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Die Rolle der Umwelt beim Spracherwerb

Hausarbeit 2004 22 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Spracherwerbstheorien
2.1 Nativismus
2.2 Kognitivismus
2.3 Interaktionismus

3. Präverbale Kommunikation
3.1 Umwelt und Kind als System
3.2 Erwerb kommunikativer Grundqualifikationen
3.3 Die an das Baby gerichtete Sprache (BGS)

4. Die an das Kind gerichtete Sprache (KGS)
4.1 Die Merkmale und die Funktion von KGS
4.2 Wirkung von KGS
4.3 Lehrstrategien

5. Gesprächsuntersuchung

6. Resümee

Literaturverzeichnis

Oma - Florian - Dialog

1. Einleitung

Sprache stellt ein komplexes Phänomen dar, denn menschliche Sprache ist vielschichtig, international, ein Machtinstrument, das Ausdrucksmittel schlechthin. Sprache ist Geist, und Sprache kann sowohl Brücken zwischen Menschen herstellen als auch Komplikationen schaffen, da vor allem jedes Abstraktum einen Bedeutungsüberhang aufweist und so verschiedene Individuen Wörter semantisch unterschiedlich besetzen. Wenn man dieses Mittel beherrscht, kann man seine Meinung versprachlichen, diese argumentativ vertreten und andere davon überzeugen oder zumindest seinen eigenen Gedankengang verständlich machen. Der Spracherwerb als Forschungsgegenstand zählt seit jeher zu den Feldern, die in der Geschichte ihren Platz finden (z.B. Isolationsexperimente). Man fragte sich z.B., ob es eine Ursprache gibt und wie man überhaupt Sprache erwirbt.

Diese Hausarbeit macht es sich zur Aufgabe, die Rolle der Umwelt beim Spracherwerb näher zu durchleuchten und anhand eines Fallbeispiels, bei dem es sich um einen spontanen Dialog zwischen einer Großmutter und ihrem Enkelsohn handelt, die Thesen der wissenschaftlichen Theorien zu untersuchen.

Zunächst werde ich die drei vorherrschenden Spracherwerbstheorien erläutern, wobei ich mich vor allem dem Interaktionismus widme, der die Verhaltensweisen der Umwelt als relevant für den Spracherwerb erachtet. Er geht auch von einer präverbalen Kommunikation aus, die prägend auf das Neugeborene wirkt. Heutzutage tendiert man dazu, sowohl angeborene als auch erlernte Sprachkompetenzen für den Spracherwerb heranzuziehen.

Im anschließenden Kapitel werde ich die präverbale Kommunikation behandeln sowie deren Rolle in Relation zur späteren Sprache. Es ist zum Beispiel bekannt, dass in der japanischen Kultur, in der das Leistungsprinzip greift, Mütter ihren Nachwuchs schon vor der Geburt mit klassischer Musik oder mit Fremdsprachen konfrontieren, um die Inteligenz der Ungeborenen und deren Fähigkeiten zu fördern.

Schließlich wende ich mich der Frage nach dem Einfluss der Sprache der Erwachsenen auf die Sprachentwicklung der Neugeborenen zu; diese wird auch bezeichnet als motherese, Ammensprache, child-directed-speech.

Abschließend werde ich den schon erwähnten spontanen Dialog nach den Merkmalen der an das Kind gerichteten Sprache untersuchen und die Wirkung dieser Äußerungen auf das Verhalten des Kindes in den Blick nehmen.

2. Spracherwerbstheorien

Ein Kind erwirbt bis zum sechsten Lebensjahr die Grammatik seiner Muttersprache ohne offensichtliche Anstrengung und wendet sie völlig automatisch an. Ebenfalls ist die bemerkenswerte Fähigkeit zu erwähnen, dass ein Kind schon nach solch kurzer Zeit in der Lage ist, aktiv an Dialogen teilzunehmen, seine Gefühle und Meinungen in der Muttersprache zu verbalisieren.

Wie ist dies möglich? Ich möchte hier die drei wichtigsten Spracherwerbstheorien ansprechen, die sich mit dieser Frage auseinander gesetzt haben. Allerdings muss man hinzufügen, dass die Theorien, wie Kinder in die Sprache wachsen, unbewiesen sind, da diese nicht beweisbar sind.

2.1 Nativismus

Der Nativismus spricht von einer angeborenen Sprachkompetenz des Menschen, von einer genetisch angelegten Prädisposition, die den Spracherwerb ermöglicht.

