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Der Geschichtsbegriff in vorislamischer Zeit - Die Wurzeln der muslimischen Geschichtsschreibung?

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Gliederung und Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geographischer Raum und historische Rahmenbedingungen
2.1. Die Entwicklung Geschichtsverständnisses in der Antike und dessen Einfluss auf die vorislamische Geschichtsschreibung

3. Referenzrahmen: Formen des Geschichtsbewusstseins

4. Geschichtsverständnis der Bewohner der arabischen Halbinsel

5. Vorislamische, arabische Literatur/Erzählungen
5.1. Vorislamische Dichtung ohne historischen Kern
5.2. Ayyam al-arab – Die Schlachttagserzählungen
5.3. Genealogien
5.4. Südwestarabische Chronologien

6. Die islamische Zäsur – Entstehung eines neuen Geschichtsbewusstseins

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Beschäftigung mit der Entstehung der Geschichtsschreibung muss man sich notwendigerweise von unserem heutigen Wissenschaftsbegriff entfernen und die Literatur aus dem Blickwinkel der damaligen Zeit betrachten. Dabei muss auch verstanden werden, dass dem heutigen Historiker kaum noch bewusst ist, dass ein nicht allein an Wahrheit orientiertes Geschichtsverständnis ebenfalls den Anspruch auf wissenschaftliche Anerkennung erheben darf. In diesem Sinne argumentiert auch Radtke (1992:147). Auch den meisten Mythen liegt zumindest ein historischer Ursprung zugrunde wie Heinrich Schliemann mit seinen Grabungen in Troia eindrucksvoll belegte. Radtke (1992:141) definiert Geschichtsschreibung als „sprachlich gestaltete Erinnerung an vergangene, unwiederholbare menschliche Handlungen, die nur noch durch die fixierbare Erinnerung existent sind.“

Arabisch existiert bereits seit dem 5. Jahrhundert als vollausgebildete, einheitliche Schriftsprache (Brockelmann 1909:3 sowie Soden 2006:2, Halm 2004:18f und Elger 2004:36). Dennoch gibt es über die vorislamischen Kulturen der arabischen Halbinsel kaum beziehungsweise wenig verlässliche Informationen. Die meisten stammen aus islamischen Quellen und sind aufgrund ihrer Tendenziosität nur bedingt glaubwürdig.

Dieses „Dunkel“ in der arabischen Geschichte vor dem Erscheinen des Propheten ist eine anschauliche Metapher für das Geschichtsverständnis islamischer Historiker, das die die heidnischen Jahrhunderte als ğāhalīya (Zeit der Unwissenheit und Ignoranz) ansahen.(Elger 2004:34). Verstärkt wird dieser Zustand durch das spärliche Vorhandensein altarabischer, schriftlicher Quellen.

In allen Kulturen stellen sicherlich die Schöpfungsmythen und Heldensagen die ältesten Formen einer Art von Geschichtsschreibung dar. Im Gegensatz zu den Hochkulturen, wo Schriftsysteme auch deutlich früher erfunden wurden,[1] wurden diese auf der arabischen Halbinsel allerdings nur in mündlicher Form tradiert. Auch Brockelmann (1909:13f) weist darauf hin, dass die Schrift in Nord- und Mittelarabien zwar verbreitet war, jedoch nicht zur Schaffung von Literatur verwendet wurde sowie dass möglicherweise geschriebene Werke von späteren muslimischen Sammlern als heidnische Erzeugnisse oder spätestens bei den Mongolenstürmen gegebenenfalls vernichtet worden sein könnten.

Neben den Schöpfungsmythen lässt sich als zweite Vorläuferkategorie der Historiographie, die Genealogien von Herrscherhäusern sowie die Sammlung von deren Heldentaten, ausmachen.[2] Die älteste erhaltene diesbezügliche arabische Inschrift des Imru’u l-Qays[3] aus dem Jahr 328[4] beschreibt seine Heldentaten, während die zweitälteste Inschrift von Šarahīl aus dem Jahr 568 mehr als 200 Jahre jünger ist und vom Fall der Oasenstadt Haybar[5] berichtet (Rosenthal 1968:19).

