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Hexen und Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert in Luxemburg und Kurtrier

Vergleich des Prozesses der Catherine Theis aus Useldingen mit dem Geständnis des Niclas Fiedler aus Trier

Bachelorarbeit 2008 56 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Historische Hintergründe der Hexenverfolgungen: Luxemburg und Kurtrier
a. Kriegsschauplatz Luxemburg zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert
b. Hungersnot und Seuchen
c. Religiöse Situation
d. Rechtliche Grundlage
2. Kurze Zusammenfassung des Prozesses der Catherine Theis
3. Kurze Zusammenfassung des Geständnisses des Niclas Fiedler
4. Analyse und Vergleich der beiden Prozesse
a. Die sozialen Hintergründe
b. Prozessverlauf
c. Die Rolle der Heiligen
d. Heilkräuter, Gegenzauber und weise Frauen
e. Teufelsbuhlschaft
f. Teufelspakt, Gotteslästerung und Gründe für die Anfälligkeit für den Teufel
g. Beschreibung des Teufels
h. Hexensabbat/Hexentanz

III. Schlussfolgerung

IV. Quellenangaben

I. Einleitung

Wenn man heute von Hexerei, Hexenverfolgung und Hexenverbrennung redet, dann denkt man dabei im Allgemeinen an das sogenannte ‚finstere Mittelalter‘. Finster war die Zeit des Hexenwahns mit Sicherheit, aber die großen Hexenverfolgungen fanden erst gegen Ende des Mittelalters, insbesondere aber in der frühen Neuzeit statt. In Europa fand die letzte legale Hinrichtung wegen Hexerei am 18. Juni 1782 statt, als die Dienstmagd Anna Göldi im schweizerischen Glarus hingerichtet wurde.[1]

Nicolas van Werveke (1851 – 1926) beschreibt die Zeit der Hexenverfolgungen als „[…] eine Zeit wilder, gärender Leidenschaften, des größten Aberglaubens und der tiefsten Unwissenheit, wo religiöser Fanatismus, mit Eigennutz und Haß im Bunde, tausende von Unglücklichen in den Kerker und auf den Scheiterhaufen brachte.“[2] Derselbe Autor schätzt die Zahl der Hexenprozesse im Herzogtum Luxemburg auf 30.000, davon rund 20.000 Hinrichtungen.[3]

Diese Zahlen sind allerdings relativ unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Hinrichtungen in ganz Europa auf 50.000 bis 110.000 geschätzt wird.[4] Insgesamt wird die Zahl der Hexenprozesse im Herzogtum Luxemburg in den Jahren zwischen 1560 und 1683 auf 2.500 – 3.000 geschätzt und die der Hinrichtungen auf mindestens 2.000.[5] Verglichen mit anderen Regionen in Europa liegt der Prozentsatz der Hinrichtungen also relativ hoch. Insgesamt fanden die meisten Hexenverfolgungen auf dem Boden des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation statt, oder aber in den angrenzenden Gebieten.[6]

In der neueren Forschung geht man davon aus, dass die Welle der Hexenverfolgungen von der Schweiz ausging und sich dann in Europa ausbreitete. Während es südlich der Alpen und der Pyrenäen kaum zu nennenswerten Verfolgungen kam, nahm die Intensität der Verfolgungen nördlich der Alpen rasch zu.[7] Das Herzogtum Luxemburg und Kurtrier waren dabei prozentual gesehen zwei der am meisten betroffenen Gebiete.

Diese Arbeit ist keine Analyse bezüglich der Gründe für die hohe Anzahl der Opfer des Hexenwahns. Sie soll vielmehr anhand von zwei Einzelfällen die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der beiden Gebiete bezüglich des Hexenwahns analysieren. Es geht hier nicht darum den Verlauf der Hexenprozesse im Herzogtum Luxemburg und in Kurtrier im Allgemeinen zu vergleichen, sondern herauszufinden was die Gemeinsamkeiten zwischen dem Prozess der Catherine Theis aus Useldingen und dem Geständnis des Niclas Fiedler aus Trier sind.

Der vorliegende Vergleich bezieht sich auf zwei Quellen aus der Zeit der großen Hexenverfolgungen, die die jeweiligen Gebiete zwischen dem Ende des 16. Jahrhunderts und der Mitte des 17. Jahrhunderts heimsuchte.

1624 wurde in Useldingen Catherine Theis, genannt Trein, der Hexerei angeklagt und für schuldig befunden. Einer der bekanntesten Hexenprozesse in Kurtrier ist das Verfahren gegen den Ex-Bürgermeister Niclas Fiedler. Dieser wurde im Oktober 1591 der Hexerei für schuldig befunden und hingerichtet.

