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Corporate Social Responsibility: Stand der Forschung und Entwicklungstrends

Diplomarbeit 2008 77 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Bedeutung der Corporate Social Responsibility
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Definitionen und Begriffsabgrenzungen
2.1. Corporate Social Responsibility
2.2. Corporate Citizenship
2.3. Corporate Sustainability
2.4. Corporate Governance
2.5. Empfehlung für die Begriffssystematik

3. CSR in der Forschung
3.1. Meilensteine der CSR-Forschung
3.1.1. Die Shareholder-Theorie nach Friedman
3.1.2. Das Modell der Corporate Social Performance nach Carroll
3.1.3. Die Stakeholder-Theorie nach Freeman
3.1.4. Die CSR-Pyramide nach Carroll
3.2. Forschungsstand: CSR als Wettbewerbsvorteil
3.2.1. Der Resource-Based View
3.2.2. Das strategische CSR-Modell nach Porter und Kramer
3.2.3. Erweiterung des strategischen CSR-Modells nach Jastram
3.3. Zentrale Entwicklungstrends in der CSR-Forschung
3.3.1. CSR und Unternehmensgröße
3.3.2. CSR-Kommunikation als Erfolgsfaktor
3.3.3. Erfolgswirkungen der CSR

4. CSR in der Praxis
4.1. Internationale CSR-Maßnahmen
4.1.1. Globale Maßnahmen
4.1.2. Maßnahmen der Europäischen Union
4.2. Fallbeispiele
4.2.1. Royal Dutch Shell
4.2.2. Nike
4.2.3. The Body Shop
4.2.4. Whole Foods Market

5. Kritische Betrachtung des CSR-Konzepts
5.1. Das CSR-Konzept aus Forschungssicht
5.2. Das CSR-Konzept aus Praxissicht

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis:

Abb. 1: Empfehlung für die Begriffssystematik

Abb. 2: Das dreidimensionale Corporate Social Performance Modell nach Carroll

Abb. 3: Die CSR-Pyramide nach Carroll

Abb. 4: Gesellschaftliches Engagement entlang der Wertkette

Abb. 5: Gesellschaftliches Engagement im Wettbewerbsumfeld

Abb. 6: Strategisches CSR-Modell nach Jastram

1. Einleitung

1.1. Bedeutung der Corporate Social Responsibility

Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Themen in Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt.[1] Dabei stellt diese keine Erfindung von Wissenschaftlern dar, sondern ist auf konkrete Probleme der Unternehmenspraxis zurückzuführen und vor allem dem steigenden moralischen Legitimationsdruck, dem sich Unternehmen weltweit ausgesetzt sehen, zu verdanken.[2] Die Ursachen für diesen Bedeutungszuwachs sind vielschichtig. Ständig wachsende und damit mächtiger werdende Unternehmen sind in der Lage in zunehmendem Maße die ökonomische, ökologische und soziale Situation einer Gesellschaft zu beeinflussen. Damit einher gehen gestiegene Erwartungen, aber auch Befürchtungen seitens der Gesellschaft gegenüber den Unternehmen.[3]

In den letzten Jahren haben sich Medienberichte über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Korruption, Kinderarbeit oder umweltschädliches Verhalten der Unternehmen gehäuft.[4] Solche Unternehmensskandale, wie der Fall Enron, haben gezeigt, wie sensibel die Gesellschaft auf unverantwortlich handelnde Unternehmen reagieren kann. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen, bekannt unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility[5] (CSR), zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rückt.[6]

CSR umfasst die Bereiche Ökonomie, Ökologie und Soziales, und bildet daher das gesamte Wirkungsspektrum unternehmerischen Handelns ab.[7] Es handelt sich dabei um eine aktive Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung, welche durch ihre generelle Werteorientierung das Unternehmen prägt.[8]

Für die Unternehmen stellt CSR eine besondere Herausforderung dar: Zum einen die Herausforderung den Shareholder-Value zu maximieren, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, zum anderen aber auch die Herausforderung den unterschiedlichen Forderungen diverser weiterer Anspruchsgruppen, den sog. Stakeholdern des Unternehmens, nach höherer gesellschaftlicher Verantwortung gerecht zu werden.[9] Dieser Aspekt ist von besonderer Bedeutung, da er das allgegenwärtige Spannungsverhältnis innerhalb der CSR zwischen Ökonomie und Ethik darstellt.[10] Erschwerend kommen für die Unternehmen zu den gestiegenen Erwartungen der Stakeholder zunehmend bessere Informationsmöglichkeiten und teils drastische Sanktionspotenziale der Stakeholder hinzu. Die Stakeholder sind in der Lage ein Fehlverhalten seitens der Unternehmen schnell aufzudecken, zu kommunizieren und entsprechende Konsequenzen (z.B. in Form eines Konsumentenboykotts) zu ziehen.[11] In der Vergangenheit ist dies v.a. unterstützt durch sog. Non-Governmental Organizations (NGO’s), wie z.B. Greenpeace, geschehen, die, verstärkt durch die Medien, in der Lage sind große öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen und den Unternehmen großen wirtschaftlichen Schaden zufügen können.[12] Der derzeit reichste Mann der Welt, der amerikanische Finanzinvestor Warren Buffet, bemerkte hierzu einmal sehr treffend: „Es dauert zehn Jahre, einem Unternehmen ein positives Image zu verleihen, aber nur zehn Sekunden, um dieses zu verlieren“[13].

Unternehmen müssen sich daher ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein und die Auswirkungen ihres Handelns auf ihre Reputation berücksichtigen.[14] Heutzutage wird von den Unternehmen ein gesellschaftlich verantwortliches Verhalten erwartet. Die Unternehmen haben dies zu einem Großteil erkannt und festgestellt, dass CSR gut für sie und ihr Geschäft mit den diversen Stakeholdergruppen ist. Die Stakeholder ihrerseits sind inzwischen so sehr für gesellschaftlich verantwortliche Produkte und Initiativen sensibilisiert worden, dass sie diese wahrnehmen und auch honorieren.[15] Diese Aspekte sind v.a. im Hinblick auf die bestehende wechselseitige Abhängigkeit zwischen Wirtschaft und Gesellschaft von Bedeutung. Die wechselseitige Abhängigkeit begründet sich darin, dass die Gesellschaft zum einen eine erfolgreiche Wirtschaft benötigt, um einen gewissen Wohlstand zu erreichen, zum anderen benötigt die Wirtschaft für ihr Überleben und zur Legitimation ihrer Geschäftstätigkeit die Gesellschaft.[16]

