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Mitteleuropa 1658-2008. Die Chronik einer Familie

Verlorenes und Vergessenes

Studienarbeit 2008 280 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Das Buch der Abwesenden

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – Die Jordis und Brentanos

Das Kaiserreich Österreich – In Armee und Staatsdienst

Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha – Die Geschwisterkinder

Die Österreich-Ungarische Monarchie
Emma und Amélie von Meyern-Hohenberg und August Frhr. Jordis von Lohausen

Die „wilhelminische“ Zeit Hubert Frhr. von Wangenheim und Krysia von Pogrell

Europas dreißigjähriger Selbstvernichtungskrieg 1914-45

Das Buch der Anwesenden

Kriegsende und Nachkriegszeit - Wirre Zeiten und ein Sich Wiederfinden

Jahrhundertmitte - Gärung, Sichtung und Kalter Krieg, erste Initiativen zur Einigung Europas

Epilog - Europa – Einigung oder Untergang

Danksagung

Stammtafeln

Das Buch der Abwesenden

Befreit mich, Ihr Götter, von Raum und Zeit,

In längst verlor’ne Reiche lasst mich Brücken schlagen!

Lasst in die alten Mythen mich vertiefen,

Und lang Verflossenes heraufbeschwören!

Auf Spuren meiner Ahnen lasst mich wandeln,

Wo immer sie gelebt, geliebt, gelitten!

Legt Zeugnis ab, Ihr, die Ihr nun schon lange schweigt!

Tut kund, Ihr Stimmen der Vergangenheit!

Erwacht, Ihr Cherubine, Ihr Dämonen!

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – Die Jordis und Brentanos

Absolutismus

Wir befinden uns in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Das Abendland steht im Zeichen des Absolutismus. In England wird Karl I. hingerichtet und Oliver Cromwell regiert als Lordprotektor. Leopold I. wird römisch-deutscher Kaiser. Ludwig XIV. herrscht in Frankreich, der „Große Kurfürst“ in Brandenburg.

Der italienische Hochbarock tritt seinen Triumphzug durch Mitteleuropa an. Baldassare Longhena baut seit fast zwei Jahrzehnten an der Kuppelkirche Santa Maria della Salute in Venedig. Johann Bernhard Fischer von Erlach ist gerade geboren. Rembrandt malt den „Mann mit dem Goldhelm“, Velazquez „König Philipp IV. auf der Saujagd“. Claudio Monteverdi bringt in Venedig kurz vor seinem Tod die Oper „L’Incoronazione di Poppea“ zur Aufführung, Heinrich Schütz komponiert die „Die sieben letzten Worte Christi am Kreuz“. Archangelo Corelli und Johann Pachelbel werden aus der Taufe gehoben.

Calderon de la Barca kreiert Dramen für den spanischen Hof. Jean-Baptiste Molière und Jean-Baptiste Lully arbeiten gemeinsam an comédies-ballets für den französischen. Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen schreibt seinen „Simplicissimus“. Daniel Defoe wird geboren. René Descartes formuliert ein neues mechanistisches Weltbild und eine rationale Selbstbegründung der menschlichen Existenz.

Lissabon, Sevilla, Amsterdam und London haben sich als Zentren eines rasch anwachsenden Überseehandels durchgesetzt. Nationale Überseehandels-gesellschaften werden gegründet. Genua bleibt erster europäischer Geldplatz. Der Dreißigjährige Krieg hat weite Teile Deutschlands völlig verwüstet. Aus Frankreich verbreitet sich der Gruß durch Hutabnehmen.

Man schreibt das Jahr 1658, als dem Simon Jordit, Landwirt im Dorfe Fêternes im Herzogtum Savoyen, ein Sohn geboren wird, den er auf den Namen Johannes Franciscus tauft. Soweit lässt sich die Familie Jordit oder Jordis zurückverfolgen. Was davor geschah, liegt im Dunkel der Vergangenheit, denn die Kirchenbücher des Ortes Fêternes sind während der Französischen Revolution verbrannt. Kamen diese Jordits aus Katalonien, wo ja Jordi Georg heißt? Oder aus dem Norden Europas, wo Jordis heute noch ein bis auf die alte Edda zurückgehender weiblicher Vornahme ist? Oder vielleicht aus dem nahen Schweizer Kanton Fribourg, wo eine Bürger- und Handwerkerfamilie mit dem Namen Jordil bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Wir wissen es nicht.

Sicher, dagegen, ist, dass es in dieser Familie immer wieder Brückenbauer gegeben hat, die Bogen zu neuen Horizonten, zu neuen Möglichkeiten geschlagen haben. Durch einen solchen Brückenschlag werden die Jordits wohl auch irgendwann nach Savoyen gekommen sein. Und schon der Sohn jenes Johannes Franciscus, der Andreas hieß, war wieder einer jener Brückenbauer. Im Jahre 1688 in Fêternes geboren, verließ er als junger Mann seine Heimat, wanderte in die deutsche Handelstadt Frankfurt am Main und wurde dort ansässig. Und so wird diese Stadt für über ein Jahrhundert seine Wirkungsstätte und die seiner Nachkommen.

Die Reichs- und Handelsstadt Frankfurt am Main

Zu einer Zeit, in der es der Stadt Frankfurt nach jahrzehntelanger mühsamer Arbeit gelungen ist, sich aus den Trümmern des Kriegs wieder ein, wenn auch ganz anderes Profil zu schaffen und als „Mainhattan“ zum ersten Finanzplatz und Wolkenkratzer-City Deutschlands zu werden, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie diese Handelsmetropole am Main Ende des 17. Jahrhunderts ausgesehen haben mag. So will ich versuchen, ein notwendigerweise unvollkommenes Bild der alten Kaiserstadt in all seiner Pracht, seiner Handelstüchtigkeit, seinem malerischen Charme und, damals schon, in seiner oft turbulenten völkischen Vielfalt zu skizzieren.

Als freie Reichsstadt unterstand Frankfurt direkt den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation[1]. Dieses vor- und übernationale Reich erstreckte sich im 17. Jahrhunderts im Westen von Nizza am Mittelmeer bis Dünkirchen am Ärmelkanal, im Osten vom Pommern an der Ostsee über Schlesien, Mähren, Österreich bis Kroatien am Mittelmeer und es umfaßte ganz Norditalien, mit Ausnahme von Venetien, aber einschließlich der Toskana und Savoyens. Frankfurt am Main war ein selbstständiges Staatswesen innerhalb dieses Reiches. Es wurde vom „Rath“, einer bürgerlichen Oligarchie von Patrizierfamilien regiert. Besonderes Ansehen genoss Frankfurt unter den deutschen Städten überdies seit 1356 als Stadt der Königswahl und seit 1562 auch als Stätte der Kaiserkrönung.

Handwerk und Handel schafften den Reichtum der Stadt und vermehrten ihre Bedeutung. „Mit der Gründung des Doms hängt der Beginn einer Einrichtung zusammen, die eine irdisch nährende Quelle der Größe Frankfurts bedeutet, nämlich die Messe. Die neue Weihe der Kirche zu Ehren des heiligen Bartholomäus[2] gab Anlass zu der Kirchweih, aus der die Messe sich entwickelte, anfangs eine Herbstmesse, zu der etwa hundert Jahre später eine Ostermesse hinzukam. Von den Kaisern begünstigt, erlangte sie bald großen Ruf und legte den Grund zu Frankfurts Blüte als Handelsstadt.“[3] Wie auch heute noch waren diese „Messen“ die wichtigsten und größten Handelsveranstaltungen. Sie boten den Kaufleuten eines durch Zoll- und Gewerbeschranken zersplitterten Deutschlands, die Möglichkeit uneingeschränkt Waren zu kaufen und zu verkaufen. Von überall her kamen sie angereist.

Alle großen Städte Deutschland versuchten solche kaiserliche Messeprivilegien zu erwerben und fremde Kaufleute anzuziehen. Die Konkurrenz war groß, doch Frankfurt hatte durch seine Lage im Schnittpunkt zwischen Nord-Süd und Ost-West, einen beachtlichen Vorteil. So erlebte der Messehandel in Frankfurt, der jeweils zwei Wochen dauerte, während des 14. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Die Stadt erwarb sich zu der Zeit den Ruf das „Kaufhaus Deutschlands“ zu sein. Sie wurde wohlhabend und schuf von da an jenes großartige gotische Stadtbild, das bis ins 20. Jahrhundert erhalten bleiben sollte. Waren es im Mittelalter vorwiegend deutsche Handwerker- und Landwirtschaftsmessen gewesen, so verwandelten sie sich ab dem 16. Jahrhundert zunehmend in Großhandelsmessen, an denen eine immer größere Anzahl von ausländischen Kaufleuten teilnahm. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte ging zwar ein vorwiegender Teil des Handels mit Ost-Elbien und Ost-Europa an die günstiger gelegene Stadt Leipzig verloren, doch behauptete sich Frankfurt als Hauptmessestadt im Westen des Reiches.

Außerhalb der Messewochen wurden für die laufenden Bedürfnisse an Lebensmitteln und Gewerbeartikeln zweimal wöchentlich, mittwochs und samstags, Wochenmärkte abgehalten, zunächst auf dem engen Platz um den Dom herum, später zunehmend auch auf den umliegenden Gassen und Plätzen, besonders auf dem „Samstagsberg“. Jedes Gewerbe hatte seinen festgesetzten Standort. Der Weinmarkt, zum Beispiel, befand sich am Mainufer unterhalb der Leonhardskirche.

Und schließlich gab es noch den täglichen Ladenhandel.

War diese Handelstätigkeit strengen städtischen Regeln unterworfen, so schuf sie doch ein buntes, vielfältiges Durcheinander. „Da schlich man zum Weinmarkte, bewunderte den Mechanismus der Krahne, wenn Waaren ausgeladen wurden; besonders aber unterhielt uns die Ankunft der Marktschiffe, wo man so mancherlei und mitunter so seltsame Figuren aussteigen sah. Ging es nun in die Stadt hinein, so ward jederzeit der Saalhof, der wenigstens an der Stelle stand, wo die Burg Kaiser Karls des Großen und seiner Nachfolger gewesen sein soll, ehrfürchtig gegrüßt. Man verlor sich in die alte Gewerbstadt, und besonders Markttages gern in dem Gewühl, das sich um die Bartholomäuskirche herum versammelte. Hier hatte sich von der frühesten Zeit an die Menge der Verkäufer und Krämer übereinander gedrängt, und wegen einer solchen Besitznahme konnte nicht leicht in den neueren Zeiten eine geräumige und heitere Anstalt Platz finden….Nur selten aber mochte man sich über den beschränkten, vollgepfropften und unreinlichen Marktplatz hindrängen…Der Römerberg war ein desto angenehmerer Spaziergang.“[4]

Kriegswirren, Verfolgungen und Flüchtlinge

Andreas Jordit aus Fetêrnes etabliert sich also Anfang des 18. Jahrhunderts in diesem geschäftigen Frankfurt, und zwar als Weinhändler. Es erscheint einleuchtend, dass er in der freien Reichs- und Handelstadt mehr Entwicklungsmöglichkeiten sah als in seinem kleinen Dorf in den Bergen über dem Genfersee. Aber verhielt sich das wirklich noch so? Hatten nicht viele freie Handelsstädte wie Augsburg, Ulm, Nürnberg, Straßburg, Köln oder Lübeck seit der Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Konkurrenz der Nachbarstaaten, durch die Verschiebung alter Handelswege, und vor allem durch die Religionskriege an Bedeutung eingebüßt? Vielleicht traf das auf einige zu. Doch für Frankfurt, Hamburg, Leipzig oder Danzig hatte gerade diese Entwicklung das Gegenteil bewirkt. Die kluge Haltung ihrer Bürgerschaft in den Religionskriegen und die freundlich-tolerante Aufnahme in großer Anzahl vertriebener Protestanten aus den spanischen Niederlanden und Frankreich hatten sie, im Gegenteil, bereichert, ihnen einen neuen Aufschwung gegeben. Und so übernahm Hamburg die hanseatische Herrschaft in der Nordsee, Danzig die in der Ostsee, Leipzig zunehmend den Handel mit Osteuropa, während Frankfurt durch die Tatkraft einer zugewanderten ausländischen Kaufmannschaft das Erbe der oberdeutschen und rheinischen Städte antrat. Es wurde zum deutschen Hauptsitz aller ausländischen Protestanten sowie einer immer zahlreicheren Judengemeinde.

Die große Einwanderung begann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als in Frankreich die Hugenottenkriege tobten und die Spanier in den Niederlanden wüteten. Sie dauerte das ganze 17. Jahrhundert an, als die geflüchteten Protestanten in katholischen Städten, wie Köln, Aachen oder Worms nochmals verfolgt wurden, und als auch das Dasein in kleineren Städten während des 30-jährigen Krieges (1618-48) und später während der deutsch-französischen Reichskriege (1674-1714) immer unsicherer wurde. Zuletzt hatte noch die Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes durch Ludwig XIV. ab 1685 eine neuerliche Flut von Hugenotten aus Frankreich nach Deutschland kommen lassen. Diese geistig und wirtschaftlich unverhoffte Bereicherung war ein Segen für das ausgeblutete Land und seine Städte.

Denn zunächst hatte der Dreißigjährige Krieg viele Teile Deutschlands verwüstet: Ganze Landstriche lagen brach, die Dörfer waren verbrannt, die Bauern umgebracht oder in die Städte geflüchtet. Später erfüllten die Raubkriege Ludwig XIV. und die von seinen Heeren begangenen Grausamkeiten und Verwüstungen, „dergleichen auch in denen Heydnischen und Türkischen Kriegen nie erhöret“, ganz Deutschland mit Schrecken. Es war eine Zeit völliger Unsicherheit. Bis es zwei illustren Feldherrn, dem Prinzen Eugen von Savoyen, „dem edle Ritter“, der das kaiserliche Heer befehligte, und seinem englischen Verbündeten, dem edelmütigen John Churchill, Duke of Malborough, gemeinsam gelang die Machtbestrebungen des französischen Königs vorübergehend einzudämmen. Denn England war in seiner Europapolitik stets darauf bedacht gewesen, das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent ausgleichend zu beeinflussen, um kein Königreich jemals zu stark werden zu lassen.

Die „Pomeranzenkrämer“

Doch noch eine dritte Einwanderungswelle ganz anderer Art erreichte seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts Frankfurt. Es handelte sich diesmal hauptsächlich um eine zunehmende Anzahl italienischer Kaufleute, die nicht mehr aus politischen oder religiösen, sondern aus rein geschäftlichen Gründen in der Mainmetropole Fuß zu fassen versuchten. Diese rührigen Italiener, die ursprünglich nur ihre eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnisse nach Deutschland ausführten, begannen in Laufe der folgenden Jahrzehnte im größeren Stil mit Lebensmitteln und vor allem mit Gewürzen Handel zu treiben und in Deutschland Handelsgesellschaften zu gründen. Die politischen Umstände begünstigten diese Unternehmungen. Denn durch die Türkenkriege im Osten und die Franzosenkriege im Westen hatten die nord-südlichen Handelswege an Bedeutung gewonnen. Diese führten in südlicher Richtung über die Alpenpässe nach Italien und in nördlicher den Rhein abwärts in die Niederlande. Die italienischen Händler wählten Frankfurt als Hauptstützpunkt nördlich der Alpen, denn als sie „damals vom Hausierer- und Kleinhandel mit Südfrüchten zum Großhandel mit Spezereiwaren übergingen, war die besonders günstige Lage der Stadt zwischen Genua und Amsterdam, ihren Warenbezugsquellen, maßgebend.“[5] Andreas Jordis[6] zählte als Savoyarde[7] auch zu diesen Italienern. Doch war er Weinhändler, nicht Gewürzhändler. Und man findet im Frankfurter Bürgerverzeichnis des Jahres 1733 folgenden Eintrag: „Jordis, Andreas, Händler mit französischen, italienischen und spanischen Weinen.“ Dieser rührige, tatkräftige junge Mann verlor offensichtlich keine Zeit. Denn, so heißt es in einer Frankfurter Chronik, „die bedeutendste Handlung mit… ausländischen Weinen, welche zugleich am längsten bestanden hat, wurde von dem Savoyarden Andreas Jordis oder Jordit gegründet….Wie so viele Italiener erhielt er im Jahre 1733 durch seine Verheiratung mit einer Bürgertochter, Ursula Margaretha Lindt, einer Tochter des katholischen Bierbrauers und Weinhändlers Stefan Lindt in der Benderstrasse, das hiesige Bürgerrecht.“

Schon hundert Jahre zuvor, bei der ersten großen Immigrantenwelle, verlief die Einbürgerung oder Integration, wie man heute sagen würde, nicht immer reibungslos. Jetzt war es noch schwieriger: Einerseits, wurde „in der rein lutherischen Reichsstadt die Einwanderung so zahlreicher katholischer Personen als eine Gefährdung des herrschenden Religionsbekenntnisses betrachtet“. Daher wurde bestimmt, dass Katholiken ohne Einheiratung erst dann Bürger werden durften, wenn sie sich zum Luthertum bekehrt hatten. Die Heirat einer Bürgerwitwe oder Bürgerstochter war deswegen „der sicherste und billigste Weg zur Erlangung des Bürgerrechtes, “ und so waren „zu diesem Zwecke…von katholischen Einwanderern die Töchter der wenigen katholischen Bürger sehr gesuchte Partien.“ Auch hier befindet sich Andreas Jordis im Brennpunkt des Geschehens, wurde doch die töchterreiche Bierbrauerfamilie Lindt, seine Schwiegerfamilie, dadurch stadtbekannt, dass sie durch Verheiratung ihrer vielen Töchter so manchem katholischen Einwanderer zum Bürgerrecht verhalf und dass man ihren Namen daraufhin in den Stammbäumen fast aller italienischen Familien Frankfurts wiederfindet. „Eine von den Lindtschen Töchtern konnte sich sogar rühmen, durch ihre Hand drei Italienern…zum Bürgerrecht verholfen zu haben.“

Doch für Andreas Jordis werden auch für den Aufbau seines Geschäfts die Beziehungen des Schwiegervaters, vielleicht aber auch die Schwippschwägerschaft mit einer Reihe von später einflussreichen italienischen Familien von Vorteil gewesen sein.

Andererseits, waren die Streitigkeiten und die Reibereien mit den italienischen Neuankömmlingen rein wirtschaftlicher Natur, fühlten sich doch „die herrschenden Geschlechter in ihrer Stellung bedroht und die Kaufmannschaft verfolgte mit Besorgnis und Neid den geschäftlichen Aufschwung und zunehmenden Reichtum der Fremden.“ Die eingesessene Bürgerschaft warf den Italienern -- es handelte sich hauptsächlich um Landwirte und Südfrüchtehändler vom Como-See, die sogenannten Comenser, auch Pomeranzenkrämer oder Citronengänger genannt -- unfaire Konkurrenz vor, nicht nur verkauften sie ihre Zitronen, Pomeranzen, Limonen, Granatäpfel, Kapern, Oliven und zunehmend auch Gewürze, unter Verletzung der festgesetzten Marktregeln des Frankfurter Rats, sondern sie führten überdies ihre Gewinne nach Italien ab, um dort, in ihrer Heimat, Liegenschaften zu erwerben und Schlösser zu bauen.[8] Durch „ihre rücksichtslose und aufdringliche Geschäftsführung“ seien die Italiener schon in Straßburg und Basel aufgefallen und vertrieben worden, jetzt versuchen sie es in Frankfurt, beschwerte man sich. Wo immer möglich, trachtete der Frankfurter Rat daher ihre Tätigkeiten einzuschränken. Man gestattete ihnen lediglich als „Hocker“ (Zwischenhändler) an den beiden Wochenmärkten teilzunehmen sowie den täglichen Verkauf in ihren Läden. Man verbot ihnen jedoch ausdrücklich das „Umtragen“, das Hausieren mit Waren, in Wirthäusern oder sonst wo. Doch die italienischen Händler kümmerten sich wenig um diese Bestimmungen oder versuchten sie zu umgehen. Auf diese Weise gelang es ihnen, im Laufe der Jahrzehnte weitgehend den lukrativen Groß- und Kleinhandel mit Gewürzen und anderen Spezereiwaren zu übernehmen.[9] Wohl konnte in vielen Fällen die erste, oft auch die zweite und dritte Generation der eingewanderten Italiener noch nicht die Vollbürgerschaft erwerben, sondern mussten sich begnügen Beisassen oder Schutzbürger zu sein. Das heißt, sie genossen den Schutz der Stadt, hatten aber keine Bürgerrechte. Daher suchte 1705 Joseph Brentano durch seinen einflussreichen Vetter Jakob in Wien beim Kaiser Josef I. um Unterstützung an und „erwirkte bereits am 22. Januar 1706 ein Reskript, wonach dem Rat aufgetragen wurde, die Italiener nicht nur in ihrer bisher geführten Handlung kontinuieren zu lassen, sondern auch in die Zahl der Bürger aufzunehmen“. Der Rat konnte nun den italienischen Gewürzhandel nicht mehr offen verbieten, es wäre auch zu spät gewesen, aber ein Kleinkrieg zog sich während des ganzen 18. Jahrhunderts hin. Es vollzog sich nur insofern eine gewisse Normalisierung, als die folgenden, schon in Deutschland geborenen Generationen, nicht mehr so regelmäßig oder gar nicht mehr nach Italien zurückkehrten. So wurde eine Anzahl jener italienischen Familien in Frankfurt in Laufe des 18. Jahrhunderts zu stolzen, einflussreichen Kaufleuten und Bürgern der Stadt. Und für viele von ihnen hatte diese Einbürgerung in Geiste nicht einmal eine Veränderung ihrer Landeszugehörigkeit bedeutet, war doch das Herzogtum Mailand, wie das Fürstentum Savoyen, schon seit dem Mittelalter ein Teil des Heiligen Römischen Reiches gewesen.

Die Brentanos[10]

Die zweifellos bedeutendste der zahlreichen italienischen Familien, die im 17. und 18. Jahrhundert in Frankfurt Fuß fassten, war die der Brentanos. Sie haben in den folgenden Jahrhunderten einen wichtigen Beitrag zur Kultur, Wirtschaft und Politik Deutschlands geleistet und sind dort wesentlich bekannter geworden als in ihrem Ursprungsland.

Die Brentanos waren ihrem Ursprung nach weder Bauern noch Händler. Sie entstammten einer jener alten norditalienischen Familien des niederen Landrittertums und waren seit Anbeginn Ghibellinen gewesen. Das heißt, ihre Familiengeschichte ist eine Saga Jahrhunderte langer Kämpfe, Triumphe und Niederlagen, auf der Seite der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gegen die Guelfen, die Parteigänger der römischen Päpste. Auch der Stammvater der Familie, Johannes de Brenta, um 1250 in Brenta bei Varese geboren, nahm an diesen Kämpfen teil und trug dazu bei, dass das ghibellinische Geschlecht der Visconti die Herzogsmacht in Mailand errang. Als Anerkennung dafür durften die Brentanos seit der Zeit die Schlange der Visconti in ihrem Wappen führen. Dieser Johannes war es auch, der Brenta verlässt, um sich in Bonzanigo am Como-See niederzulassen. Seine Söhne und Enkel erweitern den dortigen Grundbesitz der Familie, der aus Feldern, Olivenpflanzungen, Weinbergen, Weiden und Viehherden besteht. Doch der Kampf der Ghibellinen gegen die Guelfen flammte erneut auf und diesmal gewinnt die päpstliche Partei die Oberhand. Die Kämpfe arten in einen regelrechten Vernichtungskrieg aus, ganze Geschlechter werden ausgelöscht, ihre Kastelle verbrannt, ihre Besitzungen verwüstet. Zur selben Zeit fordert die Pest ihre Opfer unter den Überlebenden. Erst die Mitte des 15. Jahrhunderts bringt Frieden und weitgehende Versöhnung. Das Land wird neu besiedelt und erholt sich langsam. Die Brentanos haben überlebt und dehnen ihre Besitzungen weiter aus. Die durch Jahrhunderte kinderreiche Familie teilt sich in mehrere Stämme, die wiederum in zahlreiche Häuser zerfällt. Sie führen den Titel „nobilis“ und „magnificus“, einige Häuser werden später in den kaiserlichen Freiherrn- oder Grafenstand erhoben.

