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Schwierige Wege und Brücken zum neuen Glück. Stieffamilien und ihre vielfältigen Herausforderungen

Eine Aufgabe der institutionellen Erziehungs- und Familienberatung

Diplomarbeit 2008 230 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Stieffamilie
2.1 Definitionen von Stieffamilie
2.2 Besonderheiten von Stieffamilien
2.2.1 Merkmale von Stieffamilien
2.2.2 Typen von Stieffamilien
2.2.3 Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zu den Besonderheiten von Stieffamilien
2.3 Die Lebensorganisation von Stieffamilien
2.3.1 Ausgewählte Problemfelder in Stieffamilien
2.3.1.1 Problemfelder im Mikrosystem
2.3.1.2 Problemfelder im Mesosystem
2.3.1.3 Problemfelder im Exosystem
2.3.1.4 Problemfelder im Makrosystem
2.3.2 Dysfunktionale Bewältigungsstrategien in Stieffamilien
2.3.3 Erste Schlussfolgerungen aus den Problemfeldern und Bewältigungsstrategien

3 Erziehungs- und Familienberatung – Allgemeine Darstellung unter spezifischer Berücksichtung von Stieffamilien
3.1 Entwicklungslinien und gesellschaftspolitische Bezüge der Erziehungs- und Familienberatung
3.2 Aktuelles Erscheinungsbild der Familie und der Stellenwert der Erziehungs- und Familienberatung
3.3 Aktuelles Aufgabenprofil, Ziele und Grundprinzipien der Erziehungs- und Familienberatung
3.4 Standortbestimmung der Erziehungs- und Familienberatung
3.5 Erziehungs- und Familienberatung in der Praxis
3.5.1 Einrichtungen und Trägerschaft
3.5.2 Finanzielle und personelle Ausstattung
3.5.3 Zielgruppen, Themen und Ansatzpunkte der Erziehungs- und Familienberatung
3.5.4 Die Beratung in der Erziehungs- und Familienberatung
3.5.4.1 Die vier Grundorientierungen der Erziehungs- und Familienberatung
3.5.4.2 Lebenswelt- und Alltagsorientierung als Rahmenkonzept der Erziehungs- und Familienberatung
3.5.4.3 Beratung von Stieffamilien
3.6 Erziehungs- und Familienberatung mit Stieffamilien – ein Fazit

4 Die Arbeit mit Stieffamilien – eine empirische Untersuchung von Münchner Einrichtungen der Erziehungs- und Familienberatung
4.1 Methodik der Erhebung
4.1.1 InterviewpartnerInnen
4.1.2 Beschreibung der Durchführung/ Untersuchungsbedingungen
4.1.2.1 Forschungsmethode und Erhebungsinstrument
4.1.2.2 Interviewleitfaden
4.1.2.3 Pretest
4.1.2.4 Durchführung der Interviews
4.1.2.5 Transkriptionsvorgehen
4.1.2.6 Auswertungsverfahren
4.2 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
4.2.1 Kategorie „Unterstützungsangebote für Stieffamilien“
4.2.2 Kategorie „Erfahrungen in der Beratung von Stieffamilien“
4.2.3 Kategorie „Unterstützungsmöglichkeiten für Stieffamilien“
4.2.4 Kategorie „Relevante Aspekte in der Arbeit mit Stieffamilien“
4.3 Diskussion der Ergebnisse
4.4 Überprüfung der Hypothesen

5 Zusammenfassung und Forschungsausblick

Literatur

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Ehen, die durch Scheidung beendet werden, stark angestiegen: Wurde Anfang der 1960er Jahre noch jede zehnte Ehe in Deutschland geschieden, so endete in den 1970er Jahren schon fast jede vierte Ehe durch Scheidung. Heute wird annähernd jede zweite Ehe geschieden (Stand 2006: 373.681 Eheschließungen, 190.928 Ehescheidungen). Von der Scheidung ihrer Eltern waren 2006 rund 150.000 Kinder betroffen (Statistisches Bundesamt, 2008a, 8). Verschiedene Autoren deuten diese Entwicklung als einen Zerfall der Familie als Institution (z.B. König, 1979; Tyrell, 1988). Tatsächlich aber geht die Mehrheit der Geschiedenen nach einer gewissen Zeit wieder eine neue Partnerschaft ein. Somit deuten die steigenden Scheidungsziffern zwar das Ende vom Bild der Unauflöslichkeit der Ehe an, die hohe Wiederverheiratungsrate belegt jedoch, dass die Familie als Lebensform nicht an Bedeutung verloren hat. Die Familie des 21. Jahrhunderts präsentiert sich jedoch in äußerst vielfältigen Formen: Neben der modernen Kernfamilie bestehen nicht-eheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kindern, Scheidungsfamilien, Ein-Eltern-Familien oder eben Stieffamilien.

Das „ neue Glück “, also das Zusammenleben mit einem neuen Partner, stellt einen Neuanfang, einen zweiten Versuch dar, welcher jedoch nicht unbelastet von der Vergangenheit beider Partner ist. Anders als beim Tod des früheren Partners wird nach einer Trennung oder Scheidung das frühere Familiensystem nicht aufgelöst, sondern reorganisiert. Dieser Reorganisationsprozess ist als Herausforderung für alle Familienmitglieder zu begreifen, denn sie müssen vielfältige Wandlungs-, Veränderungs- und Anpassungsleistungen, so genannte Entwicklungsaufgaben (Oerter/Montada) bewältigen. Wie Untersuchungen gezeigt haben, ist der „zweite Anlauf zum Glück “ (Dahm-Weitnauer, 1988, 72) stärker vom Scheitern bedroht als die erste Ehe. Doch was macht das Zusammenleben als Stieffamilie so schwierig? In den folgenden Ausführungen soll der Frage nachgegangen werden, wer diese Familien sind, für die ich nachfolgend die Bezeichnung der Stieffamilie wähle (nähere Erläuterungen dazu vgl. Kap.2.1.), und vor allem durch welche spezifischen Merkmale und Strukturen sie sich von

Erstfamilien, so genannten Kernfamilien1 unterscheiden und wo Gemeinsamkeiten liegen. Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen die vielfältigen Probleme, die aus dem Zusammenleben als Stieffamilie erwachsen können. Wie sich zeigen wird, besitzt vor allem die Anfangsphase der Stieffamiliengründung eine stärkere Dynamik und die Schwierigkeiten sind andere, als wenn sich zwei allein stehende Menschen kennen lernen. Auch die typischen Bewältigungsstrategien, mit denen die Stieffamilienmitglieder auf Probleme und Schwierigkeiten reagieren, sollen thematisiert werden. Wie verschiedene Autoren (z.B. Krähenbühl u.a.) in ihrer täglichen Arbeit mit Stieffamilien beobachten konnten, erweisen sich diese häufig als dysfunktionale Bewältigungsstrategien, da sie zwar das bestehende Problem lösen, aber zugleich neue Probleme produzieren.

Das Zusammenleben als Stieffamilie stellt hohe Anforderungen an ihre Mitglieder. Manche Stieffamilien meistern diese ohne die Inanspruchnahme professioneller Hilfe, während andere nicht ohne öffentliche Unterstützung zu einem glücklichen Zusammenleben und einer befriedigenden Lebensorganisation gelangen. Hilfe und Unterstützung finden Stieffamilien ebenso wie Mitglieder jeder anderen Familienform in den regionalen Jugendämtern, den Institutionen im Bereich der Eltern- und Familienbildung, in Selbsthilfegruppen sowie in Beratungsstellen. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, alle Institutionen mit ihren Unterstützungsangeboten für Stieffamilien näher zu beschreiben, ist der Fokus der vorliegenden Arbeit auf die Beratungsstellen gerichtet. Da auch diese wiederum in vielfältigen Bereichen tätig sind und unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Arbeit setzen, ist eine nochmalige Eingrenzung auf jene Beratungsstellen notwendig, die Erziehungs- und Familienberatung anbieten.

Erziehungs- und Familienberatung erlebt seit einiger Zeit ein gestiegenes Interesse im Rahmen der Familienpolitik und der breiten Öffentlichkeit. Dies dokumentiert sich zum einen in den familienpolitischen Bemühungen zur Bestandsaufnahme und Ausweitung der Angebote der Erziehungs- und Familienberatung mit dem Ziel, familienfreundlichere Rahmenbedingungen in der Gesellschaft zu schaffen (vgl. Gröne, 2005, 17). Zum anderen zeigt sich dieser Bedeutungszuwachs in der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion und in der Praxis (vgl. Smolka, 2003, 5). Parallel dazu entwickeln sich verschiedenste Initiativen und Modelle, um Familien zukünftig gezielter im Erziehungsalltag unterstützen zu können (ebd.). Dass auch in der breiten Öffentlichkeit ein allgemeines Interesse an familienbezogenen Fragestellungen besteht, zeigt sich einerseits in den hohen Einschaltquoten, die Fernsehsendungen wie „ Super-Nanny “ und „ Teenager außer Kontrolle “ erzielen, und andererseits in dem deutlichen Anstieg der Inanspruchnahme von Online-Beratungsstellen, Internet-Erziehungsforen und Elternbildungsangeboten sowie institutionellen Beratungsstellen (vgl. Tschöpe-Scheffler, 2005, 13f).

Doch was verbirgt sich konkret hinter diesem Konstrukt der Erziehungs- und Familienberatung? In den folgenden Ausführungen soll zum einen der Frage nachgegangen werden, welche Vorstellungen der Erziehungs- und Familienberatung zugrunde liegen und welche Schwierigkeiten und Problemfelder in diesem Feld im Hinblick auf Stieffamilien wirksam werden. Das Forschungsinteresse der vorliegenden Arbeit richtet sich auf die Fragestellung, mit welchen Unterstützungsangeboten Erziehungs- und Familienberatungsstellen versuchen, Stieffamilienmitglieder bei der Bewältigung ihrer Probleme und Schwierigkeiten zu unterstützen bzw. mögliche Belastungsfaktoren einzudämmen. Zudem soll geprüft werden, was Erziehungs- und Familienberatungsstellen zur Verbesserung der Situation von Stieffamilien zukünftig beitragen können.