Als Reaktion auf das große öffentliche Interesse an der CSR werden weltweit auf unterschiedlichen Ebenen Initiativen und Projekte, wie z.B. der UN Global Compact oder das European Multi-Stakeholder Forum, durchgeführt.[17] Hinzu kommt eine Fülle unterschiedlichster CSR-Ratings, welche die gesellschaftliche Leistung von Unternehmen bewerten, sowie ökologisch, ethisch und nachhaltig orientierte Investmentfonds und diverse Auszeichnungen und Preise für besonders sozial bzw. gesellschaftlich verantwortliche Unternehmen.[18]

Trotz der großen Aktualität des Themas nimmt CSR in der betriebswirtschaftlichen Forschung allgemein und in der deutschsprachigen betriebswirtschaftlichen Literatur im speziellen bisweilen lediglich eine Nischenrolle ein.[19]

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen umfassenden Einblick in das komplexe Thema der CSR zu geben. Dazu sollen aus Forschungssicht die bisherigen Meilensteine, der aktuelle Forschungsstand und die zukünftigen Entwicklungstrends dargestellt werden, im Zuge dessen aber auch die Praxisseite der CSR nicht vernachlässigt werden.

1.2. Aufbau der Arbeit

Im Anschluss an diese kurze Einleitung werden in Kapitel 2 die für das Thema CSR relevanten Begriffe zunächst definiert, voneinander abgegrenzt und anschließend systematisiert. Der darauf folgende Hauptteil der Arbeit ist in zwei große Blöcke unterteilt worden. Zum einen widmet sich Kapitel 3 der CSR aus der Forschungssicht, zum anderen soll in Kapitel 4 ein Einblick in die Praxis der CSR gegeben werden.

Kapitel 3 beginnt mit der Darstellung bedeutsamer Meilensteine der CSR-Forschung, repräsentiert durch die wichtigsten Theorien und Modelle zur CSR, die den Weg zum heutigen Forschungsstand entscheidend geprägt haben. Der derzeitige Stand der Forschung sieht CSR als einen Wettbewerbsvorteil an, welcher anhand des Resource-Based View und einer detaillierten Darstellung zweier strategischer CSR-Modelle verdeutlicht werden soll. Die zentralen Entwicklungstrends der CSR-Forschung, die durch eine intensive Literaturrecherche identifiziert wurden, werden anschließend erläutert.

In Kapitel 4 werden zunächst die wichtigsten CSR-Maßnahmen, getrennt nach globalen Maßnahmen und Maßnahmen der Europäischen Union, aufgezeigt. Im Anschluss soll anhand anschaulicher Fallbeispiele ein Einblick in die Anwendung der CSR in der Unternehmenspraxis gegeben werden.

Eine Kritische Betrachtung des CSR-Konzepts, getrennt nach Forschungsund Praxissicht, in Kapitel 5 und ein kurzes Fazit in Kapitel 6 sollen die Arbeit abrunden.

2. Definitionen und Begriffsabgrenzungen

2.1. Corporate Social Responsibility

Was heute im allgemeinen Sprachgebrauch als Corporate Social Responsibility bezeichnet wird, ist in weiten Teilen Europas, und vor allem in Deutschland, eigentlich nichts Neues. Inhaltlich ähnliche Konzepte wurden bereits in der Vergangenheit unter Begriffen wie dem Brundtland-Report[20] als zentralen Punkt der Nachhaltigkeitsdiskussion, Sozialbilanzen zur Bewertung der sozialen Leistung von Unternehmen oder in der Umweltbewegung der 1980er und 1990er Jahre breit diskutiert. Diese Konzepte können daher als Vorläufer der CSR in Deutschland und weiten Teilen Europas angesehen werden.[21]

Der Begriff CSR hat sich seit Anfang der 1950er Jahre ausgehend von den USA entwickelt und ist inhaltlich der Unternehmensethik zuzuordnen.[22] Als Geburtsstunde des CSR-Begriffs gilt das 1953 von H. R. Bowen verfasste Buch „Social Responsibilities of the Businessman“.[23] Bowen definiert hierin erstmals CSR: „It refers to the obligations of businessmen to pursue those policies, to make those decisions, or to follow those lines of action which are desirable in terms of the objectives and values of our society“[24]. Seit diesem ersten Definitionsversuch hat sich im Zuge einer intensiv geführten CSR-Diskussion auch mehr als 50 Jahre danach noch immer keine einheitliche Definition herauskristallisieren können.[25] Dies hat mehrere Gründe: Erstens kann dieses Problem auf die schier unüberschaubare Menge an Definitionen zum Begriff CSR zurückgeführt werden. Der Begriff der Ethik, auf den CSR letztlich zurückzuführen ist, ist nicht „greifbar“ und hat für jedes Individuum eine eigene Bedeutung. So ist es nicht verwunderlich, dass auch bezüglich des Begriffs der CSR jeder Autor sein eigenes Begriffsverständnis entwickelt hat.[26] Das Problem dieser Tatsache ist jedoch, dass, als Folge unterschiedlicher Begriffsauffassungen, eine akademische Debatte und damit ein produktiver Dialog aufgrund eines fehlenden einheitlichen Ausgangspunkts erschwert bzw. behindert wird.[27] Als plakatives Beispiel für die Fülle an Definitionen sei an dieser Stelle auf einen 2006 von Dahlsrud verfassten Artikel verwiesen, in dem die 37 häufigsten Begriffsdefinitionen zwischen 1980 und 2003 in der einschlägigen CSR-Literatur analysiert werden.[28]

Ein zweites Problem im Zusammenhang mit einer Definitionsfindung für CSR ist in der großen Anzahl verwandter und teilweise sogar synonym benutzter Begriffe zu sehen. Zu den prominentesten Begriffen gehören hierbei Corporate Citizenship, Corporate Sustainability und Corporate Governance.[29] Die Liste verwandter Begriffe würde sich ohne weiteres fortführen lassen, was jedoch den begrenzten Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Daher erfolgt an dieser Stelle lediglich eine Konzentration auf die geläufigsten Begrifflichkeiten. Im Anschluss an diese Begriffsdefinition der CSR werden die o.g. verwandten Begriffe definiert, von der CSR abgegrenzt und abschlie- ßend ihre Beziehungen zueinander systematisiert.