Um die beiden Fälle besser miteinander vergleichen zu können, wird dieser Text zuerst auf die historischen Hintergründe der Hexenverfolgungen im Herzogtum Luxemburg und in Kurtrier eingehen, um dann, auch mit Bezugnahme auf Sekundärliteratur, mehr auf die beiden Einzelfälle einzugehen: Wie sehen die sozialen Hintergründe aus? Wie verläuft der Prozess? Was für eine Rolle spielen Religion, Kirche, Heiler und weise Frauen? Wie stellt man sich den Teufel, den Teufelspakt und die Teufelsbuhlschaft vor? Was sind die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten in der volkstümlichen Vorstellung vom Hexensabbat?

II. Hauptteil:

1. Historische Hintergründe der Hexenverfolgungen: Luxemburg und Kurtrier

Seit dem Spätmittelalter werden Hexen und Zauberer im Herzogtum Luxemburg und dem Erzbistum Trier verfolgt. Die Prozesswelle fand ihren Höhepunkt zwischen dem 15. und dem 17. Jahrhundert. Mit Ausnahme einiger vereinzelter Prozesse Mitte und Ende des 15. Jahrhunderts, häufen sich die Hexenprozesse auf dem Gebiet des Herzogtums Luxemburg ab dem 16. Jahrhundert und kamen um 1560 zu einem vorläufigen Höhepunkt. Ab diesem Zeitpunkt lassen sich bis zum Jahr 1636, dem nach jetzigem Forschungsstand grausamsten Jahr der Hexenverfolgung,, in vielen Gegenden kontinuierliche Prozesswellen feststellen.[8]

In seinem Buch „Hexenprozesse im Herzogthum Luxemburg“ nimmt Nikolas Breissdorf an, dass es auf dem Gebiet des Herzogtums seit dem Ende des 17. Jahrhunderts keine Hexenprozesse mehr gab. Der letzte ihm bekannte Prozess war der gegen Therese Welzbach von Echternach im Jahr 1692. Sie wurde auf Befehl des Provinzialrates losgesprochen, musste aber die Kosten des Verfahrens selbst tragen.[9]

Das älteste bekannte Zaubereiverfahren im Kurfürstentum Trier ist für das Jahr 1451 in Wittlingen an der Saar belegt.[10] In der Stadt Trier sind vereinzelte Hexenprozesse seit der Mitte des 15. Jahrhunderts nachgewiesen. Ende des 15. Jahrhunderts kommt es zu einer ersten größeren Verfolgung im Trierer Land. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts bricht in der Gegend von Trier eine der größten und verheerendsten regionalen Verfolgungswellen im deutschsprachigen Raum aus. Während dieser Verfolgungswellen kommt es in der Stadt Trier auch zu zahlreichen Prominentenprozessen, zum Beispiel der Prozess gegen den kurfürstlichen Stadtschultheiß Dr. Dietrich Flade und gegen den Hochgerichtsschöffen und Ex-Bürgermeister von Trier Niclas Fiedler.[11]

In den beiden ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts finden nur vereinzelt Hexenprozesse statt. Ab dem Jahr 1628 wird Trier erneut Zeuge einer heftigen Verfolgungswelle. Doch bereits im Jahr 1660 enden die Hexenprozesse auf Grund von politischem Widerstand von Seiten des Erzbischofs und Kurfürsten Carl Caspar von der Leyen (1652-1676), also etwas mehr als dreißig Jahre vor dem letzten belegten Hexenprozess im Herzogtum Luxemburg.[12]

Zum Vergleich, die letzte Verurteilung einer Hexe in Europa fand ungefähr ein Jahrhundert später in der Schweiz statt. In anderen Ländern und Kulturen werden auch heute noch Menschen der Hexerei bezichtigt und hingerichtet respektive gelyncht. So wurden zwischen 1948 und 1980 hunderte von Hexen im Westen Indiens getötet. 1958 kam es zu einer regelrechten Hexenpanik in Belgisch-Kongo, 1977 in der Volksrepublik Benin und noch 1996 in Südafrikas Nordprovinz.[13]

Doch wodurch kam es zu diesem Hexenwahn im Herzogtum Luxemburg und in Trier, wo doch Nikolas Breisdorff in seinem Werk berichtet, dass der Provinzialrat des Herzogtums bereits 1563, also mehr als 50 Jahre vor Friedrich von Spee, das allgemein gebräuchliche Verfahren gegen Hexen und Zauberer „als gegen alle göttlichen und menschlichen Rechte verstoßend“ ansah.[14]

