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Der Missbrauch von Runen im Dritten Reich

Hausarbeit 2002 14 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen für die Entwicklung der Runensymbolik im Dritten Reich

3. Die Entstehung des Runenalphabetes nach nationalsozialistischer Auffassung

4. Die Bedeutung der Runen im Dritten Reich

5. Institutionen zur Erforschung und Popularisierung der Runen
5.1. Das Amt Rosenberg
5.2. Das Ahnenerbe
5.3. Die SS

6. Abschließende Beurteilung zum Missbrauch der Runen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Runenkunde im Dritten Reich und deren Steuerung durch den Nationalsozialismus. Im zweiten Kapitel skizziere ich die Grundlagen für die Entwicklung einer Runensymbolik, wobei ich dabei von der völkisch-esoterischen Bewegung als richtungsweisend ausgehe. Im dritten Kapitel behandle ich die Unterschiede und Ähnlichkeiten der Theorien einiger mir als repräsentativ für die damalige Forschung erscheinenden NS-Runenkundler über die Entstehung des Runenalphabets. Im Folgenden erläutert das vierte Kapitel die Bedeutung der Runen im Dritten Reich anhand ihrer Verwendung als Sinnzeichen bei gesellschaftlichen Feiern und innerhalb politischer Organisationen. Anschließend gehe ich im fünften Kapitel auf die Institutionen zur Erforschung und Popularisierung der Runen näher ein, indem ich jeweils die Struktur, die Zielsetzung und die Charakteristika des Amtes Rosenberg, des Ahnenerbes und der SS darzustellen versuche.

Abschließend gelange ich im fünften Kapitel zu einer eigenen Beurteilung zum Missbrauch der Runen.

Als zentrale Informationsquellen dieser Arbeit zähle ich aufgrund ihrer umfassenden Darstellung und der breiten Quellenlage, auf die sie sich stützen, die Arbeiten von Ulrich Hunger und Karlheinz Weissmann. Zu Weissmann möchte ich noch anmerken, dass mir seine rechtspolitische Einstellung bei der Lektüre seines Buches vor Augen war und ich mich um eine kritische Auseinandersetzung bemüht habe. Ferner zog ich die Arbeit Katers über das Ahnenerbe hinzu und benutzte das Buch von Fest in Bezug auf die SS und die Figur Heinrich Himmler. Mit Guido Lists „Geheimnis der Runen“ erhielt ich Einblick in die völkisch-okkulte Lehre. Andersson und Enoksen beleuchten das Thema aus schwedischer Sicht und bieten jeweils eine auf den Punkt gebrachte Zusammenstellung der wesentlichen Fakten das Thema betreffend.

2. Grundlagen für die Entwicklung einer Runensymbolik

Die dem Nationalsozialismus zugrunde liegende Kernidee einer Völkerhierarchie mit den Ario- Germanen als herrschende Rasse an der Spitze entwickelte sich aus der völkisch-okkultistischen Bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihr wichtigster Vertreter war der erste völkische Schriftsteller Guido List (auch „von List“, wie er sich selbst nannte). Er lebte von

1848 bis 1919 in Wien und Berlin und galt als Begründer der Runen-Esoterik und der Ariossophie, die die Lehre von der höheren Rasse der aus Nordeuropa stammenden Arier bezeichnete und die Verbindung zur nordischen Mythologie und Sagenwelt herstellte. Im Mittelpunkt seiner Runenkunde stand das Armanen-Futhark, das er selbst entwarf und das 18 Zeichen enthielt. Die Zeichenzahl entsprach den 18 Strophen des Odin-Liedes der „Edda“-Saga, in dem - nach Lists Auslegung - der germanische Gott Wuotan die Richtlinien für einen völkisch-okkulten Glauben bestimmt hatte. Dieses okkultistische Runensystem wurde von anderen Gruppen dieser Bewegung wie dem Germanenorden oder der Thule-Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts übernommen[1].

