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Zur kulturellen Bedeutung der Körperenthaarung bei Frauen

Hausarbeit 2008 28 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen

3. Haarentfernung und Ladyshave
3.1 Geschichte
3.2 Methoden der Haarentfernung – Damals und heute

4. Empirische Untersuchung
4.1 Methodik
4.2 Praxen und Einstellungen der Gesprächspartner
4.2 Auswertung der Ergebnisse

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Ich hätte gerne, dass es auf Frauen einen weniger großen Druck gibt, sich komplett zu enthaaren. Frauen rasieren sich aus einem vorauseilenden Gehorsam.“[1] So Charlotte Roche, die Autorin des Buches „Feuchtgebiete“, das in Deutschland für großen Wirbel gesorgt hat. Auf diesen vorauseilenden Gehorsam werde ich später noch eingehen. Charlotte Roche möchte dem Rasurzwang abschwören, sagt sie. Aber woher kommt dieser eigentlich? Gibt es ihn wirklich heutzutage, den Zwang sich Beine und Achseln zu enthaaren?

In einem Interview mit dem Radiosender 1Live spricht Charlotte Roche offen über ihr Buch und über das Thema „Enthaarung“:

„1LIVE: Was meinst du – lockt die Leser vor allem der Tabubruch? Wollen die sich aufgeilen? Oder gruseln?

CHARLOTTE ROCHE: Es gibt ja viele Gründe, warum die Leute das Buch kaufen. Jeder pickt sich da etwas heraus, das ihn angeht. Und ich merke, schon das harmlose Rasur-Thema macht Frauen total glücklich. Dass da endlich mal eine darüber redet, wie viel Scheißarbeit das ist, seinen Körper haarlos zu halten. Das Buch scheint an ganz vielen Stellen befreiend auf Menschen zu wirken.

1LIVE: Ja gut, aber bitteschön: Anti-Rasur-Forderungen sind ja nun echt nicht neu, eher sogar Steinzeitfeminismus.

CHAROLTTE ROCHE: Ich möchte ja auch nicht sagen: "Liebe Frauen, rasiert euch nicht!" Darum geht es überhaupt nicht. Ich plädiere für mehr Gelassenheit auf dem Gebiet. Ich nenne das schrecklichste Beispiel, das mir in einer Lesung passiert ist: Eine junge Frau, seit ein paar Jahren verheiratet, sagt mir, der Rasurzwang sei bei ihr so stark, dass sie sich nicht traut, nach einem Tag ohne Beinrasur Sex mit ihrem Mann zu haben. Hey, wir reden hier über weniger als einen Millimeter Haar! Aber sie denkt, es sei völlig abstoßend, wenn ihr Mann über ihre stoppeligen Beine streichelt und will dann keinen Sex. Und da sage ich: Es kann nicht sein, dass Frauen über ihre stoppeligen Beine nachdenken, während sie Sex haben.“[2]

Der Frage, ob in unserer Gesellschaft wirklich dieser Rasurzwang herrscht, und wenn ja wieso, möchte ich in dieser Arbeit nachgehen. Auch welche Rolle die Gesellschaft bei der Entstehung solcher Phänomene spielt und wie Personen verschiedener Altersklassen und beider Geschlechter über das Thema denken, werde ich in dieser Arbeit untersuchen. Ich befasse mich ausschließlich mit Körperenthaarung bei Frauen an Beinen und Achseln in unserer Gesellschaft, unserer europäisch-westlichen Kultur. Den Intimbereich und Enthaarung bei Männern lasse ich aus. Dass Thema der Arbeit habe ich eher zufällig entdeckt, ich fand es aber von Beginn an sehr interessant und faszinierend, da es mich persönlich auch betrifft.

