Lade Inhalt...

Die Rolle des Sports in der Schule und in außerschulischen Organisationen im Nationalsozialismus

Masterarbeit 2009 85 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 DIE LEIBESERZIEHUNG IN DER WEIMARER REPUBLIK

3 DIE IDEOLOGISCHEN UND PÄDAGOGISCHEN LEITIDEEN DER NATIONALSOZIALISTEN ZUR LEIBESERZIEHUNG
3.1 DIE GRUNDSÄTZE DER LEIBESERZIEHUNG ADOLF HITLERS
3.2 DIE POLITISCHE LEIBESERZIEHUNG NACH ALFRED BÄUMLER

4 DIE ROLLE DES SPORTS IN DER SCHULE
4.1 DIE U MSTRUKTURIERUNG DES LEHRPLANS AN DEN HÖHEREN JUNGENSCHULEN
4.2 DIE SPORTARTEN AN DEN HÖHEREN JUNGENSCHULEN
4.2.1 SCHWIMMEN
4.2.2 FUßBALL
4.2.3 BOXEN
4.2.4 LEICHTATHLETIK
4.2.5 GERÄTE- UND BODENTURNEN
4.3 DIE NEUEN RICHTLINIEN 1937
4.4 DIE AUSWIRKUNGEN DES VIERJAHRESPLANS AUF DEN TURNUNTERRICHT
4.5 DER TURNUNTERRICHT WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGS
4.6 DIE ROLLE DES SPORTS AN DER MÄDCHENSCHULE
4.7 DIE ROLLE DES SPORTS AN ADOLF -HITLER -SCHULEN

5 DIE ROLLE DES SPORTS IN AUßERSCHULISCHEN ORGANISATIONEN
5.1 DIE ROLLE DES SPORTS IN DER H ITLERJUGEND
5.2 DIE ROLLE DES SPORTS BEIM BUND DEUTSCHER MÄDEL
5.3 SPORT IN SAUNDSS
5.4 SPORT BEI KRAFT - DURCH -FREUDE
5.5 DIE RÜCKDRÄNGUNG DES VEREINSSPORTS

6 DAS VERHÄLTNIS VON SCHULE UND HITLER-JUGEND

7 ABSCHLUSSANALYSE

8 QUELLENVERZEICHNIS

9 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Bereits 1924 hatte Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf" den zukunftigen Weg Deutschlands aufgezeigt, sollte er mit seiner Partei jemals an die Macht gelangen. Im Januar 1933, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, begann dieser neue Weg mit seinen grundsätzlichen Veränderungen in allen Bereichen des Lebens, mit dem Ziel, den Grundstein für das Tausendjährige Reich1 zu legen. Einer der Grundgedanken Hitlers war die Formung eines arischen, reinrassigen Herrenmenschen, der seinen Feinden körperlich überlegen sein sollte. Ein besonderes Interesse lag daher bei der Leibeserziehung und beim Sport.

Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, welche Rolle der Sport und die Leibeserziehung in der Schule und in außerschulischen Organisationen gespielt haben? Wie versuchten die Nationalsozialisten in der Schule, aber auch in der Freizeit, den Kindern und Jugendlichen dieses körperliche Überlegenheitsgefühl zu vermitteln? Welche Voraussetzungen mussten geschaffen werden, und welche Probleme traten bei der Aufwertung des Sports in der Schule und in der Freizeit auf?

Um dies beurteilen zu können, wird zu Beginn der Arbeit der Wandel der Leibeserziehung von den Leibesübungen der Deutschen Turnerschaft in der Weimarer Republik hin zur politischen Leibeserziehung im Dritten Reich aufgezeigt.

Der erste Schwerpunkt der Arbeit liegt auf Untersuchungen der höheren Jungenschulen in der Provinz Westfalen sowie der Jungenschulen in Halle (Saale) und soll die Schwierigkeiten hervorzuheben, mit denen die Schulen bei der Umsetzung der neuen pädagogischen Richtlinien zu kämpfen hatten. Des Weiteren soll ein Überblick über die Situation an Mädchenschulen, sowie an Adolf-Hitler-Schulen gegeben werden, um beurteilen zu können, ob die Umstrukturierung der Leibeserziehung auch an diesen Schulen stattfand.

Im zweiten Teil widmet sich die Arbeit den nichtschulischen Organisationen der Nationalsozialisten. Welche Rolle spielte die Leibeserziehung in der Hitlerjugend (HJ) und im Bund Deutscher Mädel (BDM)? Wie groß war das Bemühen von der SA und der Organisation Kraft durch Freude (KdF), auch die Erwachsenen zum Sport zu Michael Bode Die Leibeserziehung in der Weimarer Republik Die Rolle des Sports in der Schule und in außerschulischen Organisationen im Nationalsozialismus animieren? Was bedeutete dies für die Vereine und welche Rolle spielten sie im nationalsozialistischen System?

Kapitel Sechs der Arbeit soll das Verhältnis von Schule und Hitlerjugend untersuchen. Welche Schwierigkeiten und Konflikte traten zwischen diesen Erziehungsorganisationen auf, und wie versuchten die Nationalsozialisten diese Probleme zu lösen.

In der Abschlussanalyse soll neben einer Zusammenfassung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung die Frage beantwortet werden, ob den Nationalsozialisten die Leibeserziehung ausschließlich zur Vermittlung eines Überlegenheitsgefühls diente, oder vielmehr eine systematische Kriegsvorbereitung Hitlers war.

