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Lessing und das französische Theater

Seminararbeit 2004 15 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhalt

Kampf fur ein deutsches Nationaltheater

Die Hamburger Entreprise

Hamburgische Dramaturgie
a) Situation und Aufgabe
b) Die drei Einheiten
c) Furcht und Mitleid
d) Prinzipien einer realistischen Asthetik
e) Natur gegen Unnatur!
f) Wahrheit und Geschichte

SchluBwort

Literatur

Kampf far ein deutsches Nationaltheater

Nach dem Westfälischen Frieden (1648) bestand Deutschland aus einer Unzahl selbstständiger Dynastien. Hinter der territorialen Zerrissenheit und der feudalabsolutistischen M achtverhältnisse stand das Nationale BewuBtsein zuriick. Dieses "BewuBtein" spiegelte sich ebenfalls in den kulturellen Lebensbereichen wieder.

Die Theaterkultur am Anfang des 18. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch Uneinheitlichkeit, Verwahllosung und Stagnation. Es fehlte eine Einheit von deutscher Literatur und deutschem Theater. Als einer der ersten seiner Zeit nahm sich der Aufklärer Johann Christoph Gottsched (1700-1766) diesem Problem an. Aus seiner Theaterreform ging u.a. die sechsteilige Dramensammlung "Deutsche Schaubiihne" hervor, welche den deutschen Dramatikern erstmals ein wirksames Publikationsorgan verschaffte. Zeitweilig arbeitete er mit Caroline Neuber (1697-1760) an der Verbesserung des Repertoires und hatte somit Teil an der Griindung eines echten Ensembles. Doch die Neubersche Gruppe (zu der u.a. ihr Mann, G.H. Koch, C.Th. Doebbelin und J.F. Schönemann gehörten) ging iiber dramaturgische Einfliisse Gottscheds hinaus. Schönemann sollte einige Jahre später (von 1747-1752) seinerseits ebenfalls eine Repertoiresammlung von Dramen herausgeben, was sich auf die Theaterentwicklung auBerordentlich stabilisierend auswirkte. Mit der Griindung der "Akademie der Schönemannschen Gesellschaft" machte sich Konrad Ekhof (1720-1778), der "Vater der deutschen Schauspielkunst", in der deutschen Theatergeschichte verdient. Sie beschäftigte sich mit kiinstlerischen Problemen aufzufiihrender Werke, Fragen der schauspielerischen Darstellung und war zudem eine erste Schauspielschule. Johann Friedrich Löwen (1727-1771), ein Schwiegersohn Schönemanns, legte 1766 eine der ersten Geschichtsdarstellungen iiber das deutsche Theater vor. An Ekhof ankniipfend forderte er stehende Biihnen, die aus öffentlichen Mitteln unterstiitzt werden miiBten sowie die Aufnahme deutscher Originalstiicke anstelle von Ubersetzungen. Dariiber hinaus postulierte er die Verbesserung der sozialen Lage der Schauspieler. In der Erfiillung dieser Prinzipien sah er die Chance, Deutschland zu einer Nationalbiihne zu verhelfen.

"Niemand [...] wird leugnen, da13 die deutsche Schaubiihne einen gro13en Teil ihrer ersten Verbesserungen dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe."

Ich bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. (1, S.81)

Mit diesen Sätzen beginnt Lessing seinen 17. Literaturbrief (1759), dem Kernstiick seiner Kontroverse mit Gottsched. Obwohl ihr gemeinsames Ziel, die Geburt des deutschen Theaters, nach dem erklärten Willen beider ein Biirgerliches sein sollte, kommt es nie zu einer Zusammenarbeit. Griinde hier fiir liegen vor allem in beider Stellung zur biirgerlichen Klasse: Lessing behauptet, daB die Deutschen mehr "in den Geschmack der Engl a nder als der Franzosen einschlagen; ...]" (1, S.82) während Gottsched der deutschen Schaubiihne das Regelwerk des französischen Klassizismus vorschreibt. Diese beiden divergenten Idealvorstellungen verhindern eine gleichsame Annäherung an das o.g. Interesse.

Lessing wirft Gottsched sein "französisierende[s] Theater" vor, welches seiner Meinung nach der "deutschen Denkungsart" nicht angemessen sei. (1, S.82) Er leugnet die Mustergöltigkeit der tragédie classique för den nationalen Ausdruck der klassischen Tragödie. Sein börgerlich-soziales Anliegen verbietet den adligen Helden, eine abgemessene, hochgestochene Alexandriner-Sprache sowie dem höfischen Geschmack angepaBte wohltemperierte Geföhle. Dem setzt er inhaltlich umfassendere und volkstömlichere Stoffe und ein damit verbundenes qualitativ neues Heldenbild entgegen: Den börgerlichen Helden, in seiner Sprache natörlich und lebensvoll, in seinen Geföhlen wirklich leidenschaftsfahig. Auf seiner programmatischen Traditionssuche und nationalliterarischen Orientierung richtet er seinen Blick dahingehend auf die englische Dramatik. Doch hinter Gottscheds Bewunderung för die groBe Tradition und kultivierte Literatursprache der Franzosen ist sein Klasseninstinkt soweit verkömmert, daB sein börgerliches BewuBtsein hinter der nationalen Absicht zuröck bleibt. För Lessing ist es undenkbar, die Schablone des Versailler Hoftheaters auf die deutsche börgerliche Schauböhne zu legen, weshalb er den Gottschedianismus mit unnachgiebiger Vehemenz negiert. Trotzdem er den Leipziger "Literaturpabst" Ignoranz und Verdienstlosigkeit vorwirft, spinnt er zumindest seinen Faden weiter, bekampft jedoch jene Tendenzen, die einer Triböne der börgerlichen Klasse schadlich sein können. Der Literaturhistoriker Danzel antwortet darauf: Lessing habe gerade deshalb Gottscheds Verdienste öbersehen, "weil er gänzlich auf ihm ruhte und von ihm lebte, so, wie es ja auch lange gewährt hat, bis die Naturwissenschaft die Luft, welche wir einatmen, im Ernste einer griindlichen Untersuchung zu unterwerfen sich entschlossen hat." (4 , S.221)

