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Gehört die Türkei zum islamischen Kulturkreis im Sinne Huntingtons?

Hausarbeit 2008 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturkreise nach Huntington
2.1 Merkmale von Kulturkreisen
2.2 Der islamische Kulturkreis

3. Gehört die Türkei zum islamischen Kulturkreis?
3.1 Sprache
3.2 Geschichte
3.3 Religion
3.4 Sitten
3.5 Institutionen
3.6 Subjektive Identifikation

4. Fazit

Literatur

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Meistgesprochene Sprachen in den untersuchten islamischen Ländern

Tabelle 2: Bedeutung der Religion in den untersuchten islamischen Ländern

Tabelle 3: Religionszugehörigkeit in den untersuchten islamischen Ländern

Tabelle 4: Teilnahme an „religious services“ in den untersuchten islamischen Ländern

1. Einleitung

Im Zuge der EU-Erweiterung wurde in den letzten Jahren vermehrt die Diskussion geführt, ob die Türkei zu Europa gehört oder gehören könnte. Häufig wird das Land dabei als „Brücke“ bezeichnet oder als „zerrissen“. Einerseits handelt es sich um einen laizistischen Staat, der – zumindest teilweise – auf dem europäischen Kontinent liegt, andererseits unterscheidet sich die Türkei vom übrigen „Europa“ vor allem dadurch, dass das Land geprägt ist vom Islam. Oft wird in dieser Debatte Bezug genommen auf Samuel P. Huntington, der in seinem viel diskutierten Werk „The Clash of Civilizations“ die Welt in sieben bzw. acht Kulturkreise aufteilt. Europa bildet demnach zusammen mit Nordamerika, Australien und Neuseeland den westlichen Kulturkreis, dem die Türkei laut Huntington nicht angehört. Die Debatte um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei wird in dieser Hinsicht allerdings sehr einseitig geführt. Im Mittelpunkt steht stets nur die Frage, ob die Türkei zu Europa gehören kann. Wäre dies der Fall, müsste die Türkei nach Huntington Teil des westlichen und nicht des islamischen Kulturkreises sein. Um sich der Frage der Zugehörigkeit der Türkei zu nähern – eine eindeutige Klärung scheint in diesem Fall in weiter Ferne – muss das Problem aber notwendigerweise aus zwei Richtungen angegangen werden. Es darf nicht bei der Frage bleiben, ob die Türkei zu Europa als Teil des westlichen Kulturkreises gehört, sondern es muss anders herum genauso hinterfragt werden, ob die Türkei überhaupt – wie Huntington annimmt – zum islamischen Kulturkreis gezählt werden kann. Diese Arbeit versucht deshalb, sich der Türkei-Frage aus einer anderen als der üblichen Perspektive heraus zu nähern. Nicht die Frage nach einer Zugehörigkeit zu Europa oder zur EU soll behandelt werden, sondern die Frage, ob die Türkei zum islamischen Kulturkreis im Sinne Huntingtons gehört.

Dazu wird in Kapitel zwei zunächst Huntingtons Konzept der Kulturkreise vorgestellt und es werden die wesentlichen Merkmale, anhand derer sich Kulturkreise unterscheiden lassen, herausgearbeitet. Nach einer kurzen Einführung in den islamischen Kulturkreis wird dann in Kapitel drei für jedes Merkmal einzeln überprüft, ob die Türkei in den jeweiligen Punkten ein Teil des islamischen Kulturkreises sein kann. Da es bei einigen Merkmalen nicht möglich ist, einen Staat (die Türkei) mit einem ganzen Kulturkreis (dem islamischen) direkt zu vergleichen, werden in diesen Fällen die von Huntington vorgeschlagenen möglichen Kernstaaten des islamischen Kulturkreises als Vergleichseinheiten herangezogen.

2. Kulturkreise nach Huntington

Nachdem die Weltordnung, die während des Kalten Krieges bestand, zusammengebrochen ist, und nicht mehr durch die beiden Supermächte bestimmt wird, finden sich laut Huntington die Ordnungskomponenten in der heutigen komplexen Welt in und zwischen den Kulturen: „Die Welt wird auf der Grundlage von Kulturkreisen geordnet werden, oder sie wird gar nicht geordnet werden“ (Huntington 1997: 247). In der Welt nach dem Kalten Krieg sind laut Huntington die wichtigsten Unterscheidungen zwischen Völkern nicht mehr wie bisher ideologischer, politischer oder ökonomischer, sondern kultureller Art (vgl. Huntington 1997: 21). Die zentrale These Huntingtons lautet also: „Die Rivalität der Supermächte wird abgelöst vom Konflikt der Kulturen“ (Huntington 1997: 24).