Enthaarung ist für die Kulturwissenschaft interessant, da sie am Körper passiert, der Teil des kulturellen Ausdrucks ist. Von ihm können Rückschlüsse auf die mentale Ebene gezogen werden, Normen und Konzepte der Gesellschaft spiegeln sich im Individuum wider. Der theoretische und mediale Diskurs im Alltag (z.B. Präsenz in der Werbung) ist ein Indiz für ein kulturelles Phänomen.

Kultur umfasst verschiedene Ebenen wie beispielsweise regelmäßige und beobachtbare Lebensweisen, wie Gewohnheiten, Bräuche und Rituale. Im Rahmen der Kultur werden die ideellen Vorraussetzungen dieser Handlungen, wie Wissen, Glauben, Normen und Werte und die „künstlichen“ Produkte und Artefakte, die in diesem Zusammenhang hergestellt werden untersucht, auf die ich noch an späterer Stelle zurückkommen werde. So kann Kultur in einem Dreieck gesehen werden, in dem sich die einzelnen Punkte gegenseitig bedingen. Kultur findet in einem sozialen, mentalen und materiellen Rahmen statt, sie hängt ab von Zeit, Raum und Gesellschaft.[3] Mit sich verändernden Variablen verändert sich auch die Kultur; je nach Zeit, Raum und Gesellschaft gibt es unterschiedliche Normen und Ideale.

In manchen Kulturkreisen gilt es zum Beispiel als attraktiv dick zu sein. Dick steht für Fruchtbarkeit und ist ein Zeichen von Wohlstand, man kann es sich leisten, viel zu essen. In einigen afrikanischen Stämmen gilt es als schön, seinen Hals mit Ringen immer länger zu strecken. Früher galt eine besonders hohe Stirn als attraktiv, die das Gesicht optisch strecken sollte. Dafür wurden die Haare am Haaransatz entfernt.[4] Es zeigt sich also, dass es je nach Zeit, Raum und Gesellschaft eine andere Kultur mit anderen Regeln und Schönheitsvorstellungen gibt. In unserer heutigen Kultur gilt es als schön, glatte Beine und enthaarte Achseln zu haben. Wieso? Wofür stehen Haare, welche Signale sendet eine Frau mit unrasierten Beinen oder Achseln? Eigentlich gibt es keine sachlichen Argumente dafür, sich zu rasieren, außer dem Argument der Hygiene bei der Achselenthaarung. Aber durch Rasur wird die Haut gereizt, es können Rötungen und kleine Entzündungen entstehen, Haare können einwachsen und Enthaarung ist meist zeitaufwendig. „Schlank sein“, ebenfalls ein Schönheitsideal unserer Gesellschaft, kann noch sinnvoll belegt werden. Schlank zu sein bedeutet gesund, fit und beweglich zu sein. Aber sich als Frau zu enthaaren? Wie kann man das begründen? Fast täglich sehen wir TV-Spots, die für diverse Enthaarungsmittel, wie Rasierer oder Enthaarungscremes werben. Neulich habe ich in der Bahn eine Frau, Mitte 40, gesehen, die eine kurze Hose trug. Ihre Beine waren voller langer, schwarzer Haare. So etwas fällt auf in unserer Gesellschaft, in der eigentlich jeder, wie es scheint, glatte Haut hat. Ich fand es sehr unästhetisch. Weshalb genau, konnte ich nicht sagen.

Dass sich so viele Fragen um das Thema ranken und Rasur, beispielsweise durch Charlotte Roche, in den Medien aufgegriffen wird, spricht für die Aktualität und die Vielfalt der Thematik, die mit der weiblichen Enthaarung verbunden ist. Es geht um die Entstehung von Gesellschaftsphänomenen, um Schönheitsideale und um Körpersymbolik. Eine einzige Forschungsfrage zu formulieren, reicht eigentlich gar nicht aus. Prinzipiell geht es in meiner Arbeit darum, wie in unserer Gesellschaft mit Behaarung umgegangen wird und wofür sie eigentlich steht. In meinen Interviews wird dies deutlich. Zuerst erkläre ich die nötigen Begriffe und im weiteren Verlauf stelle ich die Geschichte der Haarentfernung und ihre Methoden vor. Meine empirischen Erhebungen habe ich in einer Interviewform gestaltet, die Ergebnisse werde ich auswerten und analysieren.

