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Das literarische Ordnungsprinzip wissenschaftlicher Metaphern in Thomas Pynchons "Against The Day"

Examensarbeit 2008 72 Seiten

Englisch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Pynchons literarische Mechanismen
1.1 Produktive Multiperspektivität
1.2 Kritische Aufnahme

2. Anatomie und Implikationen der wissenschaftlichen Metapher
2.1 Exemplarisches Beispiel der Entropie
2.2 Ursache & Wirkung als Synthetisierungsprozess
2.3 Paranoide Kybernetik
2.4 McLuhan: Against The Day s technologischer Determinismus

3. Mathematik in Against The Day
3.1 Graduelle Interpretationsfähigkeit
3.2 [ζ(z)]

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

0. Einleitung

Mit seinem bis Dato jüngstem Roman Against The Day beweist Thomas Pynchon erneut, dass sich die zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr zu übersehenden Ausmaße des postindustriellen Zeitalters schon in der gesellschaftlichen Wende zur Moderne wiederfinden. Die Anfänge des 20. Jahrhunderts sind geprägt von einem rapiden Anstieg kultureller, wirtschaftlicher und politischer Prozesse, die ihren Ursprung größtenteils in der Wissenschaft und den aus ihr resultierenden Fortschritten in der Informationsverbreitung finden. Against The Day spielt zwischen 1893 und 1918, also einer Zeit, in der sich die Gesellschaft in dem von diesem Anstieg erzeugten Chaos zurecht finden muss.

Ähnlich chaotisch gestaltet sich auf den ersten Blick der Erzählstil des Romans: Eine für den Leser nur schwer zu verarbeitende Personen- und Handlungsfülle ohne eine auf den ersten Blick zusammenhängende Struktur.

Zu zeigen, dass dem nicht so ist und dass unter der Oberfläche des Textes in der Tat subtilere Ordnungsprinzipien walten, soll das Hauptziel der hier vorliegenden Arbeit sein.

Sektion Eins dient erst einmal der Einführung in das Gesamtwerk Pynchons und arbeitet einige wichtige formale Aspekte seiner Erzählungen heraus. Des Weiteren wird die Aufnahme der Kritiker kurz nach der Veröffentlichung des Romans behandelt.

Sektion Zwei zeigt auf, dass wissenschaftliche Metaphern in Against The Day hinsichtlich eines literarischen Ordnungsprinzips in zweierlei Hinsicht exemplarisch Wirken können.

Zum einen wird der Begriff „Ordnungsprinzip“ als eine Art Ordnung in einem komplexen Bauplan der wissenschaftlichen Metapher angesehen. Es wird sich herausstellen, dass es bei der Erfassung dieser Art von Metaphern eine Vielzahl von Implikationen zu beachten gibt. Die innere Ordnung im Aufbau gibt zudem zahlreiche Aufschlüsse über die Art ihrer Verwendung und letztendlich ihrer Deutung.

Um diesen Umstand aufzuzeigen wird zunächst eine für Pynchons Gesamtwerk bedeutende wissenschaftliche Metapher beschrieben. Die Erklärung ihrer außerwissenschaftlichen Implikationen soll zudem als exemplarisches Beispiel für die tragweite seiner Metaphern dienen.

Anschließend werden abstraktere Formen und Disziplinen der Wissenschaft und ihre Einflussnahme auf das Werk Pynchons besprochen.

Neben der inneren Ordnung wird Ordnungsprinzip auch als sinngebender Prozess verstanden.

Sinn erhält man durch das Ordnen und Anordnen von Diskursen und bei einer informationsüberladenen Literatur wie Pynchon sie produziert sind solche Ordnungsprinzipien besonders von Nöten.

Die zweite Bedeutung des Begriffs Ordnungsprinzip paraphrasiert sich somit als Sinnkonglomerat und logische Konsequenz aus Pynchons gewollter Willkür hinsichtlich der narrativen Ordnung, wie beispielsweise der Verweigerung von Linearität.