Schwere Hexenverfolgungen fanden besonders häufig in kleinen und mittleren Territorien statt. Hier waren die persönlichen Kontakte zwischen Gerichtsherren, Amtleuten, Schöffen und Einwohnern sehr eng, wodurch Hexereigerüchte und Denunziationen sich sehr schnell verbreiten konnten.[15]

Das Gebiet zwischen Rhein, Mosel und Saar war gekennzeichnet durch herrschaftliche und gerichtliche Pluralität. Es gab viele kleine Territorien und Herrschaften, die sehr auf ihre Unabhängigkeit und ihre Legitimation pochten. So wurden die Hexenprozesse oft instrumentalisiert, um die autonome Gerichtsbarkeit zu bewahren.[16]

Während in ländlichen Gegenden enge soziale Kontakte, Unwissenheit und Aberglauben der Bauern den Hexenwahn verbreiten, sind es in der Stadt vor allem die Epidemien, sowie die Instrumentalisierung der Hexenprozesse, um politische Gegner und ungeliebte Bürger auszuschalten.[17]

Die Reformation und die Gegenreformation verstärkten bei der Bevölkerung den Wunsch nach Erlösung und die Furcht vor dem Teufel. Allgemein kam ein tieferes Sündenbewusstsein zum Vorschein. Dabei kam es allerdings zu einem Dilemma, denn einerseits hegten die Menschen den Wunsch ein moralisches Leben zu führen, andererseits kann niemand ohne Sünde leben. Der einzige Ausweg bestand darin, die Schuld auf jemand anderen zu schieben, in diesem Fall die Hexen.[18]

Die Gegenreformation hatte zum Ziel, den katholischen Glauben in der Bevölkerung zu festigen, weshalb versucht wurde Aberglauben und weiße Magie aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. Weiße Magie wurde aber von jeher benutzt, um sich gegen die schwarze Magie der Hexen zu schützen. Da dieser Schutz nun fehlt versuchen sich die Menschen nun mit Hilfe der Justiz gegen die Hexen zu schützen, wodurch es vermehrt zu Hexenverfolgungen kommt.[19]

Anhand von Fallbeispielen aus dem Herzogtum Luxemburg und Kurtrier wird die vorliegende Arbeit die Rahmenbedingungen genauer definieren und ergründen, warum in beiden Gegenden verhältnismäßig viele Hexenprozesse stattfanden.

a. Kriegsschauplatz Luxemburg zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert

Zur Zeit der Hexenverfolgungen war das Herzogtum Luxemburg Teil der Spanischen Niederlande.

In der Cosmographia, die 1550 von Sebastian Münster verfasst wurde, heißt es über diese Gegend unter anderem: „Es ist ein löblicher und namhafftiger Adel im land / sie haben auch schöne freyheiten ….“ Etwas weiter heißt es dann, dass diese Gegend immer wieder „vom Frantzoß ongewarnt überfallen … fast biß auf Diedenhofen yn genommen / verherget und verderbt“ worden sei.[20]

Auch der Florentiner Ludovico Guicciardini, der 1559 in spanischer Sprache eine Beschreibung der Spanisch – Habsburgischen Niederlande verfasste, die 1567 erstmals in französischer Sprache erschien, äußert sich über die fatalen Folgen des Krieges in diesen Gegenden: „Mais pour estre Province frontiere de France, les grandes et longues guerres l’ont en divers temps miserablement destruite; entant qu’ores on luy a couru, & gasté le pays, tantost luy a esté prinse une, deux, & plusieurs villes, voire la ville principale a esté par plusieurs fois prinse & reprinse, saccagée & miserablement traictée.“[21]

Diese Aussagen weisen deutlich darauf hin, dass die südlichste der spanisch-niederländischen Provinzen arg vom Krieg gebeutelt war. Immer wieder kam es zu Streitigkeiten und Kriegen zwischen Frankreich und Spanien, die natürlich auch Luxemburg zu spüren bekam. Im 16. Jahrhundert wurde der Süden der Spanischen Niederlande mehrmals von französischen Truppen eingenommen.