Eine Kultur bzw. ein Kulturkreis bildet laut Huntington die größte kulturelle Einheit der Welt und somit „die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und die allgemeinste Ebene kultureller Identität des Menschen unterhalb der Ebene, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet“ (Huntington 1997: 54). Kulturkreise können demnach zwar etliche Untereinheiten besitzen, selbst aber zu keiner Einheit mehr zusammengefasst werden.

Der Mensch bezieht seine subjektive Identifikation aus der Zugehörigkeit zu diesen kulturellen Untereinheiten (zum Beispiel einer ethnischen Gruppe oder einer Nationalität), die immer nur Teile der bestehenden Kulturkreise sind. Die Identifikation des einzelnen mit einem Kulturkreis kann als die allgemeinste Ebene der Identifikation beschrieben werden. Sie dient dem Einzelnen als Quelle der Selbstdefinition und als Abgrenzung gegenüber anderen. Zugespitzt formuliert bedeutet das nach Huntington: „Kulturkreise sind das umfassendste ,Wir’, in dem wir uns kulturell zu Hause fühlen, gegenüber allen anderen ,Sie’ da draußen“ (Huntington 1997:54). Dabei haben Kulturkreise allerdings keine klar definierbaren Grenzen. Die verschiedenen Kulturen „wirken aufeinander ein und überlagern sich“ (Huntington 1997: 54). Kulturkreise unterliegen zwar dynamischen Prozessen von Veränderung, Anpassung, Weiterentwicklung und mitunter auch Niedergang, sind aber dennoch überaus langlebig und damit laut Huntington der „dauerhafteste aller menschlichen Zusammenschlüsse“ (Huntington 1997: 55).

Kulturkreise sind keine politischen, sondern kulturelle Einheiten, und übernehmen daher aktiv auch keine politischen Funktionen. Dennoch hat die Existenz von Kulturkreisen Auswirkungen auf die Weltpolitik: Die kulturelle Identifikation wird mit Hilfe von „Kernstaaten“ in politisches Handeln übersetzt. Jeder Kulturkreis besteht aus einer bestimmten Anzahl von Staaten mit ähnlichen kulturell-ethnischen Merkmalen. „Die Staaten dieser kulturellen Blöcke legen sich gerne wie ein konzentrischer Kreis um den Kernstaat oder die Kernstaaten, was dem Grad ihrer Identifikation mit und Integration in diesem Block entspricht“ (Huntington 1997: 246). Kernstaaten sind diejenigen, die innerhalb eines Kulturkreises eine Vormachtstellung gegenüber den anderen Staaten haben. Die Kernstaaten dienen als Quelle der Ordnung innerhalb der Kulturkreise und zwischen den Kulturen. Legitimiert wird ein Kernstaat durch kulturelle Gemeinsamkeit. Die Fähigkeit eines Kernstaates, sine Ordnungsfunktion wahrzunehmen, hängt davon ab, dass andere Staaten ihn als kulturell verwandt anerkennen (vgl. Huntington 1997: 248). „In der heute entstehenden globalen Politik werden die Supermächte des Kalten Krieges abgelöst von den Kernstaaten der großen Kulturkreise, die für andere Länder zum Hauptpol von Anziehung und Abstoßung werden“ (Huntington 1997: 246).

Huntington unterschiedet in der modernen Welt zunächst sieben Kulturkreise, führt später aber noch einen achten ein. Die großen zeitgenössischen Kulturkreise sind laut Huntington folgende (vgl. Huntington 1997: 57ff):