Als der Condottiere Franceso Sforza den letzten Visconti als Herzog von Mailand ablöst, erlebt die Lombardei noch einmal eine ungeahnte wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Doch sie sollte nicht lange anhalten. Schon 1535 zog Kaiser Karl V., nach dem Tod des letzten Sforza, das Herzogtum Mailand als Reichslehen ein und unterstellte es seinem Sohn, dem späteren Philipp II. von Spanien. Diese spanische Fremdherrschaft wirkt sich lähmend auf die Entwicklung der Lombardei aus. Sie endet erst zwei Jahrhunderte später als das Herzogtum Mailand nach dem Spanischen Erbfolgekrieg 1706 wieder an die österreichischen Habsburger fällt. War die Verbindung der Brentanos mit dem Kaiserreich nördlich der Alpen nie abgerissen, so verstärkte sie sich noch zu dieser Zeit.

Aus dem Hause der Brentano-Toccia wird Graf Guiseppe Brentano kaiserlicher Generalschatzmeister in Italien und Mitglied des Geheimen Staatsrates im Herzogtum Mailand. Graf Giovanni Pietro Brentano, aus dem Hause Montecelli, kaiserlicher Gouverneur in Como und Statthalter in der Lombardei.

Als Offiziere im kaiserlichen Heer machten sich vor allem die Brentanos aus dem Hause Cimaroli durch drei Generationen einen glänzenden Namen. Der bekannteste, der spätere Feldmarschallleutnant, Josef Anton Freiherr von Brentano, steht bereits als siebzehnjähriger im Kampf gegen die Türken. Im Siebenjährigen Krieg gegen Friedrich II. tut er sich in zahlreichen Schlachten und Gefechten durch ungewöhnliche Kühnheit und strategisches Können hervor.

Währenddessen ist sein Bruder Josef Andreas Senator in Mailand sowie kaiserlicher Konsul in Genua und Triest. Dessen Sohn, Anton Josef, dagegen, trifft man, fünfzehnjährig, wieder unter den kaiserlichen Fahnen. Er macht den Siebenjährigen Krieg, den bayrischen Erbfolgekrieg und den Russisch-Türkischen Krieg mit, wird General und Inhaber des Infanterie-Regimentes Nr. 35 und Ritter des Maria-Theresien-Ordens. Er kämpfte bei Novi und vor Belgrad und verteidigt schließlich die Stadt Trier erfolgreich gegen die Franzosen. An den bei Novi erlittenen und schlecht verheilten Wunden stirbt er achtundvierzigjährig im Hause seines Vetters Peter Anton Brentano 1793 in Frankfurt am Main.[11] Er wurde „in großer Pracht und Feierlichkeit im Domstift“ zu Frankfurt beigesetzt.

Und schließlich, und das betrifft nun auch die Jordis, sind es die schon erwähnten Handelsherrn aus dem Hause Brentano-Tremezzo und Brentano-Gnosso, die ihre Brücken über die Alpen nach Deutschland und vor allem nach Frankfurt am Main schlagen. Auch sie werden sich durch ihre Jahrhunderte alte Ghibellinen-Tradition in Deutschland fast ebenso zu Hause gefühlt haben wie in der Lombardei.

Carlo Brentano aus dem Hause „Gnosso“, „magnifico domino“ aus Bolvedro am Comersee, taucht schon 1673 als Beisasse und Handelsmann, sowie Teilhaber der Firma „Bellini, Brentani & Forni“ in Frankfurt auf. Seine erste Handlung befindet sich noch in einem gemieteten Laden im Schweizerhof. Sein jüngster Sohn -- eben jener oben genannte Guiseppe oder Joseph Brentano, der durch seinen Vetter in Wien beim Kaiser vorstellig wird -- und später sein Enkel, Karl Anton Maria, führen das Geschäft erfolgreich fort, jetzt schon im eigenen Haus in der Töngesgasse. Dagegen gründet der Urenkel des alten Patriarchen, Anton Maria Brentano, Beisasse und Handelsherr in Frankfurt, seine eigene Firma im neuerbauten Haus zum „Goldenen Adler“ in der Schurgasse 41.

Andreas Jordis, inzwischen der erfolgreichste und wohlhabendste Weinhändler am Platz, hatte von seinem Schwiegervater das Haus „Zum grünen Baumgarten“ gekauft, ebenfalls in der Töngesgasse.[12] Er wird also die Brentanos in derselben Gasse durch nachbarliche Beziehungen gekannt haben. Vielleicht haben auch die Kinder und Enkelkinder miteinander gespielt. Wahrscheinlich ist er ihnen auch schon im Hause seines Schwiegervaters Lindt, der ja nun mit vielen der italienischen Händler verschwägert war, begegnet und hatte geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen mit ihnen gepflogen. Es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass sein dritter Sohn, Andreas Georg Friedrich, 1747 in Frankfurt geboren, im Jahre 1777 Maria-Theresia, die jüngste Tochter jenes Anton Maria Brentano aus der Schurgasse heiratet. (Vgl. dazu Stammtafel I.)

Clemens und Bettina Brentano

Ich möchte die Brentanos nicht verlassen, ohne ihrer vielleicht berühmtesten Mitglieder, Clemens und Bettina, gedacht zu haben. Ihr Vater Peter Anton stammt aus dem Hause „Tremezzo“, ist also nicht direkt mit den Jordis verwandt. Dennoch hat Andreas Friedrich ihn gut gekannt, war doch Peter Anton in erster Ehe mit seiner Schwägerin Paula Maria Walpurga Brentano, der älteren Schwester seiner Frau, verheiratet. Sie waren also Schwippschwäger. Peter Antons Sohn Franz, direkter Cousin der Jordis, stammt aus dieser Ehe. Denn Peter Anton hat dreimal geheiratet und zwanzig Kinder gezeugt, von denen dreizehn überlebten. Franz wurde nach dem Tod seines Vaters Chef des Frankfurter Brentano Familien-Clans und zu einer bedeutenden Persönlichkeit des wirtschaftlichen, öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens weit über Frankfurt am Main hinaus. Er war nicht nur erfolgreicher Geschäftsmann, sondern -- seit Katholiken nach 1815 erstmals öffentliche Ämter in Frankfurt bekleiden durften -- ein um das Wohl der Stadt bemühter Stadtrat und Schöffe. Als Oberhaupt der Familie hat er für seine zahlreichen jüngeren Halbgeschwister den Vater ersetzt. Sein Halbbruder Clemens schreibt viele Jahre später an ihn: „Du warst uns bis jetzt von Jugend auf….der Vater, die Familie, das Hab und Gut, Du warst mir der Schutz und das fruchtbringende Heiligtum der Familie.“ Die zwanzig Jahre jüngere Bettina beschreibt ihn als „einen Mann von entzückender Milde, Heiterkeit und Güte“.

Clemens und Bettina, stammen aus der zweiten Ehe ihres Vaters, mit Maximiliane von La Roche. Clemens kam als neuntes Kind 1778 zur Welt, Bettina als dreizehntes 1785. Ihr Vater betrieb im eigenen Hause „Zum Goldenen Kopf“ in der Großen Sandgasse seine Geschäfte unter eigener Firma. Er war erfolgreich und wohlhabend und „wählte sich – etwa 1777 – ein modernes Haus mit repräsentativer Fassade im Stil des Vorklassizismus, die Front gegliedert wie zwei Risalite[13], die das Haus wie einen kleinen Palast in Mittelbau und Seitenflügel teilten.“[14] Hundert Jahre früher im Geschäft seines Großvaters, waren es noch Laufburschen gewesen, die in Stadt und Land die Waren ihres Geschäftsherren vermarkteten, jetzt waren es zahlreiche kleinere italienische Geschäftsleute, die von den großen Handelsherren in Frankfurt mit Geld und Waren versehen wurden und diesen einen ständigen Umsatz sicherten. Die von Peter Anton Brentano geführten Waren, die er im Norden aus London sowie aus seinem Einkaufskontor in Amsterdam bezog, im Süden aber aus Marseille, Genua, Venedig und aus seiner Heimat am Como-See, bestanden aus Gewürzen aller Art (Pfeffer, Muskatnüssen, Gewürznelken, Zimt, Anis), verschiedene Sorten Zucker (Melis, Kandis und holländisches Raffinat), Kaffee, Tee, Schokolade, Tabak, Lorbeerkörnern, Korinthen, Zitronat, Safran, Berliner Blau, Bleiweiß, Schwefel, Hirschhorn, Alaun, Baum- und Rüböle, Schinken, Würsten, Schweizer und Holländische Käsen, Kerzen und Steinkohle. Ein weitgestreutes Assortiment! Aber wenig, was aufgeweckte Kinder zur Literatur oder Dichtkunst inspirieren könnte – es sei denn die exotischen, orientalischen Gewürze. Wie geschah es also, dass aus einer zugewanderten italienischen Händlerfamilie gleich zwei der bedeutendsten Vertreter der deutschen romantischen Literatur hervorgegangen sind? Die Antwort liegt wohl weniger in Frankfurt als in Koblenz.

Zum Rat des Kurfürsten von Trier und Finanzverwalter des kurrheinischen Kreises ernannt, überlässt Peter Anton das Geschäft in Frankfurt seinem Sohn Franz, und lebt im Folgenden die meiste Zeit am Hofe des Kurfürsten in Ehrenbreitstein.[15] Er wird damit in „bessere Kreise“ eingeführt und erlebt die „große Welt“, soweit man bei den Klein- und Kleinstfürstentümern des damaligen Deutschlands von großer Welt sprechen kann. Dort lernt der neununddreißigjährige Witwer seine zweite Frau Maximiliane von La Roche kennen. Ihr Vater Georg Michael Anton von La Roche ist Minister am kurfürstlichen Hof, ihre Mutter Sophie Schriftstellerin und Hofdame. Es ist ein geselliges, schöngeistiges Haus. Schon Wieland[16] war dort zu Gast gewesen. Etwas später ist es Goethe, den ein „belletristisches und sentimentales Streben“ mit der Mutter verbindet. Auch die Tochter bleibt ihm nicht gleichgültig, „welche freilich nicht anders als liebenswürdig war. eher klein als groß von Gestalt, niedlich gebaut; eine freie, anmutige Bildung, die schwärzesten Augen und eine Gesichtsfarbe, die nicht reiner and blühender gedacht werden konnte.“ (Wahrheit und Dichtung). Doch die pragmatische Mutter verheiratet die 18jährige Maximiliane sehr bald an den „schon etwas ältlichen, langweiligen, sehr wohlhabenden Großkaufmann (Peter Anton) Brentano in Frankfurt“.[17] Für letzteren ist diese Verbindung ohne Zweifel ein gesellschaftlicher Aufstieg. Maximiliane schenkt ihrem Mann zwölf Kinder und stirbt jung. Bettina ist beim Tod ihrer Mutter erst acht Jahre alt, mit zwölf verliert sie auch den Vater. Peter Anton verstarb als Millionär -- trotz bedeutender Außenstände -- denn bei Hof war er von im Exil lebenden französische Prinzen „befreundet“ worden und hatte ihnen Geld geliehen, das nie zurückgezahlt wurde. Dennoch hinterließ er jedem seiner Kinder ein erkleckliches Vermögen.

Aufklärung

Doch noch sind wir in der Mitte des 18. Jahrhunderts, im Zeitalter der Aufklärung, des ausgehenden Barock. Das Abendland erlebt den letzten Höhepunkt aristokratischer Lebenskultur, wie sie sich in den Barock- und Rokokopalästen eines Fischer von Erlach oder Pöppelmann und in den Symphonien Joseph Haydns wiederspiegelt. Johann Sebastian Bach ist in Leipzig gestorben und Händel hat in London sein letztes Oratorium „Jephta“ vollendet. Wolfgang Amadeus Mozart kommt in Salzburg zur Welt. Josef Haydn komponiert sein erstes Streichquartett, Christoph Willibald Gluck kreiert mit „Orfeo ed Euridice“ die erste italienische Reformoper gegen übersteigertes Virtuosentum.

Gotthold Ephraim Lessing schreibt „Miss Sara Sampson“, Carlo Goldoni die „Mirandolina“. Voltaire ist zu Gast in Potsdam, Emmanuel Kant promoviert in Königsberg. J.J.Rousseau schreibt die „Abhandlung über die Ungleichheit“.

Österreich ist durch die Eroberungen auf dem Balkan auf Kosten des Osmanischen Reiches zur Großmacht aufgestiegen. Frankreich ist geeint, Deutschland zersplittert wie noch nie zuvor. Ludwig XVI. und Marie Antoinette werden geboren. Friedrich II. von Preußen, der sich zum „ersten Diener“ seines Staates erklärt, kämpft im Siebenjährigen Krieg gegen die Kaiserin Maria-Theresia und gegen König Ludwig XV. von Frankreich um Schlesien und um die Existenz seines Königreiches. Währenddessen, verdrängt Georg II. von Großbritannien Frankreich erfolgreich aus Indien und Nordamerika. Großbritannien wird damit erste Welthandelsmacht und legt den Grundstein zum britischen Imperium. In England bahnt sich die industrielle Revolution an.[18]

Andreas Jordis stirbt 1754 als wohlhabender Handelsmann. Man erzählt, „sein Weinlager bestand bei seinem Tode aus 35 Stück[19] meist Rüdesheimer und 74 ½ Piècen (20 000 Bouteillen) ausländischer Weine.“ Wie damals bei Kaufleuten üblich, hatte auch er einen Teil seiner flüssigen Gelder in Darlehen an den Hochadel angelegt, an den Fürsten Alexander Ferdinand von Thurn und Taxis, den Herzog Wilhelm von Sachsen-Eisenach, den Fürsten Waldeck, und andere. Doch war er in Bankgeschäften offensichtlich weniger erfolgreich als im Weinhandel, denn die Chronik berichtet, dass sein Gesamtnachlass 177.961 Gulden betragen habe. Doch ohne die „bösen Ausstände bei königlichen, fürstlichen, gräflichen und sonstigen Potentaten“ wären es 235.918 Gulden gewesen. Geschäftsnachfolger wird sein ältester Sohn Stefan. Dessen jüngerer Bruder Andreas Georg Friedrich Jordis, mit Maria Theresia Brentano verheiratet, tritt aus der väterlichen Firma aus und macht sich selbstständig. Auch er wird Weingroßhändler. Leider ist uns nur wenig über die Jordis aus der Zeit überliefert, daher müssen wir uns damit behelfen, was Bettina Brentano, Goethe und andere über das städtische Umfeld und über das tägliche Leben in Frankfurt erzählt und aufgezeichnet haben.

Das „gotische“ Frankfurt

Im 18. Jahrhundert erlebt Frankfurt noch einmal eine Blütezeit und wird immer vielschichtiger. Durch den starken Zustrom landfremder Elemente bestand die Frankfurter Kaufmannschaft nun aus einem bunten Gemisch deutscher, niederländischer, französischer, schweizerischer und italienischer Kaufleute und aus Lutheranern, Reformierten, Katholiken und Juden. Heute würde man sagen: eine multi-kulturelle Gesellschaft. Erstaunlich dabei ist die verhältnismäßig rasche Verschmelzung dieser vielen, in nationalem, religiösem und wirtschaftlichem Gegensatz stehenden Elemente zu einer einheitlichen und reichlich selbstbewussten Bevölkerung, „der Frankfurter Borjerschaft“.

Die freie Reichstadt treibt weiterhin Handel, entwickelt sich, aber bleibt, zumindest äußerlich, immer noch eine mittelalterliche Stadt, bis ins 19., ja bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Der französische Dichter Gérard de Nerval, ein großer Liebhaber deutscher Literatur und erster französischer Übersetzer von Goethes „Faust“ beschreibt die Stadt bei einem Besuch 1838 folgendermaßen: „In den Gassen und Straßen findet man mit großer Freude noch das Bild einer gotischen Stadt, das man sich gerade für Frankfurt erträumt hat und das sonst vom modernen Stil unserer Zeit in fast allen anderen Städten Deutschlands verändert wurde. Da sind noch die engen gewundenen Gassen mit ihren geschwärzten Häusern, figurengeschmückten Fensterleibungen, vorragenden Obergeschossen; die Brunnen mit ihren kunstvoll geschmiedeten Bekrönungen oder geschmückt mit malerischen und drolligen Steinplastiken; Kapellen und Kirchen als Zeugnisse einer wundervollen Architektur….“[20] Und um 1860 wurde nach Zeichnungen von Peter Becker eine Reihe von Lichtdrucken veröffentlicht. Sie zeigen die auch damals noch prachtvolle, rein mittelalterliche Frankfurter Altstadt – neben Nürnberg die größte in Deutschland – mit ihren prunkvollen vier bis fünfstöckigen Fachwerkhäusern und hohen Giebeln, mit den engen Gassen und Durchgängen, den kleinen Plätzen, Brunnen und Innenhöfen. „An der Schmidtstube und an der Butterwaage“, liest man dort, „am Krautmarkt, an der Stadtwaage und am Roseneck, zum Rebstock, der Arnsburger Hof, im gelben Hirsch, das Höfchen im Römer, der Römerberg zur Zeit des Weihnachtsmarkts, Hinterhäuser in der Judengasse, der Rahmhof mit dem Zeughaus…“

Die Goethes

In diese engen Gassen mit ihren Traditionen und Vorurteilen war Mitte des 18. Jahrhunderts die Aufklärung vielleicht noch nicht weit eingedrungen, aber sie hat dort ein, ebenfalls vom Wind der Geschichte hereingewehtes Samenkorn gestreut. In einer dieser engen Gassen, am Großen Hirschgraben, kam
„am 28. August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage Zwölf“ Johann Wolfgang Goethe zur Welt. „Die Constellation war glücklich;“ wie er viel später selbst erzählt, „die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminirte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig, nur der Mond, der so eben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins umso mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.“[21] Unter diesen Vorzeichen wurde Deutschlands größter Dichter geboren.

Entgegen landläufiger Meinung waren die Goethes keine alteingesessene Frankfurter Patrizierfamilie, sosehr der Dichter das später selbst hat wahrhaben wollen. Auch sie waren „Zugewanderte“. Gewissermaßen verdankt Frankfurt seinen berühmtesten Sohn der Unduldsamkeit des französischen Sonnenkönigs! Denn Johann Wolfgangs Großvater Friedrich Georg Goethe war ein tüchtiger, unternehmungslustiger Schneidermeister und stammte aus Artern in Thüringen. Auch er war ein Brückenbauer. Und als ihm die Heimat zu eng wurde, begab er sich auf Wanderschaft nach Frankreich -- erst in die Modehauptstadt Paris und als es ihm dort nicht gefiel, in die Seidenstadt Lyon, wo er sich niederließ. Als nun durch die Aufhebung des Toleranzedikts von Nantes durch Ludwig XIV. alle Protestanten, die sich nicht zum „allein selig machenden Glauben“ bekehren wollten, aus Frankreich vertrieben wurden, begab er sich noch einmal auf Wanderschaft und kam so 1686 als 29-jähriger nach Frankfurt am Main. Wie so viele Einwanderer heiratete auch er eine Frankfurter Bürgerstochter. Als Lutheraner hatte er es einfacher, die Auswahl war größer. Und als seine erste Frau früh verstarb, heiratete er noch einmal, eine reiche Witwe, die einen Gasthof mit in die Ehe brachte: den Weidenhof an der Zeil, „lange eines der ersten Häuser in Frankfurt. Die Geschäftskarte zeigt ein fast palaisartiges Gebäude, vierstöckig, mit Halbsäulen an der Mittelfront und einem Katalog der Entfernungen für internationale Gäste, der bis nach St. Petersburg und Rom reicht.“[22] So hängte er den Schneiderberuf an den Nagel und ward Hotelier und ….Weinhändler. Als Zunftgenosse wird Andreas Jordis ihn vielleicht gekannt haben. Mit dem Weinhandel hat Friedrich Georg Goethe auch „einen großen Teil des Familienvermögens erworben, von dem auch der Enkel noch lange Jahrzehnte seinen Aufwand bestritt. Ein Patrizier war er nicht, aber er hinterließ 90.000 Gulden in Grundstücken, Hypotheken und siebzehn Ledersäcken mit Bargeld. Der Sohn, Goethes Vater, hat keinen Gulden dazuverdient, sondern als „Particulier“ gelebt, als der ‚Rat’, was ein bloßer, vom Kaiser für 313 Gulden erkaufter Titel ohne jede Tätigkeit war.“[23]

Der Enkel des tüchtigen Schneidermeisters, Johann Wolfgang, wächst gemeinsam mit seiner Schwester Cornelia im väterlichen Haus am Großen Hirschgraben auf.

In seinen Kindheitserinnerungen zeichnet er uns ein anschauliches Bild seiner Heimatstadt. Erst das Haus seines Vaters in seiner Enge und Bedrohlichlichkeit: „Die alte, winkelhafte, an vielen Stellen düstere Beschaffenheit des Hauses war übrigens geeignet, Schauer und Furcht in kindlichen Gemütern zu erwecken.“[24]. In den meisten anderen Bürgerhäusern der Altstadt wird es nicht anders ausgesehen haben. Und dann die „ernste und würdige“ alte Stadt, die er in Begleitung seiner Schwester oder „munterer Gespielen“ erforscht und deren bunte Vielfalt und Geschäftigkeit sein Interesse erweckt. Ob Wahrheit oder Dichtung, es ist eine genaue und aufmerksame Schilderung. „Was aber die Aufmerksamkeit des Kindes am Meisten an sich zog, waren die vielen kleinen Städte in der Stadt, die Festungen in der Festung, die ummauerten Klosterbezirke nämlich, und die aus früheren Jahrhunderten noch übrigen mehr oder minder burgartigen Räume: so der Nürnberger Hof, das Compostell, das Braunfels, das Stammhaus Derer von Braunfels, und mehrere in den späteren Zeiten zu Wohnungen und Gewerbsbenutzungen eingerichtete Festungen.[25] …..Pforten und Thürme, welche die Grenzen der alten Stadt bezeichneten, dann weiterhin abermals Pforten, Thürme, Mauern, Brücken, Wälle, Gräben, womit die neue Stadt umschlossen war…. Eine gewisse Neigung zum Alterthümlichen setzte sich bei dem Knaben fest.“ Hat er daraus für seinen noch in Frankfurt entstandenen „Götz von Berlichingen“, und vor allem für den noch dort in ersten Umrissen skizzierten Faust geschöpft?

„… Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,

Aus Handwerks- und Gewerbebanden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,

Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht….“[26]

Offensichtlich erschienen ihm die weiten, offenen Ausblicke reizvoller. „ Am liebsten spazierte ich auf der großen Mainbrücke…Der schöne Fluss auf- und abwärts zog meine Blicke nach sich.“ Auch ein Interesse an Menschen und ihrem Dasein in der Stadt erwecken diese Spaziergänge. „ …wobei noch eine andere Lust, bloß menschliche Zustände in ihrer Mannigfaltigkeit und Natürlichkeit, ohne Anspruch auf Interesse oder Schönheit, zu erfassen, sich hervorthat. So war es eine von unseren liebsten Promenaden, die wir uns des Jahrs ein paarmal zu verschaffen suchten, inwendig auf dem Gange der Stadtmauer herumzuspazieren. Gärten, Höfe, Hintergebäude ziehen sich bis an den Zwinger[27] heran; man sieht mehrern tausend Menschen in ihre häuslichen, kleinen abgeschlossenen, verborgenen Zustände. Von den Putz- und Schaugärten der Reichen zu den Obstgärten des für seinen Nutzen besorgten Bürgers, von da zu den Fabriken, Bleichplätzen und ähnlichen Anstalten, ja bis zum Gottesacker selbst….ging man an dem mannigfaltigsten, wunderlichsten, mit jedem Schritt sich verändernden Schauspiel vorbei, an dem unsere kindliche Neugier sich nicht genug ergötzen konnte…..Die Schlüssel, denen man sich auf diesem Wege bedienen musste, um durch mancherlei Thürme, Treppen und Pförtchen durchzukommen, waren in den Händen der Zeugherren, und wir verfehlten nicht, ihren Subalternen auf’s Beste zu schmeicheln.“[28] Doch Frankfurt hatte noch mehr zu bieten.

Als Zehnjähriger erlebt er während des Siebenjährigen Krieges die Besetzung Frankfurts durch französische Truppen. Im Hause des Vaters wird der „Königslieutenant“ einquartiert, hohe Herren gehen ein und aus, so der Prinz Soubise und der Marschall de Broglio. Für die beiden Kinder, noch unangefochten durch die politischen Vorurteile der Erwachsenen, ist es eine aufregende und anregende Zeit.

Als Vierzehnjähriger erlebt Goethe ein Konzert des siebenjährigen Mozart im „Scharfischen Saal“ hinter der Liebfrauenkirche. Noch im hohen Alter erinnert er sich „des kleinen Mannes mit seiner Frisur und Degen“, der von seinem Vater wie ein Zauberkünstler angekündigt wird: „Der Knab wird ein Concerto auf der Violin spielen, bey Synfonien mit dem Clavier accompagnieren, das Manual oder die Tastatur des Clavier mit einem Tuch gänzlich verdecken, und auf dem Tuche so gut spielen, als ob er die Claviatur vor Augen hätte; er wird ferner in der Entfernung alle Töne, die man einzeln oder in Accorden auf dem Clavier, oder auf allen nur erdenklichen Instrumenten, Glocken, Gläsern und Uhren usw. anzugeben imstande ist, genaust benennen. Letztlich wird er nicht nur auf dem Flügel, sondern auch auf einer Orgel vom Kopfe phantasiren.“[29] Armes Wunderkind Mozart!

Ein Jahr später findet in Frankfurt die prunkvolle, traditionelle Kaiserkrönung statt. Man krönt Josef II. Wieder ist ein Teil des väterlichen Hauses mit Gästen besetzt und die Stadt Szene prachtvoller Aufzüge.

„Ich wusste mich in dem Römer, den ich, wie eine Maus den heimischen Kornboden, genau kannte, so lange herumzuschmiegen, bis ich an den Haupteingang gelangte, vor welchem die Kurfürsten und Gesandten, die zuerst in Prachtkutschen herangefahren waren und sich oben versammelt hatten, nunmehr zu Pferde steigen sollten….Auch die Botschafter der abwesenden weltlichen Kurfürsten in ihrem goldstoffenen, mit Gold überstickten, mit goldenen Spitzentressen reich besetzten spanischen Kleidern thaten unseren Augen wohl; besonders wehten die großen Federn von den altertümlich aufgekrempten Hüten auf’s Prächtigste….Was einem Frankfurter besonders wohl thun musste, war, dass bei dieser Gelegenheit, bei der Gegenwart so vieler Souveräne und ihrer Repräsentanten, die Reichstadt Frankfurt auch als ein kleiner Souverän erschein: denn ihr Stallmeister eröffnete den Zug…..Nun aber concentrirte sich die Reihe, indem sich Würde und Pracht steigerten, immer mehr. Denn unter einer ausgewählten Begleitung eigener Hausdienerschaft, die Meisten zu Fuß, Wenige zu Pferde, erschienen Wahlbotschafter, sowie Kurfürsten in Person nach aufsteigender Ordnung. Jeder in einem prächtigen Staatswagen. Unmittelbar hinter Kurmainz kündigten zehn kaiserliche Läufer, einundvierzig Lakaien und acht Haiducken die Majestäten selbst an. Der prächtigste Staatswagen, auch im Rücken mit einem ganzen Spiegelglas versehen, mit Malerei, Lackirung, Schnitzwerk und Vergoldung ausgeziert, mit rothem gesticktem Sammet obenher und inwendig bezogen, ließ uns ganz bequem Kaiser und König, die längst erwünschten Häupter, in aller ihrer Herrlichkeit betrachten.“[30]

Wieder ein Jahr später, im Jahre 1765, schickt der „Rath“ Goethe den zarten und kränklichen Sechzehnjährigen an die Universität nach Leipzig und dann nach Strassburg, um Rechtswissenschaften zu studieren. Gereift, kräftig und selbstbewusst kehrt er als Zweiundzwanzigjähriger nach Frankfurt zurück. Doch die Stadt ist ihm nun zu eng geworden. Er schimpft sie ein „leidiges Loch“. Vier Jahre hält er es noch aus, bevor er seine Heimatstadt endgültig verlässt. Doch schreibt er während jener vier Jahre, unter anderem, den „Götz von Berlichingen“, erfasst damit den Geist der Zeit und wird über Nacht bekannt. Er schwärmt aus, wann immer möglich, nach Darmstadt, nach Wetzlar oder nach Ehrenbreitstein ins schöngeistige Haus von Sophie von La Roche, fühlt sich zu ihrer Tochter Maximiliane hingezogen und lässt einige ihrer Züge, so die dunklen Augen, in seine „Lotte“[31] einfließen. Doch Maximilane ist verheiratet und der eifersüchtige Ehemann verbietet Goethe das Haus. Sein Briefwechsel mit ihrer Mutter Sophie von La Roche, hingegen, dauert noch eine Weile an. Er vollendet „Die Leiden des jungen Werthers“ und wird mit diesem Werk mit einem Schlag weltberühmt. Im Jahre 1775 verlässt er Frankfurt endgültig und übersiedelt an den Hof von Weimar.

Die Jordis werden Goethe wohl kaum gekannt haben, sie waren keine Dichter, sondern Händler. Aber Andreas Georg Friedrich Jordis ist zwei Jahre vor dem großen Dichter, seine Frau Maria Theresia Brentano zwei Jahre nach ihm geboren. Sie sind also von derselben Generation und werden, aus ihrer Sicht, dasselbe von Goethe beschriebene Frankfurt erlebt und gelebt haben. Wahrscheinlich ist auch, dass sie „aus der Nachbarschaft“, des Dichters Schwester Cornelia gekannten haben, denn auch sie lebte nach ihrer Heirat mit Johann Georg Schlosser in der Töngesgasse.

Goethe und Bettina Brentano

Doch kehren wir noch einmal zu Bettina Brentano zurück. Früh verwaist, verbringt sie einen Teil ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter in Ehrenbreitstein. Hochbegabt, sprunghaft, exaltiert, ist sie ein Irrwisch. „Solche Lebhaftigkeit, solche Gedanken- und Körpersprünge (denn sie sitzt bald auf der Erde, bald auf dem Ofen), soviel Geist und soviel Narrheit ist unerhört“[32] schreibt Wilhelm von Humboldt über sie nach einer Begegnung bei gemeinsamen Freunden viele Jahre später (1809) in München. In Ehrenbreitstein stößt die inzwischen Einundzwanzigjährige auf die 43 Briefe, die der junge Goethe seinerzeit ihrer Großmutter geschrieben hatte. Sie darf sie abschreiben und das gibt ihrem Leben eine entscheidende Wendung. Goethe wird ihr Idol, ja eine Zwangsvorstellung, sie muss ihn kennen lernen, ihm nahe sein. In Frankfurt nähert sie sich der noch lebenden Mutter Goethes, will alles über den inzwischen hochberühmten Mann erfahren, schreibt ihn an, beginnt einen Briefwechsel. Und erreicht, ein Jahr später von ihm in Weimar empfangen zu werden. „Da hat den doch die kleine Brentano ihren Willen gehabt….ich glaube im gegen gesetzten fall wäre sie Toll geworden“. schrieb Goethes Mutter dazu. In etwas hochgestochener, moderner Psychologensprache ausgedrückt, war es für Bettina „ein Ereignis von wahrhaft archetypischer Gewalt am Schnittpunkt aller wichtigen bettinischen Lebensdeterminanten: Vatersuche, Mutternachfolge, Literaturgeschichte als Familiengeschichte betrachtet; Selbstständigkeit und Abhängigkeit so ineinander verschlungen, dass je nach Bedarf das eine oder das andere zutage tritt; ebenso Kindlichkeit und Weiblichkeit: und über allem der Wunsch, in der Gesellschaft von außergewöhnlichen Menschen zu leben und dort auch gesehen zu werden, kleine Sonne unter großen Sonnen. All das führte zu dem ungewöhnlichen Auftritt der eben 22jährigen in Bubenkleidern angereisten, kinderkleinen Bettina beim 58jährigen Geheimen Rat von Goethe, dem sie auf den Schoß oder an die Schulter flog, gleichsam ins stille Auge ihres Lebensorkans.“[33] Und er lässt es geschehen, amüsiert, geschmeichelt, aber auch angeregt durch diese frühreife „Orlanda furiosa“, wie Fürst Pückler-Muskau sie später nannte. Viel dichterischer und in brüderlicher Liebe schreibt Clemens Brentano über den Auftritt: „…Dort war sie drei Stunden bei Goethe und er steckte ihr einen Ring an den Finger und gedachte unserer Mutter…Bettina ruhig wie ein Engel: sie ist geistreicher als je ein Mensch vielleicht gewesen, unergründlich genial, unschuldig. Ihr Gesang ist viel mehr geworden. Sie ist nicht mehr gespannt: sie ist ein Genius, der die Flügel öffnet und senkt.“[34] Bettina Briefwechsel mit Goethe wird fortgesetzt. Sie wird ihn nach dem Tod des Dichters als “Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ veröffentlichen. Mehrmals fährt sie in den nächsten Jahren noch nach Weimar. „Ihre Beziehung zu Goethe ist…eine wirkliche unerhörte Umformung von Realität zu Gunsten einer offenbar lebensnotwendigen Phantasie, etwas wie ein Traum, der das bewusste Leben überflutet, schmückt, begleitet und stützt.….Überdeutlich wird bei der Lektüre von Goethes Briefen, dass bei ihm von ähnlichen Gefühlen nicht im entferntesten die Rede sein kann.“[35] Doch ganz gleichgültig scheint dem alten Goethe ihr Besuch nun auch nicht gewesen zu sein, schreibt doch seine Mutter anschließend an Bettina: …“Du hast viel Vergnügen dort verbreitet – nur bedauert man, dass Dein Aufenthalt so kurz war….“ Wie dem auch sein mag, was ihre Liebesphantasie sie erleben ließ und was sie darüber schrieb, „gehört zu den schönsten und poetischsten erotischen Texten der deutschen Literatur“ (H. Baumgart). Und wenn sie Goethe „keck und scherzend“ im vertrauten Frankfurter Tonfall, lebendig und märchenhaft von seiner Heimatstadt Frankfurt berichtet, wobei sie teils auf eigene Erfahrung zurückgreift, weitgehend aber auf das, was Goethes Mutter ihr über die Kindheit des Dichters erzählt hatte, ist der Geheime Rat berückt. Er bittet sie diese seine Kindheitserinnerungen ihm doch aufzuschreiben und „übernimmt vieles davon in Dichtung und Wahrheit und wird durch Bettina erst nachdrücklich dazu gebracht, nun sein Leben als großgefassten Bericht, zum Kunstwerk gestaltet, dem Publikum vorzuführen.“[36] So haben wir es vielleicht weitgehend ihr zu verdanken, dass vieles aus „Wahrheit und Dichtung“ über das Stadtbild, das Leben und die Ereignisse in der alten Reichsstadt, so wie Goethe, aber auch so wie die Jordis und die Brentanos es damals erlebt und gelebt haben, überhaupt auf uns überkommen ist.

Hochkultur „in tempore belli“

Jahrhundertwende. Die alte Ordnung bricht in Frankreich zusammen. Ludwig XVI. und Marie Antoinette werden 1793 in Paris geköpft. Bald ist ganz Europa im Umbruch. Aus dem Terror der Französischen Revolution erwächst das Kaisertum Napoleons I., der durch zwei Jahrzehnte hindurch den ganzen Kontinent mit Kriegen überzieht, und versucht, ein europäisches Imperium zu errichten. In diesen Geburtsstunden des Nationalismus dankt Franz II. 1806 als Kaiser des übernationalen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ab und nimmt als Franz I. den Titel Kaiser von Österreich an.

Wolfgang Amadeus Mozart ist 1791 gestorben, Joseph Haydn komponiert 1796 als eines seiner letzten großen Werke die „Missa in tempore belli“. Die Romantik beginnt die Klassik abzulösen. Beethoven bringt 1803 seine 3. Symphonie „Eroica“ zur Aufführung. Schubert wird 1797 geboren und komponiert 1811 seine ersten Balladen. Im selben Jahr wird C.M. von Webers Singspiel „Abu Hassan“ uraufgeführt. Mit dem „Barbier von Sevilla“ schuf Gioacchino Rossini 1816 einen der Höhepunkte der italienischen Buffooper.

1799 schreibt Hölderlin den „Hyperion“, Novalis 1802 „Heinrich von Ofterdingen“. Achim von Arnim und Clemens Brentano geben 1806 die Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn“ heraus und Heinrich von Kleist „Der zerbrochene Krug“. Schiller schreibt 1804 den „Wilhelm Tel“, 1808 erscheint der erste Teil von Goethes Faust. 1799 schreibt Fichte „Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung“, Herder seine „Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft“, und Schelling „Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie“.

J.L. David malt 1800 das Portrait der Madame Récamier, Francisco Goya 1801 „Die bekleidet Maya“ und „Die nackte Maya“, und George Romney das Portrait der Lady Hamilton. C.D. Friedrich vollendet 1808 „Das Kreuz im Gebirge“. 1810 wird die deutsche Malervereinigung der „Nazarener“ gegründet.

Alexander von Humboldt unternimmt 1799-1804 eine Forschungsreise durch Mittel- und Südamerika.

In München findet 1810 das erste Oktoberfest statt. Ab 1813 wird der Walzer Gesellschaftstanz und ab 1814 beginnt die englische Mode zu dominieren.

In England steigt die Bevölkerungszahl mit der und durch die industrielle Revolution. 1806 beträgt die Bevölkerung Deutschlands 29 Millionen Einwohner. Robert Fulton erfindet 1807 das Dampfschiff in den USA. 1811 werden in Essen die Krupp-Werke gegründet. Friedrich Koenig erfindet 1812 die Schnelldruckpresse. George Stephenson baut 1814 die erste Eisenbahnlokomotive.[37]

Kriegswirren

Die Kriegswirren der Französischen Revolution erreichen auch Frankfurt. 1792 besetzt Général Custine die Stadt und erhebt eine Brandschatzung[38] von zwei Millionen Franken. Vier Jahre später belagern und beschießen die Franzosen noch einmal die Stadt. Frau Rath Goethe, die damals schon seit 14 Jahren als Witwe allein in Frankfurt lebt, berichtet darüber in ihrer unvergleichlich direkten, sprunghaften und zuversichtlichen Ausdrucksweise an ihren Sohn in Weimar: „Lieber Sohn! Du verlangst die näheren Umstände des Unglücks unserer Stadt zu wissen. Dazu gehört eine ordentliche Rangordnung, um klar in der Sache sehen zu können. Im engsten Vertrauen sage ich dir also, dass die Kaiserlichen die erste Ursache sind – da sie nicht imstande waren, die Franzosen zurückzuhalten, da diese vor unseren Toren stunden. Da Frankfurt keine Festung ist, so war es Unsinn, die Stadt, ohne dass sie den mindesten Vorteil davon haben konnten, ins Unglück zu bringen – mit alle dem wäre aller Wahrscheinlichkeit nach kein Haus abgebrannt! Wenn der fatale Gedanke, den sich niemand ausreden ließe, die Franzosen würden plündern, nicht die Oberhand behalten hätte….In allen Häusern – waren die größten Bütten mit Wasser oben auf die Böden der Häuser gebracht – sowie eine Kugel zündete, waren nasse Tücher – Mist u.d.g. bei der Hand. – so wurden Gott sei Dank – die ganze Zeil – die große und kleine Eschenheimer Gasse – der Roßmarkt – die Tönges und die Fahrgasse gerettet – daß nicht ein Haus ganz niedergebrannt ist – ja besser zu sagen gar nichts das der Mühe wert wäre zu sehen. – Der andre Teil der Stadt, der Römerberg, Mainzergasse und so weiter kam ohnehin wenig hin – und tat gar nichts. Auf der Frieburger Gasse ist unser ehemaliges Haus abgebrannt – auch der gelbe Hirsch hinten hinaus.….Unsere jetzige Lage ist in allem Betracht fatal und bedenklich – doch vor der Zeit sich grämen oder gar verzagen, war nie meine Sache – auf Gott vertrauen – den gegenwärtigen Augenblick nutzen – den Kopf nicht verlieren – sein eignes wertes Selbst vor Krankheit, denn so was wäre jetzt sehr zur Unzeit, zu bewahren – da dieses alles mir von jeher wohlbekommen ist, so will ich dabei bleiben. Da die meisten meiner Freunde emigriert sind – kein Komödienspiel ist – kein Mensch in den Gärten wohnt; so bin ich meist zu Haus – da spiele ich Klavier, ziehe alle Register, pauke drauf los, daß man es auf der Hauptwache hören kann – lese alles durcheinander: Musenkalender, Weltgeschichte von Voltaire – vergnüge mich an meiner schönen Aussicht – und so geht der gute und mindergute Tag doch vorbei…“[39]

Und die „minderguten“ Tage gehen tatsächlich vorüber. Zwar erpresst der kommandierende General Kléber diesmal 6 Millionen Franken. Und das ist nicht das Ende. Denn 1800 wird die Stadt von Maréchal Augereau abermals mit mehreren Millionen Franken gebrandschatzt. Aber Frankfurt überlebt.

Doch ist es, unter diesen Umständen, vielleicht nicht erstaunlich, dass Andreas Georg Friedrich Jordis in späteren Jahren in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Er zieht von Frankfurt nach Höchst und lebt bis zu seinem Tode im Jahre 1827 von einer Rente, die ihm sein Bruder Alexander Ferdinand ausgestellt hatte.

Wieder treten Brückenbauer unter den Jordis auf. Wieder sucht die Jugend nach neuen Horizonten, nach neuen Möglichkeiten. Auch patriotische Gefühle werden dabei eine Rolle gespielt haben. In diesem Falle, allerdings, sind die Brücken schon vorbereitet. Denn ein halbes Jahrhundert vorher, also um die Mitte des 18. Jahrhunderts, hatte Alexander Ferdinand Fürst von Thurn und Taxis, Erbgeneraloberstpostmeister des Reiches, in seinem prachtvollen Barockpalais in der Großen Eschenheimerstraße in Frankfurt am Main Hof gehalten. Wie schon erwähnt, hatten ihm die Jordis Geld geliehen, wie auch andere „Kapitalisten“ Frankfurts es getan. Es ist nicht sicher, ob dies Geld jemals zurückgezahlt wurde, dagegen ist sicher, dass der Fürst Taufpate eben dieses Alexander Ferdinand Jordis wurde, der später seinem Bruder eine Rente ausstellte. Auf Veranlassung und unter Vermittlung seines Paten wanderte dieser Täufling später nach Wien aus, trat in kaiserliche Dienste, nahm an 15 Feldzügen teil und wurde Feldmarschallleutnant und Inhaber des Infanterieregimentes No. 59, des Salzburger Hausregiments.[40] Sein eindrucksvolles Portrait in voller Uniform, hängt heute noch in der Festung Hohensalzburg. Er blieb ledig und lebte die letzten Jahre bis zu seinem Tode im Jahre 1821 in Graz. Diese erste Brücke hat dreien seiner Neffen, den Brüdern Anton, Andreas und Franz Jordis, den Weg in eine neue Heimat geebnet: Österreich. Die beiden ersten hat er in sein eigenes Regiment aufgenommen, der dritte diente bei den Husaren. Alle drei machten die Feldzüge gegen Napoleon mit und brachten es zum Oberstleutnant, Oberst und Generalmajor. Und alle drei setzten sich später, wie ihr Onkel es getan hatte, in Graz zur Ruhe. Anton ist der Ahnherr der österreichischen Linie der Jordis, seine beiden Brüder hatten keine Nachkommen.

Das Kaiserreich Österreich – In Armee und Staatsdienst

Das Entstehen eines Vielvölkerreiches

Der Traum eines zweiten habsburgischen Großreiches, nach dem Weltreich Karls V., eines Großreiches im Südosten Europas, sollte Ende des 17. Jahrhunderts Wirklichkeit werden. Doch bevor es dazu kam, musste jenes Habsburger Erzherzogtum an der Donau fast zugrunde gehen. 1683 belagerten die Türken Wien zum zweiten Mal und diesmal waren sie entschlossen, dieses wichtigste und letzte Bollwerk im Südosten des Abendlandes zu erobern. Sophia war schon türkisch, ebenso Belgrad und Budapest, sogar das ferne Kiew. Fiele jetzt auch noch Wien, so stünde das Tor nach Mittel- und Westeuropa offen. Europa musste sich mobilisieren. Es war der letzte Kreuzzug des christlichen Abendlandes gegen die „Ungläubigen“. Doch die Christenheit war nicht mehr geeint. Der „allerchristlichste“ König, Ludwig XIV. von Frankreich, paktierte heimlich mit den Türken gegen den Kaiser. Sonst aber kamen Fürsten und Ritter aus allen Teilen des Abendlandes, um Wien und die Christenheit zu retten. Polens König Jan Sobieski, an der Spitze seiner Flügelhusaren, übernahm den Oberbefehl. Über zwei Monate hatte die Stadt Wien unter dem Kommando des heldenmütigen Grafen Starhemberg allen Angriffen des türkischen Heeres getrotzt. Doch sie war am Ende ihrer Kräfte, als am 12. September 1683 das alliierte Ersatzheer die Türken vor den Toren der Stadt vernichtend schlug. Es war die Geburtsstunde der Großmacht Österreich. Und wieder hat Ludwig XIV., ohne es zu wollen, dabei eine Rolle gespielt. Als nämlich ein hässlicher, verwachsener, aber militärisch außergewöhnlich begabter junger Prinz den selbstherrlichen Sonnenkönig um ein Regiment in seiner Armee ersuchte, hat ihn dieser wie Luft behandelt. Da verließ der stolze Prinz Frankreich und hat sich geschworen, nur mit dem Schwert in der Hand wieder dorthin zurückzukehren. Und er hat seinen Schwur gehalten und ist als Prinz Eugen von Savoyen, „der edle Ritter“, in die Geschichte und in die Legende eingegangen. Später als kaiserlicher Oberbefehlshaber hat er nicht nur Frankreich empfindliche Niederlagen beigebracht, sondern mit der Rückeroberung eines großen Teils Südosteuropas von den Türken, dem römischen Kaiser und Erzherzog von Österreich ein einmaliges Vielvölker-Großreich geschaffen, das über zwei Jahrhunderte bestehen sollte.

