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Klasse und Habitus

Vergleich der Theorien zwischen Bourdieu und Marx

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die marxistische Klassentheorie
2.1 Darstellung der marxistischen Klassentheorie
2.2 Marxistischer Klassen- und Kapitalbegriff

3 Bourdieus Klassentheorie

4 Vergleich der Theorien

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Während sich die neueren Ansätze zur Analyse der Sozialstruktur seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verstärkt neu ausgerichtet und die Klassenmodelle hinter sich gelassen haben, knüpft Pierre Bourdieu als letzter wichtiger Soziologe in seiner Gesellschaftstheorie an Konzepte von Karl Marx an. Unter anderem bedient sich Bourdieu aus dem marxistischen Werkzeugkasten, indem er spezifische Begriffe wie Klasse oder Kapital nutzt.

Das Erkenntnisinteresse der Arbeit soll sein, herauszufinden, wie viel und auf welche Weise marxistisches Gedankengut Bourdieu in seine Theorie einfließen lässt. Es stellt sich die Frage, welche Gemeinsamkeiten und Differenzen es gibt. Um diese zu beantworten, wird ein Vergleich angestrebt, der insbesondere die von Bourdieu verwendeten Termini aus der Theorie von Marx untersuchen soll.

Der Einstieg in die Arbeit erfolgt durch eine Darstellung der beiden Theoriekonzepte, um eine Basis für den nachfolgenden Vergleich zu schaffen. Dabei wird versucht, die beiden äußerst umfangreichen Konzepte[1] zusammenfassend wiederzugeben.

Zunächst wird auf die marxistische Klassentheorie eingegangen. Dabei werden insbesondere die zentralen Punkte der Theorie benannt, die für eine Kontrastierung mit Bourdieus Ansatz wichtig sind. Insbesondere der Klassen- und Kapitalbegriff sowie die Annahme über einen „Klassenkampf“ bilden dabei wichtige Bezugspunkte. Da die Bedeutung dieser Begriffe erst in einem inhaltlichen Zusammenhang nachvollziehbar werden, wird in die marxistische Klassentheorie eingeführt.

Um die Sozialstruktur der französischen Gesellschaft darzustellen, entwickelt Bourdieu das dreidimensionale Konstrukt des sozialen Raumes. Die Darstellung dieses Konzeptes soll im dritten Kapitel erfolgen. Es bildet den Ausgangspunkt für Bourdieus Klassentheorie. Im Verlauf der Auseinandersetzung mit Bourdieus Modell werden die zentralen Begriffe Kapital, Klasse, Feld und Habitus eingeführt. Zusammen ergeben sie das Gerüst für Bourdieus Sozialstrukturanalyse.

Im vierten Kapitel findet schließlich die Gegenüberstellung der beiden Theorien statt. Grundlage dafür bilden die beiden vorausgegangenen Kapitel. Es soll herausgefunden werden, inwieweit Bourdieu von Marx Gedanken geprägt wurde und an welchen Stellen er das marxistische Modell möglicherweise erweitert hat.

In einem abschließenden Fazit wird Bourdieus Bezug zu Marx zusammenfassend dargestellt.

2 Die marxistische Klassentheorie

Das Ziel der marxistischen Überlegungen von der Klassengesellschaft ist, makrosoziologische Erklärungen für die sozialen Unterschiede in der Gesellschaft im 19. Jahrhundert zu finden (vgl. Abels 2004: 298). Nach Ternes dient die Theorie der Klassen dazu, „gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungslinien bezüglich der Verteilung von Herrschaft, von Produktionsmitteln, von Produktivkräften und von Ideologien“ zu analysieren (2008: 291).

2.1 Darstellung der marxistischen Klassentheorie

Obwohl sein theoretisches Modell Ausgangspunkt vieler nachfolgender soziologischer Überlegungen gewesen ist, ist von Marx gar keine eigenständige Klassentheorie ausgearbeitet worden[2] (vgl. Ritsert 1998: 58; Mauke 1971: 7). Vielmehr hat er seine Annahmen über gesellschaftliche Klassen mit einer umfassenden Gesellschaftstheorie verknüpft. Deshalb muss man, um Marx’ Gedanken über gesellschaftliche Klassen differenziert betrachten zu können, verschiedene Werke[3] heranziehen. Eine etwas explizitere Veranschaulichung findet man u. a. eingebettet in sein Hauptwerk „Das Kapital“.