Der sinische Kulturkreis mit dem Kernstaat China umfasst „die gemeinsame Kultur Chinas und der chinesischen Gemeinschaften in Südostasien und anderswo außerhalb Chinas sowie der verwandten Kulturen Vietnams und Koreas“ (Huntington 1997: 58). Der japanische Kulturkreis besteht aus einem einzigen Staat, nämlich Japan, der somit zugleich Kernstaat ist. Der hinduistische Kulturkreis umfasst vor allem den indischen Subkontinent, geht aber auch über seinen Kernstaat Indien hinaus. Zum islamischen Kulturkreis zählt Huntington die arabische Halbinsel, Nordafrika, Teile Zentral- und Südostasiens sowie des indischen Subkontinents. Einen eindeutigen Kernstaat gibt es nicht. Als mögliche Kernsaaten nennt Huntington Indonesien, Ägypten, Iran, Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei. Der westliche Kulturkreis umfasst Europa mit den Kernstaaten Frankreich und Deutschland, Nordamerika, „sowie andere von Europäern besiedelte Länder wie Australien und Neuseeland“ (Huntington 1997: 60). Lateinamerika wurde ursprünglich ebenfalls dem westlichen Kulturkreis zugerechnet, da es sich aber auf einem anderen Weg entwickelt hat als Nordamerika und Europa, fügt Huntington einen eigenen lateinamerikanischen Kulturkreis an. Dieser erstreckt sich „von Mexiko, Mittelamerika, Peru und Bolivien einerseits bis nach Argentinien und Chile andererseits“ (Huntington 1997: 59). Auch ihm fehlt ein echter Kernstaat. Die Existenz eines eigenen afrikanischen Kulturkreises wird von Huntington zwar in Frage gestellt, nicht aber für völlig unrealistisch gehalten. Teile Afrikas sind zwar anderen Kulturkreisen zuzuordnen (Nordafrika beispielsweise dem islamischen), andere bilden eigenständige und unabhängige Kulturen (zum Beispiel Äthiopien). Dennoch verweist Huntington auf eine allmählich erwachende gemeinsame afrikanische Identität. Als möglicher Kernstaat für einen afrikanischen Kulturkreis käme laut Huntington Südafrika in Frage. Schließlich nennt er den eurasisch-orthodoxen Kulturkreis, der sich um den möglichen Kernstaat Russland gruppiert. Problematisch ist, dass Russland immer noch ein gespaltenes, wenn nicht gar zerrissenes Land ist. Die Frage, ob es sich der westlichen Zivilisation zurechnet oder das Zentrum eines eigenen, eurasisch-orthodoxen Kulturkreises bildet, ist nach wie vor ungeklärt (vgl. Huntington 1997: 224).

2.1 Merkmale von Kulturkreisen

Wie wir oben bereits gehört haben, definiert Huntington einen Kulturkreis als „die höchste kulturelle Gruppierung von Menschen und die allgemeinste Ebene kultureller Identität des Menschen unterhalb der Ebene, die den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet“ (Huntington 1997: 54). Ziel dieser Arbeit ist es, die Zugehörigkeit eines bestimmten Landes – der Türkei – zu einem bestimmten Kulturkreis – dem islamischen – zu überprüfen. Hierfür muss zunächst genau festgelegt werden, wie sich die Zugehörigkeit zu einem Kulturkreis manifestiert. Die relativ abstrakte Definition von Huntington, was ein Kulturkreis sei, hilft dabei nicht weiter. Es müssen statt dessen Kriterien gefunden werden, anhand derer sich konkret messen lässt, ob ein Land einem Kulturkreis zuzurechnen ist oder nicht. Die Frage ist also: Wodurch unterschiedet sich ein Kulturkreis von einem anderen? Huntington führt nach der obigen Definition weiter aus: „Sie [die allgemeinste Ebene kultureller Identität, sprich der Kulturkreis Anm. d. Verf. ] definiert sich sowohl durch gemeinsame objektive Elemente wie Sprache, Geschichte, Religion, Sitten, Institutionen als auch durch die subjektive Identifikation der Menschen mit ihr“ (Huntington 1997: 54). Dementsprechend gehören zu einem Kulturkreis diejenigen Staaten, welche sich durch ähnliche Merkmale im Bezug auf Sprache, Geschichte, Religion, Sitten und Institutionen auszeichnen und darüber hinaus ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl besitzen. Wichtigstes Kriterium ist dabei laut Huntington die Religion. Die Menschen definieren sich letztlich über ihren Glauben, Huntington bezeichnet die Religion deshalb auch als den „wahrscheinlich tiefgreifendste[n] Unterschied, den es zwischen Menschen geben kann“ (Huntington 1997: 414). Anhand eben dieser Kriterien soll im Folgenden überprüft werden, ob die Türkei zum islamischen Kulturkreis gehört. Nachdem in Kapitel 2.2 zunächst der islamische Kulturkreis vorgestellt wird, wird anschließend für jedes der Kriterien einzeln untersucht, ob die Türkei in den jeweiligen Punkten essentielle Gemeinsamkeiten mit dem islamischen Kulturkreis, bzw. seinen möglichen Kernstaaten, aufweist oder nicht.