Die Zielsetzung dieser Arbeit lässt sich dementsprechend anhand von vier Fragestellungen präzisieren:

- Welche Informationen liegen über Stieffamilien vor, die einen tieferen Einblick in ihre spezifischen Merkmale, Strukturen, Problemstellungen und typischen Bewältigungsstrategien gewähren?
- Welche allgemeinen Bedingungen und spezifischen Schwierigkeiten lassen sich im Feld der Erziehungs- und Familienberatung finden, die im Hinblick auf Stieffamilien wirksam sind?
- Welchen Beitrag leistet die institutionelle Erziehungs- und Familienberatung bei der Eindämmung und Bewältigung möglicher Belastungsfaktoren von Stieffamilienmitgliedern, um ein gelingendes Zusammenleben als Stieffamilie zu unterstützen?
- Was soll und kann die institutionelle Erziehungs- und Familienberatung zukünftig beitragen, um Stieffamilien zu unterstützen und zu stärken?

Zu diesen Fragestellungen können folgende Hypothesen formuliert werden, die mittels der verfügbaren Literatur und einer qualitativen Untersuchung im Rahmen der vorliegenden Arbeit zu überprüfen sind:

Hypothese 1: Die Schwierigkeiten, die sich für Stieffamilien ergeben, werden zwar individuell erlebt, sind aber gesellschaftlich geschaffen. Sie ergeben sich aus dem Widerspruch zwischen der Pluralisierung von Lebensformen und der zumindest partiellen Aufrechterhaltung des Leit- und Idealbildes der Kernfamilie.

Hypothese 2: Ehe-, Familien- und Erziehungsberatungsstellen sind noch kaum auf die Beratung von Stieffamilien mit ihrer besonderen Problemstellung eingerichtet. Diesbezüglich besteht ein dringender Professionalisierungsbedarf der Fachkräfte.

Hypothese 3: In Erziehungs- und Familienberatungsstellen fehlt es an Unterstützungs- angeboten ausschließlich für Stieffamilien.

Hypothese 4: Um zukünftig besser auf Stieffamilien eingehen zu können, ist unabdingbar ein adäquates Handlungskonzept zu entwickeln, bei dem die spezifischen Merkmale, Strukturen und Probleme dieser Familienform entsprechend beachtet werden.

Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt auf jenen Stieffamilien, die nach Trennung/Scheidung entstehen. Ausgeschlossen sind Stieffamilien, die nach dem Tod eines leiblichen Elternteils entstehen, weil sich hier andere Probleme ergeben, deren Darstellung den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde. Des Weiteren liegt der Schwerpunkt auf den primären Stieffamilien (Alltagsstieffamilien), also auf jenen Familien, in der das Kind seine überwiegende Zeit verbringt. Die Wochenendstieffamilien, also jene Stieffamilienkonstellationen, in denen Kinder aus der früheren Partnerschaft mit dem getrennt lebenden Elternteil und dessen neuem Partner/Partnerin nur zu bestimmten Zeiten zusammenleben, finden nur am Rande Beachtung.

Eine weitere Einschränkung dieser Arbeit besteht darin, dass deren Fokus auf die Probleme und Schwierigkeiten gerichtet ist, die sich für die einzelnen Stieffamilienmitglieder ergeben. Die Stärken und Chancen der Familienform ‚Stieffamilie’, welche diese für das Individuum und für die Gesellschaft bietet, werden weitgehend ausgeblendet, weil üblicherweise nur solche (Stief-)Familien Beratungsstellen aufsuchen, die mit Problemen zu kämpfen haben und diese aus eigener Kraft nicht bewältigen können.

Gemäß der vier Fragestellungen erfolgt im Kapitel 2 zunächst eine Begriffsklärung (2.1.). Anschließend wird auf die Besonderheiten von Stieffamilien eingegangen, indem zum einen die spezifischen Strukturmerkmale von Stieffamilien beschrieben werden, die sich aus der

Gegenüberstellung jener Familienform mit jener der Kernfamilie identifizieren lassen, und zum anderen wird ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Klassifizierung von Stieffamilien gegeben (2.2.) Welche Probleme aus der komplexen Struktur und den spezifischen Merkmalen für Stieffamilien erwachsen können und unter Zuhilfenahme welcher Bewältigungsstrategien die Stieffamilienmitglieder auf diese reagieren, zeigt Kap. 2.3.

Die Darstellung der institutionellen Erziehungs- und Familienberatung steht im Zentrum von Kapitel 3, weshalb zunächst eine Beschreibung der Erziehungs- und Familienberatung in ihrer geschichtlichen Entwicklung sowie ihrer Eingebundenheit in den gesellschaftspolitischen Kontext erfolgt (3.1.). Der Frage nach der „Krise der Familie“ und dem damit einhergehenden Bedeutungszuwachs der Erziehungs- und Familienberatung wird im Kap. 3.2. nachgegangen. Anschließend werden die aktuellen Aufgaben, Ziele und Grundprinzipien der Erziehungs- und Familienberatung beschrieben, die sich aus der Zuständigkeit der Jugendhilfe ergeben (3.3.). Die Fragen, wie sich die Erziehungs- und Familienberatung zwischen Psychotherapie und Jugendhilfe sowie zwischen Beratung und Therapie positioniert hat und welche sozialpädagogischen Paradoxien auch im Feld der Erziehungs- und Familienberatung wirksam werden, werden in Kap. 3.4 beantwortet. Wie Erziehungs- und Familienberatung in der Praxis umgesetzt wird und dabei Stieffamilien berücksichtigt werden, zeigt Kap. 3.5. In einem Fazit werden die Möglichkeiten und Probleme einer Erziehungs- und Familienberatung mit Stieffamilien zusammengefasst (3.6.).

Im Anschluss an die theoretische Auseinandersetzung folgt ein empirischer Teil (Kap.4), der den gegenwärtigen und zukünftigen Beitrag von Münchner Erziehungs- und Familienberatungsstellen bei der Unterstützung von Stieffamilien untersucht. Hierzu wird zunächst ein Überblick über die Durchführung der Untersuchung und der dafür verwendeten Methoden gegeben (Kap. 4.1.). Daran schließt sich eine zusammenfassende Darstellung und Interpretation der relevanten Aussagen der Befragten an (4.2.). Nach der Darstellung und Interpretation dieser Aussagen werden die Ergebnisse auf Grundlage der theoretischen Ausführungen diskutiert und Schlussfolgerungen gezogen (4.3.). Schließlich erfolgt eine Überprüfung der aufgestellten Hypothesen (4.4.). Kapitel 5 schließt die Arbeit mit einem Resümee und Forschungsausblick ab.

2 Die Stieffamilie

Für die Familienform Stieffamilie haben sich in der Alltags-, Fach- und Mediensprache verschiedenste Bezeichnungen etabliert. Stieffamilie wird häufig ersetzt durch Bezeichnungen wie wiederverheiratete (remarried) Familie, die rekonstruierte (reconstituted) Familie, die neu zusammengesetzte (blended) Familie (Jansen), die Zwei-Kern-Familie, Mischfamilie, elternreiche Familie (Fthenakis, Griebel), binukleare Familie, fragmentierte Elternschaft, bzw. gebrochene Filiation, Zweitfamilie (Giesecke), Patchworkfamilie (Bernstein, Unverzagt), Fortsetzungsfamilie (Ley, Borer), offene Familie sowie Mehrelternschaft in erweiterten Familiensystemen (Napp-Peters). Currier (1982) spricht gar von Familien „ zweiter Klasse “ (vgl. Currier, 1982 zit. nach Kwak, 2003, 575). Das Netz der verwandtschaftlichen Beziehungen wird als Meta- oder Supra-Familie bezeichnet (vgl. Fthenakis/Griebel, 1985, 24). All jene Bezeichnungen umschreiben dasselbe Phänomen, betonen jedoch unterschiedliche Aspekte, die mit diesem verknüpft sind. Der Begriff Patchworkfamilie richtet das Augenmerk mehr auf den gegenwärtigen Zustand der neuen Familie, wohingegen beim Begriff der Fortsetzungsfamilie der Prozess der familiären Rekomposition betont wird (vgl. Ley, 2005, 806). Diese Suche nach neuen Begrifflichkeiten stellt den Versuch dar, die negativen Konnotationen zu vermeiden, die mit der Vorsilbe stief- immer noch mitschwingen (vgl. Dusolt, 2000, 12). Trotz der Negativbesetzung des Präfix stief- haben sich die Fachleute vor einigen Jahren darauf geeinigt, für diese Familienform weiterhin die allgemeingültige Bezeichnung Stieffamilie zu verwenden (vgl. Dusolt, 2000, 12f). Gründe dafür waren, dass der Begriff stief- allgemein verständlich ist und dass vorgeschlagene Begriffe wie Zweit-, Ersatz-, Nachfolge- oder Fortsetzungsfamilie gegenüber der Kernfamilie gegenüber Vergleichbarkeit und Nachrangigkeit zum Ausdruck bringen. Außerdem verdeutlicht das Festhalten an der Bezeichnung Stieffamilie auch das Erkennen und Akzeptieren des Andersseins.

„Die Bezeichnung `Patchworkfamilie´ wurde von der Fachwelt nicht gänzlich verdrängt, doch wird sie von dieser nur für den Teilbereich von Stieffamilien verwendet, bei dem, wie bei einer Patchworkdecke, „verschieden gestrickte“ Kinder in einer Familie auf einander treffen. Es handelt sich also um Familien, bei denen es neben den Stiefkindern noch gemeinsame Kinder in der neuen Familienkonstellation gibt“ (Dusolt, 2000, 12f).

Ich habe in der vorliegenden Arbeit aus mehreren Gründen die Bezeichnung Stieffamilie gewählt. Der Begriff Stieffamilie leidet nicht wie die zuvor genannten Bezeichnungen an einer Definitionsarmut (z.B. gibt es keine Zweitkinder oder Patchworkelternteile), sondern er ermöglicht, alle Familienmitglieder klar und verständlich benennen zu können. Zudem sind Begriffe wie Patchworkfamilie, wiederverheiratete Familie, Zweitfamilie nicht klar und eindeutig genug definiert bzw. können Stieffamilien nicht adäquat beschreiben, wodurch sie für eine komplexe Darstellung von Stieffamilienkonstellationen als nicht geeignet erscheinen. Darüber hinaus bleibt zu hoffen, dass durch den häufigeren Gebrauch der Vorsilbe stief- eine Gewöhnung eintritt, die diese Begriffe und damit letztlich die Familienform Stieffamilie gesellschaftsfähiger macht und so allmählich von negativen Konnotationen befreit (Enttabuisierung, Entstigmatisierung). Wer verbirgt sich nun genau hinter dieser verwirrenden Begriffs- und Namensvielfalt?

