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Fußreise um 1800: Johann Gottfried Seume ein Wanderer der Aufklärung?

Hausarbeit 2005 15 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.0 Einleitung:
1.1 Beschwerliche Reiseform – das Fußreisen vor seiner Zeit
1.2 Wende um 1800 – wie das Fußreisen im Zuge der Aufklärung
und der Französischen Revolution 1789 neue Bedeutung erlangt:

2.0 Antriebsenergien des zweckfreien Wanderns:
2.1 Naturgenuss
2.2 Suche nach Innerlichkeit:
2.3 Wanderung als Distinktionsmittel:

3.0 Johann Gottfried Seume:
3.1 Gehphilospohie Seumes
3.2 Moralischer Verdienst – Seume als Aufklärer?:

4.0 Schlußbetrachtung

Literaturverzeichnis:

Quellenverzeichnis:

1.0 Einleitung:

Im ausklingenden 18. Jahrhundert waren die Menschen vielerorts auf Reisen unterwegs und es stellen sich Fragen nach dem wer, wie, warum und wohin. Diese Hausarbeit widmet sich der Untersuchung der Fußreise um 1800, da speziell diese Reiseform zu jener Zeit eine interessante ideologische Aufladung erfahren hat. Doch muss man festhalten, dass sich das Fußreisen in jener Zeit erst zu einer möglichen Reiseform, auch gerade in der Welt des Bürgertums, entwickeln musste. Es war bis dahin nicht populär, sich nur mit den eigenen Beinen, langsamen Schrittes mühsam durch die Natur fortzubewegen. Zu Pferde, in der Kutsche oder auf dem Wagen, pflegte man für gewöhnlich zu Reisen, sofern man es sich leisten konnte. Anderen Bevölkerungsschichten war die Reise zu Fuß einzige Möglichkeit eines Ortwechsels. Wie geschieht es nun, dass das Fußwandern zur Jahrhundertwende eine Neuentdeckung im Bereich des zweckfreien Reisens wird? Warum begeben sich namhafte Persönlichkeiten, unter ihnen Johann Wolfgang von Goethe, Jean-Jacques Rousseau und Johann Gottfried Seume allein auf ihren Füßen durch die Lande und berichten und belehren uns von und durch ihre Reisen? Es soll nun im Folgenden geklärt werden, wie sich die ideologische Aufladung der Fußreise zusammensetzt, wer sich dieser Reiseform bedient und was damit bezweckt werden will. Weiter möchte ich in dieser Arbeit mit Hinblick auf die berühmten Fußreisen Johann Gottfried Seumes erörtern inwiefern Seume in das Bild des „Ideologisch-Fußreisenden“ damaliger Zeit passt.

1.1 Beschwerliche Reiseform – das Fußreisen vor seiner Zeit

Bevor man eine Geschichte der Fußreise um 1800 skizzieren will, muss man sich bewusst werden, dass dies für lange Zeit eine Reiseform des Pflichtgangs und der Notwendigkeit darstellte. Zu Fuß unterwegs war, wer es sich nicht besser leisten konnte, Angehörige der unteren Schichten. (Vgl. Wolfgang Kaschuba, Die Fußreise. Von der Arbeitswanderung zur Bürgerlichen Bildungsbewegung. In: Reisekultur. hrsg. u. a. v. Hermann Bausinger. München 1991. S. 165). Die Pilgerfahrt und die Gesellenwanderung sind die „Vorfahren“ der Fußreise um 1800. Es handelte sich bei diesen Reisenden um Menschen, die nicht aus freiem Willen die Natur auf unmittelbaren Weg durchstreift haben, sondern ihre Reise bedeutete meist Last und Zwang:

„die Reise zu Fuß, das Wandern (war) nicht etwa ein Freizeitvergnügen, sondern fester Bestandteil und besondere räumliche Bedingung des Arbeits- und Alltagslebens bestimmter Berufs- und Sozialgruppen. (…) Auch für die vielen Kleinhändler und Hausierer wie die Schausteller oder die Tagelöhner was das Unterwegssein bis weit ins 19. Jahrhundert hinein noch etwas ganz selbstverständliches, eine schlichte ökonomische Notwendigkeit, da ihre Kunden „aufgesucht“ werden mussten.“

(Kaschuba, Wolfgang: Die Fußreise. Von der Arbeitswanderung zur Bürgerlichen Bildungsbewegung. In: Reisekultur. hrsg. u. a. v. Hermann Bausinger. München 1991. S. 165)

Diese Bevölkerungsklasse war also aus beruflich- existenziellen Gründen unterwegs und die Pilgerreise wurde unternommen, um sich auf dem Weg zum heil-versprechenden Ziel Erlösung von den Sünden zu „ergehen“ und somit Buße zu tun. (Vgl. Wolfgang, Wehap: Gehkultur. Mobilität und Fortschritt seit der Industrialisierung aus fußläufiger Sicht. Aus: Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie Band 7, Frankfurt am Main, 1997. S. 68.).