Die Hamburger Entreprise

Nachdem Leipzig mit dem siebenjahrigen Krieg durch die preuBische Besetzung, ungeheure Kontributionen und den Röckgang des Handels seine bislang unbestrittene Vormachtstellung eingeböBt hatte, konnte sich die freie Reichsstadt Hamburg sowohl wirtschaftlich als auch kulturell immer starker profilieren. Schon damals war die Stadt Deutschlands Tor zur Welt. Von hier sollten auch die ersten konkreten Bestrebungen zur Realisierung eines deutschen Nationaltheaters ausgehen.

Die Böhne der Franzosen ist doch wenigstens das Vergnögen einer ganzen grol3en Hauptstadt; da in den Hauptstadten des Deutschen die Bude der Spott des Pobels ist. (81.Literaturbrief)

Dieses Zugestandnis Lessings an die französische Theaterkultur machte die Dringlichkeit einer eigenen Nationalböhne deutlich. Das starke börgerliche BewuBtsein und der soziale und könstlerische Emanzipationsdrang der Handelsmetropole versprach einen fruchtbaren Nahrboden för ein derartiges Unternehmen. Zwölf Kaufleute konnten als Geldgeber för das Unternehmen "Hamburger Entreprise" gewonnen werden. Die finanzielle Leitung öbernahm der Kaufmann Seyler. Löwen wurde die könstlerische Direktion des Ensembles öbertragen und Lessing wurde als Kritiker und Dramaturg berufen. Für ihn boten sich, unabhängig von höfischem und gelehrten Mäzenatentum, neue Wirkungsmöglichkeiten im Kampf für ein emanzipiertes und aufgeklärtes Bürgertum. Er nahm das Angebot an und siedelte im Frühjahr 1767 nach Hamburg über. Am 22. April 1767 öffnete das erste deutsche Nationaltheater seine Pforten.

Schon nach acht Monaten war man genötigt die erste Spielzeit zu unterbrechen und eine Zeitlang nach Hannover zu gehen, da der erhoffte Erfolg der Entreprise ausblieb und die Geldgeber die Zuschüsse sperrten. Nach dieser sehr schmerzlichen Zäsur für das junge Theater nahm man das Spiel in Hamburg ein zweites und letztes Mal im Mai 1768 auf. . War die Anteilnahme von Anfang an nicht groB gewesen, so beschleunigten Angriffe der Geistlichkeit und Uneinigkeit unter den Entrepreneurs den endgültigen Zusammenbruch im November desselben Jahres. Entäuscht muBte Lessing das Zerbrechen des anfänglich sehr verheiBungsvollen Unternehmens erleben:

"Der siiJ3e Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu griinden, ist schon wieder verschwunden; und soviel ich diesen Ort nun habe kennenlernen, diirfte er auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfiillung gehen wird." (2, S.489)

Dieses Eingeständnis offenbart die zuvor unterschätzte Gehemmtheit der deutschen Verhältnisse, selbst in einer Stadt wie Hamburg. Obwohl er früh erkennen muBte, daB seine Tätigkeit auf Grenzen stieB, geht als bleibender Ertrag aus der Entreprise eines seiner wichtigsten Werke (welches einen erheblichen EinfluB auf die deutsche Dichtung der Folgezeit haben sollte) hervor: die "Hamburgische Dramaturgie".

Hamburgische Dramaturgie

a) Situation und Aufgabe

... es ist eine alte Klage, daB das allzu nahe Geräusch der Waffen die Musen verscheucht. (1.Literaturbrief)

Lessing stellte die Vielzahl kriegerischer Heldentaten den verschwindend geringen wissenschaftlichen und poetischen Leistungen entgegen. In der Uberwindung dieser erbärmlichen Lage sah er die vorrangige Aufgabe des deutschen Bürgertums. Er wollte das Publikum durch Erz]iehung zu kritischem Denkvermögen an der nationalen Bühnenkunst beteiligen. Die Bühne stellte für ihn die gröBte und umfangreichste Wirkungsstätte dar. An seine Literaturbriefe anknüpfend leitete Lessing auf dem Gebiet des Dramas und des Theaters einen kritischen Reinigungsprozess in der Aufklärungsliteratur ein: "Die Hamburgische Dramaturgie"

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640542239
ISBN (Buch)
9783640542130
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v125058
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Lessing Theater Hamburgische Dramaturgie Furcht und Mitleid Die drei Einheiten Realistische Ästhetik Nationaltheater Aufklärung Gottsched Literaturbrief Klassizismus Katharsis klassische Tragödie 18. Jahrhundert

Autor

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Titel: Lessing und das französische Theater