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Zählt die Anzahl? Darf man Einzelne zugunsten einer größeren Zahl von Menschen opfern?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 21 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt:

I. Einleitung

II. Zählt die Anzahl?
1. Beides ist moralisch zulässig
a) Hauptargument I - Vergleich mit einem Betroffenen
b) Hauptargument II - Leiden ist nicht addierbar
2. Es ist geboten, die Mehrzahl zu retten
a) Mehrere zählen mehr
b) Hypothetische Einwilligung

III. Fazit – Ein moralisches Dilemma

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Angesichts immer knapper werdender Ressourcen und freier Marktwirtschaft wird die Frage, ob man Einzelne zugunsten einer größeren Zahl von Menschen opfern darf, zunehmend aktuell. In der Praxis wird diese Frage häufig aufgrund von Kosten-Nutzen-Erwägungen positiv entschieden. Dies geschieht – um nur einige Beispiele zu nennen – bei der Verteilung der knappen Ressourcen in der Medizin, bei Methoden in der Forschung (Versuche an Menschen), oder auch beim Gesetz zur Terrorabwehr, nach dem ein vollbesetztes Passagierflugzeug abgeschossen werden darf, sollte es von Terroristen als Waffe missbraucht werden.

Diese Entscheidungen stehen aber im Widerspruch zu unserem Grundgesetz, dass solche Kosten-Nutzen-Erwägungen als ein für im Umgang mit Menschenleben unangemessenes Kriterium hält. Es stellt sich also die grundsätzliche Frage, ob die Anzahl der betroffenen Personen ein moralisch relevantes Entscheidungskriterium für uns sein kann, nach dem wir in einer solchen Entscheidungssituation handeln sollten.

Im Folgenden wird versucht, sich einer Antwort auf diese Frage zu nähern. Zunächst werden hierfür die unterschiedlichen Handlungsoptionen, die in einer trade-off-Situation zur Wahl stehen, ermittelt. Hierfür dient eine konkrete Beispielsituation als Untersuchungsgegenstand. Im Anschluss daran werden unterschiedliche Argumentationsvarianten, die für oder gegen diese Optionen sprechen, kurz dargestellt und auf ihre Überzeugungskraft und Praktikabilität hin untersucht.

In diesem Rahmen kann allerdings lediglich die Grundidee der jeweiligen Position vorgestellt und kritisiert werden, um anhand dieser grundsätzliche Schwierigkeiten aufzuzeigen. Auf eine ausführliche Darstellung der verschiedenen Positionen, die für eine redliche Kritik nötig wäre, sowie auf eine erschöpfende Präsentation der Schwierigkeiten, die sich aus den vorgestellten Argumentationen ergeben, muss daher verzichtet werden.

II. Zählt die Anzahl?

In seinem Essay „Zählt die Anzahl?“[1] verwendet John M. Taurek für die Beantwortung dieser Frage ein Beispiel für eine solche so genannte trade-off-Situation.[2] Die von Taurek verwendete Beispielsituation soll auch dieser Untersuchung als konkreter Gegenstand dienen.

„Die Situation sei die, dass ich einen Vorrat einer lebensrettenden Arznei habe. Sechs Personen werden mit Sicherheit alle sterben, wenn sie nicht mit dieser Arznei behandelt werden. Aber eine der sechs Personen benötigt die ganze Arznei, um zu überleben. Jede der anderen fünf benötigt nur ein Fünftel der Arznei. Was soll ich tun?“ (Taurek 2004, S. 125)

In dieser Situation stellt sich für den Besitzer der Medizin zunächst, die Frage, welche Möglichkeiten der Handlungsanweisung in einer solchen Situation generell in Frage kommen. Wie es scheint, kommen nur die folgenden vier Varianten in betracht.

(1) Beides ist moralisch zulässig.
(2) Es ist geboten, die Mehrzahl zu retten.
(3) Es handelt sich um ein unauflösbares moralisches Dilemma.
(4) Es ist geboten, den Einzelnen zu retten.

