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Gewalt in den Medien. Zur Wirkungsforschung der Mediengewalt

Hausarbeit 2000 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Gliederung

I. Definition des Gewaltbegriffes

II. Zur Faszination von Gewalt

III. Gewaltdarstellungen in den Massenmedien von heute
III.1 Fernsehen
III.2 Horror-Filme
III.3 Zeichentrick
III.4 Computerspiele
III.5 Internet
III.6 Zusammenfassende Beurteilung

IV. Wirkungsforschung der Mediengewalt
IV.1 Wirkungsforschungsgeschichte
IV.2 Katharsisthese
IV.3 Inhibitionsthese
IV.4 Stimulationsthese
IV.5 Habitualisierungsthese
IV.6 These von der Wirkungslosigkeit der Medien

V. Medienpädagogische und rechtliche Maßnahmen
V.1 Gesetzgebung
V.2 Medienpädagogik

VI. Literaturangaben

I. Definition des Gewaltbegriffes

Um über Gewalt in den Medien zu sprechen, ist es vorab erforderlich den Gewaltbegriff zu definieren. Dabei gehen wir von zwei Fragen aus:

1. Welcher Typus von Gewalt wird in den Medien dargestellt?
2. Mit welchem Typus von Gewalt hat sich die Medienwirkungsforschung in ihren Untersuchungen befaßt?

In erster Linie handelt es sich bei der in den Medien gezeigten um personale Gewalt. Unter dieser wird die beabsichtigte physische und/ oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person verstanden.

Außerdem muß zwischen realer und fiktiver Gewaltdarstellung unterschieden werden. Während bei der Darstellung realer Gewalt tatsächlich physisch und psychisch schädigende Verhaltensweisen präsentiert werden, ist dies bei der fiktiven Gewaltdarstellung nicht der Fall, Gewalt wird hierbei nur "vorgespielt", entsprechende Verhaltensweisen imitiert.

Weiterhin gibt es sowohl künstliche wie auch natürliche Darstellungen von Gewalt. Unter der ersten wird die lebensechte Präsentation , zum Beispiel mit Schauspielern, unter der zweiten die artifizielle Präsentation, zum Beispiel im Zeichentrickfilm, verstanden.

Die bisher durchgeführten Inhaltsanalysen und Studien zur Untersuchung der Auswirkungen von Mediengewalt haben sich zumeist mit dem Typus natürlicher, fiktiver Gewalt befaßt. Die Darstellung anderer Gewalt und deren Wirkung sind in der Forschung bislang demgegenüber vergleichsweise vernachlässigt worden.

Gewaltdarstellungen findet man in jedem Massenmedium der heutigen Zeit, im Fernsehen, Film, Radio, in den Printmedien und auch im Internet. Da sich die Medienwirkungsforschung am intensivsten mit Gewalt in Film und Fernsehen beschäftigt hat, können nur wenig Aussagen über die anderen Medien gemacht werden.

II. Zur Faszination von Gewalt

Auf der einen Seite wird Gewalt, nicht nur in den Medien, gesellschaftlich abgelehnt und als etwas Negatives empfunden. Hieraus begründet sich auch die Forderung nach gewaltfreien Medien. Auf der anderen Seite übt Gewalt eine Faszination auf Menschen aus. Die Horrorfilm-Produktion erlebte grade in den letzten Jahren durch Produktionen wie Scream einen neuen Aufschwung.

Woran liegt es nun, daß wir gewaltfreie Medien fordern und gleichzeitig Freude am Gewaltkonsum haben?

Der Mensch ist genetisch mit Aggression verbunden. In Tierexperimenten wurden sogar extrem aggressive und extrem zahme Mäuserassen gezüchtet. Das Gen für Aggression ist jedem Lebewesen angeboren und kann sich unterschiedlich stark auf das Verhalten auswirken.

