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Korrumpierte Idyllen in Flauberts "L'Education Sentimentale"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 26 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. korrumpierte Idyllen
2.1 naive Idylle in Nogent (Louise Roque)
2.2 romantische Idylle in Auteuil (Mme Arnoux)
2.3 mythische Idylle in Fontainebleau (Rosanette)

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Obwohl Flaubert das Etikett Realist ablehnte, zählt er zu den bedeutendsten Schriftstellern des bürgerlichen Realismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Ebenso wie Stendhal und Balzac wollte er im Roman die Geschichte seiner Generation schreiben: „Je veux faire l’histoire morale des hommes de ma génération; sentimentale serait plus vrai.“[1]

Dieses gross angelegte Projekt muss man im Zusammenhang mit der Entwicklung im 19. Jahrhundert sehen. Im Jahrhundert der Revolutionen wendete sich die Betrachtung auf die historische Wirklichkeit der sich verändernden Gesellschaft, die durch zunehmende Kommerzialisierung und Kapitalisierung aller Lebensbereiche gekennzeichnet war. Die Literatur versuchte dem gerecht zu werden, indem sie persönliche Lebensgeschichten im aktuellen Bezug auf die sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen darstellte. Dabei wurde die Wirklichkeit nicht mehr als statische Situation gedacht, sondern als dynamische „Dialektik der Kulturbewegung“[2], in der das Indivuduum sowohl Handelnder als auch Produkt der fortschreitenden Entwicklung war. Den Vertretern des realistischen Romans war dabei eine antibürgerliche Haltung gemeinsam, die die Korruption der Gesellschaft offenlegte und die Frage nach der Rolle des Individuums stellte, dass nur noch scheitern kann.

Während bei Balzac die Gesellschaft als Ganzes noch von einem allwissenden Erzähler zusammengehalten wird und die Desillusionierung der Protagonisten offenbart, verzichtet Flaubert auf diese Instanz und führt statt dessen den unpersönlichen Erzähler ein, der durch impassibilité bestimmt ist. Dabei nimmt er seinen Protagonisten nicht nur die Möglichkeit zur Erkenntnis ihres Scheiterns, sondern stellt auch die Geschichte als System der Welterkenntnis in Frage. Dieser Verwissenschaftlichung des Romans steht die implizite Ironie des Erzählers gegenüber, die dem Leser eine Position außerhalb der Protagonistendimension ermöglicht und ihm die Wertung aufträgt.

Die realistischen Romane haben Paris als Zentrum der modernen Gesellschaft gemeinsam. In Flauberts L’Education Sentimentale ist Paris für Frédéric Moreau die Fläche für die Projektion seiner romantischen Sehnsüchte und gesellschaftlichen Ambitionen. Die Darstellung der städtischen Landschaft ist durch Frédérics Wahrnehmung bestimmt, die an seine Stimmungen gebunden ist. Dabei ist Frédérics Paris hauptsächlich „das Paris der Mme Arnoux“[3], Frédérics grosser Liebe, die für ihn eine Vermittlerfigur der Wahrnehmung der Stadt ist. Diese romantisch-träumerische Wahrnehmung wird aber gleichzeitig unterwandert und gestört von gesellschaftlicher Korruption, ironisch-distanzierter Wahrnehmung der entidealisierten Stadt und schließlich der zunehmenden Brutalität der aufkommenden Revolution.[4]

Im klassischen Gegensatz zur Verderbtheit der Stadt steht die Landidylle, in die Frédéric mehrfach flieht und dort auch bis zu einem gewissen Grad seine Sehnsüchte erfüllt findet. Der Topos der Idylle als zeitloser Raum eines vorzivilisatorischen Naturzustands ruft Konzepte wie spielerische Ereignislosigkeit und regressive Nostalgie auf, die Frédéric in trauter Zweisamkeit mit verschiedenen Frauen erfährt. Die typische Idylle schließt zwar politische Gewalt und Leidenschaft aus.[5] Jedoch dringt in die Landidyllen in der Education Sentimentale die Leidenschaft und die politische Gewalt in kongruenter Form ein. Genauso wie die Stadt sind die Idyllen von Anfang an mit zunehmender Korruption und Brutalität durchzogen und bieten keineswegs Schutz vor der kapitalistischen Gesellschaft.[6] Somit wird ihr utopisch-autarker Charakter in Frage gestellt.