Die folgende Darstellung erfolgt auf der Grundlage des dichotomen Zweiklassenmodells[4].

Die theoretische Basis für die marxistische Erklärung der sozialen Ungleichheit ist die These des historischen Materialismus, der die gesellschaftliche Entwicklung historisch betrachtet und dem die Annahme zugrunde liegt, dass die „gesellschaftlichen Verhältnisse das Ergebnis ökonomischer Verhältnisse“ seien (Abels 2004: 374).

Nach Marx hat bereits die Geschichte gezeigt, dass sich in jeder Gesellschaft[5] (in der Antike, im Feudalismus etc.) ungleiche Klassen gegenübergestanden haben (vgl. Marx/Engels 1959: 462). Während es in den vorherigen Gesellschaften innerhalb der Klassen noch stärkere Abstufungen gegeben hat (vgl. ebd.: 463), stehen sich in der modernen kapitalistischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nur noch zwei Hauptklassen gegenüber: die Bourgeoisie und das Proletariat (ebd.). Unterschieden werden diese durch Eigentum oder Nicht-Eigentum an Produktionsmitteln (Grund und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe) (vgl. Abels 2004: 299). Deshalb teilt Marx die Gesellschaft in Besitzende und Nicht-Besitzende (ebd.) (Bourgeoisie und Proletariat).

Menschen, die sich in ähnlicher ökonomischer Lage befinden und dementsprechend unter ähnlichen Lebensbedingungen leben, gehören nach Marx Überlegungen derselben Klasse an. Wenn sich diese Menschen nicht darüber bewusst sind, dass sie einer gemeinsamen Klasse angehören, sondern sich als Individuen begreifen, werden sie von Marx als eine Klasse an sich bezeichnet (Marx 1847, 181 in: ebd.: 301).

Die Bourgeoisie[6] ist die herrschende Klasse, die über die gesellschaftlichen Produktionsmittel und Kapital (vgl. Marx/Engels 1959: 462) verfügt. Übergeordnetes Interesse der Bourgeoisie ist die Maximierung ihres Besitzes.

Ihr gegenüber steht die unterdrückte Klasse (vgl. Mauke 1971: 15) der Proletarier. Proletarier sind moderne Lohnarbeiter, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und ihre Arbeitskraft an die Bourgeoisie verkaufen müssen, um existieren zu können (vgl. Marx/Engels 1959: 462). In der kapitalistischen Gesellschaft wird demnach die Arbeitskraft zur Ware (vgl. ebd.: 469; vgl. Ritsert 1998: 59). Sie sind abhängig von der Lohnzahlung ihres Arbeitgebers, da sie „eigentumslos“ (Marx/Engels 1959: 472) sind.

Während die Bourgeoisie über die Produktionsmittel verfügt und andere für sich arbeiten lässt, kann sie ihren Reichtum zunehmend vermehren. Die Arbeiter müssen dagegen ihre Arbeitskraft für einen immer geringeren Lohn verkaufen (ebd.: 469). Der zunehmende Einsatz von Maschinen sowie der Konkurrenzdruck unter den Arbeitern[7] entwertet die Arbeit und senkt die Preise für die Arbeitskraft (vgl. Bolte/Hradil 1984: 40). Hinzu kommen die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter denen die Arbeiter leiden müssen.

Marx spricht in diesem Zusammenhang von Ausbeutung, da die Arbeiter gezwungen werden, mehr zu arbeiten, als sie entlohnt werden: „… [I]n demselben Maße, wie Maschinerie und Teilung der Arbeit zunehmen, in demselben Maße nimmt auch die Masse der Arbeit zu, sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei es durch Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit, beschleunigten Lauf der Maschinen usw.“ (Marx/Engels 1959: 469) Der entstehende Mehrwert[8], der durch die Arbeit des Proletariats entsteht, erhält der Unternehmer.[9] Das Proletariat wird also von der besitzenden Klasse ausgebeutet, es verelendet (vgl. Abels 2004: 375f.).