Luxemburg war zwar im Vergleich zu den anderen niederländischen Provinzen sehr arm, dafür aber war seine Lage strategisch wichtig. Die befestigte Stadt Luxemburg kontrollierte den Zugang zu den Ardennen und, über das Tal der Mosel, auch zum Rhein. Wegen dieser strategisch sehr wichtigen Lage wird das Herzogtum auch in die großen Kriege zwischen den Valois und den Bourbonen einerseits und den spanischen und österreichischen Habsburgern andererseits mit hineingezogen. Ein Aspekt, der dem Land und der Bevölkerung schwer zu schaffen machte.[22]

Der Baseler Thomas Platter der Jüngere besuchte auf seinen Bildungsreisen durch Spanien und Frankreich auch die Spanischen Niederlande. Auch er berichtet 1599 von vielen Kriegszügen im Herzogtum Luxemburg, welche seit 1579 durch den Freiheitskampf der sieben niederländischen Generalstaaten vermehrt wurden: „Die 17 Provinzen aber haben dem könig Philippo 2. auß Spanien zugehöret, welcher er seiner tochter der infanta Isabellae zur ehesteür … geben hatt, unndt sindt auch vast 7 von denselbigen der Staden, welche stettigs wider den ertzhertzog kriegführen, also daß er auch die 10 übrigen nicht mitt ruhe besitzen kann … und es so strenge unndt langwirige krieg da gehept hatt, wie dann auch noch heütigs tags kein mittel kann erdacht werden, dadurch man könte den friden pflantzen… .“[23]

Die ständigen Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Spanien haben mehrere Höhepunkte: der Krieg zwischen Franz I. von Frankreich und Karl V. von Spanien, der dreißigjährige Krieg (1618-1648) sowie die Eroberung der Stadt Luxemburg durch Ludwig XIV. von Frankreich im Jahr 1684.

Hungersnot und Seuchen

Mit den Soldaten und den Flüchtenden reiste auch die Pest. Die durch Hungersnot geschwächte Bevölkerung wurde regelrecht von der sich rasch verbreitenden Seuche dahingerafft. Die wegen der vielen Flüchtlinge überfüllten und unhygienischen Städte boten den idealen Nährboden für die Seuche. Im 16. Jahrhundert fanden einige große Pest-Epidemien statt. So wütete die Seuche 1555 in der Stadt Luxemburg, zwischen 1578 und 1580 wurde die Bevölkerung Diekirchs dahingerafft und 1598 brach sie in Arlon aus. Auch im 17. Jahrhundert meldet sich die Seuche in regelmäßigen Abständen wieder. So erreichte die Seuche in den Jahren 1604, 1612, 1626 und vor allem 1636 ihren traurigen Höhepunkt.[24]

Zwar können wegen mangelnder demographischer Studien keine genauen Angaben bezüglich der Verluste in der Bevölkerung gemacht werden, doch man nimmt an, dass das Herzogtum Luxemburg mindestens drei viertel seiner Bevölkerung an die Pest verloren hat: „Le duché perdit trois quarts, sinon plus, de sa population. Les blessures étaient si graves que le peuple mit deux siècles pour échapper au souvenir paralysant du cauchemar.“[25]

Zusätzlich zur Pest kam die Hungersnot, begünstigt durch Krieg und schlechtes Klima. Während der Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts wurden viele Ernten vernichtet. Marodierende und brandschatzende Soldaten taten ihr übriges. Die Getreideknappheit brachte eine Steigerung des Getreide-und Brotpreises mit sich, was wiederum dazu führte, dass viele Menschen, vor allem der untersten Gesellschaftsschichten, verhungerten. Die Überlebenden waren oft so geschwächt, dass sie eine leichte Beute für alle möglichen Krankheiten und Seuchen waren.

Auch in Trier kam es zu Hungersnot und Seuchen. Diese wurden aber nicht so sehr durch Krieg begünstigt, wie es im Herzogtum Luxemburg der Fall war, sondern eher durch eine allgemeine Verschlechterung des Klimas und die daraus resultierenden Missernten hervorgerufen. Durch den erzwungenen Auszug der Confessionisten Ende 1583/84 war die Stadt Trier wirtschaftlich geschwächt. Hinzu kam noch, dass von den neunzehn Regierungsjahren des Erzbischofs Johann von Schönenberg (1581-1599) nur zwei Jahre, nämlich 1585 und 1590 fruchtbar waren. Es herrschte also ständiger Mangel an Brotgetreide. Als Urheber dieser Hungersnot klagte man Hexen an.[26]

