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Aspekte der Darstellung von Genealogie in Thüring von Ringoltingens "Melusine"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Hintergrund des Melusinenromans
2.1 Entstehungsgeschichte der Melusinensage
2.2 Thüring von Ringoltingen und die Melusinensage

3. Aspekte der Darstellung von Genealogie in Thüring von Ringoltingens Melusinenroman
3.1 Auswirkungen des Tabubruchs
3.2 Gewalt als auslösendes Moment
3.3 Regulierung der Genealogie durch die Verfluchung der drei Schwestern
3.4 Frauen- und Männerrollen innerhalb des Melusinengeschlechts
3.5 Der Zusammenhang zwischen Genealogie und Ökonomie

4. Fazit

5. Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Bibel als das Buch der Bücher beginnt mit der Erschaffung des ersten Menschen und beschreibt in der Folge die Abstammungslinien, die auf Adam und Eva folgen. Diese Art der Darstellung von Genealogie hat in entscheidender Weise die literarischen Beschreibungsebenen der „Entstehung und genealogischen Entwicklung der Königs- und Adelsgeschlechter“[1] beeinflusst. Demzufolge verstehe ich den Begriff der Genealogie als ein Konstrukt, welches zwei zentrale Kategorien umfasst. Einerseits geht es um den Ursprung – wann und auf welche Weise wurde ein adliges Geschlecht begründet – andererseits um die Entwicklung, welche dieses Geschlecht durchlaufen hat, wie weit diese in der Zeit zurückreicht und wie kontinuierlich sie ist. Beide Kategorien dienen letztlich dazu, die sozialen und ökonomischen Vorzüge, die das Geschlecht für sich beansprucht, zu legitimieren. Demnach geht der Begriff der Genealogie noch über die Beschreibung von Familie und Verwandtschaft hinaus, da diese eher synchron und weniger diachron erfolgt, umfasst jedoch neben den oben genannten Kategorien auch die Beschäftigung mit diesen.

Das Bedürfnis, Genealogie darzustellen, zeigt sich „seit der Antike bis in die Moderne quer durch die verschiedenen Textgattungen“[2]. Die griechische Mythologie beschreibt bis ins Detail die weitverzweigten Verwandtschaftsbeziehungen der Götter und ihrer menschlichen Nachfahren. Der französische Naturalist Emile Zola verfasste zwischen 1871 und 1893 zwanzig Romane, die durch das weitverzweigte Geschlecht der Rougon-Macquart miteinander verbunden sind. Thomas Mann erzählt 1901 vom Verfall einer Familie anhand der Buddenbrooks und dem Kolumbianer Gabriel Garcia Marquez gelang 1967 der Durchbruch mit seinem Roman „Cien anos de solidad“ (100 Jahre Einsamkeit), in welchem er die genealogische Entwicklung einer Familie schildert – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Besonders die Mediävistik hat sich einem familienhistorischen Verständnis der von ihr untersuchten Texte angenähert:

„Sie gelten als signifikante literarische Ausdrucksformen einer zutiefst von Familie und Verwandtschaft bestimmten Mentalität, werden in einem ausgeprägten Sippenbewusstsein verortet, auf Bedeutungspotentiale ihrer Familien- und Verwandtschaftsthematik abgetastet und unter familienbezogene Typenkategorien wie Roman de lignage, Ancestral romance, Sippenepos, Familienroman, adelige Hausüberlieferung oder Familienchronik subsumiert. Familienhistorische Konstruktionen haben längst die Nachfolge der gesellschaftsgeschichtlichen Interpretation angetreten und bestimmen zunehmend die funktionsgeschichtlichen Aussagen über die höfische Dichtung.“[3]

