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Inhalt der Jenseitsmythen der Dialoge Phaidon, Gorgias und Politeia und ihre Funktion für Platons Psychologie und Ethik

Hausarbeit 2008 19 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt der Jenseitsmythen im Kontext der jeweiligen Dialoge
2.1 Phaidon
2.1.1 Die Unsterblichkeit und Beschaffenheit der Seele
2.1.2 Schicksal der Seelen nach dem Tod und Aufbau der Erde
2.2 Gorgias
2.2.1 Die richtige Lebensweise
2.2.2 Der Mythos vom Totengericht
2.3 Politeia
2.3.1 Die drei Teile der Seele, die Gerechtigkeit und die Unsterblichkeit
2.3.2 Der Mythos von Er

3. Funktion der Mythen in der Platonischen Philosophie
3.1 Psychologie
3.2 Ethik

4. Schlussbetrachtung - Mythos oder Logos?

5. Literaturverzeichnis
5.1 Textausgaben
5.2 Sekundärliteratur
5.3 Lexika
5.4 Verwendetes Wörterbuch

1. Einleitung

Der Begriff der Seele (yuxhß) wie ihn Platon bestimmt und verwendet, existiert vor ihm in dieser Form noch nicht. Ihre Abhängigkeit vom Körper ist bisweilen stark ausgeprägt. Sie steht für die Lebendigkeit des Menschen, die im Atem oder im Blut dinglich festgehalten ist. In Homers Odyssee werden die Seelen in der Unterwelt teilweise nur als Schatten und als eine jämmerliche, dahinvegetierende Erscheinung ohne Bewusstsein dargestellt. Odysseus wird zuerst von der Seele seiner eigenen Mutter gar nicht erkannt. Die Erinnerung an das Diesseits scheint zumindest bei einigen verloren zu sein, ihr Selbstbewusstsein und ein Teil ihrer Persönlichkeit zusammen mit dem Körper gestorben. Andere wiederum haben nichts vergessen, agieren genauso wie zu Lebzeiten und interessieren sich sogar weiterhin für die Welt der Lebenden. Das Bild der Seele, ihre Eigenschaften und ihr Schicksal nach dem Tod und ihre dortige Gestalt besitzen sogar innerhalb einer Darstellung keine Kontinuität. Die Seele als Träger moralischer Qualitäten findet in den Erzählungen keinen rechten Platz.1

Die Seelenlehre Platons ändert dies. Er zeichnet ein weitgehend einheitliches Bild der Seele, ihrer Gestalt, ihrer Unsterblichkeit und ihrer Pflege und rechten Ordnung. Sie wird zum Hauptakteur seiner Ethik, in ihr spiegelt sich die Lebensführung wieder. Um das Schicksal der Seele nach dem Tod zu beschreiben, lässt Platon Sokrates Mythen vom Jenseits erzählen. Die Jenseitsmythen, die am stärksten mit der platonischen Ethik und Seelenlehre verbunden sind, finden sich in den Dialogen Phaidon, Gorgias und Politeia, die hier Gegenstand der Untersuchung sind.

Diese Dialoge sollen zuerst inhaltlich analysiert werden. Die Darstellung konzentriert sich hierbei vor allem auf die Aspekte, die die Psychologie und die Ethik Platons verdeutlichen. Im Anschluss an die jeweiligen Zusammenfassungen folgt zuerst eine reine inhaltliche Erörterung der Jenseitsmythen. Auch hier soll das Hauptaugenmerk auf die für die Seelenlehre und Ethik relevanten Momente gerichtet sein. Der dritte Teil der Arbeit beabsichtigt aufzuweisen, wie die Argumentationen der Dialoge und die daraus gewonnenen Erkenntnisse mit den Erzählungen über das Schicksal der Seelen im Jenseits verbunden und gegebenenfalls durch sie noch weiter ergänzt und bekräftigt werden. Die unmittelbare Interpretation der Primärtexte soll hier im Vordergrund stehen und die Verwendung von Sekundärliteratur soll sich auf das Nötigste beschränken. Abschließend soll der Frage nachgegangen werden, welche Stellung der Mythos allgemein in der platonischen Philosophie einnimmt.