Auch Seuchen suchten die Stadt Trier heim. In den Jahren 1586 bis 1589 wüteten sie so schlimm, dass das Gymnasium und die Universität geschlossen werden mussten.[27] Als der Trierer Erzbischof Johann von Schönenberg 1587 erkrankte, wurde ihm glaubhaft gemacht, er sei durch Hexerei vergiftet worden. Genau wie die einfache Bevölkerung glaubten auch der Erzbischof und sein Weihbischof Peter Binsfeld daran, dass Krankheiten angehext werden können. Schuld an der Krankheit des Erzbischofs soll eine Verschwörung von Hexen und Zauberern gewesen sein, als deren Oberhaupt der kurfürstliche Rat und Stadtschultheiß Dr. Dietrich Flade entlarvt wurde. Er wurde 1589 verbrannt.[28]

b. Religiöse Situation

Der Autor Eugène Hubert beschreibt die religiöse Situation des Herzogtums im 18. Jahrhundert wie folgt: „Le Luxembourg est pour le spirituel sous quatre ou cinq évêques étrangers qui ne viennent jamais en ces lieux d’où résulte la difformité dans le clergé, l’ignorance et la corruption des mœurs qui passent dans le peuple, qui ne connaît presque plus aucune vertu morale.“[29] Das Herzogtum Luxemburg liegt auf den Territorien des Erzbistums Trier im Süden und des Erzbistums Lüttich im Norden. Andere Gebiete Luxemburgs gehören zum Bereich der Bistümer Köln, Metz, Toul und Verdun.

Das Kurfürstentum Trier ist im Gegensatz zum Herzogtum ein geistliches Territorium mit politischem Herrschaftsgebiet. Das Kurfürstentum beinhaltet lothringische, nassau-saarbrückische und spanisch-luxemburgische Gebiete, Territorien entlang der Saar und der Mosel, sowie verschiedene Gebiete in der Eifel, im Hunsrück und im Westerwald.[30] Das Kurfürstentum Trier ist also auf religiösem Gebiet geeint, jedoch politisch gesehen in mehrere Teile zersplittert, was eine einheitliche zentrale Gesetzgebung fast unmöglich macht.

Da das Herzogtum Luxemburg auf religiösem Gebiet der Herrschaft von mehreren Herren unterliegt, kommt es zu einer territorialen Unvereinbarkeit von weltlicher und geistlicher Macht, wodurch kleinere Herrschaften im Herzogtum mehr Freiheiten genießen können. Außerdem kommt es zu einer gewissen Unabhängigkeit des Klerus, aber auch zu Ignoranz und Unwissenheit. Als der Provinzialrat 1586 Untersuchungen über die Verbreitung ketzerischer Ansichten im Herzogtum unternimmt, findet er meist: „Des gens fort simples et idiotes, les ungs denoncez par envieux, et les autres sachant à peine prier Dieu et ne povans comprendre ce que leur est proposé.“[31] So wissen die meisten Leute nicht einmal, wie man das Kreuzzeichen macht oder aber, da die Gebete in lateinischer Sprache sind, was sie überhaupt beten.

Der Klerus entstammt zumeist der einfachen Bevölkerungsschicht. Zu der Ignoranz des Klerus kommt noch der tiefe Aberglaube der Bevölkerung.[32] Auch der Klerus war abergläubisch.

Viele Historiker sind der Ansicht, dass Überreste des antiken Kultes sich mit dem Christentum vermischt haben und so zu einem eigenen Volksglauben weiterentwickelt haben : „En marge du christianisme officiel, il a existé une véritable mythologie populaire qui, livrée à elle-même, s’est dégradée peu à peu. La plupart des clercs du Moyen Age ne niaient pas l’existence d’êtres fantastiques ; ils y croyaient, mais les assimilaient à des démons. Ils constituaient une catégorie de diables.“[33]

Da das Phänomen der Hexenverfolgung fast gleichzeitig mit der Reformation aufkommt, könnte man annehmen, dass der Hexenglaube durch die religiösen Konflikte geschürt oder gar herbeigeführt wurde. Aber dem ist nicht so. Auch in früheren Kulturen, wie zum Beispiel bei den Germanen, Griechen und Römern glaubten die Menschen an Hexen und Zauberer. Außerdem konnte der Protestantismus auf dem Gebiet des Herzogtums, das als „sehr katholisch“ galt, nicht Fuß fassen. Die Erzbistümer Trier und Lüttich bildeten hier eine Art Grenze. Auch Ketzerei wurde im Herzogtum Luxemburg zu jener Zeit nicht verfolgt, dagegen war, wie schon erwähnt, der Aberglauben stark verbreitet.

Die Reformation machte auch vor Trier nicht halt. 1559 scheiterte der Reformationsversuch eines Teils des Stadtrates mit Caspar Olevian.[34] Die Reformation brachte auf katholischer Seite eine Gegenreformation mit sich, von der auch das Herzogtum nicht verschont blieb.