Zu den bereits angesprochenen Problemen kommen in der deutschsprachigen Literatur Übersetzungsschwierigkeiten als ein drittes Problem hinzu. Fälschlicherweise wird der Begriff CSR oft als die „soziale“ Verantwortung von Unternehmen übersetzt. Der englische Begriff „social“ aber beschreibt ein umfassendes gemeinnütziges Engagement. CSR ist somit eine über Wohltätigkeitsveranstaltungen hinausgehende Übernahme „gesellschaftlicher“ Verantwortung.[30]

Ein viertes Problem kann darin gesehen werden, dass die Diskussion um CSR nicht nur Interessengesteuert, sondern auch dynamisch ist, und CSR daher kontinuierlich durch aktuelle Themen und die Berichterstattung der Medien verändert wird.[31]

Diese Probleme sind teilweise auf die Tatsache zurückzuführen, dass das gesamte CSR- Konzept sehr komplex und fassettenreich, gleichzeitig aber auch sehr unscharf, ohne klar erkennbare Grenzen ist.[32] Im Folgenden sollen zwei Definitionsbeispiele die teils stark voneinander abweichenden Begriffsauffassungen verdeutlichen. Als erstes Beispiel sei zunächst die Definition nach McWilliams/Siegel genannt: „..we define CSR as actions that appear to further some social good, beyond the interests of the firm and that which is required by law“[33]. Diese recht weit aufgefasste Definition stellt vor allem die Freiwilligkeit des gesellschaftlichen Engagements und den sozialen Aspekt der CSR in den Vordergrund.

Eine präzisere Definition der CSR ist bei Hopkins zu finden: „Corporate social responsibility is concerned with treating the stakeholders of the firm ethically or in a responsible manner. ‘Ethically or responsible’ means treating stakeholders in a manner deemed acceptable in civilized societies. Social includes economic responsibility. Stakeholders exist both within a firm and outside – for example, the natural environment is a stakeholder. The wider aim of social responsibility is to create higher and higher standards of living, while preserving the profitability of the corporation, for peoples both within and outside of the corporation“[34]. Hopkins spricht in seiner Definition neben den Aspekten der Freiwilligkeit und des Sozialen auch die Berücksichtigung der wichtigen Aspekte Ökonomie und Stakeholder an.

In seiner Analyse der 37 häufigsten Definitionen für CSR entdeckte Dahlsrud, dass innerhalb der Definitionen fünf Aspekte immer wieder auftauchten: Umwelt, Soziales, Ökonomie, Stakeholder und Freiwilligkeit.[35] Nur sehr wenige Definitionen umfassen dieses Spektrum der CSR. Hierzu gehört u.a. die der Europäischen Union (EU), die im Folgenden die relevante CSR-Definition dieser Arbeit darstellen wird. Die EU definiert CSR in ihrem Grünbuch als „… ein Konzept, das den Unternehmen als Grundlage dient, auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren[36] und ergänzt in ihrer Mitteilung an die Kommission: “…, da sie zunehmend erkennen, dass verantwortliches Verhalten zu nachhaltigem Unternehmenserfolg führt[37]. Diese Definition wurde laut Dahlsrud am häufigsten verwendet und gilt in Europa als anerkannt.[38]

2.2. Corporate Citizenship

Corporate Citizenship (CC) ist innerhalb der Diskussion um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen ein relativ neuer Begriff. Ausgehend von den USA, wo der Begriff erstmals in den 1980er Jahren auftauchte, findet CC in den letzten Jahren auch mehr und mehr in Europa Verbreitung.[39] Seit seiner Entstehung wird der Begriff CC in der Literatur sehr häufig fälschlicherweise synonym mit CSR verwendet.[40] Daher erscheint es angebracht den Begriff CC zunächst zu erläutern und anschließend eine Abgrenzung zum Begriff CSR zu treffen.

Wie bei der CSR sieht man sich auch bei dem Begriff des CC zunächst mit dem Problem einer fehlenden einheitlichen Definition konfrontiert.[41] CC kann in das Deutsche als unternehmerisches Bürgerengagement innerhalb der Gesellschaft übersetzt werden. Unternehmen sollen also als Teil der Gesellschaft die Rolle eines „guten Bürgers“ einnehmen.[42] Von dieser normativen Sichtweise entwickelte sich CC im Zuge der Bearbeitung innerhalb der Betriebswirtschaftslehre zu einem Instrument, welches gezielt in die Unternehmensstrategie eingebunden wird.[43] Nach diesem Begriffsverständnis nimmt der Eigennutz des CC eine zentrale Rolle ein. Hiermit ist gemeint, dass aktiv sog. Win-Win-Situationen für Gesellschaft und Unternehmen gesucht und geschaffen werden. Das Unternehmen handelt also nicht aus reiner Wohltätigkeit, sondern aus Eigeninteresse. Es konzentriert sich dabei gezielt auf Bereiche, die für ihre lokalen Bezugsgruppen von Bedeutung sind.[44] Hierbei können drei Bereiche unterschieden werden: 1. Corporate Giving, 2. Corporate Volunteering und 3. Corporate Foundations.[45] Loew et al. definieren CC daher als: “…das über die eigentliche Geschäftstätigkeit

hinausgehende Engagement des Unternehmens zur Lösung sozialer Probleme im lokalen Umfeld des Unternehens und seiner Standorte. Corporate Citizenship umfasst Spenden und Sponsoring (Corporate Giving), die Gründung von gemeinnützigen Unternehmensstiftungen (Corporate Foundations) und ein Engagement für soziale Zwecke unter direktem Einbezug der Mitarbeiter (Corporate Volunteering). Zu Corporate Citizenship zählen sowohl uneigennützige Aktivitäten sowie Aktivitäten mit einem wirtschaftlichen Eigennutz“[46].

Zur Abgrenzung des Begriffs CC von CSR gibt es in der Literatur verschiedenste Ansätze.[47] Unter Verwendung der oben genannten Definition lässt sich CC, entsprechend der mehrheitlichen Meinungen innerhalb der Literatur, als ein Teilelement der CSR bezeichnen. CC ist also ein untergeordneter Aspekt der CSR.[48] Es stellt dabei den Teilbereich der CSR dar, der sich mit der Beziehung des Unternehmens zu seinen lokalen Anspruchsgruppen beschäftigt und dabei die strategische Ausrichtung der entsprechenden Aktivitäten an den Unternehmenszielen vornimmt. CSR als übergeordnete globale Idee bezieht sich jedoch auf die gesellschaftliche Verantwortung in allen Bereichen der Unternehmenstätigkeit, schließt also u.a. auch die Mitarbeiter, Lieferanten und Wertschöpfungsprozesse mit ein.[49]

