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Medienethik und Recherche

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienethik

Leseprobe

INHALT

1. EINLEITUNG

2. ZUR PROBLEMATIK JOURNALISTISCHER ETHIK

3. RECHERCHE UND INVESTIGATIVER JOURNALISMUS IM LICHT DER MEDIENETHIK

4. FRAGWÜRDIGE RECHERCHEMETHODEN AUS DER PRAXIS
4.1 PROBLEMFELDER
4.2 BEISPIELE

5. RECHERCHE IN PRESSEKODIZES UND RECHTLICHE EINSCHRÄNKUNGEN
5.1 RECHERCHEREGELUNGEN IN VERSCHIEDENEN PRESSEKODIZES
5.2 RECHTLICHE EINSCHRÄNKUNGEN
5.2.1 Zur Verwendbarkeit rechtswidrig recherchierten Materials

6. EINSTELLUNGEN VON JOURNALIS TEN ZU RECHERCHEMETHODEN - EMPIRISCHE BEFUNDE
6.1. JOURNALISTEN IN DEUTSCHLAND, GROßBRITANNIEN UND DEN USA IM VERGLEICH

7. WAS FÖRDERT UNETHISCHES VERHALTEN BEI DER RECHERCHE?

8. FAZIT

9. LITERATUR

1. Einleitung

(Deutsche) Medien ohne Moral? Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit in Bezug auf die Recherchemethoden von Journalisten nachgegangen werden. Zunächst einmal gibt es einen einführenden, allgemeineren Teil zum Thema journalistische Ethik, danach wird untersucht, was Medienethik konkret für investigativen Journalismus und damit verbunden für die Recherche bedeutet. Um das Verhalten deutscher Journalisten besser beurteilen zu können, wird aufgezeigt, was Pressekodizes zu dem Thema sagen und wo rechtliche Schranken bestehen. Empirische Forschungsergebnisse im internationalen Vergleich bieten dann den Rahmen für eine Bewertung der deutschen Journalistenmoral.

Wer ethisches Verhalten der Medien fordert, muss sich jedoch auch mit den Hindernissen für moralisches Verhalten auseinandersetzen, denn es ist schon lange nicht mehr so, dass der einzelne Journalist völlig frei von Zwängen seine Entscheidungen treffen kann. Diese Zwänge werden in Kapitel 7 dargestellt.

Diese Arbeit will nicht nur die Art und Weise der Recherche untersuchen und ethisch beurteilen, sondern auch die Frage, ob überhaupt recherchiert wird, unter ethischen Gesichtspunkten erörtern. Auch wenn das „Wie“ der Recherche oft fragwürdig ist, ist der Verzicht auf Recherche zu Gunsten eines Verlautbarungsjournalismus sicher genauso, wenn nicht sogar noch fragwürdiger.

2. Zur Problematik journalistischer Ethik

Zunächst einmal soll geklärt werden, was mit dem Begriff der Ethik gemeint ist. Ethik kann einerseits bestehende Moralen beschreiben und in ihrer Genese bzw. Veränderung darlegen, dann ist sie Bestandteil einer Kulturwissenschaft. Andererseits untersucht Ethik als normative Disziplin der Philosophie, auf welche Normen oder Zielsetzungen Menschen ihr Handeln ausrichten sollen, sie begründet und ordnet diese Normen auf eine oder mehrere höchste Normen bzw. Ziele hin, auf die sogenannten Moralprinzipien oder das Moralprinzip.1 Ethik als wissenschaftliche, reflektierende Disziplin befähigt den Menschen zu verantwortungsbewußtem Handeln, in dem sie ihm zum einen sagt, was tatsächlich in seiner Macht liegt und ihn zum zweiten darüber aufklärt, welche Folgen seine Handlungen haben und welche Annahmen seinen Handlungen vorausliegen.2 Ethik muss generalisierbar sein, was nicht heißt, dass die Generalisierbarkeit in Teilbereichen keine Einschränkungen erfahren muss.3 Journalisten als Individuen können nach den gleichen ethischen Regeln, den gleichen Normen wie jeder Bürger handeln. Das reicht aber nicht, denn in ihrer Rolle als Journalist sind sie in ein Teilsystem, das der Medien, eingebunden und dort herrschen andere Gesetze als im System Gesellschaft. Eine spezielle Medienethik bzw. eine journalistische Ethik muss her. Stephan Ruß-Mohl und Berthold Seewald schreiben, dass in den Medien der Steuerungsbedarf durch Ethik besonders groß sei, weil aufgrund des in Artikel 5 GG festgeschriebenen Grundrechts auf freie Meinungsäußerung, der Wildwuchs durch rechtliche Normierungen kaum beschränkbar sei. Deshalb sei ohne wirksame Mechanismen der Selbstbeschränkung und –kontrolle die Gefahr des Mißbrauchs von Pressefreiheit zu Lasten anderer, konkurrierender Freiheitsrechte besonders groß.4 Auch Matthias Karmasin sieht besondere moralische Probleme im Zusammenhang mit dem Journalismus, die aus bestimmten Charakteristika dieses Berufes herrührten.5 Wiegerling schreibt, Medienethik könne sensibilisieren und eine möglicherweise schlummernde Fähigkeit des Menschen zu verantwortlichem Handeln wecken. Sie könne zwar keineswegs Mißstände und Fehlhandlungen verhindern, aber ihr Zustandekommen erschweren.6