Ich möchte in meiner Hausarbeit zeigen, wie in der L’Education Sentimentale das Motiv der Idylle als Sinnmodel und narratologischer Subtext[7] evoziert wird, um jedoch durch Korruption und Banalisierung als falsches Ideal entlarvt zu werden. Dabei werde ich die drei Idyllen Ende II.Teil/ Anfang III. Teil, die von Jacque Proust als „triptyque“ erkannt wurden, in ihrem Zusammenhang untersuchen.[8] Diese drei Idyllen sind komplementär, d. h. sie bauen sich gegenseitig auf und führen sich fort, was durch wiederkehrende Motive deutlich wird, die ich in ihrer Relation untersuchen werde. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Landschaftswahrnehmung Frédérics und der jeweiligen Frau als Vermittlerfigur der Wahrnehmung.

Die erste Idylle findet bei Frédérics Besuch in Nogent mit Louise Roque statt, die in Frédérics Eheversprechen an Louise endet. Diese Idylle ist durch naive Elemente bestimmt, wobei Louise für Frédéric Ausdruck von kindlicher Unschuld ist und für ihn so zu Vermittlerin der Erfahrung der Einheit mit der Natur wird. Die zweite Idylle findet bei Frédérics Besuchen in Auteuil bei Mme Arnoux statt. Diese Idylle ist durch romantische Elemente bestimmt, wobei Mme Arnoux im Zentrum der idealisierten Liebe Frédérics steht. Die dritte Idylle findet in Fontainebleau mit Rosanette während der Juni-Revolution statt. Rosanette als Teil der korrumpierten Gesellschaft hat eine deutlich abgeschwächte Vermittlerrolle. Hier ist es vielmehr die historisch verklärte Wahrnehmung der Vergangenheit, die Frédérics Wahrnehmung bestimmt und dies auf Rosanette überträgt.

Ich werde zeigen, wie diese Idyllen in ihrer Konzeption von statischer Unschuld, Natürlichkeit und Friedlichkeit zunehmend von gegenläufigen Konzepten wie désir, Künstlichkeit und Gewalt unterlaufen werden, die zur Degradation und Selbstzerstörung führen.

2. korrumpierte Idyllen

2.1 naive Idylle in Nogent (Louise Roque)

Die Idylle in Nogent mit Louise Roque steht unter dem Vorzeichen kindlicher Naivität. Das erste, was das Wiedersehen der Straßen seiner Heimatstadt in Frédéric auslöst, sind „vieux souvenirs“[9]. Diese Erinnerungen implizieren sowohl Frédérics eigene Kindheit und die Freundschaft mit Deslauriers, die durch romantische Träumereien gekennzeichnet war,[10] als auch seine Freundschaft mit dem Kind Louise Roque, die er jetzt als junge Frau wieder sehen wird.

Betrachtet man die Art und Weise, wie die Idylle in den den Kontext der Narration eingebunden ist, wird allerdings von vorne herein der Topos der Idylle als Ausdruck von Sehnsucht nach Liebe und Naturverbundenheit unterwandert. Fréderic entschließt sich keineswegs selbst, nach Nogent zu fahren, sondern wird von Deslauriers dazu überredet, der ihn in seiner Abwesenheit bei Mme Arnoux betrügt. Auch ist der Motivationsgrund schlicht und einfach die Geldnot Frédérics. Die Idylle als abgegrenzte Welt außerhalb der Gesellschaft wird in Frage gestellt durch M. Roques geschäftliche Verbindungen mit M. Dambreuse, der als Vertreter des Finanzbürgertums paradigmatisch für die kapitalisierte Gesellschaft steht.[11] Folglich ist die Idylle vorbelastet durch Verbindungen und Handlungen, die in der Vergangenheit ihren Ursprung haben.