2.3. Corporate Sustainability

Um sich dem Begriff der Corporate Sustainability (CS) anzunähern, lohnt es sich zunächst einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Der Begriff CS, im Deutschen als nachhaltige Unternehmensführung bezeichnet, lässt sich inhaltlich aus dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Development) ableiten. Die wichtigste und auch allgemein anerkannte Definition von nachhaltiger Entwicklung wurde 1987 von der sog. Brundtland-Kommission getroffen.[50] Demnach ist eine Entwicklung nachhaltig, „…wenn sie die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“[51]. Die Brundtland-Kommission hat ein Drei-Dimensionen-Modell der Nachhaltigkeit[52] ins Leben gerufen, nach dem es erstrebenswert ist die drei Dimensionen ökonomischer Erfolg, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit langfristig in Einklang zu bringen. Auf den Ergebnissen der Brundtland-Kommission aufbauend, verpflichteten sich 1992 alle 179 teilnehmenden Staaten der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro diesem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung.[53]

Zu beachten ist, dass sich das Konzept der nachhaltigen Entwicklung nicht ausschließ- lich auf Unternehmen bezieht, sondern auch Regierungen und andere Organisationen mit einschließt. Die erforderliche Übertragung des Nachhaltigkeitsleitbildes auf Unternehmen erfolgte Anfang der 1990er ausgehend von der Idee der Tripple Bottom Line und der Entwicklung des Begriffs der CS.[54] Die Tripple Bottom Line fordert dabei, im Sinne einer dreidimensionalen Wertschöpfung, die Wertschöpfung in den Dimensionen sozial (Solidarität gegenüber Mitarbeitern und Umfeld), ökologisch (Verantwortung gegenüber der Umwelt) und ökonomisch (Effizienz als Voraussetzung), bei gleichzeitigem Kapitalerhalt.[55] Hierbei sieht die Tripple Bottom Line vor, dass die ökonomische Dimension im Zweifelsfall eine untergeordnete Rolle einzunehmen hat.[56]

Loew et al. definieren demnach CS als „…eine Unternehmensführung, die darauf ausgerichtet ist, die Beiträge des Unternehmens zu den sozialen, ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeitsherausforderungen zu optimieren“[57]. Es geht also um die Beiträge des Unternehmens zur Nachhaltigkeit und die Maximierung dieser Beiträge unter Berücksichtigung aller drei Dimensionen.

Der wesentliche Unterschied zwischen CS und CSR ergibt sich aus der Tatsache, dass CSR, gemäß der hier gewählten Definition der EU-Kommission, die ökonomischen Beiträge der Unternehmen zur gesamtgesellschaftlichen Nachhaltigkeit nicht explizit berücksichtigt.[58] CS kann daher als das breitere Konzept angesehen werden, bei dem das Ziel in der dauerhaften Sicherung der Kapitalbasis besteht, während bei der CSR primär die Beziehungen zur Gesellschaft und deren Bedürfnisse im Vordergrund stehen.[59] Schlussfolgernd kann CSR als ein Teilbereich nachhaltiger Unternehmensführung angesehen werden.[60]

2.4. Corporate Governance

Der Begriff der Corporate Governance (CG), welcher erst seit wenigen Jahren mit CSR in Verbindung gebracht wird, hat in seinem ursprünglichen Begriffsverständnis, in Form eines Ordnungsrahmens für die Führung bzw. Kontrolle von Unternehmen, keinen direkten Bezug zur CSR. Dieser lässt sich erst durch die Veränderung des Begriffsverständnisses in den letzten Jahren herstellen.[61] Auch zum Begriff CG haben sich im Zeitablauf sehr unterschiedliche Definitionen entwickelt. Verkürzend lassen sich enge und weite Definitionen der CG unterscheiden, auf die an dieser Stelle jedoch nicht im Detail eingegangen wird.[62] In den engen Definitionen geht es primär um die Trennung zwischen Eigentum und Kontrolle, die Einhaltung von Regeln und das Handeln im Sinne der Shareholder des Unternehmens. Bei den weiten Definitionen hingegen geht es um die explizite Berücksichtigung aller Stakeholder[63], und die Erzielung eines Interessenausgleichs zwischen diesen.[64] Als theoretische Schnittstelle zwischen CG und CSR lässt sich daher der sowohl in der CSR-Literatur als auch in der CG-Literatur allgegenwärtige Konflikt zwischen Shareholderund Stakeholder-Denkweise identifizieren, welcher in Kapitel 3.1. dieser Arbeit ausführlich dargestellt wird.[65] Eine Schnittstelle der Unternehmenspraxis stellt die gestiegene Sensibilität der Gesellschaft gegenüber CG-Fragen, als Bestandteil einer umfassenden CSR-Debatte, dar. Beispiele hierfür sind die öffentliche Diskussion über Managergehälter, Bilanzfälschungen und die zunehmende Machtkonzentration in Unternehmen.[66]

Schwalbach/Schwerk stellen die These auf, dass zwischen einer „guten“ CG und CSR eine komplementäre Beziehung besteht.[67] „Gute“ CG ist dabei eine Unternehmensführung, die die wechselseitige Abhängigkeit von Unternehmen und Gesellschaft erkennt und Entscheidungen so trifft, dass beide daraus langfristig einen Nutzen ziehen können. Demnach soll „gute“ CG zu guter Unternehmensperformance aus ökonomischer, sozialer und ökologischer Sicht führen.[68]

In der CG eines Unternehmens zeigt sich, wie die Stakeholderinteressen innerhalb des Unternehmens berücksichtigt werden und somit die CSR wahrgenommen wird. Dies hat vor dem Hintergrund der zunehmend geforderten Transparenz der Unternehmen eine große Bedeutung. Eine „gute“ CG kann daher zentrale Grundlage für eine glaubwürdige CSR sein.[69]

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass „gute“ CG als ein Teil der CSR angesehen werden kann, der eine nachhaltige Sicherung des Unternehmenserfolgs beeinflusst.[70]

2.5. Empfehlung für die Begriffssystematik

Entsprechend der vorangegangenen Definitionen und Begriffsabgrenzungen wird eine Begriffssystematik empfohlen, die durch Abb. 1 verdeutlicht werden soll. Dieser Systematik folgend werden CC und CG als Teilbereiche bzw. Elemente der CSR angesehen. CSR selbst stellt, nach Definition der EU-Kommission, ein wesentliches Element nachhaltiger Unternehmensführung (CS) dar, welches zwei der drei Nachhaltigkeitsdimensionen (Soziales und Ökologie) explizit umfasst, und die dritte Dimension (Ökonomie bzw. Wirtschaftlichkeit) als Rahmenbedingung voraussetzt. Festzuhalten bleibt, dass letztlich alle Elemente ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Development) leisten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Empfehlung für die Begriffssystematik

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Loew, T. et al. (2004), S. 72.