2. Begriffsklärungen

Zunächst möchte ich die für das Thema relevanten Begriffe definieren und erklären.

Die Definition für den „Symbol“-Begriff entnehme ich dem Herder Lexikon und der „Einführung in die europäische Ethnologie“ von Wolfgang Kaschuba.

„Jede Sprache fungiert als Träger und Vermittler von Bedeutungen. Wie jede Sprache lebt daher auch die Sprache der Symbole aus der Spannung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem. Während jedoch sprachliche Einheiten wie z.B. das Wort dem jeweils gemeinten Gegenstand nur zugeordnet werden, bindet das Symbol Bezeichnendes und Bezeichnetes so eng wie nur möglich zusammen. Zeitweilig […] war diese Bindung so eng, dass sie oft fast einer Identität gleichkam“.[5]

Unser moderner Symbolbegriff stammt vom griechischen Wort „symballein“ ab, das soviel wie „zusammenfügen“, „zusammenwerfen“ bedeutet.[6] Kaschuba präzisiert diese Bindung noch näher:

„In der griechischen Mythologie steht dies als Sinnbild für ein Zusammenfügen von zwei Teilen, die einst eins waren, jedoch getrennt worden sind. Es ist das Motiv der Münze oder Schale, die in zwei Teile zerbrochen wird, um nach einer möglicherweise langen Trennung als untrügliches Erkennungszeichen der Identität des Träger oder Überbringers zu dienen.“[7]

Im Bezug auf die Körperenthaarung bedeutet dies, dass sowohl Haare an einem Frauenkörper Symbolcharakter haben, dass heißt sie stehen für etwas, und dass ebenso enthaarte, glatte Haut eine Signalwirkung hat. Der „Körper als Symbol“, als ein Teil von Zweien, ist Vermittler eines mentalen Konzeptes. Diese Körpersymbolik bedeutet, dass der Körper als Erkennungszeichen dient und auf das Individuum schließen lässt. Mentale Konzepte kann der Mensch durch seinen Körper ausdrücken, die geistige Ebene wird auf eine sichtbare projiziert. Marcell Mauss, so ist „Ritual, Tabu und Körpersymbolik“ von Mary Douglas[8] zu entnehmen, hat die These aufgestellt, dass es so etwas wie natürliches Verhalten gar nicht gibt, dass jede körperliche Aktivität deutlich die Spur von sozial vermittelten Lernvorgängen trägt. So kann man postulieren, dass die mentalen Konzepte der sich rasierenden Frau eigentlich nur gesellschaftlich anerkanntes Verhalten widerspiegeln.

Den Begriff „Schönheitsideal“ definiere ich anhand „Körper machen Leute: Der Kult um die Schönheit“, von Waltraud Posch[9]. Laut Posch wird Schönheit in unserer Gesellschaft auf Untergewicht und glatte Haut reduziert. Jugendlichkeit und „jung sein“ gilt als Schönheitsideal. „Was zählt ist nicht die Erscheinung, das Aussehen einer Person selbst, sondern wie es von der jeweiligen Gesellschaft bewertet wird“.[10] Und weiter:

„Die Menschen einer jeweiligen Zeit und Kultur wissen jedoch genau, was sie als schön empfinden; Hat sich ein Ideal einmal etabliert, so herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, was schön ist und was nicht. Mit den Schönheitsnormen ändert sich auch das Empfinden“.[11]

Als „Ideal“ wurde ursprünglich etwas Vollkommenes, Unerreichbares bezeichnet. Heutzutage meinen wir damit ein erstrebenswertes, erreichbares Vorbild.[12] In unserem heutigen Medienzeitalter sehen wir täglich Bilder von schönen Menschen, denen wir nacheifern möchten. Schöne Menschen sind in den Medien so präsent, dass wir denken, wir erreichen mehr, wenn wir schön sind und wert auf unser Äußeres legen. Glatte Haut ist Teil dieses Schönheitsideals, sie wertet den Menschen auf. In der Analyse eines TV-Spots werde ich das im Folgenden noch näher erläutern.

