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Die Darstellung der bäuerlichen Lebensart in Tschechows Erzählungen „Die Bauern“ und „Die Steppe“

Hausarbeit 2006 24 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historische Einordnung
2.1 Der Autor und sein literarisches Schaffen
2.2 Die Lage der russischen Bauern im 19. Jahrhundert
2.3 Merkmale des bäuerlichen Lebens
2.4 Die Mentalität der russischen Bauern

3. Die Darstellung des bäuerlichen Lebens in den Erzählungen "Мужики" und " Степь"
3.1 Inhaltsangabe „Мужики“
3.2 Inhaltsangabe „Степь“
3.3 Rahmenbedingungen des dörflichen Lebens
3.4 Aspekte des familiären Lebens / des menschlichen Miteinanders
3.5 Religiosität / passive Einstellung der Bauern zum Leben

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In seinen Werken versucht Čechov die Lebensbedingungen der russischen Menschen im 19. Jahrhundert sowohl in seinen negativen als auch in seinen positiven Seiten zu beschreiben. Die sozial-politische Situation seiner Zeit bedrückte Čechov sehr und mit seinen Werken versucht er, einen Beitrag zur Aufklärung zu leisten und das russische Bürgertum auf die Situation der armen Landbevölkerung und die damit verbundene soziale Frage seiner Zeit aufmerksam zu machen.

Gegenstand dieser Arbeit ist die Darstellung der bäuerlichen Lebensart in Čechovs Werken „Мужики“ (1897) und „Степь“ (1888). Zunächst erfolgt eine kurze biografische Darstellung des Lebens von Čechov und eine Beschreibung der historischen Hintergründe bezogen auf die gegebene Fragestellung.

Der Hauptteil enthält eine kurze, auf die Aufgabenstellung fokussierte Inhaltsangabe und daran anschließend eine Analyse der Beschreibung der Rahmenbedingungen des dörflichen sowie des familiären Lebens (zwischen den Ehegatten, zwischen Eltern und Kindern, zwischen den Generationen) bzw. der Art des menschlichen Miteinanders. Abschließend wird auf den Aspekt der religiösen Besonderheit der russischen ländlichen Bevölkerung eingegangen.

2. Historische Einordnung

2.1 Der Autor und sein literarisches Schaffen

Čechov wurde am 29.Januar 1860 in Taganrog, einer Kleinstadt in Südrussland geboren.[1] Sein Vater war Kaufmann, der ein Laden in Taganrog besaß, in dem Čechov und seine Geschwister oft mithelfen mussten. Die Annahme, die Kinder sollen in der Furcht vor dem Vater erzogen worden sein, wie es Reiner Scheck zu demonstrieren versucht[2], darf teilweise widerlegt werden. Zwar haben sie keine einfache Kindheit gehabt, auch gelegentlich die Prügel von dem Vater abbekommen, aber ihn als Tyrann zu bezeichnen, ist falsch.[3]

Nach der Schulausbildung ging Čechov nach Moskau, um dort Medizin zu studieren. Während der ersten Jahre seines Studiums schrieb Čechov unter dem Pseudonym „Čechonte“ für einige Zeitschriften humoristische Texte. Seine Motivation für sein literarisches Schaffen war ausschließlich darin begründet, dass er das Geld für seinen Lebensunterhalt als Student verdienen musste und darüber hinaus auch noch seine Familie finanziell unterstütze, da der Vater als Kaufmann nicht mehr erfolgreich war.

Seine erste „Arbeit“ erschien 1880 in der Zeitschrift „Стрекоза“.[4] All seine Werke, die zwischen 1880-1886 entstanden, wurden unter verschiedenen Künstlernamen veröffentlicht. Das Jahr 1886 markierte Čechovs neue künstlerische Entwicklung, denn er wendete sich in seinen Texten von den humoristischen und satirischen Themen ab und begann die existentielle Themen seiner Zeit zu behandeln.[5] Seine Werke bekamen einen scharfen Unterton, in dem er Kritik an den trostlosen gesellschaftlichen Zuständen seiner Epoche übte.[6]