So sind auch das Gesprächsthema zwischen Frédéric und Louise ihre gemeinsamen Erinnerungen, während sie in M. Roques Garten spazieren gehen. Dieser Garten ist unmittelbar mit Frédérics Wahrnehmung von Louise verbunden. Er wird schon zu Beginn des Romans aufgerufen als locus amoenus, in dem das Kind Louise in scheinbarer Abgeschiedenheit von der Welt lebt und im Einklang mit der Natur eine sorglos-spielerische, selbstgenügsame Existenz führt:

„Elle vivait seule, dans son jardin, se balancait à l’escarpolette, courait après les papillons, puis tout à coup s’arrêtait à contempler les cétoines s’abattant sur les rosiers. C’étaient ces habitudes, sans doute, qui donnaient à sa figure une expression à la fois de hardiesse et de rêverie.“[12]

Durch diese Wahrnehmung verklärt sich Lousie für Frédéric zu einem Bild idyllischer Unschuld, welches die Idee der „l‘amour désintéressé“ repräsentiert, „une sensualité encore innocente, l’être naturel qui est encore en harmonie avec les hommes et les choses.“[13] Der locus amoenus wird zur „Idylle als Raum des Individuums, in dem in Natureinsamkeit Gesellschaft und Geschichte gelöscht werden.“[14] So bindet sich die Darstellung von Louise an einen begrenzten, sie umgebenden Raum - nämlich den Garten – der hier als literarisches Zitat auftritt und die Figur in den Bereich eines abstrakten Konzeptes bindet, das im Klischee erscheint:

„The locus amoenus is a mental place, an ideal setting not pertaining to any notion of reality. (...) In Flaubert’s works, the locus amoenus has then the suggestiveness of a cliché, but is also displayed as a cliché.“[15]

Als Frédéric nun die zur Frau herangereifte Louise wiedersieht, schmeichelt ihm ihre emotionale Erregung beim unverhofften Wiedersehen. Statt dieses jedoch für sich zu nutzen, bleibt er in seiner Rede im Klischee des Stadt-Land-Gegensatzes verhaftet, der als topologischer Gegensatz von Natur/ Primitivität und Kultur/ Kultiviertheit aufgemacht wird, und gibt sich als Lebemann: „il se mit à faire le Parisien, le lion, donna des nouvelles des théâtres, rapporta des anecdotes du monde, puisées dans les petits journaux, enfin éblouit ses compatriotes“.[16] In diesem Ausflüchten Frédérics auf unpersönliche Diskurse wird narratologisch deutlich, dass die Figur „une forme vide“[17] ist und nur als Projektionsfläche für Diskurse dient:

„Flaubert will die redenden Figuren enthüllen als Marionetten, die von den Diskursen gesprochen werden, um sodann im konterdiskursiven Gegenzug einer nichtreferentiellen écriture der entleerten Rede semantische Opazität zu restituieren.“[18]