3. Haarentfernung und Ladyshave

3.1 Geschichte

Frank Gnegel erläutert, dass schon im antiken Rom und in Griechenland Haarentfernungs-mittel zu den zahlreich vorhandenen Schönheitsmitteln zählten.[13] Von dem griechischen Arzt Dioskurides ist schon aus dem ersten Jahrhundert ein Rezept für ein Enthaarungsmittel überliefert. Auch in der frühmittelalterlichen Literatur finden sich zahlreiche Rezepte zur Entfernung von Haaren am Körper. Im 12. und 13. Jahrhundert wird in der höfischen Dichtung als Idealbild weiblicher Schönheit eine schneeweiße, blanke Haut am ganzen Körper gezeichnet. Im Mittelalter wurden die bis dahin noch handschriftlichen Arzneibücher in großen Sammlungen zusammengefasst und fanden nun Eingang in die Hausbuchliteratur. Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert spielte die Haarentfernung bei Frauen eine eher untergeordnete Rolle, ab dem 18. Jahrhundert waren Rezeptbücher aber auch den unteren Bevölkerungsschichten zugänglich. Wurden die Haare aber an ungewöhnlichen Stellen, zum Beispiel an Armen oder Oberlippe dichter und dunkler, so verursachten sie ein „missfälliges Aussehen“[14], dem durch Enthaarung entgegengewirkt wurde. Ende des 18. Jahrhunderts gehörten Arme und Handrücken noch nicht zu den Körperteilen, die enthaart werden mussten, es wurde nur empfohlen einen eventuellen Damenbart zu entfernen.

Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich das, als sich – beeinflusst vom französischen Modestil der Empire – eine Frauenmode aus leichten, oft durchsichtigen Stoffen mit kurzen Ärmeln durchsetzte, die sich an der Antike orientierte. Die vorherrschende Farbe war weiß und dunkle Haare auf den Unterarmen wurden als störend empfunden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in den siebziger Jahren, etablierten sich in aristokratischen und großbürgerlichen Kreisen schulterfreie oder nur mit schmalen Trägern versehene Kleider, die die Achselhöhle sichtbar machten. Damit begann die Enthaarung der Achseln. Kleider ohne Ärmel entwickelten sich während des ersten Weltkriegs auch in der Abendgarderobe bürgerlicher Kreise. Sichtbare Achselbehaarung wurde als lästig empfunden. Besonders bei jungen Frauen wurde die Beseitigung der Achselhaare im Laufe der zwanziger Jahre üblich. Die Mode ärmelloser Sommerkleider und Badeanzüge sorgte für eine weitere Vermehrung der Enthaarung bei Frauen. Besondere Bedeutung für die Ausbreitung der Achselrasur in Deutschland hatte in den zwanziger Jahren das Vorbild amerikanischer Filmschauspielerinnen. Das Kino wurde in dieser Zeit zur wichtigsten Massenunterhaltung, gleichzeitig vermittelte es gewisse Schönheitsideale und machte diese populär. Die Nachahmung dieser Filmstars war – sowohl in Mode und Frisur, als auch bei der Achselrasur – besonders bei jungen Frauen weit verbreitet. „Das moderne weibliche Schönheitsideal wird vor allem durch den Film geprägt“, stellte ein zeitgenössischer Filmratgeber fest und empfahl den Leserinnen die Nachahmung. Auf die Bedeutung der Medien zum Thema Enthaarung werde ich später noch eingehen, hier zeigt sich aber schon ein erster großer Einfluss.