2.1 Definitionen von Stieffamilie

Die Namensvielfalt für Stieffamilien findet sich auch in den verschiedenen Definitionen der Stieffamilie wieder. Bevor auf die unterschiedlichen Definitionsversuche aus der Literatur zum Begriff Stieffamilie näher eingegangen wird, sollen zunächst die zwei Wortstämme stief- und Familie, aus denen sich der Begriff zusammensetzt, auf ihre Bedeutung hin näher betrachtet werden.

Die Vorsilbe stief -, aus der althochdeutschen Vorsilbe stiof- abgeleitet, bedeutet ursprünglich in den unterschiedlichen sprachgeschichtlichen Anwendungen verwaist, beraubt oder hinterblieben (vgl. Visher/Visher, 1987, 31). Ein Ursprung negativer Assoziationen mit dem Präfix stief- bzw. zur Bezeichnung Stiefmutter kommt aus Märchen2 (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 16f). Auch heute noch wird das Präfix stief- bewusst oder unbewusst mit negativen Empfindungen in Verbindung gebracht. Diese abwertende und negative Bedeutung, welche mit der Vorsilbe stief- mitschwingt, wirkt sich auch auf die Inhaber stieffamiliärer Rollen unangenehm aus. Vom Stiefkind wird häufig das Bild eines verlassenen Waisenkindes verbunden. Stiefmütter sehen sich zum einem mit dem Mutterschaftsmythos und zum anderen mit dem Mythos der bösen Stiefmutter konfrontiert3. Der Mutterschaftsmythos besagt, dass jede Frau ihren Kindern gegenüber ein biologisch verankertes, tiefes und dauerhaftes Gefühl der Mutterliebe empfindet, welches in der einzigartigen Mutter-Kind-Beziehung sichtbar wird (vgl. Ewering, 1996, 45ff; Friedl/Maier-Aichen, 1991, 140f). Im Mythos der bösen

Stiefmutter werden ihr meist negative Eigenschaften zugeschrieben. Sie sei böse, missgünstig, lieblos und stets auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Der Stiefvater wird häufig als Retter und Erlöser gesehen, der einer alleinstehenden Frau mit Kindern aus der Not hilft.

Eine Präzisierung des Begriffs Familie ist äußerst schwierig, da jeder Mensch zu dieser Lebensform einen ganz eigenen Bezug hat4 (vgl. Gröne, 2005, 28). Zudem wird eine klare Begriffsdefinition dadurch erschwert, dass es die typische Familie nicht gibt und in keiner historischen Epoche jemals gegeben hat (vgl. Bernardes 1985, 1988). Der Begriff der Familie stammt ursprünglich vom lateinischen famulus, der Haussklave und bezeichnete eine Gruppe von Sklaven, die im Besitz eines Mannes waren. Erst zu einem späteren Zeitpunkt, als der Begriff erweitert wurde, waren mit Familie alle Personen gemeint, die zu einem Mann in

Abhängigkeit standen oder von ihm abstammten. Im Weiteren wurden mit dem Begriff alle Personen gemeint, die im Haushalt eines Mannes lebten (Frauen, Kinder, Sklaven, Verwandte, Freunde, Gäste etc.). Erst im 19. Jahrhundert wurde dieses Verständnis des Begriffes Familie verdrängt. Seither bezieht sich das Wort Familie meist auf eine enge Hausgemeinschaft von Eltern und Kindern. Mühlfeld (1994) bezeichnet Familie als die bedeutsamste und verbreiteteste Form der sozialen Gruppe, die durch das Zusammenleben von mindestens zwei Generationen charakterisiert wird. Innerhalb der Familie laufen bestimmte soziale Grundprozesse ab, welche grundsätzlich die Reproduktion und damit das Überleben der Gesellschaft sichern. Dabei strukturiert die Familie den Lebenslauf und die Biographie des Menschen grundlegend (vgl. Mühlfeld, 1994, 212).

Mit dem Begriff Stieffamilie werden heute eine Vielzahl heterogener Familienformen bezeichnet, weshalb es wenig Sinn macht, von der Stieffamilie zu sprechen. All jenen ist jedoch eines gemeinsam: zu den beiden leiblichen Elternteilen tritt mindestens ein sozialer Elternteil5 hinzu, oder ein verstorbener leiblicher Elternteil wird durch einen sozialen Elternteil ersetzt (vgl. Bien u.a., 2002, 10; vgl. Peukert, 2005, 235). Ein weiteres Charakteristikum von Stieffamilien ist häufig deren binukleare Struktur und es sind in der

Regel „multilokale Familien, die sich im Unterschied zur traditionellen Kernfamilie über mehrere Haushalte erstrecken“ (Bien u.a., 2002, 24; Teubner, 2002, 52c). Unterschiedliche Auffassungen bestehen jedoch innerhalb der Fachwelt, ob das Paar (wieder-)verheiratet und ob die Kinder tatsächlich im Stieffamilienhaushalt mit leben müssen. Im engsten Sinne ist eine Stieffamilie eine Familie mit einem wiederverheirateten Paar, von denen einer oder beide Ehepartner Kinder in die neue Ehe mitbringen (z.B. Sager u.a., 1983). Nach dieser Definition ist die Entstehung einer Stieffamilie untrennbar an die Wiederheirat des neuen Paares gekoppelt. In der weiter gefassten Definition von Visher/Visher (1987) wird lediglich gefordert, dass zumindest einer der Partner ein Kind aus einer früheren Partnerschaft hat. Es bleibt bei dieser Definition also offen, ob das Kind tatsächlich mit im Stieffamilienhaushalt lebt und ob das Paar verheiratet ist (vgl. Visher/Visher, 1987, 31). Die Definition von Visher/Visher erfährt bei Dusolt (2000) eine Einschränkung. Wie Dusolt (2000) betont, sollte nur dann von einer Stieffamilie gesprochen werden, wenn zwischen dem neuen Partner und dem Kind eine emotional besetzte zwischenmenschliche Beziehung besteht, die geprägt ist durch das Selbstverständnis von den Erwachsenen und dem Kind (vgl. Dusolt, 2000, 11). Eingeschlossen sind in diese Definition auch Lebensgemeinschaften von gleichgeschlechtlichen Partnern, von denen mindestens einer ein Kind mitbringt.

In Deutschland waren im Jahr 1999 etwa 7% aller Familien mit Kindern unter 18 Jahren Stieffamilien im engeren Sinne6. Fasst man die Definition von Stieffamilie weiter und berücksichtigt auch Alleinerziehende, die eine neue Partnerschaft eingegangen sind, ohne jedoch mit diesem Partner in einer Haushaltsgemeinschaft zu leben (= Stieffamilien im weiteren Sinne), dann machten die Stieffamilien 9,5% (= 885.000) aller Familien mit minderjährigen Kindern aus (vgl. Bien u.a., 2002, 38-47). Durch welche spezifischen Merkmale und Strukturen unterscheiden sich diese Familien nun von anderen

Familienformen, insbesondere von Kernfamilien?

2.2 Besonderheiten von Stieffamilien

Jede Stieffamilie ist einmalig und hat ihre eigene Realität. Trotzdem lassen sich Merkmale ausmachen, die charakteristisch für die meisten Stieffamilien ist. In diesem Kapitel werden einige stieffamilientypische Merkmale vorgestellt. Zudem wird ein Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten der Klassifizierung von Stieffamilien gegeben.

2.2.1 Merkmale von Stieffamilien

Von außen betrachtet sehen Stieffamilien ähnlich aus wie Kernfamilien. In beiden Familien lebt ein Paar mit Kindern zusammen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Stieffamilien eine viel komplexere Struktur aufweisen. Diese höhere Komplexität ist vor allem durch zwei Faktoren gegeben: zum einem dadurch, dass sich das Eltern- und Paar- Subsystem aus z.T. unterschiedlichen Personen zusammensetzt und zum anderen dadurch, dass der getrennt lebende Elternteil zwar außerhalb der Haushaltsgemeinschaft lebt, aber aufgrund seiner biologischen Elternschaft zum Gesamtsystem der Stieffamilie mehr oder weniger eng dazugehört. Wie Textor (2006) beschreibt, sind ferner die Definitionskriterien von Familie, also das Zusammenleben aller Familienmitglieder im gleichen Haushalt, die Blutsverwandtschaft und der gemeinsame Name, bei Stieffamilien zumeist nicht anzutreffen (vgl. Textor, 2006b, 1).

Krähenbühl u.a. (2007) beschreiben folgende charakteristischen Strukturmerkmale von Stieffamilien, die sich aus einer Gegenüberstellung der Stieffamilie mit der Kernfamilie identifizieren lassen7:

- Stieffamilien werden nach Verlusten und Veränderungen gegründet: Stieffamilien, die nach einer Trennung/Scheidung entstehen, gründen sich auf Verlusterfahrungen. Die Erwachsenen mussten den Verlust des Partners, das Scheitern der Ehe, den Verlust des Ideals einer funktionierenden Kernfamilie, die Verluste, die die Veränderungen durch Scheidung wie z.B. Umgang, Jobwechsel, Änderung des Lebensstils etc. mit sich bringt, durchleben. Nicht selten mischen sich unter die Verlusterfahrungen auch Schuldgefühle gegenüber den Kindern. Die Kinder haben den Verlust des alltäglichen Kontakts von einem Elternteil, den Verlust von Stabilität wie auch Verluste, die sich aus Trennung ergeben (z.B. Umzug, Schulwechsel, Verlust von Freunden, Einschränkungen finanzieller Art) zu verkraften und zu verarbeiten. Diese Verluste müssen betrauert und die Hintergründe reflektiert werden, um wieder in der Lage für eine verbindliche Beziehung zu einem neuen Partner sein zu können (vgl. Burt, 2001b, 27-29; vgl. auch Giesecke, 1987, 23-41).

