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Die deutsche Wiedervereinigung in der französischen Karikatur

Bachelorarbeit 2008 60 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Themenschwerpunkt und Methode

II. Karikaturen in der Betrachtung interkultureller Wahrnehmungsvorgänge
1. Zur Spezifik der Pressekarikatur
2. Karikaturen und Erinnerungsorte in der Gedächtnistheorie

III. Die Rezeption der deutschen Wiedervereinigung in der französischen Pressekarikatur
1. Historische Erinnerungsorte im neuen Kontext
1.1 Ein internationaler Lieu de mémoire: „Ich bin ein Berliner!“
1.2 Ein deutsch-französischer Lieu de mémoire: Die Bruderhand
2. Die Bedrohung durch „la grosse Allemagne“
2.1 Die alte Angst vor Preußen
2.2 Die Symbolik des Brandenburger Tors im Wandel?
2.3 Die Bedrohung durch Großdeutschland
2.4 Fazit: Die französische Angst vor der deutschen Wiedervereinigung
3. Frankreichs Zögern nach der Angst
3.1 Deutschland im Alleingang?
3.2 Frankreich wartet weiter ab
3.3 Politische Hintergründe für Frankreichs Zögern
4. Innerdeutsches aus französischer Sicht betrachtet
4.1 Problemlos vom Sozialismus zum Kapitalismus?
4.2 Die Banane als Symptom für innerdeutsche Kluften
5. Die Wiedervereinigung in der Tradition europäischer Geschichte
5.1 Die Revolutionen 1789 und
5.2 Eine historische europäische Brücke
6. Die Wiedervereinigung im Rückblick
6.1 Ein nüchternes erstes Jubiläum
6.2 Fünf Jahre nach dem Mauerfall
6.3 Fazit: Das deutsch-französische Tandem fasst wieder Tritt

IV. Resümee und Ausblick

Literaturverzeichnis

I. Themenschwerpunkt und Methode

„Paris bleibt der Erbfreund“[1] lautet im Mai 1981 die Überschrift eines Artikels in der deutschen Tageszeitung Die Zeit als versöhnliche Anspielung auf die oftmals verfehdete Vergangenheit Deutschlands und Frankreichs.

Kurz zuvor hatte François Mitterrand Valéry Giscard d’Estaing als französischen Staatspräsident abgelöst und dadurch unter Umständen die deutsch-französische Freundschaft gefährdet, so argumentiert der Autor.

In den 1970er Jahren bildeten VGE, wie die der damalige Staatschef Frankreichs umgangssprachlich gern abgekürzt wird, und sein deutscher Amtskollege Helmut Schmidt das zweite Regierungschef-„Paar“ in der Tradition der deutsch-französischen Kooperation. Zu ihrer Zeit begründeten Charles De Gaulle und Konrad Adenauer mit einer publikumswirksamen Umarmung die deutsch-französische Freundschaft anlässlich der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages im Januar 1963.

Wie auch ihre Nachfolger setzen sie sich gemeinsam für den Fortschritt der europäischen Integration und die Intensivierung der deutsch-französischen Freundschaft ein. Die Politik bemüht sich schon kurz nach den Tragödien des Zweiten Weltkrieges auf beiden Seiten des Rheins um die Re-Etablierung eines positiven Bildes vom Nachbarn.

Seit jeher werden Deutschland und sein Volk bipolar in Frankreich wahrgenommen. Neben dem „Volk der Dichter und Denker“ besteht gleichzeitig die Vorstellung eines kriegerischen und barbarischen Deutschlands. Diese Bipolarität wird seit dem 19. Jahrhundert im Begriff Deux Allemagne zusammengefasst.

Germaine de Staël ist es, die in ihrem 1813 erschienenen Buch „De l’Allemagne“ das Deutschlandbild ihrer Epoche festhält und es für die Nachwelt prägt.[2] Im Wesentlichen positiv dargestellt, betont sie dennoch den militärischen Aspekt Deutschlands, der im fortschrittlichen Preußen seine deutlichste Ausprägung findet.