In vielen Epochen der Menschheitsgeschichte gehörten gewalttätige Handlungen zum Leben dazu wie Essen und Trinken.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen der Hellenen mit anderen Völkern führte im antiken Griechenland zum Entstehen eines Gruppenbewußtseins, jenseits der bloßen Bindung an die Familie, und zum Erwachen einer kollektiven Identität. "Der Sieg vereinheitlicht die Unterlegenen als verabscheuungswürdige Feinde und die Sieger als ruhmreiches Staatsvolk."[1] Hier wurde eine Rechtskultur der Stärkeren auf Unterwerfung und Unterdrückung der Unterlegenen gegründet. Erst mit der Einführung demokratischer Elemente in die Politik verminderte sich in der griechischen Antike der Bedarf an Gewaltverherrlichung wie in Homers "Odyssee". Das Menschen- wird durch das Tieropfer, die reale Gewalttat durch deren Vor- und Nachspielen auf der Bühne der klassischen Tragödie ersetzt. Die Didaktik der griechischen Dramen ist den mittelalterlichen Marienbüchern und Fastnachtsspielen nicht unähnlich. "Sie dient der Einbürgerung der Helden, der Veteranen siegreicher Schlachten in die Friedenspolitik der Polis und dem behutsamen Abbau der Glorifizierung von Gewalt"[2]

In der römischen Massengesellschaft spielt sowohl Gewalt wie auch ihre Darstellung in den Spielen des Circus Maximus eine andere Rolle. Es geht um den mühsamen und riskanten Erhalt der öffentlichen Ordnung durch Vorführung extremster Brutalität im Wagenrennen, im Gladiatorenkampf und in den Tier- und Menschenjagden. "Befriedigung durch Befriedigung der Gewalttätigkeit."[3] Der gesellschaftliche Hintergrund dieser Art der Codierung von Gewalt, die keine Ästhetisierung mehr ist, sondern eine Realinszenierung, ist in dem Übermaß an Gewalttätigkeit zu suchen, das die Fundamente des imperialen Rom ausmacht: die halbe Welt in Kriegen und Eroberungsfeldzügen dem Imperium unterworfen, ganze Völkerschaften versklavt und immer wieder politischer Mord an Kaisern. Je größer das Ausmaß an gezeigter Grausamkeit, desto mehr wurde den Bürgern die Macht des jeweiligen Veranstalters demonstriert.

In den patriarchalischen und feudalen Gesellschaften der frühmittelalterlichen Kultur gehörte, je nach Bevölkerungsschicht, Gewalttätigkeit gegenüber Angreifern, Fremden, Wegelagerern, Frauen, Kindern und Gesinde zu den tragenden Prinzipien der gesellschaftlichen Existenz und zu den Erfordernissen des täglichen Lebens und Überlebens.

In der Hochblüte des Mittelalters begann aber jene Ressource knapp zu werden, die die Grundlage der Macht und der Subsistenz der mittelalterlichen Oberschicht ausmachte, der Besitz an Grund und Boden. Es wird für die Krieger immer schwerer, neuen Boden hinzuzugewinnen und ihren Besitztum zu vergrößern. Aus diesem Grund versteifen sich die Standesunterschiede zwischen den Kriegern. Weniger Mächtige müssen sich zunehemend unter den Schutz eines Größeren begeben. Auf diese Weise entstehen differenzierte Verhältnisse von Unter- und Überordnung. "Ein zunehmend mehrschichtiges, aus Menschen mit abgestuften Rechten und Pflichten bestehendes Kollektiv, eine immer kompliziertere, auf Basis längerer, verzweigter sozialer und ökonomischer Vorgänge aufbauende Organisation des gesellschaftlichen Lebens verträgt jenes hohe Maß direkten Zugriffs nicht mehr, das die frühe mittelalterliche Kriegergesellschaft kennzeichnet. Die angestammte Gewalttätigkeit und Gewalthaltigkeit muß in der wachsend interpedenten Gesellschaft zunehmend verhindert werden."[4] Persönliche wie soziale Konflikte durften nicht weiter im offenen Kampf oder durch gewaltsamen Zugriff entschieden werden, sondern ausschließlich über die Vermittlung zentraler Instanzen, der Grundherren, der regionalen Herrschaft und letztlich des Königs. Das Verhalten von immer mehr Menschen mußte aufeinander abgestimmt sein, damit die einzelne Handlung ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt. Die ursprünglich körperlichen Antreibe der Menschen wurden durch die gesellschaftliche Etablierung individueller psychischer Kontrollinstanzen unterdrückt.

