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Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse als Auslöser für Konflikte. Der Jugoslawienkrieg

von Martin Riggler (Autor)

Essay 2009 7 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

I. Essay

Mit den epochalen Ereignissen des Zusammenbruchs der UdSSR zu Beginn der letzten Dekade des vorangegangenen Jahrhunderts, kam es an der Peripherie Europas durch den Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien und den daraus resultierenden kriegerischen Auseinandersetzungen zu einer menschlichen Katastrophe, einem Genozid auf jenem Kontinent, auf welchem nicht einmal 50 Jahre zuvor der zivilisatorische Bruch des Holocaust stattgefunden hatte.

Anhand dieser Beispiele aus der Zeitgeschichte lässt sich nicht zum ersten Mal belegen, dass Entwicklung und Fortschritt menschlicher Gesellschaften weder zyklisch, noch durchgehend linear oder deterministisch verlaufen, sondern sich abschnittsweise bestimmte Vorkommnisse ereignen, Anomalien, mit denen zumindest zum Zeitpunkt ihres Sichtbarwerdens in dieser Weise niemand rechnete − sogenannten „breakdowns of modernization”, einer durch den israelischen Soziologen Shmuel Eisenstadt in einem Artikel in der Zeitschrift „Economic Development and Cultural Change” bereits im Jahr f964 geprägten Begrifflichkeit. Inwiefern es sich dabei bei den Ereignissen auf dem Balkan zu Anfang der f990er Jahre um einen solchen handelte und was diesen insbesondere in seinen spezifischen Charakteristika ausmacht, soll Thema dieses Essays sein.

Im folgenden Text wird so an erster Stelle auf die Ursachen dieses Effektes eingegangen und dabei eine analytische Differenzierung der historisch−politischen und kulturellen−ethnischen, sowie sozialen Determinanten stattfinden, daraus soll folgernd die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines solchen beurteilt werden, ebenso sollen die Möglichkeiten beleuchtet werden, diesem Phänomen beizukommen. Zuletzt wird mit Blick auf die aktuelle Forschungsdebatte und dem in diesem Essay Dargelegten, ein Fazit erfolgen.

Zuvor bedarf es allerdings für einen tiefergehenden methodischen Einstieg der Klärung des Grundbegriffs von Modernisierung, beziehungsweise dem, was als Bruch, als „breakdown” dieser zu verstehen ist und dazu dem Einstieg in die soziologische Modernisierungstheorie. Dem Soziologen Wolfgang Zapf nach versteht man in den Sozialwissenschaften unter Modernisierung insgesamt drei unterschiedliche Phänomene, zunächst den säkularen Prozess seit dem Beginn der Industriellen Revolution, durch welchen sich die Gruppe der heute modernen Gesellschaften entwickelt hat, danach die verschiedenartigen Aufholprozesse unterentwickelter Gesellschaften und schließlich die Bestrebungen moderner Gesellschaften selbst, durch Innovationen und Reformen neuen Herausforderungen zu begegnen. Durch die im Folgenden zu behandelnde Problematik steht die an zweiter Stelle aufgeführte Art von Prozessen im Blickpunkt, sie ist zugleich unter den speziellen Bedingungen einer bereits stark urbanisierten und industrialisierten Gesellschaft, bei einem gleichzeitigen Wechsel von einem autoritären System zur Demokratie und dem Wandel einer Plan− zur Markwirtschaft, wie am vorliegenden Beispiel Jugoslawiens, unter dem Begriff der Transformation zu sehen und zu begreifen.

An dieser Stelle gilt es jenen bereits erwähnten Bruch einzuführen, denn ungeachtet der Tatsache, dass es im betrachteten Staatengebilde beginnend mit der „Antibürokratischen Revolution” 1989 zu einem Wandlungsprozess kam, stagnierte dieser kurz nach den ersten demokratischen Wahlen zwei Jahre darauf, das Erlangen der eben beschriebenen modernen Systemkonstanten westlicher Gesellschaften war nicht länger das Ziel, ethnische Revanchen und Machtkämpfe wurden zentrale Inhalte der Politik und des Alltagslebens und gipfelten einen Gewaltausbruch ungeahnten Ausmaßes. Ein „breakdown of modernization” beschreibt somit eine grundlegende Veränderung der Umstände der jeweiligen Entwicklung, sprich jede Art von Unregelmäßigkeiten, etwa Stagnationsperioden wie im vorliegenden Fall, aber auch Wachstumsschübe und dergleichen.

Es stellt sich also jetzt logischer Weise die Frage nach den Gründen für diesen Bruch − was bringt eine Gesellschaft auf dem Weg zu dem seinerzeit einzig verbliebenen Erfolgsmodell moderner Staatlichkeit dazu, in die Barbarei des Völkermordes und der Massenvergewaltigungen zu verfallen?

Die Ansätze zur Beantwortung dieser Frage lassen sich in mehreren Bereichen finden, sie liegen sowohl im Feld von Geschichte und Politik, als auch in den sozialen sowie ethnisch− kulturellen Rahmenbedingungen, wobei die letzteren beiden den Kernpunkt der hier vorgenommenen Analyse betreffen. Um die Situation umfassend zu erschließen, gilt es einen Blick in die Vergangenheit zu werfen: Bevor Jugoslawien, genauer gesagt die „Sozialistische Jöderative Republik Jugoslawien” nach Ende des II. Weltkrieges entstand, war die Historie des Balkans bereits geprägt durch das Aufeinandertreffen von europäischer und islamischer Kultur, welches sich in der Regel als kriegerisches Verhältnis darstellte; die Spannungen konnten auch durch ein sich etablierendes Staatenwesen nicht bewältigt werden, vielmehr wurde hier der Focus von der kulturellen zur ethnischen Dimension verschoben und so mit der artifiziellen Schaffung neuer Kollektividentitäten das potentielle Konfliktfeld erweitert, wie die Balkankriege zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der anschließende, beständige Wechsel der Territorien und Regierungsformen zeigten.

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Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640274086
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123058
Note
n.a.
Schlagworte
Welche Ursachen Konflikt Gesellschaft Jugoslawiens Beginn Jahre Weise Ausmaße

Autor

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    Martin Riggler (Autor)

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