- Ein leiblicher Elternteil (und ggf. auch dessen neue Familie) lebt außerhalb der eigentlichen Stieffamilie, übt aber noch einen gewissen Einfluss aus: Auch wenn ein leiblicher Elternteil infolge der Trennung/Scheidung nicht mehr in der

Haushaltsgemeinschaft lebt, bleibt er ein fester Bestandteil im Leben seiner Kinder und übernimmt auch mehr oder weniger intensiv weiterhin seine Elternpflichten. Ferner stellt er die Verbindung zur Vergangenheit der Teilfamilie dar und beeinflusst durch sein Verhalten das Leben in der Stieffamilie. Es stellt eine Herausforderung dar, ihm einen eigenen Stellenwert in Bezug auf die Kinder einzuräumen und zu belassen (vgl. Burt, 2001b, 30).

- Kinder sind oft Mitglieder von zwei Haushalten: Als Konsequenz aus dem gemeinsamen Sorgerecht gehören Kinder nach der Trennung/Scheidung ihrer leiblichen Eltern häufig sowohl zum Haushalt des Elternteils in der neuen Lebensgemeinschaft als auch zum getrennt lebenden Elternteil. Die meisten Kinder, die zu zwei Haushalten gehören, haben sozusagen einen Hauptwohnsitz und besuchen den anderen Haushalt in regelmäßigen Abständen. Für die Kinder bedeutet das häufig, dass sie hin- und hergerissen sind zwischen den verschiedenen Lebensstilen der zwei Haushalte. Ferner führt dieser Umstand dazu, dass die Innen- und Außengrenzen von Stieffamilien im Vergleich zu Kernfamilien komplexer und nicht so klar zu definieren sind.

- Der Stiefelternteil hat keine elterlichen Rechte und Pflichten gegenüber den Kindern seines Partners: Eine Besonderheit der Stieffamilie gegenüber der Kernfamilie ergibt sich auch daraus, dass einer der Erwachsenen gegenüber den Kindern seines Partners keinerlei Entscheidungsbefugnis und elterliche Rechte und Pflichten hat. Zwischen dem leiblichen Elternteil und dem Stiefelternteil herrscht also eine asymmetrische Verteilung der Erziehungsverantwortung für die im Haushalt lebenden Kinder. Dadurch ist ein relativ hohes Konfliktpotential im Binnenraum der Stieffamilie gegeben (vgl. Ewering, 1996, 44). Es stellt also eine besondere Herausforderung dar, die Funktion des Stiefelternteils im Familiensystem zu klären, seine Rolle gegenüber den Kindern seines neuen Partners zu definieren und mit denen der anderen Familienmitglieder ins Gleichgewicht zu bringen.

- Die Eltern-Kind-Beziehung ist älter als die Bindung zwischen dem neuen Paar: Insofern fehlt dem Stiefelternteil ein Stück gemeinsamer Lebensgeschichte, was häufig zur Folge hat, dass sich der neue Partner als Außenseiter oder Eindringling empfindet oder von dem Kind bzw. den Kindern so empfunden wird (vgl. Burt, 2000, 41). Damit ein Zusammenleben als Stieffamilie funktionieren kann, muss der Stiefelternteil seinen Platz in diesem bereits bestehenden Beziehungsgefüge finden, was bedeutet, dass sich die neue Gemeinschaft neu organisieren muss.

Wilk/Zartler (2004) sowie Ewering (1996) ergänzen die Merkmale durch folgende8:

- Stieffamilien sind komplexer als Kernfamilien: Von Anfang an gehören zur Stieffamilie eine größere Anzahl an Personen, zwischen denen sehr viele verschiedene Möglichkeiten der Beziehungen existieren (z.B. Vollgeschwister, Halbgeschwister, Stiefgeschwister, leibliche Großeltern, Stiefgroßeltern). Mehr beteiligte Personen und zumindest anfangs nicht deutlich überschaubare Beziehungen innerhalb der Stieffamilie verlangen, dass die Kommunikation klar ist, damit das neue Familiensystem funktionieren kann (vgl. Gangong/Colemann, 1994, 122f)

- Die Mitglieder einer Stieffamilie haben verschiedene Familiengeschichten: Die Stieffamilie gründet sich auf verschiedene Erfahrungshintergründe ihrer Mitglieder, die diese aus bereits gelebten familiären Situationen (Herkunftsfamilie und oft auch Ein- Eltern-Familie) mit in die Stieffamilie bringen. Deren Mitglieder müssen viel Toleranz aufbringen, um mit diesen unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen umzugehen. Ferner besteht eine Herausforderung darin, dass die Stieffamilie eine gemeinsame Geschichte entwickelt, die von der ganzen Familieneinheit getragen wird, ohne dass diese in Konkurrenz zu den Erinnerungen an die frühere Familie tritt (vgl. Burt, 2000, 41f)

- Elternschaft und Partnerschaft sind nicht deckungsgleich: In Stieffamilien gründen sich Paar- und Elternebene z.T. aus unterschiedlichen Personen. Das Eltern-Subsystem besteht aus beiden leiblichen Elternteilen, denn mit einer Trennung/Scheidung wird nicht das Eltern-Subsystem beendet, sondern lediglich das Paar-Subsystem. Das Eltern- Subsystem erstreckt sich nach einer Trennung/Scheidung auf zwei Haushalte. Das Paar- Subsystem in der Stieffamilie besteht aus dem leiblichen Elternteil des Kindes und dessen neuem Partner. Da von Anfang an bereits Kinder vorhanden sind, fehlt der Paarbeziehung in Stieffamilien häufig eine eigenständige Phase der Paarbildung und

„Brautzeit“ (vgl. Kohaus-Jellouschek/Jellouschek 1988, 140). Häufig befindet sich das Paar in unterschiedlichen Lebensstadien (vgl. Matter, 1999, 144). Auch der Stiefelternteil unterhält Beziehungen zu den Kindern seines neuen Partners, ist jedoch mit diesen biologisch nicht verwandt. Verbunden werden beide Subsysteme durch die Kinder, die zwischen diesen zwei Haushalten hin- und- her pendeln. Die Aufgabe für Stieffamilie besteht darin, beide Subsysteme in Einklang zu bringen, um dem Wohl und Bedürfnissen aller Beteiligten - vor allem der Kinder - gerecht werden zu können.

- Ungefestigtes und wenig entwickeltes Inzest-Tabu: Da der Stiefelternteil mit den ihm anvertrauten Kindern biologisch nicht verwandt ist und die Verteilung der Erziehungsverantwortung aufgrund für die Stiefkinder asymmetrisch verteilt ist, kann sich die Beziehung zwischen dem Stiefelternteil und den Stiefkindern eher die Grenze durchbrechen als bei leiblichen Kindern.

Wie aufgezeigt wurde, ähneln Stieffamilien nur von außen betrachtet den vertrauten Kernfamilien. Bei einer genaueren Betrachtung wird deutlich, dass es zwischen den beiden Familienformen beträchtliche Unterschiede gibt. Umso fataler ist deshalb auch die Tatsache, dass sich sowohl Stieffamilien selbst als auch professionelle Helfer stark darum bemühen, aus der Stieffamilie quasi eine Normalfamilie zu machen. Durch ihre aufgezeigten spezifischen Merkmale können sie gar nicht dem Ideal der Kernfamilie entsprechen, sondern aus ihrer beschriebenen Struktur erwachsen Probleme, deren Bewältigung zentral für den weiteren Fortbestand der Stieffamilie ist. Welches diese Schwierigkeiten sind, mit denen sie zusätzlich zu den typischen Problemen von Kernfamilien konfrontiert sind (z.B. Fragen der Kindererziehung, Probleme in der Partnerschaft), wird in Kapitel 2.3. näher beleuchtet.

Wie Visher/Visher 1987 in ihrem Vergleich der Stieffamilie mit Familien von Alleinerziehenden, Pflege- und Adoptivfamilien sowie mit Kernfamilien ermitteln konnten, sind Stieffamilien bezüglich ihrer strukturellen Merkmale noch am ehesten den Pflegefamilien ähnlich (vgl. Visher/Visher, 1987, 45). Bei beiden Familienformen hat mindestens ein Erwachsener nicht miterlebt, wie sich die Kinder von Anfang an entwickelt haben. Der erhebliche Unterschied zwischen Stief- und Pflegefamilien besteht darin, dass das Kind in einer Pflegefamilie zu beiden Pflegeeltern eine gleich nahe Beziehung hat. In Stieffamilien hingegen existiert aufgrund des späteren Hinzutretens des Stiefelternteils ein Ungleichgewicht der Elternrollen, die erst in Gleichgewicht gebracht werden müssen (vgl. Ewering, 1996, 44).

Abschließen möchte ich diesen Gliederungspunkt mit einem Zitat, welches das Besondere einer Stieffamilie metaphorisch nochmals zum Ausdruck bringt:

„Die Ursprungsfamilie gleicht einem Menü, die Patchworkfamilie einem Büfett“ (Gerling- Nörenberg, 2006, 2)

2.2.2 Typen von Stieffamilien

Wie bereits dargelegt, werden mit dem Begriff „Stieffamilie“ heute eine Vielzahl heterogener Familienformen bezeichnet. Somit lassen sich Stieffamilien nicht nur von Kernfamilien unterscheiden, sondern auch zwischen den Stieffamilien sind charakteristische strukturelle Unterschiede festzumachen. Zu fragen ist nun nach den Möglichkeiten einer Klassifizierung der verschiedenen Konstellationen von Stieffamilie. Je nach gewähltem Einteilungskriterium lässt sich eine Typologie erstellen. Als Kriterien wurden bisher herangezogen: das Geschlecht des Stiefelternteils, die Entstehungsursache einer Stieffamilie, der frühere Familienstand der Partner, die Kinderkonstellationen, die Gründungsmuster, das Sorgerecht, Partnerschaftsform des neuen Paares sowie die Haushaltszugehörigkeit des/r Kindes(r).