1884 schließt Čechov das Medizinstudium erfolgreich ab. 1892 kaufte er

sich das Landgut Melichovo südlich von Moskau, wo er mit seiner Familie zusammenlebte und einige glückliche Jahre verbrachte. Der größte Teil seiner bedeutendsten Kurzgeschichten schrieb Čechov während seiner Lebenszeit in Melichovo.[7] Insbesondere während seiner Lebenszeit auf dem Land hatte Čechov unmittelbaren Einblick in das Leben der einfachen Bauern, zumal er sie kostenlos behandelte und so ihr Vertrauen erwerben konnte.[8]

1898 muss er das von ihm geliebte Landgut verlassen und aufgrund seiner Krankheit (Lungentuberkulose) nach Jalta umsiedeln. Während seines Aufenthalts in Jalta verbesserte sich seine Gesundheit kaum. Im Jahre 1901 heiratete er die Schauspielerin Olga Knipper in Moskau, die ihn bis zu seinem Tode begleitet hat. 1904 fuhr er, begleitet von seiner Frau in den Kurort Badenweiler nach Deutschland, wo er dann gestorben ist.

2.2 Die Lage der russischen Bauern im 19. Jahrhundert

Die seit Mitte des 17. Jahrhunderts bestehende Leibeigenschaft wurde in Russland 1861 aufgehoben. Die Tatsache, dass die Bauern frei von der Herrschaft des Grundbesitzers waren, änderte jedoch nicht viel an der wirtschaftlichen und sozialen Situation; Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Bauern und den Gutsbesitzern bestand weiter. Denn für ihre Freiheit mussten sie an den Grundbesitzer eine festgelegte Kaufsumme in Form von „Ablösungszahlungen“ zahlen.[9] Außerdem blieben die Bauern in der Landgemeinde („Mir“) eingebunden. Die Beibehaltung der Landgemeinde hatte zweierlei Gründe: Der Staat konnte dadurch die soziale Stabilität und die Steuereinnahmen sichern.

Das rasante Wachstum der Landbevölkerung in den Jahren zwischen 1861- 1897 hatte zur Folge, dass das Land für den Bauern knapp wurde.[10] Aus diesem Grund waren die russischen Bauern oft darauf angewiesen, vom Grundbesitzer zusätzliches Land zu pachten. Dabei lag der Pachtzins höher, als der Boden selbst überhaupt wert war. Dazu kamen noch die Ablösungszahlungen neben den üblichen Steuern, so dass die Bauern sozusagen in Ruin getrieben wurden.

Auch reichte die Ernte, die sie auf ihrem Land einholen konnten nicht aus, um sie und ihre Familien ausreichend zu ernähren, zumal sie einen Teil ihrer landwirtschaftlichen Produkte um jeden Preis verkaufen mussten, um ergänzende Nahrungsmittel oder andere Haushaltswaren auf dem Markt zu kaufen und die Abgaben an den Staat erbringen zu können.[11]

Im Ergebnis mussten die meisten Bauern zusätzlich Geld verdienen, viele von ihnen gingen als (Wander-) Arbeiter in die Städte oder sie versuchten ihren Lebensunterhalt durch das ortsübliche Gewerbe wie Weben, Schuhmacherei etc. zu verdienen.[12]

2.3 Merkmale des bäuerlichen Lebens

Der bäuerliche Haushalt bestand meistens aus drei Generationen, das heißt, die Eltern und die verheirateten Söhne mit ihren Ehefrauen und deren Kinder wohnten unter einem Dach, insgesamt lebten sieben bis zwölf Personen zusammen. Der älteste Mann war immer das Familienoberhaupt, in der Rangliste folgte seine Frau. Alle Familienangehörigen mussten den Anweisungen des Oberhauptes Folge leisten und ihm stets mit Respekt begegnen.[13]

In der Bauernfamilie waren die Rollen der Angehörigen klar verteilt. Frauen hatten meistens eine untergeordnete Stellung. Während die Männer von den Frauen Respekt verlangten, gingen sie selbst mit ihren Frauen respektlos um, was sich u. a. daran zeigte, dass die Frau entweder mit ihrem Vornamen angesprochen oder als „Weib“ bezeichnet wurde.[14] Am Ende der Hierarchie der Großfamilie standen die Schwiegertöchter, sie wurden wie kleine Kinder behandelt, denen man keine Beachtung schenkte. Sie müssten die Anweisungen der Autoritätspersonen befolgen und sich gehorsam zeigen.

Der Umgang der Ehepartner miteinander war nicht besonders „liebevoll“. Die Gefühle und die Zuneigung hatten in der Beziehung keinen Platz. Nicht selten blieb das Bedürfnis der Frau ungeachtet. Der Ehemann zeigte Respekt gegenüber seiner Frau nur ansatzweise.

