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Doping als logische Konsequenz einer wachstumsgläubigen Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die symbolische Entweihung der Olympischen Spiele
2.1 Der 100 Meter Lauf – Olympische Königsdisziplin und Menschheitsrennen
2.2 Die wunderschöne Illusion der unbegrenzten menschlichen Leistungssteigerung
2.3 Olympische Spiele Seoul 1988 – Eine „olympische Zäsur“

3 Das Publikum als Wegbereiter des Dopings
3.1 Sportlicher Wettkampf als dramatisches Theater – Das Spannungserlebnis beim Zuschauer
3.2 Der Athlet als Held
3.3 Der Moment der Desillusionierung

4 Doping als Symptom einer sich verändernden Körperlichkeit
4.1 Der säkularisierte Körper
4.2 Gedopte Athleten als die Avantgarde der Verwirklichung einer Körperutopie

5 Fazit

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit widmet sich der Untersuchung der Dopingproblematik im Hochleistungssport. Allerdings soll es nicht Aufgabe sein, kommerzielle Interessen, die Athleten dazu verleiten, ihre Leistung künstlich zu steigern, oder gar das Dopingsystem, das von nationalen und internationalen Sportverbänden, Ärzten, der Pharmaindustrie und schlussendlich den Spitzensportlern getragen wird, in seiner ganzen Struktur zu durchleuchten. Vielmehr soll hier von Interesse sein, welche gesellschaftlichen Mechanismen Doping überhaupt zu einer so fundamentalen Bedeutung haben anwachsen lassen.

Die Olympischen Spiele im südkoreanischen Seoul im Jahr 1988 gelten allgemein hin als Zeitenwende in der Geschichte der Olympischen Spiele. Warum aber hat sich der Dopingskandal um den kanadischen Sprinter Ben Johnson, der in Seoul sowohl seine Goldmedaille als auch seinen gerade errungenen Weltrekord nach kurzer Phase des Triumphes verlor, mit einer solchen Nachträglichkeit in das kollektive Geschichtsgedächtnis der Welt eingebrannt, zumal Johnson beileibe nicht der erste und erst recht nicht der letzte Dopingfall in der langen Geschichte der Olympischen Spiele ist?

Um dieser Frage nachzugehen, soll eingangs ein Rückblick auf die Ereignisse während der Spiele in Seoul gegeben werden.

Im weiteren Verlauf widmet sich die vorliegende Arbeit der These, dass die Symbiose zwischen Hochleistungsathleten und dem sportinteressierten Publikum in nicht unbeträchtlicher Weise ursächlich für das Phänomen Doping im Leistungssport ist.

Abschließend soll das Verhältnis der modernen westlichen Zivilisation zum menschlichen Körper hinterfragt werden, um zu belegen, dass sich auch hier ganz entscheidende Ansätze finden lassen, warum Doping in einem solchen Ausmaß überhaupt Einzug in den Hochleistungssport und im weiteren Verlauf in die Alltagswelt halten konnte.

2 Die symbolische Entweihung der Olympischen Spiele

Eigentlich standen die Olympischen Spiele von 1988 in Seoul unter einem guten Stern. Acht Jahre zuvor waren gerade einmal 80 Nationen bei den ersten Olympischen Spielen in einem Sozialistischen Land, in Moskau, vertreten, nachdem die Vereinigten Staaten einen sichtlich erfolgreichen Boykottaufruf aufgrund des sowjetischen Einmarsches nach Afghanistan (1979) initiiert hatten.[1] Die Ostblockstaaten konterten, indem sie den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 mit Ausnahme Rumäniens und Jugoslawiens fernblieben. Die zweiten Olympischen Spiele in Los Angeles nach 1932 gerieten zur sportlichen Farce, weil viele Spitzenathleten und Medaillenanwärter aus dem Ostblock schlichtweg fehlten. Die Zukunft der Olympischen Idee stand auf dem Spiel und lief Gefahr, Opfer des Kalten Krieges zu werden. „Niemand konnte voraussagen, ob die Völker der Welt noch einmal ge­meinsam zum sportlichen Wettstreit zusammenkommen würden.“[2]

Die Olympischen Spiele von Seoul sollten die Wende bringen in einer Zeit der allgemeinen weltpolitischen Entspannung. Nach den Boykotten von Moskau und Los Angeles nahmen erstmals nach zwölf Jahren wieder 160 führende Sportnationen an den Olympischen Spielen teil. Beachtliche 27 Weltrekorde sollten der Welt bei diesen Spielen präsentiert werden; einer von ihnen gar in der unangefochtenen Königsdisziplin der olympischen Sportarten, dem 100 Meter Lauf der Herren.