Der Fokus der mediävistischen Genealogieforschung liegt dabei vor allem auf der Adelsfamilie. Ursula Peters nennt in diesem Zusammenhang zwei Untersuchungsbereiche: Zum einen die Chroniken, welche „die Geschichte bedeutender Dynastenfamilien in ihrer genealogischen Abfolge wie kognatischen Ausdifferenzierung verfolgen“, und zum anderen die im Kontext der höfischen Dichtung anzusiedelnden Texte, welche „bekannte historische Adelsfamilien in ihrer mehr oder weniger sagenhaft-imaginären Geschichte“[4] zum Thema machen. Der Melusinenstoff, der das Sujet dieser Arbeit ist, wird innerhalb des zweiten Bereichs angesiedelt. Vor allem für die spätmittelalterlichen Melusinenversionen von Jean d’Arras, Couldrette und Thüring von Ringoltingen sind Fragen der Genealogie und Dynastie leitend, wobei ich mich in meiner Arbeit ausschließlich auf die Version Thüring von Ringoltingens beziehen werde.

Zu Beginn werde ich sowohl die Entstehungsgeschichte der Melusinensage als auch Thüring von Ringoltingens Leben kurz skizzieren, um seine Version historisch und literaturgeschichtlich einzuordnen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht dann die Untersuchung unterschiedlicher Aspekte des Melusinenromans, die bezogen auf die Rolle, welche sie für die Genealogie des Melusinengeschlechts darstellen, analysiert werden sollen. Die übergeordneten Fragestellungen dieser Analyse lauten: Auf welche Art und Weise konstituiert sich Genealogie innerhalb des Romans? Welche auslösenden Momente gibt es für die Genealogiebildung? Welche Handlungsmuster führen zu dieser oder verhindern sie? Welche Motive wiederholen sich im Laufe des Romans? Inwieweit unterscheiden sich die Handlungsmuster der weiblichen und männlichen Protagonisten und welche Auswirkungen hat dies auf die Darstellung von Genealogie?

2. Zum Hintergrund des Melusinenromans

2.1 Entstehungsgeschichte der Melusinensage

„Die Ursprünge“ der Melusinensage „sind nicht bis in ihre Anfänge zurückzuverfolgen.“[5] Die Geschichte von einem überirdischen Feenwesen (meist Melusine, Undine oder Schlangenfrau genannt), welches sich mit einem sterblichen Menschen vereint, gehört zu den Topoi der Weltliteratur, findet sich in vielen Kulturen wieder und begegnet dem Rezipienten noch bis heute in vielen unterschiedlichen Varianten, so zum Beispiel bei Jean Giraudoux oder Ingeborg Bachmann. Meist ist die Verbindung zwischen Fee und Mensch an ein explizites oder implizites Tabu geknüpft – wird dieses gebrochen bzw. die dämonische Natur des weiblichen Wesens entlarvt[6], „ist die Trennung unvermeidlich.“[7] Dementsprechend wird das Schema, welchem die Erzählungen des Melusinentyps folgen, als das der „gestörten Mahrtenehe“ bezeichnet.

Als erste literarische Fassung des Melusinenstoffes wird gemeinhin Gervasius von Tilburys „Otia Imperialia“ (um 1210) genannt. Hier finden sich bereits wichtige Elemente der Erzählstruktur, welche den späteren Kern der Melusinensage bilden. Allerdings bemerkt Hans-Gert Roloff, dass der „Märchencharakter“ hier „noch wesentlich gewahrt“ bleibt[8]. Im Laufe des 13./14. Jahrhunderts ist die Erzählung dann in Zusammenhang mit dem französischen Adelsgeschlecht der Lusignan gebracht worden. Aus dem Märchen wurde die „Gründungslegende eines adligen Geschlechts“[9], innerhalb derer die Fee Melusine zur Stammmutter und Ahnherrin desselben stilisiert wird.

Die endgültigen literarischen Fassungen entstehen dann Ende des 14. Jahrhunderts bzw. Anfang des 15. Jahrhunderts und gehen auf zwei französische Schriftsteller, Jean d’Arras und Couldrette, zurück. Beide Texte sind „in den genealogisch-historischen Zusammenhang des Geschlechts der Lusignan und ihres Zweigs der Parthenay eingebunden“[10], da die Auftraggeber der beiden Literaten Nachfahren oder aber Nachfolger dieses Adelsgeschlechts waren. Zwar ähneln sich die Fassungen inhaltlich in großen Teilen und gehen nach Meinung der Forschung auch auf eine gemeinsame Vorlage zurück, doch unterscheiden sie sich formal: Während d’Arras den Stoff in Prosaform schrieb, folgt Couldrette dem Muster mittelalterlicher, höfischer Epik und verfasst seinen Roman in Versen. Entgegen früherer Annahmen geht man heute davon aus, dass Thüring von Ringoltingen Couldrettes Versfassung als Vorlage für seine Melusine verwendete[11]. Unklar bleibt allerdings, auf welchem Wege er die französische Vorlage erhielt.