Als Darlegung dieser Komponente werden die kulturellen Folgen angewandter Wissenschaft anhand der Theorien McLuhans verfolgt, da sich bei der Anwendung seiner Theorien auf Pynchon die diskursverknüpfende Wirkung ebenfalls sehr gut darlegen lässt.

Es gilt also zu zeigen, dass wissenschaftliche Metaphern zu Themenanordnung befähigt sind.

Sektion drei arbeitet abschließend eine zentrale und strukturtragende Metapher exemplarisch an Against The Day heraus.

Ähnlich wie die Entropie in The Crying of Lot 49, oder die V2-Rakete in Gravity’s Rainbow, findet sich in Against The Day ebenfalls eine zentrale, wissenschaftlich motivierte Metapher.

1. Pynchons literarische Mechanismen

Will man der literarischen Verwirklichung Thomas Pynchons auch nur ansatzweise näher kommen, so muss man zunächst die Tatsache akzeptieren, dass seine Fiktion alles andere als fixiert ist. Es hat keinen Sinn seine Romane auf gewisse Diskurse festzulegen, da die einzige Konstante, die sich durch seine Werke zieht, diejenige ist, sich von eigens eröffneten Diskursen wieder zu distanzieren.

Pynchon ist demnach ein Schriftsteller, der sehr streng nach poststrukturalistischer Ideologie zu analysieren ist. Die in seinen Romanen generierten Bedeutungen gliedern sich immer in einen fragilen Zusammenhang zu anderen Bedeutungsfeldern in der Erzählung.

Will man also einen Aspekt, wie in diesem Fall die wissenschaftlichen Metaphern, analysieren, so kommt man trotzdem nicht um eine generelle Einführung in die literarische Ideologie mit Einbezug einiger wichtiger für Pynchon typische Mechanismen und Techniken herum.

Nun ist die Literatur Thomas Pynchons hinreichend auf genau diese Punkte hin untersucht worden.

Im Folgenden sollen daher eben jene Forschungsaspekte nicht nur zusammengefasst werden, es wird zudem untersucht, inwiefern sich Against The Day in Pynchons bisheriges Werk einordnen lässt; welche Merkmale übernommen und welche modifiziert wurden.

1.1 Produktive Multiperspektivität

Pynchons Erzählstil stellt einen starken Bruch mit traditionellen Narrativen dar.

Seine Erzählungen werden weniger als klassisch kohärente Romane, sondern mehr als Konglomerat multiperspektivischer Fragmente wahrgenommen. Auch Against The Day ist diese Bezeichnung nicht abzusprechen. Es ähnelt zuweilen sehr seinem als Hauptwerk angesehenen Gravity’s Rainbow, indem es den Leser auch hier mit einer Vielzahl an Charakteren, Handlungssträngen, Orts-, Zeit- und Perspektivwechseln konfrontiert. Der Kritiker Goedart Palm geht soweit zu behaupten, dass es im Falle von Against The Day mitunter einfacher wäre zu beschreiben, wovon es nicht handle.[1]

Aus eben diesem Grund kann man von einer produktiven Multiperspektivität sprechen, aufgebaut auf einer beispiellosen Fülle an Informationen, die sowohl Beschreibungen des alltäglichen Lebens, als auch größerer natürlicher, soziokultureller und historischer Kontexte generiert, die der Leser neben den zahlreichen Handlungsläufen zusätzlich verarbeiten muss.

Das beginnt schon mit der Beschreibung des jeweiligen Handlungsumfeldes der Figuren, die laut John O. Stark auf einer ungewöhnlichen „historical actuality“[2] basiert. Diese zeichnet sich durch ein Detailreichtum aus, wie man es nicht aus den Geschichtsbüchern kennt, sondern die eher zwischen den Zeilen der Geschichtsbücher zu finden ist. Es werden Markennamen, spezielle Drinks und regional kulturelle Details preisgegeben.

