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Identitätskonstruktion durch Sprache und Literatur bei Elias Canetti

Magisterarbeit 2008 71 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2 Identität und die Einflüsse auf ihre Entstehung
2.1 Der Begriff Identität – Herkunft, Entwicklung und heutige Verwendung
2.2 Elemente der persönlichen Identität: Erinnerung, Selbstbewusstsein, Namen
2.3 Sprache als Einflussfaktor für die Identitätskonstruktion
2.4 Exkurs: Heimat und Identität
2.5 Auswirkungen von Heimat- und Sprachverlust im Exil auf die Identität

3 Identitätskonstruktion bei Elias Canetti
3.1 Einleitung und biografischer Überblick
3.2 Sprache und Sprachen als identitätsstiftende Faktoren
3.2.1 Die Bedeutung von Sprache im Allgemeinen
3.2.2 Die Bedeutung der deutschen Sprache
3.2.3 Die Bedeutung anderer Sprachen: Spanisch, Englisch, Französisch
3.3 Literatur als identitätsstiftender Faktor
3.3.1 Die Bedeutung des Gelesenen
3.3.2 Die Bedeutung des Geschriebenen – Identitätskonstruktion in der Autobiografie
3.4 Auswirkungen der Migrationen auf die Identität

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung: Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Was macht die Identität eines Menschen aus? Wie entsteht sie, welchen Einflüssen unterliegt sie und welchen Anteil haben wir selbst daran? Die Fragen nach der eigenen Persönlichkeit und den Umständen der Identitätsbildung sind existenziell und stellen sich wohl jedem im Laufe seines Lebens. Untersucht man in der Literaturwissenschaft die Werke und das Leben einzelner Schriftsteller, wirft auch das oft die Frage auf, welche biografischen Hintergründe und welche prägenden Faktoren die schreibende Identität geformt haben. Elias Canetti ist ein Mensch, bei dem sich die Untersuchung solcher identitätskonstruierenden Faktoren besonders aufdrängt. In Bulgarien als Sohn einer jüdisch-spanischen Familie geboren und im Alter von sechs Jahren nach England ausgewandert, schreibt er seine Werke später in deutscher Sprache. Welche Ursachen kann eine solche Entwicklung haben und inwiefern beeinflusst seine sprachliche Vielfalt die Identität Canettis?

In der vorliegenden Arbeit sollen diese Fragen beantwortet werden. Durch die detaillierte Untersuchung der einzelnen sprachlichen Einflüsse, der äußeren Umstände und persönlichen Bindungen, die mit einer Sprache verbunden sind, sowie der literarischen Bildung wird die Identitätskonstruktion von Elias Canetti nachvollzogen, wobei vor allem die sprachlichen Aspekte als prägende Faktoren und als Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit Literatur im Mittelpunkt stehen. Als theoretische Grundlage für diese Untersuchung wird im ersten Teil der Identitätsbegriff ausführlich diskutiert. Mit einem Überblick über die Herkunft und Entwicklung des Begriffs bis zu seiner heutigen Nutzung werden die verschiedenen Bedeutungen aufgezeigt und der Rahmen abgesteckt, in dem sich die Betrachtung der Identität Canettis bewegt. Anschließend wird der enge Zusammenhang zwischen Sprache und Identität herausgearbeitet, der für Canettis Leben zentral ist und den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet. Nach einem Exkurs über den Zusammenhang von Identität und Heimat werde ich die möglichen Folgen eines Heimat- und Sprachverlustes bezüglich der Identität diskutieren. Da Elias Canetti als Kind mehrmals das Land und die Sprache wechselt und außerdem als Erwachsener im englischen Exil lebt, ist die Frage nach den Auswirkungen solcher Brüche von wesentlicher Bedeutung für seine Identität.

Im zweiten Teil wird unter intensivem Rückbezug auf die theoretische Basis die Identitätskonstruktion Canettis untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei sein besonderes Verhältnis zur Sprache im Allgemeinen sowie die Bedeutung der einzelnen Sprachen für ihn. Als wichtigste Sprache, in der er seine literarischen Werke verfasst, wird das Deutsche herausgehoben. Daneben werden außerdem Ladino bzw. Spanisch, Englisch und Französisch thematisiert.

Anschließend folgt eine Betrachtung der Rolle, die Literatur in Canettis Leben spielt, und der Frage, welchen Einfluss sie auf seine Identität ausübt. Zunächst wird die Bedeutung des Gelesenen erörtert, die Verbindung zwischen Lesen und Erleben und die durch Bücher geprägten Beziehungen zu anderen Menschen. Außerdem werde ich untersuchen, inwiefern Canetti als Verfasser einer Autobiografie seine eigene Identität im Schreiben konstruiert.

Abschließend wird im Hinblick auf die im ersten Teil angesprochene Frage nach den Auswirkungen von Migration und Exil Canettis Identität vor dem Hintergrund seiner kosmopolitischen (Sprach-)Geschichte diskutiert. Im Zentrum dessen steht sein Verhältnis zur deutschen Sprache während des Exils in England.

Als Grundlage für die Untersuchungen in dieser Arbeit wird vor allem Canettis dreibändige Autobiografie1 dienen, in der er selbst seine Kindheit und Jugend sowie einen Teil seines Erwachsenenlebens beschreibt und damit seine Sicht der eigenen Identitätskonstruktion darstellt. Durch die von Canetti selbst mit den Titeln der drei Bände ins Zentrum gerückten Themen Sprechen, Hören und Sehen (und damit eine starke Betonung der Kommunikation) liefert die Autobiografie eine gute Ausgangsbasis für die Untersuchung der sprachlichen Einflüsse für sein Leben und seine Identität. Darüber hinaus werden Canettis Aufzeichnungen ausführlich einbezogen, die er jahrzehntelang (und zum Teil parallel zur Entstehung der Autobiografie) verfasst hat.