Möglichkeit (4) dürfte auszuschließen sein, da es in dieser Situation unmöglich scheint, plausible Argumente für dieses Gebot zu finden. Die anderen Möglichkeiten lassen sich aber nicht unmittelbar verwerfen. Diese gilt es demnach, auf ihre moralische Verbindlichkeit hin zu untersuchen.

1. Beides ist moralisch zulässig

Taurek bietet in seinem Essay ein Beispiel für eine Argumentation, deren Ziel es ist zu belegen, dass beide Entscheidungen moralisch zulässig sind. Taurek vertritt zwar eine folgenorientierte Ethik[3], dennoch gibt es für ihn kein moralisches Kriterium der Anzahl. Seine Argumentation lässt sich in zwei Hauptargumente gliedern, die im Folgenden kurz skizziert und anschließend auf ihre Überzeugungskraft hin geprüft werden.

Taurek beginnt mit zwei einschränkenden Voraussetzungen. Erstens: Es besteht für jeden die moralische Verpflichtung, in einer Entscheidungssituation dass größere Übel abzuwenden. Dies ist einleuchtend, da ansonsten eine Untersuchung dieser Frage nicht sinnvoll wäre. Zweitens: Besondere Umstände sind ausgeschlossen. Damit schließt er einige möglichen Fälle aus, wie z.B. den Fall, dass man sich zwischen der Rettung von fünf schwachsinnigen Kindern oder debilen Alten auf der einen Seite und der Rettung von einem Politiker der im Begriff steht, die Lösung in einem Krisenherd zu erreichen oder einem Arzt der eine Heilmethode für eine schlimme Krankheit entwickeln wird.[4]

Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist, ob diese Einschränkung tatsächlich sowohl zulässig als auch nötig ist. Schließlich scheint sich im Fall des Politikers oder Mediziners allein die Anzahl der betroffenen Personen zu verschieben, bzw. zu erhöhen. Die Erhöhung der Anzahl aber sollte für die Entscheidung keine Rolle spielen, ist tatsächlich die Anzahl der Betroffenen für die Entscheidung irrelevant.

Betrachtet man den Fall der Alten, Kranken und der Kinder wird jedoch eher verständlich, warum Taurek diese Einschränkung aufgreift. Vermutlich will er diesen Punkt ausklammern, da er sich auf keine Diskussion um den Wert eines menschlichen Lebens einlassen will. Denn gesteht er dies zu, ist es wahrscheinlich geboten, diesen in die Entscheidung einzubeziehen. Dabei kommt man wohl unweigerlich zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit zu retten geboten wäre bzw. die Gruppe mit dem höheren Wert. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob diese Einschränkung nötig ist, da man durchaus die Ansicht vertreten kann, dass das Leben von Alten oder das von schwer kranken Kindern nicht weniger wert ist als das von gesunden Erwachsenen. Doch nun zu Taureks erstem Hauptargument.

a) Hauptargument I - Vergleich mit einem Betroffenen

Die Basis für Taureks erstes Hauptargument bietet eine Beispielsituation:

„Angenommen, die eine Person – nennen wir sie David – ist jemand, den ich kenne und mag, und die anderen sind Fremde für mich. Ich könnte ihm durchaus meine ganze Arznei geben. Und ich neige zu der Ansicht, dass ich nicht unmoralisch handeln würde, wenn ich das täte.“ (Taurek 2004, S.126)

Taurek argumentiert im Folgenden so: Für einen Betroffenen besteht keine Verpflichtung, die Mehrzahl zu retten, also besteht auch für einen Unbeteiligten eine solche Pflicht nicht. Er beruft sich darauf, dass moralische Regeln allgemeingültig sind. Dieses Argument lässt sich folgendermaßen schematisieren:

(TH1) Ein Betroffener hat keine Verpflichtung die Mehrheit zu retten.

(TH2) Moralische Regeln sind allgemeingültig.