2 Die Leibeserziehung in der Weimarer Republik

Die Zeit der Weimarer Republik war geprägt von einem enormen Umbruch des Sport- bzw. Turnverständnisses. Nach dem verlorenen Krieg 1918 veränderten sich neben vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens auch die Leibesübungen. Traditionelle, zum Teil veraltete Strukturen verschwanden, der Weg für eine Modernisierung war frei, auch in der Turnerschaft. Krüger schreibt, dass sich die Beseitigung oder Relativierung des „Alten", verkorpert im Turnen und der Deutschen Turnerschaft, schon lange vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges abgezeichnet hatte (vgl. Krüger, 1993, S. 92). Der Krieg und die anschließende Revolution führten dazu, dass Sport und Sportspiele, ehemals randständige Leibesübungen, in den Mittelpunkt rückten und das traditionelle Deutsche Turnen verdrängten. Dies bedeutete inhaltlich eine Öffnung der Leibeserziehung weg von den Ordnungs-, Halte- und Freiübungen hin zu einer ganzheitlichen, natürlichen Leibeserziehung. Freiluftsportarten wie Fußball, Tennis und Rugby rückten stärker in den Vordergrund, aber auch Spielnachmittage und Wandertage. Turnen, Gymnastik und Tanz wurden dabei jedoch auch nicht vernachlässigt. Es brach eine regelrechte Sportbegeisterung in der Bevölkerung, was durch die Mitgliedszahlen der Vereine bzw. Sportverbände in den 1920er Jahren dokumentiert ist. Die Deutsche Turnerschaft war vor dem Ersten Weltkrieg mit 1,3 Millionen Mitgliedern der größte Verband für Leibesübungen. In Sportverbänden und Arbeitersportverbänden betrug die Zahl der Mitglieder zusammen rund 700.000. Dieses Verhältnis wandelte sich allerdings in den kommenden Jahren. 1927 stellte die Deutsche Turnerschaft mit rund 1,6 Millionen Mitgliedern zwar weiterhin den größten Verband, aber Sportverbände, Arbeitersportverbände und konfessionelle Sportverbände verzeichneten einen starken Zuwachs. Zusammen waren rund 3,4 Millionen Menschen in diesen drei Verbänden Mitglied. Sport war zu einem Massenphänomen geworden, was sich auch an den Besucherzahlen bei Großveranstaltungen z.B. bei Fußballländerspielen, Leichtathletik-Wettkämpfen oder Fahrradrennen widerspiegelte. (vgl. Krüger, 1993, S. 92f).

Während der Weimarer Republik tobte ein Machtkampf zwischen der Deutschen Turnerschaft und den aufstrebenden Sportvereinen um die Frage der besseren Leibesübungen. Dabei ging es nicht nur um die Praxis, sondern auch um die 5

dazugehörige nationale, geistige und moralische Frage. Die Turnerschaft beharrte dabei nicht auf alten Traditionen, im Gegenteil, sie wurde offener und moderner. Es entstanden neue Wettkampfformen und auch die Regeln wurden verändert. Die Turnerschaft entwickelte sich zu einem „Freizeitsportverband", besonders in der Reihe der Arbeiterklasse. Es ging bei dem Streit vielmehr um die Frage, wer in Zukunft Wettkämpfe und Meisterschaften in den immer beliebteren Sportarten wie Handball, Fußball oder Schwimmen ausrichten sollte, da in den Turnvereinen ebenfalls geschwommen wurde bzw. Fußball und Handball gespielt wurde. Es war also zum Teil auch ein Kompetenzstreit, denn die Vereine und sporttreibenden Verbände hatten sich mittlerweile zum Deutschen Reichsauschuss für Leibesfibungen (DRA) zusammengeschlossen und die Rolle des „Mittelamtes far die Verwaltung des Gesamtgebietes aller Leibesübungen betreibenden Verbande" übernommen. Eine Aufgabe, die vor dem Ersten Weltkrieg durch die Deutsche Turnerschaft ausgeführt wurde (vgl. Krüger, 1993, S. 95). Den Vorsitz des DRA hatte seit dessen Gründung 1917 Carl Diem inne, der in den folgenden Jahren das sportpolitische Geschehen Deutschlands stark beeinflussen sollte. Diem vertrat das Prinzip, dass jeder Sportverband nur eine Sportart betreuen könnte. Dies hätte für die Turnerschaft bedeutet, dass sie ein Fachverband für Geräte- und Bodenturnen geworden wäre, was sie natürlich ablehnte. Die Fronten verhärteten sich immer weiter, so dass es 1925 zum Bruch zwischen Turnerschaft und DRA kam und die Turnerschaft aus dem DRA austrat, dem sie trotz der Meinungsverschiedenheiten angehört hatte (vgl. Beyer, 1982, S. 684f).