So entnimmt man beispielsweise aus der Beschreibung eines mexikanischen Tanzballs um 1900: „Guests were drinking ‚Ramos’ gin fizzes and chewing coca fresh from the jungles of Tehuantepec.“[3] An anderer Stelle erfährt der Leser, dass man in einem Straßencafé in Trieste für gewöhnlich „gibanica and sardines“ isst und dazu „some herbal grappa called ‚Kadulja’“[4] trinkt.

Dieser Umstand alleine rechtfertigt aber noch nicht einen Begriff wie produktive Multiperspektivität, trägt aber schon mal auf rein trivialer Ebene eine Menge zur Informationsdichte seiner Romane bei. Diese wird erst sichtbar durch die Gegenüberstellung dieser gerade zu banalen Gegebenheiten mit hoch mathematischen Fakten, wissenschaftlichen Theoremen oder tiefphilosophischen Problemfeldern, die den Leser in ähnlicher Detailfülle konfrontieren: „One may express the entropy as the summation, of p(Ek), times log p(Ek). All in order so far?”[5].

Das Ergebnis der Gegenüberstellung mündet meist in groteske Szenerien wie Beispielsweise die Kreuzung der deutschen Konditorkultur mit psychoanalytischer Phänomenologie:

„’Ich bin ein Berliner!’

’Excuse me?’ The patient seemed anxious to speak with Kit.

’He will not harm you,’ Dr Dingkopf assured him, ‘he has come to believe that he is a certain well-known pastry of Berlin – similar to your own American, you would say, Jelly-Doughnut.’

’How long has he been in here?’

’A difficult case. The Jelly-Doughnut is such a strong metaphor for body and spirit, to find one's way back to sanity becomes quite problematic – so we must resort to Phenomenology, and accept the literal truth of his delusion – bringing him into Göttingen, to a certain Konditorei where he is all over powdered with Puderzucker and allowed to sit, or actually recline, up on a shelf ordinarily reserved for the pastries.’”[6]

Mit nichtigen wie wissenschaftlich fundierten Spielereien und dazu den berühmten Ausspruch John F. Kennedys vom 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg als Querverweis, erreicht Pynchon eine fast grenzenlose Informationsdichte, die es dem Leser nur sehr schwer ermöglicht, wichtige von unwichtiger Information zu trennen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die oben zitierte Szene um 1906 angesiedelt ist, der Kennedy-Bezug zunächst also nicht aus den Figuren und der inneren Logik der Geschehnisse abgeleitet werden kann. Die Szene kann also als Beispiel zur Förderung eines aktiven Lesers angesehen werden, aktiv deshalb, weil er zur Synthese des jeweilig Geschehenen gezwungen wird und sich somit einer wissenschaftlichen Vorgehensweise hingibt, um für sich eine Bedeutung herauszufiltern. Der Leseprozess selbst wird zur Analogie wissenschaftlicher Prozesse, indem ein komplexes Themenfeld im ersten Schritt zunächst synthetisiert werden muss.

Die womöglich aufkommende Frage, ob eine narrative Struktur diese Informationsfülle überhaupt tragen kann, hat Pynchon mit seinem zweiten Roman The Crying of Lot 49 kommentiert.

Der Roman spielt Ende der fünfziger Jahre und handelt von einer Hausfrau namens Oedipa Maas, der es angetragen wird, den Nachlass eines verstorbenen Liebhabers zu verwalten. Bei ihren Nachforschungen stößt sie auf ein schier unübersichtliches Netz aus Intrigen, Verschwörungen und undurchsichtigen Personen. Das besondere an diesem Roman ist Pynchons Unterordnung an eine durchsichtige narrative Struktur, nämlich die eines Detektivromans, die es trotzdem verweigert, dem Leser eine zufriedenstellende letztendliche Ordnung der Dinge, wie es der Detektivroman normalerweise tut, zu präsentieren. Daraus lässt sich schließen, dass Pynchon zwischen narrativer Struktur und den Informationen, die sie trägt, stärker unterscheidet, als man normalerweise annimmt. Es zeigt auch, dass ihm diese Problematik, die dadurch in seinen Romanen entsteht, durchaus bewusst ist. Es ist vor allem die (gewollte) Verweigerung der Multiperspektivität, die The Crying of Lot 49 eine Sonderstellung in Pynchons Gesamtwerk einnehmen lässt. Daher kann der Roman nicht vorbehaltlos seiner literarischen Ideologie untergeordnet werden, obwohl die Schlussfolgerung die gleiche bleibt, nämlich dass der Leser nicht erwarten kann, dass eine Erzählstruktur allein Informationen ordnet.