Ältere Zeugnisse einer Schriftnutzung finden sich laut Soden (2006:22) in den Stein- und Metallinschriften aus den Südarabischen Königreichen, die bis um 1000 v. Chr. zurückdatiert werden können. Dabei handelt es sich allerdings um reine Bauinschriften bzw. Weihinschriften auf Kultgeräten, die keinerlei historischen Bezug aufweisen. Soden (2006:196) bemerkt hierzu richtig, „Inschriften von Königen und, viel seltener, anderen Funktionären können nur dann zur Literatur gerechnet werden, wenn sie mehr bieten als die knappe Aufzählung von Bauarbeiten oder Kampfhandlungen.“

In den Oasen vom Süden des heutigen Jordanien bis tief in die arabische Halbinsel finden sich laut Halm (2004:9) und Krämer (2005:14) ebenfalls ältere Zeugnisse einer Nutzung der nordarabischen Schrift in Form von Steinritzungen. Diese Graffiti können bis in die Zeit der Assyrerherrschaft belegt werden, haben aber ebenfalls keinen historiographischen Hintergrund.[6]

Die beiden erstgenannten Inschriften stammen aus den nordwestlichen Ausläufern der arabischen Halbinsel, in denen die Einflüsse der benachbarten Hochkulturen am stärksten waren. Gerade an den kulturellen Überlappungszonen zu den antiken Hochkulturen (Ägypten, Mesopotamien und römisches Reich), aber auch durch die Handelsreisen arabischer Karawanen kamen die Bewohner der arabischen Halbinsel mit dem Geschichtsverständnis und der Geschichtskultur der betreffenden Regionen in Berührung. Inwiefern diese aufgenommen wurden beziehungsweise aufgenommen werden konnten, und inwiefern die vorislamische Literatur mit Geschichtsbezug zu den Wurzel der islamischen Geschichtsschreibung gerechnet werden kann, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden.

2. Geographischer Raum und historische Rahmenbedingungen

Das aride Klima ist das wesentliche Merkmal der ğazīra l-arab und bildet gleichzeitig das Erklärungsmuster für die politische Situation bis zur Ausbreitung des Islam.

Ohne ganzjährig wasserführende Flussläufe waren Mensch und Tier auf den jahreszeitlich höchst unterschiedlichen Niederschlag angewiesen. Nur im Westen und Süden gab es Böden, die sich als Ackerland eigneten und damit in der Lage waren, größere städtische Bevölkerungen zu ernähren. Der Süden verfügt dazu noch über gut schiffbare Küstengebiete und ermöglichte so auch den Seehandel (Brockelmann 1909:1). Durch den Weihrauch und Myrrhehandel erlangte Südarabien zusätzlich frühe wirtschaftliche Bedeutung. (Krämer 2005:10)

So schreibt Brockelmann (1991:2), sei es auch nicht verwunderlich, wenn die ersten arabischen Königreiche in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten im Süden Arabiens entstanden und diesen diejenigen der Ghassaniden und Lahmiden folgten, welche größere Königreiche im Norden errichteten und den Großmächten des Nordens (Byzanz und Sassaniden) als Puffer zu den innerarabischen Stämmen dienten. Ergänzend weist Nagel (1995:2) darauf hin, dass die Lahmiden aufgrund ihrer Abstammung von den arabischen Genealogen zu den Südarabern gezählt und die Ghassaniden dem südarabischen Stammesverband der Azd angehörten.

Eine Zersplitterung der arabischen Stämme im Inneren der arabischen Halbinsel sowie die Unwahrscheinlichkeit der Entstehung größerer Reiche auf der ganzen arabischen Halbinsel schienen damit vorgezeichnet. Der Entwicklung einer dynastischen Geschichtsschreibung, wie sie der Ursprung der Historiographie in den frühen Hochkulturen war, standen daher die geographischen Rahmenbedingungen entgegen.

