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Transnationale Netzwerke der indischen Diaspora

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 23 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Forschungsstand
2.1 Definitionen
2.2 Diapora-Konzepte

3. Die Indische Diaspora
3.1 Entstehungsphasen
3.2 Diaspora in der Diaspora
3.3 Religion und kulturelle Identität

4. Transnationale Netzwerke
4.1 Erhalten: Kollektive Identität und Solidarität
4.2 Schützen: Innen- und außenpolitische Interessenvertretung
4.3 Fördern: Unterstützende Kommunikationsmittel

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

Anhang

1. Einleitung

“Die neue Daseinsform heißt Diaspora“ so titelte Die Welt über ein Symposium „Diaspora Today – Heimat unterwegs“[1]. Ulrich Beck[2], Mitinitiator des Symposiums, sagt: „Menschen, die in der Diaspora leben, sind an mehreren Orten zu Hause und kennen gleichzeitig mehrere Loyalitäten. Früher betraf diese Existenzform nur Minderheiten, doch wir erleben eine Demokratisierung und Verallgemeinerung dieses Phänomens“ und Steven Vertovec ergänzt: „Dieser Begriff wird von den betreffenden Personen selbst gewählt, weil sich bei Ihnen die Gewissheit, eine Minderheit zu sein, mit dem Gefühl verbindet, fern der Heimat zu leben“.

Für eine globalisierte Welt, in der kulturelle Vielfalt der Menschen zum Selbstverständlichen wird, können die durch die unterschiedlichsten Diasporas seit Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen sehr wertvoll sein. Cohen bezeichnet die Diaspora als die heute günstigste Lebensform um sich an die veränderten globalen Umweltbedingungen anzupassen und Kotkin sieht im globalen wirtschaftlichen Erfolg fünf „Global Players“ bzw. Weltstämme agieren: Chinesen, Juden, Japaner, Angelsachsen und Inder. Die indische Diaspora wird als die Idealform einer erfolgreichen Labour-Diaspora (Cohen 1997) gesehen.

In meiner Arbeit möchte ich speziell auf die Transnationalen Netzwerke der indischen Diaspora in der Dreiecksbeziehung mit den Bezugspunkten Heimatland, Residenzland und Diaspora eingehen. Wie organisiert die indische Diaspora ihre intra- und extrakommunale Interessenvertretung? Wie gelingt es Ihnen, ihre kulturelle Identität zu wahren, welche Bedeutung spielen hierbei die modernen (Massen)Medien und welche politischen Einflussmöglichkeiten nimmt die indische Diaspora wahr? Welche Faktoren lassen sich hieraus zur Erklärung des weltweiten wirtschaftlichen Erfolg dieser Diaspora ableiten?

Zunächst werde ich auf das Konzept Diaspora und einige nötige Definitionen eingehen um anschließend der Entstehung, Religion und kulturellen Identität der indischen Diasporagemeinschaften nachzugehen. Ich werde exemplarisch aufzeigen, wie diese Netzwerke funktionieren und welche unterstützenden Kommunikationsmittel herangezogen werden um einen Erklärungsversuch des Erfolges der indischen Diaspora aufzuzeigen.

2. Forschungsstand

2.1 Definitionen

Der Begriff Diapora stammt aus dem griechischen Sprachgebrauch (=diaspeirein) und bedeutet „Zerstreuung“. Ursprünglich wurden so Minderheiten bezeichnet, die zwangsweise aus ihrer ursprünglichen Heimat vertrieben wurden und dann zerstreut über alle Teile der Welt in fremden Staaten lebten, wie „Sporen“ oder „Samen“ von der Elternpflanze weg zur Reproduktion des Organismus (Tölölyan 1996: 10). Ursache für diese zwangsweise Vertreibung waren meist Kriege oder Verfolgung wegen Zugehörigkeit zu ethnischen oder religiösen Minderheiten[3].

Speziell angewendet wurde der Ursprungsbegriff Diaspora auf das Volk der Juden und dehnte sich auf die christliche (als Beispiel seien hier die Amish oder Mennoiten genannt), die afrikanische (ursprünglich aus der Sklaverei entstandene), die irische ((Armuts-)Flüchtlinge und politisch Verfolgte Iren) aber auch armenische, die südostasiatische und chinesische Diaspora, die islamische – oder auch z.B. die indianische Diaspora aus.

„Klassische“ Diasporas entstanden auch durch große Migrations- und Flüchtlingsbewegungen im 20. Jahrhundert, ausgelöst durch Kriege, ethnische Verfolgung, Nationalismus oder Rassismus. Die „modernen“ Diasporas, z.B. die sogenannten „Labour-Diasporas“, wie heute teils die chinesische oder die indische Diaspora bezeichnet werden, bilden sich z.B. auch aus ökonomischen Gründen, zumindest fehlt das Merkmal der zwanghaften Vertreibung.