Der Input, d.h. diejenige Sprache, welche im sozialen Umfeld des Kindes verwendet wird, könne dem Neugeborenen niemals das komplexe Regelsystem einer Sprache vermitteln aufgrund des unvollständigen und fehlerhaften Sprachangebots auf Seiten der Umwelt. Performanz, also die aktuelle Rede, könne nicht die Kompetenz, das vollständige sprachliche Kenntnissystem, vermitteln.

Als Hauptvertreter dieser Richtung ist Noam Chomsky zu nennen, der zwei Modelle bezogen auf diese Vorbedingungen entwickelt hat. Das Language-Aquisition-Device-Modell (LAD-Modell) schreibt der menschlichen Spezies die angeborene Fähigkeit zu, mit Sprache umzugehen. Nach Chomsky besitzt jedes Kind von Geburt an ein universelles Wissen um Grammatik, da es jede der ca. 4000 Sprachen der Welt erlernen kann. Die Inputsprache ermöglicht ihm lediglich, herauszufinden, welche spezifischen Charakteristika die Muttersprache ausmachen. Kinder erwerben also Sprache nach einem biologischen Plan. Als Prädisposition bezeichnet Chomsky u.a. die Fähigkeit zur Hypothesenbildung und zur Hypothesenbewertung. Kinder entwickeln demnach Annahmen über die sprachlichen Strukturen, welche im Input enthalten sind und verifizieren oder falsifizieren ihre Hypothesen[1]. Chomsky entwickelte das LAD-Modell zum Prinzipien-und-Parameter-Modell (P&P-Modell) weiter; er postulierte eine Universalgrammatik im Erbgut jedes Kindes, welche allgemeine Prinzipien und einzelsprachspezifische Parameter enthalte. Das Kind müsse nur noch die Parameter seiner Sprache identifizieren[2] und könne so den Typus der Sprache erkennen. Die Universalgrammatik ermögliche jede Sprache zuverlässig zu erlernen. In diesem Modell fällt das Hypothesenbildungs- und Hypothesenbewertungsverfahren weg; das Kind verfügt über ein abstraktes angeborenes und grammatisches Wissen und benötigt nur die Entdeckung derjenigen Parameter in seiner Umgebungssprache. Die Umwelt eines Kindes wird offensichtlich nur eine geringe Relevanz zugeschrieben.

2.2 Kognitivismus

Der Begriff Kognition bezieht sich auf geistige Prozesse wie das Wahrnehmen, Denken, Problemlösen. Dieses Erklärungsmodell betont im Gegensatz zum Behaviorismus die informationsverarbeitenden Prozesse im Menschen, der als aktives Wesen begriffen wird. Wir reagieren nicht auf die objektive Welt, sondern schaffen uns ein Konzept über die Welt, wie sie uns subjektiv erscheint und reagieren auf diese.[3]

Hier wird Sprachentwicklung als eingebettet in die kognitive Entwicklung beim Kind gesehen, d.h. der Sprache wird Autonomiecharakter abgesprochen, und sie wird nicht isoliert betrachtet. Dieses Modell geht ebenfalls von einer genetischen Disposition aus, was die Reifung der Kognition betrifft und somit auch einer biologischen angelegten Sprachentwicklung. Man wehrt sich allerdings gegen die Annahme von speziell auf Sprache angelegten Gene.[4]

Abschließend möchte ich auf die Arbeiten des Entwicklungspsychologen Jean Piaget verweisen, dessen Forschungen einen großen Beitrag zum Kognitivismus geleistet haben. Er betrachtet die kognitive Entwicklung als Ergebnis des ständigen Wechselspiels von Assimilation (neue Gegebenheiten werden an vorhandene Denkschemata angeglichen) und Akkomodation (die Denkschemata werden aufgrund neuer Informationen modifiziert).

Nach Piaget existieren vier Entwicklungsstufen, die jedes Kind in der gleichen Reihenfolge durchläuft, wobei aber die Schnelligkeit variiert. Dies sind die Stufen der Sensomotorik im Säuglingsalter, de Stufe des präoperationalen Denkens während der Kindergartenzeit, die Stufe der konkreten Denkoperationen im Grundschulalter und abschließend die Stufe der formalen Denkoperationen, welche mit ca. 12 Jahren erreicht wird.[5] Ich möchte auf diese Einteilung nicht weiter eingehen.