Die bisher umfassendste Typologie wurde 1983 von Sager u.a. ausgearbeitet. Sager u.a. unterscheiden unter der Berücksichtigung der Kriterien des Sorgerechts, der Geschlechtszugehörigkeit und des früheren Ehestands beider Partner 24 verschiedene Typen von Stieffamilien. Krähenbühl u.a. bemerken zu dieser Typologie, dass diese für den therapeutischen Alltag nicht zweckmäßig sei, sondern aufgrund ihres Umfangs eher Verwirrung stiftet (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 30). Deshalb entwickelten Krähenbühl u.a. ausgehend von ihrer therapeutischen Arbeit mit Stieffamilien eine weitaus weniger ausdifferenzierte Typologie9. Auf diese Klassifikation wird in der Fachliteratur immer wieder verwiesen. Sie unterscheidet folgende fünf verschiedene Typen von Stieffamilien10

- Stiefmutterfamilien: eine Frau geht eine Beziehung mit einem Mann ein, der mit seinen Kindern aus einer früheren Verbindung zusammenlebt, und übernimmt die Position der Stiefmutter im Familiensystem
- Stiefvaterfamilien: ein Mann geht eine Beziehung mit einer Frau ein, die mit ihren Kindern aus einer früheren Verbindung zusammenlebt, und übernimmt die Position des Stiefvaters im Familiensystem
- Zusammengesetzte Stieffamilien: zwei unabhängige Teilfamilien, die jeweils einem ehemaligen Familienverband angehörten, kommen zusammen, d.h. eine Frau mit ihren Kindern und ein Mann mit seinen Kindern schließen sich zu einer Familie zusammen
- Stieffamilien mit gemeinsamen Kind/ern: im Stieffamilien leben neben Stiefkindern auch gemeinsame Kinder des neuen Paare
- Teilzeit-Stieffamilie: die Kinder aus der früheren Partnerschaft leben mit dem getrennt lebenden Elternteil und dessen neuen Partner zu bestimmten festgelegten Zeiten zusammen

Als Einteilungskriterium gelten bei dieser Typologie die strukturellen Unterschiede zwischen den Stieffamiliensystemen, zu deren charakteristischen Merkmalen zählen Krähenbühl u.a. vor allem die Anzahl der Subsysteme sowie die Geschlechtszugehörigkeit des Stiefelternteils an. Ewering sieht zudem das Kriterium der zeitlichen Entwicklung von Stieffamilien in dieser Typologie berücksichtigt (vgl. Ewering, 1996, 34). Nach Krähenbühl u.a. resultieren aus den aufgezeigten strukturellen Unterschieden zwischen den Typen von Stieffamilien spezifische Probleme. Auf diese wird in Kap. 2.2.3. eingegangen. Bei solchen Klassifizierungen besteht jedoch die Gefahr, in einen gewissen Schematismus zu verfallen, der zur Folge hat, dass Besonderheiten übersehen werden und einzelne Fälle, die nicht der Typologie entsprechen, unberücksichtigt bleiben (vgl. Ewering, 1996, 36).

2.2.3 Zusammenfassung der Forschungsergebnisse zu den Besonderheiten von Stieffamilien

Die Besonderheiten von Stieffamilien werden in einem Vergleich mit anderen Familienformen, insbesondere mit Pflege-, Adoptiv-, Ein-Eltern- und Kernfamilien sichtbar11. Aus diesen strukturellen Unterschieden zwischen den Familienformen können die wesentlichen Merkmale von Stieffamilien abgeleitet werden. Diese Merkmale werden in der Fachliteratur folgendermaßen identifiziert: (1) Ein leiblicher Elternteil (und ggf. auch dessen neue Familie) lebt außerhalb der eigentlichen Stieffamilie. Durch die Beziehung zu seinen Kindern und durch die Tatsache, dass er weiterhin für diese eine Mitverantwortung trägt, hat dieser Elternteil einen Einfluss auf die Familiendynamik der Stieffamilie. Damit sind die Grenzen in einer Stieffamilie nicht so klar wie bei einer Kernfamilie. Die Kinder haben Bindungen auch außerhalb der Stieffamilie und geraten so besonders leicht in Loyalitätskonflikte. (2) Die Familiendynamik der Stieffamilie ist durch den Verlust mindestens einer wichtigen Person belastet. Dies wirkt sich aus auf die Bereitschaft, neue intensive Beziehungen aufzunehmen. (3) In Stieffamilien sind die Eltern-Kind-Beziehungen (normalerweise) älter als das erwachsene Paar. Damit kann das neue Paar nicht auf eine gemeinsame Familiengeschichte zurückgreifen. (4) Die Kinder in Stieffamilien sind oft Mitglieder von zwei Haushalten. Sie gehören sowohl zum Haushalt des Elternteils in der neuen Lebensgemeinschaft als auch zum getrennt lebenden Elternteil. Jede dieser Familiengemeinschaften hat eigene Regeln. Das kann eine Bereicherung für die Kinder sein, es kann aber auch, vor allem bei schwelenden Konflikten zwischen den getrennt lebenden Eltern, zu erheblichen Irritationen führen. (5) Die Rechtsposition der Erwachsenen gegenüber den Kindern ist asymmetrisch verteilt, d.h. der Stiefelternteil hat keine elterlichen Rechte und Pflichten gegenüber den Kindern seines Partners und Stiefgeschwister sind gesetzlich nicht miteinander verwandt. Die Rolle des Stiefelternteils muss im neu gebildeten Familiensystem erst definiert werden (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 25-29)12. (6) Stieffamilien sind im

Vergleich zu Kernfamilien komplexere Systeme, was u. a. daran deutlich wird, dass es mindestens drei Großeltern gibt. (7) Die Mitglieder einer Stieffamilie haben verschiedene Familiengeschichten (8) in Stieffamilien existiert ein wenig entwickeltes Inzest-Tabu (vgl. Wilk/Zartler, 2004, 36f; Ewering, 1996, 38-44). Fthenakis (1988) identifizierte weitere Besonderheiten von Stieffamilien: (1) Stieffamilienhaushalte umfassen durchschnittlich mehr Mitglieder als Kernfamilienhaushalte (2) Ihre Mitglieder haben durchschnittlich ein höheres Lebensalter (3) Die Erwerbsquote der Mütter in Stieffamilien liegt über der in Kernfamilien (4) sozioökonomische Status von Stieffamilien liegt leicht unter dem von Kernfamilien (vgl. Fthenakis, 1988, 19).

Jedoch lassen sich auch zwischen Stieffamilien strukturelle Unterschiede festmachen, aus denen die unterschiedlichen Stieffamilienkonstellationen resultieren. Die gängigste Typologie von Stieffamilien wurde von Krähenbühl u.a. (2007) nach dem Einteilungskriterium

„strukturelle Unterschiede“ entwickelt. Krähenbühl unterscheiden zwischen

(1) Stiefmutterfamilien (2) Stiefvaterfamilien (3) zusammengesetzte Stieffamilien

(4) Stieffamilien mit gemeinsamen Kind/ern (5) Teilzeit-Stieffamilien (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 30-43).

Spezifische Merkmale und Probleme der Stieffamilienkonstellationen

In Stiefmutterfamilien fällt dem Vater eine Schlüsselrolle in der Stieffamilie zu. Zum einem ist er Teil einer neuen Partnerschaft, zum anderen ist er der leibliche Vater des Kindes, dessen leibliche Mutter außerhalb des neuen Familiensystems lebt. Die weitere Entwicklung der Stieffamilie hängt nun davon ab, wie der Vater diese Schlüsselrolle ausübt, d.h. wie es ihm gelingt, sich im Hinblick auf die Erziehung des Kindes mit dem außerhalb lebenden Elternteil zu einigen. Außerdem muss der Stiefmutter gelingen, trotz bestehender Vorurteile gegenüber ihrer Rolle als Stiefmutter einen Zugang zur Vater-Kind-Gemeinschaft zu finden. In Stiefvaterfamilien fällt der Mutter die Schlüsselrolle zu. Die Rolle des Stiefvaters muss definiert werden, da er nicht einfach den Platz des Vaters einnehmen kann. Krähenbühl u.a. (2007) vertreten die Auffassung, dass es Stiefvätern leichter fällt als Stiefmüttern, von ihren Stiefkindern akzeptiert zu werden. Sie begründen ihre Auffassung damit, dass die Rolle des Stiefvaters weniger vorbelastet und überfrachtet mit Erwartungen ist als die der Stiefmutter. Stiefväter erfahren meist Anerkennung, weil er sich einer geschiedenen Frau mit ihren Kindern annimmt (Krähenbühl u.a., 2007, 35). Stiefmütter hingegen müssen sich zum einem mit dem Muttermythos und zum anderen mit dem Mythos von der bösen Stiefmutter auseinandersetzen. Es wird erwartet, dass diese ihre Stiefkinder sofort lieben und für sie sorgen. Ein Grund für die weniger negativen Reaktionen der Kinder auf Stiefväter dürfte auch daran liegen, dass diese aufgrund ihrer außerhäuslichen Tätigkeit meist weniger Zeit mit ihren Stiefkindern verbringen, sodass auch weniger Anlass und Raum für Konflikte gegeben ist als bei Stiefmüttern. In zusammengesetzten Stieffamilien übernehmen beide Partner sowohl die biologische Elternrolle (gegenüber den eigenen Kindern) wie auch die Rolle des Stiefelternteils (gegenüber den Kindern des Partners). Damit besteht eine symmetrische Rollenverteilung zwischen den Partnern, während bei Stiefvater- und Stiefmutterfamilien eine komplementäre Rollenverteilung vorliegt, zumal hier oft nur einer der beiden Partner mit der Elternrolle vertraut ist, während der andere häufig keine Erfahrungen mit dem Elternsein hat. Den Zusammenschluss zweier ehemaliger Teilsysteme zu einer Stieffamilie haben Visher/Visher (1987) mit der Fusion zweier Organisationen verglichen. Bei einer Fusion schließen sich zwei ehemals voll funktionsfähige Organisationen mit ihren unterschiedlichen Arbeits- und Funktionsweisen zu einem Gefüge zusammen, das einheitlich und effektiv arbeiten soll. Solche Fusionen verlaufen in der Geschäftswelt nicht problemlos, da Vorgesetzte und Mitarbeiter entlassen werden und außerhalb der neuen Organisation eine neue Position finden müssen. Die weiter beschäftigten Angestellten sind verunsichert und besorgt um die zukünftige Entwicklung der Organisation, da durch die Fusion zwei Gruppen mit unterschiedlichen Arbeitsatmosphären, Normen und Regeln aufeinandertreffen, die koordiniert werden müssen. Loyalität zur eigenen Gruppe und Misstrauen gegenüber der neuen Gruppe sind dabei keine Seltenheit. Die Zuneigung der Angestellten gegenüber entlassenen Vorgesetzten wird für die neue Organisation zum Problem, da die Arbeitsmoral sinkt und die Angestellten ihren entlassenen Vorgesetzten immer noch als eigentlich