Im Residenzland gilt es, eine Ausgewogenheit zwischen den beiden Extremen von vollständiger Assimilation[4] einerseits und freiwilliger oder erzwungener Ausgrenzung (Exklusion) andererseits hin zur ausgewogenen Integration[5] dieser Minderheitengruppen in der Mehrheitsgesellschaft herzustellen.

2.2 Diapora-Konzepte

Tölölyan (1996) unterscheidet zwischen „alten“ bzw. klassischen und „neuen“ Diasporakonzepten: Die klassischen Konzepte von Diaspora definieren „Zwang“ als Grund der Heimatlosigkeit: Vertreibung, Entwurzelung, Leid. Die neuen Konzepte sehen Diaspora als einen durch Globalisierung entstandenen Normalzustand an: Jeder fühlt sich in irgend einer Form „displaced“, allerdings mit positiver Sinndeutung hin zu Mobilität, Flexibilität und Weltoffenheit.

Signifikante Merkmale einer „modernen“ Diaspora nennt Moosmüller (2002), unter Bezugnahme auf Clifford (1994), Cohen (1997), Hettlage (1993), Sheffer (1995), Shuval (2000) und Tölölyan (1996), wie folgt:

- Es müssen wichtige Gründe bestanden haben, dass Heimatland zu verlassen (nicht nur Vertreibung nach dem klassischen Konzept, sondern z.B. auch die Suche nach neuen Lebenschancen).
- Institutionen und Netzwerke existieren, um den sozialen Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und gleichzeitig eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber dem Residenzland zu ermöglichen.
- Die Diaspora-Gemeinde grenzt sich durch entwickelte Werte, Traditionen und Praktiken deutlich von der (Mehrheits-)Kultur ab bzw. unterscheidet sich auffällig von dieser.
- Ein kollektives Bewusstsein der eigenen Kultur herrscht vor.
- Als wichtiger Bezugspunkt existiert Heimat, u.a. durch das Bedürfnis, sich für die Belange des Heimatlandes einzusetzen; ein latenter Rückkehrwunsch besteht und/oder das Heimatland wird idealisiert und mystifiziert.
- Ein Minoritätengefühl bzw. „Nicht-akzeptiert-sein-Gefühl“ gegenüber dem Residenzland herrscht vor.
- Eine Heimatsehnsucht besteht („homing desire“)
- Eine duale Loyalität gegenüber Herkunfts- als auch Residenzland möchte oder muss erfüllt werden, dies wird als Zwiespalt erlebt.
- Eine co-ethnische Solidaritätserwartung gegenüber anderen Diasporagemeinden der eigenen Ethnie und über Ländergrenzen hinweg existiert. Dies führt zur Bildung transnationaler Netzwerke.
- Eliten und bewusste Einflussnahme zur Aufrechterhaltung der Diaspora-Gemeinschaft existieren.
- Sie eine nicht zu kleine Anzahl von Menschen umfasst und dauerhaft besteht, also nicht durch Intermarriage oder Assimilation aufgelöst wird.

Robin Cohen (1997) entwickelte eine typologische Klassifikation von Diaspora (vgl. Abb. 1) und steht stellvertretend für eine Reihe von Versuchen, mit Hilfe von Klassifikationen einen Vergleich unterschiedlicher Fälle zu ermöglichen.

Abb. 1: Diaspora-Typen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Cohen 1997)

Das Problem, das sich hier stellt ist, dass meist eine Zuordnung zu mehreren Kategorien - z.B. durch einen Wandel im historischen Verlauf - möglich ist. So kann die indische Diaspora sowohl dem „Trade“, als auch „Labour“ oder „Cultural“-Diasporatyp zugeordnet werden.

Cohens Typologie widerspricht Waltraud Kokot (2002) vom Hamburger Institut für Ethnologie, welche intensive vergleichende lokale Feldforschungen zum Begriff der Diaspora durchführt, allerdings von offenen Arbeitsdefinitionen zum Begriff Diaspora im Dreiecksverhältnis Diaspora, Residenzland und Heimatland ausgeht: „alle Gruppen, die von einem Zentrum aus in mehr als einem Ort verstreut sind und die ein Bewusstsein kultureller Gemeinsamkeit und soziale Vernetzungen mit anderen Gemeinden der selben Diaspora aktiv aufrechterhalten“ (Kokot 2002: 35). Relevante Elemente sind hier das Element der Zerstreuung, die Selbstwahrnehmung als kulturelle Gemeinschaft und die Praxis sozialer Beziehungen (institutionelle Ebene und/oder Ebene persönlicher Netzwerkbeziehungen). Sie definiert Diaspora aufgrund ihrer Ergebnisse wie folgt: „Diaspora steht als Paradigma für alle Formen von Migration [...] über Generationen hinweg – transnationale und weltweite Netzwerke und eigenständige kulturelle Identitäten aufrecht erhalten.“; „Die historischen Beispiele [...] wirken als Vorbild für viele Gruppen ...“; „Zu den entscheidenden Faktoren [...] gehört der Bezug auf eine gemeinsame Geschichte und sehr oft auf die Religion [...] gerade die Konstruktion von neuen religiösen Formen und Gemeinschaften, denen für den Aufbau und Erhalt von Diasporaidentität eine große Bedeutung zukommt.“; „...kommt dem Faktor Lokalität - Orte als einschränkende Bedingung ebenso wie symbolische Ortsbezogenheit – auch weiterhin eine wichtige Bedeutung zu.“