Ziel der Arbeit ist es, auf der Basis der theoretischen Betrachtungen und unter besonderer Berücksichtigung von Canettis eigenen Darstellungen, einen umfassenden Einblick in die Funktionen der Sprache und Literatur für die Identitätskonstruktion bei Elias Canetti zu geben und nachzuvollziehen, wie sie seine Persönlichkeitsbildung von Geburt an prägen.

2 Identität und die Einflüsse auf ihre Entstehung

2.1 Der Begriff Identität – Herkunft, Entwicklung und heutige Verwendung

Die Frage nach einer Identitätskonstruktion und ihren Einflüssen impliziert die nach dem Begriff der Identität an sich: Was bedeutet das Wort, woher kommt es, womit ist es verwandt? Wer benutzt den Begriff in welcher Weise, was wird mit ihm beschrieben und wie hat er sich mit der Zeit verändert? Und: gibt es eine einfache, aussagekräftige Definition für Identität ?

Bei dem Versuch, den Begriff zu definieren oder auch nur grob einzuordnen, stößt man schnell auf einige Schwierigkeiten. Über die Jahrhunderte hinweg wurden verschiedene Variationen und Wortgruppen um das Wort Identität in wechselnden Bedeutungen gebraucht. Immer wieder wandeln sich die Verwendungsweisen und Definitionsversuche, immer wieder wird der Begriff für die verschiedensten Disziplinen herangezogen und neu gedeutet. Dabei liegen die Schwerpunkte je nach der Umgebung, in der der Begriff verwendet wird, auf unterschiedlichen Aspekten. Kurz: „Der Begriff der Identität [hat] so viele Bedeutungen [...], wie es Theorien gibt, die ihn verwenden.“2

In der vorliegenden Arbeit wird die Identitätskonstruktion bei Elias Canetti betrachtet, wobei Sprache und Literatur als die wichtigsten Einflüsse behandelt werden. Als Basis für diese Untersuchung möchte ich den Begriff Identität und seine verschiedenen Aspekte soweit einschränken, wie es möglich und nötig ist. Zunächst wird ein kurzer begriffsgeschichtlicher Überblick über die Herkunft und Entwicklung des Wortes bzw. der Wortfamilie gegeben und gezeigt, welche Veränderungen im Sprachgebrauch sich im Laufe der Zeit ergeben haben. Obwohl Identität in vielen verschiedenen Disziplinen verwendet wird, werde ich mich hier hauptsächlich auf eine sozialpsychologische Sichtweise stützen. Bei der Auseinandersetzung mit dem Begriff stößt man in der Literatur immer wieder auf die Relevanz der Wechselwirkung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft bei der Identitätsbildung, besonders durch Interaktion oder Kommunikation. Da Kommunikation bei Elias Canetti eine wichtige Rolle spielt und die Einflüsse seiner durch viele Sprachen und Gesellschaften geprägten Kindheit auf seine (spätere) Identität im Zentrum dieser Arbeit stehen, werde ich diesen Aspekt besonders herausarbeiten.

Gestützt auf einige wichtige Begründer des modernen Identitätsbegriffs wie William James, Erik H. Erikson oder George Herbert Mead und andere darauf folgende Autoren wird der Entstehungsprozess einer persönlichen Identität nachvollzogen sowie die ständige Weiterentwicklung der eigenen Identität und ihre Darstellung nach außen. Weiterhin wird eine Unterscheidung zwischen persönlicher Identität und Gruppenidentität dargestellt, wobei ich als Grundlage für die spätere Untersuchung von Canetti die persönliche Identität betonen werde. Abschließend nenne ich Bestandteile der Identität bzw. Situationen, in denen sie 'stattfindet' und wichtig wird, womit ich zur besonderen Betonung der Sprache überleite.

Das Wort 'Identität' geht auf das lateinische 'idem' zurück, welches 'der-/dasselbe' bedeutet. Aus diesem Stamm hat sich eine Wortfamilie gebildet, zu der neben 'Identität' u.a. auch die Wörter 'identisch' und 'identifizieren' gehören3. Durch die Grundbedeutung 'dasselbe' wird zunächst vorausgesetzt, dass es sich um Relationen zwischen mehreren (vergleichbaren) Objekten handelt. In diesem Sinne wird bis heute das Wort 'identisch' verwendet, das die „vollkommene Übereinstimmung [zweier Größen] in allen Merkmalen“4 bezeichnet. Auch 'Identität' kann in dieser Bedeutung verwendet werden; sie ist in diesem Fall das „Resultat eines Vergleichs, bei dem ein Betrachter bestimmte Gegenstände auf Grund ihrer Eigenschaften zueinander in Beziehung setzt und auf Übereinstimmung überprüft“5.

Gerhard Strauß und Gisela Zifonun unterscheiden zwischen einstelliger und zweistelliger Identität6. Bei der eben genannten Beziehung zwischen Objekten handelt es sich um eine zweistellige Form. Ebenfalls dazu gehört das 'identifizieren', bei dem einer Person oder einem Gegenstand eine Menge von Merkmalen zugeschrieben wird, die zu deren oder dessen Erkennen führen7. 'Identität' ist in diesem Sinne das Ergebnis des Identifizierens, also der Sammelbegriff für die Merkmalsmenge (z.B. Name, Adresse, Geburtsort oder auch Größe, Haar- und Augenfarbe usw.)8.

In den bisher genannten Bedeutungsmöglichkeiten kann 'Identität' sowohl ein Zustand als auch ein Prozess sein: im Sinne von 'identisch' ist es ein „Ausdruck der Gleichzeitigkeit und Ruhelage“9, da die Übereinstimmung bereits besteht. Im Sinne von 'identifizieren' dagegen ist Identität das Ziel oder der Abschluss eines Vorgangs und muss im Zuge dessen erst hergestellt oder erkannt werden10. Gemeinsam ist jedoch beiden, dass sie nach Strauß/Zifonun zweistellig sind, also Beziehungen zwischen Objekten oder Subjekten darstellen11.