Vertrauensperson betrachten, sodass Spannungen zwischen altem und neuem Vorgesetzten entstehen. Übereilte Veränderungen, zu wenig Kommunikation in der Führungsetage und unrealistische Erwartungen verursachen Ärger und Enttäuschung bei der gesamten Belegschaft. Die neue Organisation ist nur dann zukunftsfähig, wenn es den Vorgesetzten gelingt, als Einheit aufzutreten und gemeinsam mit den Angestellten offen und fair neue Strukturen aushandelt (vgl. Visher/Visher, 1987, 47f). In Stieffamilien mit einem gemeinsamen Kind erhält dieses die Schlüsselrolle eines Bindegliedes der beiden Familienteile. Die Geburt eines gemeinsamen Kindes kann jedoch auch mit Problemen verbunden sein. In Teilzeit-Stieffamilien liegt die besondere Schwierigkeit darin, dass die Kinder nur zu festgelegten Zeiten in der Familie leben. Dadurch sind sie keine direkten Familienmitglieder, aber genauso wenig einfach Gäste. Auch in Teilzeit-Stieffamilien können Probleme auftreten. Der Wechsel von Wiedersehensfreude und Abschied wird in ausgeprägter Weise von den Kindern erlebt. Die Familienmitglieder müssen sich immer wieder neu auf die vorübergehende Abwesenheit eines Kindes einstellen. Oft werden beiderseits unrealistische Erwartungen gestellt, die an einem Wochenende nicht erfüllbar sind, woraus Enttäuschungen entstehen (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 30 - 43).

Anhand der Typologie von Krähenbühl u.a. (2007) wird noch einmal deutlich, dass sich Stieffamilienkonstellationen durch eine enorme Komplexität und Variabilität der Familienstrukturen auszeichnen, weshalb nicht von der Stieffamilie gesprochen werden kann. Häufige Konstellationen sind nach dem Ergebnis des Deutschen Jugendinstituts eheliche komplexe sowie eheliche einfache Stieffamilien (vgl. Bien u.a., 2002, 12). Ferner sei vor allem die Stiefvaterfamilie besonders häufig anzutreffen, da die Kinder aus einer früheren Partnerschaft auch nach einer Trennung/Scheidung tendenziell häufiger bei der Mutter bleiben (ebd.). Im nachfolgenden Kapitel sollen nun ausgewählte spezifische Problemfelder von Stieffamilien aufgezeigt werden, die ein erneutes Scheitern als Familie bewirken können.

2.3 Die Lebensorganisation von Stieffamilien

Das Zusammenleben als Stieffamilie gestaltet sich angesichts der komplexen Struktur dieser Familienform und deren spezifischer Merkmale nicht immer vollkommen problemlos. Die allgemeinen Probleme, mit denen sich alle Familien auseinandersetzen müssen (z.B. Geschwisterstreitigkeiten, Spannungen zwischen Eltern und Kindern, Ungehorsam, mangelndes Verständnis des Partners), können in Stieffamilien wegen deren struktureller Komplexität besonders häufig und stark auftreten. Erschwerend können Schwierigkeiten hinzukommen, die typisch für Stieffamilienkonstellationen sind. Wie verschiedene Autoren in ihrer täglichen Arbeit mit Stieffamilien beobachten konnten (z.B. Krähenbühl u.a.), reagieren die Mitglieder von Stieffamilien auf diese Problembereiche häufig unter Zuhilfenahme ganz typischer Bewältigungsstrategien. Diese erweisen sich aber häufig als dysfunktionale Bewältigungsstrategien, da sie zwar das bestehende Problem lösen, aber zugleich neue Probleme produzieren.

In diesem Kapitel sollen zunächst ausgewählte Problemfelder von Stieffamilien aufgezeigt werden. Aufgrund der enormen Komplexität und Variabilität der Familienstrukturen, welche Stieffamilienkonstellationen kennzeichnen, kann im Rahmen dieser Diplomarbeit kein umfassender Überblick über die verschiedenen Problembereiche gegeben werden. Deshalb beschränken sich die nachfolgenden Ausführungen auf typische Problemfelder. Um besser veranschaulichen zu können, auf welcher Ebene diese anzusiedeln sind, greife ich auf das familiensystemtheoretische Modell von Bronfenbrenner (1986) zurück, welches meiner Auffassung nach einen systematischen Überblick über die verschiedenen Problemebenen ermöglicht, mit denen Stieffamilien konfrontiert werden. Dieses Modell betrachtet die Familie

– also auch die Stieffamilie - grundsätzlich als ein offenes und dynamisches Mikrosystem, welches eingebettet ist in andere, über- und nebengeordnete Systeme und sich gleichzeitig von diesen Systemen abgrenzt. Das Mikrosystem Familie, welches wiederum aus Teilsystemen besteht (z.B. Eltern- und Geschwisterbeziehung), steht zum einem in Wechselwirkung mit dem Mesosystem, bestehend aus dem sozialen Netzwerk, Verwandten, Nachbarn und Freunden. Zum anderen steht die Familie in Wechselwirkung mit dem Exosystem, welches sich aus Institutionen und Personen ergibt, die für Familien bedeutsam sind (z.B. Jugendamt, Rechtsanwalt, Familiengericht, Arbeitswelt, Schule. Mikro-, Meso- und Exosystem werden umgeben vom Makrosystem, das gesellschaftliche Einstellungen zu Familie und Ehe, Familienpolitik, Gesetzgebung, soziale Rollen sowie Werte und Normen beinhaltet (vgl. Bronfenbrenner (1986)13. Welche typischen Problemfelder lassen sich nun für

Stieffamilien in den einzelnen Systemen ausmachen?

2.3.1 Ausgewählte Problemfelder in Stieffamilien

Die Darlegung der hier aufgezeigten strukturbedingten Probleme und der entsprechenden typischen Bewältigungsstrategien beruhen zum einen auf der Beobachtung durch Krähenbühl u.a. von solchen Stieffamilien, die Beratung und Therapie in Anspruch genommen haben. Zum anderen werden die Befunde empirischer und klinischer Studien herangezogen, welche sich mit Familien nach Trennung und Scheidung bzw. mit Stieffamilien beschäftigen. Bisher ist das Thema der Stieffamilien im deutschsprachigen Raum noch wenig erforscht14. Die wenigen Forschungsarbeiten sind überwiegend qualitative Studien, aus denen aufgrund der relativ kleinen Stichproben keine verallgemeinerbaren Aussagen über die Verbreitung, personelle Zusammensetzung, Alltags- und Beziehungsgestaltung sowie über das Befinden und Erleben der Mitglieder solcher Familien gemacht werden können. Jedoch liegen aus dem angloamerikanischen Sprachraum zahlreiche Forschungsergebnisse vor. Die Befunde aus dem angloamerikanischen Raum müssen jedoch vor dem Hintergrund der länderspezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, insbesondere im Hinblick auf die rechtliche und soziale Situation von Scheidungs- und Nachscheidungsfamilien gesehen werden und können nicht ohne Weiteres auf den deutschsprachigen Raum übertragen werden. Welche spezifischen Problemfelder und typischen Problembewältigungsstrategien konnten nun in der Vielzahl der qualitativen Studien über Stieffamilien beobachten werden?

2.3.1.1 Problemfelder im Mikrosystem

(a) Alte Probleme in der neuen Familie/Der Einfluss der Vergangenheit

Vor der Gründung einer Stieffamilie steht der Prozess der Auflösung einer Kernfamilie, an den sich zumeist eine Trennungs-, Scheidungs-, Nachscheidungs- und meistens Ein-Eltern- Phase anschließt. Jede dieser erfordert die Entwicklung neuer Bewältigungsstrategien, um das Familiensystem in ein neues Gleichgewicht zu bringen und ihm weitere Weiterentwicklung zu ermöglichen15. Gelingt den Familienmitgliedern diese Aufgabe nicht, bleibt die Familie in ihrer Entwicklung stecken. Unbewältigte Probleme werden so gleichsam an die Stieffamilie vererbt. In der Literatur lassen sich folgende Schwierigkeiten finden, mit denen sich Stieffamilien auseinandersetzen müssen:

- Einige oder alle Familienmitglieder haben eine Trennung von einer wichtigen Bezugsperson erlebt (Partner oder Elternteil): Erfolgte noch kein Trauer- und Reflexionsprozess bzw. sind diese zum Zeitpunkt der Gründung einer Stieffamilie noch nicht abgeschlossen, erwachsen daraus Probleme im Leben als Stieffamilie16. Der Erwachsene wird die Altlasten seiner früheren Beziehung mit in die neue Partnerschaft nehmen und im Konfliktfall auf ähnliche Verhaltensmuster zurückgreifen, die vielleicht Auslöser für ein erneutes Scheitern der Beziehung sind (vgl. Maltzahn, 1994, 140).

Auch für die Kinder können sich die Entwicklungschancen einer neuen Familie erst dann entfalten, wenn sie ausreichend Zeit und Hilfe bekommen, um über den Verlust der Herkunftsfamilie zu trauern (vgl. Figdor, 1991, 28). Geschieht die Gründung der neuen Familie zu schnell, befinden sich die Kinder noch in einer der Stadien des Trauerns17 und sind deshalb noch nicht darauf vorbereitet, einen neuen Erwachsenen an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Infolge der inadäquaten Bewältigung des Verlustes einer wichtigen Bezugsperson idealisieren die Kinder diese besonders stark und nehmen gegenüber dem Stiefelternteil eine Abwehrhaltung ein. Wie Walsh u.a. (1988) ausführen, können daraus auch langfristige Folgen bei den Kindern erwachsen (Walsh u.a., 1988).