Hitler trat zum ersten Mal in Wien in Kontakt mit antijudaistischer, völkischer Literatur und verkehrte dort in den Kreisen der Vertreter dieser Ideologie, zu denen neben List auch Jörg Lanz von Liebenfels gehörte. Nach der Machtergreifung verbat Hitler hingegen alle Geheimgesellschaften (okkulte Gruppierungen gehörten aufgrund der Bedeutung des Wortes okkult = verborgen zu dieser Kategorie) aus Angst vor Verschwörung und zugunsten der Gleichschaltung des Volkes. Hitler übernahm dennoch einige völkische Runenzeichen, wobei er die gesamte Symbolik vereinheitlichte und vereinfachte. Dadurch konnte er den zweifelhaften Ursprung dieser Runenlehre verdecken und bot somit weniger Angriffsfläche für potentielle Kritiker. Außerdem war dem Volk eine leichtere Orientierung durch eindeutige Zeichen und deren simpler Bedeutung möglich. Die Runen sollten von nun an nicht mehr Elemente einer Lehre für einen auserwählten Kreis sein, sondern die Identifizierung mit der ariosophischen Idee für alle Deutschen gewährleisten[2].

Die Forschungsrichtungen, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Beginn der NS- Zeit mit der Runenkunde befassten, wie z. B. die vergleichende Sprachwissenschaft, die Germanistik oder die Archäologie, wurden in den dreißiger Jahren einer dem Nationalsozialismus entsprechenden Umwandlung unterworfen. Ohne die völkisch-okkulten Lehren von List oder Liebenfels, die schon Jahre zuvor die Runen zur Erklärung einer zweifelhaften Rassenphilosophie missbrauchten, wäre diese Veränderung in der deutschen Forschungslandschaft schwer möglich gewesen[3].

Guido List ging von der Entstehung eines 16-reihigen Runenfutharks in der Urzeit aus. In dem Lied der isländischen Saga Edda „Runatâls thattr Odhins“ (Wuotans Runenkunde) seien diesen sechzehn Runen noch zwei hinzugefügt und als Schriftzeichen gebraucht und erläutert worden. Dahinter verberge sich aber ihre Funktion als „Heilszeichen“ für magische Rituale, der List in seiner Arbeit auf den Grund zu gehen versuchte[4].

Die Entwicklung des Futharks hin zu einer 30-teiligen Runenreihe erklärte List durch die Entstehung neuer Laute (z.B. v, z oder p), die wiederum neue Runenzeichen erforderlich gemacht hätten. Ferner hätte jede Rune - wie im griechischen Alphabet auch - einen bestimmten Namen, der gleichzeitig die sogenannten Wurzel-, Keim- und Urworte, also die tiefere Bedeutung der Rune, in sich trage. Diese Runennamen seien bis auf einige Ausnahmen einsilbige Wörter, so dass sich daraus die Theorie ergebe, dass die Runen ursprünglich eine Silbenschrift gebildet hätten, was in diesem Zusammenhang als gleichbedeutend mit einer Wortschrift dargestellt wird. Erst später sei die Wortschrift zur Buchstabenschrift zusammengeschrumpft.

Neben den 30 in Gebrauch getretenen Zeichen hätte es außerdem eine Fülle anderer Runenzeichen gegeben, die eine regelrechte Hieroglyphik bis hin zur Ornamentik ausgemacht hätten. Dadurch unterschied List zwischen „Buchstaben-Zeichen“ und „Heilszeichen“. Nach der Unterscheidung in diese beiden Gattungen hätten die Heilszeichen eine besondere Entwicklungsphase durchgemacht, wohingegen die Schriftzeichen, bzw. Buchstaben-Zeichen in ihrer Entwicklung stehen geblieben seien[5].

Eine ähnliche sich an die skandinavische Mystik anlehnende Theorie vertrat der deutsche Laienforscher Helmut Wirth in seiner „Ura Linda Chronik“ über eine friesische Familie: Auf der Waraburg seien drei sechsspeichige Räder geritzt worden, aus denen die „Ehrenmutter“ Festa die Runenschrift gemacht hätte[6]. In Anbetracht seiner Stellung als Sonderling unter den vermeintlichen Runenkundlern im Dritten Reich, gelangte diese Theorie allerdings zu keiner weiteren Beachtung, demonstriert aber das sich wiederholende Zurückgreifen auf fragwürdige Überlieferungen.