3. CSR in der Forschung

3.1. Meilensteine der CSR-Forschung

3.1.1. Die Shareholder-Theorie nach Friedman

Die Shareholder-Theorie wird in der Literatur auch als die skeptische Sichtweise der CSR bezeichnet und daher gerne als klassisches Gegenargument zur CSR verwendet.[71] Sie entstand als Reaktion auf das oben bereits erwähnte Werk von H. R. Bowen, welches als Geburtsstunde der CSR bezeichnet werden kann. Das zentrale Argument der Shareholder-Theorie wird durch einen Blick auf die Überschrift des in der CSR-Literatur sehr prominenten Artikels des Ökonomen Milton Friedman deutlich. Dieser gab seinem 1970 im New York Times Magazine erschienenen Artikel den Titel „The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“[72]. Der Artikel wurde in den folgenden Jahren als sog. Stakeholder-Theorie innerhalb der CSR-Literatur bekannt und wird auch heute noch kontrovers diskutiert. Friedman schreibt in diesem Artikel, dass nur Individuen eine Verantwortung besitzen würden, jedoch keine Unternehmen. Er argumentiert weiter, dass die Manager eines Unternehmens als solche Individuen eine direkte Verantwortung gegenüber den Eigentümern[73] des Unternehmens hätten, nämlich die Verantwortung das Unternehmen im Sinne der Eigentümer zu führen. Demnach sollte der Manager versuchen so viel Gewinn wie möglich, unter Einhaltung der Basisregeln der Gesellschaft (Gesetz und Ethik), zu erwirtschaften.[74]

Das Engagement für CSR ist nach Friedman als ein klassisches Agency-Problem zu sehen, wobei der Manager den Agenten darstellt und die Eigentümer den Principal repräsentieren.[75] Diese Sichtweise impliziert, dass die Manager als Agenten sich gegen- über den Eigentümern opportunistisch verhalten, sprich sie verfolgen mit ihren CSR- Aktivitäten eigene Ziele, wie z.B. die Förderung der eigenen Karriere.[76] Nach Friedman würden CSR-Aktionen des Managers die Rendite der Shareholder reduzieren und der Manager somit das Geld der Shareholder verschwenden. Er ist der Meinung, dass Individuen, also die Manager, Shareholder, Kunden und Mitarbeiter, gerne privat ihr Geld für gemeinnützige Zwecke ausgeben können, dies sei jedoch nicht Aufgabe eines Unternehmens, dessen einzige Verantwortung in der Maximierung der Gewinne läge.[77] Hingegen sieht Friedman CSR-Aktivitäten als eine der Hauptaufgaben des Staates an und schreibt daneben den Managern mangelnde Erfahrung in der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu.[78] Schon in seinem früheren Werk „Capitalism & Freedom“ schreibt er:

„…there is one and only one social responsibility of business – to use its resources and engage in activities designed to increase its profits so long as it stays within the rules of the game, which is to say, engages in open and free competition without deception or fraud"[79]. Er ist der Ansicht, dass die Akzeptanz eines gesellschaftlich verantwortlichen Handelns seitens der Manager, welches über die Maximierung des Shareholder Value hinaus geht, die Grundfeste einer freien Gesellschaft untergraben würde.[80]

Trotz seiner teilweise extremen Ansichten existieren auch heute noch Autoren, die ebenfalls die Friedman’sche Sichtweise vertreten. Einer von ihnen ist Alfred Rappaport, Autor der sog. „Bibel“ der Shareholder-Value-Bewegung „Shareholder Value – Ein Handbuch für Manager und Investoren“. Hier schreibt er entsprechend der Argumentation von Friedman: “In einer Marktwirtschaft, die die Rechte des Privateigentums hochhält, besteht die einzige soziale Verantwortung des Wirtschaftens darin, Shareholder Value zu schaffen und dabei die Prinzipien der Gesetzeskonformität und der Integrität zu wahren“[81].

Friedmans Ansichten spiegeln sich auch in einer sehr kritischen Ausgabe des britischen Economist aus dem Jahr 2005 zum Thema CSR wider. Hier wird geschrieben, dass Manager von den Eigentümern eines Unternehmens eingestellt werden, um langfristig das Vermögen der Eigentümer zu maximieren, und dass die Manager für ihr Streben nach langfristiger Gewinnmaximierung nicht ethisch kritisiert werden können, da dies ihr Beruf sei.[82] Zudem sollten Unternehmen nicht versuchen die Aufgaben von Regierungen zu übernehmen und umgekehrt. Ähnlich wie Friedman unterstellt auch der Economist den Unternehmen mangelnde Kompetenzen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme und führt hierzu an: „The proper business of business is business. No apology required“[83].[84] Größtenteils wurde Friedmans Artikel in den Jahren danach jedoch stark kritisiert und kann daher als „Stein des Anstoßes“ einer bis heute sehr intensiv geführten Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen gesehen werden.

3.1.2. Das Modell der Corporate Social Performance nach Carroll

Im Jahr 1979 verfasste Archie B. Carroll, der sich im Laufe der Jahre zu einem der prägenden Autoren der CSR-Literatur entwickeln sollte, sein „Three-Dimensional Conceptual Model of Corporate Performance“, welches im Nachhinein auch unter dem Namen „Conceptual Model of Corporate Social Performance“ bekannt wurde.[85] Sein Hauptargument lautet, dass Manager und Unternehmen, die sich im Feld der Corporate Social Perfomance (CSP) betätigen wollen, hierfür drei Dinge benötigen: 1. Eine Basisdefinition der CSR, 2. ein Verständnis bzw. eine Aufzählung der relevanten Aspekte, für die eine gesellschaftliche Verantwortung existiert und 3. eine Antwort-Philosophie auf diese Aspekte.[86]

Um die gesamte Tragweite der CSR zu erfassen sollte eine Basisdefinition seiner Ansicht nach die vier Kategorien ökonomische, rechtliche, ethische und freiwillige[87] Verantwortung umfassen. Carrolls Basisdefinition der CSR lautet daher: „ The social responsibility of business encompasses the economic, legal, ethical, and discretionary expectations that society has of organizations at a given point in time“[88]. Diese vier Kategorien geben laut Carroll die Motive für gesellschaftlich verantwortliches Handeln wider. Im Zentrum steht dabei die ökonomische Verantwortung der Unternehmen, welche darin liegt, Güter und Dienstleistungen zu produzieren die die Gesellschaft verlangt und diese mit Gewinn zu verkaufen. Alle weiteren Kategorien basieren auf dieser fundamentalen Annahme. Die zweite Kategorie stellt die rechtliche Verantwortung der Unternehmen dar. Demnach erwartet die Gesellschaft, dass ein Unternehmen seine ökonomischen Aufgaben unter Einhaltung der Gesetze erfüllt. Die ethische Verantwortung von Unternehmen umfasst laut Carroll Verhaltensweisen und ethische Normen von denen die Gesellschaft erwartet, dass ein Unternehmen sie befolgt. Als vierte und letzte Kategorie führt Carroll die freiwillige Verantwortung ein. Diese Verantwortung liegt im eigenen Ermessen eines Unternehmens und entsteht aus dem eigenen Wunsch heraus sich gesellschaftlich zu engagieren. Im Gegensatz zu den anderen Kategorien wird diese Verantwortungsübernahme nicht klar von der Gesellschaft gefordert, sie wird jedoch von ihr erwünscht. Als Beispiele für solche freiwilligen Aktionen seien Spendenprogramme, Trainingsprogramme für Langzeitarbeitslose und Kindertagesstätten für arbeitstätige Mütter genannt. Jede der vier o.g. Kategorien ist laut Carroll ein Teil der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung eines Unternehmens.[89]