Was ist nun aber ethisches Handeln im Journalismus und wie kann man journalistisches Handeln ethisch beurteilen?

Ethisches Handeln von Medienorganisationen und Journalisten ist ein Verhalten bei der Produktion und Distribution von Medienbotschaften, das auf der Grundlage bestimmter Werte als richtig angesehen wird. Ethisches Handeln ist nicht notwendigerweise (gesetzlich) einklagbar, aber möglich und auch zumutbar. Kriterien für ethisches Handeln sind der Nutzen der Betroffenen, die Rechte der Individuen, gerechte Verteilung, gerechte Verfahren.7

Bei der Bestimmung journalistischer Moral gibt es zwei Richtungen, die individualethische, die auf die Moral des einzelnen Journalisten abzielt und eine sozialethische, die für eine die Medienunternehmer verpflichtende Medienethik plädiert. Die individualethische Position8 entspricht nur bedingt den Bedingungen moderner Mediengesellschaften. Den individuellen

Täter, der völlig frei entscheiden kann, gibt es im heutigen Mediengeschäft kaum noch. Ethik im Journalismus ist nur zum Teil eine Frage der persönlichen Verantwortung und der individuellen Moral, von größerer Bedeutung sind die institutionalisierten Entscheidungsstrukturen, Abhängigkeiten und Zwänge, unter denen sich journalistische Arbeit vollzieht.9

Abgesehen von der individual- oder der sozialethischen Position, gibt es zwei Prinzipien ethischen Handelns. Die Gesinnungsethik und die Verantwortungsethik. Max Weber beschrieb in seiner Ethik professionellen Handelns professionelles Handeln als zweckrational und verantwortungsethisch. Zweckrational bedeutet die Bereitschaft, Handlungen an möglichen Folgen auszurichten, verantwortungsethisch, für diese Folgen geradestehen zu wollen. Bei zweckrationalem Handeln, so Weber, werden „sowohl die Mittel gegen die Zwecke, wie die Zwecke gegen die Nebenfolgen, wie endlich auch die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneina nder“ abgewogen.10 Diese Güterabwägung kann bei journalistischen Entscheidungen durchaus hilfreich sein. Sie ist „eine Methode und die Praxis, verschiedene Güter (ethische, moralische, sittliche, ökonomische, politische, soziale, kulturelle etc.) so gegeneinander abzuwägen und miteinander in Beziehung zu setzen, dass das Handeln und Entscheiden das den Umständen nach bestmögliche Gesamtgut zur Folge hat.“11

Der Verantwortungsethik gegenüber steht die Gesinnungsethik, die Handeln an Wertrationalität ausrichtet und die vorhersehbaren Konsequenzen eigenen Handelns ablehnt. Sie fordert, das Handeln allein daran auszurichten, was der eigenen Überzeugung nach gut und richtig ist.12 Die richtige Gesinnung ist ausschlaggebend, nicht die Folgenabwägung. Renate Köcher ist der Ansicht, dass für die Urteilsfähigkeit der Gesellschaft wie im Interesse eines freien, nicht durch eine Vielzahl von Rücksichtnahmen und Normen paralysierten Journalismus, die Orientierung des Journalisten an den Folgen seines Handelns begrenzt bleiben müsse.13 Allerdings dürfe nicht die subjektive Rangordnung des einzelnen Journalisten über die Publikation entscheiden, vielmehr sei es Aufgabe der Gesellschaft, ihre

Normen und Werte zu schützen und damit auch die Rechte einzelner oder die Int eressen des Landes gegenüber den Medien zu wahren. Der Konflikt, was unter moralischen Gesichtspunkten publizierbar sei, müsse eine Auseinandersetzung mit den Moralvorstellungen der Gesellschaft bleiben.14