Es handelte sich, wie ein Jahrtausend zuvor im Südwesten des Abendlandes in Karl Martells Schlacht bei Tours und Poitiers, und wie zwei Jahrhunderte zuvor bei der reconquista Spaniens, auch hier auf dem Balkan wieder um ein Zurückdrängen des Islams, der immer wieder versucht hatte, weite Teile Europas zu erobern, wie es ihm dauerhaft in Afrika und Asien gelungen war.

Im Zuge der Umwälzungen in Europa während der napoleonischen Kriege, legte nun Kaiser Franz II. 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches nieder, nahm als Herrscher dieses Südost- Reiches den Titel Kaiser von Österreich an.

Im Jahre 1813 veröffentlichte ein gewisser William Alexander in London ein Buch mit dem Titel: „Picuresque Representations of the Dress and Manners of the Austrians, illustrated in fifty coloured engravings with descriptions.“ Es ist ein hübsches Bilderbuch mit 50 kolorierten Stichen, welche die bunte, oft exotische Vielfalt der, meist ländlichen Bevölkerung des damaligen österreichischen Kaiserreiches darstellt – Bauern aus Oberösterreich, aus Krain und aus Tirol, aus Ungarn und Slawonien, aus Böhmen und Mähren, aus der Bukowina und aus Kroatien, Siebenbürger Sachsen aus Hermannstadt, polnische Juden und zuppanesische Grafen, ein Pope aus Cattaro, ein Serethier und ein Pandure, eine Bäuerin vom Fluß Hanna, ein russischer Bauer aus Marmoros und viele andere aus Gegenden, deren Namen uns heute oft nichts mehr bedeuten.

Das Regiment von Jordis

In dieses Reich folgten, ein knappes Jahrhundert nach den Siegen des Prinzen Eugen, die Brüder Anton, Andreas und Franz Jordis ihrem Onkel, um Österreich diesmal gegen einen Einfall von Westen, einen Einfall der revolutionären, später kaiserlichen französischen Heere zu verteidigen. Fünfundzwanzig Jahre lang, von 1790 bis 1815, standen sie von Holland bis Italien und von Frankreich bis an die türkische Grenze unentwegt im Felde und erlitten viele, zum Teil schwere Verwundungen. Und die Tapferkeit, die militärischen Erfolge nicht nur des Onkels, sondern auch seiner drei Neffen sowie die Schicksale des Regiments Jordis haben diesen Namen in der kaiserlichen Armee bekannt gemacht.

Schon während der italienischen Feldzüge gegen Napoleon tritt das Infanterieregiment No. 59, das damals in Verona in Garnison lag, und sein Inhaber Alexander Ferdinand von Jordis in Erscheinung, im Jahre 1802 besetzt es das nun säkularisierte Erzbistum Salzburg für den Kaiser und wird Salzburger Hausregiment.

1809 kommt es in der Schlacht von Aspern zu Ehren. Andreas, der fast seine ganz militärische Karriere im Regiment Jordis machte, hat die Schlacht als Hauptmann mitgemacht. Ein zeitgenössischer kolorierter Stich zeigt die dramatische Kampfszene, Mann gegen Mann, mit aufgepflanzten Bajonetten, der „Erstürmung des Kirchhofes von Apern durch das Regiment Benjovsky mit einem Bataillon von Jordis am 22. Mai 1809“ gegen den Hintergrund einer lichterloh brennenden Kirche. Ein Bataillon des Infanterieregiments No. 59 war also daran beteiligt gewesen. In dieser überaus verlustreichen Schlacht Erzherzog Karls gegen Napoleon war Apern „inzwischen von Hiller[41] zu fünftenmal gestürmt worden. Um einer neuerlichen Besetzung durch Franzosen vorzubeugen ließ er die Kirche anzünden und die Friedhofsmauer einreißen. Für Napoleons Rückzug hatte der Ort aber noch immer nicht seine Wichtigkeit verloren. Er schickte also Divisionsgeneral Curial mit drei Bataillonen Gardetirailleure quer über das Schlachtfeld, um Massena nochmals die Einnahme des heißumkämpften Ortes zu ermöglichen. Der setzte sich selbst an die Spitze der Sturmkolonnen und nahm abermals Kirche und Friedhof. Um 1 Uhr Nachmittag hatten die Kaiserlichen Aspern mit Unterstützung ihrer hervorragenden Artillerie zurückerobert.“[42]

„Die Beharrlichkeit des Feindes musste dem Heldenmut unserer Truppen weichen und der vollständige Sieg krönte die Anstrengungen unserer Armee.“ schreibt Erzherzog Karl am 23. Mai an seinen Bruder, den Kaiser. Historiker sehen das heute etwas anders. „Erzherzog Karl wurde bestürmt weiter vorzugehen. Er gab aber nur den Befehl, die ursprünglichen Positionen wieder zu besetzen, im Übrigen alles zu vermeiden, was zu ernsten Kämpfen führen könnte. Dies führte dazu, dass man die Ergebnisse der Schlacht bei Aspern später als unbefriedigend ansah.[43] “ So gilt zwar Aspern als Sieg der Österreicher, aber kein nachhaltiger.

Bis zum Ende der Napoleonischen Kriege, noch während der Befreiungskriege von 1813, erfüllt das Regiment Jordis seine Pflicht: In der letzten Schlacht Napoleons auf deutschen Boden, der Schlacht von Hanau, unterstützt es die bayrischen Truppen unter General Graf Wrede[44] gegen das Gros der nach der Völkerschlacht von Leipzig zurückflutenden französischen Armee. Noch ein letztes Mal ist Napoleon siegreich: “Das österreichische Regiment Jordis und die Prinz Schwarzenberg Ulanen sind völlig vernichtet worden.“ schreibt er an Marie-Louise[45]. Das war erwartungsgemäß übertrieben, doch es ist wahr, daß die Jordis Grenadiere, die sich tapfer geschlagen haben, durch die erdrückende Überlegenheit des Gegners schwere Verluste hinnehmen mussten. Das 2. Bataillon wurde völlig aufgerieben. Durch falsche Meldungen irregeführt hatte General Wrede zu spät erkannt, dass seine 30.000 bayrischen und österreichischen Soldaten den Kerntruppen der französichen Armee (60-80.000) unter Napoleons persönlichem Kommando gegenüberstanden. Er hat somit trotz großer Verluste den Rückzug der Franzosen über Frankfurt am Main nach Frankreich nicht verhindern können. Andreas Jordis hat als Major an der Schlacht von Hanau teilgenommen.

Friede

Nach dem Sieg über Napoleon hatten sich 1815 unter dem Vorsitz Metternichs die Herrscher des Abendlandes auf dem Wiener Kongress versammelt, um die Geschicke Europas nach 25 Jahren napoleonischer Eroberungskriege wieder zu ordnen. Mit Weitsicht und staatsmännischem Können wollten sie einen langfristigen Frieden sichern, der dann auch, von kurzen, kleineren Konflikten abgesehen, ein Jahrhundert lang gedauert hat. Man hatte den langjährigen Störenfried Frankreich nicht aus dem Kreise der Königreiche verstoßen, hat ihn nicht bestraft und erniedrigt. Ja, durch die diplomatische Kunst Talleyrands und die Großmut der Siegermächte hat Frankreich bei der Neuordnung Europas territorial sogar noch dazu gewonnen! Im Zuge dieser Neuordnung fiel nicht nur die Lombardei zurück an Österreich, sondern es behielt auch Venetien, das ihm im Frieden von Campo Formio 1797 zugefallen war.

Anton Edler von Jordis und sein Sohn Johann

Anton Jordis, 1778 noch in Frankfurt geboren, begann 1794, sechszehnjährig, im Regiment seines Onkels Alexander Ferdinand seine militärische Laufbahn. Er blieb in diesem Regiment bis 1800 und hat demnach den italienischen Feldzug mitgemacht. Danach wechselte er mehrmals das Regiment und nahm in den folgenden fünfzehn Jahren an zehn Feldzügen teil.

Im Jahre 1809 wäre er fast ums Leben gekommen. In der „Affaire bei Söll“[46] hielt er als Capitain Lieutenant mit seiner Compagnie den weit überlegenen Feind eine beträchtliche Zeit auf, bis endlich seine Compagnie geschwächt und ihm selbst der rechte Arm durch einen Schuss zerschmettert wurde, worauf er nach erfolgtem Rückzug der Compagnie am Kampfplatze liegen bliebSein Vetter (Peter Anton Jordis), der in feindlichen (bayrischen) Diensten stand und Offizier war, kam gerade dazu, wie ein bayrische Soldat meinem, durch die Zerschmetterung des rechten Arms zu Tode ermatteten Großvater mit dem Gewehrkolben den Garaus machen wollte. Mein Großvater wurde jedoch von seinem Vetter erkannt und so durch verwandte Hand vom Tode gerettet und gefangen genommen“[47]

Nach einer ausgezeichneten 44jährigen Dienstzeit wird er 1839 mit dem Titel „Edler von“ in den Adelstand erhoben und lebte nach seiner Abrüstung bis zu seinem Tode im Jahre 1847 als Generalmajor a.D. in Graz. Schon 1808 hatte er sich mit Anna Maria von Nosky vermählt. Ihr einziger Sohn Johann, und nach dem frühen Tode dreier Schwestern, einziges Kind, wurde am 23. April 1812 in Cilli[48] in der Untersteiermark geboren.

„Mein Vater war Hauptmann als ich zur Welt kam.“ schreibt dieser in seinen Lebenserinnerungen. „Beide (Eltern) waren vermögenslos, denn der Vater hatte nur seine Gage, die Mutter nur die Interessen ihrer damals bloß 6.000 fl. betragenden Caution. Ich blieb von vier Kindern der einzig Überlebende und meine armen Eltern opferten alles Mögliche, um die Kosten meiner Erziehung zu bestreiten. Ich studierte an den Gymnasien in Fiume[49], Triest und Görz[50] und vollendete die Rechtswissenschaften an der Grazer Universität im Jahre 1832. Durch einen Onkel, Obersten von Jordis, in die Gesellschaft eingeführt, habe ich die vier Jahre meiner juridischen Studien ungeachtet meiner sehr bescheidenen Mittel äußerst angenehm zugebracht, war ein beliebter Kamerad, ein gesuchter Tänzer. Noch jetzt denke ich mit Vergnügen an jene schöne, lustige Zeit zurück.“[51]

Da Johann das einzige Kind war und sein Vater sowie seine Onkeln während der napoleonischen Kriege zum Teil schwer verwundet worden waren, untersagte ihm sein Vater, Soldat zu werden. „Darauf trat ich, als mein Vater mittlerweile Oberst geworden und in Triest stationirt war, bei dem dortigen Gubernium in Staatsdienst.“ Er machte seine ganze weitere Karriere im italienischen Teil der Monarchie, die ihn vom „küstenländischen Gubernium“ in Triest über Görz nach Capo d’Istria führte, wo er 1850 zum Bezirkshauptmann ernannt wurde.

Revolutionen und Gegenrevolutionen

Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1848 erscheint das „kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels. Im selben Jahr bricht in Paris die Februarrevolution los und beendet endgültig das französische Königtum. Prinz Charles Louis Napoleon wird Präsident. Es folgen die Märzrevolutionen in Deutschland und Österreich mit dem Ziel demokratischer Verfassungen. Deutsche Nationalversammlung mit Erzherzog Johann als Reichsverweser. Oktoberrevolution in Österreich -- Kaiser Franz Josef I. folgt Ferdinand I. auf den Thron. Aufstände in den italienischen, tschechischen und ungarischen Teilen des Reiches. 1849 lehnt König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die ihm angebotene deutsche Kaiserkrone ab, weil er von den deutschen Fürsten, nicht vom Volk gewählt werden will. 1852 wird Prinz Charles Louis durch Staatsstreich als Napoleon III. Kaiser Frankreichs. Bei etwa gleichbleibenden Reallöhnen hat sich die deutsche Industrieproduktion seit 1800 etwa versechsfacht – in der 2. Hälfte des Jahrhunderts verdoppeln sich die Reallöhne bei Verzehnfachung der Produktion. 1845-48 Vernichtung der Kartoffelernte in Irland durch Meltau, die folgende große Hungersnot führt zu Massenauswanderung. Bismarck gründet 1848 die konservative „Neue Preußische Zeitung“, Karl Marx die „Neue Rheinische Zeitung“. Goldfunde in Kalifornien führen zu Massenwanderungen. In Deutschland wird der 12stündige Arbeitstag gefordert. Schaffung eines Telegraphennetzes in Deutschland. 1850 erstes Unterseekabel Dover – Calais. Fast 15% der Bevölkerung der USA sind Negersklaven. Weizenexporte der USA nehmen zu. 1851 Eröffnung der ersten Weltausstellung in London, von Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha organisiert. 50% der englischen Bevölkerung wohnt in Städten. England dominiert wirtschaftlich und in der Mode.

Männermode: Zylinder, Gehrock, langes Beinkleid; Frack bei Feiern. Frauenmode: hellfarbig, Reifröcke aus leichten Stoffen, Dekolleté, große flache Hüte mit Samtbändern und Pleureusen.

Alexandre Dumas schreibt 1848 die „Kameliendame“, Charles Dickens 1849 „David Copperfield“, Fjodor Dostojewski wird zum Tode verurteilt und begnadigt. 1850 sterben Honoré de Balzac, Nikolaus Lenau und William Wordsworth. Clemens Brentanos „Romanzen vom Rosenkranz“ werden posthum herausgegeben. Theodor Storm schreibt „Immensee“.

1848 erster deutscher Katholikentag in Mainz, 1849 erster deutscher evangelischer Kirchentag in Wittenberg. Sören Kierkegaard schreibt 1849 „Die Krankheit zum Tode“, Arthur Schopenhauer 1850 „Parerga und Paralipomena“.

Alfred Rethel vollendet 1848 die antirevolutionären Holzschnitte „Auch ein Totentanz“, D.G. Rosetti gründet die prärafaelische Bruderschaft englischer Maler. 1849 stirbt der japanische Maler Katsushika Hokusai, 1850 malen Eugène Delacroix „Die Löwenjagd“, Adolph von Menzel die „Tafelrunde in Sanssouci“ und Ferdinand Waldmüller die „Praterlandschaft“.

Schumann schreibt 1848 seine Oper „Genoveva“, Giacomo Meyerbeer 1849 „Der Prophet“ und Otto Nicolai „Die lustigen Weiber von Windsor“. Richard Wagner muss wegen Beteiligung am Maiaufstand aus Dresden fliehen und schreibt ein Jahr später seinen „Lohengrin“. 1853 schreibt Johannes Brahms seine erste Klaviersonate und Giuseppe Verdi den „Rigoletto“.

1848 erste telegraphische Wettermeldung in England. David Livingstone erforscht 1849 das Sambesigebiet in Afrika, 1850 L. Foucault’s Pendelversuche zum Nachweis der Erdumdrehung. I.M. Singer verbessert und produziert Nähmaschinen.[52]

Das Königreich Lombardei-Venetien – Der Delegat von Verona

In Oberitalien hatte sich der Zeitgeist grundlegend geändert seit jenen Jahren zu Anfang des 18. Jahrhunderts, als die Lombardei nach den harten Jahrhunderten spanischer Herrschaft mit Freuden wieder zu Österreich gekommen war. Ein Brentano war damals kaiserlicher Generalschatzmeister in Italien und Geheimer Staatsrat im Herzogtum Mailand gewesen, ein anderer Statthalter in Como. Die Kaiserin Maria-Theresia hatte die Mailänder Scala gegründert. Handel und Kultur blühten.

Doch dann kamen die napoleonischen „Befreier“, deren die Bevölkerung bald überdrüssig wurde. Und auf dem Wiener Kongress fiel die Lombardei wieder an Österreich. Auch Venedig und Venetien, die einstmals stolze Serenissima von San Marco, von Napoleon gestürzt, blieb Teil der Habsburger-Monarchie. Schon damals drang Metternich darauf, innerhalb des österreichischen Kaiserreiches, welches nun das Heilige Römische Reich abgelöst hatte, den italienischen Provinzen eine gewisse Selbständigkeit zuzugestehen. Doch der pathologische Zentralismus Franz I. hat diese Hoffnung der Italiener zunichte gemacht. Im Gegenteil, bald konnte „man nicht mal mehr den kleinen Finger bewegen ohne Bewilligung aus Wien“ (Alviso Zorzi). Und so begann im Lauf der Jahrzehnte ein anfänglich rebellischer und später revolutionärer Wind nationaler Einigungsbestrebungen zu wehen.

Zuerst empfindet man die österreichische Herrschaft noch nicht als Unterdrückung. Die „österreichische Bürokratie ist gewissenhaft und tüchtig, die Justiz vorschriftsmäßig verwaltet, die örtliche Verwaltung, wenn auch unter Aufsicht der österreichischen Regierung, ist im allgemeinen Italienern überantwortet.“[53] Mailand und die Lombardei, die unter der klugen Verwaltung Maria-Theresias und Josefs II. einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung erlebt hatten, blühen weiter auf. Venetiens wirtschaftliche Entwicklung dagegen war schon seit langem zunehmend ins Stocken geraten. Die Serenissima hatte während des ganzen 18. Jahrhunderts fröhlich und anmutig über ihre Verhältnisse gelebt und dann unter der französischen Herrschaft gelitten. Die örtliche österreichische Regierung versucht nun die Privatinitiative wieder anzukurbeln, gibt ein weitläufiges Straßenprogramm in Auftrag und baut die Eisenbahnlinie zwischen Mailand und Venedig, den beiden Hauptstädten des neuen Königreiches Lombardei-Venetien. Man hatte sich mit der neuen Herrschaft mehr oder minder „arrangiert“, als das Revolutionsjahr 1848 über Europa, und auch über die italienischen Provinzen hereinbricht. Venedig, die alte Dogenstadt, die immer noch von erneuter Unabhängigkeit und Größe träumt, bäumt sich 1849 noch einmal auf und leistet unter der nunmehr revolutionären Regierung Daniele Manins, einen fünfmonatigen, ebenso heroischen, wie völlig sinnlosen und heute unverständlichen Widerstand gegen die österreichischen Belagerer (und überdies gegen die Cholera). Dieser ungleiche Kampf wird in der ganzen damaligen Welt als der Streit des kleinen liberalen, für seine Freiheit kämpfenden Davids gegen die Übermacht eines reaktionären Goliaths betrachtet und mit Spannung verfolgt. Doch diesmal unterliegt David erwartungsgemäß militärisch, trägt aber moralisch den Sieg davon. Und trotz relativ milder Friedensbedingungen und anhaltender Versöhnungsversuche von österreichischer Seite, wird von nun an, und besonders in der Stadt Venedig selbst, die österreichische Herrschaft als Unterdrückung empfunden.

Unter diesen nicht ganz einfachen Vorzeichen tritt Johann von Jordis im April 1850 seinen Posten in Capo d’Istria an. Seine viel später verfassten Lebenserinnerungen gewähren einen lebendigen Einblick in diese Zeit. Er muss diplomatisches Feingefühl und politische Fähigkeiten besessen haben, hatte doch, wie er selbst in seinen Erinnerung schreibt, „mein Wirken Staat und Bevölkerung derart zufrieden gestellt, dass, so bald ich zum Provinzial-Delegaten der großen Provinz Udine ernannt wurde, das Munizipium von Capo d’Istria die für mich sehr schmeichelhafte Erklärung durch die Zeitung veröffentlichen ließ, welche als theures Andenken sich unter meinen Schriften befindet, und welcher umso mehr Glaube und Gewicht beizumessen ist, als jene Körperschaft ganz italienisch und regierungsfeindlich gestimmt war“.

Der sehr ehrenvolle Aufstieg vom Bezirkshauptmann in Capo d’Istria zum Delegaten in Udine im März 1851 ist von kurzer Dauer. „Kaum hatte ich mich in die neuen Verhältnisse und dort landesgültigen Verhältnisse eingelebt, kaum den halben Teil der größten Provinz des lombardo-venezianischen Königreiches bereist, erhielt ich mittels Estafette den Befehl des General Gouverneurs F(eld) M(arschall) Grafen Radetzky mich augenblicklich nach Verona zu verfügen und die Leitung der dortigen Provinz zu übernehmen.“

Die höchste Instanz im Königreich Lombardei-Venetien war damals der General-, Zivil- und Militärgouverneur Feldmarschall Graf Radetzky. Unter ihm fungierten die Statthalter (Gouverneure) für Venetien in Venedig und für die Lombardei in Mailand. Und ihnen unterstanden die Delegationen. „Neun Delegationen gliederten das Verwaltungsgebiet der Lombardei in neun Provinzen; aus acht Delegationen, d.h. aus acht Provinzen, bestand das venezianische. Als jeweiliges Zentrum und als Sitz der Behörde dienten ebenso viele Provinzhauptstädte….Freilich unterschieden sich diese siebzehn Delegationen nicht unerheblich durch ihre administrative Qualität und Größe: Verona zum Beispiel, das elf Distrikte mit 304.000 Einwohnern umfasste, zählte zu den wichtigsten, weil ‚am meisten beschäftigten’ Delegationen.“[54] Der Name Jordis wird in Verona nicht ganz unbekannt gewesen sein, hatte doch das Regiment Jordis ein halbes Jahrhundert zuvor in der Stadt und Umgebung in Garnison gelegen.

Die Provinz Verona zerfiel in elf Distrikte, die jeweils von einem mit italienischen Beamten besetztem Distriktskommissariat verwaltet wurde. Diese Funktion des Distriktkommissars als unterste staatliche Instanz war von entscheidender Bedeutung. Denn er überwachte die Gemeinden, verwaltete die steuerlichen Angelegenheiten und sorgte für die Erhaltung der öffentlichen Ruhe, das heißt, ihm unterstand die lokale Polizei.

Auf diese Distriktkommissare stützte sich der Delegat und er überwachte sie durch regelmäßige „Visitationen“. Von ihrer Wirksamkeit hing auch seine eigene Effizienz ab.

Denn die Liste der Verantwortungsbereiche der Delegation ist lang:

- Erhaltung der Rechte des Kaisers
- Organisation und Errichtung der Gemeinden
- Ein- und Auswanderung
- Einquartierung von Truppen
- Oberaufsicht über kirchliche und private Institutionen, Unterrichtsanstalten (außer Universitäten), Wohltätigkeitseinrichtungen, Weisen- und Armenhäuser, Bauten, Straßen und Brücken
- Überwachung der Gefängnisse.
- Überwachung von Fabrikserrichtungen,
- Überwachung von Landwirtschaft, Jagd und Fischfang
- Überwachung von Spettacoli
- Überwachung von Gewichten und Maßeinheiten

Bei einem geringen Beamtenstab war das eine Vielzahl von Aufgaben, die anfielen und erledigt werden mussten.