So ist auch Frédérics Wahrnehmungsweise an Diskurse gebunden. Frédric ignoriert, dass Louise sich weiterentwickelt hat, sondern sieht nur das Kind von damals in ihr. Seine Wahrnehmung von Louise ist im naiv-idyllischen Diskurs gefangen, der ihn blind für die Realität macht. So erinnert er sie an ihren Auftritt bei ihrer „première communion“, der als Unschuldsbild par excellence erscheint. Diese Erinnerungen haben aber „peu de charme“[19] für Louise. Im Gegensatz zu Frédéric, dessen Verständnis von Naivität auf romantisch verklärter Unschuld und Reinheit basiert, ist Louise Ausdruck des arkadischen Idyllenbildes, welches durch Infantilität, aber auch freie Sinnlichkeit geprägt ist.[20] Die Evozierung dieses Bildes wird durch die Tatsache unterstützt, dass M. Roque den Ehrgeiz hat, aus seiner Tochter eine „comtesse“ zu machen[21], denn das arkadische Idyllenbild ist eine höfisch geprägte Idylle, wobei der Verweis aufs Höfische Eleganz, Stil und mittelalterliche chevalerie assoziiert. Aber es ist eine falsche, substituierte Idylle, denn im Bezug auf M. Roque ist es eben nur „prétention d’aristocratie“[22]. Außerdem ist dieses aristokratische Ambition wenig edel, weil M. Roque einerseits korrupt dieses Ziel verfolgt – er beschafft sich das notwendige Geld durch eine „manipulation extra-légale“[23], andererseits ist seine Ambition durch geschäftliche Kalkulation bestimmt, die das Menschliche an letzte Stelle setzt: Nachdem der Titel und das gesellschaftliche Ansehen Frédérics ausführlich aufgezählt sind, wird in scheinbarer Nebensächlichkeit der ironisch besetzte Satz angeführt: „Le jeune homme lui plaisait, personnellement.“[24]

[...]


[1] Flaubert, Gustave: L’Education sentimentale – Histoire d’un jeune homme. [ES] hrsg. von Claudine Gothot-Mersch. Paris: Flammarion 1985. Introduction. S. 8

[2] G. Keller zitiert nach Schweikle, Günther u. Irmgard: Metzler Literatur Lexikon – Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990. S. 376

[3] Warning, Rainer: Die Phantasie der Realisten. München 1999. S. 299

[4] siehe dazu u. a. Banquart,, Marie-Claire: „L’espace urbain de L’Education Sentimentale: intérieurs, extérieurs“ In: L’institut de francais de l’Université de Paris X: Flaubert, la femme, la ville. Journée d’études. Paris 1982.

[5] Jean Paul schließt die „Gewalt der großen Staatsräder“ und die „heißen Wetterwolken“ der Leidenschaft aus der Idylle aus. Zitiert nach Schneider, Helmut J. (Hrsg.): Idyllen der Deutschen – Texte und Illustrationen. Frankfurt a. M. 1978. S. 369/ 370. zur Idylle siehe auch: Gronke, Norman: Idylle als literarisches und soziales Phänomen. Frankfurt 1987.

[6] Victor Brombert hat die Gewaltkonnotationen für die Idylle in Fontainebleau deutlich gemacht: The hidden reader – Stendhal, Balzac, Hugo, Baudelaire, Flaubert. Cambridge and London 1988.

[7] zum Konzept des Subtextes: Ippolito, Christophe: Narrative memory in Flaubert’s works. New York 2001.

[8] Proust, Jacques: „Structure et sens de ‚L’Education sentimentale‘“ In: Revue des sciences humaines 125. Lille 1967. S. 96

[9] ES S. 307

[10] ES S.60/ 61

[11] „Der Pol der politischen und ökonomischen Macht wird durch die Dambreuse markiert, sie bilden von Beginn an das oberste Ziel der politischen und amourösen Ambitionen...“ Bourdieu, Pierre: Die Regeln der Kunst – Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt a. M. 1999. S. 24

[12] ES S. 148

[13] Proust (a. a. O.) S. 92 (Fußnote)

[14] Schneider (a. a. O.) S. 372

[15] Ippolito (a. a. O.) S. 69

[16] ES S. 308

[17] Moser, Walter: „L’Education sentimentale de 1869 et la poétique de l’oeuvre autonome“ In: Archives des lettres modernes 190. Paris 1980. S. 58

[18] Warning (a. a. O.) S. 206

[19] ES S. 315

[20] Schneider (a. a. O.) S. 376

[21] ES S. 308

[22] ES S. 147

[23] ES S. 308

[24] ES S. 309

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638182096
ISBN (Buch)
9783638774666
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12285
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Romanistisches Seminar - Franz. Abteilung
Note
sehr gut
Schlagworte
Roman Realismus Idylle Natur Romantik Bürgertum Geschichte

Autor

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