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Die Symbolik in Theodor Storms "Die Regentrude"

Seminararbeit 2006 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ziel dieser Arbeit

2. Die Regentrude in der Tradition des romantischen Märchens

3. Die Symbolik in Die Regentrude
3.1 Die Begriffe ‚Symbol’ und ‚Symbolik’
3.2 Die Symbolik
3.2.1 Die Hauptvertreter des männlichen Prinzips
3.2.2 Die Hauptvertreter des weiblichen Prinzips
3.2.3 Die Dominanz des männlichen Prinzips
3.2.4 Die Mittlerfunktion von Maren und Andrees
3.2.5 Der phantastische Teil
3.2.6 Die Hochzeit
3.2.7 Weitere Textstellen

4. Der vorausweisende Charakter von Die Regentrude

1. Ziel dieser Arbeit

Ziel dieser Arbeit ist das Interpretieren der wichtigsten Symbolik in Theodor Storms Märchen Die Regentrude. Zunächst wird jedoch kurz erörtert, inwieweit Storm mit diesem Werk in der Tradition der Märchen der Romantik steht.

2. Die Regentrude in der Tradition des romantischen Märchens

In einem Brief an seine Eltern am 29.12.1863[1] erklärt Storm, warum er sich in der Zeit um Weihnachten 1863 veranlasst sieht, sich der Gattung des Märchens zu bedienen: von einer Flucht „ins äußerste Reich der Phantasie“ aufgrund eines „unabweislichen Drang(es) zur Märchendichtung […] zur Erholung der unerbittlichen Wirklichkeit“ wegen der „schleswig-holstein. Verhältnisse“, also des damals herrschenden zweiten deutsch-dänischen Krieges, ist darin die Rede. Dass aber dieses Hinwenden zu einer in der Epoche des Realismus als trivial betrachteten, ja sogar verachteten Gattung[2] nicht einfach mir nichts, dir nichts kam, zeigt ein Brief vom 18.01.1864[3], in dem Storm an Hartmuth Brinkmann schreibt, dass er sich seit bereits zwanzig Jahren gewünscht habe, Märchen schreiben zu können. Märchen scheinen also auf ihn aus irgendeinem Grund eine besondere Faszination ausgeübt zu haben. Offenbar spielten Märchen in seiner Kindheit, die in die Zeit der Romantik fällt, für ihn eine sehr wichtige Rolle.[4] Da ist es natürlich nicht verwunderlich, dass er mit seinen eigenen Märchen an romantisch-phantastische anknüpft und in einer gewissen Tradition dieser Literaturform steht. Diese Erkenntnis unterstreichen beispielsweise Mayer & Tismar, die behaupten, dass sich Storm mit seinen Märchendichtungen unter den Autoren des Bürgerlichen Realismus am deutlichsten an romantischen Vorbildern orientiere.[5]

Wenn man sich nun speziell Die Regentrude anschaut, stellt sich die Frage, inwiefern dieses Werk Storms Merkmale aufweist, die für einen Bezug auf romantische Kunst- und Volksmärchen sprechen. Das zentrale Motiv in der Regentrude ist die Gegenüberstellung gegensätzlicher Prinzipien, mithin die „vollständig gespaltene Welt“. Diese Spaltung wird am Ende jedoch überwunden und das Märchen gipfelt „in einer phantastischen, prächtigen Vereinigung und Aufhebung aller Gegensätze“.[6] Hier ergibt sich bereits eine Beziehung, wenn man berücksichtigt, was Mayer & Tismar über das zentrale Thema romantischer Kunstmärchen schreiben:

Das zentrale Thema vieler romantischer Kunstmärchen ist der Versuch, nicht­ent­frem­­dete Weltverhältnisse […] mit einer durch die Reflexion hindurch wieder­er­lang­ten Unschuld zu imaginieren und die Entzweiung der Welt als wenigstens par­­tiell aufhebbar vorzustellen, ohne zu vergessen, daß diese Vorstellung Literatur ist.[7]

Darüber hinaus lassen sich natürlich direkte intertextuelle Bezüge der Regentrude zu bestimmten Märchen der Romantik feststellen. Dies betrifft sowohl Kunst- als auch Volksmärchen. Beispielhaft sei hier neben der auffälligen Ähnlichkeit des Feuermannes Eckeneckepenn mit dem Rumpelstilzchen die Verwandtschaft zu dem in die Sammlung der Gebrüder Grimm aufgenommenen Volksmärchen Frau Holle und dem von E.T.A. Hoffmann verfassten Kunstmärchen Der goldne Topf genannt.