Die Erfahrung der schmachvollen Niederlage und der demütigenden Gründung des

Deutschen Kaiserreichs in Versailles 1871 brannte sich in das Gedächtnis Frankreichs ein und bestimmt seitdem mal unterschwellig, mal deutlicher die französische Deutschlandwahrnehmung.

Der aggressive Militarismus Preußens und die Wehrhaftigkeit Frankreichs sind die Faktoren, die im Verlaufe des deutsch-französischen Krieges für folgende Generationen ein beidseitiges Feindbild konstruieren wird. Der Mythos des Erbfeindes ist geboren.

Dass in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bereits wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 die Rede von einer Freundschaft zwischen den ehemaligen verbitterten Gegnern sein kann, ist mehr als bemerkenswert und basiert auf den Bemühungen beider Nachbarn.

Auch der Amtsantritt des in Deutschland wenig bekannten Mitterrands kann trotz aller Befürchtungen die deutsch-französischen Beziehungen nicht beeinträchtigen. Wenngleich De Gaulle zu Adenauer und Schmidt zu VGE in gutem persönlichen Kontakt zueinander standen, verbinden Frankreich und Deutschland viel zu ähnliche Interessen und Ziele, als ein Regierungswechsel den europäischen Kurs beider Länder ändern könnte. „In der Kernfrage der Gemeinschaft gibt es Lösungen nur mit Frankreich.“[3]

Vielleicht verbindet diesmal keine Freundschaft die beiden benachbarten Nationen, dennoch kooperieren Frankreich und Deutschland so eng wie bisher.

Helmut Kohl betritt im Oktober 1982 die Bildfläche und übernimmt das Amt des Bundeskanzlers, nachdem Schmidt von einem Misstrauensvotum geschwächt abdanken musste. Durch das neue Regierenden-„Paar“ Mitterrand-Kohl erhält auch die deutsch-französische Kooperation in den 1980ern wieder Aufwind. Mitterrand und Kohl verbinden ähnlich freundschaftliche Beziehungen wie ihre Vorgänger.

Die Zeit, in der das Bild des Erbfeindes die gegenseitige Wahrnehmung bestimmte, scheint seitdem vorbei zu sein; auch Ende der 1990er Jahre könnte man Deutschland und Frankreich dank der Bemühungen Kohls und Mitterrands weiterhin als Erbfreunde bezeichnen.

Doch im Herbst 1989 werden die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich auf eine harte Probe gestellt, als in Berlin die Mauer fällt und erstmals die Möglichkeit einer deutschen Einigung konkret im Raum steht.

Wie würde es künftig um die engen deutsch-französischen Beziehungen stehen?

Zunächst reagiert die französische Öffentlichkeit positiv auf den Mauerfall, der als Symbol für den Sieg der Freiheit gefeiert wird. Doch nach der ersten Euphorie schleichen sich in Frankreich Zweifel über die Kooperation mit einem vereinten Deutschland in die Debatten ein. In der Presse werden Bedenken geäußert, sogar von einer deutschen Bedrohung ist die Rede. Die Medien verbreiten als Sprachrohr von Politik und Gesellschaft Unsicherheit in der Bevölkerung: Zeitungsartikel schwören angestaubte Ängste herauf und in Kommentaren wird an jene drei Kriege erinnert, in denen sich Deutschland und Frankreich gegenüber standen.

Besonders krass äußert sich das Wachrufen verstaubter Erinnerungen in der Karikatur. Trotz der traditionsreichen deutsch-französischen Freundschaft rufen zahlreiche Pressekarikaturen lebhaft die Zerrbilder des alten Erbfeindes zurück in die Erinnerung der Menschen in Frankreich.

In der vorliegenden Bachelorarbeit soll untersucht werden, wie die Zeit vom Mauerfall 1989 bis zur deutschen Einheit 1990 in Karikaturen französischer Zeitungen rezipiert wird. In Anbetracht der unzähligen Ausdrucksmöglichkeiten, die Karikaturen bieten, sollen im Folgenden die Analyse und Interpretation politischer Bildsatiren aus der Wendezeit im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen.