Die organisatorischen und praktischen Konflikte wurden immer begleitet von sportideologischen Rechtfertigungsversuchen seitens der Funktionäre. Die Turner warfen den sporttreibenden Verbänden vor, dass der sogenannte englische Sport, den sie betrieben, nur eine „technisch-mechanische Verrichtung, ohne tiefen Sinn und Zweck und ohne den im Volk verankerten nationalen Geist" war (Krüger, 1993, S. 96). Diesen nationalen Geist könne nur die Deutsche Turnerschaft mit ihrer langen Tradition bieten. Überdies sei der neue Sport nicht gesundheitsfördernd, sondern schade dem Körper eher, da in übertriebener Weise nach Höchstleistungen und Rekorden gestrebt werde. Überdies fördere das Rekordstreben den Individualismus und Egoismus und widerspreche so der Idee des Gemeinschaftslebens (vgl. Beyer, 1982, S. 684). Aufgrund des großen Zuspruchs, den die Sportvereine erfuhren, hätten sie gar keine Antwort auf die Vorwürfe geben müssen. Die steigenden Mitgliederzahlen bestätigten ihre Arbeit. Es waren aber auch die bürgerlichen Kreise, die dem Sport kritisch und ablehnend gegenüberstanden. Der Sport wurde mit negativ besetzten Ausdrücken belegt, wie Gladiatorentum, Rekordwahnsinn, Mittel der Kriegsvorbereitung und englische Krankheit, oder als Unterdrückungsinstrument der Groliindustrie von Seiten der Intellektuellen angesehen (vgl. Krüger, 1993, S. 97). Unter anderem kritisierte der als rasender Reporter bekannt gewordene Kulturkritiker Egon Erwin Kisch den Sport und sah die Zukunft der Leibesübungen auf einem gefährlichen Weg. In dem aus heutiger Sicht vorausschauenden Buch „Der Sport am Scheideweg" von Willy Meisl schrieb Kisch:

„Entweder der Sport schreitet auf dem Weg des „Rekordwahnsinns" mit der „perversen Kanalschwimmerei", den ungesunden Marathonlaufen oder den Sechstagerennen weiter voran, oder er besinnt sich auf Mali und Ziel. Nicht Sieg um jeden Preis, nicht Höchstleistung um jeden Preis, nicht widernatürlicher Rekord. Was man in den Beinen hat, mull man auch im Kopf haben" (Kisch, 1928, S. 17; zit. nach Krüger, 1993, S. 97).

Im selben Buch äulierte sich auch DRA-Vorsitzender Carl Diem, mittlerweile der wichtigste Vertreter des Sports in Deutschland. Er zeigte die neuen Möglichkeiten auf, die der Sport bot. Die Entwicklung des Sports sah er als natürlichen Wandel der Zeit. Die Vereine und Verbände hatten laut Diem längst einen Weg gefunden, den Sport als „Korperkultur" der „Geisteskultur" gleichzustellen, um einer „Entseelung der Menschheit" entgegenzuwirken (vgl. Kruger, 1993, S. 97). Dem Vorwurf, der Sport führe zu Individualismus und zu Egoismus, entgegnete Diem, dass bereits aus der Antike der sportliche Wettkampf überliefert sei, bei dem es natürlich darum ginge dem Gegner überlegen zu sein, aber nicht darum ihn zu vernichten. Das Prinzip des Wettkampfes bestehe aus dem fairen Messen der Kräfte unter gleichen Bedingungen. Ohne dieses Kräftemessen sei es auch nicht möglich die eigene Leistung richtig einzuschätzen. Es ging nicht um den Profisport, den auch Diem verurteilte und ihm niedere, materielle Motive unterstellte (vgl. Krüger, 1993, S. 98).

Die Vertreter des Sports stützten sich vor allem auf die olympische Idee de Coubertains, um ihre Sport-Ansichten und Theorien zu formulieren. Sie waren von der Überlegenheit des amerikanischen bzw. des englischen Sportsystems gegenüber dem deutschen Turnen überzeugt. Dieses System aber auch richtig darzustellen, war die grolie Kunst. Welcher national gesinnte Bürger wollte schon hören, dass der Engländer und der Franzose nicht nur im Krieg überlegen waren, sondern auch im Sport. Daher versuchte Diem die Charakteristika des Sports gesondert herauszustellen und einzudeutschen. Der Vorsitzende des Deutschen Schwimmverbandes, Hans Geisow, stellte in seinem Artikel „Die Gesinnung im Sport" die Tugenden des „deutschen Sportsgeist" heraus:

„Stahle deinen Willen, die Sportbahn ist deine Schule. ... Freu Dich, da1, du etwas kannst, mehr kannst als andere. Lache, jauchze über Deine Leistung, aber la1, Deine Freude nie Uberhebung werden! ... Wenn Du kampfst, kampfe ritterlich und gib Dein Bestes her! ... Der deutsche Sportgeist predigt's, nimm's mit ins Leben! Lerne dienen! ... Bleibe deutsch! ... Du sollst Deutschland neu erbauen!" (Geisow, 1927, S. 148).

Ähnlich äußerte sich auch August Bier, der erste Rektor der Deutschen Hochschule fur Leibesubungen in Berlin. Die Leibesubungen waren fur ihn ein „Mittel zur Errettung des Deutschen Volkes aus der Erniedrigung" (Krüger, 1993, S. 101). Die neuen Erziehungsziele der Hochschule lauteten „eiserner Wille, treue Pflichterfüllung und kraftvolle Mannlichkeit" (Bernett, 1990, S. 169). Da Deutschland nur ein Heer von 100.000 Soldaten haben durfte, bildetet sich auch in den konservativen, bürgerlichen Kreisen nach und nach ein Verständnis für die Leibesübungen als Kampf und Wehrersatz (vgl. Bernett, 1990, S. 168). Wie weit die Idee der Leibesübungen als Wehrersatz in die Köpfe der Menschen vordrang, verdeutlicht die Aussage des Leiters der universitären Turnanstalt TObingens, der „die seelischen und sittlichen Werte des Sports insbesondere des Fußballsports, als Grundlage zur Befreiung aus der Knechtschaft" ansah (Krüger, 1993, S. 101).