Eine produktive Multiperspektivität, wie sie in Against The Day vorherrscht, gestattet jedoch keine Fokussierung auf eine einzelne Figur und eine lineare Erzählweise, kommt der aus The Crying of Lot 49 gewonnenen Erkenntnis nun nicht nur inhaltlich, sondern auch formal nach. Neben der hohen Informationsdichte muss der Leser also auch die Handlungsstränge zeitlich wie räumlich zuordnen, was den Leseprozess mit zunehmender Seitenzahl erschwert. Pynchon nimmt die daraus resultierende Vernachlässigung einer kohärenten narrativen Struktur nicht nur in Kauf, er fördert sie sogar.

Edward Mendelson bezeichnet Pynchons Romane daher auch als „encyclopedic narrative[s]“[7], sozusagen als nur in bedingtem Maße kohärentes Informationsnetzwerk.

Was Pynchon letztendlich mit dieser Erzählweise erreicht, wird treffend von Best/Kellner beschrieben: „Fiction benefits from historical research and insight and other forms of knowledge in order to better portray the complexities of the epoch under question.”[8]

Daraus jedoch zu schließen, Pynchon versuche sich an einer eigenen Form des Realismus, ist nur teilweise richtig.

Die grundlegende Herangehensweise eines realistischen Romans, der „faithful representation of reality“[9] mag sich mit der Pynchons oberflächlich decken, doch sollte man dessen realistisch anmutenden Passagen immer als Teil eines weitflächigen Spiels der literarischen Diskurse verstehen. In diesem Spiel erhalten solche Passagen einen völlig anderen ideologischen Hintergrund als dies im realistischen Roman der Fall ist. Zwar beschreibt auch Pynchon damit „moral and social issues“[10], ordnet sie aber generell weit intellektuelleren Themen epistemologischer und metaphysischer Natur unter. Dabei erweist er sich einmal mehr als hoch funktionaler Schreiber, der ein bekanntes Grundschema, in diesem Fall das des Realismus, übernimmt, es dekontextualisiert und neu einordnet. So filtert er die Informationsfülle aus dem realistischen Diskurs und ordnet diese neu ein. Sie dient nun nicht mehr der bloßen Darstellung der Zeitumstände, sondern wird vielmehr Ausgangspunkt für epistemologische Thematiken wie etwa die Suche nach Ordnung in informationsüberladenen Systemen oder generiert metaphysisch angetriebene Konstellationen, die die Frage nach Plausibilität und Paranoia in eben solchen Systemen aufwerfen. Diese Methodik der Weiterverwertung wird im Verlauf der Abhandlung noch oft eine Rolle spielen.

Letztendlich werden aber auch diese von ihm eigens eröffneten Diskurse wieder entfremdet, indem er solche Passagen mit paranormalen Begebenheiten konterkariert. Der Leser wird also weiter nicht nur in seinem Versuch, Informationsstränge zu ordnen, zu einer aktiven Tätigkeit aufgefordert, es wird ihm zusätzlich die Etablierung eines Kontextes für die Handlung erschwert, oder wie es George Levine ausdrückt:

“Pynchon’s novels disorient. They offer us a world we think we recognize, assimilate it to worlds that seem unreal, imply coherences and significances we can’t quite hold on to. Invariably, as the surreal takes on the immediacy of experience, they make us feel the inadequacy of conventional modes of making sense – of analysis, casual explanation, logic.”[11]

Dieser Aussage entsprechend sind also auch im Falle von Against The Day zwei maßgebende Merkmale der Verweigerung festzuhalten, die sich grundlegend aus einer von Levine indirekt geäußerten Sicht der produktiven Multiperspektivität ergeben:

Zum einen die bereits beschriebene Verweigerung einer linearen Erzählstruktur und somit tradierter narrativer Ordnungsprinzipien, zum anderen die Verweigerung singulärer Wahrnehmung.