Als verbindendes Merkmal wirkt die starke symbolische und organisatorische Beziehung zum Herkunftsland und zu anderen Diaspora-Gemeinden weltweit. Sprache und Religion spielen eine weitere zentrale und verbindende Rolle in der Konstruktion einer kollektiven kulturellen Identität. Sie beruht auf dem Bewusstsein der eigenen Wurzeln und dient dem Erhalt und der Neudefinition gemeinsamer kultureller Faktoren wie Sprache, Religion, Geschichte, Werte und Traditionen. Dadurch wird die soziale Identität durch Zugehörigkeit zu einer Ethnie gestärkt.

Drei Faktoren lassen sich für den besonderen ökonomischen Erfolg ableiten: 1) Als Basis für Solidarität und Schutz zeigt sich eine ausgeprägte kollektive Identität; 2) Der Stellenwert der Bildung und Neugier bzw. Wissbegier um kulturelles Kapital zur Existenzsicherung zu erwerben und gezielten Wissen- und Know-how-Transfer desselbigen und 3) das vorteilhafte ökonomische Profil welches u.a. auf der Unabhängigkeit zu lokalen oder staatlichen Organisationen beruht und eine Verstärkung durch transnationale Netzwerke erfährt, da hier Selbsthilfemaßnahmen und Risikominimierung unterstützend wirken (Kotkin 1996, Cohen 1997).

Unter Hinzunahme der Kriterien gruppenspezifischer Interessenvertretung mittels transnationaler Netzwerke werde ich die indische Diaspora auf diese Faktoren hin genauer betrachten.|

[...]


[1] Sigler, Sebastian: “Die neue Daseinsform heißt Diaspora. Über die Globalisierung eines Phänomens” – In: Die Welt, 19. Juli 2003.

[2] Ulrich Beck, Soziologe, lehrt in Münchnen an der London School of Economics (LSE).

[3] Man unterscheidet zwischen ethnischen und nationalen Minderheiten. Eine Ethnie ist eine Volksgruppe, die sich über eine eigene Sprache, Geschichte, Kultur, eventuell mit eigenen Institutionen, einem bestimmten Siedlungsraum (Territorium) usw. von anderen Ethnien abgrenzt und deren Mitglieder sich ihrer Einheit und Zusammengehörigkeit bewusst sind. Somit sind ethnische Minderheiten Volksgruppen, die auf dem Territorium eines Staates leben, der mehrheitlich von einer anderen Volksgruppe gebildet wird. Im Gegensatz zu einer nationalen Minderheit verfügt eine ethnische Minderheit nicht über ein "Mutterland", in dem dieselbe Ethnie das staatstragende Volk bildet (vgl. www.wikipedia.de).

[4] Der Begriff Assimilation, aus der Soziologie/Sozialpsychologie kommend, bezeichnet den Prozess der Anpassung an das soziale Umfeld und den biologischen Prozess der Vermischung. Daher wird der Begriff oft im Zusammenhang mit Einwanderern in ein Land verwendet, die sich im Laufe von Generationen auch im biologischen Sinne in die einheimische Bevölkerung einfügen. Die Assimilation wird in der soziologischen Literatur auch als Endphase des Prozesses der Akkulturation angesehen (vgl. www.wikipedia.de)

[5] Integration meint nach sozialpolitischem Verständnis den Prozess, durch den bisher außen stehende Personen oder Gruppen zugehörige Glieder einer größeren sozialen Gruppe oder auch Gesellschaft werden sollen. Es handelt sich dabei nicht nur um eine reine Assimilation (völlige Anpassung) an ein bereits bestehendes 'Ganzes', sondern um die kombinatorische Schaffung eines neuen Ganzen unter Einbringung der Werte und Kultur der außen stehenden Gruppe in die neue Gesellschaft, bei Erhalt einer eigenen 'Identität' (vgl. www.wikipedia.de).

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640281497
ISBN (Buch)
9783640284382
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123609
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Insitut für interkulturelle Kommunikation
Note
1,0
Schlagworte
Transnationale Netzwerke Diaspora Handlungsrahmen

Autor

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