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Darstellung des Gemeinsinns in Kants „Kritik der Urteilskraft“

Unter Berücksichtigung des Interesses an Natur und Kunst

Hausarbeit 2008 11 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Sensus Communis

Die Bestimmung des Geschmacks als eine Art Gemeinsinn

Der Gemeinsinn hinsichtlich des Interesses an der Natur und an der Kunst

Der Unterschied in der Wahrnehmung von Natur und Kunst

Der Gemeinsinn in der unterschiedlichen Wahrnehmung von Kunst und Natur

Fazit

Bibliografie

Darstellung des Gemeinsinns in Kants „Kritik der Urteilskraft“

unter Berücksichtigung des Interesses an Natur und Kunst

Einleitung

Der Gemeinsinn ist ein Konzept, dass sich durch weite Teile der Kritik der Urteilskraft zieht. Er bil- det die Voraussetzung für eine Vielzahl von Bestimmungen. In der vorliegenden Arbeit sollen die Bestimmungen zum Gemeinsinn dargestellt, und dessen Bedeutung exemplarisch für die Wahrneh- mung von Kunst und Natur angesprochen werden.

Die Bestimmungen zum Begriff verändern sich im Laufe der Darstellung innerhalb der Kritik. Die Begrifflichkeiten schwanken zwischengesundem Menschenverstandund der Bedeutung des Ge- meinsinns alsGeschmack.Auch wenn sich Kant nicht auf eine eindeutige Definition festlegt, spielt der Begriff doch eine zentrale Rolle in der Verallgemeinerbarkeit von Empfindungen und Eindrü- cken. An diese Bedeutsamkeit soll sich am Ende der Arbeit durch die Betrachtung der Wahrneh- mung von Kunst und Natur angenähert werden.

Der Sensus Communis

Im Folgenden soll der Begriffsensus communis, also der Gemeinsinn, in Kants Kritik der Urteils- kraft dargestellt werden.

Der Gemeinsinn taucht immer wieder in der Kritik der Urteilskraft auf und spielt eine zentrale Rolle in der Erklärbarkeit einzelner Phänomene. Er wird erstmals in den §§ 20-22 und dann später in den §§ 39-42 in verschiedenen Zusammenhängen erwähnt.

In § 20 wird die Existenz eines Gemeinsinns als Grundbedingung für das Treffen eines Ge- schmacksurteils bestimmt. Der sensus communis ist hier kein „äußerer Sinn“, sondern stellt eine

„Wirkung aus dem freien Spiel unserer Erkenntniskräfte“ dar.1 Der BegriffGemeinsinndeutet an, dass der „Gefühlszustand, der das Geschmacksurteil begründet“ von mehreren Menschen ähnlich, wenn nicht gleich empfunden werden kann. Der Begriff zielt also auf ein Empfinden und nicht auf einenSinnder Wahrnehmung.Die Beschaffenheit der Wirkung die er erzielt, wird an dieser Stelle der Kritik nicht näher erklärt. Die Notwendigkeit der Existenz eines Gemeinsinns liegt in der Be- deutung objektiver Mitteilbarkeit von Urteilen und Erkenntnissen. Nur wenn der Gemütszustand, der ein Urteil oder eine Erkenntnis begleitet von mehreren Subjekten geteilt werden kann, kann auch eine Erkenntnis oder ein Urteil getreu den zugrunde liegenden Empfindungen ausgetauscht werden. In dieser Grundfunktion des Gemeinsinns sieht Kant gleichzeitig die Bestätigung für des- sen Existenz: „so wird dieser mit Grunde angenommen werden können (…) als notwendige Bedin- gung der allgemeinen Mitteilbarkeit unserer Erkenntnis“.2 Es sei angemerkt, dass der Gemeinsinn hier in Verbindung mit Erkenntnis und Urteil als Basis des Geschmacks in Verbindung gebracht wird.

Bei der Anwendung auf die Beurteilung von Dingen wird deutlich, dass der Gemeinsinn lediglich eine „idealische Norm“ darstellt.3 Geschmacksurteile basieren auf der „Annahme eines verallge- meinerungsfähigen Gefühls“ und nicht auf der empirischen Erfahrung, dass das Gefühl tatsächlich verallgemeinerungsfähig ist.4 Sie stellen somit subjektive Einschätzungen dar, die in der gewissen- haften Prüfung durch die Urteilskraft als verallgemeinerbar beurteilt werden, dies aber nicht zwangsweise sein müssen. Geschmacksurteile erhalten durch den Gemeinsinn eine Art Geltungsan- spruch, der aber nicht aus sich heraus besteht, sondern „eher ein[en] Appell an die anderen“ darstellt.5