Mit der Reformation setzte ein Umdenken in der Katholischen Kirche ein. Hatte man sich vorher nicht sonderlich um die geistigen und intellektuellen Kompetenzen der einfachen Pfarrer gekümmert, so versuchte man nun deren Bildungsgrad zu steigern, um den Vorwürfen der Reformation zu begegnen. Während dieser Gegenreformation wurden viele neue Orden gegründet, wie zum Beispiel die Jesuiten. Diese zogen durch die Lande, begleiteten Pfarrer und berieten sie in theologischen Dingen. Die Jesuiten wurden auch mit der Aufgabe betraut das Volk zu unterrichten. So errichteten sie 1603 ein Gymnasium, welches noch heute unter dem Namen Athenée Grand-Ducal in Luxemburg besteht.[35]

Der Erzbischof Johann von Schönenberg rief die Jesuiten 1560 nach Trier, wo sie die Theologische und die Philosophische Fakultät sowie das Gymnasium übernahmen. Die Jesuiten kümmerten sich also auch in Trier um die Bildung der Bevölkerung. Außerdem hielten sie Predigten und förderten die Beichte und den Sakramentempfang, was darauf hindeutet, dass sie sich um eine Festigung des katholischen Glaubens in der Bevölkerung bemühten.[36]

Damit die Menschen im Herzogtum Luxemburg die von der katholischen Kirche verbreiteten gegenreformatorischen Maßnahmen auch befolgen, appelliert die Kirche an die weltliche Gerichtsbarkeit. Von nun an sieht sich der Provinzialrat als Wächter über Moral und Religiosität, vor allem der Priester.[37] Dass dies dringend notwendig ist, beweisen die vielen überlieferten Prozessakten in denen Priester wegen mehr oder weniger schwerer Delikte verurteilt wurden.[38]

Um die Autorität der Priester und der Kirche wiederherzustellen, bedurfte es nicht nur einer besseren Bildung, sondern auch einer härteren Verfolgung derer, die gegen das Gesetz verstießen und ihre religiösen Aufgaben nicht wahrnahmen, denn die Gegenreformation setzt Religion mit Moral gleich. Wer also seinen religiösen Aufgaben nicht nachging, wie zum Beispiel an der Sonntagsmesse teilzunehmen oder die Fastenzeit einzuhalten, stand im Verdacht unmoralisch zu sein. Aus diesem Grund ahndete der Provinzialrat solche Vergehen mit einer Geldbuße. Außerdem wurden Zaubersprüche, Liebestränke und Heilzauber verboten, genau wie Gotteslästerung, Fluchen und Verwünschen. Mit diesen Maßnahmen versuchte man den Respekt vor Gott und der Kirche wiederherzustellen.[39]

Auch die aktiven gegenreformatorischen Missionsbewegungen des Trierer Weihbischofs Peter Binsfeld verbreiteten eine stark rigide Sexualmoral sowie ein übertriebenes Sündenbewusstsein in der Bevölkerung und besonders in den zum Erzbistum Trier gehörenden Teilen des Herzogtums.[40]

[...]


[1] Pfister, Ulrich; Utz Tremp, Kathrin: Schweiz – Hexenverfolgungen, aus: Gersmann, Gurdrun; Moeller, Katrin; Schmidt, Jürgen-Michael (Hrsg.): Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1643/ (29.04.2008).

[2] Van Werveke, Nicolas : Die Hexenprozesse im Luxemburger Lande, Luxemburg: 1900, S.3

[3] Van Werveke, Nicolas : Kulturgeschichte des Luxemburger Landes, 2.Bd., Esch/Alzette: 1983-842, I, S. 331

[4] Dillinger, Johannes : Hexen und Magie : Eine historische Einführung, Frankfurt und New-York: Campus Verlag 2007, S. 91; Levack, Brian: Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa / aus dem Englischen von Ursula Scholz, München: C. H. Beck 1995, S. 34.

[5] Voltmer, Rita: Luxembourg, Duchy of, in: Golden, Richard M. (Ed.): Encyclopedia of Witchcraft: The western tradition, Volume 3, Santa Barbara, Denver, Oxford: ABC-CLIO 2006, S. 677-680, hier S. 677.

[6] Levack, Brian: Hexenjagd: Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, S. 33-34

[7] Dillinger, Johannes : Hexen und Magie : Eine historische Einführung, S. 88

[8] Voltmer, Rita: … ce tant exécrable et détestable crime de sortilège. Der „Bürgerkrieg“ gegen Hexen und Hexenmeister im Herzogtum Luxemburg (16. Und 17. Jahrhundert), in: Hémecht, Zeitschrift für Luxemburger Geschichte, Jahrgang 56 Heft 1, Luxemburg: Ed. Saint Paul 2004, S. 54 – 92, hier S. 71.