2. Inhalt der Jenseitsmythen im Kontext der jeweiligen Dialoge

2.1 Phaidon

2.1.1 Die Unsterblichkeit und Beschaffenheit der Seele

Ausgangspunkt der Diskussion über die Unsterblichkeit und Beschaffenheit ist die Behauptung Sokrates’, dass einem echten Philosophen nichts Besseres geschehen kann als zu sterben. Der Tod ist nämlich nichts Weiteres als die Trennung von Leib und Seele, nach der der Philosoph Zeit seines Lebens strebt, da die Wahrnehmung durch die körperlichen Sinnesorgane verfälscht wird und damit die Erkenntnis wahren Wissens verhindert. Erst nach dem Tod kann die Seele ungestört philosophieren und zu wahrer Einsicht gelangen.2

Sokrates will nun die Unsterblichkeit der Seele zuerst anhand eines Kreislaufmodells beweisen. Alles kommt und entsteht aus seinem Gegenteil und wird wieder zu diesem. Folglich sind die Lebenden durch das Sterben zu Toten geworden, genauso wie die Toten durch das Aufleben zu Lebenden werden. Die Seele kann nicht sterblich sein, da dieser Kreislauf nie endet, er ohne sie aber unterbrochen wäre.3

Durch das Argument der Wiedererinnerung (aönaßmnhsiw) beweist Sokrates zumindest die Präexistenz der Seele. Ein Wissen der Seele ist bereits vor der Geburt vorhanden. Es wird nur vor dem Eintritt in den Körper vergessen und das Lernen ist nichts anderes als eine Wiedererinnerung an das bereits vor dem Leben vorhandene Wissen. Daraus schließt Sokrates, dass die Seele schon vor ihrem weltlichen Dasein existiert.4

Als nächstes stellt Sokrates die vom Körper losgelöste Seele als etwas dem Göttlichen, Unsterblichen, Vernünftigen, Eingestaltigen und Unauflöslichen ähnliches dar. Sie ist etwas nicht zusammengesetztes, unsichtbar, unwandelbar und damit unsterblich. Nach dem Tod zieht sie in den Hades (/Aidhw) ein. Dies ist allerdings nur möglich, wenn sie sich zu Lebzeiten nicht vom Körper beeinflussen lässt, sondern im Gegenteil den Körper regiert und dessen Bedürfnissen nicht nachgibt. Der beste Weg dazu ist die Beschäftigung mit der Philosophie.5

Als weiteren Beweis für die Unsterblichkeit der Seele bringt Sokrates an, dass gewisse Dinge und Eigenschaften sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Genauso wie die Zahl drei nie gerade sein kann und immer ungerade ist, so ist die Seele, als Lebensspender, immer mit dem Attribut lebendig und nie mit tot verknüpft und so notwendigerweise unsterblich.

Die Beweisführung für die Unsterblichkeit der Seele scheint abgeschlossen, der Diskussionspartner Kebes überzeugt. Doch Simmias äußert noch Zweifel und daraufhin beginnt Sokrates mit einer Erzählung vom Jenseits und dem Schicksal der Seelen nach dem Tod.6

2.1.2 Schicksal der Seelen nach dem Tod und Aufbau der Erde

Zuerst ermahnt Sokrates seine Zuhörer, dass der Tod zwar die Trennung von Leib und Seele ist, aber nicht die sofortige Reinigung der Seele von ihrem Lebenswandel. Ein vernünftiges und maßvolles Leben spiegelt sich ebenso in der Seele auch nach dem Tod wieder, wie ein unvernünftiges, maßloses und schlechtes.

„Denn wenn der Tod eine Trennung von allem wäre, dann wäre es ein Glücksfall für die Schlechten, wenn sie gestorben sind, von ihrem Körper getrennt zu sein und zugleich auch – mit der Seele – von ihrer Schlechtigkeit.“7

Jeder Verstorbene wird von seinem persönlichen Dämon (daißmon), der derjenigen auch schon im Lauf des Lebens beschützt hat, zu dem Ort geführt, an dem über die Seele gerichtet werden soll und damit ihr weiterer Weg bestimmt wird. Damit beginnt die Reise der Seele in die Unterwelt (/Aidhw). Der Weg dahin ist jedoch lang und schwierig zu begehen. Es besteht die Gefahr sich zu verirren. Darum wird jeder Seele wieder ein Führer zugeteilt. Die reine und vernünftige Seele wird von Göttern begleitet und folgt ihnen bereitwillig, da sie sich ihrer Lage bewusst ist. Die unreine, unvernünftige und schlechte Seele, die sich am körperlichen Dasein festklammert, muss von ihrem Dämon erst vor das Gericht gezwungen werden und findet dann niemanden, der sie in die Unterwelt führen will. Demzufolge verirrt sie sich auf den verschlungenen Pfaden, und erreicht erst nach langer Zeit ihr Ziel. Dort angekommen wird jede Seele, je nach Beschaffenheit, an einem angemessenen Ort weilen und nach einer bestimmten festgelegten Zeit wieder zurück geführt.8

An dieser Stelle unterbricht Sokrates den eigentlichen Jenseitsmythos für eine Darstellung der Gestalt der Erde. Sie schwebt gleichsam in der Mitte des Himmels und ist rund und dreht sich im Kreis (periferhßw9). Es ist den Menschen nicht möglich ihre vollkommene Größe zu erkennen, da sie in Höhlen verschiedenster Größe leben und die eigentliche Oberfläche der Erde nie zu Gesicht bekommen.