Letztere hinterfragt vor allem die Fähigkeiten eines einzelnen Wissensfelds, indem ihm, durch eine mulitperspektivische Erzählweise, eine ausreichende Wahrnehmung der Gegebenheiten einer an die Realität angenäherten Welt abgesprochen werden.

Pynchon sabotiert daher des Öfteren spezifische Diskurse und deren Sicht der Wahrheit, indem er sie mit dem jeweiligen Antidiskurs kreuzt.

Hinsichtlich der dieser Arbeit vorliegenden Thematik eines literarischen Ordnungsprinzips erzwingt er damit einen ganz wichtigen Standpunkt, nämlich den, dass auch zum Beispiel der fortschrittlichste menschliche Diskurs, die Wissenschaft, als alleiniges Ordnungsprinzip nicht herhalten kann.

Sein Schreibstil „yields alternative narrative structures that are more faithful to the complexity of experience, the turbulence of history, and the mysteries of life.“[12]

Pynchons Texte lassen demnach immer ein alternatives Ordnungsprinzip der geschilderten Ereignisse zu. Kausalität und feststehende Gesetze sind immer brechbar.

Im Falle des wissenschaftlichen Diskurses manifestiert sich das vor allem im Auftreten paranormaler, mystischer und rational nicht erklärbarer Charaktere, die zu Zwecken der Brechung in einen rationalen Erzählstil eingebettet werden. Der Erzähler ist allwissend und mitunter belehrend. Wissenschaftliche Fakten werden ernsthaft akkurat und in oben bereits beschriebenem Detailreichtum wiedergegeben.

In Against The Day sieht sich die Figur des Merle Rideout mit einem Kugelblitz konfrontiert. In dieser Szene erkennt man die schrittweise Überblendung, die schließlich zum erzählerischen Bruch führt. Zunächst wird der Kugelblitz als natürliches Phänomen wissenschaftlich rational und detailreich erklärt. Aus diesem Kontext, der einem Phänomen nachgeht, entwickelt sich graduell eine Fabelerzählung.

Die Passage, in der Merle schlussendlich dem Kugelblitz begegnet, beginnt demnach wie folgt:

„It reminded him of some wild night-animal that was extra weary around humans.”[13]

Die Personifizierung wird hier auf metaphorischer Ebene gehalten, immer noch handelt es sich um ein rational nachvollziehbares Objekt, was sich einen Absatz später jedoch nicht bestätigt: „To his surprise, the ball lightning replied, though not exactly out loud, ‚Sounds fair. My name is Skip, what’s your’s?’”[14]

Der Grad an Groteske, der in dieser Szene fast schon eruptiv aufgeworfen wird, erinnert stark an Byron, die Glühbirne, die in Gravity’s Rainbow auftritt und einen Plot der Lampenindustrie die Haltbarkeit der Glühbirnen betreffend aufzudecken versucht. Rational erklärbare Phänomene werden bei Pynchon praktisch überpersonifiziert und entsprechend mystifiziert.

Während in Gravity’s Rainbow auf diese Art die Macht der großen kapitalistisch orientierten Unternehmen satirisch verarbeitet werden, so werden in Against The Day vor allem positivistische Wissenschaftsansichten und deren in der Gesellschaft als sicher (oder endgültig) geltenden Wahrheitsprinzipien im Rahmen der Erzählung komplett ausgehebelt. Der Wissenschaft wird im fiktionalen Rahmen des Textes ständig die Kontrolle über die Wirklichkeit entzogen; das gesellschaftliche Gebaren ihr gegenüber als Trugschluss enttarnt.