2.1. Die Entwicklung Geschichtsverständnisses in der Antike und dessen Einfluss auf die vorislamische Geschichtsschreibung

Die Menschen haben sich schon immer gefragt, wo sie selbst und die sie umgebende Umwelt herkommen. Daher erscheint es logisch, dass Schöpfungsmythen zu den ältesten Formen der Geschichtsschreibung überhaupt zählen. Naturereignisse und Legenden wurden zusammen mit einem mythologischen Überbau zu einem teleologischen Gesamtkonzept vereint. Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet das Gilgamesch-Epos, in dem nicht nur die Mesopotamische Götterwelt vorgestellt und charakterisiert, sondern auch Antworten auf die Frage nach der Entstehung der Stadt Ur gegeben und die Umweltkatastrophe der großen Flut behandelt wurden.

Historisch schließen sich diesen Berichten die Königslisten an, die die Genealogie eines Herrschers möglichst auf einen Gott zurückführen sollten, und die Berichte eines Herrschers über siegreiche Schlachten oder andere große Verdienste. Diese dienten jedoch nicht dazu, Ereignisse möglichst korrekt für die Nachwelt festzuhalten, sondern dazu, den Machtanspruch der Herrschenden zu rechtfertigen.

Unser heutiges europäisches Geschichtsverständnis entwickelte sich im antiken Griechenland. Zunächst bezeichnete der Begriff Historia jedoch einfach jede Form von Wissen, das von größtem Interesse für die Bürger der Polis war. Dazu gehörten nicht nur historische Informationen in unserem Sinne, sondern auch solche geographischer und politischer Natur.

Ab welchen Zeitpunkt oder Werk von Geschichtsschreibung gesprochen werden kann, ist kaum festlegbar, da in viele mythologische Erzählungen auch historische Fakten eingewoben wurden. So hat erst die jüngste Forschung die Vermutung nahe gelegt, dass es sich bei dem von Homer (ca. 800 v.Chr) in seiner Ilias beschriebenen Trojanischen Krieg, um einen historischen Konflikt zwischen Mykenern und dem hethitischen Königreich Wilusa handelte.

[...]


[1] Wie Hrouda (1991:271ff) ausführt, hat sich die Schrift an der Wende vom 4. zum 3. vorchristlichen Jahrtausend im südlichen Mesopotamien, vermutlich in der Stadt Uruk, aus einer Form des neolithischen Abrechnungssystems mit Zählsteinen entwickelt, welche im Laufe der Zeit immer komplexer wurde, um größere Mengen an Transaktionen von Gütern und schließlich auch Texte schriftlich wiedergeben zu können. Soden (2006:2 und 37f) geht davon aus, dass die Keilschrift um 1200 v. Chr. in Gebiet des heutigen Syrien und Palästina von einer phönizischen Buchstabenschrift abgelöst worden sei, die dann von den bis dato schriftlosen Südarabern übernommen worden sei.

[2] Aus Mesopotamien sind bereits aus dem 25. Jahrhundert v. Chr. die Königsliste des Urmanše von Lagaš und die ca. 500 Jahre jüngere „Geierstele“ des Eannatum von Lagaš erhalten (Hrouda 1991:274)

[3] Brockelmann (1909:27) rechnet die Dichtungen Imru’u l-Qays zu den „schönsten Erzeugnissen der vorislamischen Poesie“. Seine unverhüllte Sprache und die detailreichen Schilderungen seiner erotischen Abenteuer, die ihn bis an den Hof von Byzanz brachten, führten schließlich zum Urteil des Propheten „er sei der Anführer der Dichter auf dem Weg zur Hölle“ (Brockelmann 1909:27).

[4] Im Rahmen dieser Arbeit verwende ich die Datierung nach der christlichen Zeitrechnung.

[5] Die Oasensiedlung Haybar wurde später Zufluchtsort, der durch die Islamische Expansion vertriebenen Banū Nadīr. Im Zuge der weiteren Ausdehnung des islamischen Herrschaftsbereiches wurde es zusammen mit anderen jüdischen Oasensiedlungen unterworfen und zu hohen Abgabenzahlungen verpflichtet (Haarmann 1987:42)

[6] Hier haben Reisende ihre Anwesenheit verewigt oder den Schutz diverser Götter angerufen (Halm 2004:11).

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640288847
ISBN (Buch)
9783640288922
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124148
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Seminar für Orientkunde
Note
1,0
Schlagworte
Geschichtsbegriff Zeit Wurzeln Geschichtsschreibung Seminar Einführung Historiographie

Autor

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