2.2 Der islamische Kulturkreis

Die Existenz eines islamischen Kulturkreises wird laut Huntington von allen bedeutenden Wissenschaftlern anerkannt (vgl. Huntington 1997: 58). Er breitete sich ab dem siebten Jahrhundert, von der arabischen Halbinsel ausgehend über Nordafrika und die Iberische Halbinsel sowie nach Zentralasien, auf dem indischen Subkontinent und in Südostasien aus. Eine Folge dieser Entstehung durch allmähliche Ausbreitung sind viele eigene Kulturen oder Sub-Kulturen innerhalb des Islam (z.B. die arabische, die türkische, die persische und die malaiische) (vgl. Huntington 1997: 58f). Huntington verzichtet auf eine Aufzählung aller Nationalstaaten, die er zum islamischen Kulturkreis zählt. Kulturkreise richten sich nicht unbedingt nach Landesgrenzen sondern sind dynamisch und können sich überlagern und verschieben.

Die Struktur der politischen Loyalität unter den Muslimen unterscheidet sich laut Huntington wesentlich von der des modernen Westens: während im Westen der Nationalstaat das höchste Objekt politischer Loyalität ist, sind die zwei fundamentalen loyalitätsbestimmenden Strukturen im Islam auf der einen Seite die Familie, die Sippe, der Stamm und auf der anderen Seite Kultur, Religion und Reich (vgl. Huntington 1997: 280). Tribalismus und Religion sind nach wie vor mit die wichtigsten Faktoren, die die arabische politische Kultur und arabische Mentalität prägen. Die stärkste einigende Kraft ist der Islam. „Im Islam sind die kleine Gruppe und der große Glaube, der Stamm und die ummah, Grundlage von Loyalität und Bindung gewesen, während den Nationalstaaten viel weniger Bedeutung zukommt“ (Huntington 1997: 281). Tibi beschreibt die ummah folgendermaßen: „ Umma bedeutet im traditionellen Islam die Einheit aller Muslime. Die Kernbevölkerung des Islam, Araber, Türken und Perser, gehören zum Beispiel zur selben Umma, obwohl sie ethnisch, sprachlich und kulturell verschieden sind“ (Tibi 1999: 37).

In den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts war laut Huntington sowohl ein Aufschwung des Islam in den einzelnen Ländern, als auch eine verstärkte Identifikation mit dem islamischen Kulturkreis zu beobachten (vgl. Huntington 1997: 281). Das Wiedererstarken der Religion, die so genannte „Resurgenz des Islam“ war auch in den neunziger Jahren deutlich zu spüren: „1995 war mit Ausnahme des Iran jedes Land der Welt mit überwiegend muslimischer Bevölkerung in kultureller, sozialer und politischer Hinsicht islamischer und islamistischer geworden, als es fünfzehn Jahre zuvor gewesen war“ (Huntington 1997: 171). Auch eher säkulare Staaten wie die Türkei legen dabei eine zunehmende Sensibilität und Besorgnis in Bezug auf islamische Fragen an den Tag (vgl. Huntington 1997: 169).

Die Umsetzung islamischen Bewusstseins in islamischen Zusammenhalt birgt laut Huntington jedoch zwei Paradoxa (vgl. Huntington 1997: 283f): Erstens zerfällt der Islam in mehrere konkurrierende Machtzentren, vor allem in etablierte Regime und ihre Organisationen einerseits und islamistische Regime und ihre Organisationen andererseits. Zweitens: „Die Idee der ummah setzt die Illegitimität des Nationalstaates voraus, und doch ist die ummah nur durch das Handeln eines oder mehrerer starker Kernstaaten zu einigen. Doch diese gibt es heute nicht“ (Huntington 1997: 284). Das Ende des osmanischen Reichs ließ den Islam ohne Kernstaat zurück. Die Gebiete wurden unter westlichen Mächten aufgeteilt. Nach deren Rückzug blieben fragile Staaten zurück, die nach einem westlichen Vorbild geformt waren, das den Traditionen des Islam fremd war. „Daher hat im 20. Jahrhundert meistens kein muslimisches Land genügend Macht und genügend kulturelle und religiöse Legitimität besessen, um diese Rolle zu übernehmen und von anderen islamischen Staaten und nichtislamischen Ländern als führende Macht des Islam anerkannt zu werden“ (Huntington 1997: 284f).

