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Inwiefern führt das unterschiedliche Kunstverständnis der drei Freunde Serge, Marc und Yvan in Yasmina Rezas Drama "Art" zum Konflikt?

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung der Kunst im Drama
2.1 Das differierende Kunstverständnis der Charaktere
2.2 Die unterschiedlichen Kunstgeschmäcker als Konfliktkatalysator
2.3 Die postmoderne Definition der Kunst
2.4 Die Lösung des Konfliktes

3. Zusammenfassung

Bibliographie

I Primärliteratur

II Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Konflikt der beiden langjährigen Freunde Serge und Marc in Yasmina Rezas Drama <<Art>> entzündet sich bereits zu Beginn des Dramas [S. 15/16]. Bei diesem Konflikt geht es darum, dass der Dermatologe Serge sich ein zeitgenössisches monochromes Bild - einen „Antrios“[1] - für zweihunderttausend Franc gekauft hat, welches dem Genre der Weißmalerei entstammt und bei Serges Freund Marc für Unverständnis sorgt. Yvan, der gemeinsame Freund der beiden, ist zunächst nicht in den Konflikt involviert, wird jedoch im Verlaufe der Handlungen mit hineingezogen.

Wie kommt es jedoch dazu, dass drei langjährig befreundeten Mittvierziger wegen eines Gemäldes in einen beinahe unauflöslichen Konflikt geraten? Diese Fragestellung werde ich in meiner Hausarbeit untersuchen, indem ich unter 2. zunächst auf die Bedeutung der Kunst innerhalb des Dramas eingehe und danach in das Kunstverständnis der drei Hauptfiguren Serge, Marc und Yvan beleuchte. Des Weiterem werde ich näher auf den Kunstkonflikt der Hauptfiguren eingehen, in die poststrukturelle Definition der Kunst erläutern und aufzeigen, inwieweit sich dieser Konflikt löst bzw. ob er sich überhaupt lösen lässt.

2. Die Bedeutung der Kunst im Drama

Die Kunst als solche spielt in dem Drama <<Art>> eine große Rolle. Grewe und Zimmermann schreiben hierzu: Vor allem aber definiert Yasmina Reza ihre drei Protagonisten über deren Kunstkonsum.[2] Dieser Kunstkonsum der drei Charaktere unterscheidet sich stark und beeinflusst ihre Freundschaftskonstellation immens. Dies werde ich in diesem Kapitel 2 und in Kapitel 3 näher untersuchen.

2.1 Das differierende Kunstverständnis der Charaktere

Es wird zu Beginn des Dramas deutlich, dass Serge’ und Marcs Auffassung und Wahrnehmung von Kunst stark divergiert. Den drei Charakteren sind jeweils unterschiedliche Bilder zugeordnet, wie man den Regieanweisungen entnehmen kann. Serge bevorzugt die moderne, abstrakte Kunst. Dies wird durch den Kauf des „Antrios“ ersichtlich und wird außerdem von Serge dadurch untermauert, dass er wiederholt sehr emphatisch über diesen Kauf spricht und eben diesen vor Marc vehement verteidigt.

Laut Grewe und Zimmermann gehöre Serge, rekurrierend auf das „kulturelle Kapital“[3], der Elite an, wohingegen Marc dem mittleren Kunstgeschmack anhänge und Yvan dem populären Kunstkonsum zugehörig sei.[4] Marc ist der Verfechter der traditionellen, gegenständlichen Kunst. Dies wird unter anderem dadurch deutlich, dass er ein gegenständliches, dem Realismus anmutendes Gemälde in seiner Wohnung hängen hat: Chez Marc. Au mur, un tableau figuratif représantant un paysage vu d’une fenêtre [S. 30]. Des Weiteren charakterisiert Serge den Kunstgeschmack von Marc wie folgt: Tu ne t’intéresse pas à la peinture contemporaine, tu ne t’y es jamais intéressé. Tu n’as aucune connaissance dans ce domaine [S. 18]. In dieser Äußerung bringt Serge zum Ausdruck, dass Marc die zeitgenössische Malerei de facto ablehnt.

Im Vergleich zu seinen beiden Freunden Serge und Marc, hat Yvan sein Bild nicht selbst gekauft, sondern dieses von seinem Vater geerbt. Bei diesem Bild handelt es sich um eine „croûte“, d.h. einen Schinken. Yvan ist im Vergleich zu Marc und Serge mehr im Bereich des Kunstbanausen anzusiedeln.