Bezüglich der Identifizierung der relevanten Aspekte, die an die o.g. Verantwortungen gekoppelt sind, führt Carroll lediglich an, dass diese gesellschaftlichen Aspekte sich mit der Zeit verändern (z.B. Sicherheitsvorschriften und Geschäftsethik) und generell von der Branche abhängen in der ein Unternehmen tätig ist. So hat bspw. eine Bank eine andere Verantwortung bezüglich des Aspektes Luftverschmutzung als ein Industrieunternehmen. Es ist daher notwendig, die für ein Unternehmen relevanten Aspekte individuell zu identifizieren.

Als dritten Punkt, neben der Basisdefinition und der Identifizierung der relevanten gesellschaftlichen Verantwortungen, stellt Carroll die Frage nach der Antwort- Philosophie eines Unternehmens auf seine Verantwortung. Hierzu greift er auf den Begriff der sog. Corporate Social Responsiveness zurück, der von William C. Frederick 1978 geprägt wurde.[90] Frederick bezeichnet demnach Corporate Social Responsiveness als die Eigenschaft eines Unternehmens auf gesellschaftlichen Druck zu reagieren.[91]

Carroll entwickelt hierauf ein Kontinuum möglicher Corporate Social Responsiveness, welches von keiner Reaktion (nichts tun) bis zur proaktiven Reaktion (viel tun) reicht. Für Carroll stellt dieses Kontinuum einen Aspekt der CSP dar, der sich klar von der gesellschaftlichen Verantwortung eines Unternehmens (CSR) unterscheidet. Für ihn ist die CSR, als erster Aspekt seines Modells, problematisch, weil sie sich mit ethischen und moralischen Gedanken auseinandersetzen muss. Hingegen hat die Corporate Social Responsiveness keinen direkten Bedeutungszusammenhang mit Ethik oder Moral, sondern behandelt lediglich den Antwort-Prozess des Managements.[92] Carroll fasst sein Modell in folgender Grafik zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Das dreidimensionale Corporate Social Performance Modell nach Carroll

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Carroll, A. B. (1979), S. 503.

Als Anwendungsbeispiel nennt Carroll die amerikanische Brauerei Anheuser-Busch, die ein neues alkoholisches Getränk in den Softdrink-Markt einführen wollte. Die Konsumenten protestierten, dass dieses „Kinderbier“ gesellschaftlich unverantwortlich sei und Kinder zum Alkoholkonsum verleiten würde. Die erste Reaktion von Anheuser-Busch war zunächst defensiv, indem sie behaupteten, dass eine solche Gefahr nicht von ihrem neuen Getränk ausgehen würde. Später zog das Unternehmen das Getränk aus dem Markt zurück und veränderte es auf eine Weise, dass es am Markt als sicher angesehen werden konnte. Auf das Modell bezogen befand sich das Unternehmen im Konsumentensegment. Die Verantwortungskategorie war zunächst ethisch, wurde durch den Protest jedoch auch zu einem ökonomischen Problem. In ihrer Antwort-Philosophie bewegte sich das Unternehmen von Abwehr in Richtung Anpassung.

Für Wissenschaftler soll das Modell eine Hilfestellung für die Wahrnehmung der unterschiedlichen Definitionen der CSR darstellen, da es ehemals unterschiedliche Definitionen als drei separate Bestandteile der CSR ansieht. Zudem soll es Managern dabei helfen zu verstehen, dass gesellschaftliche Verantwortung nicht getrennt oder abseits von der ökonomischen Leistung zu sehen ist, sondern einen Teil der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung eines Unternehmens darstellt. Das Modell sollte ihnen als Instrument zum systematischen Überdenken gesellschaftlicher Angelegenheiten dienen und demnach als Planungs-Tool und als diagnostisches Problemlösungstool genutzt werden.[93]

Carrolls Modell erfreute sich in den folgenden Jahren großer Beliebtheit. Der Artikel wurde zu einem der am häufigsten zitierten in der CSR-Literatur und das Modell erfuhr zahlreiche Weiterentwicklungen.[94] Als die wichtigsten Erweiterungen seien an dieser Stelle zur Vollständigkeit die Erweiterung nach Wartick und Cochran und die Erweiterung nach Wood genannt, auf die jedoch nicht weiter eingegangen werden soll.[95]

Der größte Vorstoß durch Carrolls Modell im Hinblick auf die CSR-Forschung kann darin gesehen werden, dass Carroll ökonomische und gesellschaftliche Ziele nicht als unvereinbaren Zielkonflikt darstellt, sondern aufzeigt, dass die ökonomische Verantwortung zwar ein Hauptziel, jedoch nur eine von insgesamt vier Kategorien gesamtgesellschaftlicher Verantwortung eines Unternehmens darstellt.[96]

Trotz allem Erfolg wurde das Modell allerdings auch innerhalb der CSR-Literatur kritisiert. Die Hauptkritikpunkte seien demnach in der Komplexität des Modells, der fehlenden Messbarkeit und empirischen Überprüfbarkeit und der schwierigen Anwendbarkeit des Modells zu sehen.[97]

3.1.3. Die Stakeholder-Theorie nach Freeman

Einen dem CSP-Modell von Carroll ähnelnden Ansatz bietet die sog. Stakeholder-Theorie, welche in der Literatur oftmals als die theoretische Basis oder normative Rechtfertigung der CSR bezeichnet wird.[98] Die Stakeholder-Theorie gilt dabei als direkter Gegenentwurf zur o.g. Shareholder-Theorie nach Friedman.[99] Es wird u.a. bemängelt, dass Friedman sich bei seiner Theorie lediglich auf die für ihn wichtigste Anspruchsgruppe des Unternehmens, die Shareholder, konzentrierte. Was er nicht berücksichtigte war, dass ein Unternehmen neben den Shareholdern noch weitere Anspruchsgruppen, die sog. Stakeholder, besitzt, die von Unternehmensentscheidungen betroffen sein können und ihrerseits in der Lage sind ein Unternehmen zu beeinflussen.[100]