So sorgt Frau Holle durch das Aufschütteln der Betten für den Schneefall in der Welt wie die Regentrude für den Regen. Beide Frauen ähneln einer Muttergottheit. Frau Holle erinnert an die Göttin „Freia, […] die als Frau Hulda über den Segen der Fluren wacht und in deren Reichen der Baum steht, der Silber und Gold abwirft, wenn man ihn schüttelt“[8]. Die Regentrude erinnert wahlweise an die Erdgöttin und Urmutter Nerthus beziehungsweise Nehalennia[9] oder bei Tax[10], der die Regentrude auch gleich mit Frau Holle vergleicht, ebenfalls an Freia und an „klassische Göttinnen wie Demeter oder Ceres“. Beide sind von der Welt aus durch einen geheimen Zugang in ihrem Unterwelt-Reich zu erreichen. Der Übergang von der oberen zur unteren Welt scheint bei der Rückkehr der Protagonisten in beiden Märchen mehr oder weniger schwellenlos. Außerdem spielt in beiden Märchen der Brunnen eine zentrale Rolle. Interessant ist auch die Etymologie des Wortes „Holle“, das offensichtlich von „Höhle“ abgeleitet ist und sich eigentlich auf das Reich der Frau Holle bezieht[11]. Dies lässt einen an den seltsamen Raum, den die Regentrude gemeinsam mit Maren betritt, denken. Und schließlich ist noch erwähnenswert, dass Frau Holle als „Begründerin des Spinnens“[12] gilt und Mutter Stine in der Regentrude mit eben einem Spinnrad zugange ist.

Mit Der goldne Topf hat Die Regentrude vornehmlich den Gegensatz zwischen dem Glauben an das Irreale und dem bürgerlichen Rationalismus, der alles Wunderbare als Humbug abtut, gemein. Prägnant ist bei beiden die starke Verwobenheit zwischen der Ebene des Realen und der des Irrealen, die bei Hoffmann vom gralshaften goldenen Topf sowie dem Garten-Eden-Atlantis-Reich des Salamanders gekrönt wird. Schließlich kann noch angeführt werden, dass in den zwei Märchen die sich feindlich gegenüber stehenden mythischen Hauptfiguren auf der einen Seite weiblichen und auf der anderen Seite männlichen Geschlechts sind.

3. Die Symbolik in Die Regentrude

In Storms Kunstmärchen Die Regentrude fällt dem aufmerksamen Leser die sehr hohe Dichte der Symbolik auf. Im Weiteren soll deshalb untersucht werden, welche konkreten Symbole Storm in der Regentrude verwendet.

3.1 Die Begriffe Symbol und Symbolik

An dieser Stelle soll zunächst einmal geklärt werden, was unter den Begriffen Symbolik und Symbol überhaupt zu verstehen ist. Im hier relevanten „übertragenen (metaphor.) Sinne“ steht Symbol

… für ein bildhaftes Zeichen, das über sich hinaus auf höhere geist. Zusammenhänge weist, für die Veranschaulichung eines Begriffes, als sinnl. Zeugnis für Ideenhaftes. […] Das S. […] ist ein Sinn-Bild, bei dem die Relation zwischen Sinn und Bild, zwischen dem Geistigen und der Anschauung offen­kundig ist. […] neben symbol. Zeichen finden sich auch symbol. Handlungen …[13]

Unter Symbolik in dem Zusammenhang hier ist die „Verwendung von Symbolen in Werken der Literatur“[14] zu verstehen.

3.2 Die Symbolik

3.2.1 Die Hauptvertreter des männlichen Prinzips

Eckeneckepenn, der Feuermann, wird von Andrees beschrieben als „ein knorpsiges Männlein im feuerroten Rock und roter Zipfelmütze“. Sein Kopf wird umschrieben als „Kürbiskopf“ oder „dicker Kopf“, der „überzulaufen scheint“, und seine Beine als „dünne Stäbchen“; obendrein hat er einen „roten Bart“. Einmal berichtet Andrees, dass er „die großen braunroten Hände auf dem Rücken gefaltet“ habe „und dabei die krummen Finger wie Spinnenbeine in der Luft“ spielten. Und einmal „blähte“ sich Eckeneckepenn „wie eine Kröte“. Diese Umschreibungen lassen keinen Zweifel am phallischen Charakter des Feuermanns, worauf zum Beispiel Hansen hinweist.[15] Dieses Aussehen dient natürlich der Unterstreichung des männlichen Prinzips, das der Feuermann auf der mythischen Ebene vertritt. Wie im Übrigen auch sein Name andeutet, der sich aus dem augenfälligen „Mann“ und dem zweiten Teil „Feuer“ zusammensetzt, zu dem Roebling[16] bemerkt, dass Freud Feuer als „aggressives phallisches Symbol“ deutete.