Zu diesem Zweck wird der kulturwissenschaftlich relevante Inhalt von ausgewählten Pressekarikaturen untersucht.

Durch den Mauerfall wurde die französische Aufmerksamkeit wieder verstärkt auf das Nachbarland gelenkt, insofern ist „la Chute du mur“ Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung.

Vor dem Hintergrund der folgenden Thesen werden die einzelnen Karikaturen analysiert und interpretiert:

Verschwunden geglaubte Deutschlandbilder tauchen seit November 1989 aus der Vergangenheit des kollektiven Gedächtnisses Frankreichs auf und werden auf bestimmte Weise in der Gegenwart situiert.

Überwiegend werden negative Deutschlandbilder im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung konstruiert.

Der Prozess der Wiedervereinigung provoziert in Frankreich Ängste vor Deutschland und veranlasst einen Rückgriff auf alte Perzeptionsmuster.

Um die formulierten Thesen zu belegen, sollen im Verlaufe der Abhandlung folgende Fragen beantwortet werden:

Wie wird Deutschland in der Zeit vom Mauerfall im November 1989 bis zur Einheit im Oktober 1990 in französischen Karikaturen dargestellt? Überwiegt ein positives oder negatives Deutschlandbild? Was ist charakteristisch für Deutschland in der Wahrnehmung des französischen Nachbarn? Wird die Vergangenheit durch die französische Erinnerung in der Gegenwart situiert?

Wie werden Unterschiede zwischen der BRD und der DDR in der Darstellung thematisiert? Welche Ängste werden in diesem Zeitraum in Frankreich hervorgerufen und woher stammen sie? Welches Selbstbild Frankreichs spiegelt sich in den Deutschlandbildern wider?

Im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung stehen Pressekarikaturen aus den französischen Tageszeitungen Le Monde und Le Figaro, insbesondere aber werden Karikaturen aus dem satirischen Wochenmagazin Le Canard enchainé berücksichtigt, zumal diese Zeitschrift auf politische Satire ausgelegt ist.

Medien, besonders Printmedien wie in diesem Falle, sind nicht nur Spiegel einer öffentlichen Meinung, motiviert durch die eigene politische Einstellung geben sie Inhalte auch aus der eigenen Perspektive wider.

Es ist daher zu erwähnen, dass die dargestellten Fremdbilder nicht immer der breiten Meinung der französischen Bevölkerung entsprechen. Im Unterschied dazu sind sie eher als elitespezifische Wahrnehmungsmuster aufzufassen. Politische und ideologische Orientierungen der einzelnen Zeitungen finden bei der Analyse keine Berücksichtigung, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Eine chronologische Wiedergabe des Einigungsprozesses soll und darf in dieser Arbeit nicht erwartet werden. Politische Ereignisse und Hintergründe werden deshalb nur dann erwähnt, wenn sie zum unmittelbaren Verständnis der Karikatur unverzichtbar sind.

Die abgebildeten Karikaturen werden ausschließlich in ihrer eigenen Aussage analysiert. In Zeitschriften stehen sie ohnehin meist nicht im direkten Bezug auf die umgebenden Zeitungsartikel. Als eigenständige journalistische Gattung bedürfen Pressekarikaturen vorwiegend keiner Erläuterung durch einen Text, sie sprechen fast immer für sich selbst.

Für die Untersuchung ergibt sich indes die Schwierigkeit, die Karikaturen aus französischer Sicht zu interpretieren. Für den Franzosen offensichtliche und verständliche Eigennamen, Anspielungen und Zusammenhänge müssen dazu erkannt und verstanden werden, um darauf aufbauend angebracht analysieren und interpretieren zu können. Folglich wird sich die Durchführung darum bemühen, die Karikaturen aus dem französischen Kontext heraus zu sehen, mit den damaligen entscheidenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und den Folgen der deutschen Wiedervereinigung, die sich für Frankreich ergeben konnten.