Diese großen Kunstkonsumunterschiede resultieren laut Grewe und Zimmermann aus dem stark divergierenden „sozialen Habitus“[5] der Charaktere, d.h. dass die unterschiedlichen Schichtzugehörigkeiten ein anderes soziales und kulturelles Kapital bedingen.[6] Dies sagt aus, dass freiberuflich Tätige, wie der Dermatologe Serge, über ein anderes soziales und kulturelles Kapital verfügen als zum Beispiel ein Ex-Textilvertreter wie Yvan. Der Tatsache, dass Marc ebenfalls wie Serge Akademiker ist, widerspricht dies allerdings. Ihre akademischen Metiers unterscheiden sich zwar, doch beide gehören der Bildungselite an.

2.2 Die unterschiedlichen Kunstgeschmäcker als Konfliktkatalysator

Man fragt sich als Leser, wie der unterschiedliche Kunstkonsum von Serge und Marc zu einem derartigen Konflikt führt bzw. dass die beiden Freunde - die wohl gemerkt seit fast 15 Jahren befreundet sind - und später sogar alle drei Freunde Serge, Marc und Yvan, die Freundschaft auf Grund dieses Unterschiedes direkt in Frage stellen Carroll stellt diesbezüglich ebenfalls einige bezeichnende Fragen:

The action of the play raises an immediate question. Why is Marc’s reaction to the painting by Antrios sp intense, so violent? Why would a painting endange a friendship? Why do Marc and Serge seem to be willing to split apart after fifteen years over a matter of taste? Can’t they just agree to disagree and leave it at that?[7]

Die erste Besichtigung des Bildes wird von Marc aus der Retrospektive erzählt[8]. In seinem ersten Monolog, d.h. dem Prolog[9] oder der Exposition des Dramas, beschreibt Marc den „Antrios“: C’est une toile d’environ un mètre soixante sur un mètre vingt, peinte en blanc. Le fond est blanc et si on cligne des yeux, on peut apercevoir de fins liserés blancs transversaux [S. 15]. Wenn man dies mit dem weiteren Verlauf der Sprechhandlungen vergleicht, deutet sich bereits hier an, dass Marc Kritik an dem „Antrios“ bzw. der modernen Kunst übt; denn schon kurz darauf wird während des retrospektiv dargestellten Gesprächs zwischen Serge und Marc deutlich, dass Marc diesem Bild nichts abgewinnen kann. In den Regieanweisungen steht: Marc regarde le tableau. Serge regarde le tableau. Serge regarde Marc qui regarde le tableau [S. 15] . Es wird lediglich der Betrachtungsvorgang Marcs kurz dargestellt. Marcs Gefühlsregungen werden dabei außen vorgelassen, da er keinerlei hat. Marcs einsilbige Reaktion Cher? [S. 15] unterstreicht in diesem Zusammenhang die mangelnde Gefühlsregung. Er begibt sich mit der Betrachtung und der Frage Cher ? [S. 15] lediglich auf die Sachebene.