Auch war die Reise zu Fuß keine ungefährliche Unternehmung, am Wegrand lauerten, wegen mangelnder polizeilicher Überwachung derselben, reichlich Gefahren durch Räuber und Herumtreibende und den Menschen, in ihrer damaligen Wahrnehmung galt die Natur noch als etwas Gefährliches und Angsteinflössendes. (Vgl. Wolfgang Kaschuba, Die Fußreise. S. 166, dies rührt aus der mittelalterlichen Wahrnehmungsweise, welche sich noch in den Köpfen der Menschen festhielt und sich erst im Zuge der Aufklärung veränderte.)

1.2 Wende um 1800 – wie das Fußreisen im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution 1789 neue Bedeutung erlangt:

Das mittelalterliche Denken und die damit verbundene „abergläubische“ Angst vor dem Reisen zu Fuß wurden mit der Aufklärung immer weiter aus den Köpfen der Menschen verbannt. Der Begriff der Aufklärung steht allgemein für den im 18. Jahrhundert eingeleiteten Erkenntnisprozeß, der gerichtet war auf die allgemeine Befreiung von Traditionen, Institutionen, Konventionen und Normen, sofern sie nicht vernunftgemäß begründet werden konnten. Indem man nun „vernunftgemäß“ an die Dinge heran trat, schwand zunehmend auch die Angst aller Reisenden vor der unberechenbaren Natur. Mit dem Verlust der Angst, stellte sich eine neue Begeisterung für ehemals abschreckende Bergspitzen und die Weiten des Landes ein. Das Fußreisen, als bis dato wenig beachtete Reisemöglichkeit, erfährt nun einen entscheidenden Bedeutungswechsel. Denn der Aufklärungsdiskurs wird teilweise formuliert als ein Gehdiskurs bei Kant. Er spricht davon, dass man „[…] die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit“ abwerfen müsse, aber „[…] zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt“ sei und probieren soll „[…] dennoch einen sicheren Gang zu tun“. (Vgl. Bernd Jürgen, Warneken: „Bürgerliche Gehkultur in der Epoche der Französischen Revolution.“ in: Zeitschrift für Volkskunde, 85. JG(1989), S. 177) Durch die Aufklärung verändert sich das Bild des Gehens in den Köpfen der Bürger. Unabhängigkeit, Freiheit, autonomes Denken, Flucht aus der Unmündigkeit, diese Begriffe werden nun mit dem Gehen assoziiert und eine neue bürgerliche Gehkultur entwickelt sich seit den 1780er Jahren in Deutschland.

Mit der Französischen Revolution 1789 gewinnt die Fußreise den Charakter eines politischen Glaubensbekenntnisses. Der aufrechte Gang, gemessen und nicht eiligen Schrittes, wird zum zentralen Topos. Das Gehen erfährt eine neue, von Protest gekennzeichnete Note und es geht den Fußwandernden um symbolische Raumaneignung (Vgl. Wolfgang, Wehap: Gehkultur. 1991. S. 111/177) Man erwanderte sich Zeit und Raum unter neuen gesellschaftlichen Ansprüchen und wollte zu Fuß herrschafts-, aber auch technik- und zivilisationskritisch gegen bestimmte Zustände angehen. Dem Gehdiskurs wird politische und kulturelle Bedeutung beigemessen und Fußwandern bedeutete ein Abwerfen von Denk- und Handlungsschranken. (Vgl. W. Wehap: Gehkultur. 1991. S. 286)

2.0 Antriebsenergien des zweckfreien Wanderns:

Zunächst einmal muss man festhalten, dass ein beherrschender Wesenszug des Wanderns die eigentliche Zweckgebundenheit darstellt. Doch der Zweck des Wanderns wurde neu definiert durch eine veränderte Form der Naturwahrnehmung und ein anderes Verhältnis zur Zeit (Vgl. W. Wehap: Gehkultur. 1991. S. 190). Nicht mehr aus Zwang wurde gewandert, sondern das Bürgertum hat das zu Fuß gehen zu einer zur Schaustellung ihrer Arbeitsfreiheit erhoben. Nunmehr wanderten nicht nur die Unterschichten, sondern das Bürgertum hat sich eine neue Möglichkeit der freien Selbstbestimmung geschaffen:

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640279869
ISBN (Buch)
9783640283491
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v123048
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Fußreise Johann Gottfried Seume Wanderer Aufklärung Unterwegs Geschichte Reisens

Autor

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