Ansonsten wird der Feuermann mit durchweg schlechten und unsympathischen, aber auch leicht lächerlichen Zügen belegt. Er ist es, der der Welt diese Dürre beschert hat und der böswillig Wasserzuber umwirft, dass Tiere verdursten. Seine Gestalt wird als „arg und mißgeschaffen“, sein Körper als „klumpig“ beschrieben und mit dem einer Kröte verglichen, wobei er gleichzeitig eine seltsam „schnarrende, quäkende Stimme“ hat und „wiehernd“ lacht. Der „Kobold“ hat „böse kleine Augen“, die höhnisch starren, und ein „arglistiges Lächeln“ und kommt überheblich und böse daher. Diente das Aussehen von Eckeneckepenn einerseits zur Bestärkung, dass dieser das patriarchalische Prinzip vertritt, so verdeutlicht es andererseits gemeinsam mit seinem Gehabe, dass dieses Prinzip in der Regentrude kein positives ist.

Freund, der Eckeneckepenn mit dem germanischen Feuergott Loki vergleicht, merkt an, dass durch die „unfreiwillig komischen Züge“ und auch schon durch den Namen des Kobolds, Eckeneckepenn, der ein „lästiger, aber im ganzen harmloser Plagegeist, bekannt aus norddeutschen Sagen“ sei, trotz seiner Bosheit und Gefährlichkeit schon zu Beginn sicher sei, dass er „am Ende unterliegen muss“[17].

Komplettiert wird das negative Bild des männlichen Prinzips von der Figur des Wiesenbauers, der nicht nur äußerlich – „der Wiesenbauer ist ‚dick’ und trägt eine ‚rote Weste’“[18] – dem Feuermann gleicht, sondern dessen Auftreten ebenfalls auf offensicht­lich negative Charaktereigenschaften wie Überheblichkeit, Niederträchtigkeit und Dumm­heit[19] schließen lässt.

Außerdem ist er – und damit seine Eigenschaften – als stellvertretend für das Kapital, auf jeden Fall das schnell Erworbene, zu sehen und verhält sich dünkelhaft, wenn er seine Tochter nicht mit dem Sohn der armen Nachbarin verheiraten will.

[...]


[1] Vgl. Goldammer, P. (Hg.): Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden. Bd. 1 Berlin 1978, S. 766

[2] Vgl. Scherer, G.: Theodor Storm. „Die Regentrude“. In: Rolf Tarot (Hg.): Kunstmärchen. Erzähl­mög­lich­kei­t­en von Wieland bis Döblin. Berlin 1993, S. 218

[3] Vgl. Goldammer, P. (Hg.): Theodor Storm. Briefe. Bd. 2 Berlin 1972, S. 438

[4] Vgl. Roebling, I.: Prinzip Heimat – eine regressive Utopie? Zur Interpretation von Theodor Storms „Regen­­trude“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 34 (1985), S. 55

[5] Vgl. Mayer, M. & Tismar, J.: Kunstmärchen. 4. Auflage. Stuttgart 2003, S. 121

[6] Vgl. Bendel, S.: Hochzeit der Gegensätze oder die Suche nach dem Weiblichen? Wasser- und Feuer­imaginationen in Theodor Storms „Regentrude“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 50 (2001), S. 70-71

[7] Mayer & Tismar, S. 55

[8] Lenz, F.: Bildsprache der Märchen. 4. Auflage. Stuttgart 1980, S. 209

[9] Vgl. Freund, W.: Rückkehr zum Mythos. Mythisches und symbolisches Erzählen in Theodor Storms Mär­chen „Die Regentrude“. In: Schriften der Theodor-Storm-Gesellschaft 35 (1986), S. 41

[10] Vgl. Tax, P. W.: Storms „Regentrude“ – auch eine nachdenkliche Geschichte. In: Modern Language Notes 97 (1982), S. 628

[11] Vgl. Lenz, S. 209

[12] Vgl. ebd.

[13] Schweikle, G.: Symbol. In: Schweikle, G. & Schweikle, I. (Hgs.): Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl. Stuttgart 1990, S. 450-451

[14] Schweikle, G.: Symbolik. In: ebd., S. 451

[15] Vgl. Hansen, H.-S.: Narzißmus in Storms Märchen. Eine psychoanalytische Interpretation. In: Schrif­ten der Theodor-Storm-Gesellschaft 26 (1977), S. 43

[16] Vgl. Roebling, S. 62-63

[17] Vgl. Freund, S. 40

[18] Bendel, S. 70

[19] Vgl. ebd., S. 68

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640281817
ISBN (Buch)
9783640284658
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123856
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
Symbolik Theodor Storms Regentrude Storm

Autor

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