Die Stakeholder-Theorie geht zurück auf das 1984 von R. Edward Freeman verfasste Werk: „Strategic Management – A Stakeholder Approach“.[101] Hierin begründet Freeman die Notwendigkeit eines neuen theoretischen Rahmenwerkes damit, dass die damals vorherrschenden Theorien nicht in der Lage gewesen seien mit der Art und der Menge der externen Veränderungen, welchen sich Unternehmen ausgesetzt sahen, umzugehen. Die damaligen Theorien berücksichtigten also nicht den Wandel, dem sich die Unternehmen, vor allem durch das Auftauchen einer Vielzahl neuer Stakeholder, stellen mussten.[102] Freeman definiert Stakeholder als alle Gruppen oder Individuen, die von einem Unternehmen beeinflusst werden oder ein Unternehmen beeinflussen können. Jede dieser Gruppen hat ein Interesse bzw. einen Anteil am Unternehmen und spielt daher eine Rolle im Hinblick auf den Unternehmenserfolg.[103] Freeman unterscheidet hierbei zwischen internen und externen Stakeholdern. Interne Stakeholder sind demnach die Eigentümer bzw. die Shareholder, Kunden, Mitarbeiter und die Lieferanten eines Unternehmens.[104] Als externe Stakeholder, welche die Hauptursache für die Unsicherheit eines Unternehmens seien, bezeichnet er die Regierung, Wettbewerber, Verbraucherschützer, Umweltaktivisten, spezielle Interessengruppen und die Medien.[105] Die Shareholder stellen also, im Vergleich zur reinen Shareholder-Theorie nach Friedman, nur eine von vielen Stakeholder-Gruppen eines Unternehmens dar.[106] Zu beachten ist, dass zwischen den einzelnen Stakeholder-Gruppen teilweise Abhängigkeiten existieren.

[...]


[1] Vgl. Münstermann, M. (2007), S. XI; Schwalbach, J. (2008), S. VII.

[2] Vgl. Beschorner, T. (2006), S. 1.

[3] Vgl. Hansen, U./Schrader, U. (2005), S. 377 f.

[4] Vgl. Bassen, A./Jastram, S./Meyer, K. (2005), S. 232; Beschorner, T. (2005), S. 40.

[5] Im Folgenden werden Corporate Social Responsibility (als englischsprachiger Begriff) und die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (als deutschsprachiger Begriff) synonym verwendet.

[6] Vgl. Dyllick, T. (2003), S. 46; Greenfield, W. M. (2004), S. 19; Hopkins, M. (2004), S. 2.

[7] Vgl. Habisch, A./Schmidpeter, R./Neureiter, M. (2008), S. V; Kuhlen, B. (2005), S. 2.

[8] Vgl. Schlund, M. (2007), S. 71.

[9] Vgl. Martin, R. L. (2002), S. 73; Schlund, M. (2007), S. 68; Schwalbach, J. (2008), S. VII.

[10] Vgl. Beschorner, T. (2005), S. 40; Schlund, M. (2007), S. 68.

[11] Vgl. Habisch, A./Wildner, M./Wenzel, F. (2008), S. 6 f.

[12] Vgl. Schwalbach, J. (2008), S. VIII.

[13] Vgl. Kirchhoff, K. R. (2006), S. 14.

[14] Vgl. Kuhlen, B. (2005), S. 1.

[15] Vgl. Hopkins, M. (2004), S. 3 ff.

[16] Vgl. Münstermann, M. (2007), S. 1; Schlund, M. (2007), S. 68 ff.; Schwalbach, J. (2008), S. VIII.

[17] Vgl. Hansen, U./Schrader, U. (2005), S. 373.

[18] Vgl. Hopkins, M. (2004), S. 5 ff.; Schwalbach, J. (2008), S. VII.

[19] Vgl. Hansen, U./Schrader, U. (2005), S. 374; Loew, T. et al. (2004), S. 37 f.

[20] Vgl. Kapitel 2.3.

[21] Vgl. Hansen, U./Schrader, U. (2005), S. 375; Münstermann, M. (2007), S. 4 ff.

[22] Vgl. Bassen, A./Jastram, S./Meyer, K. (2005), S. 231.

[23] Vgl. exemplarisch Bassen, A./Jastram, S./Meyer, K. (2005), S. 231; Carroll, A. B. (1999), S. 269; Loew, T. et al. (2004), S. 19.

[24] Bowen, H. R. (1953), S. 6.

[25] Vgl. Beckmann, M. (2007), S. 6; Grewe, W./Löffler, J. (2006), S. 3; Jonker, J./Marberg, A. (2007), S. 7; Kuhlen, B. (2005), S. 7.

[26] Vgl. Kirchhoff, K. R. (2006), S. 14; Van Marrewijk, M. (2003), S. 95.

[27] Vgl. Beschorner, T./Schmidt. M. (2007), S. 10; Dahlsrud, A. (2006), S. 1; Van Marrewijk, M. (2003), S. 96.

[28] Vgl. Dahlsrud, A. (2006), S. 1 ff.

[29] Vgl. Bassen, A./Jastram, S./Meyer, K. (2005), S. 233 f.; Kirchhoff, K. R. (2006), S. 16; Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 77; Waddock, S. (2004), S. 9.

[30] Vgl. Kirchhoff, K. R. (2006), S. 17; Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 77.

[31] Vgl. Bassen, A./Jastram, S./Meyer, K. (2005), S. 233.

[32] Vgl. Lantos, G. P. (2001), S. 1; Schwerk, A. (2007), S. 2.

[33] McWilliams, A./Siegel, D. (2001), S. 117.

[34] Hopkins, M. (2004), S. 10.

[35] Vgl. Dahlsrud, A. (2006), S. 4.

[36] Grünbuch (2001), S. 8.

[37] KOM 347 endgültig (2002), S. 3.

[38] Vgl. Dahlsrud, A. (2006), S. 7; Münstermann, M. (2007), S. 14.

[39] Vgl. Förster, A./Kreuz, P. (2006), S. 195; Hansen, U./Schrader, U. (2005), S. 376; Loew, T. et al. (2004), S. 50 f.; Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 78.

[40] Vgl. exemplarisch Loew, T. et al. (2004), S. 70; Schrader, U. (2006), S. 215; Schranz, M. (2007), S. 25.