„Der Hauptvorzug beider Sportspiele, Rugby voran, den anderen Kampfspielen gegenüber, liegt entscheidend an seinem starken Zug zum Nahkampf, der zu Angriff, Abwehr und Selbsthilfe führt und einen höheren Grad von Mannheit als irgendein anderes Spiel bedingt (Krüger, 1989, S. 238).

Ein großer Verfechter dieser Theorien war Adolf Hitler, der in seinem Buch „Mein Kampf" genau diese Grundgedanken aufnahm und ausweitete, wie das nächste Kapitel aufzeigen wird.

3 Die ideologischen und pädagogischen Leitideen der Nationalsozialisten zur Leibeserziehung

3.1 Die Grundsätze der Leibeserziehung Adolf Hitlers

Nach Adolf Hitlers Vorstellung war es oberste Pflicht des Staates, sich um die Erziehung der Kinder von Geburt an zu kümmern, um aus dem jungen Sprößling ein wertvolles Glied für die Volksgemeinschaft zu machen (vgl. Hitler, 1935, S. 451). Er verstand unter den Erziehungsgrundsätzen des völkischen Staates zu allererst eine körperliche Erziehung, die zu Kraft, Mut, Entschlossenheit und Willensstärke führen sollte. Er begründete dies damit, dass nur in einem gesunden und kraftvollen Körper ein gesunder und kraftvoller Geist zu finden sei. Die Ausnahmen würden diese Regel nur bestätigen (vgl. Hitler, 1935, S. 452). Sport und Leibesübungen zum bloßen Vergnügen oder zur Erholung wurden im nationalsozialistischen Staat, anders als in den Vereinen, als Merkmale liberalistischen Sports stets abgelehnt. Für den Staat bedeutete dies:

„Der volkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten" (Hitler, 1935, S. 452).

Auch bei den geistigen Fähigkeiten wurde bei Hitler noch unterschieden zwischen Charakterbildung und Wissensschulung. Letztere spielte für ihn die geringste Rolle.

„ Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders der Förderung des Willens und der Entschlusskraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als letzte die wissenschaftliche Schulung" (Hitler, 1935, S. 452).

„Ich will keine intellektuelle Erziehung. Mit Wissen verderbe ich mir die Jugend. Am liebsten ließe ich sie nur das lernen, was sie ihrem Spieltrieb folgend sich freiwillig aneignen" (Rauschning, 1940, S. 236f.; zit. nach Bernett, 1966, S. 26).

Hitler betrachtete die Bewohner des Deutschen Reiches nicht als unantastbare Individuen, auch wenn er in seinem Buch von den Kindern als kostbarstes Gut eines Volkes spricht (vgl. Hitler, 1935, S. 466). Kostbar waren die Kinder für ihn jedoch nur, solange sie gesund waren und sich für seine Zwecke formen ließen. Unter der Erziehung des Staates wandelte sich dieses „kostbare Gut" in der Begrifflichkeit nach und nach zu einem „rassischen Element", einem „Glied fiir die Weitervermehrung" bis zum „Menschenmaterial" (Hitler, 1935, S. 454ff). Die Begriffe Glieder, Elemente und Material zeigen deutlich, dass Hitler den Menschen nicht als unantastbares Individuum sah, sondern als austausch- und ersetzbare Zellzusammensetzung, „deren Existenzberechtigung vom Grad der Verfiigbarkeit abhangig ist" (Steinhaus, 1981, S. 67). Hitler sah in den Menschen nur Werkzeuge, die er für seine Kriegsziele erziehen und manipulieren wollte. All jene Menschen, die seiner Vorstellung einer unbesiegbaren Armee nicht dienlich waren, da sie körperlich benachteiligt geboren wurden oder es im Verlauf ihres Lebens wurden, bezeichnete Hitler bereits beim Verfassen von „Mein Kampf" 1924 als „kranke Wesen, „korperliche Degeneraten" und „heruntergekommenes Pack" (Hitler, 1935, S. 451f). Nur der gestählte und gesunde Körper war für Hitler und die Nationalsozialisten von Wert. Auf dem Reichsparteitag 1935 sagte Hitler über die Rolle der Jugend:

„Was wir von unserer deutschen Jugend wiinschen, ist etwas anderes, als es die Vergangenheit gewünscht hat. In unseren Augen muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl" (Bernett, 1966, S. 25).

In einem Interview wird der aggressive und militante Charakter von Hitlers Erziehungsideal deutlich:

„Mit der Jugend beginne ich mein grolles Erziehungswerk. Wir Alten sind verbraucht ... Aber meine herrliche Jugend! Gibt es eine schonere in der ganzen Welt? Sehen sie sich diese jungen Männer und Knaben an! Welch Material. Daraus werde ich eine neue Welt formen" (Rauschning, 1940, S. 236f; zit. nach Bernett, 1966, S. 25f).

Auf die Frage, wie er seine Jugend pädagogisch erziehen werde, antwortete der Reichskanzler:

„Meine Padagogik ist hart. Das Schwache muss weggehammert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muff das alles sein. Schmerzen muff sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muff erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. Ich werde sie in allen Leibesübungen ausbilden lassen. Ich will eine athletische Jugend. Das ist das erste und wichtigste" (Rauschning, 1940, S. 236f; zit. nach Bernett, 1966, S. 25f).

Als Legitimation seiner Forderungen behauptete Hitler, dass ein weniger gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mehr Wert sei für die Volksgemeinschaft als ein geistreicher Schwächling (vgl. Hitler, 1935, S. 452). Weiterhin behauptete er, dass „ein verfaulter Korper durch einen strahlenden Geist nicht im geringsten ästhetischer gemacht wird, ja, es lieffe sich höchste Geistesbildung gar nicht rechtfertigen, wenn ihre Träger gleichzeitig körperlich verkommene und verkrüppelte, im Charakter willensschwache, schwankende und feige Subjekte waren" (Hitler, 1935, S. 453).