„Verona ist eine der schönsten Städte Italiens.“ bemerkte schon Carlo Goldoni ein Jahrhundert zuvor.[55] Und tatsächlich, mit seinen romantischen Etsch-Ufern, mit seinen romanischen und gotischen Kirchen, seinen barocken Palästen und mittelalterlichen Befestigungen, mit seinen engen Gassen, seinem bunten Gemüsemarkt auf der Piazza d’Erbe und den ehrwürdigen Regierungsgebäuden auf der Piazza dei Signori (wo sich auch die Delegation befand), ist Verona auch heute noch eine der reizvollsten und malerischsten Städte Norditaliens. Doch sein berufliches Leben scheint den jungen Delegaten zu sehr in Anspruch genommen zu haben, als dass er dafür Sinn oder Augen gehabt hätte. Nirgends in seinen Erinnerungen erwähnt er die Schönheiten der Stadt.

„Ich traf am 14. August 1851 dort ein und nun begann für mich die interessanteste, aber auch die dornenvollste Epoche meiner Dienstzeit. Meinen Ehrgeiz befriedigende freudige Ereignisse wechselten mit demütigenden und kränkenden und nur in meinem glücklichen Familienleben fand ich Entschädigung für vieles Ungemach. Dieses Familienglück gründete ich durch die Wahl meiner theuren Gattin, welche ich am 4. Oktober 1853 heimführte und die 13 Jahre der für sie eben nicht angenehmen Existenz unter größtenteils italienischem Volke, fremdländischen Sitten und Gewohnheiten tapfer mit mir durchfocht…. Mir bangte anfangs vor meiner Stellung in Verona. Man denke sich nur dieselbe unter den Augen des General Gouverneurs und seiner militärischen Camarilla, die sich mit dem Bewusstsein, das lombardo-venezianische Königreich dem Kaiser gerettet zu haben, über alle Welt erhaben dünkte, an der Seite eines griesgrämigen Festungskommandanten F(eld) M(arschall) L(eutnan)t Lichnovsky, der während des Belagerungszustandes die wichtigsten Regierungsbefugnisse ausübte, inmitten einer wegen unserer Arretierungen äußerst aufgeregten Bevölkerung und lauter misstrauischen italienischen Beamten und man wird mein banges Gefühl gerechtfertigt finden.“

Wenn man diese Worte liest und die Umstände kennt, kann man sich vorstellen, dass es der neue Delegat sicherlich nicht leicht hatte. Zwar bringt er hervorragende menschliche, diplomatische und akademische Fähigkeiten mit, doch fehlt ihm das gesellschaftliche Selbstbewusstsein. Weder gehört er dem selbstsicheren, um nicht zusagen oft arroganten österreichischen Hochadel an, noch stammt er aus einer jener alteingesessenen lokalmächtigen Adels- und Patrizierfamilien Venetiens. Er hat nie in Wien, geschweige denn bei Hof gelebt. Seine Familie ist erst seit zwei Generationen in Österreich, sein Großvater war noch Weinhändler in Frankfurt gewesen. Das einzige, was er vorzuweisen hat, ist, neben seinen beruflichen Qualifikationen, ein Name, den sein Vater und seine Onkeln durch ihre Tapferkeit in der kaiserlichen Armee hinlänglich bekannt gemacht haben, und ein Großonkel, der es sogar zum Feldmarschallleutnant gebracht hatte.

Erstaunlich hingegen mutet es an, dass er Italien als „fremdländisch“ empfindet, anstatt sich seiner eigenen italienischen Vorfahren zu erinnern. Schließlich war ja seine Großmutter eine Brentano gewesen. Doch er betont das Gegenteil: „Alle Vorfahren meines Namens waren aus Frankfurt stammend.“ Vielleicht liegt seine italienische Vergangenheit zu weit zurück, vielleicht aber auch konnte man in der zunehmend nationalistischen Atmosphäre der Mitte des 19. Jahrhunderts, sogar im Vielvölkerstaat Österreich, nur einem Volk angehören: man war entweder Deutscher oder Italiener oder Ungar oder Tscheche oder sonst was, aber nichts dazwischen. Nur der Kaiser stand über seinen Völkern. So bleibt denn Johann von Jordis’ einziger wirklicher Rückhalt in dieser zumindest zeitweisen Einsamkeit seine Frau, die er zwei Jahre nach Amtsantritt heiratet und bei der er Zuneigung, Verständnis und Vertrauen findet. Auch sie hat sich offensichtlich in Italien nie sehr wohl gefühlt.

Doch noch etwas anderes klingt in den Worten des jungen Delegaten an. Der politischen Macht Wiens und seiner Vertreter in Italien stand die lokale gesellschaftliche Macht des italienischen Adels gegenüber. Dieser hatte vor 1848 an der politischen Macht wenig Anteil nehmen können, denn die Aussicht „das attraktive Amt eines Delegaten in einem einigermaßen attraktiven Alter erreichen zu können und die extreme Bevorzugung der ‚deutschen’ Beamten, was das Tempo einer solchen Karriere betraf“ zog nur mittelmäßige Elemente an, während „umgekehrt gerade die besten Köpfe die Partei der Revolution am eifrigsten ergriffen.“ Und selbst wenn „die postrevolutionäre Tendenz des Staates deutlicher auf die administrative Integration der vermögenden (bürgerlichen und adeligen) sozialen Oberschicht im Lande selbst zielte“,[56] trug dieser Versuch nicht mehr die erhofften Früchte. Die politische Macht des Staates gewann nie den lokalen Rückhalt, den sie suchte und – es sind dies nur einige Beispiele – „der sozialen Macht eines Conte Lochis in Bergamo, eines Nobile Miniscalchi in Verona, eines Conte Taverna in Mailand, eines Guiseppe Olivi in Treviso konnte die delegierte Macht von Giosuè Magni und Johann Jordis, von Francesco Maggi und Angelo Paganuzzi nicht gewachsen sein.“[57] Gesellschaftlich nicht, ja nicht einmal politisch. Zwar war „die Funktion des Delegaten (nach dem Gouverneur) die ranghöchste innerhalb der politischen Administration, die der Staat zu vergeben hatte ... die wichtigste zentrale Organisationseinheit an der Peripherie: die staatliche Provinz und (zugleich) ihre Hauptsstadt, “ aber sie besaß eben doch nur eine delegierte Macht. Denn durch die extreme Zentralisierung des Reiches saßen die wirklichen Entscheidungsträger bestenfalls in Mailand oder Venedig in den jeweiligen Statthaltereien, meist aber in Wien in den Ministerien.

Doch Johann von Jordis gehörte zu dem Stand jener altösterreichischen Beamten, die ihre oft schwierige und undankbare Aufgabe mit einer Genügsamkeit, einer Redlichkeit und einem Pflichtbewusstsein, und beseelt von einer unerschütterlichen Kaisertreue, verrichteten, die man sich heute in einer Staatsverwaltung gar nicht mehr vorstellen kann. Der Kaiser hatte ihnen einen Auftrag erteilt und sie erfüllten ihn nach bestem Wissen und Gewissen. Sie waren es, die für Seine Allerhöchste Majestät dieses gärende, multikulturelle Reich bis zum Ende zusammenhielten. Wohl selten in der Geschichte ist ein so großes und so vielfältiges Reich von so wenigen Beamten so effizient verwaltet worden. In seinem Roman „Radetzkymarsch“ hat ihnen Joseph Roth in der Gestalt des alten, einsamen Barons von Trotta ein bewegendes Denkmal gesetzt. In Axel Cortis gleichnamigen Fernsehfilm hat Max von Sydow ihn beeindruckend in seiner kargen Würde dargestellt. Auch dessen Vater, „der Held von Solferino“ hatte seinem Sohn verboten, Soldat zu werden. Auch er ist, wie der Delegat von Verona, in den Staatsdienst eingetreten und wurde Bezirkshauptmann in einer kleinen Stadt in Mähren. Und der Kaiser dankte es jenen namenlosen Dienern des Staates, nicht mit Geld, denn die Bezüge waren bescheiden, aber mit Wohlwollen und Anerkennung.

Während der Revolution von 1848 hatte in Österreich Kaiser Franz Josef I. achtzehnjährig den Thron bestiegen. Er sollte 68 Jahre lang regieren, noch länger als die Queen Victoria, hinein in eine Zeit, die man sich damals noch gar nicht vorstellen konnte. Und während dieser unendlich erscheinenden Regierungszeit wurde dieser Kaiser langsam für sehr viele, und besonders für das einfachen Volk in allen Teilen des Landes, zum unerschütterlichen Symbol des Reiches und seiner Gerechtigkeit. Der Kaiser wusste, dass er von Gottes Gnaden herrschte, dass Gott selbst ihn auf den Thron gesetzt hatte, und auch das Volk wusste es und konnte sich bald nicht mehr vorstellen, dass er jemals sterben könne. Er hatte so weit man sich erinnern konnte immer gelebt und würde sicherlich immer leben, um „seine Völker“ zu beschützen.

Noch Ende des 20. Jahrhunderts, als dieses Reich schon seit langem zerschlagen war, konnte man im manchen Teilen des kommunistischen Osteuropas, in der „guten Stube“ von alten Bauernhöfen, immer noch das Portrait des alten Kaisers an einem Ehrenplatz an der Wand hängen sehen.

Doch damals als er seinen Delegaten von Verona zum ersten Mal auszeichnete, war der Kaiser noch ganz jung, gerade 22 Jahre alt und viel Schmerzliches stand ihm noch bevor. „Bei der schon im September 1851 erfolgten Anwesenheit Sr. Majestät war es mir geglückt, Ihre Allerhöchste Zufriedenheit nicht nur über meine in so kurzer Zeit erlangte Kenntnis der Orts- und Personenverhältnisse, sondern auch über das zwischen Militär- und Civilbehörden festgestellte gute Einvernehmen zu erlangen und als Se. Majestät am März 1852 wiederkehrte, wurde mir vor Beginn der kaiserlichen Tafel von dem General Adjutanten Graf Grünne im Auftrag Sr. Majestät der Orden der eisernen Krone mit der Weisung überreicht, mich sogleich damit zu schmücken und so bei der Tafel zu erscheinen.“ Dieser Orden, ursprünglich von Napoleon gestiftet und von Österreich übernommen, war eine der höchsten Auszeichnungen für die in den italienischen Provinzen der Monarchie tätigen Beamten. Er entlieh seinen Namen der im Dom von Monza aufbewahrten Eisernen Krone der Langobarden aus dem 6. Jahrhundert, mit der im Mittelalter auch die meisten deutschen Könige als Herren Oberitaliens gekrönt worden waren.

Letztlich wurden die ersten Dienstjahre in Verona für Johann von Jordis weniger schwierig als er gefürchtet hatte, zumal er in Feldmarschall Radetzky einen Gönner gefunden hatte, der ihm den Rücken stärkte. „Doch schon nach kurzer Zeit schöpfte ich Hoffnung, dass alles gut gehen werde. Die äußerst wohlwollende Aufnahme von Seiten des allverehrten, liebenswürdigen Feldmarschalls Radetzky, welche ich vielleicht meinem damals in der Armee noch bekannten Namen zu verdanken hatte, bahnte mir den Weg bei den übrigen maßgebenden militärischen Factoren, die Bevölkerung gewann ich durch gleich anfangs gegebene Beweise, dass ich sie gegen Anmaßungen und Übergriffe von Seiten untergeordneter Militärs zu schützen vermag, die Beamten beruhigte ich durch gerechte, väterliche Behandlung.“

Feldmarschall Radetzky, diese damals schon legendäre Gestalt, ist heute besser durch den von Johann Strauß Vater für ihn komponierten Radetzkymarsch bekannt, als durch seine geschichtliche Rolle. Als Generalstabchef Fürst Schwarzenbergs, des Oberbefehlshabers der vereinigten Heere Russlands, Preußens, Österreichs, Schwedens und Englands hatte er wesentlich zum Sieg über Napoleon in der Völkerschaft bei Leipzig 1813 beigetragen und sich damit europaweiten Ruhm erworben. Als 1848 der König von Piemont dem durch die Revolution geschwächten Österreich den Krieg erklärte, besiegte der inzwischen schon betagte Feldherr die piemontesische Armee in drei Schlachten vernichtend und erhielt damit Österreich seine norditalienischen Provinzen, deren Generalgouverneur er nun war.

„Ein glücklicher Zufall mochte viel zu dieser Gunst (des F.M.Radetzky) beigetragen haben. Ich hatte den Auftrag erhalten, das ärarische Gebäude, Palazzo Carli, worin der aufgelöste lombardo-venezianische Senat residiert hatte, der Finanzbehörde zu übergeben. Da dasselbe sehr sonnig gelegen und mit einem Garten umgeben ist, während der Feldmarschall stets darüber geklagt hatte, dass er weder ein sonniges Zimmer noch einen Garten in seiner Wohnung habe, so trug ich ihm den Tausch mit dem genannten Palazzo an und stellte mit seiner Ermächtigung den betreffenden Antrag in Wien, der noch am selben Tage telegraphisch genehmigt worden ist und ihm eine große Freude verursachte.“ Der alte Feldmarschall scheint den jungen Beamten beruflich und persönlich geschätzt zu haben.

„Im August desselben Jahres (1852) wurde ich beauftragt, die Stellvertretung des beurlaubten Sektionsrates beim Generalgouvernement zu übernehmen, welches mir die gewünschte Gelegenheit bot, in der Suite des Feldmarschalls die Fahrt nach Mailand, Monza und Como zu machen und einige Wochen mit demselben die Villa Reale in Mailand und das kaiserliche Lustschloss Monza zu bewohnen.“ Sicherlich eine Auszeichnung und eine interessante Erfahrung, aber erstaunlich auch hier wieder, das völlige Stillschweigen über seine vom Como-See stammenden Brentano Vorfahren!

Die zweifellos glänzende und interessante Zeit ging vorbei, er kehrte in die Routine seines Amtes zurück.

Die folgenden zwei Jahre sind für den Delegaten vor allem durch zwei für ihn persönlich und für seine Nachkommen entscheidenden Ereignisse geprägt: „Im Juni 1853 nahm ich längeren Urlaub nach Graz und Wien, sah meine dermalige Gattin, die ich schon als Kind gekannt hatte und die mittlerweile zur Jungfrau herangewachsen war, warb um sie und verlobte mich mit ihr am 3. Juli und führte sie nach 3 Monaten in Triest zum Traualtar, wo der damalige Bischof Legat, ein Freund aus der Zeit meiner Dienstleistung im Küstenlande, unseren Bund segnete.“

Marie, seine junge Braut, war 23 Jahre jünger als ihr Bräutigam und das einzige Kind des Generalmajors Heinrich Freiherr von Siegler-Eberswald,[58] der damals schon in Graz im Ruhestand lebte, und seiner Gemahlin Franziska Freiin von Brabeck. Sie gebar ihrem Mann neun Kinder, von denen fünf überlebten. (Vgl. dazu Stammtafel II).

Das zweite Ereignis trug sich im folgenden Jahr zu. „Im Mai 1854 wurde ich durch besondere Allerhöchste Gnade Sr. Majestät in den erblichen Freiherrenstand erhoben und da mich Gott mit Nachkommenschaft segnete, der Gründer eines neuen Adelsgeschlechtes in Österreich. Alle Vorfahren meines Namens waren aus Frankfurt stammend.“

Johanns Schwiegermutter war die letzte derer von Brabeck zu Brabeck auf Lohausen, Hackfurt und Vogelsang. Und weil dieses alte westfälische Geschlecht mit ihr ausstarb, nahm der neu geadelte Delegat „Lohausen“ in seinen künftigen Namen auf, um einen Teil des Namens seiner Schwiegermutter zu erhalten. Er hieß fortan Johann Freiherr Jordis von Lohausen. Dieses Lohausen soll ein Besitz der Brabecks in Westfalen gewesen sein. Und es ist durchaus möglich, dass er sich dort befunden hat, wo sich heute der Flughafen Düsseldorf-Lohausen erstreckt.

„Zu seinen (F.M. Radetzkys) besonderen Gunstbezeugungen gehörte, dass ich zweimal wöchentlich an seiner Tafel theilnehmen musste, dass die Militärmusik einmal wöchentlich vor meiner Wohnung spielen musste, und dass mir die, früher vom Festungscommandanten besorgte Intendanz der großen Oper, welche dem Feldmarschall zu Ehren jährlich mit 20.000 fl subventioniert war, übertragen wurde.“ Die Tafelfreuden, die Tischgespräche und die Begegnungen mit illustren Gästen im Hause des Generalgouverneurs waren zweifellos eine große Auszeichnung. Und der Delegat wird es als schmerzlich empfunden haben, als diese Zeit einige Jahre später zu Ende ging. Denn „der greise Feldmarschall, 90 Jahre alt, hatte Se. Majestät wiederholt um Enthebung von der Stelle eines General Gouverneurs gebeten und diese wurde ihm in Jänner 1857 bei Anwesenheit Sr. Majestät in Verona zu unserem großen Schmerz gewährt. Mit diesem bedeutenden Ereignisse endete die brillante Epoche Veronas. Denn es hörten nicht nur die häufigen Besuche erlauchter, gekrönter und sonstiger Fürstlichkeiten auf, welche nur dem Feldmarschall gegolten hatten und stets große Feste und Paraden verursachten, sondern es fehlte nunmehr das gastliche Haus, der Vereinigungspunkt für alle derartige Geselligkeit, es war alle Veranlassung ausgeschlossen, wie bisher ihn zu ehren, noch weiter Feste, theatralische Vorstellungen, lebende Bilder etc. zu veranstalten. Für mich persönlich war es ein empfindlicher Schlag. Denn ich konnte mir schmeicheln seine Gunst zu genießen; ihm verdanke ich großenteils die erhaltenen Auszeichnungen und sein huldvolles Abschiedsschreiben, so wie die mir geschenkten Vasen von geschliffenen Alabaster sind mir ein theures Andenken und wird es auch meinen Kindern bleiben.“

Es ist hinlänglich bekannt, dass die Leitung einer „großen Oper“ im Allgemeinen und vielleicht noch viel mehr im melomanen Italien, eine schwierige Angelegenheit ist. Leider schreibt der Delegat nichts Weiteres darüber und wie er dabei gefahren ist. Wenn er geahnt hätte, was für monumentale Dimensionen die Opernaufführungen heute in der Arena von Verona angenommen haben!

Dagegen waren Platzkonzerte einer kaiserlichen Militärkapelle in ihren bunten Uniformen im Allgemeinen ein ungetrübtes Vergnügen. Und dieses wöchentliche Pläsier vor seiner Wohnung wird auch Johann Jordis genossen haben. Ein solch fröhliches Spektakel war damals aus dem Leben einer Garnisonsstadt gar nicht wegzudenken. Auch vor der Bezirkshauptmannschaft des Baron von Trotta in Mähren, wie in Hunderten von Städten der alten Monarchie, spielte einmal wöchentlich die Militärkapelle auf. „Es gab im ganzen Machtbereich der Division keine schönere Militärkapelle als die des Infanterieregimentes Nr. X in der kleinen Bezirksstadt W. in Mähren.“ schreibt Joseph Roth. „Der Kapellmeister gehörte noch zu jenen österreichischen Militärmusikern, die dank einem genauen Gedächtnis und einem immer wachen Bedürfnis nach neuen Variationen alter Melodien jeden Monat einen Marsch zu komponieren vermochten. Alle Märsche glichen einander wie Soldaten. Die meisten begannen mit einem Trommelwirbel, enthielten den marsch-rhythmisch beschleunigten Zapfenstreich, ein schmetterndes Lächeln der holden Tschinellen und endeten mit einem grollenden Donner der großen Pauke, dem fröhlich und kurzen Gewitter der Militärmusik. Was den Kapellmeister Nechwal vor seinen Kollegen auszeichnete, war nicht so sehr die außerordentlich fruchtbare Zähigkeit im Komponieren, wie die schneidige und heitere Strenge, mit der er Musik exerzierte. Die lässige Gewohnheit anderer Musikkapellmeister, den ersten Marsch vom Musikfeldwebel dirigieren zu lassen und erst beim zweiten Punkt des Programms den Taktstock zu erheben, hielt Nechwal für ein deutliches Anzeichen des Untergangs der kaiserlichen und königlichen Monarchie. Sobald sich die Kapelle im vorgeschriebenen Rund aufgestellt und die zierlichen Füßchen der winzigen Notenpulte in die schwarzen Erdritzen zwischen den großen Pflastersteinen des Platzes eingegraben hatte, stand der Kapellmeister auch schon in der Mitte seiner Musikanten, den schwarzen Taktstock aus Ebenholz mit silbernem Knauf diskret erhoben. Alle Platzkonzerte – sie fanden unter dem Balkon des Herrn Bezirkshauptmanns statt – begannen mit dem Radetzkymarsch. Obwohl er den Mitgliedern der Kapelle so geläufig war, dass sie ihn mitten in der Nacht und im Schlaf hätten spielen können, ohne dirigiert zu werden, hielt es der Kapellmeister dennoch für notwendig, jede Note vom Blatt zu lesen. Und als probte er den Radetzkymarsch zum ersten Mal mit seinen Musikanten, hob er jeden Sonntag in militärischer und musikalischer Gewissenhaftigkeit den Kopf, den Stab und den Blick und richtete alle drei gleichzeitig gegen die seiner Befehle jeweils bedürftig scheinenden Segmente des Kreises, in dessen Mitte er stand. Die herben Trommeln wirbelten, die süßen Flöten pfiffen und die holden Tschinellen schmetterten. Auf den Gesichtern aller Zuhörer ging ein gefälliges und versonnenes Lächeln auf, und in ihren Beinen prickelte das Blut. Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren. Die jüngeren Mädchen hielten den Atem an und öffneten die Lippen. Die reiferen Männer ließen die Köpfe hängen und gedachten ihrer Manöver. Die ältlichen Frauen saßen im benachbarten Park, und ihre kleinen, grauen Köpfchen zitterten.“[59] Und so ähnlich wird es sich wohl auch ein Mal wöchentlich vor der Delegation in Verona abgespielt haben.