Die einstellige Identität dagegen ist die „Übereinstimmung einer Größe mit sich selbst“12. Betrachtet werden also nicht zwei Größen, die man vergleicht, sondern eine, die, z.B. über einen längeren Zeitraum hinweg oder unter bestimmten verändernden Einflüssen, gleich bleibt. Diese Verwendungsweise hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr durchgesetzt. Spricht man heute von 'Identität' oder gar von 'persönlicher Identität', meint man meist die Beziehung einer Person zu sich selbst und ihr Gefühl für das eigene Wesen. Gerold Schmidt spricht von zwei „Zweigen“ im Wortgebrauch: im älteren Zweig stellt Identität „Objektbeziehungen“ dar, die – analog zur zweistelligen Identität nach Strauß/Zifonun – das „Erkennen, Beschreiben und Vergleichen von Gegenständen und Menschen nach äußeren Merkmalen“13 bedeuten. Der andere, neuere Zweig besteht nach Schmidt aus „Subjektbeziehungen“, die er als „geistig-seelische Vorgänge und Ergebnisse der Übernahme oder Abstoßung von Vorbildern, religiösen oder vergleichbaren geistigen Überzeugungen, Werten und Eindrücken (ausschließlich) durch Menschen“14 beschreibt. Wie es zu diesem neueren Zweig bzw. zu einer „einstelligen Identität“ gekommen ist und was es nun eigentlich bedeutet, mit sich selbst übereinzustimmen, soll im weiteren Verlauf des Kapitels anhand der Begriffsentwicklung deutlicher gemacht werden. Diese neuere Auffassung von 'Identität' wird auch die Grundlage sein für den zweiten Teil dieser Arbeit und den Ausgangspunkt für die Untersuchung von Elias Canettis Identitätskonstruktion bilden.

Lange Zeit wurde 'Identität' ausschließlich im zweistelligen Sinn gebraucht und stellte damit z.B. in der Mathematik eine (logische) Übereinstimmung zweier Größen dar. Gleichzeitig gab es jedoch andere Wörter, die ein ähnliches Feld bezeichneten wie der heutige Identitätsbegriff. Das lateinische 'persona' beispielsweise hatte fast die gleichen Inhalte15. Übersetzt mit 'Maske'16 oder 'Rolle' bezeichnete es den Teil eines Menschen, seiner 'Persönlichkeit', der nach außen getragen wurde und die Verbindung mit der Gesellschaft darstellte17. Auch die Identität ist eng mit sozialen Rollen und der eigenen Darstellung nach Außen verknüpft. Im Gegensatz zu 'persona', das früher vorrangig im Bereich des Theaters benutzt wurde, hat sich das Problem der Identität jedoch mit der Zeit auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet.

Die gesellschaftlichen Veränderungen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatten einen starken Einfluss auf die Entwicklung des Identitätsbegriffs. Thomas Luckmann widmet sich dieser Tatsache und beschreibt die damals aufkommende Problematisierung der eigenen Identität18: Wurde früher über Jahrhunderte die Stellung in Familie und Gesellschaft meist automatisch und gezwungenermaßen vorgegeben (durch Geschlecht, Stand, Beruf des Vaters oder andere Zwänge) und bot dadurch wenig Bedarf zur Reflexion, nahm mit der Zeit die Freiheit zu und damit der Druck, die individuelle Stellung selbst zu schaffen. Es wurde plötzlich nötig, sich selbst innerhalb der Gesellschaft zu definieren und einen eigenen Platz zu finden; „aus einer gesellschaftlichen Gegebenheit hat sich persönliche Identität in ein kulturelles Oktroi verwandelt“19. Natürlich gab es immer schon Menschen, wie in der Theologie oder Philosophie, die ihr eigenes Dasein reflektiert und neu definiert haben, doch der gesellschaftliche Druck auf den Großteil der Menschen, sich Gedanken machen zu müssen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist, bezeichnet Luckmann als ein relativ junges Problem: „Die massenweise Problemhaftigkeit der persönlichen Identität ist ein Phänomen der neueren und neuesten Zeit“20. Das Paradoxe an dieser Aussage, die ein hoch individuelles Thema als Massenerscheinung darstellt, trifft auch das Kernproblem des Identitätsbegriffs, mit dem im heutigen Gebrauch etwas als einzigartig herausgehoben wird, was der ursprünglichen Wortbedeutung nach Gleichheit und Übereinstimmung mit einer anderen Größe bezeichnet. Die Umdeutung und das „massenweise“ Bedürfnis nach Übereinstimmung sowohl mit sich selbst als auch mit der Umwelt und gleichzeitig nach einer Einzigartigkeit in der Gesellschaft ist um die Jahrhundertwende neu und prägt den Identitätsbegriff nachhaltig. So befassen sich in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zunehmend auch Sozialpsychologen und Psychoanalytiker mit diesem Problem.

Als der „Begründer des modernen Identitätsbegriffs“21 wird immer wieder der Psychologe und Philosoph William James genannt. Er definiert drei Sichtweisen auf den Identitätsbegriff: die substantialistische, die assoziationistische und die transzendentale22. Die substantialistische Identität besteht darin, „daß ich gestern, heute und morgen die gleichen Dinge mein eigen nenne“23, also äußere Eigenschaften wie Name, Beruf usw., und kommt damit einer zweistelligen oder objektbezogenen Identität nahe, wie sie bereits erläutert wurde. Die assoziationistische Identität dagegen beruht auf einer emotionalen Basis und bedeutet, dass bestimmte eigene Dinge dieselben Gefühle der Wärme und Vertrautheit hervorrufen24. Hier wird ein Bezug zur persönlichen Erinnerung hergestellt als wichtiger Faktor für die Identitätskonstruktion25. Mit der transzendentalen Sichtweise schließlich wird betont, dass eine schon bestehende Identität des Ich vorhanden sein muss, um Dinge 'mein eigen' nennen zu können26. Es gibt also eine Wechselbeziehung zwischen verschiedenen Stufen des Selbst, die Identität wird sowohl als „Apriori des Ich“27 gesehen als auch als Folge der emotionalen Bindung an die eigenen Dinge. James stellt mit seinen drei Aspekten der Identität eine Verbindung her zwischen einer Definition, die auf Eigenschaften beruht, und einer, die die eigenen Erfahrungen als Grundlage betrachtet28.

