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Zu: Mallarmés "Hérodiade" - die "Ouverture ancienne"

Hausarbeit 2001 15 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Ouverture ancienne“

3. interpretatorische Analyse der ersten Strophe

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hérodiade-Dichtung ist ein wichtiger Teil innerhalb des Gesamtwerks Mallarmés. Sie war ein Lebensprojekt, das er nie beendet hat. Es sind mehrere Bruchstücke erhalten, von denen nur eines, nämlich die „Scène“, zu Lebzeiten Mallarmés publiziert wurde. Es gibt nur Vermutungen zum Gesamtplan des Werkes, der unter dem Titel Les Noces d’Hérodiade – Mystère erscheinen sollte. Trotz der erhaltenen Teile bleibt Mallarmés Hérodiade-Dichtung fragmentarisch, da weder die endgültige Fassung der Dichtungen noch die Reihenfolge der einzelnen Teile gesichert ist.

Die Arbeit an Hérodiade gehörte zu Mallarmés Projekt des Oeuvre Pure[1], das ihn bis zu seinem Tod beschäftigt hat. In diesem Oeuvre Pure ging es darum - ausgehend von der Tradition der Idee des absoluten Buches der Romantik - die ästhetisch empfangene Welt erschöpfend als Dichtung darzustellen, und somit die „Idee des Universums“[2] vollständig in Sprache umzusetzen. Die Sprache in ihrer Eigenheit gewinnt dadurch bei Mallarmé eine magische Bedeutung: Sie ist nicht mehr bloßes Ausdrucksmittel für die Wahrheit, sondern sie selbst ist die Wahrheit.

So war der Hintergrund des Salome -Mythos für Mallarmé nicht relevant. Vielmehr war der Name „Hérodiade“ in seiner phonetischen und morphologischen Beschaffenheit als Inspiration entscheidend.[3] Es finden sich in der Dichtung zwar Anklänge an Aspekte wie den Opfertod Johannes, aber sie erfüllen ausschließlich poetische Funktionen.

Die „Ouverture Ancienne“, mit der ich mich beschäftigen werde, ist später als die „Scène“ verfasst worden. Die „Ouverture“ ist deshalb interessant, weil in ihr Mallarmés Wendung vom realen Theater hin zum imaginären Theater bereits vollzogen ist und Mallarmé die Charakterdarstellung und Einschränkungen der realen Umsetzung zugunsten des sprachlichen und poetischen Aufbaus der Dichtung außer Acht lassen konnte.

Ich werde im Ersten Teil die darstellerischen Merkmale und Grundmotive der „Ouverture“ herausstellen. Im zweiten Teil untersuche ich anhand einer genaueren Analyse der ersten Strophe die sprachliche und stilistische Umsetzung der Grundintentionen des Textes.

2. „Ouverture ancienne“

Die „Ouverture ancienne“, geschrieben 1866, ist ein unvollendeter Text. Mallarmé hat ihn immer wieder geändert. Ich beziehe mich in meinem Referat auf die korrigierte Fassung in den Poésies[4].

Die Ouverture ist geprägt durch den musikalischen Charakter und die symphonische Komposition des Textes, was durch die Wahl einer „Ouverture“ – ursprünglich die Bezeichnung für eine einleitendes Instrumentalstück eines musikalischen Werkes - als Einleitung schon deutlich wird und von Mallarmé selbst intendiert war: „... toutes ces impressions se suivent comme dans une symphonie“[5].

Mit der Hervorhebung des Wortes impressions in dieser Textstelle charakterisiert Mallarmé den Aufbau des Textes: nicht der logische Handlungsaufbau ist das Entscheidende in der „Ouverture“ (und in der gesamten Hérodiade), sondern das Thema wird durch eine Assoziationsfolge von Eindrücken, die oftmals ungegenständlich sind, begründet. Was den Text der „Ouverture“ von reiner Lyrik unterscheidet, ist die - wenn auch imaginäre - szenische Setzung eines Schauplatzes,[6] nämlich das Zimmer, in dem der Dialog zwischen der Amme und Hérodiade stattfinden wird.

Die „Ouverture“ ist ein Gesang der „Nourrice“, der uns über Stimmungen, Naturbilder und bedeutungsgeladenen Dekor zum Schauplatz und zu Herodiade hinführt. Dabei führt die Amme die Themen und immer wiederkehrende Motive ein, die die Hérodiade-Dichtung bestimmen, so dass Hérodiade schon längst vor ihrem Erscheinen in diesen symbolischen Objekten gegenwärtig ist. Die Amme ist dabei das Subjekt der Betrachtung, aber auch selbst als Objekt in die Beobachtung mit einbezogen.

Formal hält sich die „Ouverture“ an lyrische Vorgaben. Sie besteht aus einem unregelmäßigen Alexandriner-Vers mit Paareim. Weiterhin ist sie in vier Strophen unterteilt, wobei von der ersten Strophe die letzten drei Zeilen abgesetzt sind. Die ersten drei Strophen sind in etwa gleich lang ( 16+3, 18, 20), die vierte doppelt so lang wie die vorigen (39).