Eine solch rabiate Vorgehensweise, die meist ein humoristisches Endprodukt zur Folge hat, verleitet zur Annahme, Pynchon schreibe Satiren und in der Tat sind in der Forschung zahlreiche Überlegungen zu finden, die in diese Richtung gehen.

So lässt sich Alan P. Kernans Definition einer Satire in Teilen für Pynchon übernehmen, wenn er schreibt:

„[In satire] the scene is always crowded, disorderly, grotesque. The plot always fails to develop beyond this point.”[15]

Doch auch in diesem Punkt hebt sich Pynchon bei genauerer Betrachtung von gewöhnlichen Satiren ab.

Gerade in ihrer Mischung aus realistischen Passagen und deren Konterkarikatur werden seine Texte häufig dem Begriff der „Menippean Satire“ zugeordnet. Die Bezeichnung geht zurück auf Northrop Frye und sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie „the pedantry of a specific culture“ ironisiert „while simultaneously demonstrating vast learning, questioning dominant views of the culture, and subtly undermining its own cultural position.”[16]

Diese von Frye angesprochene Pedanterie zeigt sich in Pynchons Offenbarung seines Wissensschatzes, die er mit den detailgetreuen Ortsbeschreibungen und wissenschaftlichen Erläuterungen zu Tage fördert und die einen teilweise recht eruditiven Erzählstil erzeugt.

Dass dieser Erzählstil gleichzeitig durch ähnlich pedantische Sicht völlig banaler Dinge gleich wieder entfremdet wird, ist ein weiteres Merkmal der Mennipean Satire.

Die Positionierung Pynchons innerhalb dieses Definitionsfelds hilft letztendlich weitere Merkmale seiner Fiktion funktional einzuordnen.

So erlaubt sich der Autor einer solchen Form von Satire gelegentlich einen Ausflug in einen so genannten „Incidental Verse“[17]:

“What appeared to be a music-hall contralto in a species of Poiret gown sat at a piano, accompanied by a small street-ensemble of accordion, glockenspiel, baritone saxophone, and drums, singing, in a bouncy 6/8,

-O,
-the,
-Quizzical, queer Quaternioneer,
-That creature of i-j-k
-Why must he smile so cu-riously,
-And creep about quite that way?”[18]

Wie in vielen derartigen Satiren ist hier die Vermischung absoluter Hoch- mit Alltags-, Volks- oder Populärkultur ein tragendes Merkmal der Verse. Im oben genannten Beispiel handelt es sich um ein Trinklied über ein mathematisches Theorem.

Die daraus entstandene Entfremdung klärt ein weiteres Grundprinzip der Mennipean Satire. Sie kommentiert weniger soziale als „mental attitudes“[19]. Sie führen laut Frye zu „violent dislocations in the customary logic of narrative, though the appearance of carelessness that result reflects only the carelessness of the reader or his tendency to judge by a novel-centered conception of fiction.“[20]

Ohnehin ist es gerade dieses Merkmal, was Pynchon und die Menippean Satire von gewöhnlichen Satiren weiter unterscheidet.

Jedoch greift dieses Konzept wiederum nicht völlig bei Pynchon, denn laut Frye „presents us the Menippean Satire [at its most concentrated] with a vision of the world in a single intellectual pattern.“[21]

Genau das passiert bei Pynchon aber niemals und wird, wie bereits beschrieben, bewusst durch produktive Multiperspektivität vermieden.

Eine abschließende Frage, die sich aus der produktiven Multiperspektivität heraus stellt, ist inwiefern sich eine solche Art von Fiktion in die Strömung der literarischen Postmoderne einordnen lässt.