Neben James ist der Psychoanalytiker Erik H. Erikson als wichtiger Entwickler eines modernen Identitätsbegriffs zu nennen. Anhand der Untersuchung von Kindern und Jugendlichen beschreibt er ausführlich, wie und unter welchen Einflüssen sich die Identität im jungen Alter entwickelt. Dabei betont er immer wieder die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Individuum und soziale Rollen als identitätsstiftende Faktoren29. Seiner Meinung nach bedeutet die Identitätsbildung in der Jugend ein immer stärkeres, unumkehrbares Hineinwachsen in gesellschaftlich definierte Rollen und damit ein „irreversibles“ Festlegen30. Dabei gilt es die Balance zu finden zwischen einer Anpassung an die Gesellschaft und einer wieder erkennbaren Individualität; das Individuum muss an einer kulturellen Einheit teilhaben, muß 'wie manche anderen Menschen' sein, indem es deren Maßstäbe, Ideale und Sitten teilt. Es muß gleichzeitig wie 'niemand anders' sein, indem es einen Platz unter ihnen einnimmt, den es allein einnehmen kann31.

Die wichtigsten Elemente von Eriksons Identitätsbegriff sind Kontinuität und Reziprozität32. Das bedeutet, dass ein Individuum einerseits über einen längeren Zeitraum 'gleich' oder 'es selbst' bleiben muss, um Identität zu erfahren, und andererseits wissen muss, dass diese Kontinuität von seiner Umwelt ebenso bemerkt und als Identität angesehen wird. Levita fasst dieses Konzept Eriksons so zusammen:

Das bewußte Gefühl, eine personale Identität zu besitzen, beruht auf zwei gleichzeitigen Beobachtungen: der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, daß auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen.33

Identität setzt sich demnach aus dem Zusammenspiel von eigenen und fremden Einschätzungen zusammen. Auf diese beiden Grundlagen der Identitätsbildung wird man immer wieder zurückkommen. Es mag vielleicht zunächst als Widerspruch erscheinen, dass die Identität, die ja im ursprünglichen Wortsinn eine 'Übereinstimmung' oder 'Gleichheit' darstellt, fast immer als nie abgeschlossener Prozess dargestellt wird, als sich ständig ändernde und entwickelnde Größe. Es geht jedoch letztendlich genau darum, immer wieder, punktuell oder dauerhaft, dieses Gefühl der Übereinstimmung zu finden, mit sich selbst und mit seiner Umgebung im Zusammenspiel. „Der Begriff 'Identität' drückt also insofern eine wechselseitige Beziehung aus, als er sowohl ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein wie ein dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen umfaßt.“34 Auf Erikson stützen sich auch spätere Darstellungen von 'Identität', die ebenfalls die Beziehungen zur Gesellschaft als wichtige identitätsstiftende Faktoren nennen.

George Herbert Mead bezeichnet die Identitätsentwicklung als Prozess, der in ständigem Wechsel mit der Gesellschaft stattfindet. Die Identität entstehe „innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozeß als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses“35. Luckmann nimmt eine soziologische Sichtweise ein, indem er die Primärsozialisation eines Kindes hervorhebt: „das Kind wird in eine schon bestehende Sozialstruktur und in eine gesellschaftlich verfestigte, vermittelte und als selbstverständlich angesehene Weltauffassung 'hineingeboren'“36. Diese Struktur und die von vornherein vorgegebenen Umstände prägen die sich bildende Identität in hohem Maße. Bereits als Kind wird man mit der Zuschreibung verschiedener sozialer Rollen konfrontiert, ob als Sohn, Enkelkind, Schwester, Freund usw. Die Identität setzt sich gewissermaßen aus den verschiedenen Rollen zusammen und besteht nicht nur aus einer einzigen37. Kinder beginnen mit der Bildung einer ganzheitlichen und stabilen Identität, indem sie die verschiedenen sozialen Rollen in Spielen organisieren38. Da diese Rollen dem Individuum von anderen zugeschrieben werden und dadurch zur Identitätsbildung beitragen, entwickelt sich laut Luckmann „die persönliche Identität des Menschen [...] nicht 'von Innen nach Außen' sondern von 'Außen nach Innen'“39. Hermann Lübbe geht sogar soweit zu sagen, dass der Einzelne bei seiner Identitätsbildung keinerlei Einfluss hat: „Unsere Identität steht nicht zur Disposition unseres Willens, und es wäre deswegen auch sinnwidrig, Verantwortlichkeit für sie konstituieren zu wollen.“40 Diese drastische Sichtweise ist jedoch selten; die meisten sprechen dem Individuum eine Wahlmöglichkeit zu, sich innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens einzurichten, wie Erikson, nach dem sich die Jugendlichen nach und nach auf selbst gewählte Rollen immer mehr festlegen.

Levita unterscheidet zwischen zugeschriebenen, erworbenen und übernommenen Formen der Identität41. Eine zugeschriebene Identität ist für das Individuum nicht wählbar und erlaubt kaum Abwehr. In diese Kategorie würden auch soziale Rollen fallen, die durch die Umstände, in die man hineingeboren wird, vorgegeben sind, also auch die Primärsozialisation, wie Luckmann sie beschreibt. Zu erworbenen Identitäten gehören diejenigen, die man selbst wählt und durch Leistung erlangt, wie der Beruf, Titel oder Mitgliedschaften in Gruppen42. In diesem Zusammenhang wird auch die Sprache genannt; meiner Meinung nach gilt dies jedoch nicht in jedem Fall.