- Während der Ein-Eltern-Phase ist eine besonders starke Eltern-Kind-Beziehung entstanden: Studien haben belegt, dass eine Integration des Stiefelternteils in das Familiensystem mit zunehmender Dauer der Ein-Eltern-Phase immer schwerer wird (z.B. Krehan-Riemer/Krehan, 1993). Je länger die Zeit des Alleinseins ist, desto mehr entwickelt sich das Eltern-Kind-System zu einer geschlossenen Gruppe mit

Exklusivitätscharakter, fest ausgeprägten Strukturen und etablierten Rollen der Einzelnen. Tritt zu diesem Zeitpunkt ein neues Mitglied zum Familiensystem hinzu, führt das zwangsläufig zu Konflikten, da zwei konträre Interessen aufeinanderprallen: Die Mitglieder des Familiensystems (meistens die Kinder) möchten das bestehende Familiensystem aufrechterhalten und tun oft alles, um den Eindringling oder Störenfried aus diesem System hinauszudrängen. Das neue Mitglied (der Stiefelternteil) hingegen ist darum bemüht, das bestehende Familiensystem zu verändern, damit er/sie einen Platz darin einnehmen kann. Wenn diese Bestrebungen Ablehnung bei den anderen Familienmitgliedern auslösen, fühlt er sich als Außenseiter und Störfaktor. Der leibliche Elternteil, der Vermittler zwischen Kind(ern) und Stiefelternteil, sitzt häufig zwischen zwei Stühlen. Einerseits will er dem Kind bzw. den Kindern keine erneuten Veränderungen zumuten, andererseits will er aber auch den Bedürfnissen seines neuen Partners gerecht werden. Wesentlich leichter fällt der Eingliederungsprozess des Stiefelternteils, wenn dieser zu einem Zeitpunkt in die Familie tritt, wenn diese sich noch formiert. Hier gelingt es dem Stiefelternteil meist schneller, Zugang zum Familiensystem zu finden und seinen Platz einzunehmen (vgl. Visher/Visher, 1987, 94- 97). Unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt der Stiefelternteil zum Familiensystem hinzutritt, ist es für eine gelingende Integration des Stiefelternteils im Familiensystem wichtig, dass sich dieser behutsam an die bisherige Eltern-Kind-Gemeinschaft anbindet (vgl. Döring, 2002, 158f). Einigkeit herrscht in der Literatur auch darüber, dass zuerst ein Band der Zuneigung und des gegenseitigen Verständnisses aufgebaut werden muss, bevor Erziehungs- und Disziplinierungsaufgaben übernommen werden. Die Fragestellung, ob und in welchem Umfang der Stiefelternteil die Erziehungsverantwortung für das Stiefkind mittragen soll, wird in der Literatur kontrovers diskutiert (zu dieser Diskussion vgl. Visher/Visher, 1995, 50ff).

- Frühere Bindungen wirken oftmals weiter und unterschiedliche Familiengeschichten prallen aufeinander: Wenn sich eine Stieffamilie gründet, treffen Personen aufeinander, die alle bereits über frühere Bindungen und eine Familiengeschichte verfügen. Entsprechend bringt jeder und jede Einzelne seine bzw. ihre Werte und Traditionen fertig in die Stieffamilie mit. Im alltäglichen Zusammenleben als Stieffamilie zeigt sich dann, wie unterschiedlich die Wertvorstellungen und Gepflogenheiten sind. Infolgedessen können Auseinandersetzungen entstehen, die einerseits eine Gefährdung der Stabilität der Stieffamilie darstellen, andererseits jedoch wichtig und notwendig sind, damit die Stieffamilie ihre eigene Identität entwickeln kann (Visher/Visher, 1987, 195ff).

(b) Überhöhte Ansprüche und Idealvorstellungen

Das Zusammenleben als Stieffamilie wird oft mit überhöhten Ansprüchen, Idealvorstellungen und unrealistischen Erwartungen der Familienmitglieder überfrachtet. Diese Anforderungen an die neue Familie sind häufig Ausdruck der leidvollen Erfahrungen, welche die Beteiligten in den Lebensphasen vor der Stieffamilie gemacht haben. Nach Kohaus- Jellouschek/Jellouschek (1988) lassen sich folgende zwei typische Ansprüche in Stieffamilien voneinander unterscheiden18:

- Aus dem Gefühl und dem Wunsch, „jetzt sind wir sofort eine Familie“, erwächst der Anspruch, sofort eine Kernfamilie sein zu wollen: Diese unrealistische Vorstellung fußt meist auf den Schuldgefühlen und Ängsten der Erwachsenen den Kindern gegenüber. Der leibliche Elternteil glaubt häufig, durch die Trennung/Scheidung vom früheren Partner seinem Kind bzw. seinen Kindern die Möglichkeit genommen zu haben, in einer vollständigen Familie aufzuwachsen. Mit Hilfe der neuen Familie soll dieser zugefügte Schaden bei den Kindern wieder gutgemacht werden. Die Orientierung der Stieffamilie am Bild der traditionellen Kernfamilie führt dazu, dass die Familienmitglieder häufig versuchen, ihre Handlungen nach diesem Muster auszurichten. Da die tatsächliche Situation von Stieffamilien jedoch eine andere ist als die von Kernfamilien, ergeben sich zwangsläufig Probleme. Entsprechend sehen Krähenbühl u.a. (2007) in dem Rückgriff auf das Leitbild der Kernfamilie ein Hindernis für die Stieffamilie auf dem Weg, eine „entwicklungsfähige, flexible Lebensgemeinschaft aufzubauen“ ( Krähenbühl u.a., 2007, 111).

- Der Druck, „die neue Familie“ darf nicht wieder scheitern: Die Erwartungshaltung gründet sich auf die schmerzvollen Erfahrungen, welche die Beteiligten durch die Auflösung der Herkunftsfamilie durchleben mussten. Die Angst vor einem erneuten Scheitern führt häufig dazu, dass vom Zusammenleben ein hohes Maß an Harmonie erwartet wird. Dieses ist so hoch, wie es auch in einer Erstfamilie illusorisch wäre. Dieser überhöhte Harmonieanspruch führt dazu, dass bereits erste Anzeichen von Unstimmigkeiten als Bedrohung erlebt und möglichst im Keim erstickt werden. Ferner lastet auf den Familienmitgliedern ein enormer Erfolgsdruck, der das real Mögliche zerstören kann (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 85). Nowotny (2004) prägte dafür die Bezeichnung „die zerstörerische Sehnsucht nach Harmonie“ (Nowotny, 2004, 60).

(c) Unklarheiten in Bezug auf die Grenze der Stieffamilie nach außen

Wie Krähenbühl u.a. (2007) darlegen, vermittelt eine klare Grenzziehung der Familie nach außen den Familienmitgliedern Geborgenheit, Sicherheit und ein Identitätsgefühl. Dennoch sollte die Grenze nicht zu starr gesetzt sein, weil dadurch jeglicher Austausch mit der Umwelt verhindert wird, der zum Erhalt der Familie wichtig ist. Durch die Grenze muss allerdings deutlich werden, wer zur Familie gehört und wer nicht, d.h. wie sich die Familie von der Umwelt unterscheidet. Krähenbühl u.a. konnten bei ihrer Arbeit mit Stieffamilien beobachten, dass die Grenzen wegen der unterschiedlichen Zugehörigkeiten zu früheren Familiensystemen sowie zur jetzigen Familie für die einzelnen Mitglieder unterschiedlich verlaufen. Als besonders kritischer Punkt ist in dieser Hinsicht die Beziehung zum getrennt lebenden leiblichen Elternteil zu sehen. Denn die Kinder rechnen oftmals ihren außerhalb lebenden Vater nach wie vor zur Familie, während die Mutter und ihr neuer Freund ihn ausgrenzen19. Diese unterschiedlichen Vorstellungen in den Köpfen der Familienmitglieder werden oftmals nicht offen ausgesprochen. Das hat häufig zur Folge, dass die Familienmitglieder bei einem Gespräch über „ihre Familie“ aneinander vorbeireden. Ferner kann kein Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl zustande kommen. Was diese unklare Grenzziehung für die Betroffenen bedeutet, spiegelt sich im nachfolgenden Zitat sehr deutlich wieder:

„Dem Unbeteiligten mag dieses Grenzengewirr als belanglos erscheinen. Für die Betroffenen bedeutet es, daß sie gar nicht wissen, wer sie eigentlich als Gemeinschaft sind. Als Familie haben sie keine Identität. Daraus entsteht ein tiefes Gefühl von fehlender Geborgenheit und Unbehagen, das noch die einfachsten Beziehungen beeinflusst und dazu führt, die gegenwärtige Familie abzuwerten und sich eine andere zu wünschen“ (Krähenbühl u.a., 2007, 93f).

Auch Perkins/Kahan (1982) konnten in ihrer empirischen Studie feststellen, dass sich Stiefvater- bzw. Stiefmutterfamilien weit häufiger als desorganisiert einstufen, als Kernfamilien dies tun. Dementsprechend war die Zufriedenheit in Stiefvaterfamilien signifikant geringer als bei Mitgliedern aus Kernfamilien (Perkins/Kahan, 1982, 354-367).

(d) Probleme mit Grenzen innerhalb der Stieffamilie

Gleichbedeutend mit der Grenzziehung nach außen sind klare und durchlässige Grenzen zwischen den Subsystemen der Familie. Krähenbühl u.a. (2007) haben drei besonders kritische Grenzlinien ausfindig gemacht:

- Die Grenze zwischen Ehepaar und Elternpaar: Beide Subsysteme bestehen zwar grundsätzlich aus denselben Personen und beeinflussen sich wechselseitig. Dennoch wird die Grenzziehung zwischen beiden Systemen mit der Trennung oder Scheidung des Paares bedeutsam. Zu diesem Zeitpunkt wird das Paar-Subsystem sichtbar aufgelöst, das Eltern-Subsystem bleibt jedoch weiterhin bestehen und muss neu definiert werden. Schwierigkeiten können entstehen dann, wenn die Grenze zwischen Elternschaft und Partnerschaft verschwimmt, d.h. wenn ungelöste Konflikte, welche die Paar-Beziehung betreffen, auf die Eltern-Ebene verlagert werden. Ferner kann die mangelnde Unterscheidung zwischen Paar- und Elternsystem dazu führen, dass im neuen Partner in erster Linie ein Vater/eine Mutter für die Kinder gesehen wird und der Zusammengehörigkeit und dem Miteinander der Partner auf der Paar-Ebene (z.B. emotionale Intimität, gemeinsame Interessen etc.) zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch das Gegenteil, also die Ausklammerung der Tatsache, dass bereits Kinder da sind, mit denen sich der neue Partner bzw. die neue Partnerin von Anfang an auseinandersetzen muss, kann zur Belastung für eine Stieffamilie werden.