Die Ergebnisse der Untersuchung können keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erheben, da die verwendeten Karikaturen nicht nach ihrer repräsentativen Funktion ausgewählt wurden. Vielmehr stand bei der Zusammenstellung der Bilder ihre kulturwissenschaftliche Relevanz im Mittelpunkt: kommen Nationalstereotype im Bild vor; werden Erinnerungen aus dem kollektiven Gedächtnis reaktiviert; sind spezifische Selbst- oder Fremdbilder abzulesen? So soll nicht explizit die politische Aussagekraft der Karikatur im Vordergrund stehen, sondern mit welchen stilistischen Mitteln ihre Botschaft überbracht wird.

Was die Materialbeschaffung anbetrifft, ergaben sich im Vorfeld Schwierigkeiten durch die zeitlich meist beschränkte Lagerung des Pressematerials.

Dementsprechend beschränkte sich die Bildbeschaffung neben der Recherche im Archiv des Deutsch-Französischen-Instituts Ludwigsburg überwiegend auf den Korpus an Karikaturen, den Hildegard Meister in ihrem Buch „Wenn Karikaturen sprechen“ untersucht. Die dort gesammelten Bildsatiren sind chronologisch aufgeführt und mit Erscheinungsdatum und –Medium belegt. Allerdings erschweren nicht angegebene Seitenzahlen und fehlende Namen der Karikaturisten das Erstellen des Literaturverzeichnisses und der Fußnoten, wodurch die Glaubwürdigkeit der Forschungsgrundlagen beeinträchtigt werden kann. An dieser Stelle soll betont werden, dass auf eventuell fehlende Angaben in der Arbeit nicht hingewiesen wird.

Der erste Teil der Abhandlung konzentriert sich auf theoretische Grundlagen der Karikatur-Charakteristika. Anschließend werden die Theorien des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs und die der Erinnerungsorte nach Pierre Nora auf die Besonderheiten der Karikatur übertragen.

Einleitend in die eigentliche Materie soll hiernach die Eigenschaft der Karikatur als überaus geeigneter Untersuchungsgegenstand für gedächtnistheoretische Forschungen festgestellt werden.

Im darauf folgenden Kapitel stehen endlich die ausgewählten Karikaturen selbst zur Erforschung bereit. Aufgrund ihrer gemeinsamen Charakteristika in verschiedene Kategorien eingeteilt, sollen sie nun auf ihren symbolhaften Inhalt untersucht werden.

Zuerst sind zwei Karikaturen anzutreffen, die nach Nora als Lieux de mémoire, Erinnerungsorte einzustufen sind. Es folgen mehrere Bildsatiren, die eine groß-deutsche Bedrohung verheißen, bevor die historischen Umstände für die französische Angst im Fazit dargelegt werden.

Bekannte Nationalstereotype illustrieren im nächsten Kapitel Frankreichs Zögern vor der Entscheidung, wie bedrohlich die deutsche Einheit tatsächlich einzuschätzen ist. Ein Blick auf die politischen Hintergründe erklärt die französische abwartende Haltung zur deutschen Frage.

Anschließend richtet sich der Blick der französischen Karikaturisten auf das Geschehen im Inneren Deutschlands und der DDR; es werden innenpolitische Schwierigkeiten geschildert.

Als nächstes wird die Wiedervereinigung in die Tradition europäischer Geschichte eingereiht und überraschende Parallelen aufgedeckt.

Im letzten Kapitel betrachten zwei Karikaturen die Wiedervereinigung mit einem zeitlichen Abstand von einem bzw. fünf Jahren, der die Aussagen einiger Vorgänger relativiert und sogar Lügen straft.

Doch zunächst soll die Karikatur als Ergebnis verbildlichter interkultureller Perzeptionsmuster im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

II. Karikaturen in der Betrachtung interkultureller Wahrnehmungsvorgänge

1. Zur Spezifik der Pressekarikatur

Politische Bildsatiren, oder auch (Presse-)Karikaturen waren schon seit dem 16. Jahrhundert in Frankreich bekannt und wurden seitdem stark verbreitet.