2.2 Thüring von Ringoltingen und die Melusinensage

Thüring von Ringoltingen stammte aus einer bäuerlichen, im Großraum Bern ansässigen Familie, deren Namen schlicht „Zigerli“ war. Im 14. Jahrhundert siedelten sie sich in der Stadt Bern an und gelangten mit Hilfe von Handel und klugen finanziellen Investitionen zu Reichtum. Sowohl ihr Einheiraten in den Adel als auch das Bekleiden angesehener städtischer Ämter führten in der Folge dazu, dass das Prestige der Familie stieg. Dies schlägt sich auch in der Tatsache nieder, dass Thürings Großvater den Familiennamen „Zigerli“ um 1400 durch den „adlig-standesgemäßen“[12] Zusatz „von Ringoltingen“ erweitert – eine Herkunftsbezeichnung, die sich auf ein ausgestorbenes Rittergeschlecht[13] zurückführen lässt. Thürings Vater, der einer der mächtigsten und reichsten Politiker der Stadt war, tilgte den bäuerlichen Namen schließlich völlig.

Thüring von Ringoltingen wird zwischen 1410 und 1415 geboren. Während sein älterer Bruder Heinrich Ritter wird, übernimmt er als „Junker“ die Ländereien seines Vaters. Zudem muss er ein sehr gebildeter Mann gewesen sein, da er, wie wir der Melusine entnehmen können, nicht nur über Kenntnisse in Französisch und Latein verfügte, sondern auch sehr belesen war[14].

Zum Zeitpunkt der Entstehung der „Melusine“, also im Jahre 1456, gehörte Thüring von Ringoltingen nicht nur dem Großen Rat an, sondern übte auch das Amt des Vogtes aus und bekleidete viermal das Schultheißenamt. Am Ende seines Lebens jedoch hatte er das Vermögen seines Vaters fast gänzlich verbraucht und starb ohne männliche Nachkommen (etwa 1483). Die „Melusine“ gilt als das einzige von ihm verfasste literarische Werk.

Wie zuvor bereits erwähnt, ist man sich nicht sicher, auf welchem Weg Thüring die Versfassung Couldrettes erhielt. Möglich wäre, dass der Markgraf Rudolf von Hochberg, dem „zu eren vnd zu dienste“[15] Thüring die „Melusine“ verfasste, die „französische Vorlage nach Bern vermittelt“[16]. Jan-Dirk Müller fasst die übergeordneten Sinnzusammenhänge folgendermaßen zusammen:

„Die Übersetzung dokumentiert eine politische Allianz, stellt die Verbindung zu den glänzenden Fürstenhöfen des Westens her – Rudolf wir 1458 Rat und Kammerherr Philipps des Guten - , sie vermittelt Teilhabe an einer exklusiven Lebensform, wie sie die Spitzen der Berner Gesellschaft seit der Jahrhundertmitte zum Vorbild nahmen, und sie gibt Kunde von einer fernen, abenteuerlichen Welt.“

Müllers Feststellung kann dabei helfen, die Intentionen, die Thüring mit der Übertragung des Melusinenstoffes ins Deutsche verfolgte, zu beleuchten, denn, anders als bei Couldrette und d’Arras, gibt es zwischen Thüring und dem Melusinenstoff keine direkte Verbindung in Form eines aus dem Hause der Lusignan stammenden Auftraggebers mehr. Für die Thematik der Arbeit ist dabei einer der genannten Aspekte besonders interessant: „die Teilhabe an einer exklusiven“, sprich adligen „Lebensform“. Thüring gehörte zum aufgestiegenen Bürgertum und musste sich beispielsweise im so genannten Twingherrenstreit (1469-71) für seine Herkunft rechtfertigen und diese gegen die „gewöhnliche Bürgerschaft“[17] verteidigen.

