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Die Wirtschaftspolitik der peronistischen Regierung 1943-1955

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 20 Seiten

Geschichte - Amerika

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG

2. WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNGEN BIS 1943
2.1 DIE ENTWICKLUNG BIS 1930
2.2 DIE NATIONALE KRISE 1930-1940

3. DIE PERIODE VON 1943 BIS 1949
3.1 WIRTSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN
3.2 PERÓNS WIRTSCHAFTSPOLITIK
3.2.1 Dirigismus als Instrument zur Bew ä ltigung der Krisen 8
3.2.2 Bek ä mpfung der Dependenzkrise: Wirtschaftliche Unabh ä ngigkeitsbestrebungen 9
3.2.3 Umverteilungspolitik, um die Distributionskrise zu lösen 10
3.3 BEWERTUNG DER WIRTSCHAFTSPOLITIK

4. DIE PERIODE VON 1949-1955
4.1 DIE KRISE 1949/1950
4.1.1 Ursachen der Krise 13
4.2 MAßNAHMEN PERÓNS
4.3 BEWERTUNG DER PERONISTISCHEN MAßNAHMEN

5. PERÓNS WIRTSCHAFTSPOLITIK: WAS DARAN WAR POPULISTISCH?

6. AUSBLICK: DIE FOLGEN DER PERONISTISCHEN WIRTSCHAFTSPOLITIK FÜR DIE WEITERE ENTWICKLUNG ARGENTINIENS

7. LITERATUR

1. Einleitung

Der Peronismus und sein Protagonist Perón wurden für viele Argentinier zu einem Mythos, der jede Regierung vor schwere Probleme stellte. Im Zuge neoliberaler Wirtschaftsstrategien in den vergangenen Jahren und deren Erfolge und Misserfolge kann es durchaus von Interesse sein, zu untersuchen wie Regierungen zu anderen Zeiten versucht haben, das Land wirtschaftlich zu entwickeln. In dieser Arbeit soll es deshalb darum gehen, wie die Wirtschaftspolitik der ersten peronistischen Regierung unter Perón aussah. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden mit berücksichtigt, die konkreten Maßnahmen Peróns aufgezeigt und anschließend bewertet. Dabei ist es zweckmäßig die Regierungszeit in zwei Phasen einzuteilen: Die erste Phase von 1943 bis1949 und die zweite Phase, die nach der Wirtschaftskrise Anfang der 50er Jahre von grundlegenden Veränderungen geprägt war, von 1949 bis 1955. Abschließend gibt es eine Betrachtung darüber, was an dieser Wirtschaftspolitik populistisch war, denn der Peronismus wird oft im Zusammenhang mit dem Begriff Populismus diskutiert und über die Folgen für Argentinien, die aus der peronistischen Wirtschaftspolitik resultierten.

2. Wirtschaftliche Entwicklungen bis 1943

2.1 Die Entwicklung bis 1930

1880 begannen in Argentinien die fünf Jahrzehnte, die die argentinische Geschichtsschreibung als expansive Phase bezeichnet. Im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Reformprogramms stand die Öffnung des La ndes, das „crecimiento hacia afuera“1. Dies hatte die schnelle Eingliederung Argentiniens in ein weltweites System wirtschaftlicher Arbeitsteilung zur Folge. Argentiniens wichtigster Exportartikel, Rindfleisch, hatte in England einen festen Absatzmarkt und begründete den Wohlstand des Landes. Bis zum Jahre 1930 zählte Argentinien zu den reichsten Ländern nicht nur in Lateinamerika, sondern der ganzen Welt.2

Fehlentwicklungen in dieser Phase waren die durch das außenindizierte Wachstum bedingte zunehmende Abhängigkeit Argentiniens vom Ausland und die Transformation der Oberschicht von einer verantwortungsbewussten republikanischen Elite zu einer im Gruppenpartikularismus befangenen Oligarchie.3 Durch die Abhängigkeit vom Ausland war

Argentinien extrem anfällig für internationale Wirtschaftskrisen und die Schwankung der internationalen Handelsbedingungen. Durch die Exportorientierung kam es auch zu einer einseitigen Erschließung des Landesinneren und zu einer verzerrten Entwicklung der verschiedenen Regionen. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 geriet auch das argentinische Entwicklungsmodell in eine Krise.