Der Ursprung des Begriffs geht auf das italienische caricare, zu Deutsch „überladen“ zurück. Dieser Terminus wurde jedoch erst im 17.Jahrhundert in der bildenden Kunst gebräuchlich.[4]

Seitdem ist die Karikatur (ob politisch, gesellschaftskritisch oder humoristisch) aus den modernen Kulturen nicht mehr wegzudenken. In Zeitungen und Zeitschriften wird besonders die politische Bildsatire oft als publizistisches Mittel eingesetzt.

Bevorzugt wählen die Medien für ihre Berichterstattung solche Themen aus, die einen mittelbaren oder unmittelbaren Bezug zum eigenen Land und dessen vergleichbaren Problemen erkennen lassen. Andere Inhalte, die dem Konsumenten nicht ohne Wissen um den Kontext zugänglich sind, bedürfen einer reizvollen Präsentation, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Ihre Botschaft ergibt sich meist durch ein Zusammenspiel verbaler und bildhafter Codes (eine Menge von Symbolen und Bedeutungsträgern), die sich oft puzzleartig aufeinander beziehen und damit letztlich das Verstehen gewährleisten.[5]

Karikaturen bieten unzählige Ausdrucksmöglichkeiten durch die Verwendung immer verschiedener Codes und eignen sich ganz besonders, um beabsichtigte Aussagen bildhaft zu formulieren. Sie sind meist leicht zu verstehen und besitzen überdies einen hohen Unterhaltungswert.

Von Bassewitz stellt für die Printmedien fest, dass ein Journalist sein Produkt letztlich verkaufen muss. Gleiches kann man auch auf Karikaturisten übertragen.[6]

Vor allem Le Canard enchainé nutzt die provozierende Karikatur, um sich verkaufen zu können. Schmitz bekräftigt von Bassewitz‘ Aussage: um keinen Auflagenrückgang zu riskieren, widmeten sich Tageszeitungen überwiegend Themen, die die Gemüter ihrer Leser bewegten.[7] Aus einer Flut verschiedenster Informationen registriert der Leser gewöhnlich solche, die ihm bekannt vorkommen und bereits vorhandene Auffassungen bestätigen.[8] Karikaturen leben geradezu von dem Spiel mit geläufigen Symbolen und der unerwarteten Uminterpretation bekannter Fakten. Gern bedienen sich die Bildsatiren dabei vereinfachender und damit schnell verständlicher Elemente, die allzu oft aus der Sparte der Stereotype und Klischees stammen.

Die Eigenschaft der Stereotype als „reduktionistische, starre und sich wiederholende Ideen“[9] prädestiniert ihre Verwendung in der Presse.

Gegenüber schriftlichen Nachrichten, Reportagen oder Kommentaren, die durch das Gebot der Kürze oft auf eine bestimmte Anzahl von Zeilen oder Worten beschränkt sind, haben Karikaturen also einen entscheidenden Vorteil: in wenigen anschaulichen Bildern können Karikaturen mithilfe von Stereotypen mehr aussagen, als ein seitenlanger Artikel auszudrücken vermag.

Unterschieden werden muss dabei zwischen Autostereotypen, deren verallgemeinernde Reduzierungen selbstbezogen sind und Heterostereotypen, die sich auf die Zuschreibung Anderer beziehen. Der behandelten Thematik liegt die Betrachtung besonders der letzteren Stereotype zugrunde. Im Folgenden soll untersucht werden, wie sie in Abhängigkeit von bestimmten Situationen reaktiviert und bearbeitet werden.

Bevor zum eigentlichen Untersuchungsschwerpunkt übergegangen werden kann, soll erst die Rolle der Karikatur in der Gedächtnistheorie festgestellt werden. Dazu stehen im nächsten Kapitel zwei Theorien im Focus, die in diesem Zusammenhang ihre Relevanz beweisen sollen.

2. Karikaturen und Erinnerungsorte in der Gedächtnistheorie

Die Kulturwissenschaften legen seit einigen Jahren ihr Augenmerk auf das so genannte kollektive Gedächtnis (einer Nation, einer Gruppe, etc.) und seine Erinnerungsorte.

