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Werden Frauen in der deutschen Gegenwartssprache benachteiligt? Kann feministische Linguistik zur Verbesserung der Situation der Frauen beitragen?

Hausarbeit 2008 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition der Feministischen Sprachkritik und ihrer Ziele
2.1 Was ist Sprachkritik?
2.2 Was ist Feministische Sprachkritik?
2.3 Felder der Feministischen Sprachkritik

3 Sprache und Wahrnehmung

4 Kritik an der Sprache
4.1 Sexistischer Sprachgebrauch
4.2 Sexistisches Sprachsystem
4.2.1 Das „generische“ Maskulinum

5 Fazit und weiterführende Überlegungen

6 Literaturverzeichnis
6.1 Monographien, Sammelbände, Lexika
6.2 Internetquellen

1 Einleitung

Die Diskussion um eine gerechte Sprache mag zur Zeit zum Erliegen gekommen und alle Argumente scheinen ausgetauscht und vielfach wiederholt worden zu sein.[1]

Außerdem hat es den Anschein, dass das Thema dazu einlädt, Extrempositionen zu vertreten, die von einer sachlichen wissenschaftlichen Diskussion ablenken. Pusch, eine Vertreterin der feministischen Linguistik, schreibt:

„Halten wir also fest: Der deutsche Wortschatz eignet sich zum Ausdruck weiblicher Interessen und Sehweisen ebenso gut wie ein Rasierapparat zur weiblichen Körperpflege.“[2]

Hoffmann, vehementer Gegner der feministischen Linguistik, hingegen spricht von „Sprachhysterie“[3], einem System, das „durchdacht wie ein Amoklauf“[4] und von „feministischen Zwangsneurosen durchsetzt“[5] sei.

Es soll nicht verkannt werden, dass weder Hoffmann noch Pusch in diesen Texten einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben dürften. Bemerkenswert ist dennoch die große Aufmerksamkeit, die dem Thema auch außerhalb der Sprachwissenschaft[6] zuteil wurde. Die Thesen der feministischen SprachwissenschaftlerInnen weisen weit über elitäre Forschungskreise hinaus. Sie betreffen den Alltag eines/r jeden und rühren stark an das Selbst- und Fremdverständnis von Frauen in unserer Gesellschaft.

Doch obwohl ein teils hoch emotionalisierter, größtenteils fundiert sachlicher Diskurs stattgefunden hat, fällt es vielen Menschen schwer, begründet und ohne Polemik Stellung zu diesem Thema zu beziehen.

In der vorliegenden Arbeit werden Aspekte der Fragen untersucht, ob die deutsche Gegenwartssprache Frauen benachteiligt und ob die Änderungsvorschläge der feministischen SprachkritikerInnen die Stellung der Frau in der Gesellschaft verbessern können.

Hierzu wird zunächst die Abgrenzung der feministischen Sprachkritik vom Rest der sprachwissenschaftlichen Disziplin erläutert, um deutlich zu machen, dass der Ursprung der feministischen Linguistik nicht in der Sprachwissenschaft selbst liegt, was auch erklären kann, dass der Diskurs weit über die Grenzen der Sprachwissenschaft hinaus stattfand bzw. stattfindet.

Daraufhin wird der Zusammenhang zwischen Sprache und Wahrnehmung erläutert. Erst wenn belegt wird, dass unser Denken von der Sprache beeinflusst wird, können die Forderungen der feministischen SprachkritikerInnen sinnvoll werden, suchen diese doch durch eine Änderung der Sprache einen Bewusstseinswandel herbeizuführen.[7]

Im Anschluss wird sprachlicher Sexismus an einigen Beispielen aufgezeigt. Ein Schwerpunkt bildet hierbei die Frage, ob das so genannte generische Maskulinum tatsächlich generisch verstanden wird oder nicht.

All diese Überlegungen führen schließlich zur weitgehenden Klärung der eingangs gestellten Fragen.

2 Definition der Feministischen Sprachkritik und ihrer Ziele

2.1 Was ist Sprachkritik?

Um sich der Feministischen Sprachkritik (im folgenden mit FS bezeichnet) zu nähern, empfiehlt es sich zunächst, Sprachkritik als solche zu definieren um daraufhin zu zeigen, inwiefern sich die FS von jener unterscheidet. Bußmann definiert Sprachkritik als

„[k]ritische Beurteilung sprachlicher Ausdrucksmittel, und zwar einerseits als Stilkritik [...] andererseits als kritische Reflexion der Ausdrucksmöglichkeiten des Sprachsystems.“[8]

Sie schreibt weiter:

„Die wissenschaftliche Sprachkritik [...] ist Voraussetzung für Sprachpflege und Sprachregelung.“[9]

Hiermit verweist Bußmann, indem sie die wissenschaftliche Sprachkritik, die sie synonym mit Sprachwissenschaft verwendet, Vorbedingung für Sprachpflege und Sprachregelung nennt, indirekt darauf, dass wissenschaftliche Sprachkritik und das Erarbeiten konkreter Änderungsvorschläge zweierlei Dinge sind. Schiewe[10] bemerkt hierzu, dass die Sprachwissenschaft beschreibe, die Sprachkritik hingegen werte. Er beschreibt die metasprachliche Funktion der Sprache als Bedingung der Möglichkeit von Sprachkritik. Das heißt schlussfolgernd, dass die Fähigkeit, über Sprache zu sprechen, die Möglichkeit bietet, Sprachkritik zu betreiben, dass aber nicht alles Sprechen über Sprache auch gleich Sprachkritik ist. Um Sprachkritik handele es sich dann, wenn das „Sollen der Sprache“[11] untersucht werde.