Einen weiteren Legitimationsansatz für die nationalsozialistische Leibeserziehung zog Hitler aus den griechischen Heldensagen der Antike, wobei er diese, wie Steinhaus richtig anmerkt, aus dem ursprünglichen Zusammenhang reifft und für seine Zwecke neu interpretiert (vgl. Steinhaus, 1981, S. 66). In einem Gespräch, das Hitler mit seinem Leiter der Reichs-Organisationsabteilung II der NSDAP, Otto Wagener, im Jahr 1931 führte, greift er die antike Mythologie ebenfalls auf, indem er behauptet, dass die griechische Kultur und die griechische Philosophie nicht denkbar gewesen wäre, wenn ihr nicht eine besondere Pflege des Körpers und sogar seiner Ebenmäffigkeit und Schönheit zugrunde gelegen hätte.

„Nein! Wissen und Kannen bedingen anderen Grundlagen, als diesen geistreichelnden Intellekt. Es bedingt zu allererst einen gesunden Korper!" (Peiffer, 1987, S. 27)

Die bis zur Machtergreifung der NSDAP praktizierte geistig-sittlich-ästhetische Bildung hat in Hitlers Überlegungen ausgedient, der Nationalsozialismus stellt unmissverständlich die körperliche Ertüchtigung in den Vordergrund. Drei Hauptmotive werden zur Erziehung der deutschen Jugend, aber auch des gesamten deutschen Volkes bereits in „Mein Kampf" ausgegeben:

1. Körperliche Ertüchtigung ist die vornehmste Pflicht einer aufstrebenden Nation.
2. Die Staatspädagogik züchtet den Menschen als Volksglied in seiner biologisch-rassischen Substanz.
3. Volksgemeinschaft, Kraftbewusstsein und soldatisch-kämpferische Haltung sind Ziel der körperlichen Ertüchtigung (vgl. Hitler, 1935, S. 454).

Die verantwortlichen Stellen in Partei und Staat unterstützten dieses Hauptziel der nationalsozialistischen Leibeserziehung, welches auf den Grundsätzen Rasse, Wehr, Führertum und Volksgemeinschaft aufbaute. „Wir Nationalsozialisten wollen durch den Sport Menschen erziehen" (Joch, 1976, S.706). Besonderes Gewicht lag hierbei bei der Wehrerziehung.

Bei einem Tischgespräch im Februar 1942 verdeutlicht Hitler noch einmal, dass für ihn die Leibeserziehung oberste Priorität habe und er von seinen Forderungen und Maximen nicht abweiche. Deutlich wird bei diesen Worten sein Hass auf die geistig-sittlich-ästhetische Bildung und auf die Intellektuellen:

„Die europäisch-intellektuelle Welt, Universitätsprofessoren, höhere Beamte denen ein Wissen blade eingetrichtert ist, die haben es nicht kapiert ... Statt sich zu sagen, die Basis des Wissens muss ein gesunder Körper sein, lehnt er die Kraft ab. Die Natur passt sich den Lebensgewohnheiten an. Und würde die Welt auf einige Jahrhunderte dem deutschen Professor überantwortet, so würden nach einer Million Jahren lauter Kretins bei uns herumwandeln: Riesenköpfe auf einem Nichts an Korper" (Picker, 1976, S.107; zit. nach Peiffer, 1987, S. 107).

Die Aussagen der Nationalsozialisten zu den ideologischen und pädagogischen Leitideen der Leibeserziehung bezogen sich demzufolge zum größten Teil auf die männliche Bevölkerung im Hinblick auf die Rolle des Mannes als künftiger Soldat und Herrenmensch. Welche Aufgabe aber fiel der Frau zu? Einige Zitate sollen nachfolgend aufzeigen, welche Bedeutung die Frau in der nationalsozialistischen Welt hatte. Hitler sah Mann und Frau in zwei vollkommen unterschiedlichen Welten und sagte am 08. September 1934 auf einer NS-Frauenschaftstagung dazu:

„Wenn man sagt, die Welt des Mannes ist der Staat..., die Einsatzbereitschaft fur die Gemeinschaft, so konnte man... sagen, dafl die Welt der Frau eine kleinere sei. Denn ihre Welt ist ihr Mann, ihre Familie, ihre Kinder und ihr Haus. Wo aber wäre die große Welt, wenn niemand die kleinere betreuen wurde? ... Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben. In die eine gehört die Kraft des Gemütes, die Kraft der Seele. Zu der anderen gehort die Kraft des Sehens die Kraft der Harte" (Landschoof, 1985, S. 38).

Ähnlich äußerte sich Hitler auch bei einem Tischgespräch in den 1940er Jahren:

„Die Welt des Mannes ist grofl, verglichen mit der der Frau. Der Mann gehört seiner Pflicht, und nur ab und zu schweift sein Gedanke zur Frau hinüber. Die Welt der Frau ist der Mann. An anderes denkt sie nur ab und zu" (Landschoof, 1985, S. 40).

Hierbei ist deutlich die vermeintliche Überlegenheit des Mannes über die Frau zu erkennen, die den Nationalsozialisten als Legitimation für den Führungsanspruch des Mannes diente. Der Frau wurde die Rolle der Hausfrau und Mutter zugeschrieben mit der wichtigen Aufgabe der „Rassenvermehrung". Schon die Erziehung kleiner Mädchen sollte dahingehend sein, sie auf das Leben als Mutter vorzubereiten:

„Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverruckbar die kommende Mutter zu sein" (Hitler, 1935, S. 460).