Im Zuge einer immer stärkeren Zentralisierung der ökonomischen und politischen Strukturen wurde die private Gewalttätigkeit immer stärker eingeschränkt und die Erlaubnis zur Gewaltausübung bei den staatlichen Organen monopolisiert. Diese Monopolisierung darf aber nicht als Verschwinden der Gewalt gedeutet werden. Vielmehr ist davon auszugehen, daß die Gewalttätigkeit nicht verringert, sondern lediglich verlagert wurde. "Durch die Überschreibung der Berechtigung zur Gewalttätigkeit vom selbstherrlichen Einzelnen auf den nicht weniger selbstherrlichen Staat haben unsere Gesellschaften die Chance versäumt, über geduldige Didaktiken der Entwöhnung und des langsamen Erlernens friedfertiger Umgangsformen die Menschen zum geforderten Gewaltverzicht überhaupt erst zu befähigen."[5]

Die Unterdrückung der unmittelbaren, körperlichen Gewaltimpulse brachte einen bis dahin nicht gekannten Schub an Angst- und Gewaltphantasien hervor. Die Gewalt gelangte in das als Sinnesorgan immer wichtiger werdende Auge und erzeugte eine Flut innerer und äußerer Bilder des Grauens. Im 14. Jahrhundert ist die Grundform dessen, was wir an medialer Gewaltdarstellung vorfinden, bereits vorhanden. "Wir stehen am Anfang eines bis in unsere Tage andauernden Prozesses der gesellschaftlichen Kontrolle und Kanalisierung von Gewalt, der zugleich ihrer Aufrechterhaltung in der gesellschaftlich gewünschten Form dient."[6]

Die historische Dimension der Thematik der Mediengewalt ist erst in den Anfängen aufgearbeitet, doch die Tradition der Gewaltdarstellungen reicht weit zurück. Horrorgeschichten wurden bereits in prähistorischen Zeiten erzählt. Es existieren Höhlenmalereien, die Monsterwesen zeigen. Der ägyptische Gott Osiris wurde auf Anweisung seiner Mutter in Stücke gehauen. Auch die griechische Götter- und Sagenwelt beziehungsweise die Literatur des antiken Griechenlands war voller Grausamkeit. Die Fresken der Maler des 14. und 15. Jahrhunderts zeigen blutigste Grausamkeit und Brutalität. Sie unterscheiden sich von den Horrorvideos unserer Tage nur durch die Technik der Darstellung. "Gewaltdarstellungen stellen also kein Spezifikum der Gegenwart dar und sind schon gar nicht auf das Fernsehen beschränkt."[7]

Heute ist Gewalt ein Dauerthema im Interessenclinch zwischen Politik, Kommerz und Wirtschaft. Die Medien berichten von einem unaufhaltsamen Anstieg der Kriminalitätsraten. daraus kann schnell die Schlußfolgerung gezogen werden, daß sich die allgemeine Einstellung gegenüber Gewalt ändert: Gewalt werde zunehmend enttabuisiert. Umfragen bestätigen, daß immer mehr Erwachsene glauben, viele Konflikte seien nur noch mit Gewalt zu lösen. "Grassiert eine Art Entzivilisierung, eine Regression menschlicher Evolution und abendländischer Rationalität oder vollzieht sich nur eine Angleichung an amerikanische Verhältnisse, eine Infiltration und Eruption der sogenannten Dritten Welt im Innern der bislang satten und geordneten Weltstaaten? Kommt die menschliche Natur, der Wolf, wider zu seinen ureigenen Instinkten, weil die Reviere und Futterplätze knapper werden oder weil ihm -angesichts des vielbeschworenen Werteverfalls und der verlorenen emotionalen und sozialen Bindungen – immer weniger Grenzen und Verpflichtungen auferlegt werden?"[8] Hier wuchern und überbieten sich die simplen Rechtfertigungen oder die vorgeblich eindeutigen Schuldzuweisungen, die vermeintlichen Evidenzbehauptungen und ein alles übertreffender Aktivismus.

Neu an der gegenwärtigen Debatte ist vor allem ihr gestiegenes und weiter steigendes Potential an Eigendynamik und Selbstbezüglichkeit, die zweifelsohne auch politische Implikationen hat. Eindeutig zu belegen ist ein Anstieg der Gewaltwahrnehmung und –besorgnis. Doch eindeutige Gründe sind dafür nicht zweifelsfrei zu identifiziern. Die Kriminalitätsraten sind im internationalen Vergleich in Deutschland niedrig und in den 90er Jahren nur geringfügig im Bereich der Bagatelldelikte angestiegen.