[41] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 50.

[42] Vgl. Beschorner, T. (2006), S. 1; Dyllick, T. (2003), S. 47; Schranz, M. (2007), S. 25.

[43] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 53; Schranz, M. (2007), S. 25 f.

[44] Vgl. Förster, A./Kreuz, P. (2006), S. 196; Kirchhoff, K. R. (2006), S. 16 f.; Loew, T. et al. (2004), S. 50 ff.; Schrader, U. (2006), S. 226.

[45] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 53; Schrader, U. (2006), S. 215; Schranz, M. (2007), S. 26.

[46] Loew, T. et al. (2004), S. 54 f.

[47] Vgl. für einen Überblick der Interpretationsmöglichkeiten siehe Beckmann, M. (2007), S. 6 ff.

[48] Vgl. Kirchhoff, K. R. (2006), S. 17; Loew, T. et al. (2004), S. 54; Schrader, U. (2006), S. 227; Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 78.

[49] Vgl. Bassen, A./Jastram, S./Meyer, K. (2005), S. 234; Kirchhoff, K. R. (2006), S. 17; Loew, T. et al. (2004), S. 54.

[50] Vgl. Dyllick, T. (2003), S. 47; Loew, T. et al. (2004), S. 56 ff.

[51] Hauff, V. (1987), S. 46.

[52] Oftmals auch als die drei Säulen der Nachhaltigkeit bezeichnet.

[53] Vgl. Hansen, U./Schrader, U. (2005), S. 375 f.; Loew, T. et al. (2004), S. 58; Schranz, M. (2007), S. 24.

[54] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 64 ff.; Schranz, M. (2007), S. 24 f.

[55] Vgl. Dyllick, T. (2003), S. 47; Loew, T. et al. (2004), S. 66; Schranz, M. (2007), S. 25.

[56] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 69.

[57] Loew, T. et al. (2004), S. 69.

[58] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 70 f.

[59] Vgl. Dyllick, T. (2003), S. 47.

[60] Vgl. Loew, T. et al. (2004), S. 71.

[61] Vgl. Grewe, W./Löffler, J. (2006), S. 6; Schranz, M. (2007), S. 26 f.; Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 71.

[62] Für einige Definitionsbeispiele siehe z.B. Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 72 f.

[63] Für eine genauere Beschreibung der Stakeholder des Unternehmens siehe Kapitel 3.1.3.

[64] Vgl. Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 72 f.

[65] Vgl. Schranz, M. (2007), S. 27; Schwerk, A. (2007), S. 10; Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 81.

[66] Vgl. Schranz, M. (2007), S. 27.

[67] Vgl. Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 71.

[68] Vgl. Schwerk, A. (2007), S. 1.

[69] Vgl. Grewe, W./Löffler, J. (2006), S. 5 ff.

[70] Vgl. Schwalbach, J./Schwerk, A. (2007), S. 81.

[71] Vgl. Clement-Jones, T. (2005) S. 7; Lee, M. P. (2008), S. 55.

[72] Friedman, M. (1970), S. 122.

[73] In Manager-Geführten Unternehmen sind dies die Aktionäre, die sog. Shareholder des Unternehmens.

[74] Vgl. Friedman, M. (1970), S. 122.

[75] Vgl. Friedman, M. (1970), S. 123.

[76] Vgl. McWilliams, A./Siegel, D./Wright, P. (2006), S. 3; Lee, M. P. (2008), S. 55.

[77] Vgl. Friedman, M. (1970), S. 123 f.

[78] Vgl. Lantos, G. P. (2001), S. 13; Lee, M. P. (2008), S. 55 f.; Pava, M./Krausz, J. (1996), S. 322.

[79] Friedman, M. (1962), S. 133.

[80] Vgl. Friedman, M. (1962), 133.

[81] Vgl. Rappaport, A. (1999), S. 6.

[82] Vgl. The Economist (2005), S. 18 ff.

[83] The Economist (2005), S. 23.

[84] Vgl. The Economist (2005), S. 22 f.

[85] Vgl. Carroll, A. B. (1999), S. 282; Lee, M. P. (2008), S. 60.

[86] Vgl. Carroll, A. B. (1979), S. 499; Carroll, A. B. (1999), S. 282.

[87] Das englische Wort „discretionary“ kann u.a. auch als „willkürlich“, „beliebig“ oder „gewollt“ übersetzt werden. Aufgrund der später folgenden Erklärung des Begriffes „discretionary responsibility“ wurde vom Verfasser der Begriff mit „freiwilliger Verantwortung“ übersetzt.

[88] Carroll, A. B. (1979), S. 500.

[89] Vgl. Carroll, A. B. (1979), S. 500; Carroll, A. B. (1999), S. 283.

[90] Vgl. Carroll, A. B. (1979), S. 501.

[91] Vgl. Frederick, W. C. (1994), S. 154.

[92] Vgl. Carroll, A. B. (1979), S. 502.

[93] Vgl. Carroll, A. B. (1979), S. 502 ff.

[94] Vgl. Carroll, A. B. (1999), S. 287; Lee, M. P. (2008), S. 60.

[95] Vgl. Wartick, S. L./Cochran, P. L. (1985); Wood, D. J. (1991).

[96] Vgl. Lee, M. P. (2008), S. 60.

[97] Vgl. Clarkson, M. B. (1995), S. 94.

[98] Vgl. Jastram, S. (2007), S. 4; McWilliams, A./Siegel, D. (2001), S. 118; McWilliams, A./Siegel, D./Wright, P. (2006), S. 5.

[99] Vgl. Freeman, R. E./McVea, J. (2001), S. 19; Jastram, S. (2007), S. 4; Lantos, G. P. (2001), S. 14.

[100] Vgl. Lantos, G. P. (2001), S. 13 f.

[101] Vgl. exemplarisch Morsing, M./Schultz, M. (2006), S. 324; Garriga, E./Melé, D. (2004), S. 60.

[102] Vgl. Freeman, R. E. (1984), S. 5 ff. und S. 24.

[103] Vgl. Freeman, R. E. (1984), S. 25.

[104] Vgl. Freeman, R. E. (1984), S. 8 ff.

[105] Vgl. Freeman, R. E. (1984), S. 11 ff.

[106] Vgl. Garriga, E./Melé, D. (2004), S. 60; Ruf, B. M. et al. (2001), S. 143.

Details

Seiten
77
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640280223
ISBN (Buch)
9783640283729
Dateigröße
4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123239
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Schlagworte
Corporate Social Responsibility Stand Forschung Entwicklungstrends

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Titel: Corporate Social Responsibility: Stand der Forschung und Entwicklungstrends