Die Verelendung des Proletariats erfolgt unaufhaltsam, da gesellschaftliche Aufstiege nicht möglich sind. Denn aufgrund ihrer vorherrschenden Rolle im Wirtschaftsprozess, bestimmt die Bourgeoisie sogar das „politische, wissenschaftliche und religiöse Leben“ (vgl. Bolte/Hradil 1984: 40). Ein Bildungsmonopol sichert die Existenz der Bourgeoisie, indem sie ihrem Nachwuchs Bildung ermöglichen können. Den Kindern der Proletarier dagegen wird der Zutritt zu (höheren) Schulen oder Universitäten und damit der Aufstieg in eine höhere Klasse verweigert (vgl. ebd.: 40).

Aufgrund der zunehmenden Verelendung des Proletariats[10], die v. a. bedingt ist durch die ungleichen Eigentumsverhältnisse, den ungleichen Lebenschancen, sowie den zunehmend niedrigeren Lohn, würden sich die ohnehin antagonistischen Interessenlagen der beiden Klassen stärker herausbilden (vgl. Marx 1973b: 415; Bolte/Hradil 1984: 39): Da die Bourgeoisie von den bestehenden Bedingungen profitiert, hat sie ein Interesse daran, die Produktionsverhältnisse beizubehalten. Das Proletariat dagegen wird immer unzufriedener mit den Verhältnissen und hat ein Interesse daran, der Ausbeutung zu entkommen. Sobald sich das Proletariat seiner gemeinsamen Klassenlage (Verelendung, ungleiche Chancen in der Gesellschaft) bewusst wird, und sich die ausgebeuteten Menschen nicht mehr als Individuen, sondern als Angehörige derselben Klasse begreifen (vgl. Abels 2004: 376), schließen sie sich solidarisch zusammen (vgl. Marx/Engels 1959: 470; Bolte/Hradil 1984: 39ff.). Mit dem Bewusstsein über ihre Klassenlage und der Bildung von Koalitionen gegen ihre Ausbeuter, folgt nach Marx ein Übergang von der Klasse an sich zur Klasse für sich (vgl. Marx 1847: 181 in: Abels 2004: 301, Marx/Engels 1959: 470). Die Individuen haben sich nun zusammengefunden und verfolgen ein gemeinsames Interesse.

Es kommt schließlich zu einem offenen Klassenkampf[11] (Marx/Engels 1959: 462), der von Marx auch als politischer Kampf bezeichnet wird (vgl. ebd.: 471). Von nun an stehen sich Bourgeoise und Proletariat als zwei feindliche Lager gegenüber (vgl. Lotter et al. 1984: 179). Dabei organisieren sich die Arbeiter von Firma zu Firma und von Ort zu Ort, um gegen die Bourgeoisie, und damit gegen ihre weitere Ausbeutung, zu kämpfen[12]. Der Kampf endet schließlich mit der Diktatur des Proletariats (vgl. Korte 1993: 51), da die Kapitalisten den zahlreichen Arbeitern, die sich solidarisch zusammengeschlossen haben, unterliegen (vgl. Abels 2004: 303). Dieser Prozess vollzieht sich zwangsläufig, da „die zunehmende Einsicht in die Ausbeutungsverhältnisse, die zunehmende Organisationskraft auf der einen und die Selbstzerstörung der Kapitalisten auf der anderen Seite seiner [Marx’, D. F.] Meinung nach kein anderes Ergebnis haben“ könnten (Korte 1993: 51).

Die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln wird von Marx als die zentrale Möglichkeit gesehen, die Verelendung und Ausbeutung des Proletariats zu beenden. Wenn dieses abgeschafft ist, wird der Klassenkampf enden und eine klassenlose Gesellschaft entstehen (Bolte/Hradil 1984: 41).

2.2 Marxistischer Klassen- und Kapitalbegriff

Da für die weitere Analyse die beiden Begriffe Klasse und Kapital wichtig sind, sollen sie an dieser Stelle noch einmal separat betrachtet werden.

Ritsert weist darauf hin, dass es den marxschen Klassenbegriff nicht gebe. Textstellen, in denen Marx den Begriff Klasse verwenden würde, gäbe es zwar viele, doch nähere Erläuterungen seien eher rar (1998: 58). Trotzdem kann anhand seiner Werke nachvollzogen werden, was Marx unter dem Begriff der Klasse verstanden hat.