2.2 Die nationale Krise 1930-1940

Die nationale Krise, die Argentinien in den 30er Jahren erfasste, kann man in verschiedene Krisen aufschlüsseln: in eine Entwicklungskrise, eine Identitätskrise, eine Dependenzkrise, eine Distributionskrise, eine Partizipations- und eine Legitimitätskrise.4 Der Auslöser der nationalen Krise liegt im grundlegend gewandelten Weltwirtschaftssystem nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Dieses bot Argentinien nicht mehr die bisherigen günstigen Entwicklungsbedingungen. Zu diesen hatten ein expandierender Welthandel, offene Märkte für Agrarprodukte und ein verhältnismäßig reibungsloser Zahlungsverkehr gehört. Durch die Weltwirtscha ftskrise 1929/1930 kam es zu einer weltweiten Abkehr vom Freihandel und zu einem allgemeinen Wiederaufleben protektionistischer Tendenzen. Damit änderte sich Argentiniens Beziehungen zu den europäischen Industrienationen. Argentinien hatte zunehmend Absatzschwierigkeiten mit seinen traditionellen Exportartikeln Rindfleisch und Weizen. Damit war das Ende des Wachstums nach außen eingeleitet. Im Vergleich zu 1928 waren die argentinischen Exportpreise 1932 um 64 Prozent gefallen, die terms of trade verschlechterten sich erheblich, da die Importpreise im selben Zeitrum nur um 41 Prozent fielen.5 Die abfallende Importkapazität führte zu schweren Zahlungsbilanzproblemen, dezimierte die Staatseinnahmen und führte zu einer hohen Staatsverschuldung. Die Devisen wurden knapper, Argentinien hatte keine Möglichkeit mehr, industrielle Fertigwaren zu importieren. Damit entstanden die Voraussetzungen für ein wirtschaftliches Wachstum nach Innen, das heißt für eine importsubstituierende Strategie.

Das Entwicklungsmodell, nach dem sich Argentiniens Wirtschaft 60 Jahre lang gerichtet hatte, war obsolet geworden.

Mit der Entwicklungskrise eng verbunden ist die Identitätskrise. Die wirtschaftliche Position Argentiniens war in Frage gestellt. Auch das politische System geriet ins Wanken, denn mit dem Militärputsch vom 6. September 1930 unter General José F. Uriburu kam es zum ersten gewalttätigen Machwechsel seit Jahrzehnten. Außerdem führte die Kriegsfrage neben der sozialen und wirtschaftlichen Spaltung zu einer ideologischen Spaltung der Gesellschaft.

Die Dependenzkrise betrifft vor allem den wirtschaftlichen Bereich Argentiniens. Dieser war von externen Kräfteverschiebungen in den internationalen Beziehungen geprägt. Die Auslandsschuld Argentiniens betrug Anfang der 40er Jahre 2000 Millionen Dollar. Gleichzeitig verfügte Argentinien jedoch über beträchtliche Devisenreserven, die aber durch Inkonvertibilität blockiert waren (in den USA 500 Millionen Dollar, in Großbritannien 150 Millionen Dollar). Ausländische Kapitalgeber transferierten jährlich circa 750 Millionen Dollar an Gewinnen aus dem Land. 6 Neben dem wirtschaftlichen Aspekt, hatte die Dependenzkrise auch einen ideellen Aspekt. Argentinischen Intellektuellen gelang es nicht, sich von ideologischen Strömungen aus Europa freizumachen und eigenständige, identitätsstiftende Vorstellungen zu entwickeln.