Kurz: Sprachkritik findet dann statt, wenn Sprachsystem und/oder Sprachgebrauch, um mit de Saussure[12] zu sprechen also langue und/oder parole, kritisch untersucht und bewertet und ggf. Alternativen für das Sprachsystem bzw. den Sprachgebrauch aufgezeigt werden.

2.2 Was ist Feministische Sprachkritik?

Die FS entspricht der oben aufgeführten Definition von Sprachkritik und weist gleichzeitig über sie hinaus. Ihre Hauptforderung ist, sprachlichen Sexismus zu unterbinden und so eine sprachliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu erreichen. Der FS geht es also nicht nur um Beschreibung, sondern auch um Kritik, die auf Veränderung abzielt.

Mit Veränderung ist hier allerdings nicht nur solche sprachlicher Natur gemeint, sondern auch gesellschaftspolitische. Ausgehend von der Annahme, dass Sprache als ein Bewusstsein (re)produzierendes Mittel wirkt[13], soll durch Sprachwandel gesellschaftlicher Wandel erreicht werden, oder wie Hellinger schreibt:

„Die feministische Sprachwissenschaft gewinnt schließlich eine politische Dimension, indem sie die Diskriminierung von Frauen mit Hilfe von Sprache nicht als Bestandteil von sozialer Realität akzeptiert, sondern Wege der Veränderung mit dem Ziel einer Gleichbehandlung von Frauen und Männern sucht. [...] [Sie] analysiert die gesellschaftliche Bedingtheit von Sprache aus einer explizit feministischen Perspektive.“[14]

Hiermit unterscheidet sich die FS gravierend von der reinen Sprachkritik. Die explizit politische Ausrichtung der FS lässt sich leicht erklären, wurzelt diese doch nicht in der Sprachwissenschaft, sondern entstand, zunächst in den USA der 1970er Jahre, aus der Frauenbewegung heraus, um dann von Sprachwissenschaftlerinnen in die Linguistik hinein getragen zu werden. Für die Bundesrepublik Deutschland sind hier besonders Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz zu nennen. Pusch[15] kritisiert die herkömmliche Wissenschaft als männerdominiert und ruft durch zahlreiche Veröffentlichungen dazu auf, gegen die sprachliche Unterdrückung der Frau anzukämpfen. Trömel-Plötz[16] spricht gar von Gewalt, die durch Sprache gegen Frauen ausgeübt werde.

Die Feministischen Linguistinnen suchen gezielt die öffentliche Diskussion, um über Sprachwandel gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. Ihre politische Zielsetzung unterscheidet sie deutlich von der reinen Sprachkritik.[17]

2.3 Felder der Feministischen Sprachkritik

Allgemein gesprochen übt die FS, ganz wie es auch die Definition der reinen Sprachkritik nahe legt, zum einen Kritik am Sprachgebrauch, wenn sie zum Beispiel die Beidbenennung fordert. Außerdem befasst sie sich mit dem sprachlichen System, wenn sie etwa das Fehlen von geschlechtsneutraler Berufsbezeichnungen moniert.[18]

Anhand konkreter Beispiele werden diese Punkte in Kapitel 4 dieser Arbeit erläutert. Zunächst wird in folgendem Abschnitt ein Exkurs zum Zusammenhang zwischen Sprache und Wahrnehmung unternommen werden, da schließlich die ganze FS auf der Grundannahme beruht, dass Sprache und Wahrnehmung/Denken sich wechselseitig stark beeinflussen. Nur vor diesem Hintergrund erscheint eine Änderung der politischen Verhältnisse durch eine Änderung der Sprache plausibel.

3 Sprache und Wahrnehmung

In den 1950er Jahren wurden posthum Benjamin Lee Whorfs Thesen zum Verhältnis zwischen unserer Sprache und der Art und Weise, in der wir die uns umgebende Welt wahrnehmen und gliedern, veröffentlicht. Er schreibt:

„Aus der Tatsache der Strukturverschiedenheit der Sprachen folgt, was ich das ‚linguistische Relativitätsprinzip’ genannt habe. Es besagt, grob gesprochen, folgendes: Menschen, die Sprachen mit sehr verschiedenen Grammatiken benützen, werden durch diese Grammatiken zu typisch verschiedenen Beobachtungen und verschiedenen Bewertungen äußerlich ähnlicher Beobachtungen geführt. Sie sind daher als Beobachter einander nicht äquivalent, sondern gelangen zu irgendwie verschiedenen Ansichten von der Welt.“[19]

[...]


[1] Dieser Endruck entsteht, vergleicht man z.B. die im Literaturverzeichnis aufgeführten Arbeiten zum Thema, die einander stark ähneln.

[2] Pusch 1084, S. 153.

[3] http://www.trennungskinder.de/sprache-mann-frau.htm, Stand 21.09.08.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Hiermit ist nicht Luise Pusch gemeint. Sie ist Sprachwissenschaftlerin. Durch ihre Glossen sorgt sie jedoch dafür, das Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ihm sozusagen den Weg ins Feuilleton zu ebnen.

[7] Samel 2000, S. 54.

[8] Bußmann , S. 625.

[9] Ebd.

[10] Schiewe , S. 14f.

[11] Ebd.

[12] vgl. Bußmann 2002, S.389.

[13] http://www.oeh.uni-linz.ac.at/node/209, Stand 29.12.2008.

[14] Hellinger 1990, S.48.

[15] Pusch 1984, S.8.

[16] Trömel-Plötz 1984, S.11.

[17] Diaz 2003, S.38.

[18] Vgl Samel 2000, S.54.

[19] Whorf 1963, S.20.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640297115
ISBN (Buch)
9783640302574
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124453
Institution / Hochschule
Universität Trier – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Gedanken Fragestellung Werden Frauen Gegenwartssprache Kann Umsetzung Vorschläge Linguistik Verbesserung Situation Sprachkritik

Autor

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