- Die Generationengrenze zwischen leiblichen Eltern und Kindern: Während der Zeit als Teilfamilie entstehen häufig sehr enge Eltern-Kind-Beziehungen, in denen die Kinder – insbesondere Einzelkinder oder das älteste Kind - häufig die Rolle des ausgeschiedenen Elternteils übernehmen, d.h. sie werden zu Ersatzpartnern für den Elternteil, der noch mit den Kindern lebt (meist die Mutter). Damit verwischen, wie Krähenbühl u.a. es bezeichnen, die Generationengrenzen zwischen leiblichen Eltern und ihren Kindern. Sie bilden eine funktionierende Koalition, in der ein neuer Erwachsener nur schwer einen Platz erhält

- Die Grenze zwischen Stiefelternteil und Stiefkind bzw. zwischen den Stiefgeschwistern im Bereich Intimität und Sexualität 20 : Wie bereits dargelegt (vgl. Kap. 2.2.1.) können in dem sensiblen Bereich von Sexualität und Intimität Stieffamilien weniger als Kernfamilien auf gewachsene Beziehungen vertrauen, sondern müssen vielmehr auf bewusste Vereinbarungen, klare Rollendefinitionen und Grenzziehungen setzen. In der Literatur lassen folgende Begründungen für die eingeschränkte Geltung des Inzest-Tabus bzw. das erhöhte Risiko für sexuellen Missbrauch in Stieffamilien finden:

- Fehlende Internalisierung des Inzest-Tabus beim Stiefvater
- Ein altersmäßig geringerer Abstand zu den Stiefkindern (v.a. zu den Stieftöchtern) begünstigt die sexuelle Verführung durch den Stiefvater
- Pubertierende Mädchen und Jungen haben eine besondere sexuelle Anziehungskraft
- Unklare Grenzziehung innerhalb der Familie und das offene Ausleben der Sexualität zwischen den Partnern kann zu einer Sexualisierung der Atmosphäre führen, die wiederum sexuelle Übergriffe begünstigen kann
- Die Idealisierung des Stiefelternteils/der Stiefgeschwister und eine fehlende Wachsamkeit der anderen Familienmitglieder kann sexuellen Übergriffen Vorschub leisten

(e) Schwierigkeiten in der Bestimmung von Rollen, Aufgaben und Positionen

Nach dem Systemansatz wird die Familie als ein gegliedertes System betrachtet. Damit dieses als Ganzes funktionieren kann, muss jedes Familienmitglied bestimmte Aufgaben und Funktionen übernehmen und hat eine entsprechende hierarchische Position innerhalb des Familiensystems inne. Wie Krähenbühl u.a. (2007) ausführen, fußen diese Rollenbilder von Vater, Mutter, Kind zum einen auf biologischen und entwicklungsbedingten Tatsachen und zum anderen aber auch auf Kultur, Tradition und Gewohnheit (vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 109). Die Familienmitglieder können somit bei der Übernahme einer Rolle auf das verfügbare Rollenbild zurückgreifen und daraus ihre Aufgaben, Funktionen und hierarchischen Positionen ebenso wie konkrete Verhaltensweisen ableiten.

[...]


1 In der vorliegenden Arbeit ist mit dem Begriff der Kernfamilie die Familie gemeint, die aus einer ersten Beziehung hervorgeht. Vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die verbreitetste Konstellation Vater – Mutter – Kind/er. Die Bezeichnung schließt bei einer Orientierung an der homosexuellen Norm auch das Zusammenleben eines gleichgeschlechtlichen Paares mit Kind/ern ein, die jedoch in dieser Arbeit ausgeklammert werden, weil diese Konstellation aufgrund des gesellschaftlichen Drucks noch einmal speziellen Problemen unterworfen ist.

2 z.B. Aschenputtel, Brüderchen und Schwesterchen, Das Lämmchen und das Fischchen, Die drei Männlein im Walde, Die sechs Schwäne, Der liebste Roland, Das Rätsel, Die wahre Braut, Die weiße und die schwarze Braut, Hänsel und Gretel, Schneewittchen, Tischlein deck dich, Frau Holle

3 Vgl. Kap. 2.3.1.4. der vorliegenden Arbeit

4 Jeder ist in irgendeiner Form in familiäre Strukturen eingebunden und entwickelt deshalb ausgehend von seinen Kindheitserfahrungen und aktuellen Ereignissen eigene Gedanken und Gefühle in Bezug auf „Familie“

5 Sozialer/Faktischer Elternteil ist, wer die Elternrolle von Müttern und Vätern für ein Kind übernimmt, für das er biologisch und rechtlich nicht verantwortlich ist.

6 Stieffamilien im engeren Sinne sind Stieffamilien, bei denen die Eltern verheiratet oder eine nicht-eheliche Lebensgemeinschaft führen

7 vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 25-29

8 vgl. Wilk/Zartler, 2004, 36f; Ewering, 1996, 38-44

9 Zur Typologie von Krähenbühl u.a. ist anzumerken, dass sich diese an der heterosexuellen Normvorstellung orientiert.

10 vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 30-43

11 Siehe dazu Visher/Visher, 1987, 41; Krähenbühl u.a., 2007, S. 26f

12 Eine Ausnahme stellt die Stiefkindadoption dar, durch die der Stiefelternteil Rechte und Pflichten gegenüber dem Stiefkind erhält. Bei der Stiefkindadoption handelt es sich um eine Volladoption, d.h. das Kind wird vollständig aus der bisherigen Verwandtschaft des einen leiblichen Elternteils herausgenommen und voll in die gesamte Verwandtschaft des Adoptierenden integriert - mit allen unterhalts-, erb- und sorgerechtlichen Folgen (§§1755ff BGB). Eine Stiefkindadoption ist wie alle anderen Adoptionen besonders bestandskräftig, d.h. sie kann nur in vom Gesetz einzeln aufgezählten Fällen aufgehoben werden (§§ 1760ff BGB). Kein Aufhebungsgrund ist das Scheitern der Stiefehe.

13 Kritisch anzumerken ist bei diesem Ansatz, dass hier die Umwelt eines Systems wiederum als System erfasst wird. Aus der Sicht der betreffenden Familie betrachtet wird ein solches System zwar tatsächlich gebildet, jedoch müssen sich die Mitglieder eines Mesosystems objektiv gesehen untereinander nicht kennen. Auch die Unterscheidung von Meso- und Exosystem ist nicht absolut gegeben, sondern können sich durchaus überlappen (z.B. können Arbeitskollegen durchaus von personal bedeutsamer Qualität sein). Der Vorteil dieses Familienmodells liegt darin, dass das familiäre Umfeld aus der Perspektive der Familie systematisch erfasst wird und dessen Einflüsse und Wechselwirkungen mit der Familie analysiert werden können.

14 Im deutschsprachigen Raum konnten folgende Forschungsarbeiten ausfindig gemacht werden, bei denen Stieffamilien im Mittelpunkt standen: die Studie des Deutschen Jugendinstitutes (2002), die zum einen die aktuelle Häufigkeit von Stiefkonstellationen beschreibt und zum anderen ausgewählte Aspekte (z.B. wirtschaftliche Lage, Erwerbsbeteiligung, Partnerschaftszufriedenheit) der Lebenssituation von Stiefkindern und Stieffamilien beleuchtet, die Forschungsarbeiten von Sigrid Ritzenfeld (1998), die Kinder in Stiefvaterfamilien untersucht hat, die Linzer Stieffamilien-Studie, bei der Liselotte Wilk u.a. (1998) die Lebensbedingungen sowie die Chancen und Probleme von Stieffamilien untersuchte, Krehan-Riemer/Krehan (1993), Friedl/Maier-Aichen (1991), welche die internen Prozesse der Beziehungsherstellung und –gestaltung, die Lösungsmuster für spezifische Probleme sowie die Einschätzung der Familiensituation und –beziehungen näher untersucht haben.

15 Für nähere Erläuterungen der einzelnen Phasen siehe Krähenbühl u. a., 2007, 63-79

16 Die kulturelle Verankerung von Trauerprozessen, die in Trauerritualen zum Ausdruck kommt, ist im nordeuropäischen Raum kaum noch gegeben. Dagegen können etwa die mediterranen Länder auf eine Tradition im Umgang mit Trauerprozessen zurückblicken, die bis heute gepflegt wird (Canacakis, 1988). Im hiesigen Bereich bestehen nur noch Reste von Trauerritualen, die in solchen Phänomenen wie Beerdigungszeremonie, Nachruf, Trauerkleidung, Trauerjahr usw. zu finden sind. Für Trennungen, die nicht durch Tod, sondern Scheidung zustande kommen, existieren erst recht keine Trauerrituale und damit verbunden keine gesellschaftlich etablierte `Erlaubnis` zur Trauer. Erst in den letzten Jahren haben sich Psychotherapeuten auf den hohen psychohygienischen Wert von Trauerritualen besonnen und damit begonnen, diese für die psychotherapeutische Arbeit nutzbar zu machen (vgl. van der Hardt, 1982; Canacakis, 1988).

17 Hetherington u.a. und Braunbehrens beschreiben in Anlehnung an Bowlby und Kast die psychischen Trauerprozesse von Scheidungskindern in vier Stadien: (1) die Phase der Verleugnung (2) die Phase der aufbrechenden Emotionen (3) die Phase des Suchens und Sich-Trennens sowie (4) die Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges (Hetherington u.a./Braunbehrens zit. nach Dümmler, 1996, 38). Der Trauerprozess bei Trennungen erfordert demnach Zeit und wird oft in wiederkehrenden Schleifen vollzogen.

18 Vgl. für diesen Abschnitt insgesamt Kohaus- Jellouschek/ Jellouschek, 1988, 145

19 Entsprechendes gilt natürlich auch, wenn die Kinder bei ihrem leiblichen Vater aufwachsen. Dann wird die außerhalb lebende Mutter von den Kindern zur Familie gerechnet, während sie vom Vater und dessen Freundin ausgegrenzt wird.

20 Vgl. zu diesem Abschnitt vgl. Krähenbühl u.a., 2007, 101-109

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Titel: Schwierige Wege und Brücken zum neuen Glück. Stieffamilien und ihre vielfältigen Herausforderungen