Scheinbar im Widerspruch dazu stützte Wirth die Theorie Guido Lists und führte die griechischminoische und die lateinische Schrift zurück auf das urnordische Runenalphabet aus der Urzeit[7]. Helmut Arntz, international anerkannter Runenwissenschaftler zu Beginn der dreißiger Jahre, hielt wiederum an der These fest, dass die Runen aus einem norditalischen, bzw. etruskischen Alphabet entlehnt worden seien. Diese Auffassung widerstrebte dem propagierten Bild der germanischen Hochkultur und besagte außerdem, dass die Runen von der phönizischen und damit von einer semitischen Schrift abstammten[8]. Die Nationalsozialisten lehnten diese Theorie deshalb ab und bemühten sich, weitere Forschungsansätze in diese Richtung zu unterbinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wolfgang Krause, ein Gelehrter am Göttinger Institut für Runenforschung, unterschied ähnlich wie List ebenfalls zwischen den Runen in ihrer Verwendungsmöglichkeit als Lautzeichen und Begriffssymbole. Runen als Lautzeichen seien dem etruskischen Alphabet entlehnt worden, während die Begriffssymbole zurück gingen auf eine „ureigene Erfindung der Germanen“.

Diese These begründete Krause mit der formalen Ähnlichkeit einiger Runen mit norditalischen Schriftzeichen und vorrunischen Symbolen. Da von 14 Runenzeichen nur 19 formal aus den norditalischen Schriftzeichen abgeleitet werden konnten, nahm er an, dass sich einige Runen direkt aus Sinnbildern zu Schriftrunen entwickelt hätten (Bsp. ng-Rune und j-Rune)[9].

Im Ahnenerbe, der Organisation, der später auch Krause angehörte und auf die an anderer Stelle noch näher eingegangen wird, herrschte die Meinung vor, dass die Runen in der jüngeren Steinzeit entstanden waren und die Auffassung des ewigen Kreislaufes von Odets Macht und dem mystischen Lebensrhythmus „Stirb und werde“ der Urväter ausdrückten[10].

Mit Hilfe der regimekonformen Runenkundler und den parteinahen Forschungseinrichtungen im Dritten Reich wurde die Urschriftsgeschichte mit ihrem sprachwissenschaftlichen, frühgeschichtlichen Ansatz zu einer Ursymbolsgeschichte, die eine völkisch-esoterische Weltanschauung ausdrückte und deren wissenschaftliche Methoden mehr als fragwürdig waren[11].

Die Runen in ihrer Funktion als Sinnzeichen sollten zur Verbindung aller der nordisch-arischen Rasse angehörigen Menschen dienen und zur Sicherung der Tradition und der magischen Rituale der germanischen Urväter beitragen.

Die Abstammungstheorien der Runen wie sie im Dritten Reich aufgestellt wurden, sind aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar. Eindeutige Beweise für eine bestimmte Ursprungsart der Runen existieren zwar bis heute nicht, aber die methodische Vorgehensweise, die die Runenforschern im Dritten Reich angewandt haben, zeigt aus geschichts- und sprachwissenschaftlicher Sicht und unter Einbezug der heutigen Forschungsergebnisse unüberwindbare Lücken auf.

[...]


[1] http: //www.idgr.de/lexikon(bio/1/list-guido/list-g.html, 16.06.2002

[2] FEST, Joachim C.: Das Gesicht des Dritten Reiches. Profile einer totalitären Herrschaft, München 1993, S. 23 ff.

[3] KATER, Michael H.: Das Ahnenerbe der SS, München 1997. S. 49.

[4] LIST, Guido: Das Geheimnis der Runen, Wien 1912, S. 1-4 ff.

[5] Ebd., S. 1-4 ff.

[6] HUNGER, Ulrich: Die Runenekunde im Dritten Reich, Frankfurt/Main u. a. 1984, S. 184/185.

[7] ANDERSSON, Björn: Runor, magi, ideologi, Umeå 1995, S. 151.

[8] HUNGER, S. 49.

[9] Ebd., S. 87.

[10] ANDERSSON, S. 152.

[11] HUNGER, S. 190.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640286621
ISBN (Buch)
9783640286706
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123592
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Nordeuropa-Institut
Note
2
Schlagworte
Missbrauch Runen Dritten Reich Mediävistik Skandinavische Runeninschriften

Autor

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