Ein weiteres Ziel der nationalsozialistischen Ideologie war die „Ruckfuhrung der Frau an Heim und Herd" (Landschoof, 1985, S. 41). Gerade zu Beginn des Dritten Reiches sahen die Nationalsozialisten die Aufgabenbereiche bei der Familie und den Kindern. Erst später, während des Krieges, erkannten sie die bedeutende Rolle der Frau u.a. in der Rüstungsindustrie. Kurt Rosten formulierte die Wunschvorstellung der nationalsozialistischen Führung folgendermaßen:

„Die deutschen Frauen wollen aber in der Hauptsache Gattin und Mutter sein ... Sie haben keine Sehnsucht nach der Fabrik, keine Sehnsucht nach dem Büro und auch keine Sehnsucht nach dem Parlament. Ein trautes Heim, ein lieber Mann und eine Schar glücklicher Kinder stehen ihrem Herz näher (Landschoof, 1985, S. 41; zit. nach Rosten, 1933, S. 162).

Die Leibeserziehung der Mädchen hatte also den primären Zweck, die jungen Frauen gesund und sportlich zu machen, damit sie für ihre zukünftigen häuslichen Aufgaben bestens vorbereitet sind. Baldur von Schirach, Jugendführer des Deutschen Reichs, sagte zur Notwendigkeit der Leibeserziehung der Mädchen:

„Wir hoffen, in unserem BDM-Werk `Glaube und Schönheit` die weibliche Jugend so zu erziehen, daft sie auch später nicht in miftbräuchlicher Weise sich und ihr Lebensglück, das heiftt ihre Nachkommenschaft, gefährdet und unter der heiligen Fahne Adolf Hitlers in strahlender Schönheit in eine helle Zukunft sieht und mit ihr der Glaube an die Schonheit der deutsche Nation" (von Schirach, 1934, S. n.n.; zit. nach Landschoof, 1985, S. 54).

Bereits 1929 waren die ersten Aufsätze in Fachzeitschriften für Gymnastik aufgetaucht, die eine Verbindung zwischen einem gut trainierten weiblichen Körper und einer erhöhten Gebärfähigkeit sahen. Tradition der Gymnastik der 1920er Jahre war es, nicht nur ein traditionelles Frauenbild zu vertreten, wonach die Frau zart und emotional war, sondern darüber hinaus auch die Steigerung der körperlichen Anmut zum Zweck der gesteigerten Gebärfähigkeit als Ziel des Frauensports zu sehen.

„ ... das Ziel aller Frauenkultur kann nur darin liegen, die Frau körperlich, geistig und seelisch für ihre Hauptaufgabe, die Fortpflanzung, Entwicklung und Erziehung des Menschengeschlechts vorzubereiten. Da diese Ziele aber gleichzeitig die der Gymnastik sind, so ist hierdurch eigentlich schon die Frage nach dem Wert der Gymnastik ftir die familiengebundene Frau gegeben" (Thiele, 1929, S.109; zit. nach Überhorst, 1982, S.1009).

„... Leibestibung der weiblichen Jugend im Dritten Reich ist Leibeserziehung, die in der Erfassung des ganzen Menschen ihr letztes Ziel sieht. Sie will gesunde, kraftvolle Frauen heranbilden, voll freudiger Lebensbejahung, voll Mut und Selbstsicherheit, will rein empfindende Frauen schaffen, die sich ihrer hohen Verantwortung als Trägerin und Hüterin neuen Lebens bewuftt sind und stark und froh ihrer heiligen Naturaufgabe dienen wollen..." (Dapper, 1934, S. 77f; zit. nach Bernett, 1966, S. 75).

3.2 Die politische Leibeserziehung nach Alfred Bäumler

Neben diesen von Adolf Hitler geprägten Theorien und Grundsätzen muss zudem der Begriff der politischen Leibeserziehung genauer untersucht werden. Die politische Leibeserziehung beruht auf Gedanken und Theorien des Philosophen und Erziehungswissenschaftlers Alfred Bäumler. Da der namenhafteste Vertreter der Erziehungswissenschaft, Ernst Krieck, sich zum Thema der Leibeserziehung allenfalls nebenbei äußerte, war Bäumler der Einzige, der sich um die Integration der Leibeserziehung in ein theoretisch-wissenschaftlich begründetes System der Pädagogik bemühte (vgl. Friese, 1974, S. 39; Tietze, 1984, S. 71). Auf Grundlage einer philosophischen Begründung entwickelte er seine Idee der politischen Leibeserziehung, die später von Hitler übernommen wurde. Für Bäumler ging es darum, die Antwort auf die Frage nach dem ganzen Menschen und dem Sinn seiner Betätigung zu suchen. Für ihn war es der ganze Mensch, der bei den Leibesübungen im Mittelpunkt stand.

„Solange man den Menschen als Wesen zweier Systeme ansieht, die im Verhältnis Mittel - Zweck, Befehlsorgan - Vollzugsorgan, oder, wie Bäumler sagt, „geistloser Körper" — „körperloser Geist" zueinander stehen, wird die Bewertung des Körperlichen hinter der des Geistigen zurtickbleiben" (Tietze, 1984, S. 77).