(K) Niemand hat eine solche Verpflichtung.

Auf den ersten Blick ist das ein logischer Schluss, doch gilt es nun zu überprüfen, ob möglicherweise eine seiner Prämissen falsch ist. Dafür verdienen die genauen Ausführungen seiner Argumente eine nähere Betrachtung.

Taurek versucht seinen fiktiven Diskussionspartnern die Widersprüchlichkeit ihrer Ansichten nachzuweisen. Diese stehen auf dem Standpunkt der allgemeinen Meinung, wie Taurek sie vermutet. Diese lautet, dass die Medizin unter den Fünfen aufgeteilt werden sollte, dass es also geboten ist, die größere Anzahl Menschen zu retten. Taurek bemerkt allerdings, dass diese Position in der Regel eingeschränkt wird, indem sie mit der Klausel „unter sonst gleichen Umständen“ versehen wird. Als Grund hierfür vermutet er, dass sie diejenigen Fälle ausschließen wollen, in denen die Gewichtung verändert werden würde, wenn also der Tod der einen Person ein sehr viel schlimmeres Ereignis wäre oder umgekehrt, der Tod der Fünf ein sehr viel kleineres. Dies könnte der Fall sein bei einem Arzt, der dabei ist ein wichtiges Heilverfahren zu entwickeln oder bei einem Politiker, der Frieden in einem Unruheherd bewirkt. Ein weniger schlimmes Ereignis könnte der Tod von fünf dementen Alten oder schwachsinnigen kleinen Kindern sein. Ist das der Fall, so müsste man den jeweils Einzelnen retten, ist es doch moralisch geboten, das Schlimmste zu verhindern.[5]

Er unterstellt seinen Dialogpartnern, dass diese es für unmoralisch aber dennoch entschuldbar halten würden, wenn jemand die eine Person rettet, weil er mit dieser befreundet ist. Damit seien ihre Ansichten widersprüchlich. Dem möglichen Einwand, bei diesem Beispiel handele es sich um einen der ausgeschlossenen Fälle, wendet er ein, dass dies nicht der Fall sein kann, da sich die zuvor ausgeschlossenen Fälle allein auf Umstände beziehen, die den Tod der einzelnen Person tatsächlich schlimmer machen. Die zufällige Bekanntschaft und Zuneigung könne aber den Tod von David nicht tatsächlich schlimmer machen. Somit bleiben ihre Ansichten widersprüchlich.[6]

[...]


[1] Taurek, John M: „Zählt die Anzahl“, in: Lübbe, Weyma (Hg.), Tödliche Entscheidung. Allokation von Leben und Tod in Zwangslagen, Paderborn 2004, S. 122 - 143.

[2] In trade-off-Situationen „(…) müssen wir uns entscheiden zwischen der Möglichkeit, bestimmten Menschen Gutes zu tun oder zu verhindern, dass ihnen ein Übel zustößt, und der Möglichkeit, bestimmten anderen Menschen Gutes zu tun oder zu verhindern, dass ihnen ein Übel zustößt. Wir können nicht beides tun.“ Ebd.: S. 124.

[3] Im Allgemeinen wird in der Ethik zwischen folgenorientierten und nicht-folgenorientierten Ansätzen unterschieden. Ein prominentes Beispiel für eine folgenorientierte Ethik ist der Utilitarismus, wohingegen für die kantianische Ethik die Konsequenzen einer Handlung bei der moralischen Bewertung keinerlei Rolle spielen. Generell unterstützen eher die folgenorientierten Ansätze die Annahme, dass die Anzahl ein moralisches Kriterium ist.

[4] Vgl., Taurek 2004, S. 125/ 126.

[5] Vgl.,Taurek 2004, S. 125/ 126.

[6] Vgl., ebd.: S. 126.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640276684
ISBN (Buch)
9783640277582
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122597
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Ethik Parfit Taurek Rakowski Harris Dilemma trade-off-Situation trade-off Anzahl Entscheidung Rawls

Autor

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