So sehr für den Delegaten der Kaiser unantastbar war, so sehr er den greisen Feldmarschall Radetzky verehrte, so scharf und psychologisch präzise konnte er Kollegen oder Vorgesetzte, sogar Erzherzöge kritisieren. Ja, die Schwierigkeiten seines Berufslebens, von denen er schreibt, betreffen viel öfter seine Beziehungen zur übrigen österreichischen Zivil- oder Militärverwaltung als die zur italienischen Bevölkerung oder zu den italienischen Beamten. Noch vor dem Abtreten Radetzkys fand in der Statthalterei in Venedig ein Wechsel statt. „Bald darauf (Mitte 1854) wurde der Statthalter Ritter von Toggenburg, der mir stets freundlich gesinnt war, Handelsminister und an dessen Stelle kam Graf Bissingen, ein Cavalier vom Scheitel bis zur Sohle, aber kein Staatsmann, von mittelmäßigen Fähigkeiten und maßloser Eitelkeit, und mit seinem Amtsantritt begann für mich eine bittere Zeit. Nicht nur waren unsere Ansichten ganz verschieden und achtete er mehr auf minitiöse Berichte aber ganz unwichtiger Ereignisse, als auf erfolgreiche Amthandlungen, sondern er verfolgte mich auch mit Eifersucht wegen des Dienstverkehrs, welches das Armee Commando mit mir unterhielt. – Zu lächerlich!“

Aber auch vom neuen Generalgouverneur, der 1857 den Feldmarschall Radetzky ablöste, war er enttäuscht: „An die Stelle Radetzkys wurde der Erzherzog Ferdinand Max zum General Gouverneur des Königreiches ernannt, der seine Residenz nach Mailand verlegte. Das Armee Commando ist dem F(eld) Z(eug) M(eister) Grafen Gyulai übertragen worden. Nun hofften die deutschen Beamten auf bessere Zeiten, weil viele das Militärregime perhorrescirten, allein

es kam anders.[60] Der Erzherzog, wahrscheinlich mit dem Gedanken, in Italien eine Versöhnungs Aera herbeizuführen, umgab sich mit einer, aus bekannten Gegnern der Regierung zusammengesetzten Camarilla, entfernte gleich anfangs mehrere deutsche Würdenträger und Delegirte und brüskierte das Militär durch die, im Gegensatz zu der von Sr. Majestät dem Kaiser, angeordneten, strengen reglementmäßigen Beobachtung aller ihr gebührenden Ehrenbezeugungen. Sein Auftreten war das eines regierenden Fürsten. Es hat bei den Italienern nicht die Idee der Aussöhnung, sondern vielmehr die Hoffnung auf Unabhängigkeit von Österreich wachgerufen. Und viele echte Patrioten gaben manchen ernsten Besorgnissen Raum.“ Man merkt, wie sehr die Auflehnung vieler Italiener gegen den Kaiser den Delegaten beunruhigt und schmerzt, wie sehr er sie persönlich nimmt. Denn wer zum Verräter am Kaiser wird, wird auch an ihm zum Verräter. Und allen Beamten in diesem großen Reich, die, wie er, den Kaiser vor Ort vertraten, wird es ähnlich ergangen sein, wenn aus nationalen oder sozialen Gründen die Opposition sich stark machte. Wie Joseph Roth berichtet, erging es auch dem Baron von Trotta in Mähren so. „Es hatte gestern wieder eine Versammlung tschechischer Arbeiter gegeben. Ein Sokolfest[61] war angesagt. Delegierte aus „slawischen Staaten“ – gemeint waren Serbien und Russland, aber im dienstlichen Dialekt niemals namentlich erwähnt – sollten morgen schon kommen. Auch die Sozialdemokraten deutscher Zunge machten sich bemerkbar. In der Spinnerei wurde ein Arbeiter von seinen Kameraden geschlagen, angeblich und nach den Spitzelberichten, weil er es abgelehnt, in die rote Partei einzutreten. All dies bekümmerte den Bezirkshauptmann, es schmerzte ihn, es kränkte ihn, es verwunderte ihn. Alles, was die ungehorsamen Teile der Bevölkerung unternahmen, um den Staat zu schwächen, Seine Majestät, den Kaiser, mittelbar oder unmittelbar zu beleidigen, das Gesetz ohnmächtiger zu machen als es ohnehin schon war, die Ruhe zu stören, den Anstand zu verletzen, die Würde zu verhöhnen, tschechische Schulen zu errichten, oppositionelle Abgeordnete durchzusetzen: all das waren gegen ihn selbst, den Bezirkshauptmann, unternommene Handlungen.“[62] Wie ähnlich wird der Delegat in Verona empfunden haben!

Doch auch persönlich wurde er durch den neuen Generalgouverneur enttäuscht. „Ich namentlich musste eine sehr bittere Erfahrung bezüglich der Aufrichtigkeit Sr. Kaiserlichen Hoheit machen. Bei seiner Anwesenheit in Verona erkundigte er sich über das eben im Beginn der Ausführung begriffene großartige Projekt der Entwässerung der Thalgründe zwischen Po und Etsch (Valli Veronesi), welches meiner Leitung anvertraut worden war. Er schien über meine Relation derart befriedigt, dass er nicht nur bei der Gelegenheit seine Zufriedenheit äußerte, sondern mir noch beim Abschied seinen besonderen Dank für meine Bemühungen ausdrückte. Es musste mich daher befremden, dass über dem kurz vorher von meinem Statthalter gestellten Antrag, mir den Hofratscharakter zu verleihen, über zwei Jahre ohne Erledigung vergingen. Als aber nach dem Verluste der Lombardei das General Gouvernement aufgelöst wurde, zeigte mir der mit der Akten Liquidirung betraute hohe Beamte, den betreffenden Antrag, welcher von der Hand des Erzherzogs mit ‚ad acta’ erledigt worden war.“

Im Jahre 1859 verbünden sich Kaiser Napoleon III. von Frankreich und König Viktor Emanuel II. von Piemont/Sardinien gegen Österreich. Napoleon III. fordert von Viktor Emanuel die Provinz Savoyen und das Gebiet um Nizza, im Gegenzug ist er bereit, Viktor Emanuel in einem Krieg zu unterstützen, der Österreich seine norditalienischen Provinzen entreißen soll. Auf österreichischer Seite scheint dieser Feldzug denkbar schlecht vorbereitet worden zu sein. Es muss ein ziemliches Chaos geherrscht haben. „Im März 1859 ist dem Königreiche von Sardinien der Krieg erklärt worden und damit hat für mich die allerschwerste Zeit begonnen. Nach und nach durchzog die ganze für den Feldzug bestimmte Armee, über 300.000 Mann, die Provinz Verona, von Tag zu Tag steigerten sich die Anforderungen der Kriegsverwaltung wegen Unterbringung und Verköstigung der Truppen. Am 4. Mai stieß abends ein mit Cavallerie und Infanterie besetzter Eisenbahnzug durch ein falsches Signalement, bezüglich der Geleise, unmittelbar vor dem Bahnhof mit aller Gewalt auf einen mit Munition beladenen Train, wodurch eine furchtbare Explosion entstand, welche Hunderten von Soldaten das Leben und ebenso vielen Verstümmelung und Verkrüppelung kostete. Dieses entsetzliche Unglück betrachtete ich schon als üble Vorbedeutung für den Krieg. Über den Verlauf desselben und sein Ende berichtet die Geschichte.“

Überall, und besonders in Verona, ist die Lage angespannt. „Se. Majestät der Kaiser hatte sein Hauptquartier nach Verona verlegt und verblieb daselbst bis nach der Entrevue mit Napoleon III. in Villafranca. Zur Garnison von Verona wurden einige Bataillone italienischer Regimenter[63] bestimmt, unter deren Mannschaft nicht der beste Geist herrschte. Man kann sich demnach meine Lage als verantwortlicher Chef der Provinz, meine Besorgnisse bezüglich der Allerhöchsten Anwesenheit vorstellen.“

Den Militärkommandanten der Stadt und das Durcheinander, das er durch seine Kleinlichkeit verursacht, scheint er auch nicht geschätzt zu haben. „Dazu der tägliche Verkehr mit dem neuen Festungs-Commandanten F.M.Lt. Urban, einem rohen, barschen, rücksichtslosen Patron, der gegen alle Welt, selbst gegen mich, von Mistrauen erfüllt war und die Bevölkerung durch seine übel angeordnete Strenge und das unzweckmäßig eingerichtete Absperrungssystem fortwährend reizte. Alle Thore der Festung[64] waren selbst bei Tage gesperrt; niemand durfte ohne einen Zettel vom Festungs-Commandanten hinein oder hinaus gelassen werden. Statt aber dies lästige Geschäft einem seiner vielen militärischen Organe zu überlassen, hatte er es sich persönlich vorbehalten. Am Markttagen, an welchen der Proviant für Civil und Militär auf vielen Hunderten von Wagen und Karren zugeführt wurde, war das Gedränge der Einlassbegehrenden vor dem Festungs-Commando so ungeheuer, dass der ausgehende Herr Festungs-Commandant einmal der Schildwache das Gewehr aus der Hand riss und sich damit den Weg durch die Menge bahnte, welche geduldig die Rückkehr desselben abwarteten musste, um den Erlaubniszettel zur Einfuhr zu erhalten. Seine famose Proclamation an die Bewohner Veronas, sowie seine verunglückten Unternehmungen gegen Garibaldi werden ein interessantes Blatt in der Geschichte dieses Krieges bilden.

So wie die Führung der Armee eine unglückliche war, so bot auch ihre Verpflegung und Bekleidung das Bild der trostlosen Verwirrung. Wie oft musste ich über Ansuchen einzelner Commandanten mit der größten Schwierigkeit von wiederholt requisierten Gemeinden Brot und Weinvorräte herbeischaffen, während Waggonladungen aus benachbarten Provinzen sich auf dem Bahnhofe befanden, welche wegen dringendem Bedarf der Waggons aus denselben geworfen wurden, zu beiden Seiten des Bahnkörpers lagen, so dass der Wein aus den Fässern rann und das Brot in der Feuchtigkeit verfaulte. Die Proviantochsen, welche an dem mageren und von der Sonne versengten Grase der Festungsmauern nicht hinreichende Nahrung finden konnten, gingen nach und nach zu Grunde. Ein wahrer Jammer!

Durch den unglücklichen Verlauf des Feldzuges wurde auch in den Reihen der Armee Ordnung und Disziplin gelockert. Nur so konnte es geschehen, dass, als nach der Schlacht von Solferino die Cernirung der Festung befürchtet wurde, und ich über Höchsten Auftrag für die schleunigste Verproviantierung derselben sorgen musste, ein über meinem Befehl im Bezirke Jorla della Scala zusammengestellter Zug von beladenen Proviantwägen von dem Commandanten eines vorüberziehenden Regimentes an sich gebracht und der k.k. Bezirkskommissär, welcher sich geweigert hatte denselben auszuliefern, als Gefangener von der Truppe mitgeschleppt wurde.“

Schließlich kam es zu der unglaublich blutigen und verlustreichen Entscheidungsschlacht von Solferino. Eine Schlacht, die Joseph Roth zum Helden von Solferino in seinem Roman „Der Radetzkymarsch“ inspirierte, und auf ganz anderer Ebene, nämlich durch das Grauen der Kriegsverletzungen, den Schweizer Henri Dunant zur Gründung des Roten Kreuzes. „Der Tag der Entscheidung des Krieges nahte heran. Die beidseitigen Armeen standen sich einige Stunden vor Verona gegenüber. Das Hauptquartier des Kaisers war in Valeggio am Mincio. Die Familien der deutschen Beamten mussten Verona verlassen. Mit gedrücktem bangem Gefühle sah ich den Morgen des 24. Juni (meines Namenstages) heranrücken. Die ersten telegraphischen Notizen aus Peschiera klangen günstig; einzelne Transporte französischer Gefangener rückten ein und wurden am Friedhof von St. Michele unter Aufsicht gehalten. Ich speiste eben mit ein paar Freunden und Offizieren im Hotel und toastirte mit ihnen auf den Sieg unserer Waffen. Da entfesselte sich plötzlich ein furchtbarer Sturm, der Staub wirbelte unheimlich durch die Strassen, ein Gewitter mit Regenschauern und Hagel. Als es sich bald wieder aufheiterte, ließ ich aufzäumen, es treib mich zu dem Thore hinaus, ich sprach mit einigen Gefangenen über den Verlauf der Schlacht und erhielt die entmutigende Antwort: „ça va bien, le canon s’approche!“ und leider hatten sie recht gehabt; denn kaum war ich zur Stadt zurückgekehrt, als ich die traurige Nachricht erhielt, Se. Majestät sei eingetroffen, die Schlacht verloren! Abends bei dem General d. C(avallerie) Graf Wallmoden erfuhr ich die Bestätigung und die näheren Details. Mit welchen Gefühlen ich folgende Nacht zubrachte, kann man sich vorstellen. Eine große Panique hatte die höchsten Kreise erfasst; man sprach von Cernirung, Sprengung der Eisenbahnbrücke, ich erhielt den Auftrag, mich mit allen deutschen Beamten binnen 3 Tagen zum Abzug vorzubereiten. Und um Mantua stand noch die 1. Armee, ohne einen Schuss getan zu haben.“

Was eintraf war vor allen das sichtbare Grauen des Krieges. „Über 6000 Verwundete beiderseits füllten die Spitäler, Kirchen, Schulen und öffentlichen Institute aller Art und es fehlte an hinreichenden Ärzten. Über meine Verwendung meldete sich eine bedeutende Zahl Zivilärzte und Chirurgen; sie wurden unbegreiflicherweise abgelehnt.

Um den französischen Verwundeten die Tröstungen der hl. Religion angedeihen zu lassen, kam ein höherer französischer Geistlicher nach Verona und zu dem ihm zu Ehren vom Bischof Edler von Rinabona gegebenen Diner wurde auch ich eingeladen. Da erzählte uns der französische Gast, dass bei der Schlacht bei Solferino die französische Armee bis auf den letzten Mann engagiert war und durch das Eingreifen einer auch unbedeutenden österreichischen Abtheilung im letzten Augenblicke die Affaire mit der Vernichtung des Feindes geendet haben würde.“ Diese Nachricht zusammen mit der Bemerkung, dass die erste Armee bei Mantua gar nicht zum Einsatz gekommen sei, lasst an den militärischen Fähigkeiten der österreichischen Heeresführung Zweifel aufkommen. Lakonisch meint dazu der Delegat: „Ich habe die feste Überzeugung, dass wir den Krieg, der uns diesen Verlust brachte, nicht verloren hätten, wenn noch der Vater Radetzky, ungeachtet seiner 93 Jahre, Oberbefehlshaber der Armee gewesen wäre! Doch dieser Held hatte im Jahre vorher am 3. Jänner 1858 sein ruhmreiches Leben in Mailand beschlossen, tief betrauert von aller Welt, selbst von den Mailändern, die er im Jahr 1849 für ihren verrätherischen Abfall gezüchtigt hatte.“

Es hätte noch schlimmer kommen können. Doch Napoleon schließt überstürzt mit Österreich einen Separatfrieden, nachdem in Deutschland kriegerische Stimmen laut werden. Österreich verliert zwar die Lombardei, aber behält Venetien. Frankreich streicht Nizza und Savoyen ein. Savoyen -- die Urheimat der Jordis liegt auf einmal nicht mehr in italienischen, sondern in französischen Landen. Aber daran erinnert der Delegat nicht, er beschränkt sich auf das unmittelbar Wesentliche: „Wenige Tage darauf erschien der Kaiserliche Prinz Napoleon (Plomplon) mit Waffenstillstandsanträgen, am 10. Juli fand die Zusammenkunft in Villafranca statt, worauf Se. Majestät der Kaiser Verona verließ und das Aufgeben der Lombardei bekannt wurde.“

Mailand und die Lombardei, und damit auch Como und der Como-See der Brentanos, gehören nun nicht mehr zum Heiligen Römischen Reich und seinen Nachfolgereichen. Für viele Mailänder war das sicherlich eine etwas zwiespältige Entwicklung schon deswegen, weil Österreich für die inzwischen aufgeblühte norditalienische Industrie einen unverhältnismäßig interessanteren Absatzmarkt darstellte als die armen Länder Mittel- und Süditaliens, zu denen die Lombardei jetzt gehörte – ein Nord-Süd-Gegensatz der heute noch in Italien aktuell ist und in dem bitteren Witzwort der Mailänder „Milano lavora, Roma mangia!“ (Mailand arbeitet, Rom isst!) seinen Niederschlag gefunden hat.

Nach diesem Sturm der Weltgeschichte, tritt in Verona, jetzt ganz an der südwestlichen Peripherie des Reiches gelegen, wieder Ruhe ein und alles läuft scheinbar wieder seinen gewohnten Lauf. Ja, für den Delegaten verbessert sich sogar die Arbeitsatmosphäre. Es folgen Jahre befriedigender Tätigung und hoher Anerkennung:

„Mit dem Verluste der Lombardei hatte das General Gouvernement ein Ende, der Sitz des Armee Commandos wurde wieder nach Verona zurückverlegt und F.Z.M. Graf Degenfeld mit diesem Commando betraut. Mir hat der Zürcher Friede zwei besondere Missionen verschafft: Die erste bestand in der Teilnahme an der Commission zur Bestimmung der neuen Landesgrenze gegen die an Italien abgetretene Lombardei, die zweite war das Präsidium der internationalen Commission zur Rückerstattung der beim Verlassen der Lombardei von der Armee mitgenommenen Depositen aller Gerichts- und politischen Behörden, worunter sich auch die im Dom von Monza aufbewahrte Eiserne Krone befunden hat. Da die italienischen Mitglieder dieser Commission lauter frühere österreichische Beamte waren, die in meinen Augen als Verräther galten, so kann man sich vorstellen, wie unerquicklich mir diese Aufgabe war. Als Balsam für alle während des Feldzuges und danach erlittenen Mühen und Aufregungen ward mir nach Beendigung der genannten Commission von Sr. Majestät das Ritterkreuz des Leopoldsordens verliehen. Der Statthalter Graf Bissingen wurde pensioniert und durch den vom Ministerium des Handels zurückgetretenen Ritter von Toggenburg ersetzt, durch dessen Rückkehr auf seinen früheren Posten mein Verhältnis zur Statthalterei wieder in das angenehme Geleise kam. Bald darauf wurde Graf Degenfeld Kriegsminister und F.Z.M. Benedek übernahm das Armee Commando.

Im Jänner 1862 beglückte uns Se. Majestät mit seiner Allerhöchsten Gegenwart und nach der ersten kaiserlichen Tafel kündigte mir Se. Majestät selbst beim Cercle die erfreuliche Nachricht mit, dass Sie mir den Hofratstitel und Rang zu verleihen geruhte. Sobald der Strahl der Kaiserlichen Sonne auf mich gefallen war, ward ich der Gegenstand allgemeiner Huldigung. Der Erste, der mich beglückwünschte war Erzherzog Albrecht, ihm folgten die Erzherzöge Wilhelm und Ernst, dann alle zur Tafel Geladenen, während vor diesem Akte der arme Delegat in diesem hohen Zirkel wenig beachtet worden war. Das ist der Lauf der Welt!“

Selbst in solchen Momenten verliert der Delegat, trotz aller Lyrik, nicht den nötigen kritischen Abstand.

In den folgenden Jahren kann er sich der Vollendung eines Werkes widmen, das ihm offensichtlich sehr am Herzen gelegen und das ihn noch im Alter mit Stolz erfüllt. Es handelt sich um eines jener Projekte, mit denen die Herrschaft Österreichs einen dauerhaften Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Venetiens geleistet hat – das schon erwähnte Valli-Veronesi-Entwässerungsprojet. Auch sein Sinn für Finanz und Rentabilität, der ihm wohl von seinen Frankfurter Vorfahren überkommen war, kommt hier zum Zuge.

„Die darauffolgenden vier Jahre der Ruhe widmete ich mich neben den gewöhnlichen Geschäften meines Amtes der Leitung der früher erwähnten Entwässerung von 15.000 Joch[65] sumpfigen Landes, auf dem nur Schilf wuchs, wovon das Joch im Durchschnitt zu 50 Kr. verpachtet wurde. Als Präses der autonomen Commission hatte ich den richtigen Zeitpunkt nach dem Kriege gewählt, um mit Bewilligung des Finanzministeriums eine auf Grund und Boden des Inundationsgebietes fundirte und versicherte Schuld von einer Million Gulden zu contrahiren, beziehungsweise die Emission von Actien von 1000 Lire zu veranlassen, welche lediglich mit meiner Unterschrift und jener von zwei Comité Mitgliedern versehen waren. Dieselben genossen so viel Credit, dass sie zum Preise von 95% hinausgegeben, in Kürze al pari gestiegen sind, und bald darauf von den Unternehmern der Arbeiten an Haftungsstatt angenommen wurden. Mit Hilfe des ausgezeichneten Oberingenieurs Zanella und einiger eifriger und tüchtiger Bauorgane war es mir gelungen, in diesen vier Jahren schon ¾ Theil des ganzen Projektes zu Stande zu bringen und die entwässerten Gründe in die fruchtbarsten Getreide- und Maisfelder zu verwandeln, wovon das Joch zu 2 Napoleon d’or verpachtet wurde…. Ich verweise meine Kinder, wenn sie Details dieser wichtigen Unternehmung interessieren, auf die von Zanella verfasste mir gewidmete Broschüre und dazugehörigen Pläne, welche sich in meiner Bibliothek befinden. Und ich empfinde es jetzt noch äußerst schmerzlich, nach 22 Jahren, dass der Krieg 1866 und die darauf erfolgte Abtrennung der venezianischen Provinzen es mir unmöglich machten, das großartige Werk, eines der schönsten Denkmäler der österreichischen Herrschaft in Italien zu vollenden.“

Nein, dazu kommt es nicht mehr. Denn der Gegensatz zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft in deutschen Landen führt zum militärischen Konflikt. Und das Königreich Italien, das sich Venetien davon verspricht, hängt sich auf Seite Preußens an. „Im April 1866 musste Benedek, der gegen seinen Willen zum Commandanten der gegen Preußen marschirenden Armee ernannt worden war, Verona verlassen und gestand mir beim Abschied, dass er mit einem traurigen Vorgefühl diesem Aller Höchsten Befehl Folge leiste: Erzherzog Albrecht übernahm das Armee Commando in Verona mit dem tüchtigen Chef des Generalstabs John. Festungscommandant war F.M.Lt. Jacobs. Der Krieg gegen Italien begann unter günstigeren Auspizien, als jener vom Jahre 1859, obwohl die daran teilnehmenden Truppen kaum 1/3 derjenigen ausmachten, die damals dem Feinde gegenübergestanden hatten (circa 70.000 Mann) und obendrein hatte man die besten Regimenter und die bewährtesten Führer zur Nordarmee bestimmt. Aber die Oberleitung war in besten Händen und der vorangegangene Sieg unserer Flotte unter Tegetthof[66] bei Lissa hat den Mut der Truppen in Italien bedeutend gehoben; auch war für Verpflegung besser gesorgt und es gab keine solche Verwirrungen und Missgriffe wie damals; allerdings hatte man auch nicht für 200.000 Menschen zu sorgen.“ Italien wird zu See bei Lissa und zu Land bei Custozza von den Österreichern besiegt. Doch in Böhmen verliert Österreich den Krieg gegen Preußen in der Schlacht bei Königsgrätz, und wird damit aus dem Verband der deutschen Fürstentümer ausgeschlossen. Es muss überdies, unter preußischem und französischem Druck, Venetien an Italien abtreten. Paradoxerweise verschwindet damit für die stolze Stadt Venedig, die einst so mächtige und gefürchtete Serenissima Republica, jegliche Hoffnung erneuter Unabhängigkeit und Größe. Venedig sinkt nun endgültig zur kleinen Provinzstadt in einem großen neuen Staat herab und wird fortan zunehmend von Tourismus und Erinnerungen ihr Leben fristen.

Für Österreich ist damit, bis auf Trient und Triest und Umgebung, die letzte große italienische Provinz verloren gegangen. Und so geht auch die Karriere des Johann Frhr. Jordis von Lohausen zu Ende. Vorübergehend wird er noch der Statthalterei Steiermark in Graz zugeteilt, erhofft sich den dortigen Statthalterposten, wird jedoch letztlich schon 1868 in den Ruhestand versetzt. Heute würde man sagen in den Vorruhestand, denn er war erst 56 Jahre alt.

Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha – Die Geschwisterkinder

Kehren wir nun noch einmal ins 18. Jahrhundert zurück, um die Wurzeln eines anderen Generationsstroms zu suchen, der sich später mit dem der Jordis verbinden wird.

Coburg und die Geschwisterkinder

„Koburg ist eine alte kleine Residenzstadt mit malerischen Winkeln. Das Zentrum bildet der ‚Schlossplatz’. Auf dem einzigen, weitsichtbaren Berg der Gegend erhebt sich die stolze ‚Feste’. Als Sitz eines regierenden Fürsten war dieses Städtchen der Mittelpunkt einer Provinz und bekam als solcher den gefälligen Musterstempel einer kleinen deutschen Landeshauptstadt.

Das Leben seiner Einwohner floss in den gediegenen Bahnen altväterlicher Loyalität und Einfachheit dahin. Der Brennpunkt aller Wünsche, das Ziel einheimischen Ehrgeizes war der ‚Hof’, dem in allen lokalen Angelegenheiten eine überragende Bedeutung zukam. Es fehlte natürlich nicht das wohldisziplinierte schmucke Infanteriebataillon; das vom Hof subventionierte, darum ‚Hoftheater’ genannte dramatische Institut stand auf beträchtlicher Höhe. Die gewissenhafte und wohltuende Einrichtung der Mittel-, Bürger- und Fachschulen bewährte sich an der Bürgerschaft, die, durch Tradition gesittet, von diesen weise geleiteten Lehranstalten seit Generationen für den Alltag vorbereitet wurde.“ So beschreibt viele Jahre später Königin Maria von Rumänien, geborene Prinzessin von Sachsen-Coburg und Gotha und Enkelin der Queen Victoria, die Stadt ihrer Jugendzeit.

In Coburg, dieser „Stadt der Gemütlichkeit“, wuchs auch Emma von Löwenfels auf. Und sie war doppelt mit dem Haus Wettin[67] verknüpft. Ihre Herkunft war, gelinde gesagt, abenteuerlich. Ihr Vater, Eduard von Löwenfels, war der illegitime Sohn der Großfürstin Anna Federowna von Russland, geborene Prinzessin von Sachsen-Coburg-Saalfeld, und ihre Mutter, Bertha von Schauenstein, die illegitime Tochter Herzogs Ernst I. von Sachsen-Coburg-Saalfeld, später Sachsen-Coburg und Gotha. Da Herzog Ernst und die Großfürstin Anna Federowna Geschwister waren, waren Eduard und Bertha nicht nur beide illegitime Kinder derselben Fürstenfamilie, sondern auch Cousin und Cousine ersten Grades. (Vgl. dazu Stammtafel III)

Niedergang und Aufstieg des Hauses Sachsen-Coburg

Das Kleinfürstentum Sachsen-Coburg im Thüringer Land ist spät in seiner Geschichte, erst im 19. Jahrhundert, zu internationaler Bedeutung aufgestiegen. „Bella gerant allii! Tu, felix Austria, nube!“ (Kriege führen mögen die andern! Du, glückliches Österreich, heirate!) sagte man am Anfang des 16. Jahrhunderts vom Erzherzogtum Österreich, ähnliches hätte man Ende des 18. Jahrhunderts von Sachsen-Coburg sagen können. Doch anders als Österreich wurde das Herzogtum Coburg dadurch nicht größer, es knüpfte nur durch eine bewusste Heiratspolitik erst einflussreiche Bande und pflanzte dann Coburger Könige über ganz Europa, wie andere Bäume pflanzen.

Aber zuerst einmal war das Herzogtum Sachsen-Coburg-Saalfeld tief verschuldet. Die land- und forstwirtschaftlichen Erträge – die Haupteinnahmenquellen des Landes – reichten nicht aus, um die aufwendige Hofhaltung des kinderreichen Fürstenhauses zu decken. Daher war nicht nur die Staatskasse ständig leer, sondern der Schuldenberg schwoll so bedrohlich an, dass der kleine Fürstenstaat in Gefahr lief „im Schuldenchaos unterzugehen“. Schließlich setzte der Reichshofrat in Wien, im Jahre 1773, eine kaiserliche „Debitkommission“ in Coburg ein, welche die ganze Finanzverwaltung des Landes in die Hände nahm und dabei den herzoglichen Hofstaat empfindlich reduzierte. Wie auch in der späteren Geschichte dieses Fürstenhauses, kam die Rettung schließlich nicht durch den regierenden Fürsten Ernst Friedrich, sondern durch ein anderes Mitglied des Hauses, durch seinen Bruder, den Prinzen Friedrich Josias.

Dieser war schon 19-jährig als Rittmeister in die kaiserliche Armee eingetreten und hatte sich im Siebenjährigen Krieg verschiedentlich ausgezeichnet. Europaweiten Ruhm erwarb er sich jedoch als Heerführer im gemeinsamen Krieg Russlands und Österreichs gegen die Türken 1788-91, wo er durch seine Siege die Freundschaft und Achtung der deutschstämmigen Prinzessin von Anhalt- Zerbst gewann, die als Zarin Katharina die Große die Geschicke des mächtigen Reußenreiches leitete. Er wurde zum Feldmarschall ernannt und, fast wie sein Vorgänger, der Prinz Eugen, zur volkstümlichen Legende. Josef Haydns Bruder Michael widmete ihm seinen „Koburgermarsch“. Dieser „Prinz Koburg“ zog 1792 noch einmal ins Feld. Er übernahm den Oberbefehl der österreichischen Armee gegen die revolutionären Heere Frankreichs. Als er jedoch trotz anfänglicher glänzender Erfolge nicht die nötige Unterstützung im eigenen Lager fand, nahm er seinen Abschied, setzte sich in Coburg zur Ruhe und empfing hohe Besucher aus ganz Europa. Geblieben war diesem illustren Heerführer die Hochschätzung der Zarin Katharina, die ihr Wohlwollen auf das ganze kleine Fürstentum ausdehnte.

Trotz der immer noch prekären finanzielle Situation der Coburger hatten der Erbprinz Franz Friedrich, ab 1800 regierender Herzog von Sachsen-Coburg-Saalfeld,[68] und seine zweite Gemahlin Augusta, geborene Gräfin Reuss zu Ebersdorf, inzwischen sieben überlebende Kinder gezeugt, welche die ein Jahrhundert andauernde Europa-weite Stellung des Hauses begründen sollten. Es begab sich, dass zu der Zeit Katharina die Große eine deutsche Prinzessin als Frau für ihren Enkel, den Großfürsten Constantin Pawlowitsch, Bruder des späteren Zaren Alexanders I. suchte. Auch die drei Coburger Prinzessinnen Sophie, Antoinette und Juliane, von deren Liebreiz sich die Emissäre der Zarin bei ihren Besuchen beim alten Feldmarschall hatten überzeugen können, werden im Sommer 1795 samt ihrer Mutter, damals noch Erbprinzessin Augusta „zur Brautschau“ an den Hof von St. Peterburg eingeladen. Diese Erbprinzessin ist eine kraftvolle, vielseitig interessierte und für ihr Geschlecht sehr ehrgeizige Persönlichkeit. Als strenge Protestantin wird sie sich am luxuriösen, intriganten und oberflächlichen russischen Hof nicht recht wohl gefühlt haben, doch das war Nebensache, für sie zählte vor allem der Aufstieg ihres kleinen Fürstentums. Die Zarin findet sie entsetzlich hausbacken und schickt sie so schnell wie möglich wieder nach Hause. Doch Auguste lässt ein „trojanisches Pferd“ zurück. Von ihren drei Töchtern gefällt Juliane, die Jüngste. Sie ist erst 14 Jahre alt, lebhaft, fröhlich und hat einen schalkhaften Charme. Die Hochzeit mit dem Grossfürsten Constantin findet Anfang des folgenden Jahres statt. Aus der Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg-Saalfeld wird die Großfürstin Anna Feodorowna von Rußland. Für das kleine mitteldeutsche Fürstentum ist diese Verbindung mit den mächtigen Romanows ein ungeheuerlicher Prestigegewinn und der erste entscheidende Schritt zum Aufstieg zu europäischer Bedeutung. Auch finanziell verbessert sich die Lage des Landes, als beträchtliche Summen aus dem reichen Russland in Coburgs leeren Staatskassen fließen. Politisch sollte sich die Verbindung während der napoleonischen Unterwerfung Deutschlands insofern segenbringend für das Land auswirken, als der Korse es nicht wagte, allzu willkürlich mit diesem zwar winzigen, aber mit dem mächtigen Zarenreich verwandtschaftlich verbundenen Hause umzuspringen. Die beiden Brüder Julianes, Ernst (der spätere Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha) und Leopold (der spätere König der Belgier) ließ Katharina II. als Hauptleute in das Regiment des Großfürsten Constantin aufnehmen.

Der „Familien-Verein“ Coburg

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches und nach den Napoleonischen Kriegen wurden dann im Zuge der Neuordnung Europas unter Metternichs Leitung auf dem Wiener Kongress von 1815, die weiteren Voraussetzungen für den erstaunlichen Aufstieg des ehrgeizigen Coburger Fürstenhauses geschaffen. Leopold, der jüngste Bruder der Großfürstin Anna Feodorowna, hatte schon früh Erfahrungen gesammelt und Beziehungen angeknüpft, erst am Hofe von St. Petersburg und später in Paris, wohin er seinen Bruder Ernst (I.) zu Verhandlungen mit Napoleon begleitete. Als Generalmajor im Stab seines Schwagers des Großfürsten Constantin nahm er auf russischer Seite an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil und zog dann auch im Gefolge seines Schwagers Alexanders I. 1814 in Paris ein. Anschließend, begleitete er den Zar auf dessen Reise nach London. Und überall fiel dieser junge, damals erst 24-jährige Prinz durch seine Klugheit, sein diplomatisches Geschick und seine Schönheit auf. Und so kam es, dass dieser junge deutsche Prinz, auch des europäischen Gleichgewichts wegen, die englische Thronerbin Charlotte, Tochter Georgs IV., heiratete. Doch eineinhalb Jahre nach Leopolds Hochzeit stirbt Charlotte kinderlos. In Coburg herrschte große Bestürzung. Um die englische Beziehung zu retten wird Leopolds Schwester Victoire mit dem Herzog von Kent, dem Bruder König Georges IV. verheiratet. Und ein Jahr später kommt deren Tochter, die spätere Queen Victoria zur Welt. Leopold dagegen wird 1831 zum König eines neuen Staates erkoren und geht als Leopold I., König der Belgier, in die Geschichte ein. Als éminence grise berät er durch Jahrzehnte hindurch bis zu seinem Tode in wöchentlichem Briefwechsel seine Nichte, die Queen Victoria und arrangiert auch ihre Hochzeit mit seinem Neffen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Im Jahre 1836 vermählt sich ein weiterer Neffe Leopolds, Ferdinand von Sachsen-Coburg, mit der Königin von Portugal. Und so kann Lytton Strachey in seiner Biographie der Queen Victoria behaupten: “Der Niedergang des Hauses Coburg während der Napoleonischen Kriege schien nur seine Lebenskraft vermehrt zu haben. Denn die fürstliche Familie hatte sich inzwischen in außergewöhnlicher Weise über ganz Europa ausgebreitet. König Leopold war wohl installiert in Belgien, seine Nichte war Königin von England, einer seiner Neffen Gemahl der Königin von England, ein anderer jener der Königin von Portugal, und noch ein anderer Herzog von Württemberg. Wo sollte das enden? Sobald unter den regierenden Familien Europas ein Platz frei wurde, schien der Coburger Familienverein bereit, eines seiner Mitglieder hinzuschicken, um ihn auszufüllen.“[69] Kurz, während des ganzen 19. Jahrhunderts ist es diesem kleinen, ursprünglich unbedeutenden und verschuldeten Fürstenhause gelungen, über nationale Staatsgrenzen hinweg dynastische Bande zu knüpfen. Eine Politik, die später Queen Viktoria fortsetzte, sodass Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Coburger ein Grossteil der abendländischen Fürsten- und Königshäuser eng miteinander verwandt und verschwägert waren.[70] Leider haben diese dynastischen Bande die Katastrophe des 1. Weltkriegs nicht verhindern können. Denn der Nationalismus, „den Kaiser Napoleon III. von Paris aus eifrig schürte, weil er sich nach dem Vorbild seines Onkels zum Patron der Nationalitäten in Europa stilisierte – ein gefährliches Spiel! -- mündete in einem großen Aufbruch des Nationalismus in Europa“. Und mit dieser „Nationalisierung der europäischen Politik endete aber auch die kosmopolitische Karriere des Hauses Sachsen-Coburg als der Dynastie des geschäftstüchtigen aristokratisch-bürgerlichen Liberalismus.“[71]

Das trojanische Pferd und der Sankt Petersburger Schutz

Der jungen Großfürstin Anna Feodorowna, welche diese Entwicklung eingeleitet, hat ihre Vermählung kein Glück gebracht. Der Großfürst Constantin stellt sich sehr bald als ein unsteter, liebloser, ja grausamer Tyrann heraus. Nach dem baldigen Tod Katharinas der Großen und der Krönung des gewalttätigen Paul I., wird ihr Leben am russischen Hof zunehmend zur Qual. Ihre deutsche Schwippschwägerin Elisabeth, die Gemahlin des Großfürsten Alexander, eine Tochter Karl-Ludwigs von Baden, ist ihre einzige Stütze. Trotz häufiger Krankheiten, versucht sie so gut sie kann, den Verpflichtungen, die ihre Stellung bei Hof ihr auferlegt, gerecht zu werden. Ihre Familie in Coburg macht sich zwar Sorgen um sie, fordert sie aber zum Aushalten auf, sind doch die Vorteile für das Fürstentum zu groß, um sie aufs Spiel zu setzen. Umso mehr als die Ehe Alexanders und Elisabeths kinderlos bleibt und es daher nicht auszuschließen ist, dass eins von Anna Feodorownas eigenen Kindern später einmal den Zarenthron besteigen würde. Doch sie hat keine Kinder mit Constantin. Und als Paul I. ermordet wird und ihr Schwager als Alexander I. den Thron besteigt, verlässt sie mit dessen Zustimmung den Großfürsten Constantin und Russland und kehrt nach fünf Jahren 1801 wieder nach Coburg zurück. Zar Alexander ist ihr weiterhin in Freundschaft verbunden und stellte ihr eine großzügige Apanage aus, die aber nicht immer gezahlt wird. Sie bleibt als Großfürstin Mitglied der Zarenfamilie und ihr weiteres Leben wird auch weiterhin weitgehend in St. Petersburg bestimmt. Das bedeutet unter anderem, dass sie es all ihrer Bemühungen zum Trotz erst 1820 erreicht, dass ihre Ehe geschieden wird.

Doch das Coburg, in das sie zurückgekehrt, ist nicht mehr die Stadt, die sie verlassen hatte. Wie überall in Deutschland sieht es triste aus. Napoleon unterwirft ein Fürstentum nach dem anderen und verfügt über sie nach Gutdünken. Wer Aussicht haben will zu überleben, tut gut daran, dem neugegründeten Rhein-Bund beizutreten. Das kleine Herzogtum Coburg ist keine Ausnahme.

Denn das Heilige Römische Reich, jener Herrschaftsbereich der christlich-abendländischen Kaiser, der sich fast ein Jahrtausend lang als übernationaler Lehensverband erhalten hatte, geht zu Grunde und ebnet einem Europa der Nationen den Weg.

Die Herzogin Augusta, die Mutter der Großfürstin, schreibt in ihr Tagebuch:[72]

„1806 -- 2. April. Armes Deutschland, was wird dein Schicksal sein? Der Willkür eines Despoten preisgegeben, der kein Gesetz kennt, als seinen Willen, keine Grenzen seiner Herrschsucht, als die Welt und dem jedes Mittel recht ist, das diese Leidenschaft befriedigt.

15. August. Endlich ist der große Schlag geschehen, der Deutschlands Verfassung zertrümmert. Franz II. hat die deutsche Kaiserkrone niedergelegt. Mit all ihren Mängeln war die alte Verfassung doch wohl besser, als das, was man uns dafür geben will…Durch Schwäche und Eigennutz geblendet haben sich Deutschlands Fürsten vom Vaterland getrennt. Der Rheinische Bund schlug ihm die tiefste Wunde und Franzens feige Resignation einer Krone, die Habsburgs Enkel seit so vielen Jahrhunderten trugen, gibt es nun ganz dem glücklichen Abenteurer preis.“[73]

Und der Krieg hält nun auch seinen Einzug gerade dort, wohin die fürstliche Familie sich geflüchtet hatte -- in Saalfeld.

11. Oktober. Wie viel ruhiger hat der heutige Tag geendet! Mit dem Maréchal Augereau[74] ist wieder ein Gefühl von Sicherheit zu uns armen Beängstigten zurückgekehrt. Kein Lärmen im Hause erinnert an den Sturm des gestrigen Tages…..Es mochte 4 Uhr gestern Nachmittag sein, wie der Maréchal Lannes im Schloss einzog, von einer unendlichen Suite von Adjutanten, Offizieren und Ordonnanzen begleitet. Matt und erschüttert, von so mancherlei Gemüthsbewegungen, standen wir in dumpfer Betäubung noch beisammen, wie er herein ritt. Die rohe Insolenz der Suite, der Stolz des Maréchal, das Lärmen im Schloss, wie ihn nur immer ungesittete Reisende in einem Wirthshaus machen können, vermehrte noch unsere trostlose Stimmung. Der Hof füllte sich ganz mit Gefangenen und Blessirten. Nun habe ich einen Begriff von dem Gefühl der Sklaverei, der höchsten Hülflosikeit. Alles, was die Küchenvorräthe vermochten, musste hergegeben werden….Nichts ist gut genug und unsere Leute wurden wie Kellner in einem Gasthof behandelt und misshandelt.

12. Oktober. Gestern früh verließ uns der Maréchal Lannes mit seiner zahlreichen und lärmenden Suite. Mitten im Geräusch von wegreitenden und ankommenden Offizieren lockte mich ein militärisches Schauspiel ans Fenster; ein Detachement Infanterie mit ihren Adlern und bärtigen Zimmerleuten voraus marschirten in den Hof; in ihrer Mitte trugen sie etwas auf Stangen. Erst als sie es niederlegten, konnte ich die Leiche des Prinzen Louis Ferdinand[75] erkennen, nackt, in ein grobes Tuch gehüllt, lag der große königliche Mann da, den schönen Kopf entblößt.

15. Oktober. Mit inniger Wehmuth habe ich das unglückliche, ausgeplünderte Saalfeld verlassen…Gleich hinter der Stadt mussten wir an dem Schlachtfeld vorbei, wo noch viele preußische und sächsische Husaren unbeerdigt bei ihren erschossenen Pferden lagen …Die Dörfer längs der Straße waren rein ausgeplündert, und weinend standen die trostlosen Einwohner vor ihren Hütten und sahen neuen Peinigern entgegen.

18. Oktober. Eine fürchterliche Schlacht soll bei Jena vorgefallen sein, Jena geplündert und beinahe abgebrannt. O Gott, was ist aus Ernst geworden, in diesen Tagen der Zerstörung und des Mords! Seine hohe ausgezeichnete Gestalt vermehrt meine Angst um ihn.[76]

10. Dezember. Es ist vorüber! Das theure Leben ist verloschen.“ Mitten in diesen Kriegswirren stirbt ihr Mann, der schon lange kranke Herzog Franz Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld.

„20. Dezember. Ich schließe diesen Tag mit einem ganz eigenen Gefühl von Druck, das ich noch nie empfunden habe. Der französische Intendant Vilain ist heute angekommen. Wie einen Fürsten habe ich ihn müssen einholen lassen.

21. Dezember. Unser Schicksal wäre also entscheiden. Diesen Mittag kam für Vilain so unerwartet wie für mich die Ratification unseres Beitritts zum Rheinbund. Dieser Bund, vor dem mir so graute, ist jetzt unser Glück; er rettet uns wenigstens vor augenblicklichem Untergang.“

Die Verbindung der Großfürstin Anna Federownas zum Zarenhof ist immer noch ein Schutz der Coburger gegenüber Napoleon. Somit erhält nach dem Frieden von Tilsit der neue Herzog Ernst I sein Herzogtum zurück. Am 21. Juli 1807 schreibt die Herzoginmutter in ihr Tagebuch, dass ein Courier „den französischen Autoritäten den Befehl brachte, dem Herzog sein Land wieder zu übergeben. Gott lob, endlich scheint Ernst’s Schicksal sich aufzuhellen…Das Wohlwollen Russlands hebt Ernst in den jetzigen Verhältnissen aus der Menge, die den Gefürchteten umgibt, und der strenge Richter wird zum gnädigen Monarchen.“

Schwarzes Schaf oder Opferlamm

In diesen wirren Zeiten führt die Großfürstin nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ein unstetes Leben. Sie ist seelisch zerrüttet, kränkelt, reist dennoch viel und hat Liebschaften, die sie nicht glücklich machen. Doch man weiß diesem der raison d’état dargebrachten Opferlamm wenig Dank. Im Gegenteil, die Familie findet ihre Verhältnisse jetzt reichlich peinlich und ihre heftige und ehrgeizige Schwester Antoinette, nennt sie selbstgerecht „eine Schande für die Familie“. Zu Recht macht sich ihre Mutter immer wieder um ihren Gesundheitszustand Sorgen -- mit viel romantischem Pathos, doch mit wieviel echtem Mitgefühl und ernstem Beistand?

„…..Seit drei Tagen hat Julchen wieder die Krämpfe, die sie schon vor zwei Jahren dem Tode nahe brachten, sie waren so heftig diese NachtWie ein scheidender Engel lag sie da, der Ausbund des Schmerzes in jedem Zug ihres schönen Gesichts..“[77] Es ist möglich, dass sich die Herzogin nun darüber Rechnung abzulegen versucht, inwieweit sie die Gefahren, die auf ihre Tochter am Zarenhof lauerten, zwar wahrgenommen, „diese aber im Sinne ihres Auftrages verdrängt hat.“[78] Doch trotz einer erschütternden Bilanz über das Schicksal ihrer inzwischen 24-jährigen Tochter, klingt darin eigentlich wenig Selbstbezichtigung mit:

„..O Du, der einzig dem Leidenden helfen kann, schenke ihr nur einige Linderung in ihren Schmerzen, nur einige Stunden Ruhe diese Nacht! Du hörst mein Gebet, Vater im Himmel, erhöre es! Wie geduldig sie daliegt, mit dem schönen leidenden Gesicht, wo in jedem Zug Schmerz ausgedrückt ist. Gewohnheit an psychische und moralische Leiden haben Julie früh eine sanfte, stille Resignation gegeben, die oft ein ganzes Leben voll Leiden nicht gibt. Armes Julchen! Von Deiner Kindheit an haben dein armes Leben Stürme erschüttert und schon damals vielleicht den Grund zu der Reizbarkeit gelegt, die dir jetzt so qualvoll wird. In den ersten Kinderjahren von einer harten Gouvernante immer gereizt und misshandelt; und wie oft habe ich selbst damals dein gekränktes aufgereiztes Gefühl für Bosheit genommen und bestraft! Ein gemisshandeltes Kind genossest du selten die Freuden der sorglosen Kindheit rein; kaum zum Mädchen gereift, riss dich das Schicksal von meiner Seite, um das Glück deines Lebens in jedem Verstand im fremden, kalten Land zu zerstören.