Durch die schnelle Modernisierung des Landes und durch eine Politik, die größtenteils den Interessen der Agraroligarchie und der oberen Mittelklasse diente, kam es zu einer Distributionskrise. Die sozialen Spannungen, die zuvor durch ein beträchtliches Wirtschaftswachstum teils überdeckt, teils neutralisiert wurden, traten jetzt immer schärfer hervor. Auch deshalb, weil die wirtschaftlich und politisch dominierenden Gruppen ihre Geschäftsverluste auf die untersten Stufen der nationalen Schichtpyramide abwälzten. Damit vergrößerte sich die Kluft zwischen armen und reichen Bevölkerungsgruppen noch weiter. Ende der 30er Jahre begann sich die Arbeiterklasse immer stärker gegen ihre Ausbeutung und soziale Diskriminierung zur Wehr zu setzen.

Seit 1912 gab es in Argentinien durch ein allgemeines, geheimes und freies Wahlrecht die legale Voraussetzung für eine erweiterte Partizipation. Zwischen 1916 und 1930 hatte dieses Wahlrecht zur Bildung einer von der Volksmehrheit getragenen Regierung geführt. Diese Voraussetzungen wurden auch nach 1930 formell nicht angetastet. Die konservative Minderheitsregierung kam durch Wahlfälschungen und andere, den demokratischen Schein wahrende Methoden an die Macht. Dadurch waren die Möglichkeiten der Wähler, auf das politische Geschehen einzuwirken, eingeschränkt und als Folge wurde der Begriff Politik nun gleichgesetzt mit Techniken der Übervorteilung der Mehrheit durch die an den Hebeln der Macht befindliche Minderheit.7

Die Legitimationskrise war wohl die wichtigste der verschiedenen Krisen.8 Sie wurde dadurch akut, dass das politische System keine adäquaten Reaktionen auf die aus den anderen gesellschaftlichen Bereichen an das politische System hereingetragenen Herausforderungen entwickelte. Es diente zu sehr den Interessen der traditionellen Eliten und war dem Wachstumsmodell der belle époque zu sehr verhaftet.9 Der einseitige, verfehlte Einsatz seiner Ressourcen beziehungsweise seine Inaktivität lösten die Legitimitätszweifel aus, die nicht zuletzt ein Vordringen der Streitkräfte in den politischen Raum ermöglichten. Auch in früheren Jahrzehnten gab es militärische Revolten, die die institutionelle Stabilität und Sicherheit bedrohten, sie hatten jedoch nie Erfolg. Der erfolgreiche Staatsstreich von 1930 brachte dagegen erstmals seit langer Zeit offen die politischen Ambitionen und die politische Macht der Streitkräfte zum Ausdruck.

Alles in allem befand sich Argentinien in einer Krise „welche nicht durch punktuelle Reformen zu lösen war, sondern nur durch eine umfassende prinzipielle Neuorientierung.“10

3. Die Periode von 1943 bis 1949

3.1 Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Durch das Versiegen des Stroms industrieller Fertigwaren aus Europa während des Krieges beschleunigte sich die expansive Entwicklung der argentinischen Industrie, wobei vor allem die zunehmende Diversifizierung der Produktion als Zeichen der wachsenden wirtschaftlichen Unabhängigkeit hervorzuheben ist. Die Industrie begann den land wirtschaftlichen Sektor zu überflügeln. Durch die Kriegssituation gab es hohe Preise für Agrarprodukte und eine hohe Nachfrage dafür, Argentinien konnte Außenhandelsüberschüsse erzielen und die Wirtschaft boomte.