Mindestens die Muttersprache fällt unter die zugeschriebenen Identitätsfaktoren, was später am Beispiel Canettis ausführlicher diskutiert wird43. Die übernommenen Identitäten beschreibt Levita als die „Repräsentanzen übernommener Rollen“44, also eine Art Gesamtbild, das sich aus den Rollen zusammensetzt und durch das bewusste Darstellen nach außen auch die zukünftigen Erwartungen anderer beeinflusst.

Um die bisher beschriebene Verbindung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft herzustellen und damit die Identität des Einzelnen zu beeinflussen, ist die Kommunikation zwischen beiden Parteien nötig. „Wer Identität untersucht, muß sich notwendig für Interaktion interessieren, denn die Einschätzung seiner selbst und anderer vollzieht sich weitgehend in und wegen der Interaktion.“45 Das Wissen über soziale Rollen, das Gefühl einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Unsicherheit, was andere denken könnten und dadurch die Notwendigkeit, sich überhaupt definieren zu müssen – all das entsteht erst durch Kommunikation mit der Außenwelt46. Die Interaktion ist also eine Grundvoraussetzung zur Entstehung von Identität. Sie ist aber gleichzeitig auch eine Folge der gewonnenen Identität, denn diese „macht Individuen erst handlungs- und interaktionsfähig und wird zugleich in Interaktionen immer wieder neu abgesteckt und ausgehandelt“47.

Interaktion ist also auch das Mittel, um seine soweit entstandene Identität darzustellen und nach außen zu tragen. Dabei gilt es jedoch abzuwägen, welchen Aspekt seiner Identität man in der jeweiligen Situation hervorhebt. Da die eigene Identität eine Gesamtheit der sozialen Rollen und Beziehungen zu anderen ist, ist sie zu komplex, um in jeder Situation sich selbst mit seiner ganzen Identitätsvorstellung einzubringen. Anselm Strauss definiert daher Identität eher als situationsbedingte Rolle, also als Identität „in einer gegebenen Situation“ statt „als solche“48. Er stellt nicht die Frage „Wer bin ich?“, sondern „Wer bin ich in dieser Situation?“49, wobei auch die Tatsache wichtig ist, in welcher Gruppe man gerade handelt. Fritz Hermanns unterscheidet zwei mögliche Identitätsdefinitionen; einerseits kann die Identität eines Menschen die „Totalität seiner Eigenschaften“ umfassen, dann spräche man von „Totalidentität“. Auf der anderen Seite gibt es die „Spezialidentität“, die nur die „Totalität seiner jeweils relevanten Eigenschaften“ ausmacht50.

Solche Prozesse bedeuten notwendigerweise eine Reduzierung der gesamten Identität einer Person für den Moment. Es spielt dann keine Rolle, wer oder was sie noch ist, sondern nur der gerade relevante Teil rückt in den Vordergrund. Mead spricht gar von mehreren Identitäten, die ausschließlich durch die Situation entstehen und ohne sie gar nicht existieren:

Es gibt die verschiedensten Identitäten, die den verschiedensten gesellschaftlichen Reaktionen entsprechen. Der gesellschaftliche Prozeß selbst ist für das Auftreten der Identität verantwortlich; als Identität ist sie außerhalb dieser Erfahrung nicht vorhanden.51

Da jede Beziehung unter Individuen auf unterschiedlichen Eigenschaften beruht, bedeutet die Zuschreibung einer Identität durch andere in gewisser Weise immer eine „Reduzierung einer Beziehung“52 auf den Teilaspekt, der in der persönlichen Beziehung zueinander relevant ist.

Hans-Peter Frey und Karl Haußer führen dazu den „Identitätsraum“ oder

„Definitionsraum“ ein als den jeweils wichtigen „Identitätsausschnitt“, der durch eine Menge von Merkmalen festgelegt wird53. Es wird also für den jeweiligen „Interaktionsraum“, in dem jemand sich bewegt, nur der entsprechende Teilaspekt oder die „Spezialidentität“ nach Hermanns genutzt. Die Gesamtheit der in den unterschiedlichen Identitätsräumen entfalteten Teilidentitäten, die selbst wiederum schon eine komplexe Menge von Eigenschaften und Merkmalen sind, bildet demnach die komplette Identität einer Person, kann jedoch in Alltagssituationen, beispielsweise zu der Frage, wer oder was jemand im Bezug auf Beruf, Nationalität, Religion usw. ist, nicht umfassend gezeigt werden. Solche Attribute, die einen Teil der Identität durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bezeichnen, können niemals die ganze Identität darstellen.

Dabei ist schließlich noch auf die Unterscheidung zwischen der persönlichen Identität und einer Gruppenidentität hinzuweisen. Da, wie bereits gesehen, die persönliche Identität stark mit der Gesellschaft, sozialen Rollen innerhalb von Gemeinschaften und der Zugehörigkeit zu solchen verknüpft ist, kann man beide nicht vollständig voneinander trennen. Es soll jedoch deutlich gemacht werden, dass die persönliche Identität innerhalb einer Gruppe oder beeinflusst durch diese keineswegs mit einer Gruppenidentität gleichzusetzen ist. Für Gerold Schmidt ist die Gruppenidentität der „Zusammenhalt, die Begeisterung, also die geistig-seelische Beziehung zur Gemeinschaft“54. Levita definiert Gruppenidentität als „die Wesensmerkmale einer Gruppe, die konstant bleiben, obwohl die Gruppenmitglieder variieren“55. Es ist also eine Wahrnehmung der Gruppe ihrer selbst wie auch eine Einschätzung von außen, die weitgehend unabhängig von den persönlichen Identitäten der Mitglieder stattfindet. Die Gruppe wird als Einheit betrachtet, deren Einzelteile sie zwar bilden, jedoch nicht unmittelbar verändern.