Bäumler ersetzte in seiner Theorie die Begriffe Körper und Geist durch die mystisch erhöhten Begriffe Leib und Seele und folgerte, dass der Leib durch die Seele gebunden ist und umgekehrt (vgl. Tietze, 1984, S. 77). Er sah in der Einheit von Leib und Seele den Ansatz zur Ausbildung des Leibes. Kein Zweck stehe hinter der leiblichen Ausbildung des Körpers, sondern eine dem Menschen eigene Lust an der Bewegung. Mit seinem Ansatz ging Bäumler über Leitideen Hitlers hinaus. Hitlers Meinung nach war es die Pflicht eines jeden Volksgenossen Gesundheit, Wehrhaftigkeit und Überlegenheitsgefühl durch die leibliche Erziehung zu erreichen. Bei Bäumler war es ein innerer Antrieb im Menschen zur Bewegung, der nur durch Bewegung selber gestillt werden konnte. Dies geschah allerdings völlig zweckfrei. Um diesen Antrieb zu stillen, erklärte Bäumler die deutschen Leibesübungen für sinnvoll, da diese nicht zweckgebunden seien, aber dennoch ernsthaft (vgl. Bäumler, 1934, S. 45f).

Ein weiterer Ansatz Bäumlers war es, der die Begründung für die politische Leibeserziehung lieferte. Für ihn war der Mensch ein in Gemeinschaft und Geschichte integriertes Wesen. Es gab keinen Bereich in seinem Leben, der unpolitisch war. Das machte ihn zu einem politischen Wesen (vgl. Landschoof, 1985, S. 34). „Der Mensch ist ein Politicum — das ist die erste Folgerung, die wir aus dem Volksgedanken zu ziehen haben" (Bäumler, 1937, S. 139). Aus dieser These begründete Bäumler den Anspruch des Staates auf eine gelenkte Leibeserziehung. Der neue Volksbürger war durch den Leib mit der Gemeinschaft des Volkes verbunden. Der Staat hatte als Beauftragter der Volksgesamtheit daher einen Anspruch auf eine Leibeserziehung, die von ihm gelenkt wurde und in seinem Sinne war.

„Leibespflege, Leibestibungen und Leibeszucht des Einzelnen sind ftir das völkische Denken nicht mehr Sache eines Privatmannes, der um sein persönliches Wohl besorgt ist, sondern rücken unter den Gesichtspunkt der Gesundheit und Kraft des Ganzen" (Bäumler, 1937, S. 140).

Mit dieser Aussage unterstützte er fast wörtlich Hitlers Forderung, dass die körperliche Ertüchtigung im völkischen Staat nicht die Sache des Einzelnen sei (vgl. Hitler, 1935, S. 453). Zudem legitimiert er den Anspruch der NS-Regierung die Leibeserziehung staatlich zu organisieren und zu lenken.

4 Die Rolle des Sports in der Schule

4.1 Die Umstrukturierung des Lehrplans an den höheren Jungenschulen

Was bedeutete die Machtergreifung der Nationalsozialisten konkret für die Schule? Wie wirkte sie sich insbesondere auf den Turn- und Sportunterricht aus? Hitler forderte von den Schulen im völkischen Staat, dass die Leibeserziehung im Lehrplan wieder stärker zu berücksichtigen war.

„Wenn heute, selbst im Lehrplan der Mittelschulen, Turnen in einer Woche mit knapp zwei Stunden bedacht und die Teilnahme daran sogar als nicht obligat dem einzelnen freigegeben wird, so ist dies, verglichen zur rein geistigen Ausbildung, ein krasses Missverhältnis. Es dürfe kein Tag vergehen, an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang korperlich geschult wird, und zwar in jeder Art von Sport und Turnen" (Hitler, 1935, S. 454).

Er begründete seine Forderung nach mehr körperlicher Erziehung mit der Behauptung, dass „... eine deutsche Revolution von Zuhältern, Deserteuren und ähnlichem Gesindel niemals möglich gewesen wäre, wenn die geistige Elite durchgehend Boxen gelernt hätte" (Hitler, 1935, S. 455).

Für die Nationalsozialisten war der Sport nicht nur dafür da stark, gewandt und kühn zu machen, sondern auch um abzuhärten, zur Steigerung der Kampfkraft und der Aggressivität. Außerdem sollte sich durch die Leibesübungen bei den jungen Menschen ein Überlegenheitsgefühl ausbilden (vgl. Hitler, 1935, S. 456).

Doch nicht nur Hitler alleine forderte von den Schulen eine Umgestaltung des Sportunterrichts. Bereits 1932 forderte der Turnpädagoge Edmund Neuendorff den schulischen Turnunterricht in vierfacher Weise zu ergänzen, damit garantiert werden könne, dass die Jugend „im hochsten Sinne wehrhaft wird" (Peiffer, 1987, S. 32). Im „Volkischen Beobachter" vom 07.12.1932 schrieb Neuendorff über die Anforderungen, die die neuen deutschen Leibesübungen an den Schulen erfüllen müssen:

1. „Reichlich Ubungen ..., die den Jugendlichen mit dem Gelande vertraut machen" und ihn gleichsam schulen sich sicher im Gelände zu bewegen und zwar in „allen moglichen Lebenslagen".
2. Ausdauertibungen, „vor allem Marsche in Reih und Glied in Schritt und Tritt".
3. Das „Gemeinturnen" und „Ordnungstibungen" ... „Dabei mussen die Jugendlichen wieder lernen, einfachem, kurzem und straffem Kommando gemeinschaftlich zu folgen".
4. „Reichlich Ubungen ..., die Mut und Tapferkeit entwickeln" (Neuendorff, 1932, S. n.n.; zit. nach Peiffer, 1987, S. 32).