Die russische Bauernfamilie lebte in kleinen Holzhütten. Das kleine „Haus“, genannt „Izba“, bestand meistens aus einem einzigen Raum. Generell war die Inneneinrichtung der Isba sehr dürftig. Von dem Möbel besaß die arme Bauernfamilie meistens nur einen einzigen Tisch und ein paar Bänke. Mitten in der Stube stand ein russischer Ofen, durch den Wärme erzeugt und auf dem das Essen gekocht wurde und der Gelegenheit zum Schlafen bot. Da der Ofen keinen Abzug hatte, sah die Isba von innen schwarz aus.

Die Mahlzeiten, die die Bauernfamilie zu sich nahm, waren karg und eintönig. Ihre Grundnahrungsmittel waren saures Schwarzbrot, Sauerkohlsuppe, Tee, Kartoffeln und Zucker. An Feiertagen war das Essen etwas üppiger, wenn möglich gab es Fleisch oder weißes Roggenbrot. Nicht selten musste man mit leerem Magen ins Bett gehen. Mangelnde Ernährung hatte schlechte Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen.

Auch die hygienischen Verhältnisse in den Bauernhaushalten waren mangelhaft. Wenn man abends zu Bett ging, behielt man die Kleidung an, die tagsüber getragen wurde. Die Isba wurde selten gelüftet, um den Wärmeverlust zu vermeiden und die stickige Luft war oft Ursache für Krankheiten.[15] Hinzu kam die mangelnde Sauberkeit im Kochbereich. Dort wo das Essen zubereitet wurde, liefen Küchenschaben oder anderes Ungeziefer herum. Die Schwarze Schabe wurde als „Glücksbringer“ im Haus generell nicht bekämpft.[16] Während der kalten Winterzeit nahmen die Bauern sogar ihr Vieh mit in die Stube.

Typisch für die Bauernfamilie war die hohe Kinderzahl. Der Kinderreichtum bedeutete für die Eltern die Absicherung im hohen Alter. Daher war die zentrale Funktion einer Frau, die Kinder auf die Welt zu setzen. Dabei war es von großer Bedeutung, dass von den Kindern mindestens ein Sohn das reproduktionsfähige Alter erreichte.[17] Mit der hohen Geburtenzahl war gleichzeitig die hohe Kindersterblichkeit verbunden. Angesichts Schlechter hygienischen Verhältnisse, mangelnder Ernährung konnten viele Kinder nicht überleben und starben noch im Säuglingsalter.

[...]


[1] Frank Rainer Scheck: Anton Čechov . München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004. S. 7.

[2] Ebd., S. 10.

[3] Maria Tschechowa: Mein Bruder Anton Tschechow. Kindler Verlag, 2004. S. 7-8.

[4] Hielscher, Karla: Tschechow. Artemis Verlag München und Zürich. 1987. S. 26.

[5] Ebd., S. 47-48.

[6] Bauer, Gerhard: "Lichtstrahl aus Scherben". Čechov . Frankfurt am Main u. a.: Stroemfeld Verlag, 2000. S. 28-29.

[7] Bartlett, Rosamund: Anton Čechov. Eine Biographie . Wien: Zsolnay, 2004. S. 267

[8] Ebd., S. 270.

[9] Pipes, Richard: Russland vor der Revolution: Staat und Gesellschaft im Zarenreich. C.H. Beck Verlag, München,1977. S. 170.

[10] Figes, Orlando: Die Tragödie eines Volkes : die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924. Berlin-Verlag, Berlin. 1998. Ebd., S. 119.

[11] Goehrke, Carsten: Russischer Alltag. Auf dem Weg in die Moderne. Bd.2, Chronos Verlag, Zürich, 2003. S.223.

[12] Vgl., Figes, Die Tragödie eines Volkes, S.122.

[13] Vgl., Goehrke, Russischer Alltag, S.199.

[14] Ebd., S. 200.

[15] Vgl., Goehrke, Russischer Alltag, S.193.

[16] Ebd., S.193.

[17] Ebd., S. 212.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640273935
ISBN (Buch)
9783640274017
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122867
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
Darstellung Lebensart Erzählungen Dorf Zeichen Leibeigenschaft Bauernbefreiung

Autor

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