Besonders hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auf das Gefühl einer 'nationalen Identität'. Bezogen auf die Gruppenidentität ist sie das Gemeinschaftsgefühl im Sinne Schmidts, das Selbstbild und die Darstellung einer ganzen Nation nach innen und außen. Man findet den Begriff 'nationale Identität' jedoch auch im Zusammenhang mit einem Zugehörigkeitsgefühl einer einzelnen Person zu einer Nation. Letzteres unterscheidet sich stark von einer Gruppenidentität. Gerade wenn, wie in dieser Arbeit, Themen wie (Mutter-)Sprache, Migration und Exil eine Rolle spielen, kann es eine nationale Identität geben, ein das Selbstbild beeinflussendes Gefühl der nationalen Zugehörigkeit und Prägung, das unabhängig von einer Gemeinschaft besteht und ohne Kontakt zu anderen Mitgliedern der Nation stark bleiben kann.

2.2 Elemente der persönlichen Identität: Erinnerung, Selbstbewusstsein, Namen

Über die Identitätsbildung in Gesellschaften und Gruppen hinaus möchte ich noch drei weitere Faktoren diskutieren, an denen Identität festgemacht und hergestellt wird und die für das (vor allem autobiografisch festgehaltene) Leben Elias Canettis eine zentrale Rolle spielen.

Ein Wort, das im Rahmen einer Identitätsdefinition immer wieder genannt wird, ist die Erinnerung. Es herrscht jedoch Uneinigkeit bei der Frage, ob die Erinnerung beteiligt ist an der Identitätsbildung oder ob sie durch eine bewusste Identität überhaupt erst möglich wird. Hermann Lübbe meint, die Identität bilde sich aus den Erlebnissen und der Herkunftsgeschichte eines jeden Menschen56. Auch Marion Gymnich nimmt an, dass „die Biographie des Individuums [...] einen wichtigen Parameter im Aushandeln der Identität“57 darstellt, ebenso wie Astrid Erll, die die Existenz von Erinnerungen vor die Bildung eines Identitätsgefühls stellt: „Erst die Erinnerung an vergangene Erfahrungen ermöglicht ein Bewußtsein von der Kontinuität und Einheit des Ich.“58 Es wird hier also angenommen, dass die Geschichte eines Menschen und seine eigene Erinnerung daran der Grundstein sind für ein Gefühl der 'Gleichheit' mit sich selbst, womit wieder auf die wörtliche Bedeutung von Identität verwiesen wird. Um zu wissen, dass man dieselbe Person ist, die vor 10 oder 20 Jahren bestimmte Handlungen vollzogen hat, muss man sich daran erinnern können und eine eigene, subjektive Perspektive haben. Wird eine Begebenheit nur von anderen berichtet, ohne dass man sich selbst daran erinnern kann, fällt es womöglich schwer, sich damit zu 'identifizieren', 'Identität' mit der handelnden Person zu empfinden.

Die Annahme, Erinnerungen ermöglichten die Identitätsbildung, ist also die eine Seite. Eine andere Sichtweise drückt das genaue Gegenteil dessen aus, nämlich dass die Fähigkeit, sich zu erinnern, erst durch das Bewusstsein der eigenen Identität geschaffen werde. Schon der Philosoph David Hume beschäftigt sich damit, indem er sagt, „daß Erinnerung nur möglich wird, wenn ich mich selbst mit dem, der ich in der Vergangenheit war, identisch fühle“59. Auch Mead äußert sich dazu und meint, dass die Erinnerungen in gewisser Weise auch durch die Identität beeinflusst werden; wir „organisieren [...] normalerweise unsere Erinnerungen auf der Schnur unserer Identität“60. Geht man von dieser Annahme aus, also davon, dass Erinnerungen rückblickend „organisiert“ werden im Hinblick auf die Identität dessen, der man heute zu sein meint, birgt das auch die Gefahr der Manipulation, gegenüber anderen oder auch sich selbst. Das kann bedeuten, dass man manche Erinnerungen, die vielleicht nicht in das aktuelle Selbstbild passen, verdrängt, nicht weitergibt oder leugnet, während andere, die das, was man gerne darstellen möchte, auf dieser „Schnur“ angeordnet werden und so die Identität zu bilden scheinen. Dieser Aspekt wird vor allem dann interessant, wenn man seine Erinnerungen und sein Selbstbild durch eine Autobiografie strukturiert und bewusst nach Außen trägt. Es werden dann nur jene Erinnerungen ausgewählt, die eine gewollte und zur Selbstdarstellung gewünschte Identität bestätigen61.

Die Identität kann jedoch nicht nur durch die Erinnerungen entstehen oder sie ermöglichen, Identität kann auch als Zustand betrachtet werden, den es trotz der Erinnerungen zu bewahren gilt, wie Hermann Bausinger es in einer Definition ausdrückt: „Identität bezeichnet die Fähigkeit des einzelnen, sich über alle Wechselfälle und auch Brüche hinweg der Kontinuität seines Lebens bewußt zu bleiben.“62

Dieses Bewusstsein seiner Selbst ist ein Faktor der Identität, der eng mit dem Erinnerungsvermögen zusammenhängt und den Levita das „wichtigste Merkmal der Persönlichkeit“ nennt. „Dieses Selbstbewußtsein ist von Anfang an meiner selbst bewußt als eines, der gestern, heute und morgen derselbe ist.“63 Es ist also das sichere Wissen der Kontinuität und Gleichheit seiner Person, das hier als Grundstein für Identität betrachtet wird.

Schließlich möchte ich noch kurz auf die Bedeutung von Namen für die persönliche Identität zu sprechen kommen, da sie Canettis Sprachbezug entscheidend prägt. Bei Levita ist der Name einer der zugeschriebenen Identitätsfaktoren, nicht wählbar oder einfach abzuwehren, aber wichtig für die Identitätsbildung64. Mit der Namensgebung eines Kindes wird eine gewisse Erwartungshaltung verbunden. Da die Eltern den Namen wählen, den sie für das Kind als passend erachten, geben sie ihm gewissermaßen von Anfang an einen Teil des Identitätsrahmens vor; „mit dem Namengeben beginnt eine Rollentransaktion auf seiten [sic] der Eltern“65. Auch Anselm Strauss betont dies, indem er den Namen als „Versuch, in gewisser Hinsicht [die] Identität im voraus festzulegen“66 beschreibt.