Während der Betrachtungsvorgang von Serge als réjoui [S. 15] bezeichnet wird, ist schnell ersichtlich, dass Marc den Kauf seines Freundes kaum nachvollziehen kann: Un lon temps où tous les sentiments se traduisent sans mot. [S. 15] Der Konflikt beginnt, als der „Antrios“ von Marc als merde denunziert wird: Tu as acheté cette merde deux cent mille francs?! [S.16] Serge kann diesem Bild nichts abgewinnen und ist wütend über den Kauf seines Freundes. Außerdem sieht er in dem Bild etwas bzw. dieses löst etwas in ihm aus, das Marc selbst nicht empfindet. Grewe und Zimmermann formulieren hierzu: Für den Besitzer, den Hautarzt Serge, ist das weiße Bild so stark emotional aufgeladen, dass es nicht nur die Positionen <Frau und Kinder> im Nebel einer einzigen Erwähnung verschwimmen, sondern auch die fünfzehnjährige Freundschaft mit Marc und Yvan in eine Krise, ja sogar an den Rand des Abgrunds geraten lässt.[10] Marc wiederum verbindet mit dem Bild keinerlei positive Gefühle und gerade dieser große Wahrnehmungsunterschied bezüglich des Bildes irritiert und verärgert ihn, da somit das Gemeinsame – Interessen, Hobbys, kulturelle Vorlieben - worauf Freundschaften in der Regel basieren, nicht gegeben ist. Marc jedoch scheint einen gesteigerteren Wert auf Gemeinsamkeiten in Freundschaften zu legen, als üblich ist; denn in Marcs Augen sollten Freunde den gleichen Standpunkt teilen.[11] Das folgende Zitat von Marc aus unterstreicht dies hervorragend: Du temps où tu me distinguais des autres, où tu mesurais les choses à mon aune. [Seite 68]. Marc gibt damit zu, dass sich Serge und er in der Vergangenheit im freundschaftlichen, interessens- und geschmacksspezifischen Gleichklang befunden haben und Marc nun die Weiterentwicklung Serges bzw. die Kluft, die sich in ihrer Freundschaft auf Grund der nun großen Interessens- und Geschmacksunterschiede aufgetan hat, nicht behagt. Grewe und Zimmermann schreiben diesbezüglich: Dieses >klassische< Freundschaftskonzept [...] definiert den Freund als ein >autre soi-même<, ein >alter ego<, einen Spiegel, der das eigene Bild zurückwirft und auf diese Weise stärkt.[12] Damit wird ausgedrückt, dass Marc somit alles, was diesem Freundschaftskonzept widerspricht bzw. jeder Unterschied zwischen dem Freund und ihm, zu bekämpfen versucht. Marc fühlt sich von Serges neuer Selbstständigkeit verraten und verlassen und kann die Eigenständigkeit von Serge in Kunstdingen nicht ertragen.[13]

Ferner kann man Marcs Unvermögen, Serges Bildkauf zu akzeptieren, darauf zurückfuhren, dass sich auf Grund dieses unterschiedlichen Kunstkonsums der soziale Habitus der beiden verändert. Während Serge sich dem erhabeneren, elitäreren Kunstgeschmack zugewendet hat, verbleibt Marc bei dem traditionellen. Der soziale Habitus jedoch beschränkt sich nicht nur auf den Kunstkonsum, sondern ebenso auf Gesellschaftsschichtunterschiede, d.h. dass Marc sich nicht damit abfinden kann, dass Serge nun unter Umständen einem anderen sozialen Milieu zugehörig ist und demzufolge auf Marc, der einer etwas niedrigeren Schicht angehört, herabblicken und ihn despektierlich behandeln könnte.

[...]


[1] Es handelt sich bei Antrios in dem Drama um einen fiktiven Maler.

[2] Vgl. Hierzu: Grewe, Andrea und Margarete Zimmermann: „Die Kunst der Männerfreundschaft. Yasmina Rezas 'Art'“, in: A. Grewe und M. Zimmermann (hrsg.): Theater-Proben. Ro-manistische Studien zu Drama und Theater. Jürgen Grimm zum 65. Geburtstag. Münster: Daedalus, 2001, Seite 129.

[3] Dieser Begriff stammt von Pierre Bourdieu. Vgl.: Bourdieu, Pierre: http://www.erzwiss.uni-hamburg.de/personal/lohmann/lehre/som3/bourdieu1992.pdf.

[4] Grewe, Zimmermann, (2001), Seite 130/131.

[5] Dieser Begriff ist auf Pierre Bourdieu zurückzuführen. Vgl.: Bourdieu, Pierre (1982). «Der Sozialraum und seine Transformationen“. In: Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main, S. 171–210.

[6] Grewe, Zimmermann (2001), Seite 130.

[7] Carroll, Noël, “«Art» and Friendship” , aus: Philosophy and Literature, Massachusetts: The Johns Hopkins University Press 2002, Seite 200.

[8] Meiner Meinung nach gibt es in <<Art>> diverse Szenen, die mehr einen narrativen Charakter, als einen dramatischen haben.

[9] Vgl. Hierzu: Grewe, und Zimmermann, (2001), Seite 126.

[10] Grewe und Zimmermann (2001), Seite 122.

[11] Vgl. Grewe, Zimmermann (2001), Seite 139

[12] vgl. 8

[13] vgl. 8

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640299072
ISBN (Buch)
9783640304103
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124824
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Romanistik
Note
1,7
Schlagworte
Inwiefern Kunstverständnis Freunde Serge Marc Yvan Yasmina Rezas Drama Konflikt Héros Anti-héros Wandlungen Helden Klassik Gegenwart

Autor

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