Für Piaget besteht die Besonderheit der Sprache darin, dass das Denken, welches dem Sprechen verausgeht, kommunikativ umgestaltet wird. Für das Kind bedeutet dies, dass die Sprache Hilfestellung gibt, um sich der Umwelt mitzuteilen und mit anderen in Kontakt zu treten. Piaget betont die soziale Komponente der Sprache.[6]

2.3 Interaktionismus

Interaktionistische Modelle rücken die soziale Umgebung eines Neugeborenen in den Vordergrund und verweisen auf deren Relevanz bei der Sprachentwicklung. Die gegenseitige sprachliche Einflussnahme von Bezugsperson und Kind wird als System verstanden, so wie eine Prädisposition auf beiden Seiten angenommen wird. Man geht davon aus, dass Neugeborene bestimmte Fähigkeiten besitzen, welche bei den Betreuerpersonen Responsetendenzen bewirken.[7] Eine gewisse genetische Vorbestimmung wird also angenommen, jedoch ermögliche das Kind-Umwelt-System neue Verhaltensweisen beim Kind. L.S. Wygotski spricht von der „Zone der nächsten Entwicklung“, womit er sich auf die Sprachkomplexität der Eltern bezieht: sie passten sich sprachlich an den Entwicklungsstand ihres Kindes an, seien ihm jedoch unbewusst immer etwas voraus, um das Neugeborene zu fördern und um ihm ein Sprachangebot zu offerieren.

Klann-Delius beschreibt die Kompetenzen der Neugeborenen sowie der Bezugspersonen folgendermaßen:[8]

Bzgl. der Wahrnehmung ist erwähnenswert, dass Säuglinge mit ihrem Blick einem Objekt folgen können, indem sie ihren Kopf bewegen. Der optimale Abstand, der es dem Neugeborenen erlaubt, scharf zu sehen, beträgt ca. 20 cm. Weiterhin können Neugeborene verschiedene Sinnesmodalitäten zueinander in Beziehung setzen, miteinander korrelieren. Diese Fähigkeit ermöglicht ihnen, die Mimik von Erwachsenen zu imitieren. Eine andere Leistung zeigt sich darin, dass Säuglinge die Bewegungen des Mundes mit den passenden Lauten in Beziehung setzen können und darüber hinaus Erwartungen diesbezüglich entwickeln. Ebenfalls liegt eine Präferenz für das menschliche Gesicht wegen seiner Form und Größe vor. Eine Vorliebe besteht auch für die „an das Kind gerichtete Sprache“ (KGS), auf welche ich in einem späteren Kapitel detaillierter eingehen werde.

Babys können zwei Ereignisse in Beziehung setzen, sobald diese zeitlich kontingent auftreten. Diese Erkenntnis bewirkt, dass Neugeborene ihr eigenes Verhalten intentional zu gebrauchen lernen.

Das Verhalten der Bezugspersonen scheint in allen Punkten den Bedürfnissen der Säuglinge zu entsprechen: es wird versucht, die Aufmerksamkeit des Kindes zu erlangen, mit ihm Blickkontakt herzustellen. Dabei bewegen die Eltern ihr Gesicht in einer optimalen Entfernung von ca. 20 cm. Weiterhin übertreiben sie ihre Mimik und beschränken diese auf markante Ausdrucksweisen. Vokalisationen der Säuglinge rufen positive Emotionen hervor, so dass die Umgebung diese interpretiert und die Kinder in Protodialoge einbindet und es zu einer sprachlichen Zuwendung kommt.

Als letztes ist die besondere Sprachweise zu erwähnen, die der Vorbereitung auf Dialoge dient. Auch hierbei passen sich die Eltern an die Fähigkeiten der Neugeborenen an, weshalb man „in diesen unbewusst ablaufenden Verhaltensweisen von Erwachsenen eine biologisch verankerte Pflege- und Schutzbereitschaft gegenüber dem noch unreifen Neugeborenen [sehen kann]“[9].

3. Präverbale Kommunikation

3.1 Umwelt und Kind als System

Wurde lange Zeit das erste intentional gebrauchte Wort eines Kindes als Beginn des Spracherwerbs betrachtet, so beginnt die Sprachentwicklung nach Mechthild Papousek schon mit der präverbalen oder vorsprachlichen Kommunikation, der Zeitspanne vom ersten Schrei zum ersten Wort, und sie betont deren wegbereitende Bedeutung für die Sprachentwicklung.

[...]


[1] Klann-Delius, 1999, S. 51

[2] ebenda S. 52

[3] Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 13

[4] Zimmer, 1994, S. 69

[5] Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 10ff

[6] Klann-Delius, 1999, S. 94

[7] ebenda S. 137

[8] Klann-Delius, 1999, S. 138ff

[9] ebenda S. 146

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640278879
ISBN (Buch)
9783640282852
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v122532
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Rolle Umwelt Spracherwerb Sprache Sprachwissenschaft Sprachdidaktik

Autor

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Titel: Die Rolle der Umwelt beim Spracherwerb