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Literatursoziologie um 1900 - Herman Bang „Am Wege“ – ein charakteristischer Roman dieser Zeit?

Essay 2007 10 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

„Die eigentliche Kunst besteht nicht darin, etwas Neues zu erzählen. Viel anspruchsvoller und wahrhaft künstlerisch ist es, etwas Altbekanntes so zu erzählen, dass sich vor den Lesern ein unbekanntes Land auftut.“

Arthur Schopenhauer

1. Einleitung

Die Literatur in der Zeit der Jahrhundertwende um 1900 war geprägt vom Geiste des neuen Zeitalters. Krisenphänomene prägten Europa. Die Metaphysik wurde unglaubwürdig. Die Religionskritik, die bereits in der Aufklärung vorbereitet wurde, erlangte mit Friedrich Nietzsche und dem Ausspruch „Gott ist tot“ einen ersten Höhepunkt. Sigmund Freud erklärte seine Abhandlungen über das Unbewusste in der „Traumdeutung“ (1900). Der Erkenntnistheoretiker Ernst Mach spricht erstmals von einer Auflösung der Dingwelt. Diese teils sehr heterogenen und nicht kompatiblen Ansätze zur Welterklärung waren bezeichnend für eine Gesamtstimmung in der Wissenschaft. Zentrum des Geschehens waren die großen europäischen Hauptstädte, insbesondere jedoch Wien mit seinem Fin de siècle. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Aufklärung und der zunehmende Kapitalismus in den Staaten Europas führten zu einer Krisenstimmung, die sich in den Köpfen dieser Zeit festsetzte. Die Dichtung bot dabei vielen Autoren der Jahrhundertwende die Möglichkeit, die Realität verständlich zu machen. Sie galt sogar als sensible Messlatte für die gesellschaftspolitischen Fragen der Zeit, die sich aus den Krisen heraus ergaben: Wie verändert sich die Stellung von Frau und Mann innerhalb der Ehe? Bietet die Institution Ehe noch immer ausreichend Sicherheit? Wo ist mein individueller Weg, den ich gehen kann? Wo gehöre ich hin? Was ist Heimat? Die Literatur fungiert hierbei als Mittler. Denn über den Umweg der Sichtweise anderer, beispielsweise Autoren, ist das Individuum imstande, sich selbst zu erkennen. Dieses vermeintlich „unbekannte Land“, das sich vor den Lesern auftut, hilft, die individuellen Krisen zu überwinden. Die Literatur, insbesondere der Roman des 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende, reflektieren somit eine Vielzahl soziologischer und politischer Fragestellungen, mit denen Menschen damals konfrontiert waren.

Herman Bang ist ein Vertreter dieser Zeit. Und mit seinem Roman „Am Wege“ hat er ein Werk geschaffen, welches beispielgebend für die bewegende Zeit ist. Inwiefern es in zeitspezifische Fragestellungen und soziologische Hintergründe der Jahrhundertwende einzuordnen ist, inwiefern es also ein beispielhafter Roman der Literatursoziologie um 1900 ist, werde ich in dieser kurzen Abhandlung untersuchen.

2. Hauptteil

Das Zusammentreffen von verschiedenen Diskursen in der Naturwissenschaft und Medizin über Politik und Recht bis hin zur Literatur, Kunst, Philosophie und Psychologie hat unter Anderem eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Thema der Geschlechter zur Folge. Bang legt dem Leser mit seinem Roman „Am Wege“ eine Milieustudie innerhalb einer Ehe zugrunde, die sich im Verlaufe des Geschehens von Innen heraus zerstören wird. Auf der einen Seite Katinka Bai, die Provinzschönheit, die eine lieblose Pflichtehe mit dem Bahnhofsvorsteher eingeht und in dieser Ehe zugrunde geht. In ihrem Liebesverlangen gegenüber dem Gutsverwalter Huus. Auf der anderen Seite der Bahnhofsvorsteher Bai, der biedere, grobe, untreue und selbst unglückliche Ehemann. Die Beziehung zwischen Mann und Frau wird hier detailgetreu wieder gegeben. Sei es in leisen, aber eindringlichen Sätzen wie „Frau Bai löschte das Licht aus und legte sich ins Bett neben Herrn Bai.“ (S.33) Oder in den klaren und direkten Sätzen Bais zu Katinka „Männer müssen auch mal unter sich sein“ (S.39) oder „Teufel auch, wie mager du wirst.“ (S.32) In dieser detailgetreuen Wiedergabe der Geschlechterbeziehungen scheint es oft, als würden Mann und Frau aneinander vorbei sprechen. Lieber schweigt Katinka, als dass sie auf die Worte ihres Mannes antwortet. Mir scheint, als gäbe der Mann den Ton an. Als sei es das Ziel des Mannes, seinen Weg zu verfolgen. Frauen werden dabei am Weg liegengelassen. Bai ist tonangebend, Katinka die stille Beobachterin, die Wartende. Für die Frauen dieser Zeit gilt: „Die ersten fünfundzwanzig Jahre unseres Daseins tanzen wir herum und warten darauf, verheiratet zu werden - und die letzten fünfundzwanzig Jahre setzen wir uns hin und warten darauf, begraben zu werden…“ (S.163) Die Pastorentochter Agnes spricht das aus, was Katinka lebt und leben muss. Mit einem Mann, der sie nicht versteht, und den sie nicht liebt. Es ist ein einsames Warten, auf das eigene Ende und das Ende des Ehemannes. Eine unglückliche Ehe inmitten einer spießigen, eng-provinziellen dänischen Gegend – Motive wie sie bezeichnender für den Jahrhundertwechsel kaum sein können. Und dennoch sind diese Motive hier – betrachtet man auch andere Autoren der Jahrhundertwende, zum Beispiel Arthur Schnitzler – auffällig leise. Schnitzlers „Reigen“ (1900) zeigt die Sexualität des Menschen als die alles beherrschende Kraft. Mit dem Hintergrund der Psychoanalyse hat Schnitzler dabei ein Werk geschaffen, was ebenso beispielhaft für die neuen modernen Diskurse um 1900 ist. Während Schnitzler also die Geschlechterbeziehungen von der körperlichen, triebhaften Seite des Menschen betrachtet, scheint es, als löse Bang in seinem Roman den Diskurs eher geistig und mit seelischen Fragestellungen auf. Zwei Ansätze – die unterschiedlicher kaum sein können und doch stehen sie für die Mentalität einer Generation.

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Details

Seiten
10
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640271672
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122725
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,3
Schlagworte
Literatursoziologie Herman Bang Wege“ Roman Zeit Suche Homo Europaeus Einführung

Autor

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Titel: Literatursoziologie um 1900 - Herman Bang „Am Wege“ – ein charakteristischer Roman dieser Zeit?