Die Theorie des kollektiven Gedächtnisses geht auf die Forschungen des französischen Soziologen Maurice Halbwachs in den 1920er bis 1940er Jahre zurück.[10]

Der französische Historiker Pierre Nora entwickelt Halbwachs‘ Gedächtnistheorie in den 80er Jahren weiter und ergänzt sie um den Begriff der Erinnerungsorte.

Erinnerungswürdige Gebäude, Denkmäler und Ereignisse, aber auch historische Persönlichkeiten, Hymnen und symbolische Handlungen können darunter verstanden werden.

In Les lieux de mémoire sammelt Nora von 1984 bis 1992 Erinnerungsorte Frankreichs und schafft damit eines der einflussreichsten kulturhistorischen Konzepte dieser Zeit. Jan und Aleida Assmann lenken in den 1980er Jahren das Interesse der Gedächtnisforschung wieder auf die zwischenzeitlichen vernachlässigten Theorien von Halbwachs. Das deutsche Kulturwissenschaftlerpaar entwickelt aufbauend auf Halbwachs‘ Erkenntnisse die Theorie zweier „Gedächtnis-Rahmen“, wie Erll sie bezeichnet. des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses.

Die Ausführung der Theorien von Halbwachs, Nora und den beiden Assmanns würde allerdings die Grenzen dieser Arbeit überschreiten, daher soll allein die Rolle der Karikatur im Folgenden dargelegt werden.

Die zentrale Frage in den kulturwissenschaftlichen Überlegungen ist: Was wird wann zu welchem Zweck erinnert? Aus welchem Grund tritt Vergangenes zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Erinnerung?

Allgemein besteht Erinnern darin, eine verbindliche Erzählung über die Vergangenheit zu etablieren. Damit wird ein Zusammengehörigkeitsgefühl geschaffen, eingeübt und ständig aktualisiert. Der Vorgang des kollektiven Erinnerns wirkt auf diese Weise kulturkonstruierend, über die vereinigte Erinnerung an Symbole, Medien und Institutionen wird ein Gemeinschaftgefühl in einer Gruppe oder einer Nation geschaffen.[11] Diese gemeinsamen Erinnerungen bilden letztlich das kollektive Gedächtnis einer Kultur.

Wesentlich dabei ist, dass die Vergangenheit stets zur Erklärung gegenwärtiger Zustände herangezogen wird. Die Erzählungen über Vergangenes sind dabei keineswegs objektive Abbilder vergangener Wahrnehmungen oder gar einer verstrichenen Realität. Daraus ergeben sich nach Erll zwei Merkmale des Erinnerns: sein Gegenwartsbezug und der konstruktive Charakter. Erinnerungen seien „subjektive, hochgradig selektive und von der Abrufsituation abhängige Rekonstruktionen“ der Vergangenheit. Veränderten Gegenwarten entsprechend änderten sich die Vergangenheitsversionen mit jedem neuen Abruf.[12]

Bei der bevorstehenden Untersuchung von Karikaturen aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung muss das Augenmerk deshalb nicht auf die seinerzeit erinnerten Vergangenheiten, sondern auf die damalige Gegenwart gelegt werden.

In den nachstehend betrachteten Karikaturen sind immer wieder Erinnerungsorte zu finden: geschichtsträchtige Gebäude, symbolische Gesten, historische Persönlichkeiten, bedeutsame Reden. Erinnerung auf dem kollektiven Gedächtnis wird in diesen Bildern sichtbar gemacht.

„Gedächtnis ist [jedoch] unbeobachtbar“[13] stellt Erll in ihrer Ausführung weiter fest.

Nur aus der Untersuchung konkreter Erinnerungsakte lassen sich Aussagen über seine Beschaffenheit und Funktionsweisen ableiten. Erll versteht kollektives Gedächtnis als „Fokus kulturwissenschaftlicher Neugier“, deren Untersuchungsgegenstand wiederum Erinnerungskulturen und –orte seien.