2.1 Der 100 Meter Lauf – Olympische Königsdisziplin und Menschheitsrennen

Bei Olympischen Spielen findet sich eine Vielzahl von herausragenden Ereignissen, die sich fest in das kollektive Geschichtsbewusstsein der Menschen verankern.

Die bedeutendste Entscheidung jedoch, die unzählige Menschen alle vier Jahre weltweit fasziniert und elektrisiert, ist das Finale im 100 Meter Lauf der Männer, die Frage nach dem schnellsten Menschen der Welt.[3] Die 100 Meter waren schon immer das große Symbol dafür, dass der Mensch imstande ist, seine Leistung stetig zu steigern und über sich hinauszuwachsen. Stillstand, Grenzen mentaler und physischer Natur und Endlichkeit sind Begriffe, die diesem Gedanken diametral entgegenstehen und hier folglich keinen Platz finden.

„Es ist das Menschheitsrennen“[4], sagt der ehemalige Weltrekordsprinter Ben Johnson im August 2008 dem Magazin Der Spiegel in einem Interview anlässlich der Olympischen Spiele in Peking und betont damit die Symbolträchtigkeit des 100 Meter Laufes. Und tatsächlich, dieser Lauf ist zweifelsohne das sportliche Symbol für den Urknall der Menschwerdung, nämlich das sprichwörtliche Erlaufen und Erobern der Welt.

2.2 Die wunderschöne Illusion der unbegrenzten menschlichen Leistungssteigerung

Eben dieser Ben Johnson war es jedoch auch, der bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul die Illusion vom Menschen, der seine Leistung auf natürlichem Wege endlos zu steigern vermag, zunichte machte.

Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles vier Jahre zuvor konnte sich der kanadische Sprinter Johnson immerhin die Bronzemedaille sichern; Gold gewann der vierfache Olympiasieger von Los Angeles, der US-Amerikaner Carl Lewis. Bei den Weltmeisterschaften in Rom 1987 jedoch gewann Johnson bereits knapp vor Lewis, und zwar mit einer Weltrekordzeit von 9,83 Sekunden.[5]

So war es auch kein Wunder, dass sich die Aufmerksamkeit des Publikums im Olympiastadion von Seoul und unzähliger Fernsehzuschauer weltweit am 24. September 1988 trotz der übrigen sechs Finalteilnehmer beinahe ausschließlich auf das Duell zwischen Johnson und Lewis richtete, zumal letzterer seine erhoffte Goldmedaille medienwirksam seinem ein Jahr zuvor verstorbenen Vater widmete. Auch Johnson gab sich siegesgewiss, obwohl man von ihm bis dato erheblich ruhigere Töne als von seinem Konkurrenten Lewis gewohnt war, der dafür bekannt war, sich die Medien zunutze machen und sich perfekt in Szene setzen zu können.

Die übrigen Finalteilnehmer, der Brite Linford Christie, die beiden US-Amerikaner Calvin Smith und Dennis Mitchell, der Brasilianer Robson da Silva, der Kanadier Desai Williams und der Jamaikaner Raymond Stewart waren längst zu Statisten für das glamouröse „Duell der Giganten“, den Kampf zwischen Lewis und Johnson, degradiert.

Johnson ließ sie alle hinter sich, seinen persönlichen Widersacher Lewis eingeschlossen, und erlief sich die sichere Goldmedaille. Mit 9,79 Sekunden stellte er einen unfassbaren neuen Weltrekord auf der 100 Meter Bahn auf. Auf den letzten Schritten vor der Ziellinie wagte er noch einen Blick nach links, wo er Lewis vermutete, riss dann siegessicher den rechten Arm in die Höhe und feierte beim Übertreten der Ziellinie einen Triumph, der um die Welt ging. Weit abgeschlagen mit 9,92 Sekunden lief Lewis trotz seines Favoritenstatus als Zweiter über die Ziellinie; der Britte Linford Christie sicherte sich mit 9,97 Sekunden die Bronzemedaille.

In weniger als 10 Sekunden wurde Ben Johnson, der 1986 bereits zu Kanadas Sportler des Jahres gekürt wurde, zum Nationalhelden. Premierminister Brian Mulroney dankte ihm noch im Stadion über das Fernsehen für den „großartigen Auftritt“ und die Goldmedaille.[6] Immerhin lag Kanadas letzter Sieg im 100 Meter Lauf bereits sechzig Jahre zurück; 1928 gewann Percy Williams bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die bis dahin einzige Goldmedaille in dieser Disziplin.