Wie bereits oben verdeutlicht wurde, differenziert Marx die Gesellschaft in zwei Klassen. Dieses dichotome Klassenmodell konstituiert sich aus den Eigentumsverhältnissen innerhalb einer Gesellschaft: Auf der einen Seite steht die Bourgeoisie, die die Produktionsmittel besitzt, auf der anderen Seite steht das Proletariat, dem kein Eigentum zur Verfügung steht. Weitere Klassen gibt es nach Marx im Kapitalismus nicht mehr: Denn „die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute (…), alle fallen ins Proletariat hinab, (…). So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung“ (Marx/Engels 1959: 469f.). Der Konkurrenz der „größeren Kapitalisten“ kann die Mittelschicht nicht mehr standhalten (ebd.).

Klassen entstehen also durch die ökonomischen Verhältnisse in einer Gesellschaft (vgl. Lotter et al. 1984: 179). Somit ist die Stellung des Individuums in der Gesellschaft abhängig von dessen Verfügungsgewalt über Kapital. Dieses ist eine wichtige Voraussetzung für die weiteren Herrschaftsverhältnisse in der Gesellschaft: denn auch politische Macht erlangt man nur durch wirtschaftliche Macht, durch Kapitalbesitz (vgl. Marx/Engels 1959: 467).

Der Begriff des Kapitals ist ausschließlich ökonomisch geprägt. Er dient dazu, den Profit eines Unternehmers durch Investitionen zu maximieren (vgl. Ternes 2008: 290). Es ist nicht möglich, aber auch nicht nötig, an dieser Stelle Marx’ umfangreiche Überlegungen hinsichtlich des Kapitalbegriffes zu erfassen. Wichtig für den späteren Vergleich mit Bourdieus Verständnis von Kapital ist lediglich die ökonomische Dimension, durch die der marxistische Kapitalbegriff geprägt ist.

[...]


[1] Es sollte an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass eine angemessene Darstellung der beiden Theorien in einer Hausarbeit kaum möglich ist und dass deshalb lediglich eine Zusammenfassung erfolgen kann, die die Theorien annähernd beschreibt.

[2] Dass Marx keine eigenständige Klassentheorie entwickelt hat, haben viele Kritiker des Marxismus als Schwäche aufgefasst (vgl. Lukács 1968: 218; Ritsert 1998: 58). Zu erwähnen ist außerdem, dass das Kapitel über Klassen im „Kapital“ nicht zu Ende geführt wurde.

[3] Z. B. Marx/Engels 1972, Marx 1973a.

[4] Neben diesem dichotomen Modell findet sich u. a. im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ ein vielschichtigeres Klassenmodell. Hier differenziert Marx die französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in zwölf Klassen (vgl. Marx 1973a: 121ff.).

[5] Ausgenommen: die Urgesellschaft (vgl. Lotter et al. 1984: 178; Iring Fetcher 1976: 56 in: Korte 1993: 50).

[6] auch: Kapitalisten

[7] Da die Bevölkerung wächst, kommt es zu einem Kampf um Arbeitsplätze. Davon profitieren die Unternehmer: sie erhalten Arbeitskraft zu immer schlechter bezahlten Löhnen (vgl. Marx/Engels 1959: 470; Abels 2004: 375).

[8] Der Mehrwert ist die „Differenz zwischen dem Marktwert der Arbeitsleistung und ihrer Entlohnung“ (Bolte/Hradil 1984: 41).

[9] Vgl. Arbeitswerttheorie (vgl. Krämer 2006)

[10] Marx und Engels beschreiben in dem Kapitel „Bourgeoisie und Proletariat“ sehr anschaulich, auf welche Weise das Proletariat zunehmend verelendet (vgl. 1959: 466ff.). An dieser Stelle wird nicht weiter darauf eingegangen, da dies für die weiteren Ausführungen nicht relevant ist.

[11] In jeder Gesellschaft hat es Klassenkämpfe gegeben: „Marx begreift die gesamte Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen“ (Burzan 2008: 9).

[12] „Sie richten ihre Angriffe nicht nur gegen die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, sie richten sie gegen die Produktionsinstrumente selbst, sie vernichten die fremden konkurrierenden Waren, sie zerschlagen die Maschinen, sie stecken die Fabriken in Brand, (…).“ (Manifest der Kommunistischen Partei, 1847/48, MEW 4, 470f. in: Lotter et al. 1984: 180).

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640290840
ISBN (Buch)
9783640291113
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123489
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
Bourdieu Marx

Autor

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