Deutlich zu erkennen sind in den Forderungen die militärischen Grundzüge, die unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten für den Schulsport umgesetzt wurden. Ein erster Schritt war die Einführung der SA-Kommandosprache in den Turnunterricht ab Oktober 1933. Mit der Einführung der Kommandosprache in den Schulsport wurde bewusst der Artikel 177 des Versailler Friedensvertrages außer Kraft gesetzt, der es untersagte sich an Schulen mit militärischen Dingen zu beschäftigen. Mit der Wiedereinführung des Boxens an den Schulen durch den Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung wurde eine weitere Forderung Hitlers und Neuendorffs umgesetzt. Die schnelle Umsetzung überrascht insofern, da der Preußische Minister noch wenige Jahre zuvor darauf aufmerksam gemacht hatte, „dass Boxen nicht zu den lehrplanmäßigen Übungen im Turnunterricht gehört und auch in den Räumen und Plätzen der Schule nicht gestattet ist" (Peiffer 1987, S. 40). Ein weiterer Schritt um eine einheitliche, reichsweite Leibeserziehung zu gewährleisten, war die Verabschiedung des Gesetzes zum Neuaufbau des Reiches am 30. Januar 1934. Dieses Gesetz beseitigte die Hoheitsrechte der Länder im Bildungswesen und schuf so die Grundlage für eine reichseinheitliche Bildungspolitik. Am 01. Mai 1934 wurde das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (REM) gegründet, welches direkt den Zugriffen der NSDAP ausgeliefert war. Innerhalb des REM wurde eine eigene Abteilung errichtet, die sich mit den Fragen der Leibeserziehungen an den Schulen beschaftigte; die Abteilung V, „Amt fur korperliche Erziehung2: Die korperliche Ausbildung an den Schulen". Damit schufen die Nationalsozialisten fur ein einziges Unterrichtsfach eine gesonderte Abteilung. Dies verdeutlicht die Bedeutung, welche die Nationalsozialisten der nationalsozialistischen, politischen Leibeserziehung beimaßen. Das REM begann direkt nach seiner Einrichtung den inneren Umbau an den Schulen im nationalsozialistischen Sinne voranzutreiben. Der Hitlergruß wurde eingeführt, die deutschkundlichen Fächer Geographie, Geschichte und Deutsch wurden im politischen und rassischen Sinn überarbeitet, die Fächer Rassenkunde und Vererbungslehre kamen neu in den Stundenplan. Da die Schüler nicht mehr Stunden erhalten sollten, wurden die benötigten Unterrichtsstunden für die neuen Fächer von den geisteswissenschaftlichen Fächern abgezogen (vgl. Fricke-Finkelnburg, 1989, S. 150ff; Peiffer, 1987, S. 51).

Der Sportunterricht erfuhr mit dem Beginn des Schuljahres 1935/36 eine erste, deutliche Aufwertung. Am 18. April 1935 wurde vom REM bekanntgegeben, dass ab dem kommenden Schuljahr drei Stunden Sport zu unterrichten sind. Einen Monat zuvor war bereits ein Erlass an die höheren Schulen gegangen, in dem die Schulen angehalten wurden, die Schüler der Schule zu verweisen, bei denen „dauerhaftes Versagen" in den Leibestibungen festzustellen war (vgl. Fricke-Finkelnburg, 1989, S. 93).

„Ebenso ftihrt ein dauerndes Versagen bei den Leibestibungen, das sich vor allem in Mangel an Willen zu körperlicher Härte und Einsatzbereitschaft äußert, zur Verweisung, wenn nicht Amtsarzt und Sportlehrer ein Verbleiben befürworten ... Fortgeschrittene Verstofle gegen Kameradschaftlichkeit und Gemeinschaftssinn ziehen nach vergeblichen Besserungsversuchen die Verweisung von der Schule nach sich" (Amtsblatt des REM, 1935, S.125; zit. nach Fricke-Finkelnburg,1989, S.93).

Die Ziele und Unterrichtsinhalte der zusätzlichen Sportstunde waren detailiert vorgegeben. Erstmals seit dem Verbot durch den Versailler-Vertrag wurde die Erziehung zur Wehrhaftigkeit wieder in einem Erlass schriftlich angeordnet. Um die Durchführung der dritten Sportstunde im Sinne der nationalsozialistischen Erziehung zu sichern, wurden speziell ausgebildete Lehrer an den Schulen eingestellt. Die Kosten für die zusätzlichen Lehrkräfte, sowie für die notwendige Ausstattung an den Schulen sollte aus Reichsmitteln finanziert werden. Aus diesem Grund hatte das REM im Oktober 1934 beim Reichsfinanzministerium die Kosten von rund 6 Mio. Reichsmark für die Einführung der dritten Turnstunde angemeldet, damit diese in das Haushaltsjahr 1935 mit aufgenommen werden konnten (vgl. Peiffer, 1987, S. 52f).

[...]


1 Propagandistische Bezeichnung der Nationalsozialisten für das Dritte Reich

2 Kurz: Amt `K`; Leiter wurde Ministerialdirektor Carl Krümmel

Details

Seiten
85
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640293933
ISBN (Buch)
9783640294053
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124255
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,00
Schlagworte
Rolle Sports Schule Organisationen Nationalsozialismus

Autor

Zurück

Titel: Die Rolle des Sports in der Schule und in außerschulischen Organisationen im Nationalsozialismus