[9] Breisdorff, Nikolas : Hexenprozesse im Herzogthum Luxemburg, Auszug aus dem XVI. Bande der Publications de la société archéologique de Luxembourg, Luxemburg: 1861, S. 4

[10] Franz, Gunther: Hexenprozesse in der Stadt Trier und deren Umgebung: Gerichtsbarkeit von St.Maximin, St. Paulin und St. Mathias, in: Franz, Gunther; Irsigler, Franz (Hrsg.): Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Trierer Hexenprozesse Bd. 1, Trier: Spee-Verlag 1996, S.333-353, hier S. 337.

[11] Rummel, Walter: Kurtrier – Hexenverfolgungen, aus: Gersmann, Gudrun; Moeller, Katrin; Schmidt, Jürgen-Michael (Hrsg.): Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1620/ (25.04.2008).

[12] Rummel, Walter: Kurtrier – Hexenverfolgungen.

[13] Behringer, Wolfgang : Hexen : Glaube, Verfolgung, Vermarktung, München: C. H. Beck 19981, 20054, S. 110

[14] Breisdorff, Nikolas : Hexenprozesse im Herzogthum Luxemburg, S.4.

[15] Irsigler, Franz; Voltmer, Rita: Die europäischen Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit – Vorurteile, Faktoren und Bilanzen, in: Beier-de-Haan, Rosemarie ; Irsigler, Franz ; Voltmer, Rita (Hrsg.) : Hexenwahn, Ängste der Neuzeit, Wolfratshausen: Edition Minerva Hermann Farnung 2002, S. 30-45, hier S. 40-41.

[16] Irsigler, Franz; Voltmer, Rita: Die europäischen Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit – Vorurteile, Faktoren und Bilanzen, S. 40-41.

[17] Levack, Brian : Hexenjagd : Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, S. 130-132.

[18] Levack, Brian : Hexenjagd : Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, S. 108-109.

[19] Levack, Brian : Hexenjagd : Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa, S. 111-112.

[20] Münster, Sebastian : Cosmographia oder beschreibung aller länder / herrschafften … Basel 1550, fol. CLV. Vergl. Auch: Voltmer, Rita: … ce tant exécrable et détestable crime de sortilège. Der „Bürgerkrieg“ gegen Hexen und Hexenmeister im Herzogtum Luxemburg (16. Und 17. Jahrhundert), S. 54.

[21] Guicciardini, Lodovico : Description de touts les Pays-Bas, autrement appellez La Germanie inferieure, ou Basse Allemagne, Amsterdam : 1609, S. 448 ; Vergleich auch Voltmer, Rita : … ce tant exécrable et détestable crime de sortilège. Der „Bürgerkrieg“ gegen Hexen und Hexenmeister im Herzogtum Luxemburg (16. Und 17. Jahrhundert), S. 58.

[22] Trausch, Gilbert : Comment rester distincts dans le filet des Pays-Bas ?, in : Trausch, Gilbert (Hrsg.) : Histoire du Luxembourg, le destin européen d’un « petit pays », Toulouse : Editions Privat 2003, S. 149-200, hier S.173

[23] Platter, Thomas d. J. : Beschreibung der Reisen durch Frankreich, Spanien, England und die Niederlande 1595-1600, hg. v. Keiser, Rut, 2 Teile, Basel, Stuttgart: 1968, hier Teil II, S. 698; Vergleich auch: Voltmer, Rita: … ce tant exécrable et détestable crime de sortilège. Der „Bürgerkrieg“ gegen Hexen und Hexenmeister im Herzogtum Luxemburg (16. Und 17. Jahrhundert), S. 59.

[24] Dupont-Bouschat, Marie-Sylvie : La répression de la sorcellerie dans le duché de Luxembourg aux XVIe et XVIIe siècles. Une analyse des structures de pouvoir et de leur fonctionnement dans le cadre de la chasse aux sorcières, in : Dupont-Bouschat, Marie-Sylvie ; Frijhoff, Willem ; Muchembled, Robert (Hrsg.) : Prohètes et sorcières dans les Pays-Bas XVIe et XVIIIe siècle, Paris : Hachette 1978, S. 41-154, hier S.52-53

[25] Weber, Paul: Histoire du Grand-duché de Luxembourg, Bruxelles : Office de publicité 1957, S. 47 :

[26] Zenz, Emil (Hrsg.): Die Taten der Trierer (Gesta Treverorum), Bd. 6, Trier: 1962, S. 87. Vergl. auch: Laufner, Richard : Politische Geschichte, Verfassungs – und Verwaltunsgeschichte 1580-1794, in: Düwell, Kurt; Irsigler, Franz (Hrsg.): Trier in der Neuzeit, 2000 Jahre Trier Bd.3, Trier: Spee-Verlag 1996, S. 3-60, hier S. 8.