Während des Ersten Weltkrieges wurden die bis dahin bodenlangen Röcke kürzer, in den Zwanzigern waren sie nur noch knielang, wodurch die Frauenbeine sichtbar wurden. Vor dem ersten Weltkrieg waren Damenstrümpfe schwarz und wurden fast ausschließlich aus Wolle oder Baumwolle hergestellt, weshalb sie undurchsichtig waren. Erst ab 1921/22 wurden zunächst beige, dann hautfarbene Strümpfe aus Viskose (Kunstseide) angeboten, die dann im Laufe der Jahre durch Verfeinerungen am Material durchsichtiger wurden. Mit diesem Modetrend begannen Frauen ihre Beinhaare zu entfernen, „um zu verhindern, dass unzählige Haare durch die Strümpfe hindurchstechen und aller Welt auffallen“.[15] Anfang der dreißiger Jahre hatte sich die Rasur der Frauenbeine in Deutschland dann allgemein durchgesetzt.

Während des zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit verbreitete sich die Rasur der Frauenbeine immer mehr, da es - durch den Krieg bedingt - keine kunstseidenen Strümpfe zu kaufen gab. Frauen rasierten sich ihre Beine und rieben sie mit brauner Schminke oder Brühwürfeln ein, um fehlende Strümpfe vorzutäuschen. Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurden auch Nylonstrümpfe angeboten, die feiner und durchsichtiger waren als ihre Vorgänger und ein nacktes Bein vortäuschen sollten. Dafür war es wichtig, alle Haare zu entfernen. Kosmetikratgeber der 50er Jahre forderten die Achselhöhlenenthaarung für das Tragen von Kleidern oder Badeanzügen, für Beine galt: „Laufen Sie aber bitte nicht mit lang-, dicht- und dunkelbehaarten Beinen herum, das wirkt recht unästhetisch“.[16] Das Entfernen der Haare entsprach der Körperkultur, die in den 50er Jahren vorherrschte. Schweiß, Schuppen, Körpergerüche und eben auch Körperhaare galten als außerordentlich peinlich. Es zeigt sich, dass Mode und Haarentfernung eng miteinander verknüpft sind.

In meinen empirischen Erhebungen wird das noch deutlicher.

3.2 Methoden der Haarentfernung – Damals und heute

Die historischen Methoden der Haarentfernung entnehme ich ebenfalls dem Buch „Bart ab“ von Frank Gnegel[17]. Ursprünglich bestanden Haarentfernungsmittel aus Pflanzenextrakten und Pflanzensäften, später wurden noch einige Mineralien hinzugefügt, zum Beispiel Quecksilber. Die Mittel sollten die Haare ausfallen und nicht mehr nachwachsen lassen. Im 12. Jahrhundert etablierte sich ein Mittel, das zwar hautunfreundlich aber sehr wirksam war. Es bestand aus Calciumoxid, Arsen-III-sulfit, Wasser und Öl und ist mit Ersatz des Arsen-III-sulfits auch heute noch Bestandteil der angebotenen Depilatorien[18]. Es fällt auf, dass Haarentfernungsmittel damals in den Rezeptbüchern zwischen Rezepten gegen Hautkrankheiten standen. Neben chemischen Haarentfernern wurden im Mittelalter auch mechanische Geräte verwendet. Rasiermesser und Pinzetten waren im 13. Jahrhundert schon notwendige Instrumente weiblicher Kosmetik. Bimssteine, mit denen die Haare abgerieben wurden, gehörten ebenfalls zum Repertoire. Colerus gibt in seiner „Oeconomia ruralis“ von 1680 insgesamt 19 Haarentfernungsmitteln an, unter denen sich neben den gängigen auch Katzendreck oder Fledermaushirn befindet. Anfang des 19. Jahrhunderts entfernte man störende Haare auf dem Arm mit „Rasierflaschen“, sehr dünn geblasenen Glasrollen, die wie eine Sichel fungierten, die die Haare schnitt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich eine ganze Kosmetikindustrie zu entwickeln, Enthaarungsmittel wurden nun auch in Fabriken hergestellt und gelangten so auf den Markt. Kurz nach der Jahrhundertwende wurden bereits erste Nassrasierapparate von amerikanischen Herstellern für Frauen angeboten. Gillette produzierte 1915 einen ersten derartigen Rasierer unter dem Namen „Milady Decollette“, nachdem sich Anfragen aus amerikanischen Badeorten häuften. Nach dem ersten Weltkrieg wurden dann zahlreiche Damenrasierer angeboten, die sich kaum von den Männer-Geräten unterschieden. Anfang der 30er Jahre war es auch üblich, dass Frauen das Rasierzeug ihrer Männer mitbenutzten, in der zweiten Hälfte der 30er Jahre, kam dann der elektrische Rasierapparat auf den Markt. Frauen wurden wie selbstverständlich als Kunden mitgezählt, zunächst überwiegend in Amerika, die europäischen Produzenten hielten sich noch zurück. Vor 1958 gab es noch kein, von einer deutschen Firma hergestelltes, spezielles Frauengerät, vielmehr wurde darauf hingewiesen, dass Frauen die Rasierer ihrer Männer mitbenutzen können. Erst ab 1958 wurden spezielle elektrische Damenrasierer angeboten, die sich gegen die Nassrasierer durchsetzen konnten. Apparate wurden in Farbvarianten wie rosé oder elfenbeinfarben für Frauen produziert - die Geräte waren meist kleiner und handlicher.