Auf die Überlegungen in der vorliegenden Problemstellung bezogen, lässt sich daraus schlussfolgern: Stereotype sind Teil einer Erinnerungskultur, die in Form von Karikaturen deren kollektives Gedächtnis sichtbar werden lassen können.

So funktionieren beispielsweise Nationalstereotypen als Instrumente von Deutungsmustern aus dem kollektiven Gedächtnis von Kulturen: bestimmten allegorischen Personifikationen werden entsprechende Eigenschaften zugeschrieben.

Die Karikatur steht als Forschungsgegenstand interkultureller Wahrnehmungsvorgänge in den folgenden Kapiteln im Zentrum der Untersuchung: Wie wird das kollektive Bild eines anderen Landes und seiner Kultur in der Karikatur dargestellt und warum genau auf diese eine Weise?

III. Die Rezeption der deutschen Wiedervereinigung in der französischen Pressekarikatur

1. Historische Erinnerungsorte im neuen Kontext

1.1 Ein internationaler Lieu de mémoire: „Ich bin ein Berliner!“

Zwei Tage nach ihrer Öffnung zeigt Plantu eine Szene an der Berliner Mauer: Beobachtet von zwei verwunderten und hilflosen sowjetischen Soldaten bricht ein Bulldozer durch die Mauer. Er bereitet für die ihn folgende fröhliche Masse an Demonstranten mit Transparenten und Parolen den Weg durch die Mauer. Im Hintergrund verschwindet die sich windende Mauer am Horizont, am Himmel ziehen Vögel vorbei, während idyllisch die Sonne hinter Wolken hervor scheint.

Freudig verkündet der Bulldozer-Fahrer die historischen Worte: „Ich bin ein Berliner!“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 (Le Monde, 11.11.1989)

Plantu schafft mit verschiedenen Mitteln eine ganz bestimmte Atmosphäre in diesem Bild. Während die Tiersymbolik der vorbeiziehenden Vögel im Hintergrund vor allem in Verbindung mit Bildelementen wie „Sonne“ und „Wolken“ eine kleinbürgerliche Idylle darstellt wie etwa in naiven Kinderzeichnungen, steht kontrastiv dazu das Geschehen im Vordergrund: hier geschieht ein großer Aufruhr, lautstark wird die Mauer durchbrochen, dahinter jubelt eine Menschenmenge, markiert durch die comic-hafte Verwendung von Musiknoten, Rauch und zeichnerischen Elemente, die Bewegungen andeuten sollen.[14]

[...]


[1] Bremer, Hans-Hagen: Europäische Gemeinschaft. Paris bleibt der Erbfreund. Die Zeit, 22.05.1981 Nr. 22

[2] Vgl. Röseberg, 2001, S.140

[3] Bremer, Hans-Hagen: Europäische Gemeinschaft. Paris bleibt der Erbfreund. Die Zeit, 22.05.1981 Nr. 22

[4] Vgl. Meister, 1998, S.17

[5] Vgl. Meister, 1998, S.18

[6] Vgl. Bassewitz, von, 1990, S.4-5

[7] Vgl. Schmitz, 1990, S.140

[8] Ebd. S.49

[9] Röseberg, 2001, S.133

[10] Dazu genauer vlg. Halbwachs Werke Les cadres sociaux de la mémoire (1925,) und La mémoire collective (in Frankreich postum erst 1950 publiziert).

[11] Erll, 2005, S.8

[12] Vgl. Erll, 2005, S.7

[13] Erll, 2005, S.7

[14] Vgl. Meister, 1998, S.177

Details

Seiten
60
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640291397
ISBN (Buch)
9783640291540
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124164
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Romanistik
Note
2,7
Schlagworte
Wiedervereinigung Karikatur DDR Frankreich deutsch-französische Beziehungen 1989 Kulturwissenschaft Stereotype Galloromanistik Kulturgeschichte Fremdwahrnehmung Imagologie

Autor

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Titel: Die deutsche Wiedervereinigung in der französischen Karikatur