3. Recherche und investigativer Journalismus im Licht der Medienethik

Der Begriff „investigativer Journalismus“ ist eigentlich ein Pleonasmus, denn wirklicher Journalismus, der sich der Information der Öffentlichkeit verpflichtet fühlt, ist immer nachforschend und hat sich nie damit begnügt, nur Verlautbarungen unter die Leute zu bringen. Investigativer Journalismus ist nicht eine Art Justiz, hat nicht die Arbeit von Staatsanwaltschaften und Polizei zu übernehmen. Und der Journalist ist in der Regel auch kein verkappter Privatdetektiv. Sein Ziel kann nur die Aufdeckung von Mißständen sein, die das Wohl der Allgemeinheit betreffen.15 Investigativer Journalismus hat nicht viel damit zu tun, wenn wie in den USA, ganze Reporter-Gruppen zur Langzeit-Ausspähung von Personen oder Institutionen eingesetzt werden, um künstlich einen Skandal zu produzieren. Investigativer Journalismus ist ohne Recherche nicht denkbar. Unter journalistischer Recherche wird mit Ulrich Saxer folgendes verstanden: Die unvoreingenommene Beschaffung und Überprüfung mö glichst vieler zum Thema gehöriger Einzelinformationen, die eine zutreffende Darstellung und Interpretation oder Wertung erlauben.16 Die Aufgabe der Recherche ist die optimale Erschließung von Quellen. Der Prozeß der Gewinnung von Information ist hierbei vielfachen Einflüssen ausgesetzt, zum Beispiel Zeitrestriktionen, denn Information als Ware hat eine hohe Zeitqualität, ökonomischen Restriktionen, denn Kostensenkung und Recherchequalität widersprechen sich tendentiell. Aber auch Eingriffe durch gesellschaftliche Gruppen, durch Parteien oder Unternehmerinteressen können den Prozeß der Informationsgewinnung beeinflussen und steuern. Auch kommt es für den Journalisten darauf an, mit Takt und der gebotenen Zurückhaltung, mit Offenheit, Diskretion und Mitgefühl vorzugehen. Sonst wird nicht der Sachverhalt erkundet, sondern ein Spiegelbild des Rechercheurs wird sichtbar, der gerade das herausfindet, was er finden will.17 Da Recherche zahlreichen Restriktionen ausgesetzt ist, kommt es immer wieder vor, dass sich Journalisten fragwürdiger Recherchemethoden bedienen (vgl. Kapitel 4.). Aber nicht nur die Methoden, das „Wie“ der Recherche wirft medienethische Fragen auf, auch das „Ob“ ist von medienethischer Bedeutung.

Ulrich Paetzold vertritt die Auffassung, die Recherche sei nicht nur die gr undlegende Methode im Journalismus, sondern auch die konsequente Folge der wesentlichen Eigenschaften des Journalismus. Die politische Aktion sei darauf aus, Zustimmung für Lösungen oder Lösungsvorschläge zu gewinnen, und diese Lösungen als notwendig und im Interesse der Öffentlichkeit darzustellen. Die journalistische Aktion jedoch konfrontiere die Politik mit dem in Raum und Zeit empirisch Wahrnehmbaren, mit Beobachtungen und Erfahrungen. Dadurch schaffe sie Konfrontationen zwischen den allgemeinen Begriffen und Einzeldingen, mache Widersprüche zwischen der konkreten Erfahrung und dem allgemeinen Begriff, der die Logik der Politik bestimmt, deutlich. „Die logische Konsequenz des Journalismus ist die Offenlegung der Widersprüche zwischen den tatsächlichen Zuständen in einer Gesellschaft und ihrer politischen Behandlung.“18 Recherchejournalismus ist schon deshalb ethisch geboten, weil Hofberichterstattung ein Bild von Politik erzeuge, das nicht Politik sei und mit dem Publikum nicht mehr zu tun habe, als dass es auf seine Kosten inszeniert würde.19 In der Politik werden durch Informationen Sachverhalte verschleiert, denn es sind Interessen im Spiel. Journalisten haben die Pflicht zur Skepsis. Diese Skepsis muss sich gegen die Behauptung, jede politische Maßnahme sei dem Allgemeinwohl förderlich, wenden. Der Journalismus hat in diesem Verständnis eine erkenntnistheoretische Grundhaltung.