Brian McHale beispielsweise ordnet Pynchon ganz klar der Postmoderne zu. Für ihn sind seine Texte gerade wegen ihrer Multiperspektivität von einem hohen Grad an Schizophrenität geprägt. Er kommt zu dem Schluss, Pynchons Texte seien gegen jede Lesart resistent und praktisch nicht interpretierbar.[22]

Seine Argumentation gerät zu einem Feldzug gegen so genannte „modernistische Lesarten“, die in seinen Augen Pynchons Texte auf eine global angepasste Bedeutung reduzieren.

Damit wendet er sich gleichzeitig gegen jegliche Anwendbarkeit traditionell hermeneutischer Bedeutungsgenerierung.

Im Gegensatz zu dieser hebt McHale besonders den aktiven Leser hervor. Der wird für ihn zum „metareader“, der den Text als Konglomerat literarischer Strategien wahrnimmt. Diese Leser werden so zu, wie er es nennt, „geniuses and metasolutions“[23] transformiert.

Im Zuge der bisher getätigten Feststellungen erscheint eine solche undeterminierte Herangehensweise sinnvoller als die von Kompromissen geprägten Versuche, Pynchons Werk mittels Definitionsfeldern festzulegen. Aber McHales Kategorisierung muss ebenfalls hinterfragt werden, da sie sich einer Erklärung von Pynchons Texten völlig entzieht.

Negiert man einem literarischen Text jegliche Lesart und reduziert ihn auf das bloße Konstrukt, so hat das mit einem Kunstprodukt, das Literatur nun einmal grundsätzlich darstellt, schlussendlich nichts mehr gemein. McHale selbst vernachlässigt dadurch einen literarisch vielschichtigen Text.

Im Gegensatz zu McHale gestaltet sich die Einordnung Pynchons bei Best/Kellner als gleichzeitiges Annähren und Entfernen von der Moderne. Sie distanzieren sich ausdrücklich von McHales formalistischem Postmodernismus.[24]

Pynchons Werke werden somit als klassisches Zwischenprodukt verstanden, was gleichzeitig Best/Kellners Heuristik erklärt, sich seiner Literatur von beiden Seiten zu nähern ohne sich eindeutig festzulegen. In einem ersten Schritt unterscheiden sie zwischen zwei Arten des literarischen Postmodernismus, einmal dem solipsistischen „postmodernism of reaction“ und dem „postmodernism of resistance“[25]. Letzterer zeichnet sich durch eine reflexive Sicht auf das eigene Schaffen und multiperspektivische Erzählweise aus. Ein weiteres Merkmal ist der Miteinbezug von Außendiskursen zwecks einer kulturellen Darstellung.

Für Best/Kellner sind Pynchons Texte exemplarisch für diese Art von Postmodernismus.

Anders als McHale sprechen sie von einem paranoiden und nicht einem schizophrenen Text. Er entzieht sich nicht jeder Bedeutung, vielmehr generiert er eine Vielzahl an Verknüpfungsmöglichkeiten, indem er nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Fakten unterscheidet. Daher die Bezeichnung „paranoider Text“. Der Leser ist dazu aufgefordert, die dargelegten Informationen selbst zu verknüpfen, ohne dass ihm eine obliegende Ordnung, so wie es bei einem traditionellen Roman der Fall ist, Hilfestellung gibt mit dem Ergebnis, dass der Leser beginnt in allem einen Zusammenhang zu sehen, selbst in den scheinbar unwichtigsten Textstellen.

Dem Leser ergeht es mit zunehmender Seitenzahl nicht anders als den Charakteren in Pynchons Romanen.

Die fehlende Linearität ergibt sich somit auch aus der Unfähigkeit der Charaktere selbst, das Geschehene einzuordnen und danach zu handeln.