Dass Williams Medaille bis zu Donovan Baileys Olympiasieg 1996 in Atlanta die einzige Goldmedaille für Kanada bleiben sollte, stellte sich nur zwei Tage nach Johnsons Triumph heraus. In seinem Urin fanden die Dopingkontrolleure das synthetische anabole Steroid Stanozolol und die Tragödie nahm ihren Lauf. Wenige Stunden später ersuchten Kanadas Offizielle Ben Johnson um die Rückgabe seiner Goldmedaille. Noch ehe das IOC auf einer Pressekonferenz am darauf folgenden Tag die kursierenden Gerüchte eines Dopingskandals bestätigen konnte, war Johnson bereits Hals über Kopf aus Seoul nach New York geflohen. In Kanada war der Fall Johnson inzwischen zu einem Politikum geworden. Gerade noch hatte Johnson von Premierminister Mulroney die nationale Weihe empfangen und nun bezeichnete ihn Kanadas Sportminister Jean Charest gar als „nationale Schande“[7] und belegte ihn mit einem lebenslangen Startverbot bei kanadischen Sportveranstaltungen.[8] Johnsons Entwicklung vom Nationalhelden zum „Staatsfeind“ hatte gerade einmal drei Tage gedauert.

2.3 Olympische Spiele Seoul 1988 – Eine „olympische Zäsur“

Natürlich war Doping auch 1988 kein neues, unbekanntes Phänomen im Hochleistungssport.

Die Idee, die sportliche Leistungssteigerung mit zugeführten Substanzen zu verbessern, ist so alt wie die Ernährungspraktiken der alten griechischen Sportler, die angeblich Kräuter, Sesamsamen, getrocknete Feigen und Champignons zum Zweck der Leistungssteigerung aßen.[9]

Und dennoch hatte mit den Olympischen Spielen in Seoul und im Besonderen mit dem Dopingskandal um Ben Johnson eine Zeitenwende stattgefunden, so dass das Magazin Der Spiegel bereits das Ende der olympischen Idee gekommen sah.

Als Johnson am vergangenen Dienstag auf dem New Yorker John F. Kennedy Airport fast erdrückt wurde, legten die aufgeregten Reporter bloß, wie antiquiert die olympische Idee des Baron Coubertin mittlerweile ist: Dabeisein ist inzwischen nichts, der Sieg ist alles, wie immer er erkämpft wurde.[10]

Ben Johnson wurde ungewollt zum Verkünder der Endlichkeit sportlicher Höchstleistung. Die Illusion stetiger menschlicher Leistungssteigerung war mit einem Schlag dahin. Johnsons Dopingbetrug zeigte der Welt, was im Grunde jedem bewusst sein musste, nämlich dass es tatsächlich für den Menschen eine Grenze gibt, nach der er ohne pharmazeutische Mittel nicht mehr schneller laufen, höher oder weiter springen konnte. Und eben diese Tatsache führte die „herrschenden wachstumsgläubigen Ideologien“[11] ad absurdum.

Das Problem war hausgemacht, behauptet der Sportmediziner Armin Klümper, denn die Leistungsnormen für die Olympiaqualifikation in Seoul orientierten sich an Zeiten und Weiten, die ohne pharmazeutische Unterstützung geradezu utopisch waren.[12] Doch diese Feststellung stellt in sich nicht etwa einen Widerspruch dar. Denn „zum Sport gehört unablösbar die Maxime, bis an die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit vorzustoßen und sie zu übersteigen bzw. neu zu definieren und immer weiter hinauszuschieben[...]“.[13]

[...]


[1] Vgl. im Folgenden Kruse (2004)

[2] Kruse (2004), S. 32

[3] Vgl. im Folgenden: Der Spiegel (03.10.1988), Nr. 40, S. 290-294

[4] Pfeil (2008), S. 116

[5] Vgl. im Folgenden: sporthelden.de (2008)

[6] Vgl. hierzu auch: Der Spiegel (03.10.1988), Nr. 40, S. 290-294

[7] Vgl. Huhn (1991), S. 63

[8] Vgl. hierzu auch: Huhn (1991), S. 63, (zitiert wird hier die Frankfurter Rundschau, 24.10.1988)

[9] Hoberman (1994), S. 125

[10] Der Spiegel (03.10.1988), Nr. 40, S. 290

[11] Ebd., S. 290

[12] Ebd., S. 291

[13] König (1996), S. 230

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640293308
ISBN (Buch)
9783640293568
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123788
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Olympische Spiele Ben Johnson Seoul 1988

Autor

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Titel: Doping als logische Konsequenz einer wachstumsgläubigen Gesellschaft