Helmut F. Spinner weist dem investigativen Journalismus die Funktion zu, durch Offenlegung verschütteter, aber relevanter Informationen einzelfallbezogen einen wesentlichen Beitrag zur Konflikt- und Problemlösung in hochdifferenzierten Gesellschaften leisten zu können. 20 Für die bekannt gewordenen Problemfälle größeren Ausmaßes (Affären, Skandale) gilt, dass sie fast ausnahmslos nicht von den eigentlich dafür verfassungsgemäß vorgesehenen Kontrollinstanzen der Gesellschaft, den Parlamenten, Gerichten, Aufsichtsräten, aufgerollt worden sind, sondern von der Presse oder sogar von Journalisten im Alleingang. 21 Da Demokratie ohne Öffe ntlichkeit nicht legitimiert ist, kann man die Neigung zu aggressivem Recherchieren als Garant für eine funktionierende politische Kontrolle betrachten. 22

Peter Voss schreibt dem investigativen Journalismus noch eine präventive Rolle zu: „Je mehr durch die Medien herauskommt, desto weniger nimmt man sich heraus.“23

Die Frage ist nur, wo die Grenze verläuft, zwischen der Kontrollfunktion und der reinen Lust am Enthüllen und Denunzieren, um der Auflage oder der Einschaltquote willen. 24

[...]


1 vgl. Haller, Michael/Holzhey, Helmut (Hg.): Medien-Ethik, Beschreibungen, Analysen, Konzepte, Opladen 1992, S. 14

2 Wiegerling, Klaus: Medienethik, Stuttgart 1998, S. 4

3 Wiegerling, S. 5

4 Ruß-Mohl, Stephan/Seewald, Berthold: Die Diskussion über journalistische Ethik in Deutschland – eine Zwischenbilanz, in: Haller/Holzey (Hg.): Medien-Ethik, S. 27

5 Näheres bei Karmasin, Matthias: Journalismus: Beruf ohne Moral? Journalistisches Berufshandeln in

Österreich, Wien, 1996

6 Wiegerling, S. 4

7 Karmasin, S. 51

8 vertreten z.B. durch Hermann Boventer

9 Diese Meinung vertritt auch Esser in: Esser, Frank: Die Kräfte hinter den Schlagzeilen. Englischer und deutscher Journalismus im Vergleich, München, 1998, S. 235 und Ulrich Saxer

10 Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe, 4. Auflage, Tübingen 1978, S. 35

11 Lay, 1989 zitiert nach Karmasin, S. 31

12 Bedeutender Vertreter dieser Richtung ist Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ. Kant vertritt zum Beispiel die Auffassung, man dürfe unter keinen Umständen lügen, auch wenn durch das Sagen der

Wahrheit eventuell ein Mensch zu Schaden kommt, denn man soll ja nur so handeln, das die Maxime des Handelns zu einem allgemeinen Gesetz werden könnte.

13 Köcher, Renate: Spürhund und Missionar. Eine vergleichende Untersuchung über Berufsethik und

Aufgabenverständnis britischer und deutscher Journalisten, Allensbach. 1985, S.177

14 ebenda

15 Holzer, Werner: Investigativer Journalismus, in: Wilke, Jürgen (Hg.): Ethik der Massenmedien, Wien 1996, S. 187ff

16 zitiert nach: Stark, Franz: Die offene Recherche und ihre Feinde. Gedanken beim Wiederlesen von Karl R.

Popper, in: Langenbucher, Wolfgang R: Journalismus & Journalismus, Plädoyers für Recherche und Zivilcourage, München 1980, S. 77

17 Binkowski, Johannes: Publizistisches Berufsethos, in: Publizistik, 1981/1, S. 29

18 Paetzold, Ulrich: Hofberichterstattung oder Recherchejournalismus – Zur Philosophie journalistischer Arbeit, in: Langenbucher: Journalismus & Journalismus, S. 22

19 Paetzold, S. 29

20 siehe Spinner, Helmut F.: Der Journalist als Agent der Gelegenheitsvernunft, in: Erbring et al: Medien ohne Moral, 1988, S. 263-266

21 Spinner, Helmut F.: Über die Geschäftsbedingungen der Massenmedien. Kritik als Beruf, Information als Aufgabe, Unterhaltung als Geschäft, Moral als Legitimation und Lebenslüge, in: Haller/Holzey: Medien-Ethik, S. 157

22 Wiegerling, S. 5

23 Voss, Peter: Mündigkeit im Mediensystem: Hat Medienethik eine Chance, Baden-Baden, 1998, S. 149

24 Dönhoff, Marion Gräfin: Journalismus – Beruf ohne Moral?, in: Wilke: Ethik der Massenmedien, S. 203

Details

Seiten
22
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638182546
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12346
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Journalistik
Note
2
Schlagworte
Medienethik Recherche Empirie

Autor

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Titel: Medienethik und Recherche