Die postmodernistischen Aspekte in Pynchons Romanen sind für Best/Kellner vor allem die Negation etablierter Grenzziehungen, die sich beispielsweise in der Kreuzung von Hoch- und Populärkultur zeigt, die Entmachtung der Subjektivität sowie die Meidung jeglichen Determinismus’.[26]

Dennoch sehen sie in Pynchons Literatur lediglich den „advent of postmodernism“ und keinen Postmodernismus in voller Blüte. Es sind durchaus modernistische Züge in Pynchons Schreiben festzustellen:

“[Pynchon] is truly modernist in his aspirations and achievements; it is strikingly original; and does have a distinctive style, vision and set of themes. He takes on the most vital issues of our time, confronting […] media culture, suburbia, and the trajectory of U.S. society since World War II, as well as the global origins and vicissitudes of modernity.”[27]

Obwohl eine postmodernistische Einordnung, wie sie McHale vornimmt, zunächst sinnvoll erscheint, so kann dies nur geschehen, indem man einmal mehr gewisse Abgrenzungen vornimmt. Von den zwei resultierenden Extremen – keine Lesart versus jede mögliche Lesart – ist die Interpretation als paranoider Text dennoch vorzuziehen, da nur sie eine befriedigende Art der Bedeutungsgenerierung ermöglicht.

Das soll McHales Ansatz nicht als unsinnig entlarven. Seine Schlussfolgerung hat durchaus eine Daseinsberechtigung, jedoch entsteht bei der Lektüre zunehmend der Eindruck, es werde gegen modernistische Lesarten polemisiert, ohne eine eigene Lösung bereitzustellen.

Mit Einbezug eines abschwächenden Urteils von Best/Kellner kann im Falle von Against The Day jedoch immer noch von einem postmodernistischen Text gesprochen werden. Mehr sogar, als dies beispielsweise beim Erscheinen vom ähnlich angelegten Gravity’s Rainbow der Fall gewesen ist, denn ein Blick auf die ersten Gedanken der Literaturkritiker kurz nach der Veröffentlichung lassen durchscheinen, dass sich Pynchons Stil mittlerweile in gewissem Maße etabliert hat.

Nähert sich Against The Day also stilistisch dem gut dreißig Jahre vorher erschienenen Gravity’s Rainbow, so muss man natürlich von einer abweichenden Einordnung hinsichtlich der modernistischen Argumentation ausgehen.

So lassen sich Bests/Kellners Argumentation für die modernistischen Einschläge in Pynchons Schreiben auch nur bedingt für Against The Day übernehmen.

In allen Aspekten der produktiven Multiperspektivität wird analog die Frage nach einer absoluten Darstellungsweise aufgeworfen, die Pynchon durch den ständigen Wechsel untergräbt. Dadurch wird die Relation Darstellen/ Wahrnehmen an sich in den Mittelpunkt gerückt, woraus letztendlich die Frage nach dem eigentlich dargestellten und seinem fiktionalen bzw. realen Anspruch in der Wahrnehmung des Lesers völlig offen bleibt.

[...]


[1] Vgl. Palm, Goedart ‚Now Single Up All Lines!’ Erste Reise in Thomas Pynchons real-imaginäre Spiegelwelt Against the day: http://www.glanzundelend.de/glanzneu/pynchonpalm.htm (eingesehen am 21.12.07)

[2] Vgl. Stark, S. 6

[3] ATD, S. 639

[4] ATD, S. 870

[5] ATD, S. 597

[6] ATD, S. 626

[7] Mendelson, S. 161

[8] Best/Kellner, S. 25

[9] Harmon, S. 428

[10] Stark, S. 23

[11] Levine, S. 113

[12] Best/Kellner, S. 26

[13] ATD, S. 73

[14] ATD, S. 73

[15] Kernan, S. 273

[16] Vgl. Frye, S. 308- 312

[17] Stark, S. 24

[18] ATD, S. 534 (Einrückungen aus Text übernommen)

[19] Stark, S. 24

[20] Frye, S. 310

[21] Frye, S. 310

[22] Vgl. McHale, S. 114

[23] McHale, S. 114

[24] Best/Kellner, S. 54

[25] Best/Kellner, S. 24

[26] Vgl. Best/Kellner, S. 28

[27] Best/Kellner, S. 28

Details

Seiten
72
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783668119659
ISBN (Buch)
9783668119666
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123457
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
ordnungsprinzip metaphern thomas pynchons against

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