Das System der Vor- und Nachnamen, wie es in Deutschland und den meisten anderen Ländern heute üblich ist, beinhaltet zweierlei Identitätskomponenten: Durch den Nachnamen wird das Individuum einer Gruppe zugeordnet, seiner Familie, und damit als Teil einer bestimmten Gemeinschaft gekennzeichnet, 'identifiziert'. Durch die Heirat kann diese Zugehörigkeit verändert oder erweitert werden, indem man den neuen Nachnamen des Ehepartners annimmt oder beide Namen trägt67. Ein oder mehrere Vornamen dagegen und die Kombination aus Vor- und Nachnamen geben dem Einzelnen seine persönliche Identität innerhalb der Familie und der Gesellschaft. „Erst der Name macht eine Person zu einem in der Gesellschaft identifizierbaren Einzelwesen mit einer einmaligen und fest bleibenden individuellen Identität.“68

Der Name ist also eine wichtige sprachliche Komponente für die Identitätsgebung. Über den großen Einfluss, den neben Namen alle Benennungen und Wörter und damit die Sprache(n) insgesamt haben, wird nun detailliert zu sprechen sein.

2.3 Sprache als Einflussfaktor für die Identitätskonstruktion

„Sprache muß im Mittelpunkt jeder Diskussion über Identität stehen.“69 Mit dieser Forderung postuliert Strauss die Relevanz der Sprache als Angelpunkt für Identitätsbildung und Identitätsvermittlung. Wie bereits beschrieben sind Gemeinschaften und Kontakte zu anderen Individuen maßgeblich an der Ausbildung einer persönlichen Identität beteiligt, was wiederum (v.a. sprachliche) Kommunikation mit der Außenwelt erfordert. Auch Eckart Klein sieht in der Sprache einen der wichtigsten Faktoren:

Welchem Identitätskonzept man auch immer folgt, Sprache spielt dabei eine wichtige, identitätsstiftende Rolle. [...] Sie ist ein entscheidendes Vehikel für die Identitätsfindung und Identitätswahrung. Sie läßt den Menschen sich selbst und die anderen finden.70

Bereits im Kindesalter wird der Beginn der sprachlichen Kontaktaufnahme zu einem identitätsstiftenden Faktor. Die gerade erworbene Sprachfähigkeit eines Kindes verändert seine Beziehungen zur Umwelt, es entstehen neue Erwartungen und Verpflichtungen, wann, wie und worüber man spricht71. Der Gebrauch der Stimme und der Wörter wird zu einem „Teil eines neuen Elements der zukünftigen Identität“72.

Dabei spielt es nicht nur eine Rolle, dass man spricht, sondern auch, in welcher Sprache man aufwächst. Denn in jeder Sprache sind – z.B. in Sprichwörtern und Redensarten – gesellschaftliche Grundlagen angelegt, kulturelle Gegebenheiten, moralische Werte, Einstellungen, Beziehungen der Sprecher zur Umwelt usw. Das Erlernen einer das Individuum umgebenden Sprache ist Teil der Primärsozialisation und vermittelt ihm – zum großen Teil unbewusst – die Basis für das Leben in der entsprechenden Gesellschaft. „Eine bestimmte Sprache ist also immer ein Bestandteil des gesellschaftlichen a priori, das die Entwicklung der persönlichen Identität

unausweichlich mitbestimmt und begrenzt.“73 So wird von Anfang an eine Bindung an die gleichsprachigen Gruppen vollzogen. Gleichzeitig bietet die Sprache auch das Rüstzeug, um sich die Welt anzueignen und zu erklären sowie seinen Platz darin zu finden: „Nicht nur Stempel und Prägung ist die Sprache, der Mensch ist nicht nur von ihr geformt, mit ihr baut und konstruiert sich der Mensch seine Welt, durch sie nimmt er die Welt wahr.“74 Eckart Klein geht noch einen Schritt weiter, indem er auch die Fähigkeit des Menschen zur Mitteilung des durch Sprache konstruierten Weltbildes einbringt: „Mit der Sprache bringt er die Dinge und Ideen auf den Begriff, eignet sie sich geistig an, begreift sie und macht sie so für sich – und andere – faßbar.“75.

Die so geschaffene Verbindung zu seiner Umwelt und damit eine Art der Gruppenidentität ist zunächst begrenzt auf das Sprachgebiet der eigenen Muttersprache. Ina-Maria Greverus erwähnt dies in ihrer Darstellung des „Identitätsraums“ oder „Territoriums“, in dem ein Mensch seine Identität bildet und stärkt: „Die Grenzen des Identitätsraums werden durch die für eine Identifikationsgruppe verbindlichen Werte, ihre Darstellung in allen Mitgliedern verständlichen Symbolen und das naive Handelnkönnen in einem Territorium bestimmt“76, also das muttersprachlich-kompetente, instinktive Sprechen in für alle Mit-Sprecher verständlichen Wörtern und Sätzen.

Im Laufe des Spracherwerbs geht es jedoch nicht nur darum, durch die Sprache die Verbindung zu seiner Umwelt aufzubauen, sondern darüber hinaus um die Herausbildung einer ganz eigenen Sprechweise, eines individuellen Stils, der sich von anderen abhebt und dem Sprecher persönliche Identität gegenüber der Gruppe geben kann, sei es durch Wortwahl, Lautfärbung, Dialekt oder Soziolekt. „Die Sprache des Einzelnen gehört zu dessen herausragenden Mitteln, sich eine eigene Identität zu verleihen und somit jener Verbindung [zwischen Individuum und Gesellschaft] ein unverwechselbar persönliches Gepräge zu geben.“77

Dieses persönliche Gepräge ist nötig zur Schaffung einer unverwechselbaren Identität. Christiane Thim-Mabrey bezeichnet es als ein „genuin menschliches“78

[...]