Der BegriffGemeinsinnwird indirekt wieder aufgegriffen im § 39, in dem es um die Mitteilbarkeit einer Empfindung geht. Sie wird wieder als Grundlage der Mitteilbarkeit erwähnt, allerdings nicht wörtlich, sondern über die Notwendigkeit einer Betonung der notwendigen Homogenität von Sin- nesempfindungen zur Mitteilung von Eindrücken und Urteilen. Als Beispiel führt Kant den Duft einer Blume an. Man kann jemandem, dem der Geruchssinn fehlt, einen Duft zwar erklären, diese Erklärung weckt aber keine nachvollziehbaren Eindrücke und Vorstellungen und kann so auch nicht nachempfunden werden.

Im § 40 seiner Kritik der Urteilskraft spricht Immanuel Kant von der Bedeutung eines über die Sinne hinausgehendenhöheren Erkenntnisvermögensfür die Urteilskraft, will man eine Vorstellung von Dingen wie Wahrheit, Schönheit oder Gerechtigkeit bekommen. Er widerspricht so der geläufi-

gen Auffassung, dass die Urteilskraft eine Art Sinn sei. In diesem Kontext wird der „gesunde Men- schenverstand“ als sensus communis wieder aufgegriffen, der die „kränkende Ehre“ hat, „mit dem Namen des Gemeinsinns“ bezeichnet zu werden. 6 Er deutet mit der Bezeichnung derkränkenden Ehrean,dass die Terminologie irreführend ist, da der Gemeinsinneben auf einen Sinn hinweist und nicht auf den Verstand.

Der Begriff wird als verstandesmäßiges Beurteilungsvermögen bestimmt, „welches auf die Vorstel- lungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt“ um subjektiv gefärbte Vorstellun- gen aus einem auf diese Weise gefällten Urteil herauszuhalten. 7 Das Urteil orientiert sich demnach gleichermaßen an der gesamten Menschenvernunft. Dies geschieht durch ein Hineinversetzen des Urteilenden in jeden anderen Menschen und dadurch, dass ein Urteil sich nicht nur an wirklichen und bestehenden sondern auch an alleinmöglichenUrteilen orientieren soll. Ferner muss das Urteil von eigenen Vorstellungen abstrahiert und so weit möglich von subjektiven Empfindungen gelöst werden, um eine allgemein gültige Aussage zu ermöglichen. Kant spricht die Komplexität dieser Vorgehensweise an, die „dem Vermögen, welches wir den gemeinen Sinn nennen“ zugeordnet ist, relativiert diese aber durch den Verweis auf die komplizierten Formeln, die sie beschreiben und gibt zu bedenken, dass „an sich nichts natürlicher [sei], als von Reiz und Rührung zu abstrahieren, wenn man ein Urteil sucht, welches zur allgemeinen Regel dienen soll.“8 In dieser Formulierung deutet er auch eine - wenn nichtdie- Funktion des Gemeinsinns an, die eines „gemeinschaftsbezoge- ne(…)[n] Urteilsvermögens“. 9 Durch die beschriebene Vorgehensweise in der Urteilsfindung wird ein Prozess des Abwägens geleistet, der sich nicht an Traditionen oder Gewohnheiten orientiert. Er weitet den Horizont und setzt das Urteil in den Kontext zu anderen Subjekten. Dies bildet die Grundlage für Entscheidungen und Urteile, die nicht dem Selbstzweck dienen, sondern im Idealfall pauschalisierbare und allgemein gültige Urteile darstellen und so eine Grundlage für moralisches Handeln darstellen können.10

[...]


1 Kant, I., Kritik der Urteilskraft, hrsg. v. Klemme, H., Hamburg 2006 (Philosophische Bibliothek 507), S. 96/ Z. 8f.

2 Ebd., S. 97/ Z. 12-16.

3 Kant, Kritik, S. 98/ Z. 4f.

4 Teichert, D, Immanuel Kant: „Kritik der Urteilskraft“ - Ein einführender Kommentar, Paderborn 1992 (Studienkommentare zur Philosophie), S. 52.

5 Ebd.

6 Kant, Kritik, S.174/Z. 5f.

7 Ebd., Z. 13f.

8 Ebd., S. 174, Z. 33, S. 175, Z. 1-2.

9 Teichert, Kommentar, S.82.

10 In diesen Gedanken spiegelt sich der Begriff der Aufklärung wider.

Details

Seiten
11
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640279357
ISBN (Buch)
9783640283163
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122753
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Philosophisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Darstellung Gemeinsinns Kants Urteilskraft“ Kant Kritik Urteilskraft

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Titel: Darstellung des Gemeinsinns in Kants „Kritik der Urteilskraft“