In der ersten Strophe wird eine Atmosphäre der Verlassenheit und des Unterganges evoziert, die sich als Thema durch den gesamten Text zieht und somit eine Abschiedsstimmung als Grundlage der „Ouverture“ einführt. Ein Sonnenuntergang wird beschrieben, aber nicht genannt. Genannt wird nur „Une Aurore“ „Abolie“, ein Sonnenaufgang, der schon nicht mehr ist; also etwas Abwesendes. Die Abschiedsstimmung wird unterstrichen durch die zeitliche Bestimmung des nahenden Jahresende: der „l’abandon de l’automne“ (Z. 11/12) bestimmt die Jahreszeit auf Ende Herbst/ Anfang Winter. Der Schauplatz wird als einzig Konkretes eingeführt: der Turm (Z. 5) und der Herrensitz (Z. 8). Aber auch der Ort bringt der schwermütigen Abschiedsstimmung keine Erleichterung; er bleibt stumm: „Pas de clapotement!“ (Z. 9) Er ist ganz gefangen im Andenken an das Vergangene (Z. 11/12: „Inoubliable: l’eau reflète l’abandon de l’automne...“).

In der zweiten Strophe wird der Schauplatz genauer beschrieben. Durch das Fenster („vitrail“, Z. 19) dringen wir in das Innere des Turms ein und gelangen zu einem leeren Zimmer, das voll von symbolischen Gegenständen ist: die „orfèvrie“ (Z. 21), die „tappiserie“ und der „lustre“ (Z. 23) sind stumme Reliquien alter Zeiten. Das Zimmer ist leblos; das Bett ist leer, die Kerze ausgeblasen (Z. 31). Die Falten in den Wandvorhängen werden zu „sibylles“ (Z. 25), von der sich eine schließlich zu einem Rosenduft verflüchtigt. Dieser Rosenduft ist weit entfernt vom leeren Bett, welches die ausgeblasene Kerze in Dunkelheit hüllt (Z. 30/31). Mit dem leeren Bett und dem Wort „cierge“, das „vierge“ phonetisch sehr nahe steht, wird das Thema der Jungfräulichkeit evoziert und das Erscheinen Hérodiades vorbereitet: die Kerze als Symbol für Hérodiade, die ihre reine Geistigkeit wahren will und somit der Sinnlichkeit in Form des Blumenduftes den Zugang zu ihrer Jungfräulichkeit verwehrt.

Die Erzählung der Amme wechselt zwischen „past-tense narration“ und „present-tense description“, und damit ändert sich auch der Blickpunkt von objektiver Betrachtung zu subjektiver Wiedergabe von Eindrücken.[7] Diese Objekt- und Subjektabgrenzung verschwindet aber, weil beide Arten der sprachlichen Gestaltung „...in eine Sphäre von Bildern [verwandelt]“[8] sind und somit die zeitliche Trennung überwunden wird.

Genauso wie die künstliche Schnittstelle der Zeit aufgehoben wird, werden auch die Orte auf sprachliche Art verbunden: Die Beschreibung des räumlichen Außen der ersten Strophe – der Herrensitz und seine landschaftliche Umgebung - und die Beschreibung des Innen der zweiten – das Zimmer - reflektieren sich gegenseitig durch bestimmte Wortanklänge, so dass die beiden Darstellungen zu „mirror images“ werden.[9]

In der dritten Strophe sieht die Amme nun einen Schatten, der Hérodiade ist (Z. 38). Diese Darstellung von Hérodiade als Schatten ist bezeichnend für die Verleugnung ihrer eigenen Körperlichkeit, die ihr Wesen immer als im Verschwinden begriffen erscheinen läßt und in der „Scène“ wiederum aufgegriffen wird. Nach diesem Ausruf bei Sichtung der Erscheinung fragt sich die Amme, ob es ihre Stimme ist, die da singt:

„Cette voix, du passé longue évocation,

Est-ce la mienne prête à l’incatation?“ (Z. 39/40)

[...]


[1] Mallarmé, Stephane: Correspondance/ Lettres sur la poésie. Hrsg. von Marchal, Betrand/ Préface d’Yves Bonnefoy. Paris: Gallimard, 1995. S. 380

[2] ebda.

[3] ebda. S. 226

[4] Mallarmé, Stephane: Poésies. Hrsg. von Marchal, Bertrand/ Préface d’Yves Bonnefoy. Paris: Gallimard, 1992.

[5] Mallarmé 1995 (a. a. O.) S. 220

[6] Szondi, Peter: Das lyrische Drama des Fin de siècle. Hrsg. von Beese, Henriette. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975. S. 77

[7] Gould, Evlyn: Virtual Theater – from Diderot to Mallarmé. Baltimore: John Hopkins University Press, 1989. S. 149

[8] Szondi (a. a. O.) S. 61

[9] Gould (a. a. O. ) S. 154

Details

Seiten
15
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638182119
ISBN (Buch)
9783638774673
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12289
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Romanisches Seminar - Franz. Abteilung
Note
eins
Schlagworte
lyrisches Drama Salome Symbolistik imaginäres Theater oeuvre pure Moderne

Autor

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