Auch innerhalb der Melusine geht es um die Frage, welche Herkunft ein adliges Geschlecht besitzt und welche Einflüsse diese Herkunft auf die Entwicklung des Geschlechts ausübt. Das Adelsprädikat, auf das sich die mittelalterlichen Herrscher beriefen, muss an irgendeinem Punkt in der Geschichte erworben werden – es entsteht nicht aus dem Nichts. In der „Melusine“ ist es zur Hälfte eine Dämonenwelt, aus welcher sich das Geschlecht der Lusignan entwickelt. Warum sollte – so eine These für Thürings Übersetzungsintention – anstatt der Dämonenwelt keine bürgerliche oder gar bäuerliche Familie am Ursprung eines Herrschergeschlechts stehen.

Während die genealogische Bindung bei Jean d’Arras und Couldrette eng an das Haus Lusignan geknüpft ist, „wird die Situation des Textes“ bei Thüring von Ringoltingen „von dieser engen rituellen und genealogischen Bindung gelöst.“[18] Dadurch ändert sich Beate Kellner zufolge auch die kommunikative Funktion des Textes. Die historische Wahrheit der Ereignisse muss in besonderem Maße betont werden. „Die Geschichte wird zur hystori, die wie andere Prosaromane der Zeit von fremden und wunderlichen Dingen erzählt […].“[19]

[...]


[1] Kellner, B. (1999): Kontinuität der Herrschaft. Zum mittelalterlichen Diskurs der Genealogie am Beispiel des „Buches von Bern“. In: Müller, J.-D./Wenzel, H. (Hrsg.) Mittelalter. Neue Wege durch einen alten Kontinent. Stuttgart/Leipzig: Hirzel. S. 43.

[2] Ebd.

[3] Peters, U. (1999): Dynastengeschichte und Verwandtschaftsbilder. Die Adelsfamilie in der volkssprachigen Literatur des Mittelalters. Tübingen: Niemeyer. S. 2.

[4] Ebd. S. 3.

[5] Williams Scholz, G. /Schwarz, A. (2003): Existentielle Vergeblichkeit. Verträge in der Mélusine, im Eulenspiegel und im Dr. Faustus. Berlin: Erich Schmidt. S. 35.

[6] Vgl. Kellner, B. (2004): Ursprung und Kontinuität. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 398.

[7] Vgl. Müller, J.-D.: Kommentar zur Melusine. In: Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten. S. 122.

[8] Roloff, H.-G.: Nachwort zur Melusine von Thüring von Ringoltingen. In: Thüring von Ringoltingen: Melusine. In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Mit 22 Holzschnitten. Herausgegeben von Hans-Gert Roloff (2005). Stuttgart: Reclam. S. 160.

[9] Klinger, J. (2003): Gespenstische Verwandtschaft. Melusine oder die unleserliche Natur des adligen Geschlechts. In: Eming, J. / Jarzebowski, C. / Ulbrich, C. (Hg.): Historische Inzestdiskurse. Interdisziplinäre Zugänge. Königstein/Taunus: Helmer Verlag. S. 49.

[10] Vgl. Kellner (2004). S. 416.

[11] Roloff, H.-G. (1970): Stilstudien zur Prosa des 15. Jahrhunderts. Die Melusine des Thüring von Ringoltingen. Köln / Wien: Böhlau. S. 22.

[12] Roloff (2005). S. 157.

[13] Müller (…). S. 1020.

[14] Thüring von Ringoltingen: Melusine. In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Mit 22 Holzschnitten. Herausgegeben von Hans-Gert Roloff (2005). Stuttgart: Reclam. S. 140.

[15] Ebd. S.11.

[16] Müller (…). S. 1021.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Kellner (2004). S. 421.

[19] Ebd. S. 422.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640296347
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v124033
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Aspekte Darstellung Genealogie Thüring Ringoltingens Melusine Inzest Literatur

Autor

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