Dem islamischen Kulturkreis fehlt also bis heute ein anerkannter Kernstaat. Zwar gibt es ein zunehmend gemeinsames Bewusstsein, eine gemeinsame politische Struktur ist aber nur ansatzweise vorhanden. Huntington benennt sechs Staaten, die als Kernstaaten für den islamischen Kulturkreis in Frage kommen, von denen gegenwärtig jedoch keiner die notwendigen Voraussetzungen erfüllt: Indonesien ist zwar das größte muslimische Land und zeichnet sich durch ein rapides Wirtschaftswachstum aus, liegt aber für einen Kernstaat zu weit ab vom arabischen Zentrum des Islam. In Indonesien wird außerdem ein eher gemäßigter Islam praktiziert, der mit anderen asiatischen Einflüssen durchmischt ist. Ägypten scheint als arabisches Land mit einer großen Bevölkerung, seiner zentralen, strategisch wichtige Lage im nahen Osten und seiner führenden Institution islamischer Gelehrsamkeit (der Al-Azhar-Universität) zunächst prädestiniert, um als islamischer Kernstaat zu agieren. Allerdings ist Ägypten ein eher armes Land und wirtschaftlich abhängig von den USA, westlich kontrollierten internationalen Organisationen und den erdölreichen arabischen Staaten. Iran, Pakistan und Saudi-Arabien sind ebenfalls ausdrücklich muslimische Länder, die in der Vergangenheit massive Versuche unternommen haben, Einfluss auf die ummah auszuüben und in ihr die Führung zu übernehmen. Die Förderung von Organisationen, die Finanzierung von islamischen Gruppen, die Unterstützung der Kämpfer in Afghanistan und das Umwerben muslimischer Völker Zentralasiens zeigen deutlich die Bemühungen dieser Staaten, eine führende Rolle im Islam einzunehmen. Der Iran eignet sich zusätzlich durch seine Größe, seine zentrale Lage, die große Bevölkerung, seine historische Tradition, die vorhandenen Ölressourcen und die immerhin mittlere wirtschaftliche Entwicklung. Der Grund, warum der Iran wohl dennoch kaum als Kernstaat fungieren kann, ist der, dass 90 Prozent der Muslime weltweit Sunniten sind, während der Iran schiitisch ist. Persisch, die Amtsprache des Iran, liegt weit hinter dem Arabischen als Sprache des Islam und die Beziehung zwischen Persern und Arabern war in der Geschichte stets von Gegensätzen geprägt. Pakistans Bemühungen um eine Vormachtstellung werden positiv beeinflusst durch die Größe des Landes und der Bevölkerung sowie durch seine militärischen Fähigkeiten. Pakistans Führer haben konsequent versucht, eine führende Rolle im Islam einzunehmen. Gründe dafür, dass es ihnen bisher nicht gelungen ist, sind die weit verbreitete Armut, schwere innere ethnische und regionale Zwistigkeiten, sowie seine politische Instabilität und die Fixierung auf sein Sicherheitsproblem gegenüber Indien. Saudi-Arabien kann durchaus als die ursprüngliche Heimat des Islam bezeichnet werden. Hier liegen unter anderem die größten Heiligtümer des Islam. Saudi-Arabien verfügt über die größten Ölreserven der Welt und entsprechenden finanziellen Einfluss. Die Regierung hat die saudische Gesellschaft streng im Sinne des Islam geformt, in den siebziger und achtziger Jahren war Saudi-Arabien ohne Zweifel der einflussreichste Einzelfaktor in der muslimischen Welt, das Land gab Milliarden für die Unterstützung muslimischer Anliegen in der ganzen Welt aus. Wegen seiner kleinen Bevölkerung und der geographischen Verwundbarkeit ist Saudi-Arabien allerdings in Sicherheitsfragen vom Westen abhängig und konnte sich deshalb nicht als islamischer Kernstaat behaupten.

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Details

Seiten
34
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640290055
ISBN (Buch)
9783640290192
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123665
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Gehört Türkei Kulturkreis Sinne Huntingtons Seminar Weltkultur Weltkulturen

Autor

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