1 Canetti, Elias: Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend. (Im Folgenden als „GZ“). Canetti, Elias: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921-1931. (Im Folgenden als „FO“). Canetti, Elias: Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931-1937. (Im Folgenden als „AS“).

2 Levita: Der Begriff der Identität, S. 9.

3 Vgl. Strauß/Zifonun: Auf der Suche nach Identität, S.167.

4 Ebd., S.168.

5 Ebd., S.169.

6 Vgl. ebd., S.168-182.

7 Diese Verwendung findet man heute vor allem im kriminologischen Bereich, wo z.B. das Identifizieren einer Person durch die Beschreibung und Erkennung äußerer Merkmale erfolgt. Vgl. Schmidt: Identität, S.335.

8 Vgl. Schmidt: Identität, S.336.

9 Schmidt: Identität, S.335.

10 Vgl. ebd., S.340.

11 Beim 'identifizieren' wird zwar nur die Identität eines Subjekts oder Objekts festgestellt, jedoch werden ebenfalls zwei Dinge in Beziehung gesetzt, wie z.B., um bei der Kriminologie zu bleiben, ein Verdächtiger und der Mörder, eine Leiche und eine vermisste Person usw.

12 Strauß/Zifonun: Auf der Suche nach Identität, S.180.

13 Schmidt: Identität, S.353.

14 Ebd.

15 Vgl. Levita: Der Begriff der Identität, S.24.

16 Vgl. dazu die „akustische Maske“ bei Elias Canetti in Kapitel 3.2.1.

17 Zunächst vor allem im Theater gebraucht, wurde 'persona' später von C.G. Jung auch im gesellschaftlichen Sinne gedeutet. Vgl. Levita: Der Begriff der Identität, S.167f.

18 Vgl. Luckmann: Persönliche Identität, soziale Rolle und Rollendistanz, S.294.

19 Ebd.

20 Ebd., S.293.

21 Levita: Der Begriff der Identität, S.45.

22 Vgl. ebd., S.47.

23 Ebd.

24 Vgl. ebd., S.48.

25 Der Faktor der Erinnerung wird in Kapitel 2.2 weiter ausgeführt.

26 Vgl. Levita: Der Begriff der Identität, S.48.

27 Ebd., S.49.

28 Vgl. ebd., S.50f.

29 Diese Ausführungen Eriksons beinhalten zentrale Aspekte des Identitätsbegriffs, die auch für Canetti von großer Bedeutung sind und im zweiten Teil der Arbeit aufgegriffen werden.

30 Vgl. Erikson: Identität und Lebenszyklus, S.137f.

31 Levita: Der Begriff der Identität, S.98.

32 Vgl. ebd., S.190.

33 Ebd., S.71.

34 Erikson: Identität und Lebenszyklus, S.124.

35 Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, S.177.

36 Luckmann: Persönliche Identität, soziale Rolle und Rollendistanz, S.298.

37 Vgl. ebd., S.301.

38 Vgl. Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, S.194.

39 Luckmann: Persönliche Identität, soziale Rolle und Rollendistanz, S.299.

40 Lübbe: Identität und Kontingenz, S.656.

41 Vgl. Levita: Der Begriff der Identität, S.231-233.

42 Vgl. ebd., S.232.

43 Vgl. Kapitel 3.2.2.

44 Ebd., S.233.

45 Strauss: Spiegel und Masken, S.45.

46 Im Hinblick gerade auf Canetti, dessen Identitätsentwicklung zu einem guten Teil durch das Lesen beeinflusst wird, muss hier auch die Kommunikation und Interaktion durch Bücher einbezogen werden. Sie sind ebenfalls ein Teil der Verbindung zur Außenwelt und können viel zur Identitätsbildung beitragen. Bei Canetti sind sie häufig erst der Grund für Interaktion. Vgl. dazu Kapitel 3.3.1.

47 Gymnich: Individuelle Identität und Erinnerung, S.30.

48 Vgl. Levita: Der Begriff der Identität, S.124.

49 Strauss: Spiegel und Masken, S.48.

50 Hermanns: Sprache, Kultur und Identität, S.383.

51 Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, S.184f.

52 Levita: Der Begriff der Identität, S.18.

53 Vgl. Frey/Haußer: Identität, S.14-16.

54 Schmidt: Identität, S.341f.

55 Levita: Der Begriff der Identität, S.68.

56 Vgl. Lübbe: Identität und Kontingenz, S.655f.

57 Gymnich: Individuelle Identität und Erinnerung, S.34.

58 Erll: Literatur. Erinnerung. Identität, S.iii.

59 Levita: Der Begriff der Identität, S.55.

60 Mead: Geist, Identität und Gesellschaft, S.177.

61 Zu der Frage nach einer konstruierten Identität in Canettis Autobiografie s. Kapitel 3.3.2.

62 Bausinger: Zur kulturalen Dimension von Identität, S.210.

63 Levita: Der Begriff der Identität, S.26f.

64 Vgl. ebd., S.219.

65 Ebd.

66 Strauss: Spiegel und Masken, S.14.

67 Vgl. Thim-Mabrey: Sprachidentität, S.10.

68 Ebd.

69 Strauss: Spiegel und Masken, S.13.

70 Klein: Menschenwürde und Sprache, S.59.

71 Vgl. Erikson: Identität und Lebenszyklus, S.142f.

72 Ebd., S.143.

73 Luckmann: Persönliche Identität, soziale Rolle und Rollendistanz, S.302.

74 Grözinger: Sprache und Identität im Judentum, S.7.

75 Klein: Menschenwürde und Sprache, S.60.

76 Greverus: Der territoriale Mensch, S.385.

77 Stern: Sprache zwischen Exil und Identität, S.77.

78 Thim-Mabrey: Sprachidentität, S.5.

Details

Seiten
71
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640274413
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123075
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Identität Sprache Literatur Elias Canetti Heimat Exil Identitätskonstruktion Autobiografie Autobiographie Erinnerung Migration

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Titel: Identitätskonstruktion durch Sprache und Literatur bei Elias Canetti