„Uns nun, die wir in diesen Höhlungen wohnen, bliebe das verborgen und wir glaubten, oben auf der Erde zu wohnen, so wie wenn jemand, der mitten auf dem Grund des Meeres wohnt, glaube, auf dem Meer zu wohnen und, wenn er durch das Wasser hindurch die Sonne und die anderen Sterne sieht, das Meer für den Himmel hielte, [...]. Ebenso erginge es auch uns. Denn in einer Höhlung der Erde wohnend glaubten wir, oben auf ihr zu wohnen, und die Luft würden wir Himmel nennen, als ob dies der Himmel wäre, durch den die Sterne wandern.“10

Doch auch davon weiß Sokrates seinen Zuhörern zu berichten. Die Oberfläche der Erde ist gefleckt und erstrahlt in den vielfältigsten und reinsten Farben. Es gedeiht jegliche Art von Vegetation und in den Gebirgen gibt es Edelsteine aller Art. Auch dort gibt es Menschen, die sich von Luft und Äther ernähren und gesünder und länger leben als die Menschen im Inneren der Erde. Sogar Götter wohnen hier auf der Oberfläche, direkt unterhalb des Himmels und der Gestirne. Das Erdinnere selbst ist durchzogen von Höhlen und Flusssystemen jeglicher Größe und Art, die alle miteinander verbunden sind. Umgeben wird die Erde von Okeanos, dem größten und äußersten Fluss. Im Gegensatz zu weiteren vier Flüssen, die Sokrates benennt, spielt er jedoch keine Rolle für den Seelenweg im Jenseits. Im Tartaros, der die gesamte Erde durchquert, fließen alle Flüsse und Ströme an unterschiedlichen Stellen zusammen und auch wieder heraus. Er dient sowohl als Pumpstation, als auch als Auffangbecken allen Wassers. Aus ihm entspringen auch die anderen drei „Totenflüsse“: der Acheron, der in die - dem Okeanos entgegengesetzte - Richtung fließt und erst in den Acherusischen See, später wieder in den Tartaros mündet; der Pyriphlegethon, dessen Lavastrom durch heiße und brennende Gegenden zieht und in einen schmutzigen, schlammigen und brodelnden See mündet, bevor er weiter auf den Acherusischen See trifft, ohne jedoch sich mit ihm zu vereinigen um schließlich wieder in den Tartaros zu fließen; der Kokytos, der erst in einen See namens Styx mündet, dann zum Acherusischen See fließt, ohne sich zu vermengen, und ebenfalls wieder im Tartaros endet.11

Sokrates fährt nun fort mit der Erzählung des Jenseitsmythos. Zuallererst werden diejenigen, die ein gutes und frommes Leben geführt haben, von denjenigen, die dies nicht getan haben getrennt. Letztere werden in Betracht ihrer diesseitigen Vergehen auf die vier Flüsse verteilt. Im Acheron landen die, die ein durchschnittliches Leben verbracht haben und als heilbar gelten. Sie können sich von ihren Lastern im Acherusischen See reinwaschen oder werden dort für ihre guten Taten belohnt. Die schlechten Seelen landen im Tartaros. Die unheilbaren, die ihre Fehltritte nie bereut haben, bleiben ewig dort, die heilbaren, die die Fähigkeit zur Reue bewiesen haben, für ein Jahr, bevor sie je nach Art der Verbrechen entweder in den Kokytos - bei Mord – oder in den Pyriphlegeton - bei Vergehen gegen die Eltern – geworfen werden.

[...]


1 Vgl. Dihle, Albrecht: Totenglaube und Seelenvorstellung im 7. Jahrhundert vor Christus. S. 1-2 und 17

2 Platon: Phaidon 63e – 69e

3 ebd. 70c – 72d

4 ebd. 72e – 77d

5 ebd. 78b – 83b

6 ebd. 103c – 107c

7 ebd. 107c

8 ebd. 107c – 108c

9 periferhßw : sich herumdrehend, rund

10 Platon: Phaidon 109cd

11 ebd. 108e – 113c

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640290987
ISBN (Buch)
9783640291212
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124213
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,6
Schlagworte
Inhalt Jenseitsmythen Dialoge Phaidon Gorgias Politeia Funktion Platons Psychologie Ethik Seelenlehre

Autor

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