Relativierende oder beruhigende Daten zum Thema Gewalt werden jedoch weniger beachtet als die dramatischen, aufrührenden. "Offenbar beurteilen sich die Generationen eher von ihren auffallenden, möglichst negativen Extremen her als von ihren Normalitäten, wozu inzwischen die Medien mit ihren Maximen von Aufmerksamkeitslenkung und Wirklichkeitsformierung erheblich beitragen."[9]

Die Hauptfrage aller neuen Untersuchungen lautet daher, welchen Anteil die Massenmedien zur wachsenden Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft beitragen. Die Ergebnisse dieser Studien haben allerdings keine neuen Erkenntnisse gezeigt. "Das Wesentliche über die Wirkung von Gewaltdarstellungen haben schon die älteren Studien erbracht."[10]

In erster Linie ist also das Thema Mediengewalt und soziale Gewalttätigkeit ein medien- und interessenpolitischer Spielball des beginnenden 21. Jahrhunderts.

III. Gewaltdarstellungen in den Massenmedien von heute

Mit der Einführung der Massenmedien richtete sich das Interesse von Wissenschaftlern, Politikern und Verbänden vor allem auf die audiovisuelle Darstellung von Gewalt (Kino, Fernsehen, Video). Immer häufiger wird das Fernsehen in diesem Zusammenhang sowohl für allgemeine Entwicklungen wie Gewaltzunahme als auch für Gewaltakte einzelner zur Verantwortung gezogen. Ebenso rückt die Rolle im Rahmen der Berichterstattung über reale Gewalt in den Blickpunkt. Angesichts von Ereignissen wie dem Geiseldrama von Gladbek oder dem Golfkrieg wurde vor allem dem Fernsehen vorgeworfen, durch die Art und Weise der Berichterstattung zu einer Inszenierung von Gewalt beizutragen, die den Zuschauer nicht mehr informiert, sondern nur noch vordergründige Sensationsbedürfnisse befriedigt.

In der Medienberichterstattung sind Gewalt und Verbrechen ständig präsent. Negative Ereignisse besitzen nach Aussagen von Journalisten und Forschungsergebnissen (z.B. Galtung und Ruge 1965 einen sehr hohen Nachrichtenwert. Das heißt, daß sie ein hohes Interesse beim Rezipienten erzeugen. Dafür gibt es vier Erklärungsmöglichkeiten:

1. Negative Ereignisse entsprechen besser dem Frequenz- Kriterium[11] als positive Ereignisse, die in der Regel viel Zeit brauchen, um sich aufzubauen.
2. Negative Ereignisse sind eindeutig. Je klarer und deutlicher eine Nachricht, desto berichtenswerter ist sie. Über die Interpretation eines Ereignisses als Negativ besteht hohes Konsens.
3. Negative Ereignisse sind konsonant[12], das heißt entsprechen der bei vielen Menschen vorherrschenden Weltansicht.
4. Negative Ereignisse treten im Verhältnis zu positiven zumeist unerwartet und plötzlich ein. Je seltener ein Ereignis ist, desto größer ist die Chance, daß es zu einer Nachricht wird.

(Michael Kunczik, 1997, Seite217)

[...]


[1] Rathmeyer,"Die Rückkehr der Gewalt", Seite 48

[2] ebd., Seite 53

[3] Rathmeyer, "Die Rückkehr zur Gewalt", Seite 53

[4] Rathmayr, "Die Rückkehr der Gewalt"., Seite 41

[5] ebd., Seite 45

[6] Michael Kunczik, "Gewalt und Medien", 1997, Seite 3

[7] Michael Kunczik, "Gewalt und Medien", 1997, Seite 5

[8] M. Friedrichsen, G.Vowe (Hrsg), "Gewaltdarstellungen in den Medien",1995, Seite 70

[9] ebd., Seite78

[10] Michael Kunczik, "Gewalt und Medien", 1997, Vorwort

[11] Zeitspanne, die ein Ereignis zu seiner Entfaltung benötigt

[12] entsprechen den Erwartungen der Zuschauer

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783668711075
ISBN (Buch)
9783668711082
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122582
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
gewalt medien wirkungsforschung mediengewalt

Autor

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Titel: Gewalt in den Medien. Zur Wirkungsforschung der Mediengewalt