Heutzutage gibt es zahlreiche Möglichkeiten zu enthaaren. Am häufigsten angewandt wird die Nassrasur, daneben gibt es elektrische Rasierapparate sowie Epiliergeräte, die die Haare an der Wurzel ausziehen. Des Weiteren gibt es die Möglichkeit die Haare mit Wachs oder mit chemischen Enthaarungsmitteln zu entfernen, eine dauerhafte Haarentfernung durch Laser ist auch möglich. Es gibt spezielle Kosmetikstudios, die Enthaarungen mit Wachs oder Laserbehandlungen anbieten. Enthaarung ist also nicht mehr nur Teil des privaten Interesses, sondern zu einer riesigen Industrie und einem Dienstleistungssektor (Enthaarung im Kosmetikstudio durch Fachpersonal) geworden, mit der viel Geld erwirtschaftet wird.

[...]


[1] http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,537317,00.html Stand: 19. Oktober 2008.

[2] http://www.einslive.de/magazin/interviews/2008/charlotte_roche.jsp Stand: 05.Mai 2008.

[3] Als Quelle dient hier die Vorlesung vom 26. Mai 2008 im Plenum „Einführung in die Wissenschaft der europäischen Alltagskultur: Geschichte, Begriffe, Forschungsfelder“ bei Frau Dr. Hänel.

[4] Gnegel, Frank: Bart ab. Zur Geschichte der Selbstrasur. Köln 1995, S. 126.

[5] Herder Lexikon: Symbole. Freiburg im Breisgau 1978: Herder, S. 7.

[6] Vgl. Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie. München 1999, S. 184.

[7] Kaschuba, S. 184.

[8] Vgl. Douglas, Mary: Ritual, Tabu und Körpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur. Frankfurt am Main 1981, S. 99.

[9] Posch, Waltraud: Körper machen Leute. Der Kult um die Schönheit. Frankfurt /Main; New York 1999.

[10] Ebd., S. 14.

[11] Ebd., S. 15.

[12] Ebd., S. 36.

[13] Vgl. Gnegel, S. 121ff.

[14] Ebd., S. 129.

[15] Gnegel, S. 133.

[16] Gnegel, S. 136.

[17] Gnegel, S. 121 ff.

[18] Enthaarungsmittel.

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640299171
ISBN (Buch)
9783640304172
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124838
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Schlagworte
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