Ich seh dich noch an deinem vierzehnten Geburtstag, frisch wie eine Rosenknospe und unbefangen wie ein Kind; mit Zentnerlast lag das Vorgefühl deiner Zukunft auf meinem Herzen, wie ich dich arme Kleine in dem engen Stübchen in Hozzenbruck (?) an dies blutende Herz drückte; ach, ich führte dich deinem glänzendem Elend entgegen. O Gott, was für Erfahrungen hast du in jenen zehn Jahren gemacht? Was für bittere Kränkungen sind seitdem über dein Leben gezogen; und wirst du wohl je ganz glücklich werden, armes, gutes Kind? Gut, wie man es selten ist, reizend und klug, wird denn immer dein reizbares Gemüt dein gutes Herz irreführen? Auch ich fürchte, spät wirst du die Ruhe finden, ach, erst dann vielleicht, wenn mancher optische Betrug für dich aufhört.“[79]

Vielleicht war die junge Prinzessin verwundbarer als ihre fröhliche Lebhaftigkeit es hätte vermuten lassen. Doch ohne Zweifel haben erst die Sankt Petersburger Traumata und die Unstetigkeit der folgenden Jahre sie so gezeichnet, dass sie sich erst viel später, wenn überhaupt jemals, ganz davon erholt hat. Sie hat durch ihre Heirat den kometenhaften Aufstieg des Hauses Coburg ermöglicht, aber einen hohen persönlichen Preis dafür zahlen müssen.

Der versteckte Sohn

In dieser labilen Gemütsverfassung, „als ‚Schande der Familie’ betrachtet, von ihrem Liebhaber verlassen,[80] ohne Möglichkeit sich wiederzuverheiraten, lässt sie sich, nach Halt und Zuneigung suchend, von Seigneux verführen.“[81] Er „empfand für sie eine ebenso leidenschaftliche wie tyrannische Liebe. Aus Mitleid kann sie diesem heftigen, aber ergebenen Mann nicht widerstehen. Es wird eine lange Unterjochung, die sie wenig glücklich macht.“[82] schreibt ihre Hofdame Rosalie Rzewuska in ihren Memoiren über ihre Beziehungen zu ihrem Hofmarschall Jules Gabriel Seigneux.[83]

Und gerade inmitten all dieser politischen, kriegerischen und persönlichen Wirren, erwartet die Großfürstin ein Kind. Alles deutet darauf hin, dass Seigneux der Vater dieses Kindes ist. Am 7. Juli 1808 verlässt sie Coburg, um den Sommer und Herbst in der Schweiz zu verweilen und dort ihr Kind zur Welt zu bringen. „Mit einem Wehmuthsgefühl, als wenn ich in eine weite öde Zukunft sähe, habe ich von ihr Abschied genommen, und ihr liebes Gesicht war so blass.“[84] schreibt ihre Mutter. Schon am 28. Juni hatte sie nicht ohne Selbstbemitleidung in ihrem Tagebuch vermerkt: „Ach, Julie, dein Bild mischt sich so schmerzlich in die verworrenen Bilder der Zukunft! Nie ist sie mir verlassener, gekränkter vorgekommen, wie heute, und meine Thränen fließen unwillkürlich. Ihre Reise in die Schweiz, die mir in diesem Augenblick so unangenehm ist -- ach, so manches, was ich nicht nennen, nicht aufschreiben mag, drückt auf mein armes Herz.“ Bei dem überall blühenden und stolz bewunderten Kindersegen ihrer Geschwister muss es für die Großfürstin bitter gewesen sein, ihr eigenes Kind heimlich und einsam zur Welt bringen zu müssen. Und heimlicher und entlegener wäre es auch kaum möglich gewesen. Im „kleinen, verlorenen Nest“ Kaiserstuhl am schweizerischen Rheinufer soll sie ihren Sohn geboren haben.[85] Vielleicht auch in Trub, wir wissen es nicht genau. Jedenfalls wurde er in Trub, jenem kleinen Dorf eines von steilen Felsen umgebenen Seitentals des Emmentals am 28. Oktober 1808 getauft und ins Taufregister der schmucken kleinen evangelischen Ortskirche unter dem Namen Edgar Eduard Schmidt-Löwe eingetragen, als Sohn eines Schmidt-Löwe aus Hamburg und einer Sophie Müller. Diesen Sohn wird man mit zehn Jahren als Eduard von Löwenfels in den Adelsstand erheben.
Die ersten Jahre seines Lebens soll er in der Obhut der Pfarrersleute von Trub verblieben sein, sei dann vorübergehend in der Pestalozzi-Erziehungsanstalt von Yverdon in der französischen Schweiz untergebracht gewesen, um erst mit fünf Jahren, 1813, als sich das Leben der Großfürstin etwas stabilisiert hatte, in ihre kleine Hofhaltung zurückzukehren. Eine affektive Sicherheit wird er in diesen ersten Lebensjahren wohl kaum gehabt haben.

All diese Angaben sind nicht sicher, denn neben der offiziellen Geheimhaltung der Ereignisse, hat die Großfürstin wohl auch einen persönlichen, spielerischen Hang zur Verschleierung gehabt. „Die Großfürstin bleibt in ihrem Wesen vielfach unerforschlich. Ich glaube nicht, dass es nur der Zeitgeist war. Die Wurzeln liegen doch wohl im Wesentlichen in der Natur der Großfürstin, die sich offenbar in der Geheimnissphäre wohl fühlte, die sie zielbewusst um sich verbreitete.“[86]

22. Dezember 1808. „Diesen Nachmittag ist Julchen von ihrer Schweizerreise zurückgekommen; Sie sieht wohl und blühend aus.“

Das ist alles, was zur Geburt des Kindes gesagt wird. Im Tagebuch der Herzoginmutter werden „Julchens“ Kinder nie erwähnt. Auch die beiden Reisen zu ihrer Tochter in die Schweiz sind in ihrem offiziellen Tagebuch ausgelassen. Man weiß um Julchens malheur, man akzeptiert es, aber man spricht öffentlich nie und wohl auch privat kaum darüber. Und dennoch lässt dieses Wissen Bande und Verantwortungen entstehen, denen sich das Fürstenhaus weder im „Falle Löwenfels“ noch im „Falle Schauenstein“ entzogen hat. Man hat sich um diese beiden illegitimen Kinder gekümmert.

Das Leben der Großfürstin bleibt weiterhin unstet. Sie reist immer noch viel, lebt mal in Coburg, mal in Bayreuth. Sie leidet immer noch. Am 11. Januar 1809 schreibt ihre Mutter wieder: „Julchens Gesundheit ängstigt mich sehr: Nach einigen Tagen Zahnweh hat sie jetzt einen Nervenreiz, der sie grenzenlos quält.Ach, ihre armen Nerven haben sehr gelitten!“[87]

Zwei Jahre später ist sie noch einmal in der Schweiz, hält sich länger in Bern auf, ist bei den Grafen Mülinen im Schloss La Chartreuse am Thuner See eingeladen, lernt Land und Leute besser kennen und fühlt sich wohl dort. Unter dem Druck ihres Bruders Leopold verschwindet Seigneux für immer von der Bildfläche. Er wird als Oberhofmeister durch Rudolf Abraham Schiferli abgelöst, unter dessen Einfluss das Leben der Anna Federownas endlich zunehmend ruhiger wird -- zum ersten Mal seit den traumatischen Sankt Peterburger Jahren.

Ihr Schwager, Zar Alexander I., ist ihr weiterhin freundschaftlich zugetan und lädt sie ein, ihn in Böhmen zu treffen. Der Kampf gegen Napoleon ist noch nicht entschieden und noch einmal setzt sich das „schwarze Schaf“ der Familie für das Haus Coburg ein. „Julchen hat einen Brief vom Kaiser Alexander erhalten mit einer Einladung zu einem rendez-vous in Böhmen an der schlesischen Grenze. Es war ein lieber, freundlicher Brief. Sie ist diesen Nachmittag abgereist, und wird nicht wieder hierher kommen, sondern von Prag aus über Augsburg in die Schweiz reisen, um dort die Stürme abzuwarten, die vielleicht auch noch über unsere friedliche Heimath hinziehen werden.“[88] schreibt ihre Mutter am 9. Juli 1813 in ihr Tagebuc

[...]


[1] Dieses erste deutsche Reich begann mit Kaiser Otto I. im Jahre 962. Seitdem galt der deutsche Herrscher, zugleich Herr Norditaliens, als allein berechtigt zur Kaiserkrone. Ursprünglich fand die Krönung durch den Papst in Rom statt, später in Frankfurt am Main. Trotz verschiedener Wandlungen hielt sich die Kaiser- und Reichsidee das ganze Mittelalter hindurch und das H.R.R. behielt seinen übernationalen Charakter als Lehensverband bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806. Es war damit nie ein Nationalstaat wie Frankreich oder England und die Macht des Kaisers über die Stände des Reiches war beschränkt.

[2] Die Domkirche

[3] Ricarda Huch „Von Kaisern begünstigt“, in „Liebe zu Frankfurt“, Hilde Kathrein/Laura Krüger (Hrsg.), Societäts-Verlag,, 1990, Seite 92.

[4] Aus J.W. v. Goethe, „Wahrheit und Dichtung“, Erster Teil, Erstes Buch

[5] Diese und die folgenden Zitate, und ganz allgemein, die meisten Informationen über Frankfurt als Handelsstadt stammen aus Dr. Alexander Dietz, Frankfurter Handelsgeschichte, in fünf Bänden, im Eigenverlag, Frankfurt am Main, 1910-25

[6] Er muss wohl damals seinen Namen von Jordit in Jordis geändert haben. Warum ist nicht bekannt. Wir wissen, dagegen, dass es seit 1631 eine sehr angesehene protestantische Immigrantenfamilie Jordis in Frankfurt gab, die aber keine verwandtschaftlichen Beziehungen mit den savoyardischen Jordis hatte.

[7] Das Herzogtum Savoyen mit Hauptstadt Turin war eine der italienischen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches. Der in den Westalpen gelegene Teil davon, das eigentliche Savoyen, fiel erst 1859 an Frankreich.

[8] Tatsächlich erinnern bei den Brentanos beispielsweise die damals entstandenen Palazzi Brentano in Genua und Mailand und die zierliche Barockvilla Sola-Busca in Tremezzo an diese Zeit.

[9] Man kann nicht umhin an die Übernahme eines Großteils des einfachen Gastgewerbes in Westdeutschland durch Italiener Ende des 20. Jahrhunderts zu denken

[10] Die meisten Informationen und Zitate dieses Abschnitts sind entnommen Peter Anton von Brentanos Buch, „Schattenzug der Ahnen“, Druck und Verlag von Josef Habbel, Regensburg 1940, sowie der Monographie von Alfred Engelmann, „Die Brentanos am Comer See“. verlegt von Niklas Frhr. von Schrenck, 1974.

[11] Peter Antons Tochter Bettina Brentano, damals noch ein Kind, ist Augenzeugin seines Todes und berichtet viel später darüber an Goethe: „da lag der General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden: die Mutter pflegte ihn, und er hatte sie so lieb, dass sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit ihm, er sagte: ‚Matt!’ und sank zurück ins Bette; da lag er blass und still; die Mutter rief ihn: ‚Mein General!’ Da öffnete er die Augen, reichte ihr lächelnd die Hand und sagte: ‚Meine Königin!’ – und so ist er gestorben. Ich seh’ die Mutter noch wie im Traum, dass sie vor dem Bett steht, die Hand dieses erblassten Helden festhält und ihre Tränen leise aus den großen, schwarzen Augen über ihr stilles Antlitz rollen….“

[12] In der Töngesgasse des heutigen Frankfurts bedeckt ein riesiges Beton-Parkhaus die Stätte, auf der bis zum Bombenhagel von 1944 dieses Haus und seine Nachbarhäuser malerisch gestanden hatten.

[13] Aus der Front eines Gebäudes senkrecht in ganzer Höhe vorspringender Gebäudeteil.

[14] Ernst Beutler, „Essays um Goethe, Inseltaschenbuch, 1995.

[15] Heute ein Vorort von Koblenz

[16] Christoph Martin Wieland (1733-1813), deutscher Dichter.

[17] Richard Friedenthal, „Goethe, Sein Leben und seine Zeit“, Deutscher Bücherbund, Seite 152.

[18] Vgl. dazu : Prof. Werner Stein (Hrgr.), „Der Neuer Kulturfahrplan“, F.A. Herbig, München, 2004.

[19] Ein Stück (deutsches Hohlmaß) entspricht etwas 10-12 Hektolitern, eine Pièce (französisches Hohlmaß) entspricht etwa 2.2 Hektolitern. Das Weinlager bestand demnach aus etwa 42.000 Litern inländischer und etwa 16.000 Litern ausländischer Weine.

[20] Zitiert aus: Hilde Kathrein/Laura Krüger (Hrsg.), op. cit., Seite 146.

[21] J.W. v. Goethe, op.cit., Erster Teil., Erstes Buch.

[22] Richard Friedenthal, op. cit., Seite 9.

[23] Richard Friedenthal, op. cit., Seite 9.

[24] J. W. v. Goethe. op. cit., Erster Teil, Erstes Buch..

[25] Zu jenen gehörte auch der oben genannte Schweizerhof, in dem die Brentanos ihre ersten Läden gemietet hatten.

[26] Faust, 1. Teil, Osterspaziergang

[27] Gang zwischen innerer und äußerer Stadtmauer, hier wohl einfach Stadtmauer.

[28] J. W. v. Goethe, op. cit., Erster Teil, Erstes Buch.

[29] Ernst Beutler, op. cit., Seiten 443-444.

[30] J. W. v. Goethe, op. cit., Erster Teil, Fünftes Buch.

[31] Eine der Hauptfiguren aus Goethes „Werther“

[32] Zitiert in Hildegard Baumgart, „Bettine Brentano und Achim von Arnim , eine Liebesgeschichte in Träumen“, Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1997, Max Niemeyer Verlag Tübingen, Seite 152

[33] Hildegard Baumgart, op. cit., Seite 126 ff.

[34] Zitiert in Peter Anton von Brentano, „Über Bettina und Clemens Brentano“, in „Liebe zu Frankfurt“, Seite 262

[35] Hildegard Baumgart, op. cit., Seite 183

[36] Richard Friedenthal, op. cit., Seite 511.

[37] Vgl. dazu : Prof. Werner Stein (Hrgr.), op. cit.

[38] Das heißt, wenn die Stadt nicht zahlt, wird sie niedergebrannt.

[39] Hilde Kathrein/Laura Krüger (Hrsg.), op.cit., Seite 84/85.

[40] Die Rolle der Regimentsinhaber, (nicht zu verwechseln mit Regimentskommandanten), ursprünglich eine funktionelle Rolle, wurde im Laufe der Zeit immer mehr repräsentativ. Ausländische Fürsten, habsburgische Erzherzöge, Hocharistokraten oder pensionierte Generäle durften ihren Namen geben und bei feierlichen Anlässen in der Uniform des Regiments erscheinen. Alexander von Jordis war Inhaber des Regiments No. 59 von 1790 bis 1815, nach ihm waren es ab 1815 der Großherzog von Baden und ab 1852 Erzherzog Rainer.

[41] Feldmarschallleutnant Hiller, Befehlshaber des 6. Korps.

[42] Harald Skala, „Die Schlacht von Aspern am 21. und 22. Mai 1809“, Militärhistorische Schriftenreihe, Heft 11, Heeresgeschichtliches Museum Wien, 1994.

[43] Harald Skala, op. cit.

[44] Die bayrische Armee war inzwischen auf die Seite der Alliierten gegen Napoleon übergewechselt.

[45] « Le regiment autrichien Jordis et les hulans du prince Schwartzenberg ont été entierèrement détruits…. » aus Napoleons Brief vom 31. Oktober 1813 an „S.M. Impératrice-reine et régente“ in « Œuvres de Napoléon Bonaparte », Tome Cinquieme, C.L.F. Panckoucke, Editeur, 1821.

[46] Ort zwischen Wörgl und Kitzbühel in Tirol.

[47] Aus den Erinnerungen seines Enkels, August Frhr. Jordis von Lohausen. Sein Retter ist der Sohn seines Onkels Stefan.

[48] Das heutige Celje in Slowenien.

[49] Das heutige Rijeka in Kroatien.

[50] Das heutige Gorizia/Gorica an der italo-slowenischen Grenze.

[51] Diese und die folgenden Zitate stammen aus den Lebenserinnerungen des Johann Frhr. Jordis von Lohausen

[52] Vgl. dazu: Prof. Werner Stein (Hgr.), op. cit.

[53] Alvise Zorzi, « La République du Lion, Histoire de Venise », Librairie Académique Perrin, Paris 1988, Seite 356

[54] Brigitte Mazohl-Wallnig, „Österreichischer Verwaltungsstaat und Administrative Eliten im Königreich Lombardo-Venetion, 1815 – 1859“, Verlag Phillipp von Zabern, Mainz 1993, Seite 70.

[55] Carlo Goldoni , « Mein Theater – mein Leben », Verlag Bruno Henschel und Sohn, Berlin, 1949, Seite 159.

[56] Brigitte Mazohl-Wallnig, op. cit., Seite 143

[57] Brigitte Mazohl-Wallnig, op. cit., Seite 150-151

[58] Heinrich Frhr. von Siegler-Eberswald (1774-1862) hatte seit 1790 in der österreichischen Armee gegen Napoleon gekämpft, unter anderem auch bei Aspern, und war mit dem Maria -Theresien-Orden ausgezeichnet worden.

[59] Joseph Roth, „Radetzkymarsch“, Kapitel 2

[60] Unter Radetzky fiel die zivile und militärische Macht im Königreich Lombardei-Venetien in der Hand des höchsten militärischen Befehlshabers zusammen, es handelte sich daher gewissermaßen um ein Militärregime. Nun wurde die zivile Regierung von Erzherzog Ferdinand Maximilan ausgeübt, dem die militärische Macht unter Feldzeugmeister Gyulai unterstand.

[61] Sokol = Falke = Name der slawischen Turnvereine.

[62] Joseph Roth, op.cit., Kapitel 10

[63] Gemeint sind Regimenter der österreichischen Armee mit italienischen Mannschaften.

[64] Unter Festung wird wohl die Altstadt von Verona gemeint sein, die damals wohl noch von Verteidigungsmauern umgeben war.

[65] Altes Feldmaß = was ein Ochsengespann in einem Tag pflügt= etwa 50 Ar = 5000 m2. Das Projekt müsste demnach 7500 Hektar umfasst haben.

[66] Wilhelm von Tegetthoff (1827-71), Admiral und Begründer der österreichischen Seemacht.

[67] Der ursprüngliche Name des Coburger Fürstengeschlechtes, nach der Burg Wettin bei Halle.

[68] Nach dem Tod des kinderlosen Herzogs von Sachsen-Gotha und Altenburg, fällt Gotha 1826 an Sachsen-Coburg, das demnach seit 1826 Sachsen-Coburg und Gotha heißt. Saalfeld wird im Zuge dieser Erbregelung an Sachsen-Meinigen abgetreten.

[69] “The ruin which had fallen upon the House Coburg during the Napoleonic wars had apparently served only to multiply its vitality, for that princely family had by now extended itself over Europe in an extraordinary manner. King Leopold was firmly fixed in Belgium; his niece was Queen of England; one of his nephews was the husband of the Queen of England, and another of the Queen of Portugal; yet another was Duke of Würtemberg. Where was this to end? There seemed to be a Coburg Trust ready to send one of its members at any moment to fill up any vacant place among the ruling families of Europe.” in Lytton Strachey, « Queen Victoria », Classic Penguin Books, London, 2000, Seite 128

[70] Noch heute sind die Nachkommen der Queen Victoria und des Prinzen Albert Monarchen oder Thronanwärter in Deutschland, Griechenland, Großbritannien, Norwegen, Schweden, Russland, Rumänien, Jugoslawien, Dänemark und Spanien.

[71] Thomas Nicklas, „Das Haus Sachsen-Coburg, Europas späte Dynastie“, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2003, Seiten 97/98.

[72] Falls nicht anders angegeben, stammen die Zitate dem gedruckten Band „ Auszüge aus dem Tagbuch der Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, geb. Prinzessin Reuß-Ebersdorf, aus den Jahren 1805-1821“.

[73] Wie schon erwähnt, legt Franz II. 1806 die Kaiserkrone des übernationalen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nieder und nimmt als Franz I. den Titel Kaiser von Österreich an.

[74] Derselbe Augereau, der sechs Jahre zuvor die Stadt Frankfurt um „mehrere Millionen Franken gebrandschatzt“ hatte.

[75] Prinz Louis Ferdinand von Preußen, ein Neffe Friedrich des Großen. Er fiel in der Schlacht von Saalfeld.

[76] Doch ihr ältester Sohn, der spätere Herzog Ernst I. hat nicht an den Kämpfen teilgenommen. Er liegt an Typhus erkrankt im fernen Königsberg, im preußisch-russischen Lager. Erst im Befreiungskrieg 1814/15 führt er ein thüringisches Armeekorps gegen Napoleon.

[77] Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, Tagebücher, Royal Archives, Windsor Castle, RA/VIC/M 26/ 7 November 1805

[78] Vgl. dazu Gertraude Bachmann „Die Reise der Erbprinzessin Auguste Caroline Sophie von Sachsen-Coburg-Saalfeld an den Hof der Zarin Katharina II. in Sankt Petersburg 1795“ , Sonderdruck aus dem Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 1992, Jahrgang 37, Seite 64.

[79] Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, Tagebücher, The Royal Archives, Windsor Castle, RA/VIC/M 26/ 9 November 1805.

[80] Es handelt sich hier um den feschen Husaren Ligneff, der nach Russland zurückkehrte, als er einsah, dass er Juliane nicht heiraten könne.

[81] Alville (Pseudonym für Alix von Wattenwyl), „La Vie en Suisse de S .A.I. la Grande-Duchesse Anna Feodorowna », Société Suisse des Bibliophiles, Berne et Lausanne 1943, Seite 59.

[82] Zitiert in Alville, « Des Cours Princières aux Demeures Helvétiques ». Editions la Concorde, Lausanne, 1962, Seite 101

[83] Jules Gabriel Emile Seigneux (1768 – 1834), wegen eines Duells 24 Jahre lang aus seiner Heimat verbannt, steht als Offizier erst in preußischen Diensten und ist seit 1806 als Oberhofmeister der Großfürstin zugeteilt. Er entstammt einer bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Beamten- und Offiziersfamilie aus Lausanne. Sein Vater war Offizier im Regiment Montfort in Piemont gewesen.

[84] Herzogin Auguste von Sachsen Coburg-Saalfeld, Tagebücher, Royal Archives, Windsor Castle, RA/VIC/M 26/ 5 July 1808

[85] Vgl. dazu Alville, „Des Cours Princières aux Demeures Helvétiques », Seite 106.

[86] Walrab Frhr. von Wangenheim, der das Löwenfels-Archiv verwaltete, in einem Brief vom 8. April.1935 an Amélie Frfr. Jordis von Lohausen.

[87] Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, Tagebücher, The Royal Archives, Windsor Castle, RA/VIC/M 26/ 11 January 1809

[88] Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, Tagebücher 1805-21, gedruckte Version

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Titel: Mitteleuropa 1658-2008. Die Chronik einer Familie