[27] Franz, Gunther : Geistes – und Kulturgeschichte 1560-1794, in: Düwell, Kurt; Irsigler, Franz: Trier in der Neuzeit, 2000 Jahre Trier Bd.3, Trier: Spee-Verlag 1996, S.203-373, hier S. 333.

[28] Franz, Gunther: Hexenprozesse in der Stadt Trier und deren Umgebung: Gerichtsbarkeit von St.Maximin, St. Paulin und St. Mathias, S. 339.

[29] Hubert, Eugène : Le Voyage de l’empereur Joseph II dans les Pays-Bas (31. mai 1781 – 27. juillet 1781), Bruxelles : 1900 J. Lebègue et Cie. Vergl. auch : Trausch, Gilbert : Comment rester distincts dans le filet des Pays-Bas ?, S.157.

[30] Rummel, Walter: Kurtrier – Hexenverfolgungen.

[31] Christophe, Georges : Histoire de la Réforme protestante et de la Réforme catholique au Duché de Luxembourg jusqu’au milieu du XVIIe siècle, in : Publications de la Section historique de l’Institut grand-ducal de Luxembourg, Bd. 89, Luxembourg : 1975, S. 209.

[32] Trausch, Gilbert : Comment rester distincts dans le filet des Pays-Bas ?, S. 157-159

[33] Rousseau, F. : La légende de Diane dans le folklore, Conférence présentée au 44e Congrès de la Fédération des cercles d’histoire et d’archéologie de Belgique, Huy : 18. – 22. août 1976. Vergl. auch : Dupont-Bouschat, Marie-Sylvie : La répression de la sorcellerie dans le duché de Luxembourg aux XVIe et XVIIe siècles. Une analyse des structures de pouvoir et de leur fonctionnement dans le cadre de la chasse aux sorcières, S. 59.

[34] Fanz, Gunther: Hexenprozesse in der Stadt Trier und deren Umgebung: Gerichtsbarkeit von St.Maximin, St. Paulin und St. Mathias, S. 333.

[35] Schulze, Cornelia : Les chasses aux sorcières au Grand-duché de Luxembourg, XVIe et XVIIe siècles et le cas de Catherine Theis, Luxembourg : Archives Nationales Cote :D18443, S. 9-10.

[36] Fanz, Gunther: Hexenprozesse in der Stadt Trier und deren Umgebung: Gerichtsbarkeit von St.Maximin, St. Paulin und St. Mathias, S. 338-339.

[37] Schulze, Cornelia : Les chasses aux sorcières au Grand-Duché de Luxembourg, XVIe et XVIIe siècles et le cas de Catherine Theis, S.10.

[38] Dupont-Bouschat, Marie-Sylvie : La répression de la sorcellerie dans le duché de Luxembourg aux XVIe et XVIIe siècles. Une analyse des structures de pouvoir et de leur fonctionnement dans le cadre de la chasse aux sorcières, S.61.

[39] Schulze, Cornelia : Les chasses aux sorcières au Grand-Duché de Luxembourg, XVIe et XVIIe siècles et le cas de Catherine Theis, S. 11.

[40] Voltmer, Rita: … ce tant exécrable et détestable crime de sortilège. Der „Bürgerkrieg“ gegen Hexen und Hexenmeister im Herzogtum Luxemburg (16. Und 17. Jahrhundert), S. 69. Zu Peter Binsfeld vergl. auch: Van der Eerden, P. C.: Der Teufelspakt bei Petrus Binsfeld und Cornelius Loos, in: Franz, Gunther; Irsigler, Franz (Hrsg.): Hexenglaube und Hexenprozesse im Raum Rhein-Mosel-Saar, Trierer Hexenprozesse Band 1, Trier: Spee-Verlag 1996 S. 51-71.

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56
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640280148
ISBN (Buch)
9783640283668
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123207
Institution / Hochschule
Université du Luxembourg – Fakultät für Sprachwissenschaften und Literatur, Geisteswissenschaften, Kunst und Erziehungswissenschaften
Note
1,5
Schlagworte
Hexen Hexenverfolgungen Jahrhundert Luxemburg Kurtrier Bachelorarbeit Thema Hexenverfolgung

Autor

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Titel: Hexen und Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert in Luxemburg und Kurtrier