menschliches Verhalten spielt sich in sozialen Bezügen ab, die in gesellschaftlichen Subsystemen wie z.B. Familien, Schulen oder jugendlichen Subkulturen organisiert sind.30 Die Teilnehmer an sozialen Interaktionen in solchen Systemen besetzen soziale Positionen, mit denen bestimmte Verhaltenserwartungen verbunden sind. Das konkrete Verhalten, das sich aus diesen Erwartungen ergibt, wird als soziale Rolle bezeichnet. Das auf eine Position bezogene Rollenverhalten hat zwei wesentliche Funktionen. Zum einen kann so das Individuum seine physischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse befriedigen. So reflektiert z.B. eine sich sorgende Mutter im Rollenverhalten gegenüber ihrer Tochter ihr eigenes Bedürfnis nach Bindung und über das damit verbundene Gefühl, gebraucht zu werden, das Bedürfnis nach Wertschätzung. Zum anderen hat die Gesellschaft ein Interesse daran, soziales Verhalten gleichförmig und berechenbar zu machen und belohnt angemessenes Verhalten als Mutter in positiver Weise. Zwischen diesen beiden Interessenlagen vermitteln Bezugsgruppen, in denen Personen als Rollensender Erwartungen formulieren und gegebenenfalls durchsetzen.

[...]


1 http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/texte/stories/14224/ (Stand: 3.2.2009)

2 DIE ZEIT, 21.10.2004. Nr.44

3 http://www.welt.de/print-welt/article343855/Adas_Verwirrungen.html (Stand: 27.1.2009)

4 Aus praktischen Gründen und der leichteren Lesbarkeit wegen, werde ich die männliche Form der Nomen und entsprechender Formen verwenden. Dies sollte geschlechtsneutral und als nicht wertend verstanden werden.

5 http://www.titanic-magazin.de/heftarchiv00-06.html?&f=0506/zeh1 (Stand: 4.1.2009)

6 Vgl. Myers (20082), Zimbardo (19956), Nolting / Paulus (19966)

7 Juli Zeh unter http://www.fragen-zur-kunst.de/#p49q164 (Stand: 08.02.2009)

8 Keupp u.a. (1999: 8)

9 Vgl. Gaede (2007: 262-263)

10 Gaede (2007: 672)

11 Vgl.Erikson (1966: 18), Erikson (1981: 11-41)

12 Vgl. Langfeld (1993: 76-80)

13 Langfeld (1993: 78)

14 Keupp u.a. (1999)

15 Keupp u.a. (1999: 28)

16 Keupp u.a. (1999: 46)

17 Vgl. Keupp u.a. (1999: 46ff)

18 Keupp u.a. (1999: 47)

19 Keupp u.a. (1999: 48)

20 Keupp u.a. (1999: 50)

21 Keupp u.a. (1999: 50)

22 Keupp u.a. (1999:190)

23 Keupp u.a. (1999:191)

24 Keupp u.a. (1999: 196)

25 Keupp u.a. ( 1999:198)

26 Keupp, u.a. (1999: 202)

27 Keupp, u.a. (1999: 203)

28 Keupp, u.a. (1999: 203)

29 Vgl. Keupp u.a. (1999: 243 ff)

30 Vgl. Haug in: Kerber / Schmieder (1984: 482 – 491) Hobmair (2006: 74 – 78) Grieswelle (1978: 36 – 45)

Details

Seiten
64
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640308194
Dateigröße
905 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125124
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Identitätskonstruktionen Spieltrieb Juli

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