Die Aufwärtsentwicklung war so stark, dass auch die in die ersten Nachkriegsjahre fallenden Sanktionen der USA sie nicht aufhalten konnten. Durch Argentiniens Politik der Neutralität und Bündnisfreiheit wurde es zunehmend in die internationale Isolierung gedrängt und musste zahlreiche Sanktionen wirtschaftlicher und politischer Art hinnehmen. Zwischen 1946 und 1949 verhängten die USA einen Boykott gegen das Land wegen dessen Neutralität. Argentinien wurde nicht in das für alle restlichen Staaten Lateinamerikas vorgesehene Unterstützungs- und Rüstungsprogramm einbezogen, zu einem späteren Zeitpunkt wurden dann sämtliche argentinischen Dollarguthaben in den USA eingefroren und eine generelle Sperre für die Ausfuhr von Waren nach Argentinien verhängt. Diese Sanktionen bedeuteten einen empfindlichen Schlag für das Land, denn Argentinien war auf Rohmaterialien und Investitionsgüter aus den USA angewiesen, denn Englands Produktionskapazität war gegen Ende des Krieges so erschöpft, dass es seiner Verpflichtung, Argentinien als Gegenleistung für landwirtschaftliche Produkte mit Industriegütern zu versorgen, nicht mehr nachkommen konnte.

Dazu kam noch, dass England sich weigerte, einer Konvertierung der argentinischen Pfundreserven, die sich während dem Krieg angesammelt hatten, in Dollarguthaben zuzustimmen. Damit war Argentinien die Möglichkeit versperrt, diese Guthaben für den Ankauf dringend benötigter Güter in den USA zu verwenden. Außerdem wurde Argentinien nicht in das Marshall-Plan-Programm mit einbezogen. Es rechnete fest damit, an die notleidenden Länder Europas landwirtschaftliche Produkte liefern zu können und dafür in Dollarwährung bezahlt zu werden. Den Vereinigten Staaten erschienen jedoch die argentinischen Preisforderungen zu hoch und sie konnten den Hilfsplan auch ohne Argentinien realisieren. Argentinien blieb somit von den großen weltwirtschaftlichen Handels- und Hilfstransaktionen der Nachkriegszeit ausgeschlossen und war weitgehend auf die Nutzung der eigenen Ressourcen verwiesen.

Durch den Krieg hatte sich eine entscheidende Veränderung für Argentinien ergeben. Der Krieg erschütterte das enge wirtschaftliches Komplementärverhältnis zu England, weil der Kapital- und Warenbedarf Argentiniens fortan nicht mehr hinreichend von England, das an weltwirtschaftlicher Bedeutung verlor, gedeckt werden konnte. Als Staat, der über die benötigten Ressourcen verfügte, rückten immer mehr die USA in den Vordergrund. Der Ausbau der Handelsbeziehungen scheiterte jedoch am Fehlen komplementärer Interessen. Die Vereinigten Staaten waren nämlich im Unterschied zu England keineswegs auf die Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte angewiesen. Damit ergab sich eine klassische Abhängigkeitsbeziehung: Argentinien war in hohem Maße auf die industriellen, finanziellen und technischen Ressourcen der USA angewiesen, während die Handelsbeziehungen der USA mit Argentinien kaum ins Gewicht fielen.

3.2 Peróns Wirtschaftspolitik

„Una nacion politiacamente soberana, economicamente independiente y socialmente justa.“11 Drei Hauptziele der peronistischen Wirtschaftspolitik nach dem Krieg lassen sich ausmachen:

- Die Binnenwirtschaft sollte gestärkt und unabhängig vom Ausland werden
- Der Staat sollte eine größere Rolle in der Produktion und Verteilung spielen
- Das nationale Einkommen sollte gerecht verteilt werden.

[...]


1 Der Ausdruck stammt von R. Prebisch

2 Waldmann, Peter: Der Peronismus 1943-1955, Hamburg 1974, S. 9

3 Waldmann, S. 37

4 vgl. Waldmann und Knoblauch, Rudolf: Der Peronismus,- ein gescheitertes lateinamerikanisches Modell, Diessenhofen 1980, S. 15-23

5 Bernecker et al: Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Stuttgart 1996, S. 914

6 Knoblauch: S. 147

7 Waldmann, S. 57

8 Waldmann. S. 59

9 Bernecker et al, S. 918

10 Waldmann, S. 41

11 peronistischer Wahlspruch

Details

Seiten
20
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638182539
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12345
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Argentinien Peronismus Wirtschaftspolitik

Autor

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